die Villa Fritze


Da, wo das kleine Bäumchen ist, führt ein Weg nach links zu einem Rondell mit Balustraden, von dem aus man einen schönen Blick über den Stadtgarten und die Weser hat. Journalisten und Immobilienmakler nennen das Rondell neuerding den Vegesacker Balkon. Das Haus neben dem Bäumchen kannte im Ort jeder: das Ortsamt war da drin. Und auch die Tanzschule von Nico Arff, wo man die Standardtänze lernte, damit man für den Abtanzball und das Leben gerüstet war. Die Frauen, die man bei Nico kennengelernt hatte (und mit denen man in der Nacht unten im Park geknutscht hatte), konnte man hier auch noch heiraten, denn bis zum Juni 2012 war das Standesamt im Haus. 

Die zwei weißen Sandsteinfiguren (Zeus und Herakles) eines unbekannten Künstlers, die einst die Villa zierten, sind heute in den Stadtgarten versetzt worden. Zeus hält ein Flammenbündel in der rechten Hand, Herakles eine Keule Die Statuen sind mit einer Anti-Graffiti-Beschichtung versehen worden, die Waffen von Göttern und Helden reichen gegen Graffiti Sprayer offenbar nicht aus. Die Statuen sind keine große Kunst. Es wäre möglich, dass sie aus der Werkstatt des Bremer Bildhauers Carl Johann Steinhäuser stammen, von dem Carl Wilhelm August Fritze eine Plastik der Genoveva von Brabant besaß.  

Das riesige Haus heißt heute beim Landesamt für Denkmalschutz Villa Fritze, aber es ist nicht die originale Villa Fritze; diese Villa, zu der als Denkmalgruppe noch ein Teehaus und eine Remise für die Kutschen gehören, steht hier erst seit 1876. Man muss anmerken, dass Rudolf Stein in seinem Standardwerk über die Bremer Baukunst die Villa mit keinem Wort erwähnt. Es gibt schönere Villen in Bremen. 

Vor 1876 stand hier ein kleineres weißes klassizistisches Landhaus mit Walmdach, viersäuligem Portikus und Freitreppe, das sich der Bremer Tabakhändler und spätere Senator Carl Wilhelm August Fritze 1827 als sommerlichen Wohnsitz hatte erbauen lassen. Fritzes Kompagnon, Johann Friedrich Abegg, der 1822 aus der Firma ausschied, hatte sich 1809 in Oberneuland das klassizistische Gut Holdheim bauen lassen, so etwas wollte Fritze auch haben. Die Familie Fritze besaß in Bremen noch andere Häuser, eine Villa am Osterdeich und die Villa in Horn-Lehe, die später den Namen Borgward Villa bekommen hat.

Wenn Carl Wilhelm August Fritze von seiner Freitreppe auf die Weser schaut, dann hat er etwas, was seine Nachbarn so nicht haben, einen riesigen, parkartigen Garten. Gut, seine Nachbarn, der Bürgermeister Arnold Duckwitz und der Weinhändler Albert Diedrich Finke (dessen Tochter den Dichter Klaus Groth heiraten wird), haben auch schöne Gärten, aber was Fritze sich gekauft hat, ist das Kernstück aus dem Garten, den der Dr Albrecht Roth angelegt hat. Ich lasse Duckwitz und Finke mal aus, die haben hier schon Posts. Ihre Villen wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Teil widerrechtlich abgerissen. Hier vorne auf dem Bild ist ein kleines Denkmal für den Botaniker Albrecht Roth, den Goethe gerne als Professor nach Jena geholt hätte. 

Oben auf dem Berg ist die Villa Fritze, die Gottfried Johannes Carl Fritze, der Sohn von Carl Wilhelm August Fritze hatte bauen lassen. Es wäre schön, wenn das noch die kleine weiße Villa wäre, die keinen Namen hatte, sondern schlicht das Haus auf dem Berg hieß. Es findet sich kaum eine Abbildung der Villa im Internet, aber Sophie Hollanders hat in ihrem Buch Vegesack: Alte Bilder einer Hafenstadt ein Bild. Und ich habe hier für Sie eine vorzügliche kleine Architekturgeschichte Bremens, die Eröffnungsrede der Ausstellung Palladio und der Palladianismus in Bremen von dem Kunsthistoriker Volker Plagemann. Mit vielen Bildern. Die alte Fritze Villa ist auch dabei.

