Herman Melville, Donald Trump und ich

 

Ich hatte gedacht, wir könnten am Freitag zusammen feiern, der Donald und ich. Er, weil er Präsident wird – ich, weil mein Blog die Zahl von drei Millionen Leser erreicht hat. Aber nun bin ich früher dran mit meinem Jubiläum. Ich werde heute ein Paar ➱französische Schuhe (Aubercy) tragen und das Ereignis mit ➱Jazz in Paris, französischen Chansons von ➱Juliette Gréco und ➱Yves Montand und einem kleinen Glas Cognac würdig begehen. Ich habe da noch eine alte Flasche Cognac Hennessy Very Special in der Butzekammer, ich nehme an, das Zeuch kann man noch trinken. Sie mögen sich jetzt fragen: warum trinkt er keinen ➱Whisky, das tut er doch sonst immer, wenn er mal wieder eine Million erreicht hat? Die Antwort ist einfach, ich mache das extra für meine lieben französischen Leser, die plötzlich in solch großer Zahl da sind. Und die dafür gesorgt haben, dass ich diese sagenhafte Zahl von drei Millionen Lesern erreiche, bevor dieser Donald Trump Präsident wird.

Meine französischen Leser mögen gewiss auch Herman Melville, hat doch der Meister des französischen Gangsterfilms seinetwegen den Namen ➱Melville angenommen. Und hat doch Jean Giono Moby-Dick zusammen mit Lucien Jacques übersetzt. Und das Buch Pour saluer Melville geschrieben, wo er am Anfang sagt: La traduction de Moby-Dick, de Herman Melville, qui paraît d’autre part, commencée le 16 novembre 1936 a été achevée le 10 décembre 1939. Mais, bien avant d’entreprendre ce travail, pendant cinq ou six ans au moins, ce livre a été mon compagnon étranger. Je l’emportais régulièrement avec moi dans mes courses à travers les collines. Ainsi, au moment même où souvent j’abordais ces grandes solitudes ondulées comme la mer mais immobiles, il me suffisait de m’asseoir, le dos contre le tronc de pin, de sortir de ma poche ce livre qui déjà clapotait pour sentir se gonfler sous moi et autour la vie multiple des mers. Das ist es: das Buch dabei haben und sich dann im Gebirge an einen Baumstamm lehnen – und schon hat man das Meer im Geiste vor sich, mit der Lektüre von Melville geht das. Der Donald, mit dem ich eigentlich feiern wollte, kann leider kein Französisch. Genaugenommen kann er überhaupt keine Fremdsprache. Gutes Englisch wie Herman Melville auch nicht.

Am Ende des Kapitels ➱Loomings in Melvilles Moby-Dick stellt sich der Erzähler eine Schlagzeile des grand programme of Providence that was drawn up a long time ago vor. Darin ist von einer Grand Contested Election for the Presidency of the United States die Rede, das gilt nicht nur für das Jahr 1851, das gilt heute noch. Auch die Bloody battle in Affghanistan hat heute noch ihre Bedeutung. Nur das im Original ganz klein gesetzte Whaling voyage by one Ishmael hat heute keinen großen Nachrichtenwert mehr. Der Erzähler heißt ja auch gar nicht Ishmael, wir sollen ihn nur so nennen. ➱Call me Smitty wäre auch ein Anfang gewesen. Oder Call me Jay.

Drei Millionen mal ist die Adresse loomings-jay seit Ende Juli 2010 angeklickt worden (die ersten sechs Monate als Blogger hatte ich noch Googles Radarsystem unterwandert), so viele Leser hat ➱Moby-Dick während Melvilles Lebzeiten nicht gefunden. Und wahrscheinlich bis zur Melville Renaissance der 1920er Jahre auch nicht. In meinem ersten ➱Post am 3. Januar 2010 habe ich geschrieben: Wenn Herman Melville das alles gekannt hätte, dann wäre ‚Moby-Dick‘ nicht in London gedruckt worden, sondern hier. Und seine Schwester, die das Manuskript abschrieb, hätte nicht immer über Hermans Handschrift fluchen müssen. Und Druckfehler, wie ’soiled fish‘ wären uns auch erspart geblieben. Es ist ein seltsames Medium, in dem man schnell zu einer Berühmtheit werden kann. Weil man einen Blog hat. Oder weil man twittert wie dieser Trump.

