Gerta Overbeck

Sie hat nichts mit dem Nazarener ↠Friedrich Overbeck oder dem Worpsweder ↠Fritz Overbeck zu tun, die Malerin Gerta Overbeck, die am 2. März 1977 starb. Ihre erste Einzelausstellung hatte sie 1976 in der Galerie Krokodil in Hamburg, da war sie achtundsiebzig Jahre alt. Von der Begeisterung des Kunstmarkts für die Neue Sachlichkeit hat sie leider nie profitiert. Gerta Overbeck kam – ähnlich wie die Bremerin ↠Anna Feldhusen – aus einer wohlhabenden großbürgerlichen Familie. Ihr Vater Julius stammte aus einer in Dortmund ansässigen Brauerdynastie, ihre Mutter Hedwig war die Tochter des Dortmunder Oberbürgermeisters Wilhelm Schmieding. In das Landhaus der Schmiedings in Cappenberg zog die Familie um 1900, dort ist Gerta Overbeck aufgewachsen, und dort hat sie den größten Teil ihres Lebens verbracht. Es gibt im Ort heute noch einen ↠Gerta Overbeck Weg.

Bierbrauer und Kunst hatten wir schon einmal in dem Post ↠Bierbrauer, der von dem schwedischen Maler ↠Anders Zorn handelt. Man könnte das einmal genauer untersuchen, was der Gerstensaft und Kunst miteinander zu tun haben. Viele derjenigen, die um 1900 in Dortmund und Umgebung mit dem Bier reich geworden sind, fördern die Künste. Der Dortmunder Bierbrauer Josef Cremer zum Beispiel hatte eine große Kunstsammlung, besaß sogar einen ↠Patinir. Auch Julius Overbeck, der Vater von Gerta betätigte sich als Mäzen. Heute sind noch viele Brauereien dabei, die Künste zu fördern. Warsteiner hat seinen BLOOOM Award, die Diebels Brauerei kümmert sich um Kunst und Kultur, Sitten und Gebräuche, Tradition und Geschichte sowie Natur und Umwelt allein am Niederrhein, Beck’s unterstützt die ↠Bremer Kunsthalle.

Nach dem Abitur hat Gerta Overbeck von 1915 bis 1918 am Zeichenlehrerseminar der Kunstgewerbeschule Düsseldorf studiert und nach dem Examen ein Jahr als Zeichenlehrerin an einem Dortmunder Gymnasium gearbeitet, schrieb sich dann aber an der Kunstgewerbeschule in Hannover ein. Und trat in die gerade gegründete KPD ein. Über ihre Malerkollegin Käthe Kollwitz urteilte sie später: So sehr ich das Werk von Käthe Kollwitz schätze, finde ich doch, dass ein Maler sich in erster Linie mit der Komposition und Farbgebung zu befassen hat und nicht versuchen sollte, auf diese direkte Weise seine proletarische Gesinnung zum Ausdruck zu bringen und Gutes zu wirken. 

Das Aquarell mit dem Hippodrom auf der Reeperbahn aus den zwanziger Jahren markiert eine Abwendung von den sozialkritischen Themen, die sie bis 1920 beschäftigten. Zeigte das das Hippodrom auf der Reeperbahn noch Einflüsse des Expressionismus, so ist die Arbeiterfrau am Bahndamm im nächsten Absatz ganz der ↠Neuen Sachlichkeit verschrieben. Gerade Linien dominieren.

Die Zeit an der Kunstgewerbeschule in Hannover ist die schönste Zeit im Leben der Gerta Overbeck, sie wird neue Freunde und viele Anregungen gewinnen. Aber es ist auch eine Zeit der Entbehrungen: Als die Inflation weiter fortschritt, mußten die meisten von uns die Schule verlassen. Sie strichen Eisengerüste und Fahrstühle an, arbeiteten als Bühnenarbeiter, als Kunstgewerbler, Reklamezeichner für einen Stundenlohn von 120 Reichsmark, der gerade ausreichte für Brot und Margarine.

Reich werden wie George Braque, der einen ↠Rolls Royce fährt, kann man mit dieser Kunst der Neuen Sachlichkeit nicht. Die Kunststudenten in Hannover gehen zu Fuß, für die Straßenbahn reicht das Geld nicht. Aber sie wollen es nicht anders: Sehr bewußt stellten wir uns in den zwanziger Jahren in Gegensatz zur sogenannten Gesellschaft. Wir wurden auf diese Weise davor bewahrt, den Leuten zuliebe landläufige und gut verkäufiche Themen zu wählen oder etwas nachzuahmen. Man muss dieses Leben für die Kunst bewundern.

Das Examen am Zeichenlehrerseminar der Kunstgewerbeschule Düsseldorf bewahrt Gerta Overbeck vor dem Sturz ins Bodenlose: Als ich mich dabei ertappte, wie ich die Straße nach Geld absuchte, sagte ich mir, dass es so nicht weitergehen könne. Sie arbeitet zuerst als Zeichenlehrerin ein Jahr am Schillerlyzeum in Dortmund und bekommt dann eine feste Anstellung am Katholischen Oberlyzeum für Mädchen, das von den Schwestern der christlichen Liebe im 19. Jahrhundert gegründet wurde. Hinzu kommen Lehraufträge am  staatlichen Gewerbeseminar.

Den späten Ruhm, die Ausstellungen und Kataloge der hannoverschen Maler der Neuen Sachlichkeit wie ↠Leider hab ich’s Fliegen ganz verlernt. Portraits von Künstlerinnen und Schriftstellerinnen der Neuen Sachlichkeit und ↠Der stärkste Ausdruck unserer Tage: Neue Sachlichkeit in Hannover wird sie nicht mehr erleben. Ich habe zum Schluß noch etwas Schönes, eine ↠Seite, auf der man beinahe alles über diese interessante Malerin erfährt, für solche Seiten ist man dem Internet dankbar.

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