Paul Wunderlich

Ist das wirklich Kunst oder eine Geschmacksverirrung der siebziger Jahre? Ich rede von Paul Wunderlich, der heute vor 91 Jahren geboren wurde. Er hatte seine große Zeit in den siebziger Jahren, der Dekade des schlechten Geschmacks. Ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich eine Wunderlich Grafik besitze. Nummer 2 von 100 Exemplaren, unten rechts signiert. Ich glaube, sie hieß Spaziergang an der Förde, wurde damals von der Kunsthalle Kiel angeboten. Ich finde die Lithographie leider nicht im Netz, deshalb nehme ich irgendetwas anderes. Ist bei Wunderlich auch egal, sieht alles gleich aus.

In der Kunsthalle Kiel konnte man Wunderlichs Kunst häufiger sehen, der Direktor ➱Jens Christian Jensen schätzte Wunderlich sehr und hat auch ein Buch über den Künstler veröffentlicht. Ich habe Wunderlich mehrfach gesehen, da trug er beige-gelbe Baumwollanzüge, das sah sehr stilvoll aus. Einmal habe ich ihn angesprochen, weil er mich mit seinem weinroten Rolls Royce eingeparkt hatte. Das war ihm sehr peinlich. Er hatte noch einen zweiten Rolls Royce, den vor ihm Omar Sharif besessen hatte. Wenn Maler einen ➱Rolls Royce haben, geraten sie in den Verdacht, keine Kunst, sondern Kommerz, zu produzieren. Zwischen Kunst und Kommerz betitelte der Spiegel im Jahre 2010 seinen Nachruf, in dem auch die Rede von einem künstlerischen Leichtgewicht war.

Paul Wunderlich hatte zusammen mit ➱Horst Janssen studiert, aber das Talent von Horst Janssen hat er nie gehabt. Wunderlich besaß sicherlich große technische Fähigkeit in Radierungen und Lithographien, aber da hört es auch schon auf. Er war mit der Photographin Karin Székessy verheiratet, die ihr Geld damit machte Nackedeis zu photographieren. Wenn die schon mal im Wohnzimmer saßen, dann malte Wunderlich die auch. Oder er malte sie von den Photos seiner Gattin ab. Dies Photo von Székessy heißt Madame Récamier, sie hat davon eine ganze Serie gemalt. So etwas gilt heute als erotisches Meisterwerk.

Hier ist Wunderlichs Version von Madame Récamier. Als ich den Post ➱Julie Récamier schrieb, habe ich die Kunstwerke von Székessy und Wunderlich bewusst ausgelassen. Der Post ist auch ohne die ein Bestseller. Ebenso wie der Post ➱Patti d’Arbanville. Dort habe ich gehässige Dinge über Székessy und Wunderlich gesagt. Weshalb der über siebzehntausend Mal angeklickt wurde, ist mir nicht so ganz klar. Ich höre hier mal auf, es sind genug der Beleidigungen für den heutigen Tag. Paul Wunderlich wird in diesem Blog schon in den Posts Jens Christian JensenCarl Otto Czeschka Patti d’ArbanvilleHorst Janssen Thomas Eakins erwähnt. Meine Lithographie lasse ich an der Wand. Als Beispiel dafür, dass auch ich in den siebziger Jahren mal einen schlechten Geschmack hatte.

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Hohehorst

In der Mittelstufe bekamen wir einen neuen Deutschlehrer, der Pedro Ziegert hieß. Eigentlich hieß er ja Peter Ziegert, aber es ging das Gerücht, dass er seine Jugend in Südamerika verbracht habe, wohin seine Eltern aus irgendeinem Grund gezogen waren. Er sah mit seinen schwarzen Haaren und seinen schwarzen Augenbrauen auch ein wenig so aus wie ein Südamerikaner. Auf jeden Fall wie die Südamerikaner im Kino. Von dem etwas exotischen Aussehen abgesehen, war er ein sehr guter Deutschlehrer.

Wie die Nordamerikaner aussahen, das wussten wir, mit denen waren wir groß geworden, schließlich war Bremen eine amerikanische Enklave. Mit Südamerika verband man im Ort immer die Familie ▹Lahusen, der ganze Ort war noch voller Geschichten über sie. Die Lahusens hatten sich im 19. Jahrhundert über die Jahrzehnte ein Stückchen von Südamerika gekauft. Um dann in Gestalt des jüngsten Mitglieds der Familie beinahe den Bremer Staat zu ruinieren. Oder um, wie Alfred Faust sagte, aus dem vergoldeten Sessel im Prunkschloß Hohehorst, im Holzschemel des Bremer Untersuchungsgefängnisses zu landenDies Gebäude hier war einmal das Verwaltungsgebäude der Lahusens, nach dem Krieg diente es den Amerikanern als Zentrum für ihr Bremen Port Command. Bremen war ja zuerst von den ▹Engländern erobert worden, aber die Amerikaner brauchten Bremen und ▹Bremerhaven für ihren Nachschub.

Einer der ersten aus der Familie Lahusen war in der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Argentinien gegangen. Er konzentrierte sich auf die Schafzucht und begründete die Firma Lahusen y Cia Ltda, die zum größten Wollexporthaus Argentiniens wurde. Und mit Wolle werden die Lahusens in Bremen ihr Geld machen. In 1920er Jahren produziert Lahusens Konzern ein Viertel der Weltproduktion an Woll-Rohgarnen. Aus steuerlichen Gründen hatten sie ihre Firma Nordwolle (Norddeutsche Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei) von Bremen nch Delmenhorst verlegt.

Ich würde Hohehorst nicht unbedingt als Prunkschloss bezeichnen, aber es hatte schon einen Anflug von Größe. Oder Größenwahn. Als wir klein waren, radelten wir dahin und erkundeten das Gelände. Das war immer ein Abenteuer. Der Landsitz in Löhnhorst war unbewohnt, doch in dem eindrucksvollen ▹Torgebäude saß ein Wächter. Der uns aber nie erwischte. Das elektrische Tor funktionierte auch nicht mehr richtig. Heute ist alles für die Öffentlichkeit zugänglich. Aber wenn man dreizehn ist, Lederhosen trägt und auf ein Abenteuer aus ist, dann sind ein verwilderter Park und ein verfallenes Herrenhaus etwas ganz anderes.

Der Landsitz war noch nicht alt. Das neugotische Schloss wenige Kilometer weiter in Leuchtenburg, in dem die Familie von Ursula von der Leyen gewohnt hatte (und das schon in den Posts ▹Horace Walpole und ▹Gothick vorkommt), war viel älter. Dieses Haus hier mit seinen 107 Zimmern (alle Räume mit Telefonanschluss, auch die Kinderzimmer) und 12 Badezimmern wurde erst 1928-1929 gebaut. Im Eiltempo hochgezogen. Unter der Aufsicht des Architekten Otto Blendermann arbeiteten sieben Architekten, acht Bildhauer und vier Kunstmaler. Heute steht alles leer, hier sehen wir einen Hausmeister beim Inspizieren der Räumlichkeiten.