Wenn Sie sagen, dass die gloomy atmosphere dieser dunklen Bilder heute so gar nicht zu einem Jubelfest passt, haben Sie sicher Recht. Aber ich habe diese Bilder von dem Amerikaner Christopher Volpe (von denen eins schon in dem Post ➱Vierzig Jahre zu sehen war) ausgesucht, weil sie aus einem Zyklus von Bildern kommen, der ➱Loomings heißt. Dort findet man auch eine Preisliste, falls Sie eins der Bilder kaufen wollen. Viele der Bilder sind recht gelungen. Manches hätte er vielleicht besser gelassen. Manches erinnert an ➱Jack the Dripper, der ja auch etwas zu der ➱Bilderwelt von Moby-Dick beigesteuert hat..

Dies hier soll das Bild darstellen, das in der Spouter Inn hängt. Für den Erzähler, den wir Ishmael (und nicht Smitty oder Jay) nennen sollen, ist es ein Rätsel: But what most puzzled and confounded you was a long, limber, portentous, black mass of something hovering in the centre of the picture over three blue, dim, perpendicular lines floating in a nameless yeast. A boggy, soggy, squitchy picture truly, enough to drive a nervous man distracted. Yet was there a sort of indefinite, half-attained, unimaginable sublimity about it that fairly froze you to it, till you involuntarily took an oath with yourself to find out what that marvellous painting meant. 

Es gibt von dem Gemälde in der Spouter Inn auch eine Graphik von Armin Münch, die sehr schön ist. Aber leider gibt es davon keine Abbildung im Internet (im ➱Katalog von Schleswig ist sie auf Seite 67 zu finden), das Internet wird immer überschätzt. Vor allem für die Welt der Kunst und der Literatur. Aber immerhin gibt es hier einen ➱Power Moby-Dick mit Annotationen.

Diese erste Seite von Loomings hat auch Annotationen, aber es sind Annotationen einer anderen Art als wir sie in der Ausgabe von  Luther S. Mansfield und Howard P. Vincent oder in Harold Beavers Penguin Ausgabe finden. Wir könnten annehmen, dass dies das Exemplar von Moby-Dick von Donald Trump ist. Aber liest der Mann überhaupt ➱Bücher? Das Internet ist voll von bösartigen und komischen ➱Seiten über den nonreader Trump. Also dies ist nicht von Trump, ➱dies ist an example of a close reading and represents how one can annotate and ornament a text. Muss man wirklich in Bücher malen, um einen Text zu verstehen? Für den neuen Präsidenten kommt wahrscheinlich eher die Version von ➱Twitter oder ➱Emoji Dick in Frage.

Herman Melville brauchte keine Universität, er konnte von sich sagen: A whale ship was my Yale College and my Harvard. Trump war nie auf einem whale ship. In Yale und Harvard auch nicht. Die Frage der Bildung stand nicht im Mittelpunkt von Donald Trumps Wahlkampf. Natürlich hat er dazu ein ➱Programm. Das aber viele eher beunruhigt. Vor Jahren hat er Obama beleidigt: I heard [Obama] was a terrible student, terrible. How does a bad student go to Columbia and then to Harvard? I’m thinking about it, I’m certainly looking into it. Let him show his records. Das sind gefährliche Sätze, denn wenn man sich seine eigene ➱Universitätskarierre anschaut, dann bleibt von dem Akademiker Trump nicht viel übrig.

Aber er hat ja eine eigene Universität, über die er sagte: I’m deeply and actively involved in Trump University. Und er hat sich auch schon über Amerikas Universitäten beklagt: too many of those who do graduate are getting diplomas that have been devalued into “certificates of attendance” by a dumbed-down curriculum that asks little of teachers and less of students. Damit beschreibt er exakt seine Trump University. Die gibt es nun leider nicht mehr, der Staatsanwalt ermittelt noch. Aber es gibt für die Familie Trump noch Hoffnung: sein Sohn Barron geht zu der selben Prep School, die auch Herman Melville besucht hat.

The final key to the way I promote is bravado. I play to people’s fantasies. People may not always think big themselves, but they can still get very excited by those who do. That’s why a little hyperbole never hurts. People want to believe something is the biggest and the greatest and the most spectacular. I call it truthful hyperbole. It’s an innocent form of exaggeration — and a very effective form of promotion. Das sind Sätze, die in Herman Melvilles Roman ➱The Confidence Man, einem Roman über einen Betrüger, stehen könnten. Da stehen sie aber nicht. Sie stehen in der Autobiographie von Donald Trump.

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