Anna Feldhusen

Anna Feldhusen wurde heute vor 150 Jahren in Bremen geboren, man weiß leider nicht so viel über ihre Jugend. Sie stammte aus einer wohlhabenden Familie (ihr Vater J.P. Feldhusen war Börsenmakler). Ihre Familie war sehr dagegen, dass die Tochter Malerin wurde. Aber die Tochter war von diesem Wunsch nicht abzubringen. Das ist anders als bei Friedrich Ahlers-Hestermann, der kam aus einer feinen Hamburger Kaufmannsfamilie, aber seine Familie ließ ihn letztendlich Kunst studieren, auch wenn man ihn gerne als Hamburger Kaufmann gesehen sähe. Anna Feldhusen sieht auf diesem Photo sehr vornehm aus.

Das Photo oben könnte eine Frau in einer Kirche zeigen, die eine Bibel oder ein Gesangbuch hält. Aber sie hält einen Skizzenblock. Das wird sie sich bei der Photographie ausbedungen haben, Maler werden gerne mit dem gemalt oder photographiert, was auf ihr Handwerk hindeutet. Es war eine kleine Frechheit von Gilbert Stuart, seinen berühmten Malerkollegen Sir Joshua Reynolds nicht mit Pinsel und Palette, sondern mit seiner goldenen Schnupftabakdose zu malen. Auch wenn Anna Feldhusens Familie ihren Berufswunsch nicht billigt, es führt zu keinem Bruch mit den Eltern. Sie wird lange in deren Haus in der Ellhornstraße 15a wohnen bleiben.

Ex Libris Anna Feldhusen steht hier unter einer Landschaft, die uns Worpswede sagt. Aber da steht auch noch Allein, ich will, und das ist ein Programm für das Leben. Alles, was man über sie sagen kann, ist symbolisch hier dargestellt. Das Ex Libris ist eine Radierung, und die Druckgraphik wird den größten Teil ihres Werkes ausmachen. Sie war nicht nur in Worpswede, sie wirkte auch in der Künstlerkolonie Dachau, zu der sie in den Wintermonaten gerne zurückkehrte. Ihre Münchener Wohnung hat sie, wie ihr Bremer Atelier, immer behalten. In den Sommermonaten war sie in der Künstlerkolonie Dötlingen zu finden. In München hatte sie drei Jahre bei Lina Kempter, Max Dasio und Oskar Graf an der gerade gegründeten Damenakademie des Künstlerinnenvereins studiert, bevor sie Schülerin von Hans am Ende in Worpswede wurde.

Obgleich dieses Selbstportrait aus dem Jahre 1899 eine gewisse Meisterschaft verrät, erkannte Anna Feldhusen, dass ihre Stärke in Radierung und Aquatinta liegen würde. Das Selbstportrait ist ein Bild, das eine starke Frau zeigt: Allein, ich will. Wir sind in der Zeit, wo in der Literatur starke Frauen auftauchen. Wie die New Woman bei George Bernard Shaw, oder schon viel früher die Sara Videbeck in Carl Jonas Love Almqvists Roman Die Woche mit Sara. In einem Bild Stärke und Überlegenheit zu demonstrieren, ist ein symbolischer Akt. Doch für das Selbstverständnis der Malweiber, wie die Künstlerinnen despektierlich genannt werden, braucht es etwas mehr. Zum Beispiel den Zusammenhalt der Künstlerinnen in Netzwerken, und es braucht eine eine ökonomische Basis.

Anna Feldhusen trat 1902 dem Bremer Malerinnenverein bei, 1922 dem Bremer Künstlerbund und 1929 der GEDOK. Und sie macht etwas ganz erstaunliches: sie beantragt einen Gewerbeschein als Kunstmalerin. Den sie auch erhält. Und sie signiert ihre Bilder mit Bremische Malerin und Graphikerin. Sie wird Kalender, Zeitschriften und Lesebücher illustrieren. Viele Schulbücher enthalten ihre Worpsweder Landschaften, Birken und Moor und ihre Bremer Stadtansichten. Und auch im Bremer Gesangbuch von 1917 (in dem auch Zeichnungen von Vogeler sind) sind ihre Zeichnungen zu finden.

Sie zählt nicht zu den großen Namen der Worpsweder Malerinnen, in vielen Büchern über Worpswede wird ihr Name nicht genannt. Da wird immer Paula Becker-Modersohn genannt, manchmal auch ➱Hermine Overbeck. Man hat sie sehr spät wiederentdeckt. 1992 taucht sie in einer Ausstellung auf, die Hermine Overbeck-Rohte und den Bremer Malerinnen um 1900 gewidmet ist. 2003 findet sie sich in einer kleinen Ausstellung, die Bremer „Malweiber“ um 1900: zwischen Tradition und Moderne heißt. Vielleicht gibt es ja noch einmal, in Dötlingen oder Worpswede, eine richtige Ausstellung für sie.