Otto Blendermann hat auch den Elephanten in Bremen gebaut, der hieß früher ▹Kolonialdenkmal, heißt jetzt Antikolonialdenkmal. Der einzige Sinn von dem roten Elephanten war eigentlich, dass man nachts nach einem Besuch des Bremer Freimarktes darauf kletterte, aber das fällt heute wohl nicht mehr unter political correctness. Die Polizei sah das sowieso nicht so gerne. Blendermann sprach von seinem Bau als von beinahe zeitloser Gediegenheit. Hohehorst ist nicht das einzige Schloss, das zwischen den Weltkriegen gebaut wird, lesen Sie mehr in den Posts ▹Auktionen und ▹Neubauten. Die Autoren von Der Bürgertraum vom Adelsschloss haben in ihrem Buch ein ganzes Kapitel zum Thema Pseudoschlösser des Nationalsozialismus.

Vor den Lahusens waren andere in Löhnhorst gewesen. Das ganze Gelände mit einem kleinen Gutshof war einmal Eigentum der Familie von der Borch (nach denen auch der Straßenzug Borchshöhe seinen Namen hat) gewesen. Denen gehörte auch das Schönebecker Schloss, in dem heute das ▹Heimatmuseum ist, das früher in der ▹Weserstraße war. Auf dem Schlossteich und der Aue konnte man früher im Winter wunderbar ▹Schlittschuhlaufen. Die von der Borchs haben das Schloss in den fünfziger Jahren an das Land Bremen verkauft. Der letzte von der Borch, von dem ich gehört habe, wurde als Nuttenmörder von Frankfurt bekannt. Mit dem Adel ist kein Staat zu machen.

Bevor die Lahusens ihren Prunkbau in die platte Landschaft setzten, war hier schon ein Gut mit Gutshaus, das einer Familie namens Ficken gehörte, die in den Kirchenbüchern seit 1666 erwähnt wird. Einer der letzten aus der Familie, ein Reinert (oder Reinhard) Ficken, hatte als Zuckerfabrikant in Philadelphia ein Vermögen gemacht. Jetzt kommt er zurück in die Heimat. Er lässt sich 1869 als Altersruhesitz ein schlossähnlichem Gutshaus im englischen Stil erbauen (man kann das oben auf dem Bild vielleicht erkennen), der englische Stil ist bei Bremern damals sehr angesagt.

Vor allem bei Bremern, die mit einer Engländerin verheiratet sind. Sie haben es ja mit den prachtvollen Bauten, diese Lahusens. Der argentinische Großgrundbesitzer Gustav Lahusen (der Bruder von Carl) wird sich 1905 in Grabau (Kreis Storman) als ▹Sommerwohnsitz dieses Haus errichten lassen. In einem Stil, den die Engländer im viktorianischen Zeitalter liebten. Das hatte seinen Grund, seine Gattin Ida Mathias war Engländerin. Eine Pastorentochter, deren Familie irgendwann einmal adelig gewesen sein soll.

Reinert Ficken war in Eggestedt geboren, einem Ort, an den ich die angenehmsten Erinnerungen habe. Weil da unser Schullandheim war, mein Opa hatte das Ende der zwanziger Jahren für die Schule erworben. Meine Mutter sagte immer etwas gehässig, dass es ihm mehr darum gegangen sei, eine Bleibe für seine Kameraden vom Stahlhelm zu haben, als dass ihm die Schule am Herzen gelegen hätte. Nach dem Tod von Reinert Ficken verkaufen die Kinder 1883 das 69 Hektar große Löhnhorster Anwesen an Christian Leberecht Lahusen. Der älteste Sohn, Henry Ficken, läßt sich in der Nähe die Villa Waldheim bauen, die heute der ▹Bremer Kirche gehört und als Gemeindehaus genutzt wird.

Der Verkauf des Gutes an den Bremer Großkaufmann Christian Leberecht Lahusen ist wahrscheinlich durch den Baron Knoop, der hier einen ▹Post hat, vermittelt worden. Lahusen hatte schon zuvor eine Villa in der Nähe von Knoops Gut Mühlental (Bild) in St Magnus gekauft, und Knoop hatte sich etliche Ländereien in der Gegend von Löhnhorst gesichert.

Die neureichen Bremer Millionäre der Gründerzeit wollen ihren Status durch eindrucksvolle Bauten dokumentieren. Für die Gartenanlagen wurde Wilhelm Benque gewonnen, der hat den Bremer Bürgerpark entworfen und dem Baron Knoop Knoops Park gebaut (er wird schon in den Posts Parks und Landschaftsgärten erwähnt). Der Park von Hohehorst hat auch eine Grotte, aber keinen Ziereremiten.

Johann Carl Lahusen hatte Armine Mathias, die Schwester der Frau seines Bruders, geheiratet. Sie schenkte ihrem Mann neun Kinder und verwandelte das Haus von Reinert Ficken in eine viktorianische Scheußlichkeit. Aber sie führte auch das Hockeyspiel in Delmenhorst ein, Engländer können nicht anders. Und sie steht wahrscheinlich auch hinter den vorbildlichen ▹Fürsorgemaßnahmen, die es in der Nordwolle gibt. Auch wenn diese vielleicht nur graduell besser waren als die in den anderen Fabriken, durch die Delmenhorst innerhalb weniger Jahre zur größten Industriestadt zwischen Weser und Ems geworden war. Was zu den berüchtigten Delmenhorster Verhältnissen führte, Wohnungsnot, soziale Konflikte und hohe Kriminalität.

In der Lahusen Villa in Delmenhorst auf dem Gelände der Nordwolle (Bild) war der gute Geschmack auch nur außen. Viel Stil ist bei den Lahusens et. al. nicht, zu finden. An die Hamburger Kaufleute, die sich die Palmaille oder neo-klassizistische Villen wie die ▹Henisch Villa bauen lassen, kommen sie nicht heran. Und die, die altes Geld und Kultur haben, besitzen Güter wie Heinekens Park oder ▹Gut Landruhe.

Man hat Carl Lahusen als Mehrer bezeichnet. Er baut die Nordwolle aus, der Grundbesitz und die Schafzucht in Argentinien werfen auch noch etwas ab. Hohehorst ist jetzt nicht nur ein Landsitz, zu dem ständig Ländereien hinzugekauft werden, jetzt wird es eine Art Mustergut für die Landwirtschaft mit einer weit beachteten Rinder- und Schweinezucht und einer Molkerei, die meinen Heimatort Vegesack mit Milch bester Qualität beliefert.

