Die Brücke von Arcole

Der General Charles Pierre François Augereau, der heute vor 201 Jahren starb, war der Sohn eines Pariser Obsthändlers. Der eine Frau aus München geheiratet hatte. Sie hat mit ihrem Sohn nur Deutsch gesprochen, so wurde Augereau Napoleons einziger Marschall, der perfekt Deutsch sprach. Viel mehr Bildung hat dem kleinen Pierre seine Familie allerdings nicht vermittelt, mit siebzehn war er als Karabinier in dem Garderegiment, das der Bruder des Königs kommandierte, mit neunzehn desertierte er. Auf dem Bild sehen wir ihn mit einem Gewehr, aber das ist nicht die Waffe, die er bevorzugt, er kann mit Degen und Säbel umgehen wie kein zweiter. Wegen eines tödlichen Ehrenhändels kommt er vor das Kriegsgericht, da zieht er die Desertion vor. Sie können alles darüber in den interessanten ➱Memoiren des Generals de Marbot nachlesen.

Augereau war danach im russischen Heer, dann im preußischen Heer, ein kleiner condottierie auf der Flucht vor dem Todesurteil des französischen Kriegsgerichts. Zuletzt war er Fechtlehrer in Neapel. Aber dann kam die Revolution, und Augereau machte Karriere in der Revolutionsarmee. Wurde General, Marschall und Herzog von Castiglione. Den Titel hat er von Napoleon bekommen, weil er die Schlacht von Castiglione mitentschieden hat. Augereau war mutig, besaß aber nicht annähernd die taktische Intelligenz eines ➱Davout.

He was in fact a soldier and nothing else. A buffoon, a brute, and a bonhomme, these three words cover most of his character; and military instinct covers the rest, heißt es in ➱A.G. MacdonellsNapoleons and his Marshals. Und er klaute alles, was er in die Finger kriegte. Der Kunsträuber Marschall Soult ist ein kleines Licht gegen ihn (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Kunstraub). Auf diesem rührend naiven Bild (der kleinen Tambourmajor versucht seinen General von dem gefährlichen Angriff abzubringen) sehen wir unseren General bei einer Heldentat: er führt die französischen Truppen zum Sieg gegen die Österreicher über die Brücke von Arcole. Oder auch nicht.

Arcole ist ein Ort, der heute durch seinen ➱Spargel berühmt ist. Aber die Brücke von Arcole? Da war doch mal was. Das war doch ein ganz anderer, der da mit der Fahne in der Hand über die Brücke marschiert ist. Auf diesem Bild von ➱Horace Vernet, das die Brücke von Arcole zeigt, ist Augereau nicht zu sehen. Hier trägt der junge Napoleon die Fahne und zeigt den Truppen, wohin sie marschieren müssen. Augereaus Versuch, über die Brücke zu kommen, war übrigens gänzlich misslungen. Und auch das Bild von Vernet zeigt nicht die Realität. Zwar hatte Napoleon eine Fahne ergriffen, aber weit weg von der Brücke. Es sollte eine symbolische Tat sein. Seine Begleiter stießen ihn zu Boden, damit er nicht von den österreichischen Kugeln getroffen wurde. Der Kaiser landete im Matsch des Sumpfes. Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas.

Es ist nicht so sehr der kleine Fluss Alpona, der Napoleons Truppen aufhält (über den bauen einzelne französische Verbände schon an anderen Stellen Pontonbrücken), es sind diese Sümpfe an den Ufern des Flusses. Aber Sümpfe sind als Sujet der ➱Historienmalerei nicht so recht malerisch. Da muss schon etwas anderes her, so etwas wie dieses ➱Bild von Antoine-Jean Gros mit dem heroischen Napoleon auf der Brücke von Arcole. Der dann gleich an seine Josephine schreibt: Endlich, meine angebetete Josephine, lebe ich wieder auf. Der Tod schwebt nicht mehr vor meinen Augen, aber in meinem Herzen glühen noch Ruhm und befriedigter Ehrgeiz. Der Feind ist bei Arcole geschlagen worden. Da sieht man keine Sümpfe. Und keine verschmutzte Uniform. Das ist wieder einmal ein Beispiel dafür, dass uns die Historienmalerei belügt. ➱Joshua Reynolds hat gesagt: the artist … must sometimes deviate from vulgar and strict historical truth in pursuing the grandeur of his design. Für Reynolds war die Landschaftsmalerei die höchste Form der Malerei. Er selbst hat keine Historienbilder gemalt.