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Sonia Delaunay

Sonia Delaunay wurde am 14. November 1885 geboren, sie war eine russisch-französische Malerin. Und Designerin. Das hier ist eins ihrer Kunstwerke. Ein anderes ihrer Kunstwerke und zwei Models in Kleidern von ihr tauchten schon in den Posts Georges Braques Rolls Royce und Blaise Cendrars auf. Autos sehen in dieser Zeit ja ziemlich potthässlich auf, da ist das Anmalen mit bunten Farben schon ein Akt der Ästhetisierung der Technik.

Wenige Jahre vor diesem Kunstwerk hatte der Italiener Filippo Tommaso Marinetti in seinem Manifest des Futurismus geschrieben: Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen . .. ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt. 

In dem Jahr, in dem Marinetti das schreibt, sieht ein Rennwagen so aus wie das Grüne Monster von Opel im oberen Absatz. Die Nike von Samothrake sah damals so aus. Sie sieht immer noch so aus. Egal, ob Marinetti glaubte, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat. Die Rennwagen haben sich verändert. Ihre großen Rohre, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen, stoßen Gift aus, davon war bei Marinetti nicht die Rede. Marinetti besaß zwar ein Auto, aber er konnte damit überhaupt nicht umgehen. Sein Satz Wir wollen den Mann besingen, der das Steuer hält, dessen Idealachse die Erde durchquert, die selbst auf ihrer Bahn dahinjagt, ist letztlich nur lächerlich. Marinetti hat über seinen Futurismus gesagt: Der Futurismus gründet sich auf die vollständige Erneuerung der menschlichen Sensibilität als Folge der großen Entdeckungen […] Diejenigen, welche heutzutage Dinge benutzen wie Telephon, Grammophon, Eisenbahn, Fahrrad, Motorrad, Ozeandampfer, Luftschiff, Flugzeug, Kinematograph und große Tageszeitungen, denken nicht daran, daß diese verschiedenen Kommunikations-, Verkehrs- und Informationsformen auch entscheidenden Einfluß auf ihre Psyche ausüben. Er kannte Facebook und Twitter noch nicht, aber wo er mal recht hat, hat er recht.

Man kann heute Autos bunter anmalen als Sonia Delaunay das 1920 gemacht hat, das Gift bleibt. Und die Grünen sind heute automobiltechnisch auch umweltbewusst. Wie Sylvia Löhrmann, die einen Audi A8 fuhr, aber zu Wahlkampfveranstaltungen in ein Hybridroauto umstieg. Jahrzehnte zuvor hat das bei den Grünen niemanden gekümmert, da fuhren die die rostigsten R4s und Döschewos mit dem blauesten Qualm aus dem Auspuff. Und einem Sticker daneben: Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann. Damals hat aber niemand gesagt, dass die berühmte Rede von Chief Seattle eine Fälschung war. Wie die Abgaswerte der deutschen Autoindustrie.

Die Kunst von Sonia Delaunay hat niemandem geschadet. Die Verherrlichung des Automobils durch Marinetti ist eine gefährliche Sache. Weil die bei ihm einhergeht mit der Verherrlichung des Krieges: Wir wollen den Krieg verherrlichen — diese einzige Hygiene der Welt -, den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.  Marinettis Weg in den Faschismus ist vorgezeichnet. Wir lassen die Sache mit der Verachtung des Weibes mal eben aus, dazu könnten Sie diesen Aufsatz lesen.

Manches von dem, das Sonia Delaunay und ihr Ehemann malen, ist auch dem Futurismus zugeordnet worden. Dies hier bestimmt nicht. Es ist ein Quilt, den Delaunay für ihr Baby als Schmusedecke genäht hat. Diese Schmusedecke hat Folgen. Sonia Delaunay, die Künstlerin der radikalen Avantgarde, wird hunderte von Entwürfen für Teppiche, Gardinen und Kleiderstoffe liefern. Und auch die Autos nicht vergessen, 1967 wird sie einen Matra 530 bunt bemalen. Bei all ihren Designs ist sie am Verkauf beteiligt gewesen, sie ist die erste Künstlerin, die das im großen Stil macht. An dem Matra wird sie nichts verdienen, der wird für einen guten Zweck versteigert.