Ein Gründer, ein Mehrer, und nun kommt einer, der alles verjuxt. Er heißt Georg Carl Lahusen, steht auf dem Photo ganz links, stolz mit verschränkten Armen. Die erste Generation schafft Vermögen, die zweite verwaltet Vermögen, die dritte studiert Kunstgeschichte, und die vierte verkommt, hat Bismarck gesagt. Bei den Lahusens gibt es keine Kunsthistoriker, aber immerhin haben sie einen Komponisten in der Familie. Sie verkommen nicht erst in der vierten Generation, sie schaffen das schon in der dritten. An Lahusens 43. Geburtstag kommen ungebetene Gäste in Polizeiuniform ins Herrenhaus Hohehorst und verhaften den Hausherrn, der gerade Präsident der Industrie- und Handelskammer geworden ist, wegen Bilanzfälschungen und Konkursvergehen.

Als er Hohehorst und sein riesiges Bremer Verwaltungsgebäude (das wenig später ▹Haus des Reichs heißen wird) hochzieht, ist er eigentlich längst pleite. Seine Hausbank, die Danat Bank, reißt er mit in den Ruin hinein. Wegen Betrugs, Insolvenzvergehens und persönlicher Bereicherung in den Jahren 1926-1930 wird Georg Carl Lahusen zu fünf Jahren und 50.000 RM verurteilt, sein Bruder Heinz zu 2 Jahren und 9 Monaten Gefängnis, zuzüglich 20.000 RM Geldstrafe. Lahusen haftet mit seinem Privatvermögen, alles andere kommt unter den Hammer. Alfred Faust hat Lahusen als typischen Vertreter der Nachkriegsgeneration der Großkapitalisten, die durch Zufall oder Erbschaft an die Spitze eines Unternehmens gestellt werden, denen aber das nötige Verantwortungsgefühl und Können fehlt bezeichnet. Wo er recht hat, hat er recht.

Der Finanzskandal hat weitreichende Folgen, er ist von manchen Historikern mit der Bankenkrise vor wenigen Jahren verglichen worden, die wir alle noch kennen. Interessieren wir uns heute noch dafür? Wir wissen, es ist immer der Steuerzahler, der die Zeche zahlt. Kennen Sie ihn hier noch? Die ▹HSH, die dem ▹Herrn Kortüm so großzügig Millionen erließ, ist gerade verkauft worden, kostet die Hamburger und die Schleswig Holsteiner Milliarden. Und sie bekommen in dem Deal nicht mal ein kleines Schloss dazu.

Carl Lahusen sitzt seine fünf Jahre nicht ab, nach zwei Jahren ist er wieder draußen. Man weiß erstaunlicherweise wenig über seinen weiteren Lebensweg. Er soll mehrfach versucht haben, wieder ins Geschäft zu kommen, ohne Erfolg. Er stirbt 1973 in Washington. Da ist noch ein anderer Lahusen, aber der ist kein Wirtschaftskrimineller, der ist Gesandter an der deutschen Botschaft. Die Bremer Shakespeare Company (Bild) hat vor Jahren die Pleite von Europas größtem Textilkonzern Nordwolle als szenische Lesung auf die Bühne gebracht. Die Geschichte ist immer noch lebendig.

Das Gut Hohehorst (hier die prunkvollen Lampen am Tor) wird versteigert. Wird Heim für die SS Organisation Lebensborn, amerikanisches Offizierskasino, Tuberkulose Krankenhaus, Drogenklinik. Jetzt hat ist es von einem Immobilienspekulanten gekauft, der es in Eigentumswohnungen umwandeln will. Aber wer will da wohnen? Das ZDF hat eine Serie, die Böse Bauten heißt. Man könnte Hohehorst dazuzählen. Der Lokalhistoriker Hans-Werner Liebig hat in jahrzehntelanger Arbeit alles über Hohehorst zusammengetragen. Sie können das ▹hier lesen. Er hat seinen hervorragenden Artikel im Untertitel Ein Anwesen von national-historischer Bedeutung genannt. Das ist vielleicht etwas hoch gegriffen, aber es ist etwas daran. Man könnte eine kleine deutsche Kulturgeschichte aus Hohehorst machen.

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Gerta Overbeck

Sie hat nichts mit dem Nazarener ↠Friedrich Overbeck oder dem Worpsweder ↠Fritz Overbeck zu tun, die Malerin Gerta Overbeck, die am 2. März 1977 starb. Ihre erste Einzelausstellung hatte sie 1976 in der Galerie Krokodil in Hamburg, da war sie achtundsiebzig Jahre alt. Von der Begeisterung des Kunstmarkts für die Neue Sachlichkeit hat sie leider nie profitiert. Gerta Overbeck kam – ähnlich wie die Bremerin ↠Anna Feldhusen – aus einer wohlhabenden großbürgerlichen Familie. Ihr Vater Julius stammte aus einer in Dortmund ansässigen Brauerdynastie, ihre Mutter Hedwig war die Tochter des Dortmunder Oberbürgermeisters Wilhelm Schmieding. In das Landhaus der Schmiedings in Cappenberg zog die Familie um 1900, dort ist Gerta Overbeck aufgewachsen, und dort hat sie den größten Teil ihres Lebens verbracht. Es gibt im Ort heute noch einen ↠Gerta Overbeck Weg.

Bierbrauer und Kunst hatten wir schon einmal in dem Post ↠Bierbrauer, der von dem schwedischen Maler ↠Anders Zorn handelt. Man könnte das einmal genauer untersuchen, was der Gerstensaft und Kunst miteinander zu tun haben. Viele derjenigen, die um 1900 in Dortmund und Umgebung mit dem Bier reich geworden sind, fördern die Künste. Der Dortmunder Bierbrauer Josef Cremer zum Beispiel hatte eine große Kunstsammlung, besaß sogar einen ↠Patinir. Auch Julius Overbeck, der Vater von Gerta betätigte sich als Mäzen. Heute sind noch viele Brauereien dabei, die Künste zu fördern. Warsteiner hat seinen BLOOOM Award, die Diebels Brauerei kümmert sich um Kunst und Kultur, Sitten und Gebräuche, Tradition und Geschichte sowie Natur und Umwelt allein am Niederrhein, Beck’s unterstützt die ↠Bremer Kunsthalle.

Nach dem Abitur hat Gerta Overbeck von 1915 bis 1918 am Zeichenlehrerseminar der Kunstgewerbeschule Düsseldorf studiert und nach dem Examen ein Jahr als Zeichenlehrerin an einem Dortmunder Gymnasium gearbeitet, schrieb sich dann aber an der Kunstgewerbeschule in Hannover ein. Und trat in die gerade gegründete KPD ein. Über ihre Malerkollegin Käthe Kollwitz urteilte sie später: So sehr ich das Werk von Käthe Kollwitz schätze, finde ich doch, dass ein Maler sich in erster Linie mit der Komposition und Farbgebung zu befassen hat und nicht versuchen sollte, auf diese direkte Weise seine proletarische Gesinnung zum Ausdruck zu bringen und Gutes zu wirken. 

