Streik

Dies Bild von Erik Henningsen aus dem Jahre 1899 hat den Titel En agitator. Man weiß nicht so genau, wer der Redner auf dem Podium ist, dänische Kunsthistoriker tippen auf Frederik Borgbjerg oder Louis Pio. Als Henningsen das Bild malt, haben viele dänische Großbetriebe ihre Arbeiter auf die Straße gesetzt, weil die Gewerkschaften eine Verbesserung der Lohn- und Arbeitsbedingungen erreichen wollten. Die Arbeitskämpfe führen im September 1899 zu einem Vergleich, den man als das Grundgesetz des Arbeitsmarkts bezeichnet hat. Dänemark lebt heute immer noch mit diesem Vertrag.

Der Däne Erik Henningsen ist nicht der einzige, der die Welt der Arbeiter entdeckt hat. Viele Maler am Ende des 19. Jahrhunderts malen Bauern, Fischer und Arbeiter. Das Deutsche Historische Museum hat zu dem Thema eine interessante Seite. Bei Charles Maurin sieht das auf seinem Bild L’aurore du travail ganz anders aus als bei Henningsen. Das Bild von Maurin zog in der Ausstellung Salon de la Rose + Croix, die Joséphin Péladan organisiert hatte, die meisten Blicke auf sich. Das Guggenheim Museum hat in diesem Jahr all die Bilder der Avantgarde des Symbolismus aus dem Keller geholt. Mystical Symbolists in All Their Kitschy Glory, schrieb die New York Times.

Ich möchte mal eben zu etwas Handfestem zurückkommen, so wie dem agitator von Henningsen. Und da nehme ich mir doch dieses Bild hier, es heißt Der Sozialist, genauer gesagt: A German Socialist Propounding His Bloodthirsty Ideas. Gemalt wurde es von Robert Koehler, einem Amerikaner mit deutschen Wurzeln, der am 28. November 1850 in Hamburg geboren wurde. Die Sozialisten, die kommen immer aus Hamburg. Also Angela Merkel und Ernst Thälmann … igendwas ist an diesem Satz, glaube ich, falsch. Angela Merkel kommt aus Hamburg, aber ich denke, sie ist keine echte Sozialistin. Niemand weiß, was sie ist. Ich bleibe mal eben bei Thälmann. Mein Onkel Karl hat in den Jahren 1953 bis 1956 an einer Figurengruppe zu Ernst Thälmann im Hamburger Aufstand gearbeitet, aber da sah niemand so aus wie hier bei Robert Koehler. Bei diesem Sozialisten weiß man, woran man ist. Er ist die Verkörperung des Gespenstes, das in Europa umgeht. Letztlich eine Karikatur, aber doch sehr eindrucksvoll als Kinderschreck.

Robert Koehler hat in Pittsburgh und New York studiert, aber auch in München. Dort hat er William Merritt Chase und Frank Duveneck kennengelernt, die lebenslang seine Freunde sein werden. Die beiden haben in diesem Blog schon einen Post. Einer seiner Münchener Lehrer war Franz von Defregger, ein Historienmaler, der es wie hier bei dem Heimkehrenden Tiroler Landsturm beherrschte, kleine Volksmassen zu inszenieren.

Das wird Robert Koehler auch können, wenn er 1886 sein in München gemaltes Bild Der Streik auf der Frühjahrsausstellung der National Academy of Design in New York vorstellt. Das Bild wird zu einer Sensation, denn 1886 ist das Jahr nie zuvor gesehener Arbeitskämpfe in Amerika, die im Haymarket Riot und Haymarket Massaker gipfeln. Dies ist ein Bild, in das man viel hineinlesen kann.

Der Kapitalist mit seinem Zylinder scheint unnachgiebig gegenüber den Arbeitern, deren Wortführer ein rotes Hemd trägt. Das mit dem roten Hemd hat noch nichts mit Ideologie zu tun, noch nichts mit dem rote Fahnen sieht man besser. Diese roten dicken Unterhemden sieht man auch in vielen Western, und das ist durchaus historisch korrekt. Noch wird geredet, aber da vorne rechts im Bild greift schon einer nach einem Stein. Wenn Steine fliegen, ist die Diskussion zu Ende. Wird er wirklich den Stein aufheben und ihn werfen?

Robert Koehler stand den Ideen des Sozialimus nahe. Seine Arbeiter sind keine Bittsteller, die wie Oliver Twist Please, sir, I want some more sagen. Sie stehen selbstbewusst vor ihrem Fabrikherren, sie diskutieren mit ihm, sie diskutieren miteinander. Sie sind sich uneins, sind noch keine geschlossene Front. Eine Frau steht mit ihren Kindern links am Rand, abwartend. Eine andere diskutiert in der Bildmitte mit einem Mann. Dies ist ein Bild, zu dem wir viele Geschichten erfinden können. Das Bild wird durch Reproduktionen schnell verbreitet, in den USA wie in Deutschland. Es wird, wie es so schön heißt, zu einer Ikone der Arbeiterbewegung. Aber als es 1893 auf der World’s Columbian Exposition gezeigt wird, redet niemand mehr über das Bild. Man möchte das Haymarket Massaker und die Arbeitskämpfe vergessen.

1899 wird das Bild auf der Pariser Weltausstellung gezeigt. Der Schriftsteller Peter Weiss ist mit diesem Bild aufgewachsen, weil in der Wohnung der Eltern in Bremen eine Reproduktion aus dem Magazin Harper’s Weekly an der Wand hing. Er hat später darüber geschrieben: Unzählige Male, schon als Kind, hatte ich dieses Bild betrachtet und mit meinen Eltern drüber gesprochen, und immer wieder regte es die Phantasie zu neuen Auslegungen an. In der Gruppe der auf dem freiem Platz vor dem Haus versammelten Arbeiter schienen alle Entwicklungsmöglichkeiten des entstandenen Konflikts enthalten zu sein.

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