Nackt

Ich fange mal auf einer gehobenen Ebene an, um dann in den Niederungen des deutschen Fernsehens zu versinken. Dieses Bild von Ary Scheffer wird gemeinhin als Éros et Thanatos zitiert. Wahrscheinlich, weil der Bildtitel Les ombres de Francesca da Rimini et de Paolo Malatesta apparaissent à Dante et à Virgile etwas lang ist. Sir John Henry von Schroder hat eine Version des Bildes seiner Heimatstadt Hamburg geschenkt, der Louvre und die Wallace Collection in London besitzen eine andere Version. Viele von Scheffers Zeitgenossen waren der Meinung, dass es das beste seiner Bilder war.

Das Geschehen auf Ary Scheffers Gemälde hat immer wieder das Interesse der Künstler gefunden. Dieses Bild, das die CD von Riccardo Zandonais Oper Francesca da Rimini ziert, ist von Gustave Doré. Die Geschichte von Francesca da Rimini ist einfach: eine schöne nackte Frau, Ehebruch und Mord. Wenn man so will: ein Kriminalfall. Dante hat seine Zeitgenossin in den fünften Gesang seiner Göttliche Komöde geschrieben. Da sind wir in der Hölle.

Die Kunsthalle Kiel besitzt auch eine Version des Themas. Allerdings nicht von Ary Scheffer, sondern von dem Maler Rudolf Nonnenkamp. Das Bild, das 1857 die Eröffnungausstellung zierte, hatte man vom Künstler gekauft. Lilli Martius findet das Bild nicht so großartig: Eine allzu große Anerkennung findet infolge der damaligen Überschätzung der Historienmalerei Rudolf Nonnenkamp … Bei allem Lob der Komposition, der Erfassung des darzustellenden Gegenstandes mit „unzweifelhafter Besonnenheit und Mäßigung“, wird aber doch die Frage aufgeworfen, ob die „sichere Klarheit“, die man dem Bilde früher schon zur Last gelegt habe, nicht das ‚Zeichen einer gewissen Mittelmäßigkeit‘ sei, womit die Schwächen eines anspruchsvollen Historienmalers sehr richtig empfunden worden sind.

Und da ich bei einer gewissen Mittelmäßigkeit bin, komme ich nun zum deutschen Fernsehen, wo ich in den letzten Wochen das Thema Eros und Thanatos, um es gehoben auszudrücken, mehrfach beobachten konnte. In dem Kriminalfilm Die dunkle Seite des Mondes hatte die Schauspielerin und Sängerin Anna Schäfer eine kleine Nebenrolle. Sie fiel mir sofort auf, weil ich sie schon in Dominik Grafs Kriminalfilm Zielfahnder: Flucht in die Karpaten gesehen hatte. Da war sie erst nackt, später war sie tot.

Das war in dem Tatort Die Liebe, ein seltsames Spiel nicht anders: erst nackt, dann tot. Zwei der Geliebten eines polyamor lebenden Architekten sind plötzlich tot. Anna Schäfer spielte eine Psychologin (auch polyamor): Meine Rolle ist sehr speziell und hat sehr wenig mit mir und meiner Einstellung zu Liebe und Beziehungen zu tun. Das finde ich toll an meinem Beruf – dass wir auch andere Seiten ausleben können. Das hat mir Spaß gemacht, hat Anna Schäfer in einem Interview gesagt.

In der Süddeutschen schrieb Friedemann Karig dazu: Die Polyamoren sind momentan so etwas wie die Lieblings-Freaks der Medien. Und nun hat sich also der große Tatort an den Trendsport „Polyamorie“ herangetraut. Die ARD hat versucht, mit diesem Mode-Modell, das durch die Verarbeitung in Feuilleton und Kulturradio halb schlüpfrig, halb intellektuell satisfaktionsfähig daherkommt, noch ein paar Sonntagabend-Abenteurer zu locken. Erfolgreich: 8,74 Millionen Menschen haben eingeschaltet. Ein Marktanteil von 26,1 Prozent.