Das Aquarell mit dem Hippodrom auf der Reeperbahn aus den zwanziger Jahren markiert eine Abwendung von den sozialkritischen Themen, die sie bis 1920 beschäftigten. Zeigte das das Hippodrom auf der Reeperbahn noch Einflüsse des Expressionismus, so ist die Arbeiterfrau am Bahndamm im nächsten Absatz ganz der ↠Neuen Sachlichkeit verschrieben. Gerade Linien dominieren.

Die Zeit an der Kunstgewerbeschule in Hannover ist die schönste Zeit im Leben der Gerta Overbeck, sie wird neue Freunde und viele Anregungen gewinnen. Aber es ist auch eine Zeit der Entbehrungen: Als die Inflation weiter fortschritt, mußten die meisten von uns die Schule verlassen. Sie strichen Eisengerüste und Fahrstühle an, arbeiteten als Bühnenarbeiter, als Kunstgewerbler, Reklamezeichner für einen Stundenlohn von 120 Reichsmark, der gerade ausreichte für Brot und Margarine.

Reich werden wie George Braque, der einen ↠Rolls Royce fährt, kann man mit dieser Kunst der Neuen Sachlichkeit nicht. Die Kunststudenten in Hannover gehen zu Fuß, für die Straßenbahn reicht das Geld nicht. Aber sie wollen es nicht anders: Sehr bewußt stellten wir uns in den zwanziger Jahren in Gegensatz zur sogenannten Gesellschaft. Wir wurden auf diese Weise davor bewahrt, den Leuten zuliebe landläufige und gut verkäufiche Themen zu wählen oder etwas nachzuahmen. Man muss dieses Leben für die Kunst bewundern.

Das Examen am Zeichenlehrerseminar der Kunstgewerbeschule Düsseldorf bewahrt Gerta Overbeck vor dem Sturz ins Bodenlose: Als ich mich dabei ertappte, wie ich die Straße nach Geld absuchte, sagte ich mir, dass es so nicht weitergehen könne. Sie arbeitet zuerst als Zeichenlehrerin ein Jahr am Schillerlyzeum in Dortmund und bekommt dann eine feste Anstellung am Katholischen Oberlyzeum für Mädchen, das von den Schwestern der christlichen Liebe im 19. Jahrhundert gegründet wurde. Hinzu kommen Lehraufträge am  staatlichen Gewerbeseminar.

Den späten Ruhm, die Ausstellungen und Kataloge der hannoverschen Maler der Neuen Sachlichkeit wie ↠Leider hab ich’s Fliegen ganz verlernt. Portraits von Künstlerinnen und Schriftstellerinnen der Neuen Sachlichkeit und ↠Der stärkste Ausdruck unserer Tage: Neue Sachlichkeit in Hannover wird sie nicht mehr erleben. Ich habe zum Schluß noch etwas Schönes, eine ↠Seite, auf der man beinahe alles über diese interessante Malerin erfährt, für solche Seiten ist man dem Internet dankbar.

Lesen Sie auch: Magischer Realismus, Franz Radziwill, RadziwillOswald Baer, Richard Oelze, Realisten, Ostern, Grant Wood

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Bierbrauer

Seinen Vater hat der kleine Anders Leonardsson nie gesehen. Seine Mutter Grudd Anna Andersdotter, die in einer neu gegründeten Bierbrauerei in Uppsala arbeitete, hatte den deutschen Bierbrauer dort kennengelernt. Ein heiterer und lustiger Geselle, schön und stattlich anzuschauen, soll er gewesen sein. Es war eine kurze Romanze, wenn es überhaupt eine Romanze war. Er ließ die Bauerntochter, die in der Brauerei die Bierflaschen wusch, sitzen und zog nach Finnland weiter. Er starb in Helsinki, als sein Sohn zwölf Jahre alt war: Aber ich finde es so traurig. daß mein Papa tot ist, aber es wird nicht besser davon, daß ich traurig bin. Irgendwie muß es aber gehen, schreibt der kleine Anders.

Niemand konnte damals ahnen, dass der kleine Anders Leonardsson, der bei seinen Großeltern auf einem Bauernhof aufwächst, einmal Schwedens berühmtester Maler wird, der Könige, drei amerikanische Präsidenten und alle Reichen und Schönen des Gilded Age portraitieren wird. Aber das Leben auf dem Lande wird er nie vergessen und eines Tages in seinen Heimatort zurückkehren. Das mit dem Landleben kann ich verstehen. Ich denke gerne an meine Kindheit zurück, die ich an den Hängen des Wiehengebirges und nicht im zerstörten Bremen verbrachte. In meinen Träumen kommt sie immer wieder vor, einen Teil meiner Erinnerungen habe ich schon in den Post ↠Zweite Heimat hineingeschrieben.

Aber das pralle Leben, das der Schwede auf die Leinwand bringt, so mit drallen nackten badenden ↠Schwedenmädels und mit Dans op de deel, das hatten wir nicht. Die größten Sensationen waren 1949 der erste Mähdrescher und eine Bauernhochzeit, bei der mir jemand Eierlikör verabreicht hatte. Anders Leonardsson wird das bäuerliche Leben seiner Heimat Mora immer wieder auf die Leinwand bannen, als sei Goethes Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ein jeder lebt’s, nicht vielen ist’s bekannt, Und wo ihr’s packt, da ist’s interessant nur für ihn geschrieben.

Leider muss man sagen, dass das pralle Leben auf den Bildern nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Zorn malt eine Welt, die es längst nicht mehr gibt. Den Mittsommerbaum auf diesem Bild gab es im Dorf längst nicht mehr. Zorn hat ihn bezahlt, ebenso wie die Kapelle. Diese Folklore ist eine Konstruktion, eine Suche nach der Kindheit und einer eigenen Identität. Es war der schwedische Prinz Eugen, der selbst ein guter Maler war, der bei einem Besuch bei Anders Zorn angeregt hatte, dass er dieses Bild der schwedischen Nationalromantik malen sollte.

Dieses Bild von einem Markttag in Mora könnte wohl eher der Wirklichkeit entsprechen. Da hat sich das junge Mädchen für den Markttag so hübsch gemacht, und nun liegt ihr Kerl im Gras. Wenn wir so wollen: ein Opfer des Eierlikörs. Oder des untergärigen Bieres der deutschen Bierbrauer. Zorn schreibt dazu in seiner Autobiographie: Zu Hause in Morna nahm ich mir vor, ein Sittengemälde zu malen mit dem Titel ‚Mora Jahrmarkt‘. Es war gewiß nicht  meine Absicht, eine Moralpredigt zu halten, aber ich wollte mich an Wahrheit halten, und dazu gehörte natürlich der Stockbesoffene im Vordergrund und seine Frau, die geduldig dasitzt und mit seinem Hut in der Hand darauf wartet, daß er den schlimmsten Rausch ausgeschlafen hat … Ich schlief meinen Eierlikör Rausch damals in einem zur Garderobe umfunktionierten Schlafzimmer auf Bergen von Pelzmänteln aus. Es gab jetzt in den Nachkriegszeit viele Pelzmäntel bei den Bauern, die gegen Naturalien eingetauscht waren.

