der Rufer


Heute vor 55 Jahren wurde die Plastik Der Rufer des Bildhauers Gerhard Marcks vor dem neuen Fernsehgebäude von Radio Bremen eingeweiht. Die Plastik hatte nichts mit Wynton Rufer zu tun, der für Werder Bremen spielte. Der Sender hatte sich eine Statue von Marcks gewünscht, der Bremen schon durch seine Stadtmusikantenverschönert hatte und der Hansestadt einen großen Teil seines Werkes geschenkt hatte. Marcks machte sich Gedanken, welche Statue für ein Fernsehgebäude passend war, möglichst zeitlos sollte die Statue die Aufgabe von Rundfunk und Fernsehen symbolisieren. Nach längerem Nachdenken sagte Marcks: Ich mache euch einen Rufer. Und er fügte hinzu: Wenn ich jetzt da jemanden mit dem Fernseher hinstelle, denn sieht das in zehn Jahren ziemlich doof aus, weil dann sind die Fernseher ja schon viel besser. Dagegen dieses Rufen, die Nachricht in die Welt setzen, das ist immer das gleiche geblieben, ob jetzt bei den Griechen oder heute. Und das hat er versucht durch dieses Rufen zu symbolisieren

Ein Jahr nach der Einweihung hatte der Bildhauer Ärger mit der Stadt Bremen. Der Direktor der Kunsthalle Dr Günter Busch hatte gerade eine Gerhard Marcks Stiftung initiiert; er konnte nicht wissen, dass man den Leitenden Regierungsdirektor Dr Eberhard Lutze zum Vorstandsvorsitzenden wählen würde.Der Bildhauer, von den Nazis mit dem Stempel Entartete Kunst versehen, protestierte heftig, mit Lutze als Chef werde es die Stiftung, die seinen Namen trägt, nicht geben. Wie kann einer, der den Nazis als Kunsthistoriker willig gedient hat, solch ein Amt bekommen? Wie kann er es annehmen? 

Der Spiegel schrieb damals: Eberhard Lutze, 61, Chef der Bremer Behörde für Kunst und Wissenschaft, soll das Werk eines einst ‚entarteten‘ Künstlers verwalten: Er wurde zum Vorsitzenden der ‚Gerhard-Marcks-Stiftung‘ gewählt. Der Graphiker und Bildhauer Marcks der einen großen Teil seiner Werke der Stadt Bremen schenkte, war 1937 mit einem Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt worden und hatte Bilder und Skulpturen nur noch in der NS-Schau ‚Entartete Kunst‘ zeigen dürfen. Lutze hatte zwar — so der Beamte heute — ‚1934 einen Riesenartikel, eine ganze Seite, über Barlach geschrieben und dafür prompt eine Rüge im ‚Völkischen Beobachter‘ bekommen‘, jedoch wenige Jahre später als Parteigenosse in Kunst-Schriften die ‚Verpolung‘ und ‚Verjudung‘ kleiner polnischer Orte beklagt und eine ‚zukünftige deutsche Kunst … aus der gemeinschaftsbildenden Weltanschauung des Nationalsozialismus‘ hervorgehen sehen. Lutze über seine Eignung als Marcks-Kurator: ‚Darüber sich jetzt zu unterhalten, das geht zu weit.‘ 

Der Feuilletonredakteur der Bremer Nachrichten Erich Emigholz legte in einem Artikel noch mehr aus der braunen Vergangenheit des Spitzenbeamten frei, Lutze war nicht mehr zu halten. Er wird allerdings als böser Geist hinter dem unglücklich agierenden Kultussenator Moritz Thape noch bis zu seiner Pensionierung in der Kulturbehörde bleiben. Die Marcks Stiftung wird gegründet und hat seit 1971 ein schönes Museum, das schon in dem Post Lampen erwähnt wird. Und diesen Eberhard Lutze habe ich schon in dem Post Geistiges Bremen erwähnt. Dieser Mann, der in seiner Entnazifizierungsakte als an sich schwacher Charakter, der sich der Macht anschließt, um Geltung zu bekommen beschrieben wurde, bestimmt zwanzig Jahre lang die offizielle Bremer Kultur. Und publizierte solche Weisheiten: Der Bremer hat nicht viel übrig für Experimente, verhältsich kritisch zu fremdartigen Einflüssen und modischen Erscheinungen, hat dafür aber eines, was mancher avantgardischen Kühnheit andernorts abgeht: Charakter und Treue.

Man hat das schlimme Wirken von Lutze nicht ganz vergessen. In der kreiszeitung konnte man 2009 in einer Besprechung der Ausstellung „entartet“ – beschlagnahmt:Bremer Künstler im Nationalsozialismus (in der auch diese schöne Bild von Hillmanns Hotel bei Nacht von Arnold Schmidt-Niechciol zu sehen war) lesen: Dass eine solche Ausstellung erst jetzt realisiert werden konnte, ist teils in der Natur der Sache begründet: Was so lange aus dem Blick geraten ist, drängt sich nicht eben als Ausstellungsthema auf. Dass eine „Wiedergutmachung“ an den verfemten Künstlerinnen und Künstlern nicht zeitnah zum Untergang der NS-Diktatur auf den Weg gebracht worden ist, liegt an einer erschreckenden Kontinuität in der Kultusbürokratie nach 1945. In Bremen zeigt sie besonders krasse Züge. Der durch tragende Rollen in der NS-Zeit hoch belastete Eberhard Lutze war bis 1973 Leiter der Bremer Kulturbehörde. Dass Lutze kein Interesse an der Präsentation „entarteter“ Bremer Künstler hatte, liegt auf der Hand. Wie er mit Künstlern umging, die seinem ästhetischen Ideal nicht entsprachen, veranschaulicht der Rauswurf des ehemaligen Bremer Intendanten Kurt Hübner.

Der Rufer hat seit 15 Jahren einen neuen Platz, er steht jetzt an der Weser, weil Radio Bremen umgezogen ist. Dies ist nicht der Bremer Rufer, diese Plastik steht seit 1989 in Berlin. Sie ruft in den Osten, kurz nach der Aufstellung fiel die Mauer. Die Plastik trägt einen Satz von Francesco Petrarca: Ich gehe durch die Welt und rufe ‘Friede, Friede, Friede’. Es gibt noch mehr Abgüsse von dem originalen Rufer in der Welt. Die Bremer Figur hat sich ein klein wenig verändert, sie ist jetzt auf einem Kugellager montiert. Normalerweise blickt der Rufer über die Weser, aber für die Sendung 3 nach 9 wird er um 180° gedreht und guckt dann durch die Glasfront ins Studio. Vielleicht sollte er lieber auf die Weser gucken, 3 nach 9 ist auch nicht mehr das, was es mal war.

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