Düsseldorfer Schule

Der Maler Carl Friedrich Lessing, dessen Vater ein Neffe von Gotthold Ephraim Lessing war, wurde heute vor 210 Jahren geboren. Auf diesem Bild seines Kollegen Friedrich Boser sehen wir ihn zusammen mit den wichtigsten Malern der Düsseldorfer Schule, zu deren Mitbegründern Lessing zählt. Lessing ist der Herr im blauschwarzen Rock, der eine Papierrolle in der Hand hält. Ein wenig dandyhaft, das ganze Bild ist darauf angelegt, dass er die Hauptperson ist. Ich weiß, dass Sie jetzt unbdingt wissen wollen, wer der Kleinwüchsige auf dem Bild ist. Das ist niemand anderer als Johann Wilhelm Preyer. Der Malerzwerg vor seiner Staffelei hat Johann Peter Hasenclever sein Portrait von Preyer genannt.

Friedrich Boser hat auch zusammen mit Carl Friedrich Lessing das Bild Das Vogelschießen der Düsseldorfer Künstler im Grafenberger Wald gemalt. Das Bild ist wie das Bild oben nach New York gewandert, wo es eine Düsseldorf Gallery gab. Das Vogelschießen ist immer noch in New York, Bosers ➱Bilderschau der Düsseldorfer Künstler im Galeriesaal hat Düsseldorf zurückgekauft.

Lessing konnte technisch gut malen. Malt mal ein wenig wie Caspar David Friedrich (als dessen Nachfolger er angesehen wurde), mal ein wenig wie Claude Lorrain. Auch Schinkel (bei dem er kurze Zeit studierte) und Blechen haben Einfluss auf den jungen Lessing gehabt. Ich mag seine Landschaften, seine Historienbilder sind nicht meine Sache. So etwas habe ich immer wieder in meinem Blog gesagt, zum Beispiel in dem Post Moritz von Schwind. Diesen stillen und unspektakulären Sonnenaufgang im Harz ohne Staffage von Rittern und Mönchen finde ich sehr schön.

1832 hatte Lessing mehr als zwei Monate lang die Eifel durchwandert, was ihn zur realistischen Landschaftsmalerei gebracht hat. Es war seine vierte Eifelreise, weitere sollten folgen. Ich hätte hier in der ➱Zeitschrift des Eifelvereins eine interessante Seite, wo er als Entdecker der Eifel gefeiert wird. Auf diesen Reisen begleitet ihn häufig der Maler Johann Wilhelm Schirmer, mit dem zusammen er 1827 den Landschaftlichen Komponierverein gegründet hatte. Was wären Deutsche ohne einen Verein?

Als ich klein war und mich durch die großformatigen Kunstbände meines Opas durcharbeitete – die leider nur Historienmalerei enthielten – habe ich dieses Bild nicht verstanden. Es heißt Schützen am Engpaß, der Berliner Bankier Joachim Heinrich Wilhelm Wagener hat viertausend Taler dafür bezahlt. Das Bild und seine Gemäldesammlung wurden später der Grundstock der Berliner Nationalgalerie. Wageners erstes Bild war Schinkels Gotische Kirche am Meer, ein Bild, das ich immer wieder betrachen kann. Dies hier nicht, aber die Seite der Staatlichen Museen Berlin hilft uns mit einer Interpretation aus.

Da ich bei den Scheußlichkeiten der Historienmalerei bin: Diese Hussitenpredigt von Lessing finde ich auch furchtbar. ➱Sir Joshua Reynolds hatte in seinen ➱Vorlesungen zur Kunst die Historienmalerei als die edelste Form der Malerei verherrlicht, hatte sich selbst aber nicht in dem Genre betätigt. Sein Kollege ➱Gainsborough vermied das Genre auch, ➱John Constable sowieso. Aber Carl Friedrich Lessing, der die Natur liebt, der wendet sich ab 1836 der Historienmalerei zu und malt nur noch so etwas wie das hier.