Wenn er zur Schule kommt, lernt Anders erst einmal richtiges Schwedisch, da er bei seinen Großeltern nur den regionalen Dialekt Moramål gelernt hatte. Seine Lehrer erkennen schon früh, dass der Junge ein außergewöhnliches malerisches Talent besitzt. Mit fünfzehn Jahren ist er schon Schüler der Königlichen Akademie der Künste in Stockholm. Sein Vater, der deutsche Brauereimeister Johann Leonard Zorn (Bild), hatte seinen Sohn nicht vergessen und ihm ein kleines Erbe ausgesetzt. Er war ein verhältnismäßig wohlhabender Mann, der sich aus der Ferne immer wieder in die Erziehung des Jungen eingemischt hatte.

Die schwedische Brauerei von Düben in Uppsala, wo Leonard Zorn und Grudd Anna Andersdotter (hier eine Radierung von ihrem Sohn) arbeiteten, hat ihre ehemaligen Angestellten auch nicht vergessen. Die deutschen Bierbrauer halten damals in Schweden zusammen, sie sind eine Art Kaste für sich. Man hat die Braumeister wegen ihres Könnens nach Schweden geholt, sie beherrschen die Herstellung von untergärigem Bier. Manche von ihnen werden noch eine Brauerei eröffnen. Wenn er in Stockholm studiert, öffnen ihm deutsche Bierbrauer wie F. Dölling (Hamburger Bierbrauerei Gesellschaft) und Fritz Heiss (Nürnberger Bierbrauerei Gesellschaft) ihre Türen. Und die deutsche Brauerei Gesellschaft in Stockholm wird dem jungen Anders Leonardsson, der jetzt den Namen seines Vaters annehmen wird, ein Stipendium für sein Kunststudium gewähren.

Man fördert zwar nicht in großem Stil die Künste wie Jacob Christian Jacobsen mit seiner Carlsberg Brauerei oder Christian Langaard in Norwegen, aber man versucht jetzt in Schweden gegen die übermächtige dänische Konkurrenz, sprich Carlsberg und Tuborg, ins Geschäft zu kommen. Da waren Braumeister aus Deutschland gesuchte Leute. Man produziert bayrisches Bier (Pilsener kommt später), die größte schwedische Brauerei heißt übrigens Münchens bryggeri. Die Bilanz Schwedens als Land der Brauereien ist allerdings nicht großartig. In der Zeitschrift für das gesammte Brauwesen kann man 1907 lesen: Schwedens Bierausfuhr ist noch unbedeutender als seine Einfuhr. 1895 exportierte es ca. 500 hl. Ende der neunziger Jahre verringerte sich die Ausfuhrmenge und zwar bis auf 80 hl im Jahre 1899. Dann nahm sie wieder ständig zu und stieg 1900 auf 239 hl.

Sie haben es schon gemerkt, ich schreibe heute über den schwedischen Maler Anders Zorn, der am 18. Februar 1860 geboren wurde. Wenn er am Anfang seines Lebens auf vieles verzichten muss, am Ende seines Lebens hat er einen Rolls-Royce, Pelzmäntel und ↠Maßanzüge, in denen er sich malt. Er wird drei Jahre lang ein Atelier in London unterhalten, Europa und Amerika bereisen. Und malen und malen. Mit 29 Jahren macht man ihn in Paris zum Chevalier der Ehrenlegion. Beinahe hätte er noch den Pour le Mérite bekommen (er wurde dreimal nominiert), aber Wilhelm II wies den Schweden immer wieder ab. Wahrscheinlich waren ihm zu viel nackte ↠Schwedinnen auf den Bildern.

Seine Bilder machen Anders Zorn reich, als er stirbt, hat er ein Vermögen von 14 Millionen Mark. So ganz nebenbei kauft er viel Kunst (oder tauscht Kunst gegen eigene Werke ein). Beinahe zweihundert Blätter von Rembrandts Radierungen und Zeichnungen wird er besitzen. Der wird zum Ende des 19. Jahrhunderts sein großes Vorbild werden. Zorns Radierungen werden begehrt sein, →Alfred Lichtwark, der Zorn beauftragte, ein Bild vom →Hamburger Hafen zu malen, wird 42 Radierungen von Zorn besitzen. 1976 hat Erik Forssman, der Direktor des Zorn Museums, in Freiburg eine Ausstellung des graphischen Werks von Anders Zorn präsentiert. In seinem Testament vermacht Zorn alle seine Kunstwerke dem schwedischen Staat, damit er ein Museum dafür schaffe.

Natürlich habe ich in diesem Blog schon über ↠Anders Zorn  geschrieben, aber bevor ich Blogger wurde, habe ich auch schon über Zorn geschrieben. Das war 1989, als ↠Jens Christian Jensen in der Kieler Kunsthalle eine riesige Ausstellung von Zorns Oeuvre organisiert hatte, die im nächsten Jahr nach München wanderte. Ich wollte in der Universitätszeitung ↠semester über die Ausstellung schreiben, einen Katalog (den man heute noch antiquarisch für 20 Euro finden kann) besaß ich schon.

Den hatte mir Jens Christian Jensen freundlicherweise vorbeigeschickt. Aber es kam anders, weil ich eines Morgens drei blonde mir unbekannte Nordistikstudentinnen in meinem Büro hatte, die mich becircten, meinen Zorn Artikel nicht in der Unizeitung, sondern in einer kleinen Zeitschrift namens norrøna zu veröffentlichen. Woher die wussten, dass ich über Anders Zorn schreiben wollte, ist mir bis heute ein Rätsel.

Vor sechs Jahren gab es in Lübeck noch eine Anders Zorn Ausstellung. Da konnte man auf dieser ↠Seite lesen, dass Zorn ein vergessener Maler sei, den man jetzt wiederentdeckt hätte. Man vergisst offenbar schnell. Hat man die Düsseldorfer Ausstellung von 1958, die Freiburger Ausstellung von 1976 und die Kieler Ausstellung von 1989 wirklich schon vergessen? Ich nicht, in der Kieler Ausstellung war ich jede Woche zweimal. Wann bekommt man schon mal so etwas zu sehen? Außer natürlich im ↠Zorn Museum.

Eierlikör habe ich seit 1949 nicht mehr getrunken. Mit Bier kenne ich aus, schließlich habe ich früher in den Semesterferien mal als ↠Bierfahrer gejobbt. Von schwedischem Bier habe ich wenig Ahnung, ich habe mal Pripps Blå getrunken, aber nur einmal. Dänisches Bier kenne ich gut, von Zeit zu Zeit kaufe ich mir mal aus Nostalgie eine Dose Tuborg. Trinke es natürlich nicht aus der Dose, ich habe schöne Tuborg Kelche im Küchenschrank.

