Ist das Kunst?

Umstrittene Meese-Ausstellungen in Lübeck: Ist das Kunst? titelten die Lübecker Nachrichten online. Seit Marcel Duchamps Pissoir (das hier schon einen Post hat) und der Fettecke von Beuys wird die Frage Ist das Kunst oder kann das weg? immer wieder neu gestellt. Der neueste Künstler dieser Art ist ein gewisser Jonathan Meese, der zur Zeit Lübeck aufmischt.

Die Lübecker Petrikirche hat man nach dem Luftangriff im März 1942 nicht mehr vollständig wieder aufgebaut. In der fünfschiffigen Hallenkirche St. Petri gibt es sonntags keinen Gottesdienst mehr. Sie ist eine Kulturkirche für  Vorträge, Ausstellungen, Konzerte und den Kunsthandwerkermarkt in der Adventszeit geworden. Aber auch, wenn sie innen nicht wieder fertiggestellt worden ist, wirkt sie doch in dieser weißen Schlichtheit eindrucksvoll und erhaben. Mit der Erhabenheit ist es jetzt vorbei, weil sich dieser Jonathan Meese in der Kirche austobt.

Ein promovierter Pastor hat zur Eröffnung des Spektakels im letzten Monat eine Rede gehalten (die Sie hier lesen können), und man fragt sich: Musste das sein? In einem leergeräumten protestantischen Gotteshaus kann man offensichtlich jeden Unsinn veranstalten, aber hätte Meese seine Großoffensive der Kunst in Vierzehnheiligen veranstaltet, da wäre dann am nächsten Tag Armageddon gewesen.

Jonathan Meese ist ein Skandalkünstler, sagt die Presse. Dem will man gerne zustimmen. Skandalkünstler machen Skandale, das ist ihre Kunst. Ob  sie mehr als das können, weiß man nicht. In Lübeck hatte man schon einmal in einer Kirche einen Skandal. Das ist lange her, aber nicht ganz vergessen. Der Künstler hieß damals Lothar Malskat, er verzierte die Marienkirche mit gotischer Malerei, die er angeblich unter Farbresten entdeckte. Die Schlagzeilen lauteten Die Welt blickt auf St. Marien oder Die größten Funde Europas.

Man hätte bei der Anstellung von Lothar Malskat gewarnt sein können, hatte der doch wenige Jahre zuvor in den Schleswiger Dom Truthähne gemalt. Was den Nazis zu der Theorie diente, dass die Wikinger aus Haithabu in Amerika waren und die Vögel mitgebracht hätten (lesen Sie mehr in Truthähne). Jetzt malt er in Lübeck mittelalterliche Fresken an die Wand. Sie können mehr über den Fälscher, den Günter Grass in seinen Roman Die Rättin hineinschreiben wird, in dem Post Lothar Malskat lesen. Das Witzigste an diesem Kunstskandal ist, dass niemand ihn wahrhaben wollte. Malskat, dem man nicht glaubte, dass er das alles gemalt hatte, musste sich selbst anzeigen und beweisen, dass er der Urheber der Kunst war.

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