Wanderer im Sturm


Der Maler Carl Julius von Leypold, der heute vor 215 Jahren geboren wurde, ist einer der letzen Vertreter der deutschen Romantik gewesen. Er war  in Dresden (wie der Norweger Knut Baade) ein Schüler von Christian Clausen Dahl, der hier schon einen ausführlichen Post hat. Und er hat in seinen Bildern viel von der Motivwelt Caspar David Friedrichs übernommen. Ein kleines Bild von ihm habe ich schon einmal gesehen, weil die Kunsthalle in Kiel es besitzt. Ich finde diesen Bildstock in winterlicher Flußlandschaftallerdings ziemlich scheußlich

Ein Bildstock ist auch auf diesem Bild, diese religiöse Zugabe findet sich sehr häufig in der romantischen Malerei. Dieses Bild aus dem Jahre 1835, das Wanderer im Sturm heißt, habe ich jedoch noch nie gesehen, es ist ein sehr schönes Bild; im Metropolitan Museum wusste man schon, was man tat, als man es 2007 von der Hamburger Kunsthandlung Thomas Le Claire  kaufte. In dem Katalog der Neuerwerbungen des Museums wird auf Schuberts Winterreisehingewiesen: The figure of a wanderer in an untamed natural setting personified restless yearning for the German Romantics. Man’s loneliness and nature’s transience, themes clearly stated in this picture, find direct parallels in the works of the painter Caspar David Friedrich and the composer Franz Schubert, notably his song cycle Die Winterreise, or Winter Journey (1827).

Es wird viel gewandert in der Romantik. Wir haben Romane wie Franz Sternbalds Wanderungen und Johann Gottfried Seume wandert bis Syrakus. Unserer Wanderer hier hat nichts von den symbolischen Überhöhung von Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer oder den Wanderern im Mondlicht. Es ist ein beinahe symbolfreier Wanderer, der eine Hand im Mantel vergraben hat, die andere hält den Wanderstab. Vielleicht ist er auf dem Bild sogar nur eine Nebensache, dies ist eine Studie von Licht und Schatten. Und dem Himmel, der zu Schuberts Stürmischer Morgen passt:
Wie hat der Sturm zerrissen Des Himmels graues Kleid! Die Wolkenfetzen flattern Umher im matten Streit. Und rote Feuerflammen Zieh’n zwischen ihnen hin; Das nenn‘ ich einen Morgen So recht nach meinem Sinn! Mein Herz sieht an dem Himmel Gemalt sein eig’nes Bild – Es ist nichts als der Winter, Der Winter kalt und wild!

Der Dresdner Kustos der Gemäldesammlung des 19. Jahrhunderts Hans Joachim Neidhardt hat in seinem Buch Die Malerei der Romantik in Dresden Leypolds Malerei als spitzpinselig bezeichnet: Dabei knüpfte er an seinen Lehrer Dahl an und bildete einen malerischen, aber zugleich spitzpinselig durchgestalteten Stil aus, in dem sich hohe Malkultur mit biedermeierlicher Sachlichkeit verbinden. Die Vorliebe für alte Burgen, Stadttore und Ruinen sowie einen eigenartigen Sinn für die Poesie des Winters hat er sich als einen Nachklang romantischen Empfindens bis zuletzt bewahrt. Für dieses Bild lassen wir das spitzpinselig mal eben stehen, und die Vorliebe für Burgen lassen wir einmal aus.

Neidhardt hat viel für die Erforschung der Dresdner Romantik getan. 1974 lockte die Ausstellung Caspar David Friedrich und sein Kreis 260.000 Besucher an, 1978 wanderte die Austellung Kunst der Dresdner Romantik sogar nach Tokyo und Kyoto. Die Ausstellung Ludwig Richter und sein Kreis hatte sogar mehr Besucher als die Caspar David Friedrich Ausstellung, dazu sag‘ ich jetzt mal lieber nichts. Neidhardt hat zwei Ausstellungen zu Carl Gustav Carus organisiert (1969 und 1989) und als letztes eine Ferdinand von Rayski. Das hat mir besonders gefallen, da ich diesen Maler sehr schätze, er hat hier natürlich auch schon einen Post. Neidhart ist für sein Wirken geehrt und ausgezeichnet worden, das ist sehr schön, im letzten Jahr hat er seine Autobiographie Über dem Nebelmeer (hier eine Leseprobe) veröffentlicht.