Der Park, den der Botaniker und Landmedicus Albrecht Roth anlegt, enthält die seltensten Bäume. Es sind einhundert exotische Bäume und Stauden auf zwei Hektar Grund. Das Land für den Park schenkt ihm der König von England (wir gehörten damals nicht zu Bremen, sondern zum englischen Hannover), der auf den jungen Forscher aufmerksam geworden ist. Er könne soviel Land haben, als er bebauen könne und wolle. Das Land ist nichts wert, ein ödes Sandgebiet auf dem Heide wächst. Und ein paar Bäumchen. Bei Hochwasser und Sturmflut frisst die Weser das Land weg. Wahrscheinlich glaubt George III, dieser junge Dr Roth wolle einen Landschaftsgarten anlegen, wie er jetzt in England Mode ist. Roth wird noch Land dazu kaufen, bis ihm das ganze Unterland der heutigen Weserstraße gehört, von der Strandlust bis zum Vulkan. Auf dieser Karte vom Hafen bis Fehr (das heute Fähr heißt). 

Nach Roths Tod im Jahr 1834 werden Teile des Parks an Bremer Kaufleute verkauft, an Leute wie Duckwitz, Finke und Fritze. Vorher wollte auf dem Sandstreifen der Geestkante niemand wohnen, jetzt werden dort Sommerhäuser errichtet. Heute sieht der Bebauungsplan der Weserstraße so aus, die Denkmalgruppe Fritze ist rot markiert. Hier liegen die Villen der Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern, schreibt 1841 ein junger Mann, der in Bremen im Hause des Großhandelskaufmanns Heinrich Leupold seine kaufmännische Ausbildung absolvierte. Vier Jahre später wird er nicht mehr im Morgenblatt für gebildete Leser über seine Dampferfahrt auf der Weser von Bremen nach Bremerhaven schreiben, da schreibt er Die Lage der arbeitenden Klasse in England: Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen.

Dass der Park von Albrecht Roth heute als Stadtgarten öffentlich zugänglich ist, dass es eine Strandstraße vom Utkiek bis zum Vulkan gibt, das verdankt der Ort dem Bürgermeister Dr Werner Wittgenstein, der der Witwe von Gottfried Johannes Carl Fritze 1929 den Garten für  zehntausend Mark abgekauft hatte. In der Zeitung bewarb er die Gründung eines Stadtgarten- und Verschönerungsvereins: Vegesack ist reich an schönen Privatgärten, aber arm an öffentlichen Anlagen. Es ist aber für die Stadt im Augenblick außerordentlich schwer, sich neue Zinslasten aufzuladen. Wir rufen daher zur Gründung eines Stadtgartenvereins auf und hoffen, nicht nur die nötigen Stauden unentgeltlich zu erhalten, sondern auch genügend laufende Mittel, um davon Arbeitskräfte zu beschaffen. Fräulein Borcherding, die bei der Leitung ihres Schulgartens erfreuliche Erfolge erzielt hat, wird die praktische Leitung übernehmen. Am 1. Juli 1930 wurde der Verein gegründet, der der Lehrerin und Naturkundlerin Johanna Borcherding alles verdankt, wir können sie hier bei der Arbeit sehen. 

Wittgenstein, der von 1915 bis 1933 Bürgermeister der Stadt Vegesack war, hat in diesem Blog schon seinen Platz in dem Post zu seinem Freund, dem Architekten Ernst Becker-Sassenhof. Wittgenstein wohnte bei uns um die Ecke, meine Mutter war im Lyceum mit seiner Tochter in einer Klasse. Und mein Großvater war mit ihm in der Schlaraffia, ich habe noch ein Photo, wo die beiden Herren bei einem Fest an einem Tisch sitzen. Am 29. März 1933 wurde er in den einstweiligen Ruhestand versetzt, sein Nachfolger trug Uniform. Wenige Monate nach seiner Ernennung zum kommissarischen Bürgermeister wurde der SA-Sturmführer und Ortsgruppenleiter Lothar Westphal für die Dauer von zwölf Jahren zum Bürgermeister von Vegesack gewählt. So lange wird er da nicht bleiben, weil das Tausendjährige Reich keine zwölf Jahre mehr dauern wird. 

