But we will paint for money!


Vor 180 Jahren starb der schottische Maler David Wilkie. Dieses Selbstportrait hat er gemalt, als er zwanzig war. Wir können sehen, dass der junge Mann Talent hat. Ich würde ja über ihn schreiben, aber es gibt hier schon einen Post, der David Wilkieheißt. Es gibt auch schon einen Post über den Sohn des Landschaftsmalers William Collins, dem sein Vater aus Freundschaft zu dem schottischen Maler den Vornamen Wilkie gab. Sie kennen ihn als den Freund von Charles Dickens und den Erfinder des Kriminalromans, er heißt Wilkie Collins. Nichts Neues also.


Außer einer Zeile, die mir bei dem Namen Wilkie nie aus dem Kopf geht. Sie findet sich im Jahre 1810 in einer Satire über die Royal Academy, und sie ist besonders gegen zwei Amerikaner gerichtet, die Mitglieder der Royal Academy sind. Der eine heißt Benjamin West, er ist Präsident der Royal Academy, er war schon vor der amerikanischen Revolution in England. Der andere ist John Singleton Copley, der ist (ebenso wie Ralph Earl) während der Revolution nach England geflohen. Beide Maler haben etwas gemacht, was Maler zuvor nicht gemacht haben. Der Satiriker läßt die beiden Maler in einer Art Oper auftreten, die Mitglieder der Royal Academy stellen den Chor dar. Als erster tritt Benjamin West auf:
From Philadelphia’s broad-brimm’d race, Whom vanity have undone, I took my easel on my back, And cross’d the seas to London! Lord! how I marvelld as I pass’d The streets with uncle Goodin!For here we saw the men and girlsAs thick as hasty pudding!

Und dann singt der Chor der Royal Academy:
Yankee doodle, doodle, doo, Yankee doodle, dandy; A perpendicular is straight, But beauty’s line is bandy!
Dann kommt Copley zu Wort:

From Massachusetts‘ rebel state , When loyalty was crying, I ran on shipboard here, to paint Lord Chatham, who was dying. Then I hung up the House of Peers! (Though some were quite unwilling) And gave the group to public view, And show’d them for – a shilling! 
Und nun haben wir wieder den Chor der Royal Academy, die wieder Yankee doodle singen und nun auf dem Tisch tanzen:

Let David paint for hungry fame 
And Wilkie subjects funny, 
Let Turner sit and study storms 
But we will paint for money!
If Pallas‘ head were up for sale
Let Gallia make the scull hers ; 
Let’s keep the larder full, and we’ll Come off with flying colours.

Benjamin West hat den Tod von General Wolfe gemalt, ein Ereignis, das erst elf Jahre zurücklag. So etwas hatte es in der Historienmalerei zuvor noch nicht gegeben, wenn man Historienbilder malt, dann sollten die Helden lange tot sein, sollten möglichst griechische oder römische Helden sein, aber aktuelle Zeitgeschichte war für Historienmaler ein no-no. Benjamin West bricht mit diesem Tabu und wird dafür belohnt, er wird der Historienmaler des Königs und erhält 1.000 Guineas im Jahr. Das ist damals sehr viel Geld.

John Singleton Copley geht noch einen Schritt weiter. Drei Jahre nach dem Tod von William Pitt präsentiert er das Bild The Death of the Earl of Chatham, an dem er die letzten Jahre gemalt hatte. Das dauerte so lange, weil da fünfundfünfzig Mitglieder des House of Lords portraitiert sein wollten, die alle dabei gewesen waren, als William Pitt im Parlament einen Schlaganfall erlitt. Als das Ganze fertig ist, mietet Copley ein kleines Gebäude und stellt das Bild gegen Eintrittsgeld aus. 20.000 Londoner haben es gesehen, kaum jemand geht noch in die gleichzeitig stattfindende Ausstellung der Royal Academy. Man hat ausgerechnet, dass er fünftausend Pfund an dem Ganzen verdient hat (man multipliziere es mit 100, um an den heutigen Wert zu kommen), aber wiegt das hunderte von Feinden auf, die sich Copley in der Londoner Kunstszene macht? 

Das Bild ist zwar the talk of the town, hat aber doch ein Gschmäckle von billiger Sensationshascherei. Man macht so etwas nicht als Maler, jegliches decorum fehlt, das dem 18. Jahrhundert so wichtig ist. Copley geht noch einen Schritt weiter. Er erfindet die Ein-Bild-Ausstellung und malt Ereignisse, die noch in aller Erinnerung sind., wie hier mit The Death of Major Peirson. Und so malen die beiden Amerikaner in London Bilder, die wie Aufnahmen für Filme von Cecil B. De Mille wirken: Hollywood avanti lettera, Popularisierung um jeden Preis, wie es Fritz Baumgart in Vom Klassizismus zur Romantik so schön formuliert hat.


Und in dem Punkt hat der Satiriker des Morning Herald im Jahre 1810 völlig recht, wenn er in seiner Pictorial Vision eines Diners der Royal Society die Herren West und Copley But we will paint for money!singen lässt. Copley hat als Maler gut verdient, aber er hat es, wie viele Maler, geschafft, am Ende des Lebens bettelarm dazustehen. Sein Sohn wird den Adelstitel Lord Lyndhurst bekommen und Lord Chancellor werden, der regelt dann den Nachlass.

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