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Das hier vorne links, das ist er, der Maler Carl Philipp Fohr. Ohne Zylinder, eher in der altdeutschen Tracht. Diese ➱Tracht war zu Hause bei den Heidelberger Studenten sehr chic und revolutionär gewesen. Jetzt bringt er sie nach Italien. Der Kronprinz von Bayern, der Fohr in Rom kennenlernt, übernimmt die neue Mode. Ohne zu wissen, daß er damit die Tracht der studentischen Revolutionäre hoffähig machte.

Fohr hat seinen Hund bei sich, der ist mit ihm über die Alpen gekommen. Über ➱Die Hunde des Carl Philipp Fohr hat Peter Märker, der Leiter der Graphischen Sammlung des Hessischen Landesmuseums, ein schönes kleines Buch geschrieben. Die aquarellierte Federzeichnung da oben im ersten Absatz, die die deutschen Maler in Rom zeigt, ist von dem Architekten Heinrich Hübsch (ihn wird Fohr auch ➱zeichnen). Es ist wahrscheinlich das letzte Bild, auf dem der am 26. November 1795 geborene Maler zu sehen ist, denn im Sommer 1818 ist er beim Baden im Tiber ertrunken. Sein Hund Grimsel, der auch auf Fohrs Zeichnung von den Künstlern im ➱Antico Caffè Greco zu sehen ist, ist damals tagelang nicht von der Unglücksstätte am Tiber gewichen.

Mon petit Charles, hat sein Vater ihn immer gerufen. Und zart und zerbrechlich ist er gewesen. Mit dem petit Charles beginnt Peter Härtling auch seine ➱Erzählung über das junge Genie aus Heidelberg. Fohrs Vater Jacob hatte sich einst als junger Mann bei den Schweizer Truppen in französischen Diensten (lesen Sie mehr in ➱Kuhreigen) anwerben lassen und war nach zwanzig Jahren Militärdienst als Lehrer in der französisch-reformierten Wallonengemeinde in Heidelberg tätig. Das Französische war ihm zur Muttersprache geworden. Den Aufenthalt in Rom hatte unserem petit Charles ein Stipendium der Erbprinzessin Wilhelmine Luise von Baden finanziert, der er beinahe all seine Gemälde zuschicken würde. Viele sind es nicht, sie passen in eine Kiste. Nur sieben Gemälde gibt es von seiner Hand. Sein Freund Ludwig Sigismund Ruhl (mit dem der Hitzkopf Charles sich in Rom duelliert) wird ihn in der Technik der Ölmalerei unterweisen. Fohr geht da, wie wir im nächsten Absatz sehen können, keine großen Experimente ein. Klar voneinander abgesetzte Farben, wie sie die ➱Nazarener verwenden, beherrschen das Bild.

Die Zeichnung von Heinrich Hübsch im ersten Absatz findet sich auch in den ➱Bildern von Ludwig Richters Lebenserinnerungen eines deutschen Malers. Und damit sind wir mittendrin in der deutschen Romantik. Was wäre aus Fohr, dem Wunderkind der Romantik, geworden? Es ist eine Frage, die man immer wieder stellt, wenn ein Maler so jung stirbt. ➱Adam Elsheimer und Carel Fabritius waren zweiunddreißig als sie starben, Fohr ist zehn Jahre jünger.

Diese italienische Landschaft hat er ein Jahr vor seinem Tod gemalt. Es ist sein größtes Bild, das Bild der ➱Ritter vor der Köhlerhütte (unten) ist dagegen klitzeklein. Vielleicht sind Mutter (Fohrs Zimmerwirtin in Rom) und Kinder auf diesem Bild in zeitgenössischer Tracht dargestellt, aber die Musikanten links und die Ritter und Pilger rechts im Bild verweisen eindeutig auf das Mittelalter. Ins Mittelalter will die deutsche Romantik immer wieder hin. Für Peter Märker war die ➱Landschaft bei Rocca Canterano im Sabinergebirg ein Hauptwerk der Romantik. Für den nicht genannten Autor in der Zeit ist es das vollkommenste, was die deutsche Romantik, in ihrer süddeutschen Spielart, uns hinterlassen hat, ihr Jugendbild, das helle, weltfreundliche Gegenstück zur tiefsinnig norddeutschen Erdlebenmalerei.

