Dichterkrone

Heute vor 530 Jahren ist der deutsche Humanist Conrad Celtis auf dem Nürnberger Reichstag als erster Deutscher zum ➱poeta laureatus gekrönt worden. Eigentlich hieß er nicht Celtis, sondern Bickel oder Pyckell, aber in dieser Zeit gibt man sich gerne einen lateinischen oder griechischen Namen. Wenn man lesen und schreiben kann. Sie kennen das, da wird aus einem simplen Schwartzerdt ein pompöses Melanchton. Manchen ist aber ihr pompöser Name zu viel, und deshalb nennt sich Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim schlicht Paracelcus. Hier von Quentin Massys gemalt, ein schönes Bild mit einer halben Weltlandschaft. Vor der Paracelsus an die Bühnenrampe tritt. Aber vielleicht ist es auf diesem Bild im Louvre gar nicht Paracelsus. Schon ➱Max J. Friedländer hatte erkannt, dass es sich hier um eine zeitgenössische Kopie eines Gemäldes von Massys handelt, dem der Kopist den Namen Paracelsus hinzugefügt hat.

Celtis hat den Lorbeer (lateinisch laurus) vom deutschen Kaiser auf den Kopf bekommen, der letzte deutsche Dichter, dem diese Ehre widerfuhr war 1804 ein gewisser Karl Reinhard. Kurz danach gab es das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nicht mehr. Dichter gab es noch, aber keine aus Lorbeer geflochtene Dichterkrone mehr. Conrad Celtis ist als eine Art Wanderlehrer weit durch Europa gereist und hat überall wissenschaftliche Gesellschaften und die Vorläufer von Universitäten gegründet. Hier sehen wir den gerühmten und berühmten Dichter zusammen mit Albrecht Dürer.

Celtis trägt allerdings auf dem Bild aus dem Jahre 1508 nicht den Lorbeerkranz wie hier der von El Greco gemalte Alonso de Ercilla y Zúñiga. Lorbeerkränze haben alle möglichen Leute getragen, Botticelli hat Dante mit einem ➱Lorbeerkranz gemalt, und Napoleon hat sich mit einem goldenen Lorbeerkranz malen lassen. Ganz aus der Mode geraten ist der Lorbeerkranz noch nicht. Sir Henry Wood, der die ➱Last Night of the Proms erfunden hat, bekommt jedes Jahr einen grünen Kranz umgelegt.

Conrad Celtes hat nicht nur als Dichter gewirkt, er hat auch die Manuskripte anderer Dichter entdeckt und veröffentlicht. Wir wüssten wenig von dem Ligurinus von Gunther von Pairis (auch ein poeta laureatus) oder den Dichtungen von Hroswitha von Gandersheim, hätte es Celtis nicht gegeben. Wenn Sie sich jetzt fragen, was diese antiken Bikini Girls hier sollen (Sie könnten jetzt auch in den Post ➱Bikini schauen), das hat schon seinen Grund. Nämlich das Epigramm auf ein römisches Mädchen von Conrad Celtis. Hier spricht ein Mädchen aus der Antike, und sie spricht natürlich Latein. Wie leider auch unser poeta laureatus, alles in Neulatein, kein Deutsch:

Annos mille sub hoc tumulo conclusa iacebam;

haec nunc Romanis extumulata loquar:

Non veteres video Romano more Quirites,

iustitia insignes nec pietate viros.


Sed tantum magnas tristi cum mente ruinas

conspicio, veterum iam monumenta virum.

Si mihi post centum rursus revideberis annos,

nomen Romanum vix superesse reor.

Tausend Jahre schlief ich in dieses Grabmales Hügel;

frisch nun exhumiert, sage den Römern ich:

Nirgends seh ich die alten Quiriten nach römischer Sitte,

Männer gerechten Sinns, Männer, die Frömmigkeit ziert.


Trümmerberge rings nur gewahr ich mit traurigem Herzen,

Überbleibsel von längst hingesunkenen Ahnen.

Träte ich euch nach hundert Jahren wieder vor Augen,

ist der Name Rom mein ich lang schon verweht.

Berühmt geworden ist Celtis durch seine Liebesgedichte, die er Ovid folgend Amores nennt. Und dann gibt es noch diese berühmte Ode an Apoll (zu der Sie hier mehr erfahren), in der er Apoll bittet, dass dieser die Dichtung auch nach Germanien bringen möge (Ode ad Apollinem repertorem poetices: ut ab Italis cum lira ad Germanos veniat)

Phoebe, qui blandae citharae repertor,

Linque delectos Eliconque Pindum

Et veni nostris vocitatus oris

Carmine grato.


Cernis, ut laetae properent Camenae

Et canant dulces gelido sub axe,

Tu veni incultam fifibus canoris

Visere terram.


Barbarus, quem olim genuit vel acer

Vel parens hirtus, Latii leporis

Nescius, nunc sit duce te docendus

Pangere carmen,


Quod ferunt dulcem cecinisse Orpheum,

Quem ferae atroces agilesque cervi

Arboresque altae celeres secutae

Plectra moventem.


Tu celer vastas aequoris per undas

Laetus a Graecis Latiam videre

Invehens musas voluisti gratas

Pandere et artes.


Sic velis nostras, rogitamus, horas

Italas ceu quondam aditare terras,

Barbarus sermo fugiatque, ut atrum

Subruat omne.

Wenn Sie noch mehr über lorbeergekrönte Dichter lesen wollen, dann klicken Sie doch Hofdichter: Gott schütze die Königin an. Kommt auch kein Latein drin vor.

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