Zwieback

Der Post über den →Vegesacker Markt wurde viel gelesen, das war nett. Ein Leser, der noch Photos aus den fünfziger Jahren an die Mail hängte, gestand mir, dass er mal bei Haberjahn vom Pferd gefallen ist. Konnte mir nicht passieren, da ich um Pferde einen großen Bogen mache, das steht schon in dem Post →Derby. Mein Freund Peter aus Hamburg schickte mir – er schreibt immer alles klein – ein Résumé seiner Marktbesuche: woran ich mich noch erinnere: scherenschnitte / profile, immer mehrere blatt uebereinander, wir haben noch 2 von unseren grossen soehnen; eine frau mit einer singenden saege; ein botanisches wunder: rose von jericho; aber auch praktisches: fleckenentferner; messerschleifer; die losverkaeufer in immer etwas schmuddeligen kitteln; achterbahn; dosenwerfen, entenangeln, geisterbahn, zuckerwatte, liebesaepfel, gebrannte mandeln, jenes fahrgeschaeft, in dem einem der boden unter den fuessen weggezogen wurde in einem sich schnell drehenden zylinder, aber auch die die ganz harmlosen „und dann und wann ein weisser elefant“: feuerwehrautos, riesenschwaene, die glocke zur anzeige des fahrtendes, glueckliches zuwinken von eltern und kindern im vorbeifahren.

Ich möchte noch einmal auf die im Post Jahrmarkt erwähnte Bäckerei Schnatmeyer zurückkommen. Weil ich da nicht nur Brötchen gekauft habe, sondern auch Zwieback. Der Bremer Zwieback hat wenig mit dem zu tun, was man gemeinhin unter Zwieback versteht, es ist ein sechseckiges Brötchen. Oben und unten kross, in der Mitte leicht süßlich. Sehr lecker. War auch teurer als das normale Brötchen. Der Bremer Zwieback gehört auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Brotarten, titelte die →taz einmal. Die Bäckerei Schnatmeyer ist seit dem Jahre 1821 an dieser Stelle, da sind die Schnatmeyers in das Haus eingezogen, das sich der Schwiegervater, der Bäckermeister und Ortsvorsteher Berend Harbers, 1798 hatte bauen lassen. Das gelbe Haus links daneben ist jüngeren Datums, darauf komme ich noch zu sprechen.

Im 19. Jahrhundert versorgten sie noch nicht die Nachbarschaft mit Brötchen und Zwieback, da rüsteten sie Schiffe aus. Meistens Walfänger. Da lieferten sie zum Beispiel dem Kapitän Wischhusen für den Walfänger Grönland 2.801 Pfund Hartbrot, 110 Pfund feine Cakes, ein Fass Zwieback, 25 Pfund ordinäre Cakes und 3.330 Pfund Weichbrot. Die hier erwähnten Cakes (von denen sich unser Wort Keks ableitet) bestanden aus Weizenmehl und wurden je nach den Zutaten als fein oder ordinär geliefert. Für das steinharte Brot, das in der Form einem übergroßen Pferdehuf ähnelte und deshalb beim Schiffsvolk Peerfööt genannt wurde, garantierte Schnatmeyer die Haltbarkeit für die Dauer eines Jahres. Es hielt manchmal auch länger: Zwei Jahre waren wir derzeit bereits auf großer Fahrt unterwegs, doch der braune Vegesacker Schiffszwieback hatte sich gut erhalten. Vom Zahn der Zeit und von der bösen Mehlmotte unverdorben, schmeckte er uns wie lang entbehrtes Konfekt.

Neben Schnatmeyer stand das →Hotel Bellevue, in der Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut, inzwischen längst abgerissen. Wie der halbe Ort. Man kann ja froh sein, dass Schnatmeyers Haus noch steht. Es ist neuerdings rot, früher war es weiß, sah besser aus. Da merkte man noch, dass es ein Gebäude des Klassizismus war. Das Landesdenkmalamt hatte natürlich recht, dass es bei einer Renovierung darauf bestand, dass die weiße Farbe verschwand. Denn schon in Rudolf Steins Klassizismus und Romantik in der Baukunst Bremens können wir lesen, dass das Rotsteinmauerwerk erst in neueren Zeit weiß überschlämmt wurde. Der kleine Anbau auf der rechten Seite, das war die Keksfabrik, ist leider 1980 verlorengegangen. Man braucht keine große Backstube mehr, weil man keine Walfänger mehr mit 2.801 Pfund Hartbrot ausstattete. Und Zwieback kann man hier auch nicht mehr kaufen, die Bäckerei wurde 1969 aufgegeben.

Ein Bauwerk wird bei Rudolf Stein nicht erwähnt, und das ist der Stollenbunker der hinter der Keksfabrik in den Hang eingegraben war. Er diente den Anwohnern in den letzten Kriegstagen als Schutz, als die Engländer den Ort von Lemwerder aus beschossen. Zwischen Schnatmeyer und dem Hotel Bellevue war eine kleine Flakstellung eingerichtet worden, bemannt von Fünfzehnjährigen. Wenn der Engländer kommt, dann verschwindet ihr aber im Bunker, hatte der alte Schnatmeyer ihnen gesagt. Hier wird wenige Tage vor Kriegsende der Studienrat Dr. Alwin Belger, der Lieblingslehrer meiner Mutter, durch einen Tiefflieger zu Tode kommen. Nur wenige Meter entfernt von unserem Heimatmuseum, in dem er die letzten Jahrzehnte mit der Aufarbeitung des Gerhard Rohlfs Nachlasses verbracht hat. Er wollte mal eben durch das Fernglas der Flakstellung neben Schnatmeyer schauen, wäre er im Museum geblieben, wäre ihm nichts passiert. Man hatte ihn noch auf eine Schubkarre vom Polstermeister Ühne Flügel auf der anderen Straßenseite gelegt und zum Hartmannstift fahren wollen, aber es war ihm nicht mehr zu helfen. Sein geplantes Buch Die große Zeit deutscher Afrikaforschung und deutscher Kolonialarbeit: Nach dem Briefwechsel von Gerhard Rohlfs ist nie erschienen.

Im Haus Weserstraße 83 wohnt noch immer eine Familie Schnatmeyer, man kann da gut wohnen. Es gibt hier nicht viel Verkehr, und nach hinten hinaus hat man einen schönen Blick auf die Weser. Im Nachbarhaus No 84 möchte ich nicht wohnen, ein gruseliger Protzstil, innen wie außen. Erbaut zur Hochzeit von →Heinrich Friedrich Bischoff und →Marie Danziger, haben hier Reeder und Werftbesitzer gewohnt. Dann kam ein Oberlehrer Dr Heinrich Leo, dessen Nachkommen hier das ganze 20. Jahrhundert wohnten. Einer dieser Nachkommen, Per Leo, hat einen Roman um das Haus und die Familie geschrieben. Heißt Flut und Boden. Schnatmeyer wird in dem Roman nicht erwähnt. Solche Nachbarn kennt man offensichtlich nicht, wenn man in Nummer 84 wohnt.

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