Also, dieses Bild hier ist nicht von Fohr, das ist die Burg Scharfenberg bei Nacht. Wenn ich ein Bild aussuchen sollte, um die deutsche Romantik zu verdeutlichen, dann würde ich dieses Bild von Ernst Ferdinand Oehme aus Dresden nehmen. Der natürlich bei ➱Johan Christian Clausen Dahl und ➱Caspar David Friedrich gelernt hat, wie könnte es anders sein. Dahl und Friedrich haben hier längst Posts, aber wann habe ich schon mal die Gelegenheit, einen Oehme abzubilden?

Es sind viele Ritter in den Wäldern unterwegs in dieser ➱Zeit. Auf den Bildern der Maler oder in den Gedichten der romantischen Dichter. In den Balladen liegt der Ritter eher tot hinter der Hecke, bewacht von seinen Hunden, während die Raben auf ihr Abendessen warten. Auf jeden Fall in der Ballade ➱Die drei Raben, die Theodor Fontane auch übersetzt hat (lesen Sie mehr in ➱Chevy Chase und ➱Balladen).

Dieses Bild von Fohr heißt Der verirrte Ritter. Er scheint sich auf dem Gebilde meiner Phantasie, wie Fohr sein Bild bezeichnete, wirklich verirrt zu haben und kein knight errrant zu sein. Er reitet mit seinen Hunden in einen Wald voller Sonntagsspaziergänger.

Die Leute hier sind nett zu ihm, da kann er froh sein, dass er hier gelandet ist und nicht in dem Wald, in dem der Ritter ausruft: Jetzt kenn ich dich – Gott steh mir bei! Du bist die Hexe Lorelei. Sie müssen an dieser Stelle unbedingt in dem Post ➱Lurley weiterlesen. Und dann sollten Sie sich das Eichendorff Gedicht noch Anna Lucia Richter (die Sie aus dem Post ➱Liederkreis kennen) ➱vorsingen lassen.

Wie viele Maler der Romantik sucht auch Fohr die Nähe zur Literatur. Dieses kleine Bild (54 x 66 cm) macht nur Sinn, wenn man Friedrich de la Motte Fouqués 1813 erschienenen Ritterroman ➱Der Zauberring kennt, wo es über die Ritter vor der Köhlerhütte heißt: die Nacht war schon hereingebrochen, und stach mit ihrem tiefblauen Dunkel seltsam gegen die weißen Schneegipfel und die überreifen Forsten ab. Hell stand der Vollmond am Himmel, aber es strichen schwarze Wolken, wie mit Rabenfittichen, im eiligen Zuge darüber hin. ➱Arno Schmidt, der sicher nicht zu Unrecht auf sein Buch über de la Motte Fouqué stolz war (Fouqué habe ich – gottlob! – für die Deutschen gerettet) konnte sich für den Zauberring begeistern. Aber man muss schon ein ganz hartgesottener Arno Schmidt Fan sein, wenn man diesen Ritterroman lesen will. Als ich jung war, habe ich mal Achim von Arnims Die Kronenwächter gelesen. War ein schwerer Fehler (➱Gutzkows Roman ➱Wally die Zweiflerin zu lesen, war dagegen ein Vergüngen). Weshalb das Bild mit den Rittern vor der Köhlerhütte eins der Lieblingsbilder von Hitler war, weiß ich nicht. Aber ich hätte hier einen interessanten Aufsatz ➱Politische Symbolik in der deutschen Kunst, der eine Erklärung versucht.

Fohr hat in Rom im Studio von Joseph Anton Koch (der ➱hier einen Post hat) gearbeitet. Bei diesen Wasserfällen im Tivoli kann man sicher eine Nähe zu Koch finden. Doch Fohr wusste, dass er über Koch eigentlich schon hinaus war: Ich getraue mir nicht zuviel, wenn ich glaube, den berühmtesten Landschaftsmaler Koch in weniger Zeit noch zu übertreffen. Den nur sieben Gemälden steht eine unglaubliche Zahl von Zeichnungen und Aquarellen (ungefähr neunhundert) gegenüber, von denen das Hessische Landesmuseum in Darmstadt die meisten besitzt. Wenn man die Zeichnungen und Aquarelle betrachtet, bekommt man einen Eindruck von dem wirklichen Talent des Heidelberger Malers.

