Dollarnoten

 

Ich weiß nicht, ob ich das wirklich wahrmachen will, was ich in dem Post ➱Bilder: Geschichte in den Raum gestellt habe, aber ich komme noch einmal auf das Problem zurück, dass ein Maler wie Norman Rockwell mit dem amerikanischen Präsidenten hatte. Präsentiere aber einen anderen Maler, einen anderen Präsidenten. Das hier ist er, der Präsident George Washington. Steht unter dem Bild noch dabei: Washington. Auf der kleinsten Banknote der Vereinigten Staaten.

Jeder Amerikaner hat den Schein schon in der Hand gehalten. Es gibt allerdings eine Banknote mit einem Präsidenten, die wohl niemand in die Hand bekommen wird. Falls Sie zufälligerweise einen Schein mit Woodrow Wilson in der Schublade haben sollten: die gilt heute wirklich noch. Und sie ist auch wirklich 100.000 Dollar wert. Der grüne Dollarschein, der gerade, wo ich dies schreibe, neben meiner Tastatur liegt, ist natürlich nur einen Dollar wert. Das Bild Washingtons auf dem Schein stammt von dem amerikanischen Maler Gilbert Stuart, der seinen Präsidenten mehrfach gemalt hat.

 

Natürlich haben ihn auch andere gemalt, wie zum Beispiel  Charles Willson Peale, der Captain in der Miliz von Pennsylvania war (und mit Washington in Valley Forge war). Von ihm ließ sich Washington gerne malen, von Gilbert Stuart nicht so sehr. Die Washington Bilder von Stuart sind immer wieder recycelt worden, dieser Washington von Roy Lichtenstein hängt neben zwei Amerikanern, die ebenso berühmt sind wie er.

Zahnärzte haben es manchmal schwer mit ihren Patienten, nicht jeder liebt die zahnärztliche Behandlung wie Jack Nicholson in ➱Little Shop of Horrors. Maler sind da manchmal in einer ähnlichen Situation, auch ihre Kunden fühlen sich wie Patienten: Speaking generally, no penance is like having one’s picture done. You must sit in a constrained and unnatural position, which is a trial to the temper. But I should like to sit to Stuart from the first of January to the last of December, for he lets me do just what I please, and keeps me constantly amused by his conversation. Sagt John Adams, zweiter Präsident der USA. Als Gilbert Stuart dieses Altersbild malt, da ist Adams‘ ältester Sohn John Quincy Adams schon Präsident. Es ist ein schönes Bild, es ist so modern, dass es auch hundert später gemalt sein könnte. Dagegen ist das zehn Jahre zuvor gemalte  Portrait ein wenig langweilig, bis auf die wunderbar gemalte Partie von Kragen und Hemdbrust. Das hätte Manet nicht besser gekonnt.

Nicht nur Adams ist ein Zeuge dafür, dass Stuart in der der Lage ist, seine Kunden constantly amused by his conversation zu halten. Doch bei manchen verfängt das nicht wirklich. Dann ist Stuart in einer ähnlichen Lage wie Norman Rockwell mit Lyndon B. Johnson. Dieser englische Gentleman hier hat sich dagegen gesträubt, von Stuart gemalt zu werden. Er ist selbst Maler, jetzt ist er mal auf der anderen Seite der Staffelei. Und dann malt dieser junge Spund aus den Kolonien nicht einmal als Attribute eines Künstlers allerlei Malutensilien in das ➱Bild), sodass jeder Betrachter sehen kann, dass hier ein berühmter Maler portraitiert wurde. Einzig seine goldene Schnupftabakdose darf er in Händen halten. Sir Joshua Reynolds – um niemand anderen handelt es sich – wird das Bild seines jungen Kollegen Gilbert Stuart immer hassen, constantly amused by his conversation war er auch nicht.

