Blaustrümpfe


Sie wissen, was ein Blaustrumpf ist. Das Lehnwort kommt aus dem Englischen; kommt aus dem 18. Jahrhundert, als die Lady Elizabeth Montagu einen Salon hatte, der irgendwann die Blue Stockings Society heißen wird. Das Wort bluestocking bezeichnete zuerst lediglich eine gebildete, gelehrte Person (männlich und weiblich), seit 1788 (das sagt uns das Oxford English Dictionary) wird das Wort nur noch spöttisch und pejorativ gebraucht. Also zum Beispiel, wenn William Hazlitt sagt: The bluestocking is the most odious character in society… she sinks wherever she is placed, like the yolk of an egg, to the bottom, and carries the filth with her. Aber Hazlitt, so klug er manchmal sein kann, hat immer Probleme mit den Frauen, den lassen wir jetzt mal weg. Wir müssen allerdings bedenken, dass der erste Blaustrumpf gar nicht die berühmte Lady Montagu ist, die Dr Johnson the Queen of the Blues genannt hat, der erste Blaustrumpf ist ein Mann.

Er heißt Benjamin Stillingfleet, er ist ein Wissenschaftler und Schriftsteller. Er war einmal Hauslehrer eines Landadligen, mit dem er verwandt war, und hat ihn auf der ⇾Grand Tourbegleitet. Die Familie seines Schützlings wird ihm für sieben Jahre eine jährliche Rente von einhundert Pfund bezahlen, das ist im 18. Jahrhundert viel Geld. Aber er wird zeitlebens ein armer Mann bleiben. Und wenn er zu den Salons der gebildeten Damen eingeladen wird, dann besitzt er keine schwarzen Seidenstrümpfe, die man in der feinen Gesellschaft trägt (wir erinnern uns daran, dass ⇾Wordsworth auch keine besaß), er trägt blaue Stoffstrümpfe. Ein Zeitgenosse beschreibt ihn so: he wore a full dress suit of cloth of the same uniform colour, with worsted stockings, usually blue, and a small brass hilted sword peeping through the skirts of his coat. His wig was decorated with several rows of formal curls

Wenn Stillingfleet einer Einladung bei Elizabeth Vesey nicht folgen mag, weil er keine schwarzen Seidenstrümpfe besitzt, weil er nicht in the habit of displaying a proper equipment for an evening assembly sei, sagt ihm die Mitbegründerin der Blue Stockings SocietyPho, pho, don’t mind dress! Come in your blue stockings! Die Geschichte finden wir bei Frances Burney, einer gebildeten Frau (über die Hazlitt häßliche Dinge sagt, er kann nicht anders), die hier schon mit ⇾Fanny Burney einen Post hat. Fanny Burney hat über Elizabeth Montagu (Bild) gesagt: Brilliant in diamonds, solid in judgement, critical in talk. Reichtum und Geist kommen in diesen Frauenclubs (die auch Männer zulassen, solange keine Karten gespielt werden) zusammen, und das ist etwas, das Männern Angst macht. Auf jeden Fall William Hazlitt. 

Man braucht nicht unbedingt reich zu sein, um einen Salon zu unterhalten, das hat uns ⇾Rahel Levin Varnhagen (die hier auch schon einen Post hat) gezeigt. Bei Rahel war der Salon schon ein wenig Bohème, keinesfalls so elegant wie bei ⇾Madame Récamier, aber dieses klein bisschen Bohème wollten die englischen bluestockings ja auch, sonst hätte sie Stillingfleet nicht eingeladen. Elegante Mode ist ihnen nicht so wichtig, geistvolle Konversation schon. We have lived with the wisest, the best, and the most celebrated men of our Times, and with some of the best, most accomplished, most learned Women of any times. These things I consider not merely as pleasures transient, but as permanent blessings, hatte Elizabeth Montagu an ihre Freundin Elizabeth Vesey geschrieben. Auf diesem Bild von Richard Samuel können Sie alle bluestockings als Musen im Tempel des Apoll sehen. Das Bild hängt in der National Portrait Gallery, und wenn Sie den Link anklicken, kommen Sie auf eine Seite, mit der Sie alle dargestellten Personen identifizieren können.