Als Professor ↠Wolfgang J. Müller in der Kunsthalle Kiel die Skagen Ausstellung eröffnete, hatte die dänische Brauerei einige junge Däninnen in hübscher dänischer Tracht geschickt, die das Tuborg in diesen schönen Tuborg Gläsern servierten. Ich fand das sehr stilvoll. Anders Zorn, der sich als Student mal die Wohnung mit einem Bierkutscher teilte, hat natürlich auch mal eine Brauerei gemalt, im Bild oben sehen wir Frauen, die die Etiketten auf die Flaschen kleben. Im Bild darunter wird das Bier abgefüllt und die Flaschen verkorkt. Frauen machen die ganze Arbeit, Emile Zola hätte einen Roman daraus gemacht. Anders Zorn kommt es nur auf das Licht an. Weiter als mit dem Bild über den Markttag in Mora wird er mit seiner Sozialkritik nicht gehen. Jens Christian Jensen schrieb im Kieler Katalog: Dieser Maler der Oberflächen von Dingen und Menschen und deren Beziehungen im atmosphärischen Licht, hat wie kaum ein anderer Künstler den äußeren Schein konsequent und eigensinnig als das allein Wirkliche anerkannt und in alle Rechte eingesetzt.

Wenn Sie noch mehr Posts zur skandinavischen Kunst lesen wollen, dann sind Sie in diesem Blog richtig. Sie könnten auch noch lesen: Anders Zorn, Mein Dänemark, Dänische Kunst, Skagen, Nordlichter, Nicolai Abildgaard, Bertel Thorvaldsen, måneskinnsmaler, Johan Christian Clausen Dahl, Kreidefelsen, Vilhelm Marstrand, Hans Matthison Hansen, Carl Larsson, Michael Ancher, Streik

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Düsseldorfer Schule

Der Maler Carl Friedrich Lessing, dessen Vater ein Neffe von Gotthold Ephraim Lessing war, wurde heute vor 210 Jahren geboren. Auf diesem Bild seines Kollegen Friedrich Boser sehen wir ihn zusammen mit den wichtigsten Malern der Düsseldorfer Schule, zu deren Mitbegründern Lessing zählt. Lessing ist der Herr im blauschwarzen Rock, der eine Papierrolle in der Hand hält. Ein wenig dandyhaft, das ganze Bild ist darauf angelegt, dass er die Hauptperson ist. Ich weiß, dass Sie jetzt unbdingt wissen wollen, wer der Kleinwüchsige auf dem Bild ist. Das ist niemand anderer als Johann Wilhelm Preyer. Der Malerzwerg vor seiner Staffelei hat Johann Peter Hasenclever sein Portrait von Preyer genannt.

Friedrich Boser hat auch zusammen mit Carl Friedrich Lessing das Bild Das Vogelschießen der Düsseldorfer Künstler im Grafenberger Wald gemalt. Das Bild ist wie das Bild oben nach New York gewandert, wo es eine Düsseldorf Gallery gab. Das Vogelschießen ist immer noch in New York, Bosers ➱Bilderschau der Düsseldorfer Künstler im Galeriesaal hat Düsseldorf zurückgekauft.

Lessing konnte technisch gut malen. Malt mal ein wenig wie Caspar David Friedrich (als dessen Nachfolger er angesehen wurde), mal ein wenig wie Claude Lorrain. Auch Schinkel (bei dem er kurze Zeit studierte) und Blechen haben Einfluss auf den jungen Lessing gehabt. Ich mag seine Landschaften, seine Historienbilder sind nicht meine Sache. So etwas habe ich immer wieder in meinem Blog gesagt, zum Beispiel in dem Post Moritz von Schwind. Diesen stillen und unspektakulären Sonnenaufgang im Harz ohne Staffage von Rittern und Mönchen finde ich sehr schön.

1832 hatte Lessing mehr als zwei Monate lang die Eifel durchwandert, was ihn zur realistischen Landschaftsmalerei gebracht hat. Es war seine vierte Eifelreise, weitere sollten folgen. Ich hätte hier in der ➱Zeitschrift des Eifelvereins eine interessante Seite, wo er als Entdecker der Eifel gefeiert wird. Auf diesen Reisen begleitet ihn häufig der Maler Johann Wilhelm Schirmer, mit dem zusammen er 1827 den Landschaftlichen Komponierverein gegründet hatte. Was wären Deutsche ohne einen Verein?

Als ich klein war und mich durch die großformatigen Kunstbände meines Opas durcharbeitete – die leider nur Historienmalerei enthielten – habe ich dieses Bild nicht verstanden. Es heißt Schützen am Engpaß, der Berliner Bankier Joachim Heinrich Wilhelm Wagener hat viertausend Taler dafür bezahlt. Das Bild und seine Gemäldesammlung wurden später der Grundstock der Berliner Nationalgalerie. Wageners erstes Bild war Schinkels Gotische Kirche am Meer, ein Bild, das ich immer wieder betrachen kann. Dies hier nicht, aber die Seite der Staatlichen Museen Berlin hilft uns mit einer Interpretation aus.

Da ich bei den Scheußlichkeiten der Historienmalerei bin: Diese Hussitenpredigt von Lessing finde ich auch furchtbar. ➱Sir Joshua Reynolds hatte in seinen ➱Vorlesungen zur Kunst die Historienmalerei als die edelste Form der Malerei verherrlicht, hatte sich selbst aber nicht in dem Genre betätigt. Sein Kollege ➱Gainsborough vermied das Genre auch, ➱John Constable sowieso. Aber Carl Friedrich Lessing, der die Natur liebt, der wendet sich ab 1836 der Historienmalerei zu und malt nur noch so etwas wie das hier.

Die Ritter (ohne Drachen), die Mönche und die verfallenen Abteien, die lässt er jetzt hinter sich. Vielleicht war es eine höhnische Kritik Goethes an einem seiner Gemälde: Wohin führt uns nun aber Ihr Berliner Maler? In eine Winterlandschaft, und nicht etwa in eine jener heiteren holländischen, wo wir Damen und Herren sich lustig auf spiegelglatter Eisfläche schlittschuhlaufend umhertummeln sehen — oh, ich selbst war zu meiner Zeit ein tüchtiger Schlittschuhläufer — nein! hier führt uns der Maler in eine Winterlandschaft, in welcher ihm Eis und Schnee nicht genug zu sein scheint; er überbietet, oder wir können sagen: er überwintert den Winter noch er überbietet, oder wir können sagen er überwintert den Winter noch durch widerwärtigste Zugaben. Da sehen sie: einen in warmen Tagen uns mit einem kühlen Labetrunk versorgenden Brunnen, aus dessen Löwen- und Drachenrachen das festgefrorene Wasser wie eine Zunge von Eis heraushängt, fest an den Boden angefroren ... Die widerwärtigste Zugaben sind ein Problem der Malerei in dieser Zeit. Zu dem tüchtigen Schlittschuhläufer Goethe können Sie hier mehr lesen.