Auf diesem Photo vom Mai 1933 ist Westphal der zweite von links, Richard Markert, der Bremer Bürgermeister, trägt eine schwarze Nazi-Uniform. Ich habe im Familienalbum noch ein anderes Photo, da steht Westphal in seiner SA-Uniform neben Opa vor dem Haus. Er war gerade in das Nachbarhaus gezogen, in dem sein Vater, der Kapitän Julius Westphal, seit 1909 gewohnt hatte. Am Rande des Photos steht in der Handschrift meiner Mutter ein widerlicher Kerl. Mein Opa, Hauptmann im Ersten Weltkrieg, trägt seine Stahlhelm Uniform mit Eisernem Kreuz und dem weinroten Hanseatenkreuz. Der SA-Sturmführer Westphal sieht furchtbar ordinär aus, mein Opa guckt betont von ihm weg, diese Nachbarschaft hat er sich nicht gewünscht. Es ist das letzte Photo von Opa in Uniform, der Stahlhelm ist gerade gleichgeschaltet worden. Er wird die Uniform nie wieder anziehen. 1938 kauft die Stadt auch die Villa Fritze, der SA-Sturmführer wird da als Bürgermeister einziehen.

Das sind jetzt hundert Jahre deutscher Geschichte. Ein Tabak- und Baumwollhändler, der auch Berater des Bremer Bürgermeisters Johann Smidt ist (und dessen Neffe Richard sein Geld in Kuba in der Sklavenwirtschaft macht), lässt sich ein kleines klassizistisches Sommerhaus bauen und kauft den Park von Dr Albrecht Roth. Sein Sohn lässt das Haus abreißen und baut sich diesen protzigen Kasten. Die 1812 gegründete Reederei führt er aber fort. Ich glaube, weil er seine Schiffe auf der Weser fahren sehen wollte, hat sein Urenkel Eberhard Fritze 2012 gesagt. Dass es eines Tages die Nazis geben wird und ein SA-Mann hier residieren wird, konnten die Herren, die auf das navigare necesse est vertrauten, nicht wissen. Dieses große Bild, das Carl Justus Harmen Fedeler um 1847 gemalt hat, hing immer im Ortsamt, es hängt heute im Heimatmuseum Schönebecker Schloss. Wittgenstein hatte es einem Bremer Friseur abgekauft (das Deutsche Schiffahrtmuseum in Bremerhaven besitzt eine Kopie). Ich fand immer, das es das Beste in dem Haus war. Abgesehen von der Tanzschule von Nico Arff.

Viel besser als die riesige Villa gefällt mir dieses dreistöckige Teehaus, das zu dem Ensemble gehört und auch von Heinrich Müller, dem Bremer Stararchitekten der damaligen Zeit, gebaut wurde. Ein Mitschüler, mit dem ich befreundet war, wohnte darin, deshalb kenne ich das 1879-80 gebaute Türmchen von innen. Es ist, wie das Landesamt für Denkmalschutz schreibt:ein auf einem heute abgetrennten Grundstücksteil gelegener aufwendiger, mit Treppentürmchen versehener oktogonaler Belvedere-Pavillon in renaissancierenden Formen über bastionsartigen, mit einer balustradengesäumten Terrasse abschließenden Substruktionen, in Bremen ohne Parallele. Und man hat einen tollen Blick über die Weser. Bei gutem Wetter bis nach Oldenburg, pflegte Gert immer zu sagen.

Und das hier gehört auch noch dazu, eine Kombination von Kutscherhaus- und Remisengebäude, in einem scheußlichen Stil, den man höflicherweise als dekorativ-ländlichen Schweizerhausstil bezeichnet. Es ist heute das Haus der Freiwilligen Feuerwehr Vegesack. Das weiße Haus dahinter ist das Haus, in dem der Kapitän Julius Westphal gewohnt hatte. Und dann sein Sohn, von dem man nach 1945 nichts mehr gehört hat. Er war 1943 Amtskommissar im Kreis Kamin geworden, seit dem Februar 1945, als er in den Westen fliehen wollte, ist er verschollen. Bevor dieses Hause gebaut wurde, stand hier übrigens das Haus von Dr Albrecht Roth. Dem gehören zwar auf der anderen Straßenseite alle Gärten, aber eine Villa hat er sich da nie gebaut.