Über den schottischen Philosophen und Historiker David Hume hat Elizabeth Montagu gesagt: I detest Mr. Hume’s philosophy as destructive of every principle interesting to mankind, tho‘ in other respects one of the most authentic, entertaining and instructive Historys I have ever read: but I love Mr. Hume personally as a worthy agreeable man in private life. Beinahe alle haben ihn gemocht, das hat er in seinem kurzen Lebensabriss, den er kurz vor seinem Tod verfasste, geschrieben. David Hume, Sohn eines verarmter schottischen Adligen, wird mit seinen Schriften viel Geld verdienen, manchmal tausend Pfund im Jahr. Er besitzt natürlich Seidenstrümpfe und er hat auch gegen Luxus und Champagner nichts einzuwenden.

Ein deutscher Philosoph wird über ihn sagen: Ich gestehe frei: die Erinnerungen des David Hume war eben dasjenige, was mir vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach, und meinen Untersuchungen im Felde der spekulativen Philosophie eine ganz andere Richtung gab. Das sagt niemand anderer als Immanuel Kant. Und Schopenhauer wird schreiben: Aus jeder Seite von David Hume ist mehr zu lernen, als aus Hegels, Herbarts und Schleiermachers sämtlichen philosophischen Werken zusammengenommen. Schopenhauer, der Englisch konnte und die Times las, plante einmal, Hume ins Deutsche zu übersetzen, im Vorwort dieses nicht verwirklichten Plans können wir lesen: Kaum wage ich es, dem erleuchteten philosophischen Publikum unserer Tage diese neue Verteutschung populär-philosophischer Schriften Hume’s vorzulegen, da selbiges auf einem Gipfel steht, von welchem es nicht nur auf die weiland berühmten französischen Philosophen, wie Helvetius, d’Alembert, Diderot, Voltaire, Rousseau mit merklicher Geringschätzung herabsieht als auf beschränkte und verstockte raissoneurs, sondern auch die Engländer des vorigen Jahrhunderts nicht viel höher anschlägt

Es gab hier vor zehn Jahren einen Post David Hume, das war der dreihundertste Geburtstag des Philosophen, ein zweiter Post zehn Jahre später kann nicht schaden. Vor allem, weil er ein Autor ist, den man nach hunderten von Jahren immer noch lesen kann. Auf diesem Portrait Humes von Allan Ramsay aus dem Jahre 1766 sieht Hume aus wie ein König, und ein König der Philosophie ist er ja auch. Es kann sein, dass er eine Hofuniform trägt, denn zu dieser Zeit ist er der Chargé d’affaires der englischen Botschaft in Paris. Der englische ⇾König findet die Kleidung viel zu elegant, aber Ramsay sagt zu ihm: I wished posterity should see that one philosopher during your Majesty’s reign had a good coat upon his back. Ramsay ist und bleibt ein Schotte, zwanzig Jahre früher hat er ⇾Bonnie Prince Charlie gemalt. Wenn es nach Ramsay ginge, säße jetzt ein Stuart auf dem Thron. Ramsays Vater ist Dichter und besitzt eine Buchhandlung und eine Leihbücherei, hier hat der junge Philosoph Hume seine Bücher gekauft, hier hat er den jungen Maler kennengelernt. Seit über dreißig Jahre sind sie befreundet, ich finde, man kann das dem Bild ansehen. It is a wonderful result of the progress of human culture, that at this day there come to us from Scotland rules of taste in all the arts, from epic poetry to gardening, hat Voltaire gesagt. Was Hume für die schottische Philosophie bedeutet, das bedeutet Ramsay für die schottische Kunst.

Vier Jahre nachdem er Humes Portrait gemalt hat, gibt Ramsay die Malerei auf, widmet sich der Literatur, lernt Griechisch und zieht nach Italien. Hinterlässt fünfzig angefangene Bilder des Königs, die sein Schüler und Assistent Philip Reinagle (der seinem Sohn den Vornamen Ramsay gab) fertigstellt. Das Portrait des Philosophen hing bis zu seinem Tod neben einem Portrait von Rousseau im Haus von Hume. Es ist über Jahrhunderte im Familienbesitz geblieben, bis die Großnichte von Hume es der Scottish National Gallery schenkte.

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