Sir Joshua liebt den Schnupftabak. Wie so viele der feinen englischen Gesellschaft des 18. Jahrhundert. Und auch der nicht so feinen Gesellschaft. Kitty Fisher, die Reynolds mehrfach malt, ist eine demimonde, die von ihren Portraits klitzekleine Kopien anfertigen lässt, die die Herren in ihre Schnupftabakdosen legen können. Sozusagen doppelter Genuss. Gilbert Stuart verdammt den Schnupftabak: Snuff-taking is a pernicious, vile, dirty habit, and, like all bad habits, to be carefully avoided. Aber er hat immer eine große Schnupftabakdose dabei. Stuarts Vater hat übrigens Schnupfttabak hergestellt, das kann man heute im  Gilbert Stuart Museum noch sehen. So verbindet Reynolds goldene Tabakdose die beiden Maler in einem symbolischen Sinne.

So gut Stuart als Maler ist, so schlecht ist er darin, seine von den Kunden im voraus bezahlten Bilder auch wirklich abzuliefern. Er flieht vor seinen englischen Gläubigern nach Irland, aber auch da ist er schnell im Schuldgefängnis. Wenn er Irland verlässt, hat er schon einen Plan: Well, I mean to begin:—I’ll get some of my first sittings finished; and when I can nett a sum sufficient to take me to America, I shall be off to my native soil. There I expect to make a fortune by Washington alone. I calculate upon making a plurality of portraits, whole-lengths that will enable me to realize; and if I should be fortunate, I will repay my English and Irish creditors. Wenn ihn sein Gesprächspartner fragt: And what will you do with your aggregate of unfinished works, antwortet er großzügig: The artists of Dublin will get employed in finishing them. You may reckon on making something handsome by it, and I shan’t regret my default, when a friend is benefitted by it in the end.

Ich glaube nicht, dass er jemals vorhatte, seine Gäubiger zu bezahlen. Im Alter soll er in der Lage gewesen sein, das berichtet seine Tochter, ein Washington Portrait in zwei Stunden zu malen. Ihre Aussage ist allerdings mit ein wenig Vorsicht zu geniessen, denn Jane Stuart malt selbst. Hauptsächlich Kopien der Washington Portraits. Vor Jahren hat ihr die Stadt Newport eine Ausstellung gewidmet: Newport’s Own: Paintings by Jane Stuart. Das erste Portrait, das Stuart im Frühjahr 1795 malt, ist nicht erhalten, aber Stuart hat ein Dutzend Repliken davon gemalt. Mit anderem Hintergrund und leichten Variationen in der Kleidung (über Washingtons Kleidung können Sie ➱hier mehr lesen). Wenn Washington in diesen Jahren auf vielen Bildern etwas verkniffen guckt, dann liegt das an seinem neuen Gebiss, das nicht richtig passt.

Dies Bild hier, das sogenannte Athenaeum Portrait von 1796, das nach dem Tod des Malers zum ersten Mal im Boston Athenæum gezeigt wurde, hatte Martha Washington bestellt. Und bezahlt. Sie hat es nie bekommen. Gilbert Stuart brauchte es, um es kopieren. Er nannte das Bild his hundred-dollar bill, er braucht ständig Geld, er hat aus dem finanziellen Debakel in England und Irland nichts dazugelernt. Am Ende seines Lebens malt er zwei Washingtons am Tag, ist aber so arm wie am Anfang des Lebens. Er hinterlässt 1.778,34 Dollar Schulden, was natürlich nichts gegen die Milliardenschulden ist, die Donald Trump hat. Aber seine Frau ist zu arm, um eine Grabstelle zu kaufen.

Die sechs Jahre, die Stuart bei Benjamin West und seiner Frau verbrachte, waren eine strenge Zucht für ihn, der Quäker West achtete auf seinen Schüler. Da gab es keinen Champagner und kein Luxusleben. Doch dann wurde er zu schnell berühmt, und nachdem er den Schlittschuhläufer (der in dem Post ➱Sir Henry Raeburn abgebildet ist) gemalt hatte, konnte er Honorare nehmen, die an die von ➱Reynolds und ➱Gainsborough heranreichten. Und dann kommt ein Leben, wie wir es aus The Rake’s Progress von ➱William Hogarth kennen: teuerste Klamotten von den teuersten Schneidern, ein französischer Koch, große Abendgesellschaften. Und so heißt es für ihn nach achtzehn Jahren in England und Irland: I shall be off to my native soil. There I expect to make a fortune by Washington alone.

