Bilder – Texte – Bilder

 

Ich dachte, ich müsste mal wieder über Malerei schreiben. Der Post über ➱Ferdinand von Rayski war bei den Lesern leider ein Flop. Dabei habe ich im Augenblick so viele Leser wie nie zuvor. Ganz viele davon kommen aus Frankreich, da kann ich nur merci mesdames et monsieurs sagen. Aber Leser hin und her, der Post Ferdinand von Rayski wird nicht gelesen. Da serviere ich Ihnen als amuse gueule doch mal eben drei Bestseller aus meinem Blog. Was sie verbindet, ist die Tatsache, dass alle drei dort erwähnten Maler am 23. November gestorben sind. Und dass man ihre Hauptwerke in London sehen kann. Dafür haben die englischen Gentlemen auf ihrer ➱Grand Tour im 18. Jahrhundert schon gesorgt, dass sie alle wichtigen Kunstwerke mit nach England schleppten. Dieses Bild von Agnolo di Cosimo (den seine Zeitgenossen Bronzino nannten) findet sich in dem Post ➱Aktmalerei, der unglaubliche Leserzahlen erreicht hat. Das Bild heißt Venus, Cupid, Folly and Time. Es hängt in der National Gallery und ist das wohl wichtigste Bild von Bronzino, der am 23. November 1572 starb. Dies hier ist ein Ausschnitt, das Bild kommt gleich noch einmal in voller Nackheit.

In der National Gallery in London hängt auch dies Bild von dem Maler Claude Lorrain, der am 23. November 1682 starb. Der französische Maler, der als Pastetenbäcker begann (und von ➱Adam Elsheimer beeinflußt wurde), ist in meinem Blog ein ständiger Gast. Ich liste die wichtigsten Posts einmal unten auf. Es gibt außer dem Todestag und der National Gallery noch eine Verbindung zwischen Bronzino und Claude: beide tauchen in dem Roman A Dance to the Music of Time von Anthony Powell auf. Der englische Schriftsteller hat ➱hier einen langen Post. Glücklicherweise ist das ein Post, der tausende von Lesern gefunden hat.

In dem Roman Casanova’s Chinese Restaurant (dem fünften Band von Powells Roman) heißt es: Moreland, like myself, was then in his early twenties. He was formed physically in a ‘musical’ mold, classical in type, with a massive, Beethoven-shaped head, high forehead, temples swelling outwards, eyes and nose somehow bunched together in a way to make him glare at times like a High Court judge about to pass sentence. On the other hand, his short, dark, curly hair recalled a dissipated cherub, a less aggressive, more intellectual version of Folly in Bronzino’s picture, rubicund and mischievous, as he threatens with a fusillade of rose petals the embrace of Venus and Cupid, while Time in the background, whiskered like the Emperor Franz-Josef, looms behind a blue curtain as if evasively vacating the bathroom.

Romanautoren schreiben manchmal Bilder in ihren Text: poema pictura loquens, wusste schon Plutarch. Fontane schreibt zum Beispiel ➱Franz Skarbina in einen Roman, aber erstaunlicherweise nicht ➱Carl Blechen, über den er ein Buch schreiben will. Glücklicherweise gab es zu dem Thema ➱Fontane und die bildende Kunst einmal eine Ausstellung mit einem schönen Katalog. Joseph Conrad hat seine ➱Ästhetik als Romanautor in dem berühmten Satz My task which I am trying to achieve is, by the power of the written word to make you hear, to make you feel — it is, before all, to make you see formuliert. Und viele Beschreibungen in seinen Romanen sind ja der reine Impressionismus in Prosa. Wahrscheinlich hat Joseph Conrad den Amerikaner ➱Steven Crane deshalb bewundert, weil dem genau dieses to make you see gelang.

Anthony Powell schreibt ständig Bilder in seine Romane hinein. Wenn Jenkins (der Erzähler von A Dance to the Music of Time) seinen Freund Peter Templer zu der Villa seiner Eltern begleitet, erscheint ihm die als a sea-palace for a version of one of those embarkation scenes of Claude Lorraine– the Queen of Sheba, St. Ursula, or perhaps The Enchanted Castle. Gleich drei Bilder werden hier genannt, das Enchanted Castle von Lorrain, das Keats zu seiner Ode to a Nightingale anregte, habe ich hier abgebildet (die Abreise der Königin von Saba, eines der ersten Bilder im Besitz der National Gallery, war schon im zweiten Absatz zu sehen).