Der Architekt Heinrich Müller, der das Ensemble gebaut hat, war im 19. Jahrhundert neben Johann Georg Poppeder berühmteste Architekt Bremens. Beinahe ein halbes Jahrhundert hat er sich durch die Hansestadt gebaut. Ohne erkennbaren Stil, er nimmt alles, was gerade Mode ist. Er beginnt seine Karriere mit dem Klassizismus, dann folgte die Neugotik, dann der Tudor Stil (zum Beispiel bei Wätjens Schloss) und die Neorenaissance, das heißt die Wiederbelebung der französischen und italienischen Renaissance, die er er auch bei der Villa Fritze verwendet. Und immer wieder Neugotik. Bei der Villa Fritze kann man französische Renaissance- und Barockeinflüsse erkennen. Sagt das Landesdenkmalamt. Die Bremer Kaufleute, die altes Geld und Kultur hatten, besaßen Güter wie Heinekens Park oder Gut Landruhe, das mein Freund Peter für das Landesamt dür Denkmalschutz restauriert hat. Wer im 19. Jahrhundert sein Geld macht, geht zu Müller. Und der baut nicht so etwas, was wir in Hamburg in der Palmaille oder in neo-klassizistischen Villen wie der Henisch Villa finden.

Die Stadt Bremen hat die Villa vor Jahren an eine Investorengruppe verkauft, die sich den Namen Hansegrundzugelegt hatte. Wenn Sie den Namen anklicken, kommen Sie zu einer reichillustrierten Werbebroschüre, mit der man um Käufer wirbt. Wenn wir genau hinhören, erzählt uns die Vergangenheit Geschichten ist der Text betitelt. Aber die Herren von der Hansegrund haben offenbar nicht so genau hingehört, der Text ist schwach und voller Fehler. Die potentiellen Käufer sind offenbar nicht so leicht zu finden, denn das Angebot im Luxussegment ist in der Weserstraße groß. Da ist zum Beispiel die Villa Bischoff, die schon hier im Post Zwieback erwähnt wird. Sie ist berühmt geworden, weil Per Leo, der hier aufwuchs, sie in seinen Roman Flut und Boden hineingeschrieben hat.

Und die Villa Schröder, die sich Friedrich Lürssen 1951 gekauft hatte, wird gerade umgebaut. Aufkaufen, entkernen, Luxuswohnungen, immer die gleiche Geschichte. Die Investoren von Hansegrund haben nicht alles bekommen, was sie gerne gehabt hätten. Also die Plastiken von Zeus und Herakles waren nicht im Kaufpreis inbegriffen. Das Teehaus vom Nachbargrundstück auch nicht. Die größte Kröte, die sie schlucken mussten, war, dass sie das Rondell und den Garten hinter der Villa nicht bekommen haben. Den Brunnen mit dem Löwenkopf unter dem Rondell auch nicht. Das alles bleibt öffentlicher Grund und Boden.

Als ich im Januar 2010 erst einmal aufhörte, meine Autobiographie Bremensienzu schreiben, weil ich Blogger wurde, fehlte da ein Kapitel. Das war das Kapitel Villen. Das hatte ich mir für den Schluss aufgehoben. Kinderleicht zu schreiben, da kannte ich mich aus. Das habe ich schon in dem Post Bauarbeiten geschrieben, in dem es auch eine Skizze von dem gab, was ich vorgehabt hatte. Ich habe das Ganze nicht wirklich aufgegeben; wenn Sie Posts wie fehlende BilderKnoops ParkHohehorst und Vaterlandsstolz lesen, merken Sie, dass mich das immer noch interessiert. Es wird noch mehr zu dem Thema geben, ich glaube, ich mache irgendwann mit Wätjens Schloss weiter.

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