Dieses am Brenner gemalte Aquarell hätte auch ➱Claude Lorrain nicht besser hingekriegt. Auch wenn die Figuren auf seinen Landschaftsbildern manchmal seltsam ungelenk erscheinen, in seinen Zeichnungen ist Fohr ein Meister. Er zeichnet besser als Caspar David Friedrich. Das was ➱Horst Janssen kann, ist in der Romantik nicht jedem gegeben.

Zu Fohrs 200. Geburtstag im Jahre 1995 erschien der von Peter Märker herausgegeben Katalog Carl Philipp Fohr: Romantik – Landschaft und Historie, an dem auch ➱Jens Christian Jensen mitgearbeitet hatte. Im letzten Jahr ist bei Hirmer das 696-seitige Werksverzeichnis erschienen, das den schönen Untertitel Im Unvollendeten Vollendet hat. Das Werkverzeichnis ist leider sehr teuer, so dass sich für den normalen Kunstfreund der preislich erschwingliche ➱Katalog von 1995 anbietet.

Noch preisgünstiger sind diese Kissenbezüge mit Motiven aus Fohrs Bildern, die man bei Amazon bestellen kann. Der Händler garantiert aber keine Lieferung vor Weihnachten. Man fragt sich, was so etwas soll. Der Maler und Kunstschriftsteller Johann David Passavant hat über Fohr in seinen 1820 erschienenen ➱Ansichten über die bildenden Künste geschrieben: Wenig Künstler hat es wohl je gegeben, welche mit einer so reichen Phantasie, einem so großartigen Sinn für Formen und Farbe, und einer solchen Leichtigkeit begabt waren, die Natur in ihrem Charakter so lebendig aufzufassen und mit der größten Meisterschaft darzustellen, wie dieser Künstler, welcher erst 22 Jahre alt war, als der bekannte Unglücksfall seinem Leben ein Ziel setzte.

Passavant gehörte in Rom zu den Förderern des jungen Malers. Er war nicht der einzige. Die Erbprinzessin Wilhelmine habe ich schon erwähnt, dann sind da noch der preußische Gesandte Christian Karl Josias von Bunsen (er kommt mit seiner walisischen Gattin, einer Malerin, in dem Post ➱Kartätschenprinz vor) und der bayerische Kronprinz Ludwig. Und natürlich Caroline von Humboldt mit ihrem Salon, wo sich die deutschen Künstler gerne aufhalten (wenn sie nicht im Antico Caffè Greco hocken). Ich übte eine Gewalt über ihn aus, die er sich gar nicht zu erklären wisse, aber der er gern folge, hat Caroline von Humboldt geschrieben. War Fohr in die eine unkonventionelle Ehe führende Gattin von Wilhelm von Humboldt verknallt?

Bei seinem ersten Biographen Philipp Diefenbach findet sich in dessen kleiner Biographie (hier im ➱Volltext) ein seltsamer Satz: Als er bald darauf seine große Landschaft für seine Gönnerinn in Darmstadt beendigt hatte, besuchte ihn Frau von Humboldt in seiner Werkstätte, um sich von der Kraft seines Pinsels näher zu überzeugen. Und wirklich fand sie seine Arbeit so vortrefflich, daß sie den folgenden Tag den Bildhauer von Rauch zu ihm sandte, um ihm die Verfertigung eines Gemäldes aufzutragen und dafür die Summe von achthundert Gulden einzuhändigen. Ich weiß nicht, was Sie sich bei diesem um sich von der Kraft seines Pinsels näher zu überzeugen denken, aber ich glaube nicht, dass es das ist. Dies hier ist nicht die unkoventionelle Caroline, die Dame heißt ➱Sonja, gemalt von Christian Schad. Und warum ist sie hier? Weil der Maler der ➱Neuen Sachlichkeit Christian Schad ein Urgroßneffe des Heidelberger Malers Carl Philipp Fohr ist.

Das mit dem Kissenbezug und Sonja hätte nicht sein müssen, aber ich brauche immer so einen kleinen Gag zum Schluss.

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