Man ist ja glücklich, wenn sich ein Kenner daran macht, alle Anspielungen eines Autors auf Bilder im Roman (und ein Bild von ➱Poussin hat ➱A Dance to the Music of Time ja schon im Titel) zu erklären. Eric Karpeles hat das für ➱Proust mit ➱Paintings in Proust: A Visual Companion to ‚In Search of Lost Time‘ getan. Dafür sind ihm viele Proust Leser dankbar, dass man etwas über die Bilder (und nicht nur die Sache mit der petit pan de mure jaune auf dem Bild von ➱Vermeer) erfährt. Für den 12-teiligen Roman von Powell hat seine Gattin Lady Violet Powell das schöne Album of Anthony Powell’s Dance to the Music of Time vorgelegt. Aber im Internet gibt es jetzt noch mehr. Nämlich diese hervorragende Seite bei WordPress, die ➱picturesinpowell heißt. Und da finden wir viel zu ➱Bronzino und zu ➱Claude Lorrain. Es sind Seiten wie diese, die einen mit dem Internet, das sonst häufig ja nur eine elektronische Müllhalde ist, versöhnen.

Für deutsche Leser, die sich jahrelang mit den wenigen bei Ehrenwirth erschienenen Bänden von Powell begnügen mussten, gibt es eine frohe Botschaft. Der Berliner Elfenbein Verlag hat es unternommen, eine ➱Gesamtausgabe in der Übersetzung von Dr Heinz Feldmann herauszubringen. Feldmann ist ein Übersetzer, über den Anthony Powell in seinem Tagebuch vermerkte: I am lucky to have him as a translator. Sieben Bände sind schon erschienen. Ich gebe mal ein Pröbchen – und Sie holen sich vorher mal eben einen Tee. Am besten Lapsang Souchong, der kommt auch bei Powell vor: Die endlos langen, trostlosen Sonntagnachmittage in der Universitätsstadt wurden etwas erträglicher, wenn man Sillerys Teegesellschaften besuchte, wo jeder nach halb vier hereinschauen konnte. Das Wirken eines mathematischen Gesetzes der Serie regulierte die Zahl der Anwesenden bei diesen Zusammenkünften immer auf zwischen vier und acht Personen — die meisten von ihnen Studenten, aber gelegentlich befand sich auch ein Dozent unter ihnen. Ich wurde etwa Mitte meines ersten Trimesters durch Short, einen sanften Studenten in seinem zweiten Jahr, der zu Sillerys College gehörte und sich für Politik interessierte, in sie eingeführt.

Short erklärte mir, dass Sillerys Gesellschaften seit Jahren eine fest etablierte Rolle in dem Leben der Universität spielten und dass die Trockenheit des Gebäcks, das ein äußerst wichtiges Element dieser Nachmittagspartys bildete, zu einem so abgedroschenen Thema akademischen Humors geworden sei, dass selbst Sillery manchmal auf die anhaltend ungenießbare Qualität dieser aus einer vergessenen Kuchenwelt herübergeretteten Fossilien anspiel­te.­ Bei­ diesen­ Gelegenheiten­ pflegte­ Sillery­ seine­ Gäste­ an­ die spaßigen oder absonderlichen Bemerkungen zu erinnern, die von früheren Generationen junger Männer, die in längst vergangenen Tagen den Tee bei ihm eingenommen hatten, über das Gebäck fallengelassen worden waren; und er zitierte dabei besonders gern die glänzende Schar seiner Bekannten unter den ehemaligen Studenten, die ­im­ späteren­ Leben zu gewissen Würden aufgestiegen waren — ­eine­ Klasse, der er unverhohlene Hochachtung entgegenbrachte.

