der grüne Sonnenschirm

Der Maler Gottlieb Schick wurde heute vor 245 Jahren in Stuttgart geboren, der Internet Lexikon Wikipedia gönnt ihm einen fünfzeiligen Artikel. Das ist ein bisschen wenig für einen Maler des Klassizismus, der dieses schöne Portrait gemalt hat, das berühmteste Frauenportrait des deutschen Klassizismus. Schick hatte in Paris bei Jacques-Louis David studiert, er war nicht der einzige deutsche Schüler des Franzosen. Der Mainzer Johann Adam Ackermann war auch in Paris. Bevor Schick Paris verließ, konnte er sehen, wie David Madame Récamier portraitierte (Sie können an den fett markierten Links sehen, dass Ackermann und die Récamier hier schon einen Post haben, der zu Madame Récamier ist über fünftausend Mal angeklickt worden). Schick selbst hat die Julie Récamier in Paris in sein Skizzenbuch gezeichnet.

Wahrscheinlich hatte Schick Davids Bild der Pariser Salonière im Kopf, als er 1802 in Stuttgart den Auftrag bekam, Wilhelmine Cotta zu malen, die Gattin des Verlegers Johann Friedrich Cotta, der der Verleger von Schiller und Goethe war. Sie wird in vielen Quellen als Freifrau von Cotta bezeichnet, aber das ist sie noch nicht, ihr Gatte ist noch nicht geadelt. Dass sie aber aus ihrem Haus in Tübingen eine Art von schwäbischem Musensitz gemacht hat, das ist sicherlich wahr. Man kann Wilhelmine Cotta wie die Récamier als Salonière bezeichnen.

Es ist wohl Heinrich Rapp gewesen, der Schick den Kontakt zu Cotta vermittelt hat. Rapp ist der Schwager von Schicks erstem Lehrer Heinrich Dannecker, einem Mann, den Schick immer verehrt hat. Er hat auch im Jahre 1802 das schöne Bild von Danneckers erster Frau Heinrikegemalt. Mit dem kleinen Blumenstrauß in ihrer Hand hat er sich schwergetan: Ich erinnere mich, wie ich mich mit der Hand plagte, die die Blumen hält, und wie ich in meiner Freude krumme Gesichter geschnitten, die Ihre Frau Gemahlin und mich selbst lachen machten, wenn mir das Malen gelang […]. Wie vergnügt war ich nicht als ich ihr Portrait mahlte.

Gottlieb Schick will nicht in Stutgart bleiben, er will nach Rom. Heinrike Dannecker hat er aus Freundschaft zu seinem Lehrer gemalt, Wilhelmine Cotta malt er, weil ihr Ehemann ihm noch einen Vertrag für eine Vielzahl von Zeichnungen für die Cottaschen Taschenbücher offeriert. Diese moderne Version von Schicks Bild, die von Ekaterina Orba stammt, nimmt einiges vom Original auf, die Pose der Wilhelmine, die Pappelgruppe links, Akazie und Gummibaum (hier zu einer grünen Einheit verschmolzen) rechts. Der kleine Fluss Ammer ist hier zu einem mächtigen Strom geworden, aber das Wesentliche bleibt: Wilhelmine Cotta wird in die Natur, dem schwäbischen Arkadien, plaziert, nicht im Salon.

Frau Cotta ist plumper, mächtiger, das Übereinanderschlagen der Beine selbstbewußter. Es fehlt die feine Koketterie nicht nur in der weniger flüssigen Behandlung, sondern auch in dem den Beschauer nicht suchenden Blicke, schreibt der Kunsthistoriker Karl Simon 1914 in seinem Buch Gottlieb Schick: Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Malerei um 1800. Er ist der erste Kunsthistoriker, der Davids Madame Récamier und Schicks Wilhelmine Cotta verglichen hat. Ein Bild, das den Vergleich mit dem Franzosen nicht zu scheuen braucht. Eigentlich ist es viel schöner als das Bild von der Julie, die wie die zusätzliche Dekoration zu einem Möbelstück aussieht.

 
Wilhelmine in ihrem weißen Chemisekleid (wahrscheinlich miederlos) aus Musselin bildet die Diagonale des lebensgroßen Bildes, das heute in Stuttgart hängt. Die Holzbank, auf der sie im Park sitzt, hat nichts von der Eleganz der französischen Récamiere bei Jacques-Louis David. Aber Wilhelmines Kleidung ist à la mode. Werfen Sie doch mal einen Blick auf die gestreiften Schlupfschuhe (auch Schlupfer genannt) aus Atlasseide! Diese Ballerinas sind, ebenso wie der Sonnenschirm in der neuen Modefarbe grün, der dernier cri des Klassizismus.


Es gibt zu dem Maler Gottlieb Schick doch etwas mehr zu sagen, als uns Wikipedia sagt. 1976 gab es zu seinem zweihundertsten Geburtstag in Stuttgart eine Ausstellung Gottlieb Schick: Ein Maler des Klassizismus. Den Katalog von Ulrike Gauß und Christian von Holst kann man antiquarisch noch finden. Auch das interessante Buch Kaleidoskop eines Porträts von der Staatlichen Ingenieurschule für Druck läßt sich antiquarisch noch kaufen. Und dann habe ich zum Schluß noch ein kleines ✺Video, auf dem uns die Kunsthistorikerin Ricarda Geib das Bild erklärt.

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