In den Denkwürdigkeiten aus der Geschichte der österreichischen Monarchie können wir lesen: Treffen bey Arcole. Den 17. November 1796. Das Heer, welches Mantua entsetzen sollte, stand unter dem Commando des Feldzeugmeisters Allvincy. Er ließ von Tyrol her nur eine Diversion machen, und rückte mit der Hauptarmee auf Verona vor. Buonaparte ging mit den Truppen, die er nicht zur Einschließung von Mantua unumgänglich zurücklassen mußte, dem General Allvinzy entgegen. Bey Arcole, das die Oesterreicher besetzt hatten, wurde die französische Avantgarde einen ganzen Tag aufgehalten. Vergebens stellten sich mehrere Generale, und unter diesen Augereau, an die Spitze, um eine kleine Brücke zu forciren. Vier von ihnen wurden verwundet; selbst die Gegenwart des Oberfeldherrn, Buonaparte, der sich der größten Gefahr aussetzte, vermochte nicht, dieß Hinderniß zu überwinden. Am folgenden Tage erbaute man mehrere Brücken; und nun kam es zu dem berühmten Treffen bey Arcole. Es war äußerst hartnäckig und blutig. Die Franzosen fochten mit unglaublichem Muth, aber umsonst war alle ihre Kühnheit. Sie konnten den österreichischen Batterien nicht widerstehen. Endlich kam der General Guieux den Oesterreichern im Rücken heran. Nun erst, mit Einbruch der Nacht, entschied sich die fürchterliche Schlacht zum Vortheil der Franzosen. Allvinzy mußte sich über Bassano zurück ziehen. Der Obelisk hier erinnert immer noch an die Schlacht von Arcole

Dieses Bild von Paul Delaroche haben wir nicht im Kopf, wenn wir an Napoleon und die Alpen denken, wir denken da immer an das Propagandagemälde von ➱Jacques-Louis David. Aber dies Bild entspricht der Wirklichkeit, Napoleon ist auf einem Esel mit der Nachhut über die Alpen gekommen. Die heroische Pose auf dem ➱Bild von David gehört in den Bereich der alternative facts. Wie so vieles in der Malerei, die vorgibt dabei gewesen zu sein. Die Erschießung ➱Maximilians hat anders ausgesehen als bei Manet (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Sah das Schloss von Lissa, in dem Friedrich der Große angeblich Bonsoir, Messieurs sagte, wirklich so aus wie bei ➱Menzel?

Ob es der tödliche ➱Säbelhieb ist, mit dem der französische Sergeant den Prinzen Louis Ferdinand vom Pferd fetzt, ob Washington den ➱Delaware überquert, ob ➱General Wolfe bei Quebec stirbt, ob der Kaiser im Spiegelsaal von ➱Versailles gekrönt wird: die Maler schaffen eine eigene Wirklichkeit. Und weil Bilder in unseren Köpfen bleiben. Die ➱Geschichtsbücher sind voller Bilder, die uns denken lassen: wir sind dabei gewesen. Und nur ganz selten zeigt ein Historienbild die Wirklichkeit wie hier bei Gérômes ➱7. Dezember 1815, neun Uhr morgens: Die Hinrichtung des Marschall Ney (der Link führt zu einem längeren Post zu unserem Thema). Jean-Léon Gérôme ist dem Realismus verpflichtet, er wird das Aufkommen der Photographie als Kunstform begrüßen, die Impressionisten sind für ihn Vaterlandsverräter.

Aber die Photographie kann uns genauso belügen wie die Historienmalerei, da brauchen wir nur an das Bild von Iwo Jima zu denken. Als man noch mit einer Leica und einem Schwarzweiß Film photographierte, war das Fälschen nicht so leicht. Mit den Digitalkameras ist die nachträgliche Bildbearbeitung ein Klacks. Natürlich können Bilder die Geschichte verdeutlichen, Norman Rockwells Bild der kleinen Ruby Bridges (➱The problem we all live with) hat das gezeigt. Aber Bilder können auch nichts anderes als fake news sein. Wie dieses hier.

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