Für Fernsehen und Radio ist jede Form von Pornografie verboten. Im Internet ist Pornografie in Ausnahmefällen gesetzlich erlaubt. Von diesen Ausnahmefällen macht der öffentlich-rechtliche Rundfunk keinen Gebrauch, heißt es in einer Handreichung für die Redaktionen des ZDF. Da sind wir aber beruhigt. Für die ARD wird Ähnliches gelten. Dort sucht man gerade Nudisten für eine Serie namens Praxis mit Meerblick, der Ansturm scheint gewaltig zu sein. Also Pornographie: nein, nackt geht schon.

Nackte Frauen im Tatort regen heute niemanden mehr auf, erst als 2017 ein Kommissar im Bremer Tatort nackt zu sehen war, gab es viel Geschrei: Tatort – Zurück ins Licht: Kritik an nackter Haut, Sex und weniger Tabus. Aber unbekleidete Frauen sind aus den Krimis heute kaum noch wegzudenken (hier Aglaia Szyszkowitz in einer Szene aus Ein starkes Team), wahrscheinlich würde das Ganze sonst zu langweilig, die Handlungen der Krimis ähneln sich ansonsten ja alle. Als ich an der Heeresoffiziersschule war, gab es mal eine Diashow mit hunderten von Bildern von russischen Uniformen und Handfeuerwaffen.

Und weil es zu eintönig war, immer wieder eine Kalaschnikow anzuschauen, mischten die amerikanischen Offiziere, die die Show leiteten, ständig wieder nackte Pin Ups dazwischen. Da schlief niemand ein. Manchmal glaube ich, das Fernsehen arbeitet nach dem gleichen Prinzip. Über eine nackte Ingrid Steeger (hier in einer Edgar Wallace Verfilmung), die sich einen Schlitz ins Kleid macht, hat man sich in Deutschland einmal aufgeregt, die Zeiten sind vorbei. Heute serviert uns RTL eine Sendung, die Naked Attraction heißt, da reden wir mal lieber nicht drüber. Das ist meilenweit entfernt von dem dänischen Film Venus: Nackte Wahrheiten, den arte einmal gesendet hat.

Hier noch mal ein Bild aus einem Tatort, die junge Dame ist noch nicht ganz nackt, aber gleich ganz tot. Die Krimis scheinen der letzte Zufluchtsort für die Nacktheit im TV zu sein. Der Medienkritiker Tilmann T. Gangloff hat bei den Sendeanstalten einen neuen Konservatismus festgestellt. Alles Unsinn, sagt Christine Strobl von der Degeto: Es gibt keinen neuen Fernseh-Puritanismus, das ist Nonsens. Nacktheit findet ganz selbstverständlich statt, wenn sie erzählerisch Sinn macht. Nacktheit des Tabubruchs wegen oder aus voyeuristischen Gründen interessiert uns nicht.

Die Degeto, von der FAZ als heimliche Supermacht des Kitschfilms bezeichnet, hat einmal für Hitler den Vertrieb der Propagandafilme organisiert. Es ist sicher ein wenig gemein, an die Geschichte dieser Firma zu erinnern, aber man sollte das nicht vergessen. Heute sucht die Firma Nackedeis für die Serie Praxis mit Meerblick. Auch für den Ankauf der beliebten Eberhofer Krimis (hier Winterkartoffelknödel) war die Degeto zuständig.

Nach der Meinung des Bundesverbandes Regie ist die allgemeine inhaltliche und ästhetische Verflachung des Programms mit den Interessen der Degeto verbunden, die mittelbar ein Interesse an einer allgemeinen Trivialisierung und damit verbunden Depolitisierung des Programms zuarbeitet. Ich weiß nicht, ob der nackte Po von Lisa Maria Potthoff in Dampfnudelblues erzählerisch Sinn macht, aber auf die voyeuristischen Gründe, von denen Frau Strobl spricht, möchte ich zurückkommen.