Die Ritter (ohne Drachen), die Mönche und die verfallenen Abteien, die lässt er jetzt hinter sich. Vielleicht war es eine höhnische Kritik Goethes an einem seiner Gemälde: Wohin führt uns nun aber Ihr Berliner Maler? In eine Winterlandschaft, und nicht etwa in eine jener heiteren holländischen, wo wir Damen und Herren sich lustig auf spiegelglatter Eisfläche schlittschuhlaufend umhertummeln sehen — oh, ich selbst war zu meiner Zeit ein tüchtiger Schlittschuhläufer — nein! hier führt uns der Maler in eine Winterlandschaft, in welcher ihm Eis und Schnee nicht genug zu sein scheint; er überbietet, oder wir können sagen: er überwintert den Winter noch er überbietet, oder wir können sagen er überwintert den Winter noch durch widerwärtigste Zugaben. Da sehen sie: einen in warmen Tagen uns mit einem kühlen Labetrunk versorgenden Brunnen, aus dessen Löwen- und Drachenrachen das festgefrorene Wasser wie eine Zunge von Eis heraushängt, fest an den Boden angefroren ... Die widerwärtigste Zugaben sind ein Problem der Malerei in dieser Zeit. Zu dem tüchtigen Schlittschuhläufer Goethe können Sie hier mehr lesen.

Lessing hat großen Einfluss auf Emanuel Leutze und all die Amerikaner gehabt, die jetzt nach Düsseldorf kommen. Leutze ist vielleicht der berühmteste der Amerikaner, die in Düsseldorf ihre malerische Ausbildung erhalten. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, wie weit der Ruhm der Düsseldorfer Akademie in die Welt ausstrahlt. Der Kunsthistoriker Richard Muther hat Leutzes Washington Crosses the Delaware als ein ehrliches, loyales Historienbild, das in der ruhigen Sachlichkeit seiner Komposition mehr dem ernsten Copley als dem sentimental-pathetischen Lessing ähnelt bezeichnet. Mit dem dem sentimental-pathetischen Lessing trifft er den Kern der Lessingschen Historienmalerei.

Glücklicherweise gibt es aber auch Historienbilder, die eigentlich Landschaftsbilder sind. Wie dieses hier, das die Bremer Kunsthalle besitzt. Eine schöne Landschaft, ein schöner Himmel, eine schöne Verteilung des Lichtes. Und dann gibt es noch eine kleine Figurenstaffage. Nach dem Duell (oder Nach dem Zweikampf) heißt dieses 1862 gemalte Bild, das die Bremer Kunsthalle seit 1931 besitzt. Geschenk einer Kunstfreundin steht im Katalog. Ich habe schon mal, wahrscheinlich in dem Post Kunsthalle Bremen, gehässige Dinge über den Online Katalog der Kunsthalle gesagt. Kann ich gerne wiederholen, er funktioniert mal wieder nicht. Der Katalog in Buchform funktioniert immer, den muss ich nur aus dem Regal nehmen. Der im Zweikampf Unterlegene liegt in weißem Hemd und roten Hosen tot auf dem Boden, sein Grab wird schon geschaufelt. Das Ganze soll eine Szene aus dem Dreißigjährigen Krieg sein. Sie haben in Bremen aber noch mehr Bilder von Lessing, glücklicherweise alles Landschaftsbilder. Die meisten sind im Archiv, ich bin froh, dass ich Nach dem Duell einmal gesehen habe.

Auch dieses Bild, das Die Belagerung heißt (und die Verteidigung eines Kirchhofs im Dreißigjährigen Krieg darstellt), ist wie Nach dem Duell eine Mischgattung aus Landschafts- und Historienbild. Wir sind hier wieder im Dreißigjährigen Krieg, das Bild wurde ebenso wie Schützen am Engpaß 1848 gemalt. Interpreten werten beide Bilder als Zeugnis der 1848er Revolution. Man kann Die Belagerung als Kissenbezug kaufen, aber ich weiß nicht, ob man auf solch einem Kissen gut schläft.

So schön das Restlicht der Sonne vor einem heranziehenden Sturm gemalt ist, Die Belagerung bleibt letztlich akademisch kalt. Es leuchtet kein Feuer von innen her wie auf diesem Bild von Carl Blechen. Letztlich ist Lessing ein Zeichner, kein Maler.

Könnte er natürlich sein, immer wieder blitzt sein Können auf. Wie zum Beispiel bei dieser Landschaft mit Krähen. Die besten Bilder haben die Museen, dies hier hängt in Los Angeles. Es sind noch genügend Bilder von Lessing im Handel, so berühmt er einst war, heute sind seine Bilder preiswert zu haben. Dies natürlich nicht. Die Bilder von Blechen auch nicht.

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