Robert Frank

Die Weißen sitzen vorn, die Schwarzen sitzen hinten. Dieses Photo, das Robert Frank 1955 in New Orleans gemacht hatte, ist auf den Umschlag des Photobandes The Americans gewandert. Das Buch ist beim Steidl Verlag zur Zeit wohl vergriffen, aber ich nehme an, dass der Verlag das Buch, das seit 2008 elf Auflagen erlebt hat, jetzt wieder auf den Markt bringt. Es ist damals sehr aufwändig gedruckt worden, Frank hatte die Druckarbeiten selbst überwacht. Vor vier Jahren hatte Steidl das Gesamtwerk von Frank in einer Ausstellung gezeigt, nicht so aufwändig gedruckt: Cheap, quick, and dirty, that’s how I like it! hatte Frank dazu gesagt.

Der Schweizer Robert Frank hatte 1955 ein Guggenheim Stipendium bekommen, das es ihm erlaubte, mit seiner Leica (und einer Rolleiflex) einmal quer durch Amerika zu reisen. 687 Kleinbildfilme hat er von 1955 bis 1957 verbraucht, das waren beinahe 28.000 Aufnahmen, die die Betrachter hier 2016 bei einer Ausstellung in New York bewundern konnten. Nur 83 dieser Bilder wanderten in den Band The Americans.

Dieses Photo war nicht dabei, es sollte in einem Buch über New York erscheinen, das das Times Magazin herausbringen wollte, aber das ist nie erschienen. Hätte die elegante Dame, die die New York Times liest, in den Band The Americans gepasst? Die Menschen in dem Photoband tragen allerdings keine weißen Handschuhe, wenn sie die Zeitung lesen.

Sein Amerika in 83 Bildern wollte kein Verlag haben. Frank has managed to express, through the recalcitrant medium of photography, an intense personal vision, and that’s nothing to carp at. But as to the nature of that vision I found its purity too often marred by spite, bitterness, and narrow prejudices just as so many of the prints are flawed by meaningless blur, grain, muddy exposure, drunken horizons, and general sloppiness. As a photographer, Frank shows contempt for any standards of quality or discipline in technique; as a poet he is too ready to lapse into the jargon of propaganda. His talent deserves better on both counts, schrieb Arthur Goldsmith in der Zeitschrift Popular Photography.

Aber dieses meaningless blur, grain, muddy exposure, drunken horizons, and general sloppiness ist ja bewusst eingesetzt, es ist der Stil von Robert Frank. Und meaningless ist es auf keinen Fall, die Photographin Jona Frank hat zu dem Bild Elevator — Miami Beach, 1955 einiges zu sagen. Jack Kerouac, der das Vorwort zu The Americans verfasste, schreibt darin: That little ole lonely elevator girl looking up sighing in an elevator full of blurred demons, what’s her name & address?

Heute wissen wir, dass sie Sharon Collins heißt, sie hat sich auf dem Photo von Robert Frank wiedererkannt, als sie das San Francisco Museum of Modern Art besuchte. Und wir können am Beispiel dieser Photos auch sehen: nicht alles ist spontan, das Photo oben rechts ist Teil einer Inszenierung. Ein signierter Handabzug des Photos ist bei Lempertz vor zwei Jahren für 34.720 Euro verkauft worden.

To Robert Frank I now give this message: You got eyes, hat Jack Kerouac geschrieben. Es wird erzählt, dass Robert Frank häufig photographierte, ohne durch den Sucher zu schauen. Wer je eine alte Leica in der Hand hatte, kann das verstehen. Den Sucher kann man vergessen, was man braucht, sind die Augen.

Robert Franks Les Américains erschien 1958 bei Robert Delpire in Paris, die Photographien wurden begleitet durch ausgewählte Texte von Erskine Caldwell, John Dos Passos, Henry Miller, William Faulkner und John Steinbeck. Nach der Präsentation der französischen Ausgabe kehrte Frank nach Amerika zurück, in New York traf er Jack Kerouac: I had met Jack Kerouac at a party given for him by his friend Lucien Carr. He was sitting on the sidewalk, around 18th or 19th Street, and I came there with a French edition of the book and I showed it to him. He liked the photos, and I said that you should write something for it. It was pretty relaxed. But Kerouac wrote the introduction. Wären Kerouac und Ginsberg nicht gewesen, wäre The Americans nicht zum Kultbuch geworden.

Dies ist das letzte Photo in The AmericansU.S. 90, en route to Del Rio, Texas, es zeigt seine Frau und seine Kinder, die er auf seinen Photoreisen häufig mitnahm, im Auto. Das Bild ist beschnitten (cropped), ein Stilmittel, das Frank häufig verwendet. Wie auch die schiefe Perspektive (die drunken horizons von denen Goldsmith sprach), ohne die das Photo vom elevator girl nicht denkbar wäre. Robert Frank war nicht der erste Photograph, der ein Guggenheim Stipendium erhielt. Vor ihm hatten Edward Weston, Ansel Adams, Walker Evans und Dorothea Lange schon ein Stipendium bekommen.

Robert Frank ist am 9. September im Alter von 94 Jahren gestorben. In manchen der Nachrufe wird er als Erfinder der street photography gefeiert. Das ist nicht ganz richtig, Ansätze dazu kann man schon bei Eugène Atget und Berenice Abbott finden. Und natürlich in Henri Cartier-Bressons Images à la sauvette. Robert Frank, Swiss, unobtrusive, nice, with that little camera that he raises and snaps with one hand he sucked a sad poem right out of America on to film, taking rank among the tragic poets of the world, hat Kerouac geschrieben. All die schönen Dinge, die jetzt in Nachrufen gesagt werden, sind richtig.

Was zu schnell vergessen wird, ist die Tatasache, dass Frank nur da weitermacht, wo die FSA Photographie aufgehört hat. Dies Photo ist nicht von Robert Frank, es ist von Dorothea Lange. Sie könnten zu diesem Thema den langen Post Dokumentarfilm lesen. Und in den Posts Margaret Bourke-White, Gordon Parks und Berenice Abbott steht auch etwas zu Franks Vorläufern. Und Jack Kerouac hat in diesem Blog natürlich auch einen Post.

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