Bis 1971 waren diese Bäume im Mondschein ein Caspar David Friedrich, dann war das Bild ein Werk von Carl Julius von Leypold. Das hat Werner Sumowski, international renommierter Rembrandt Experte, herausgefunden. Caspar David Friedrich lag dem Rembrandtforscher auch ein wenig am Herzen, da er sich über diesen Maler habilitiert hatte. Mit seinem Aufsatz im Pantheon (1971) wurden über Nacht drei Bilder von C.D. Friedrich zu Bildern von  Carl Julius von Leypold. Den Museen, die diese Bilder besaßen, hat das sehr wehgetan.

Über Leypolds Wanderer erfahren wir im Internet wenig. Wir wissen nicht, wer er ist. Er ist kein Landstreicher, er trägt einen ziemlich luxuriösen Mantel mit einem Cape, das die Schultern schützen soll. Auch das Metropolitan Museum weiß in seinem Katalog kaum etwas zu dem Bild zu sagen: This painting was painted by a German painter named Carl Julius von Leypold in 1835. This painting shows a man walking in a very windy weather. The season in the painting seems to be autumn as there are very little leaves left on the trees and the man is wearing clothes that one would wear during autumn. This painting reflects the theme of Romanticism as it portrays a feeling of loneliness and individualism as the man walks a on a lonely path in windy weather all by himself. The weather also portrays loneliness as the trees have lost most of their leaves and the sky is dark like a storm is occurring. Additionally, the stone wall that is falling apart in the background contributes to the portrayal of such deep and intense feeling. Overall Leypold’s painting reflects the ideas that were developed during the Romantic period.

Das Metropolitan Museum weiß allerdings, woher sie das Bild haben, auch wenn sie den Namen des ehemaligen Besitzers Dr Franz Ulrich Apelt nicht richtig schreiben können. Der Jurist, der auch Schriftsteller war, besaß wahrscheinlich die bedeutendste private Sammlung von Bildern der deutschen Romantik weltweit. In den zwanziger Jahren hat er auch über 1.000 Briefe von Jean Paul gekauft, um sie vor der Zerstreuung zu retten. Viele Werke, vor allem die von Karl Gustav Adolf Thomas, hat er seiner Heimatstadt Zittau gestiftet. Franz Ulrich Apelt starb 1944, seine Autobiographie hat er nicht vollenden können, aber das posthum erschienene Buch Aus meiner Zeit: Lebenserinnerungen ist heute noch lieferbar. Es ist eine hochinteressante Lektüre. Die Sammlung Apelts blieb für die nächsten sechzig Jahre im Familienbesitz, dann gab die Familie sie der Hamburger Kunsthandlung Thomas Le Claire zum Verkauf. Das Metropolitan Museum (das bei dem Deal auch noch einen Carus erwarb), das British Museum und das Harvard Art Museum bedienten sich. Wäre das nicht etwas für den Freistaat Sachsen gewesen? Oder für den Kulturstaatsminister? Da muss ich meinen Mitschüler mal fragen: wo warst Du Bernd Neumann?

Diese wunderbare kleine Zeichnung von Christoph Nathe aus dem Jahre 1790 hat auch einmal dem Sammler und Mäzen Franz Ulrich Apelt gehört, heute gehört sie zusammen mit einem ganzen Satz von Radierungen der National Gallery in Washington. Die haben es allerdings nicht von der Hamburger Kunsthandlung Le Claire, sondern von der New Yorker Dependance von C.G. Boerner, die mal zur Zeit der Romantik in Leipzig begonnen hatten. Auf dieses kleine Bild bin ich neidisch, den Wanderer (man bekommt ihn als Kunstdruck zu Preisen ab 35€) würde ich mir nicht ins Wohnzimmer hängen, dies hier schon.

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