O tempora, o mores!

 

Kaum redet man wie ➱gestern über den Lateinunterricht, da hat man auch schon Gelegenheit, die dort vor mehr als einem halben Jahrhundert vermittelten Kenntnisse zu gebrauchen. Der Titel dieses Posts O tempora, o mores! stammt von Cicero. Den kennen Sie bestimmt, der kleine Scherz Kikero und Kaesar gingen in den Kirkus, der eine in Zylinder, der andre in Zivil stand am Anfang des Lateinunterrichts. Da lernte man schöne Sätze wie Caesar ora classis romana, was Caesar küsste eine flotte Römerin heißt. Sätze, die einen wie O tempora, o mores! oder ➱Gaudeamus igitur ein Leben lang begleiten.

Wie auch Cicero. Er ist ein Autor, den man immer lesen kann. Er ist auch der Mann, der gesagt haben soll: Ut conclave sine libris, ita corpus sine anima (Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele)Das ist nicht ganz dasselbe wie Books do furnish a room, das steht bei Anthony Powell, einem Autor, der auch viel klassische Bildung vermittelt. Der amerikanische Präsident Donald Trump kann kein Latein, er kann Cicero nicht lesen, die goldene Latinität fehlt seinen Reden.

Latein ist für die Amerikaner wichtig, sie haben ein Capitol, einen Senat und Senatoren. Und den Spruch e pluribus unum im Wappen. Das war der einzige lateinische Satz, den Andrew Jackson verstand. Jackson war der erste amerikanische Präsident, der kein Latein konnte. Selbst wenn sich ➱John Adams über Washington mokierte, That Washington is not a scholar is certain. That he is too illiterate, unlearned, unread for his station is equally beyond dispute, muss man sagen, dass Washington durchaus gut Latein konnte. Die Damen da oben finden sich im Kapitol in Constantino Brumidis Apotheose Washingtons. Sie könnten dazu noch eben den Post ➱Liberty Girls lesen. Ist witzig, kommt aber auch viel Klassik drin vor. Das Bild im ersten Absatz zeigt natürlich nicht Cicero, sondern George Washington in antiker Pose.

So wie hier Sarah Middleton (deren Bruder die ➱Declaration of Independence unterzeichnete) kurz vor ihrer Hochzeit mit Charles Cotesworth Pinckney, einem Freund Washingtons, sah sich die amerikanische Gesellschaft im revolutionären Amerika gerne: als flotte Römerin verkleidet blickt sie uns an, im Hintergrund die Anmutung einer römischen Villa. Es war für Amerika schön, dass seine Staatsgründung mit dem herrschenden Klassizismus zusammenfällt. Von ➱Thomas Jeffersons Villa ➱Monticello bis zum ➱Weißen Haus waren römische Republik und griechische Demokratie die Blaupause für das junge Amerika. Und natürlich liegt Washington nicht am Goose Creek, sondern am Tiber Creek. Manche Frauen gehen noch weiter als Mrs Pinckney, die kleiden sich nicht nur römisch, sie legen sich auch noch einen römischen Namen zu. So unterschreibt ➱Abigail Adams eines Tages ihre Briefe mit ➱Portia.

Zu dem Thema (hier Benjamin Franklin in einer modischen Toga) hat die Stanford Professorin Caroline Winterer einiges zu sagen. Sie können sich ➱hier eine knappe Stunde lang ihren Vortrag Are We Rome or Greece? America’s Infatuation with Classical Antiquity anhören, sie könnten sich in der Zeit aber auch die ➱Pressekonferenz reinziehen. Also die, wo er sagt: I’m here today to update the American people on the incredible progress that has been made in the last four weeks since my inauguration. We have made incredible progress. I don’t think there’s ever been a president elected who in this short period of time has done what we’ve done. Für den Kommentator bei ➱Spiegel Online war das schon ein Grund, nach dem Arzt zu rufen. Auf dieses durchaus mögliche Schicksal des Präsidenten habe ich schon in dem Post Doktor Pinel hingewiesen (vielen Dank, dass Sie den alle gelesen haben). Der Vortrag von Dr Winterer über Amerikas Geburt aus der Idee der Klassik, die Pressekonferenz des Plebejers Donald Trump über die Großartigkeit seiner Regierung: zwei Seiten Amerikas.

Ich bleibe noch mal eben beim Latein. Als ich gestern alle möglichen Nachrichten und Kommentare zu Trumps Pressekonferenz hörte, fiel mir plötzlich ein Zitat ein. Ich war dabei, mir einen Tee aufzubrühen und hatte von dem Zitat nur dieses usque tandem Catilina im Kopf. Ich trank erst einmal meinen Tee, ich wusste, mein Computer würde den Rest schon finden. Fand er auch. Cicero sagt in seiner ➱Catilina Rede – und ich finde das ein wunderbar für Trump passendes Zitat: Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra? Quam diu etiam furor iste tuus nos eludet? Quem ad finem sese effrenata iactabit audacia? Das heißt auf deutsch so etwas wie: Wie lange noch wirst du, Catilina, unsere Geduld mißbrauchen? Wie lange wird uns auch dieser dein Wahnsinn verspotten? Bis zu welchem Zeitpunkt wird sich deine zügellose Frechheit aufschaukeln?

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