Hier stirbt Catherine Flemming im Polizeiruf 110: Vor aller Augen nackt den Filmtod. Die junge Unternehmerin ist zuckerkrank, als sie beim Schwimmen war, hat man ihr ihre Kleidung und ihre Medikamente gestohlen. Jetzt stirbt sie auf dem Boden einer Gaststätte, und die Kamera macht uns zum Voyeur. Erzählerisch macht die Szene Sinn, aber voyeuristisch gesehen ist der Filmtod, der wie ein Sexualakt geschildert wird, an der Grenze.

Wenn die Altenpflegerin Katharina Marie Schubert sich in dem Tatort Anne und der Tod auszieht, dann macht sie das, damit ein von ihr betreuter Rentner eine kleine sexuelle Freude hat. Sie wird dabei photographiert und mit den Photos erpresst, so macht diese Szene für die Handlung durchaus Sinn. Der Stuttgarter Tatort ist außergewöhnlich, es ist eher ein Sozialdrama aus der Altenpflege als ein typischer Tatort. Claudia Tieschky schrieb in der Süddeutschen Zeitung: Es gibt vieles in diesem Tatort, das wehtut… ‚Anne und der Tod‘ aber entwickelt sich dann zu einem subtilen Psycho-Spiel mit den Sympathien des Publikums. Da wird es dann ein anständiger Krimi. 

Als ich Mörderische Dorfgemeinschaft aus der Reihe Polizeiruf 110 sah, fiel mir ein, dass ich Katharina Heyer (Bild), die da nur eine Nebenrolle hatte, schon kannte. Nämlich aus dem Psychothriller Die Frau hinter der Wand, der von der Kritik gelobt und für zahlreiche Preise nominiert wurde. Es ist ein Film, der weit weg von der Realität ist, zu der manche Krimis gefunden haben.

Wenn wir hier die Hauptdarstellerin hier kaum bekleidet in der Nähe eines Duschvorhangs sehen, dann müssen wir natürlich an Psycho denken. Und aus Hitchcocks Filmen Psycho und Rear Window ernährt sich dieser Film. Und ja, die kaum bekleidete Katharina Heyer wird am Ende in der Dusche erstochen. In Notwehr. Weil diese blonde Femme Fatale eine böse Mörderin ist. Über den Film schreibt Oliver Armknecht:

Natürlich ist das übertrieben, ins Groteske verzerrt, so wie der Rest von Die Frau hinter der Wand. Man hat eigentlich nie das Gefühl, es mit realen Personen zu tun zu haben, gerade Florian Panzers Darstellung würde als Karikatur durchgehen. Auch wenn wir hier nie ins Fantastische abgleiten, so wirklich fühlte man sich hier der Realität gegenüber nicht verpflichtet. Nachvollziehbar ist hier nur wenig, man merkt schon deutlich, dass es hier um die Seltsamkeit der Seltsamkeit willen ging. Die Geschichte selbst rückt da eher in den Hintergrund und nicht alles, was während der gut anderthalb Stunden passiert, erfährt zum Ende eine Aufklärung. 

Die Nachbarin der Femme Fatale in Die Frau hinter der Wand heißt Schaffrath, ich glaube, das erlaubt sich der Regisseur einen kleinen Scherz. Denn das ist der Familienname einer Blondine, die als Gina Wild im Pornogeschäft berühmt wurde. Sie ist auch in dem ersten Tatort aus Münster zu sehen, in dem der Kommissar Thiel seine Arbeit aufnimmt.

Ich komme von den nackten Frauen in deutschen Krimis noch einmal auf den Anfang zurück, zurück zur Kunst. Auch das hier sind Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, auch wenn man Rodins Plastik gemeinhin als Le Baiser kennt. Diese Plastik findet immer Beachtung, aber im Louvre gehen die meisten Besucher achtlos an dem Bild von Ary Scheffer vorbei, die Kunsthalle Kiel versteckt ihren Nonnenkamp im Magazin. Den ersten Film über die beiden ermordeten Liebenden kann ich ihnen hier auch anbieten, ist garantiert jugendfrei, da sie nicht nackt sind.

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