Man muss das Beharrungs- und Durchhaltevermögen des Übersetzers Heinz Feldmann (Bild) bewundern, der in den letzten Jahrzehnten nicht aufgehört hat, an seine Übersetzung von Powells Werk zu glauben. Die im übrigen von allen ➱Rezensenten gelobt wurde. Und man muss natürlich auch Beharrungs- und Durchhaltevermögen und den unternehmerischen Wagemut des Elfenbein Verlags und seines Chefs ➱Ingo Držečnik bewundern, dass sie diesen englischen Jahrhundertroman dem deutschen Leser nahebringen. Und für den Leser gilt, dass er auch Beharrungs- und Durchhaltevermögen aufbringen muss. So etwas sagt auch die Romanfigur ➱X. Trapnel in Temporary KingsReading novels needs almost as much talent as writing them.


Das Schöne bei der Tätigkeit als Blogger ist ja, dass man ungehemmt Werbung für kleinere Verlage machen kann. Was ich ja immer tue. Ob das der ➱Wallstein Verlag, der ➱Mattes Verlag, der ➱Rimbaud Verlag, die ➱Edition Signathur oder der ➱Verbrecher Verlag sind. Manchmal zeigt das ja ➱Wirkungen, und die Verlage können mehr Bücher verkaufen. Das ist gut, denn wie heißt es so schön bei Anthony Powell: ➱Books do furnish a room.

Der dritte der Gruppe der Maler, die am 23. November starben, ist der Engländer ➱James Ward. Der Post über sein Gemälde ➱Gordale Scar brachte mir leicht und locker vierstellige Leserzahlen. James Ward wird Bilder von Claude Lorrain gesehen haben, die kennt jeder Maler in der Romantik. Ob er jemals ein Bild von Bronzino gesehen hat, das weiß ich nicht. Seine maskuline Venus hat mit der Venus mit den feinziselierten Brüstchen des Hofmalers der Medici wenig zu tun, seine ➱Diana im Bade ist da ein wenig besser geraten. Man muss allerdings zu Ward sagen, dass er eigentlich kein Portraitist ist, eigentlich ist er Tiermaler. Er kann wunderbare Pferde malen, manchmal so ➱dramatisch wie der Kampf mit dem Löwen bei ➱Stubbs, manchmal so still und ausgeglichen wie Stubbs‘ ➱Firetail with his Trainer. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mal eben erwähnen, dass ➱Ferdinand von Rayski auch wunderbare Pferde malen kann.

Claude Lorrain scheint James Ward nicht so wichtig zu sein. Wenn er sich mit dem Maler ➱James Northcote über ➱Malerei und Maler unterhält, fällt der Name Claude nur ein einziges Mal. Und dennoch ist Ward als Landschaftsmaler in der Tradition von Claude Lorrain, auch wenn er das in der Romantik bevorzugte ➱Erhabene ein wenig mit der ➱schwarzen Romantik gewürzt hat. Working in the last years of the Napoleonic wars, Ward aimed to depict a national landscape, primordial and unchanging, defended by ‘John Bull’ in animal form. His painting also epitomised the awe-inspiring qualities of the fashionable ‘Sublime’ landscape, heißt es auf der Seite der Tate Gallery. Mit ➱Awe and a kind of Reverential Expectation haben die zeitgenössischen Betrachter auf das drei mal vier Meter große Bild geschaut. Awe and a kind of Reverential Expectation gefällt mir, das kann man auch über Anthony Powells A Dance to the Music of Time sagen.

In die Literatur hat es James Wards Gordale Scar auch geschafft. Nicht bei Anthony Powell, aber in ein Gedicht des südafrikanischen Dichters David Wright:

It’s not a painting but a celebration,
This canvas, which seems huger than the room
It broods in, pastoral yet sybilline:
These hanging cliffs and brown romantic shades,
Darkness composed, and solitude imaged.

As for its subject – Upon the high limestone
Moors above Settle, you’ll find Gordale Scar
Deflated, an authentic diminution
Of the assertion of its picture here;
The gloom is not the mood, the scale is smaller.

No reality but in imagination:
The painting is more real than the place;
More than the thing is its interpretation,
Or than its interpreter, whose bias
Of feeling, here contained, transmutes to vision.

Und falls Sie noch mehr zu Claude Lorrain lesen wollen: Claude LorrainClaudeÄsthetikAsher B. Durand18th century: Grand TourReynoldsMein StifterJohn RuskinRichard WilsonGothickJohn Thomson of DuddingstonHimmelKreidefelsenLandschaftsmalereiRichard Parkes BoningtonTänzer

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