Das lebensgroße Bild von Washington aus dem Jahre 1896 im oberen Absatz hat den Namen Lansdowne Portrait, William Bingham und seine Gattin Anne Willing Bingham (hier von Stuart gemalt) hatten es in Auftrag gegeben, um es dem Marquess of Lansdowne zu schenken. Einem der wenigen englischen Parlamentarier, der die Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien unterstützt hatte. William Bingham ist einer der reichsten Männer von Pennsylvania, Anne Willing Bingham gilt als die schönste Frau Amerikas. Wenn sie es ist, wird Stuarts Portrait dem nicht unbedingt gerecht.

Auf dieser Skizze von Gilbert Stuart schon eher. Ich musste Anne Willing Bingham mal eben erwähnen, weil sie auch etwas mit dem amerikanischen Geld zu tun hat: ihr Bild ist auf amerikanische Münzen gewandert. Lesen Sie dazu mehr in dem Post Liberty Girls. Anne Bingham ist auch diejenige gewesen, die George Washington überredet hat, sich von Gilbert Stuart malen zu lassen. Er hasste die Maler, fand sich aber mit seiner Rolle ab: In for a penny, in for a pound is an old adage. I am so hackneyed to the touches of the painter’s pencil that I am now altogether at their beck, and sit like Patience on a monument, whilst they are delineating the lines of my face. It is a proof, among many other, of what habit and custom can effect. At first I was as impatient at the request, and as restive under the operation, as a colt is of the saddle. The next time I submitted very reluctantly, but with less flouncing; now, no dray moves more readily to the thrill than I do to the painter’s chair. 

Gilbert Stuarts Charme verfing bei dem maulfaulen und von seinem Gebiß gequälten Washington überhaupt nicht. Worüber konnte man mit diesem Mann nur reden? Irgendwann kam Gilbert Stuart auf Landwirtschaft (in der er sich auch einmal versucht hatte) und Pferde, ein wunderbares Thema für George Washington, wie uns der Adoptivsohn des Präsidenten George Washington Parke Custis erzählt. Und Stuart schreibt: I had him on a pivot and could manage him nicely. Eine Professorin namens Dorinda Evans hat neuerdings die Theorie aufgestellt, dass es nicht der Suff, der Schnupftabak und die vielen Lügen sind, die zu Stuarts graduellem Untergang führen. Er soll manisch depressiv gewesen sein. So what? Sind das nicht alle Künstler? Ihr Buch ist kaum überzeugend, hat aber sehr eindrucksvolle Fußnoten. Das Beste zu Stuart ist der Ausstellungskatalog des Metropolitan Museum Gilbert Stuart von Carrie Rebora Barratt und Ellen G. Miles. Kostet aber mehr als einen Dollar.

Über hundert Bilder von George Washington hat Gilbert Stuart gemalt. Er hat den englischen König George III gemalt, und außer Washington und Adams hat er noch drei amerikanische Präsidenten gemalt: Thomas JeffersonJames Madison und James Monroe. Und er hat vielleicht, ganz sicher ist man sich da nicht, diesen Herrn gemalt, der ebenso vornehm und königlich ist wie Könige und Präsidenten. Es ist wahrscheinlich der Koch von George Washington. Das ist die wahre Demokratie: den Diener ebenso stilvoll zu malen wie den Herren.

Gilbert Stuart ist nicht zum ersten Mal in diesem Blog, wenn Sie noch mehr über ihn lesen wollen, klicken Sie doch diese Posts an: Gilbert StuartSir Joshua ReynoldsSir Henry RaeburnAdmiral John JervisLiberty GirlsMauritiusRalph EarlSchlittschuhlaufen18th century: America18th CenturyEdle WildePenelope BoothbyLenbachGeorge Washington (sartorial)SaratogaJohann Heinrich Tischbein d.Ä.Angelika Kauffmann

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