Kindermädchen

Ist das die Kindheit in besseren Kreisen? Immer eine Aufsichtperson dabei? Das Kindermädchen hat sich feingemacht, sie bemüht sich, eine Dame der Pariser Bourgeoisie zu sein. Das Bild heißt gemeinhin Nounou avec enfant, eine nounou ist das, was im Englischen eine nanny ist, ein Kindermädchen. Als das Bild  1878 im Pariser Salon ausgestellt wurde, hatte es den Titel Miss et bébé. Das kleine Mädchen muss reiche Eltern haben, wenn die sich eine Miss, eine englische Nanny leisten können.

Was uns auf den ersten Blick fein ziseliert erscheint, ist in Wirklichkeit leicht und luftig dahingetuscht, es ist diese Impression, die die Impressionisten wollen. Es wird viel Damenkleidung gemalt in diesen Jahren, Paris ist die Stadt der Haute Couture. Und die Maler fangen die neuen Stoffe und die neuen Moden ein. ➱Anders Zorn bekommt modischen Nachhilfeunterricht von ➱Otto Bobergh (dem Compagnon von Charles Frederick Worth) und Monets La Femme à la robe verte sagt uns mehr über die damalige Damenmode als ein Modemagazin. Ich könnte dazu einiges schreiben, aber das meiste steht schon in den Posts ➱Camille in grün und ➱Charles Frederick Worth.

Die französische Malerin ➱Eva Gonzalès, der wir das Kindermädchen im Park verdanken, hat mit dunklen Farbtönen angefangen, aber im Laufe der Zeit ist ihre Palette immer heller geworden, ihre Farben immer durchsichtiger. Dieses Bild, La Promenade à dos d’âne, stammt aus dem Spätwerk. Die Dame sieht bei ihrem Eselsritt nicht gerade glücklich aus. Faszinierend ist aber das Kleid, in das sich die ein wenig pulpeuse Dame gequält hat. Die Mode macht jetzt seltsame Dinge mit den Frauen, an ihrem Höhepunkt steht der ➱cul de Paris. Das, was Wilhelm Busch so unübertroffen als den Pariser Prachtpopo bezeichnet hat.

Das Bild Nounou avec enfant ist eins der schönsten Bilder von Eva Gonzalès, die heute vor 170 Jahren geboren wurde. Sie war, und das könnte man vermuten, wenn man das Bild lange genug betrachtet, eine Schülerin von Manet. Das Bild ist in Dieppe gemalt, wo sich die Malerin gerne aufhielt, es war ihr erster Versuch in der plein air Malerei. Dies Bild von ihrer Schwester Jeanne hier nicht, ich stelle das nur hier hin, weil ich es schon lange kenne, es hängt in der Kunsthalle Bremen. Ich habe das schon in dem Post ➱Kunsthalle Bremen beklagt, dass ihr Onlinekatalog eine erbärmliche Sache ist. Habe deshalb spaßeshalber den Namen der Malerin eingegeben. Das Ergebnis war: Es wurden keine Ergebnisse zu Eva Gonzalès gefunden. Dazu kann man nur sagen: quod erat demonstrandum. Wenn man bei Google Eva Gonzalès eingibt, ist dies Bild als ➱Sammlungshighlight eins der ersten Ergebnisse. Soviel zum Onlinekatalog.

Das hier ist ein Bild von ➱Manet, das kleine Mädchen ist die Tochter seines Malerkollegen Alphonse Hirsch. Das Kindermädchen ist zwar auch ordentlich gekleidet, aber es versucht nicht, eine Dame zu spielen. Manets Bild ist sechs Jahre vor dem Bild von Eva Gonzalès gemalt. Wir erkennen, dass beide Bilder etwas miteinander gemein haben: in beiden Bildern blickt uns das Kindermädchen an, in beiden wendet sich das Kind ab. Ich zitiere dazu einmal von der Seite der ➱National Gallery of Art (die im Gegensatz zu Bremen richtig gute Seiten haben):

Most striking, however, are the ways in which Gonzalès consciously diverged from Manet’s model. Whereas Manet’s work feels somewhat claustrophobic, with figures trapped between the shallow foreground and the black metal bars of the fence behind them, Gonzalès’ painting delights in open space. Despite the summary depiction of the garden, she reveals a sensitivity to the play of sunlight as it peeks through the trees and dapples the ground, suggesting that she may have painted the work at least in part out of doors. Consequently, the figures seem to inhabit a landscape, rather than pose against a backdrop. Nanny and Child is not a mere imitation of Manet’s painting, but a thoughtful and highly original response to the subject, reimagined and transformed into something entirely new and undeniably her own.

