Spurensuche

Ich hatte den Namen Gustav Dähn schon einmal gelesen, damals als ich versuchte, alles über Peter Gutkinds Vater, den Berliner Architekten Erwin Gutkind, herauszufinden. Dähn wurde in dem Buch als Berliner Architekturphotograph erwähnt, der auch prominente Schauspieler photographiert hat. In dem Post Photographieren habe ich auch einen Photographen namens Gustav Dähn erwähnt, der 1932 Haus, Photogeschäft und Archiv von historischen Photos an den Vater von Erich Maack verkaufte. Dieser Gustav Dähn ist mit diesem Photo des von Ernst Becker-Sassenhof erbauten Gebäudes des Vegesacker Rudervereins in einem der vier Bände der Blauen Bücher zur modernen Architektur von Walter Müller-Wulckow. Das Photo macht ihn bekannt, macht aber auch Becker-Sassenhof (zu dem es hier einen Post gibt) bekannt.

Es stellte sich jetzt die Frage, ob der Vegesacker Gustav Dähn und der Berliner Gustav Dähn dieselbe Person sind. Ich rief Dieter Maack in Vegesack an. Den habe ich seit Jahrzehnten nicht gesehen, aber als ich ihm sagte, dass ich mit seiner Schwester Annegret sechs Jahre lang in einer Volksschulklasse war, konnte er mich einordnen. Auf meine Frage nach Gustav Dähn wusste er einiges zu sagen, offensichtlich hatten ihm sein Großvater und sein Vater etwas über den Vorbesitzer ihres Geschäfts erzählt. Dähn sei ein hervorragender Photograph gewesen. Und ja, er sei nach dem Verkauf des Photogeschäfts nach Berlin gezogen. Der Historiker Thomas Begerow hat mir freundlicherweise dieses Plakat aus dem Jahre 1932 geschickt, jetzt ist uns alles klar.

Das Adressbuch der Photographie: Industrie, Handel, Gewerbe von 1929 führt Dähn mit dem Wohnsitz Vegesack b. Bremen. Das ist korrekt, Vegesack gehört noch nicht zu Bremen. Aber der junge Dähn will da weg, will nach Berlin, wo er Photos wie dieses vom Weinrestaurant Traube im Hause Gourmenia in Berlin, das im Erdgeschoss einen tropischen Garten besaß, machen kann. Es ist ein Architekturphoto aus dem Jahre 1930, das sich in vielen Büchern zu der Moderne in der Weimarer Republik findet. Der jüdische Architekt Leo Nachtlicht, der es gebaut hat, hat zwei Jahre später keine Arbeitserlaubnis mehr, ein Stolperstein in Berlin erinnert an ihn.

Gustav Dähn zieht nach Charlottenburg. Das nächste, das wir über ihn erfahren, findet sich im Nachrichtenblatt für das Photographenhandwerk von 1937: Berlin. Photographenmeister Gustav Dähn, Bcrlin-Charlottenburg, wurde mit der Tätigkeit als Gau-Bildberichterstatter der NSDAP für den Gau Groß-Berlin beauftragt und gleichzeitig als Bildberichterstatter dem Gruppenstabe der SA zugewiesen. Muss man das kommentieren?

Dort tritt er allerdings nicht weiter hervor, zwar hat er einmal Goebbels photographiert, aber er hat ein neues Tätigkeitsfeld entdeckt: Theater und Film. Schon 1930, als er das Weinrestaurant Traube photographierte, hat er die Schauspielerin Maria Eis photograhiert (die auch von seiner Hamburger Kollegin Anny Breer portraitiert wurde). Hier hat er 1939 Heinrich George als Götz von Berlichingen im Schiller Theater (in der Inszenierung von Heinrich George) photographiert, und dort hat er auch Paul Wegener in verschiedenen Rollen abgelichtet. Heinrich George wird er noch mehrfach photographieren.

Am berühmtesten ist das Familienbild aus dem Jahre 1940 geworden. Da ist die ganze Familie zusammen. Heinrich George mit seiner Frau Berta und dem kleinen Götz, den wir eines Tages als Schimanski kennen werden. Als Götz George das Leben seines Vaters verfilmte, tauchte dieses Photo in jeder Besprechung des Filmes auf. Man könnte meinen, es sei das einzige Photo, das die Familie in dieser Eintracht zeigt.

Nach dem Krieg hat unser Photograph einen neuen Wohnsitz: Gustav Dähn, früher Berlin, jetzt Marburg, steht 1954 in einem Buch über den Schauspieler Paul Wegener. Dähn macht immer noch Architekturphotos, aber mit der Avantgarde des Bauhauses hat er nichts mehr zu tun: er photographiert das historische Marburg. Nichts photographisch Revolutionäres. Schöne Postkartenmotive, mit einer Großbildkamera gemacht. Sie können hier im Bildindex Kunst und Architektur zahlreiche Photos von ihm sehen. Dähn ist jetzt Anfang der 50er Jahre sehr aktiv. Der Katalog vom Marburger Künstlerkreis ist voll mit seinen Aufnahmen, und im Merian zu Marburg im Jahre 1955 ist er auch vertreten.

Bruchstücke eines Photographenlebens. Aus der norddeutschen Kleinstadt ins große Berlin. Ins Schiller Theater und zu den Nazis. Dann in die Universitätsstadt Marburg. Ich wüsste gern mehr über ihn, aber mehr gibt das Internet nicht her. Vielleicht gibt es ja einmal eine Neuentdeckung des Photographen, dann ist dies der Anfang.

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