Hobima

Er ist Präsident der Vereinigten Staaten, und er ist Millionär. Nein, keine Sorge, wir reden nicht über Donald Trump, denn dieser Präsident sammelt Kunst. Er liebt Landschaftsmalerei. Für diese Ansicht des Hudson River und ein zweites Gemälde zahlt er dem Maler William Winstanley dreißig Guinees, das ist 1793 viel Geld. Der Präsident hängt die Bilder in seinem Amtssitz in Philadelphia auf, das Weiße Haus in Conococheague ist noch nicht gebaut. Wenn seine Amtzeit um ist, nimmt George Washington die Bilder mit nach Mount Vernon.

Diese Geschichte steht schon in dem langen Post George Washington (sartorial): Den etwas langweiligen Puritaner John Adams hat Washington nie so recht gemocht (Thomas Jefferson noch viel weniger), der hatte nicht den Stil, den Washington hatte. Wollte ihm auch nicht das Mobilar für den Amtssitz des Präsidenten abkaufen, das Washington aus eigener Tasche bezahlt hatte. Washington war nur froh, dass er ihm nicht die Bilder da gelassen hatte. Das mit den Bildern ist eine erstaunliche Sache, denn der Kunstsammler George Washington, der jedes Ausstattungsdetail seines Landsitzes Mount Vernon und seines Amtssitzes selbst geplant hat, sammelt nicht die vorherrschende klassizistische Kunst. Der Mann sammelt – völlig gegen den Trend der Zeit – vorromantische Landschaftsmalerei. Wie The Great Falls of the Potomac von George Beck oder die Bilder von William Winstanley. Hätte es die Hudson River School schon gegeben, Washington hätte sie gesammelt. Zuvor hatte er die Landschaft nur mit den Augen des gelernten Landvermessers oder mit den Augen des Feldherrn betrachtet, jetzt im Alter genießt er die Schönheit der Landschaftsmalerei.
Der Präsident notiert sich, welche Kupferstiche er kauft. Unter anderem finden wir in seinen Notizen neben den Namen Gainsborough und Smith of Chichester den Namen Hobima. Diesen Hobima schreiben wir heute etwas anders, denn es niemand anderer als der holländische Landschaftsmaler Meindert Hobbema, der am 31. Oktober 1638 geboren wurde. Er ist neben Jacob von Ruisdael, mit dem er befreundet war, der zweite große holländische Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts.

Sein berühmtestes Bild ist sicherlich die Allee von Middelharnis, das heute im Besitz der Londoner National Gallery ist. Die Kunsthalle Hamburg hat eine Zeichnung der Allee, deren Zuschreibung allerdings ein wenig umstritten ist. Hobbema hat das Bild 1689 gemalt, die Jahreszahl kann man schlecht lesen. Hofstede de Groot nahm das Jahr 1669 an, gab aber zu, dass es auch 1689 heißen könnte. Das Bild hing lange im Rathaus von Middelharnis, gelangte dann mit einer abenteuerlichen Geschichte in den Besitz von Sir Robert Peel, dessen Sohn es 1871 an die National Gallery verkaufte.

Manche Kunsthistoriker haben das Jahrzehnte früher gemalte Bild Die Allee von Meerdervoort von Aelbert Cuypals eine Vorstudie des Bildes von Hobbema gesehen, aber das ist doch ein ganz anderes Bild. Beiden gemeinsam ist die auf den Betrachter zulaufende Allee, nicht viel mehr. Hobbemas Landschaft ist abstrakter als diese mit holländischen Genreszenen vollgepackte Straße. 

Es gibt bei ihm auch Menschen in der Landschaft, aber sie sind nicht der Mittelpunkt des Bildes. Da ist der Jäger mit seinem Hund in der Mitte des Bildes, der Mann in der Baumschule vorne rechts (die Allee wird später auch Boomgaardweg heißen), und vor dem Dorf können wir auch Menschen sehen. Wenn wir genau hinschauen, können wir noch das Meer ahnen, weil wir die Spitzen von Schiffsmasten sehen können. 

Hobbemas Alleebild ist nicht reich an ‚Stemmingsverdieptheid‘ oder ‚emotional modulation‘, es fehlt jene dichterische, vom unmittelbar Anblickhaften aus- und zugleich losgelöste Imagination eines wechselvollen Naturlebens, wie sie vor allem die hochbarocken Landschaften Jakob von Ruisdaels auszeichnet. In Hobbemas Bild dagegen herrscht bloße Gegenwart, schreibt Max Imhof in der Festschrift für Kurt Badt

Ich finde das holländische Wort Stemmingsverdieptheid sehr schön. Gustav Friedrich Waagen schrieb im 19. Jahrhundert: Aus einfachem und keineswegs schönem Material ist ein Gemälde entstanden, das durch Naturwahrheit und Kunstvollendung einen tiefen Eindruck auf den denkenden Beschauer hervorbringt. Für Hofstede de Groot war es neben Rembrandts Staalmeesters das schönste Bild, das in dem Jahrhundert in Holland gemalt wurde. Das Bild wäre nicht so schön, wenn es im Vordergrund noch zwei Bäume mehr hätte. Die waren ursprünglich auf dem Bild, wie man auf diesem Röntgenphoto sieht, aber Hobbema hat sie glücklicherweise noch übermalt.

In Fritz OverbecksAbend im Moor haben wir natürlich viel Stemmingsverdieptheid, aber es hat in seiner Abstraktion auch ein wenig mit Hobbemas Alleebild gemein. Ich habe jetzt einen großen Bogen von George Washington bis Worpswedegeschlagen, ich höre jetzt mal damit auf. Es ist erstaunlich, dass Washington den Namen Hobbema überhaupt gekannt hat, denn in den 1790er Jahren war der Maler so gut wie vergessen. Wenn Bilder von ihm auf den Markt kamen, schrieb man den Namen Ruisdael drauf; in seinem Spätwerke konnte man ihn von Ruisdael kaum noch unterscheiden, und Ruisdael hatte auch viel von ihm übernommen. Hobbema war zu seinem Lebensende völlig verarmt und wurde nach seinem Tod auf dem Armenfriedhof der Westerkerk in Amsterdam bestattet. Der Erfolg, den sein Freund Ruisdael hatte, war ihm nicht beschieden.

Waren die Bäume wirklich so hoch, wie Hobbema sie malte? Man weiß, dass die Erlen ein Vierteljahrhundert zuvor gepflanzt worden waren. Ich habe in der Literatur zu dem Bild gelesen, dass es sich hier um geschneitelte Bäumehandelt, ein Wort das ich nicht kannte. Man lernt beim Schreiben immer etwas dazu. Bei David Hockneys Tall Dutch Trees After Hobbema sind die Bäume noch höher und noch geschneitelter. Hockney hatte das Bild immer im Kopf seit er es vor 65 Jahren zum erstenmal in der National Gallery sah. Auch van Gogh hat das Bild nie vergessen: Look out for the Hobbema in the National Gallery, schreibt er 1884 seinem Bruder Theo, nachdem er The Avenue at Middelharnis gesehen hatte.

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