Lessing hat großen Einfluss auf Emanuel Leutze und all die Amerikaner gehabt, die jetzt nach Düsseldorf kommen. Leutze ist vielleicht der berühmteste der Amerikaner, die in Düsseldorf ihre malerische Ausbildung erhalten. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, wie weit der Ruhm der Düsseldorfer Akademie in die Welt ausstrahlt. Der Kunsthistoriker Richard Muther hat Leutzes Washington Crosses the Delaware als ein ehrliches, loyales Historienbild, das in der ruhigen Sachlichkeit seiner Komposition mehr dem ernsten Copley als dem sentimental-pathetischen Lessing ähnelt bezeichnet. Mit dem dem sentimental-pathetischen Lessing trifft er den Kern der Lessingschen Historienmalerei.

Glücklicherweise gibt es aber auch Historienbilder, die eigentlich Landschaftsbilder sind. Wie dieses hier, das die Bremer Kunsthalle besitzt. Eine schöne Landschaft, ein schöner Himmel, eine schöne Verteilung des Lichtes. Und dann gibt es noch eine kleine Figurenstaffage. Nach dem Duell (oder Nach dem Zweikampf) heißt dieses 1862 gemalte Bild, das die Bremer Kunsthalle seit 1931 besitzt. Geschenk einer Kunstfreundin steht im Katalog. Ich habe schon mal, wahrscheinlich in dem Post Kunsthalle Bremen, gehässige Dinge über den Online Katalog der Kunsthalle gesagt. Kann ich gerne wiederholen, er funktioniert mal wieder nicht. Der Katalog in Buchform funktioniert immer, den muss ich nur aus dem Regal nehmen. Der im Zweikampf Unterlegene liegt in weißem Hemd und roten Hosen tot auf dem Boden, sein Grab wird schon geschaufelt. Das Ganze soll eine Szene aus dem Dreißigjährigen Krieg sein. Sie haben in Bremen aber noch mehr Bilder von Lessing, glücklicherweise alles Landschaftsbilder. Die meisten sind im Archiv, ich bin froh, dass ich Nach dem Duell einmal gesehen habe.

Auch dieses Bild, das Die Belagerung heißt (und die Verteidigung eines Kirchhofs im Dreißigjährigen Krieg darstellt), ist wie Nach dem Duell eine Mischgattung aus Landschafts- und Historienbild. Wir sind hier wieder im Dreißigjährigen Krieg, das Bild wurde ebenso wie Schützen am Engpaß 1848 gemalt. Interpreten werten beide Bilder als Zeugnis der 1848er Revolution. Man kann Die Belagerung als Kissenbezug kaufen, aber ich weiß nicht, ob man auf solch einem Kissen gut schläft.

So schön das Restlicht der Sonne vor einem heranziehenden Sturm gemalt ist, Die Belagerung bleibt letztlich akademisch kalt. Es leuchtet kein Feuer von innen her wie auf diesem Bild von Carl Blechen. Letztlich ist Lessing ein Zeichner, kein Maler.

Könnte er natürlich sein, immer wieder blitzt sein Können auf. Wie zum Beispiel bei dieser Landschaft mit Krähen. Die besten Bilder haben die Museen, dies hier hängt in Los Angeles. Es sind noch genügend Bilder von Lessing im Handel, so berühmt er einst war, heute sind seine Bilder preiswert zu haben. Dies natürlich nicht. Die Bilder von Blechen auch nicht.

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Drachen

Doch genau in diesem Augenblick, der in den Bildern zur Darstellung gelangt ist, sind zugleich die letzten Sprachstücke, eher wohl Todesschreie dieser anderen Sprache aufgehoben: Auf den Gemälden und Standbildern indes recken die Drachen weiterhin die schon schwer angeschlagenen Köpfe, drehen sie sich, als hätten sie noch eine Chance zu entkommen, um nach den Mördern mit weit aufgesperrten Mäulern, die von Blut überströmen – roten klaffenden Wunden ähnlich, die nicht mehr heilen, sich nie wieder schließen werden – und schreien, brüllen, röcheln sie die Sprache der Körper und der Herzen in der den Bildern angestammten Stummheit. Erbarmen mit den Drachen, wann findet man das schon mal in der Literatur?

Meistens müssen Ritter zuerst einen Drachen erschlagen, um an die damsel in distress heranzukommen, die auf dem Bild von John Everett Millais für das viktorianische Publikum auch noch nett nackt ist. Ich weiß nicht, ob die Unterwäschenfirma Victoria’s Secret etwas mit dem ↠viktorianischen Schmuddelsex zu tun hat, könnte aber sein. Aber ich weiß, dass Raymond Chandler das Bild von Millais in seinen Roman The Big Sleep hineingeschrieben hat: The main hallway of the Sternwood place was two stories high. Over the entrance doors, which would have let in a troop of Indian elephants, there was a broad stained-glass panel showing a knight in dark armor rescuing a lady who was tied to a tree and didn’t have any clothes on but some very long and convenient hair. The knight had pushed the vizor of his helmet back to be sociable, and he was fiddling with the knots on the ropes that tied the lady to the tree and not getting anywhere. I stood there and thought that if I lived in the house, I would sooner or later have to climb up there and help him. He didn’t seem to be really trying.

Ritter, Drachen, damsels in distress, das ist seit der ↠Arthurian Romance ein Dauerbrenner. Ich bleibe mal bei der Literatur, lasse alles weg, was da an Monstern im Fantasygenre über die Bildschirme kreucht und fleucht (lesen Sie mehr dazu in ↠Fantasy). Wir haben genug an Rittern der Tafelrunde, haben genug damsels in distress, aber was ist mit den Drachen? In ↠Beowulf: The Monsters and the Critics hat J.R.R. Tolkien gesagt: one dragon, however hot, does not make a summer, or a host; and a man might well exchange for one good dragon what he would not sell for a wilderness. And dragons, real dragons, essential both to the machinery and idea of the poem or tale, are actually rare.

Der Text im ersten Absatz stammt aus dem Buch ↠Der wunde Punkt im Alphabet von Anne Duden. Als mir das Buch im Antiquariat in die Hand fiel, habe ich mich gleich darin festgelesen. Das Buch war auch deshalb interessant, weil da noch ein Brief von Anne Duden an eine Freundin drin lag, mit der sie einmal beim Rotbuch Verlag zusammengearbeit hatte. Man kommt sich da beim Lesen ein wenig wie ein Voyeur vor. Wenn eine Dichterin über Drachen schreibt, sieht das natürlich etwas anders aus, als wenn sich Literaturwissenschaftler des Themas annehmen. Das haben sie schon getan, ich verweise da einmal auf das Buch Good Dragons are Rare: An Inquiry into Literary Dragons East and West.