Hier hat Manet sein ehemaliges Modell und seine Schülerin Eva Gonzalès beim Malen gemalt, elegant im weißen Kleid. Wir sind ein wenig in Sorge, dass da Farbe drauf kleckern könnte. Normalerweise sieht man Malerinnen – auch die Malweiber – ja in einem Malkittel. Aber es soll ja Maler geben, die malen können, ohne zu kleckern. ➱Magritte malte immer im eleganten Anzug im Wohnzimmer, hat nie Spuren von Ölfarben auf dem Teppich hinterlassen, den er vor der Staffelei ausrollte. Darüber könnte ich noch stundenlang schreiben, aber es ist Poetry Month. Ein Gedicht zum Thema Kindermädchen muss her. Ich fand schnell ein schönes Gedicht, das aber nichts mit der Belle Époque zu tun hat. Es ist ein Gedicht, das Puschkin 1826 in der Verbannung über sein Kindermädchen ➱Arina Rodjonowna, dem er so viel verdankte, geschrieben hat. Seine einzige wahre Freundin hat er sie genannt. Ich fand das Gedicht zuerst in einer englischen Übersetzung:

To My Nanny


Dear doting sweetheart of my childhood,

Companion of my austere fate!

In the lone house deep in the wild wood

How patiently for me you wait.

Alone beside your window sitting

You wait for me and blame the clock,

While, in your wrinkled hands, your knitting

Fitfully falters to a stop.

Beyond the crumbling gates the pinetrees

Shadow the road you watch so well.

Nameless forebodings, dark anxieties,

Oppress your heart. You cannot tell

What visions haunt you: Now you seem to see…

Ein wenig Suche förderte auch das russische Original zutage:

Няне


Подруга дней моих суровых,

Голубка дряхлая моя!

Одна в глуши лесов сосновых

Давно, давно ты ждешь меня.

Ты под окном своей светлицы

Горюешь, будто на часах,

И медлят поминутно спицы

В твоих наморщенных руках.

Глядишь в забытые вороты

На черный отдаленный путь:

Тоска, предчувствия, заботы

Теснят твою всечасно грудь.

То чудится тебе…

Das hätte ich (und Sie wohl auch) nun gerne auf Deutsch gehabt. Also schickte ich einen Hilferuf an Friedrich Hübner, der alles, wirklich alles, über die russische Literatur weiß. Das ist der Mann, der mich jahrelang gedrängt hat, endlich ➱Krieg und Frieden zu lesen. Und der mir den Roman geschenkt hat, der die Basis für den großartigen Film ➱Mein Freund Iwan Lapschin war. Friedrich Hübner ist in diesem Blog schon häufiger erwähnt worden, und sein Buch ➱Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen: Eine kommentierte Bibliographie steht schon in dem Post ➱Bolotow. Von Herrn Hübner bekam ich umgehend eine deutsche Übersetzung zugesandt:

An die Kinderfrau


Du Trösterin in trüben Tagen,

Mein gutes Täubchen, alt und krank,

Nun wartest du auf meinen Wagen

Im öden Waldhaus schon so lang,

Schaust auf den Weg vom Fenster nieder,

Getreu wie ein Soldat auf Wacht,

Und läßt das Strickzeug immer wieder

Ganz ungeduldig außer acht,

Starrst auf das Tor, das noch verschlossen,

Spähst auf die dunkle Straße weit,

Besorgt, voll Ahnungen, verdrossen

Ob dieser langen Wartezeit.

Bisweilen denkst du gar…

Und dazu die Information, dass die Rohübersetzung der deutschen Fassung von Lieselotte Remané, die endgültige Nachdichtung von ihrem Mann Martin Remané stammt. Das Übersetzerehepaar kenne ich schon. Nicht nur, weil sie ➱Lewis Carroll übersetzt haben, sondern weil ich die Erinnerungen der Fürstin ➱Maria Wolkonskaja gelesen habe. Was für mich damals eine sehr eindrucksvolle Lektüre war. Wir wollen mal hoffen, dass Puschkin seiner Kinderfrau Blumen mitgebracht hat. Diese Blumen hier sind natürlich von Eva Gonzalès, die gerne Blumen malte. Wahrscheinlich lässt Manet sie deshalb auf seinem Portrait auch Blumen malen. Und plaziert noch eine Blume auf dem Teppich. Die Blumen habe ich hier abgebildet, weil ich ➱Susanne Haun grüßen möchte, die eine meiner treuesten Leserinnen in dem Blog ➱vita brevis, ars longa ist und die mir letztens so nett über Blumen geschrieben hat.

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