Ziggis

Die Zigarette ist hier eine Beigabe, aber das ikonische Photo, das Henri Cartier-Bresson von Albert Camus gemacht hat, wäre nichts ohne die Zigarette. Die Gauloises (oder Gitanes) sind bei Camus, wie bei anderen französischen Intellektuellen, längst zu einem Markenzeichen geworden. André Malraux hat sie auf dem Photo von Gisèle Freund genauso im Mund wie Sartre (wenn der nicht gerade Pfeife raucht) oder andere.

Doch wenn es darum geht, Malraux nach seinem Tode auf einer Briefmarke zu plazieren, dann ist die Zigarette plötzlich verschwunden. Schuld ist hier das Loi Évin von 1991, aber schon vor diesm Gesetz wurde Lucky Luke seiner Ziggi beraubt (der Marlboro Man raucht aber noch). Man muss allerdings sagen, dass die französische Post zuvor Gisèle Freund um Erlaubnis gefragt hat, um die Zigarette aus dem Portrait von Malraux zu entfernen. Denn schließlich handelt es sich hier um ein Bild, das längst zu einem Kunstwerk geworden ist.

Als Gisèle Freund den von ihr bewunderten Malraux 1935 auf ihrem Balkon mit ihrer Leica ratzfatz photographiert hat, hat er gesagt: Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Gegenstand zu betrachten. Ein Fotograf kann ein guter Handwerker oder ein guter Künstler sein. Ein Handwerker ist, wer seine Arbeit ordentlich und korrekt ausführt. Wenn er aber mit seinen Fotos Gedanken vermittelt und neue Sehweisen, dann ist er ein Künstler: Das Werk entsteht in seiner Zeit und aus seiner Zeit, aber es wird zum Kunstwerk, wenn es ihr entkommt. Französische Intellektuelle müssen immer, selbst zu einfachen Dingen, etwas sagen.

Wortgewaltig sind die französischen Intellektuellen sowieso. Dieser Herr, der seine Zigarette nicht einmal während der Vorlesung ausmachen kann, hat eine ganz Theorie der Photographie geschrieben. Sie heißt Die helle Kammer und ist sehr, sehr subjektiv. Roland Barthes unterscheidet bei der Bildbetrachtung zwischen punctum und studium. Studium ist der Gesamteindruck, Punctum ist das Detail, an dem wir uns festbeißen. Wie die Zigarette hier, Lucky Luke könnte das nicht besser.

Nicht unter französische Loi Évin Gesetze fällt dieses Photo von Ihrem Lieblingsblogger, das im Sommer vor fünfzig Jahren in Dänemark aufgenommen wurde. Das war dieser Sommer mit Nordsee, Sonne, heißem Dünensand und hübschen Frauen im Bikini, die ständig eingeölt werden mussten. Ich rauche normalerweise keine Zigaretten, aber die Photographin Mone (die auch schöne Photos von Gudrun gemacht hat) hat gesagt, dass ich mir eine Ziggi anstecken soll. Und dann hat sie gewartet, bis ich so cool gucke. Das ist der Augenblick, den Cartier-Bresson den moment décisif genannt hat: Pour moi, la photographie est la reconnaissance simultanée, dans une fraction de seconde, de l’importance d’un événement.

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