Heute vor 480 Jahren ist der Maler Albrecht Altdorfer gestorben. Erstaunlicherweise hat er in diesem Blog noch keinen Post. In dem Post ↠Albrecht Dürer habe ich geschrieben: Ich mag Albrecht Altdorfer, ich mag ↠Adam Elsheimer, aber Dürer mit seiner kalten Schönheit bleibt mir fremd. Neben Grünewald oder auch nur neben Altdorfer erscheint er furchtbar trocken und arm. Es kommt hier zu Tage daß sein Verhältnis zur Farbe doch der natürlichen Wärme entbehrte, hat ↠Heinrich Wölfflin gesagt

Das Bild mit dem Heiligen Georg und dem Drachen, das in der Münchener Alten Pinakothek hängt, ist klitzeklein, 28 mal 22 Zentimeter. Aber man vergisst es nie, wenn man es einmal gesehen hat. Viel Wald, ein seltsamer Drache, der wie ein übergroßer Breitmaulfrosch aussieht. Ein Ritter, der sich nicht rührt. Schockstarre? Ein Ausblick auf blaue Berge, der vielleicht später in das Bild gemalt wurde. Für Simon Schama war es in seinem Buch Landscape and Memory die deutsche Geschichte schlechthin: The story, we begin to understand as the leaves emit light onto yet more leaves, piling up and overlapping in densely embroidered frond-like panels, is the forest. This German wood is not “the setting”; it is the history itself. Nature and Memory ist ein ↠Leseerlebnis, und das Kapitel über den deutschen Wald ist besonders schön: Religion and patriotism, antiquity and the future — all came together in the Teutonic romance of the woods.

Reglos verharrt der Ritter im wogenden gelbgrünen Laubmeer, als zweifle er an seinem Drachentöterverstand, schreibt Anita Albus (die ↠hier einen Post hat) über das Bild. In ihrem Buch ↠Die Kunst der Künste: Erinnerungen an die Malerei hat sie ein schönes Kapitel über den Drachentöter im Laubmeer. Wo wir lesen können: Niemand vor und niemand nach Altdorfer hat die Drachenkampfepisode in einem Urwald dargestellt, und kein anderes Georgsbild zeigt eine Schrecklähmung des Ritters.

Unser Georg, der den Drachen tötet, hat eigentlich nichts mit dem Wald zu tun. Eigentlich ist er in Beirut. Arnold von Harff erzählt in seiner Pilgerfahrt: … da hauste der König von Phönizien, auf dessen Tochter das Loos fiel, dass sie der Drache verschlingen sollte. Da ging sie von dem Schloss eine halbe wälsche Meile weit am Strande gegen Mitternacht an einen viereckigen steinernen Strunk, den erstieg sie mit einem Lamme, da er hoch über die Erde aufgemauert war, da oben des Drachen zu erwarten. Indem kommt der Ritter St. Georg geritten und frägt die Königin, warum sie so traurig allein stund. Sie antwortet: O edler Herr! fliehet bald von hinnen, hier kömmt ein böser Drache, der mich verschlingen wird und auch euch verderben könnte. Mit den Worten schlug St. Georg ein Kreuz und überwand den Drachen.

Ein bisschen mehr hätten wir uns bei der Beschreibung des Drachenkampfes schon gewünscht. Dieser Drache in Beirut fordert täglich seinen Tribut an Menschenfleisch. So wie die Pflanze in The Little Shop of Horrors, die ständig Feed me sagt. Wenn man dem Wunsch des Beiruter Drachens nicht nachkommt, droht er, die Stadt mit seinem Gifthauch zu verpesten. Es gibt da in der Gegend keine Drachen mehr, aber Gifthauch kennen sie da im Nachbarstaat schon.

In Altdorfers Heimat an der Donaus gab es keine Drachen, er wusste nicht, wie sie aussehen. Aber Wald gibt es da, wie Bäume aussehen, das weiß der Albrecht Altdorfer schon. Und doch malt er einen Laubwald mit Blättern, die anders aussehen als in der Wirklichkeit oder in einem Bestimmungsbuch von Joachim Camerarius. Am ehesten könnte man die Laubmauer mit den seltsamen Blättern mit zwei Seitentafeln eines Altars von ↠Gerard David vergleichen. Die festumrissene Gestalt der Blätte und Bäume lässt Altdorfer kalt, was ihn entflammt, sind die Kaskaden des Lichts in den Turbulenzen des Laubmeeres, die der Wind erzeugt, schreibt Anita Albus.

Auf dieses Buch mit dem Titel Albrecht Altdorfer and the Origins of Landscape sollte ich zum Schluss noch hinweisen. Denn Altdorfer hat nicht nur den Laubwald mit dem putzigen Drachen gemalt, er hat für Deutschland auch die Landschaftsmalerei erfunden. Mit wilden Wäldern, man nennt die Maler der sogenannten Donauschule auch die ↠wilden Maler von der Donau. Dass Altdorfer, zu dem ich hier noch einen kleinen ↠Film habe, etwas Besonders war, das war mir schon klar, als ich noch klein war. Ich war vielleicht sieben, als ich versuchte, all die Menschen zu zählen, die auf seiner ↠Alexanderschlacht abgebildet sind. Ich habe mich immer wieder verzählt, aber es ist eine schöne Übung, um das Bild zu verstehen. Ich hätte auch die Blätter des Laubwaldes zählen können, der den Georg mit seiner schwarzen Rüstung umgibt, aber das habe ich lieber gelassen.

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Radziwill

Der Maler Franz  Radziwill wurde am 6. Februar 1895 in Strohausen, einem kleinen Kaff in der Wesermarsch (das heute zu Rodenkirchen gehört) geboren. Ich mag ihn, meine Leser mögen ihn auch. Das kann ich mit Sicherheit sagen, denn der Post ➱Franz Radziwill ist über zehntausend Mal angeklickt worden. Ich mag den Post sehr, weil ich da etwas über das Bild Der Todessturz Karl Buchstätters von 1928 herausgefunden habe, auf das zuvor noch kein Kunsthistoriker gekommen war. Klicken Sie den Post doch mal an.

Ein bisschen etwas Neues hätte ich schon noch. Nämlich den Maler ➱Theo Champion, den man auch den ➱Malerpoeten genannt hat. Er war der einzige Maler, den Radziwill mochte. So notierte seine Frau Anna Inge Radziwill in ihrem Tagebuch: Fragen nach seinen wesentlich bekannteren Kollegen wie Dix, Grosz, Schlichter oder Schad, die er ja persönlich gekannt hatte, mit denen er zum Teil eng befreundet war, weicht Radziwill aus. Über deren Bilder spricht er nicht. Der einzige, den er als Maler ausdrücklich schätzt, ist Theo Champion, ein längst verschollener Künstler aus Düsseldorf. Verständlich, daß dieser alte Maler, der sich verkannt fühlt, der immer noch auf den großen Durchbruch wartet ... Klicken Sie doch einmal diese ➱Seite an, es sind erstaunliche Bilder dabei.

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