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Canis Pastoralis

Auf dem Wikipedia Kalenderblatt für den 6. November steht, dass der englische Arzt John Caius am 6. November 1510 geboren wurde. Das ist leider falsch, er wurde am 6. Oktober 1510 geboren. Er war ein berühmter Mann, war der Leibarzt von Edward VI, Queen Mary und Elizabeth I. Und er war Präsident des College of Physicians, wo er einen hervorragenden Lexikonartikel hat. Ein College in Cambridge trägt noch heute seinen Namen. Ich erwähne ihn heute aus einem ganz bestimmten Grund. Als ich im Oktober 2016 den Post Hunde schrieb, lag der erst schwer wie Blei herum. Aber dann kletterte der Post, der von den Hunden des Fürsten Bismarck und dem Bobtail der Beatles handelte, in ungeahnte Höhen. Ich bleibe mal eben bei den Bobtails und komme dann auf den berühmte Dr Caius zurück.

Ich traf am Wochenende bei einer kleinen Feier, zu der Dagmar eingeladen hatte, weil sie endlich wieder in ihre Wohnung konnte, einen der Architekten, der den Erweiterungsbau für die Kunsthalle Kiel entworfen hat. Eine geniale Konstruktion, in den Berg hineingebaut, bei gutem und schlechtem Wetter voller Licht (man kann auf diesem Photo einen Eindruck davon bekommen). Der Architekt erinnerte sich noch gerne an den Kunsthallendirektor Jens Christian Jensen, der ihm ein verständisvoller Bauherr war. Ich habe damals in einer kleinen linken Universitätszeitung über die Neueröffnung geschrieben. Was witzigerweise zu einem Politikum wurde.

Das Landesbauamt II tagte einen ganzen Nachmittag lang und überlegte, ob man mich verklagen könnte. Weil ich geschrieben hatte, dass man für solch ein Bauwerk schon einen genialen Architekten brauchte und nicht diese Luschen vom Landesbauamt II. Ich war auch bei der Grundsteinlegung dabei gewesen, da hatte ich Fussel, den Bobtail meines Bruders, an meiner Seite. Als Dr Dr Barschel zu reden begann, fing Fussel an zu bellen. Ganz laut und anhaltend. Hörte nicht auf, war lauter als Dr Dr Barschel. Ich bin dann lieber gegangen. Aber ich bin sicher, dass Fussel instinktiv den miesen Charakter von Barschel erkannt hatte. Man hält Bobtails immer für doof, aber es sind wirklich kluge Tiere.

Dr John Caius, der seinen Doktortitel von der Universität Padua hatte, kannte die heutigen Bobtails (die der Engländer Old English Sheepdog nennt) noch nicht. Aber er wusste viel über Hunde. Neben all seinen gelehrten Büchern über die Medizin hat er auch ein Buch über Hunde geschrieben. Darin gibt es natürlich ein Kapitel über die Hirtenhunde: The fourth Section of this discourse. Dogges of a course kind seruing for many necessary vses called in Latine Canes rustici, and first of the shepherds dogge called in Latine Canis Pastoralis. Das Werk von Caius, De Canibvs Britannicis (hier in Latein und Englisch), ist das erste Werk, das eine vollständige Klassifikation der Hundewelt versucht. Als er das schrieb, war er nicht mehr Leibarzt der Königin Elizabeth. Weil er katholisch war. Er verliert nur das Amt, nicht den Kopf, es ist eine gefährliche Zeit. 1570 war nicht nur das Jahr, in dem das Buch De Canibvs Britannicis erschien, das er seinem Freund Conrad Gessner gewidmet hatte, es war auch das Jahr, in dem Pius V die Königin Elisabeth mit der Bulle Regnans in Excelsis exkommuniziert hat. Von nun an wird es schwer für die Katholiken in England, aber das wird John Caius nicht mehr erleben, weil er 1573 stirbt.

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gen Engeland!

Der Boden des Hauses war für uns Kinder eigentlich verboten, doch das Verbotene reizt natürlich immer. Es gab da oben unter dem Dach viel zu entdecken, und damit meine ich nicht nur die goldbraunen Tabaksblätter, die Opa vor dem kleinen Bodenfenster zum Trocknen aufgespannt hatte. So etwas hieß damals ➱Bahndamm Sonnenseite, war in der Nachkriegszeit sehr begehrt. Ich fand auf dem Boden Opas altes Grammophon, das mit dem His Master’s Voice Etikett. Das war zwar kaputt, konnte aber mit einem Trick zum Leben erweckt werden. Diese Geschichte steht schon in dem Post ➱Hans Albers. Ich kann immer noch alles singen, was da auf den Platten war. Von ➱Bomben auf Monte Carlo bis ➱Ich kam aus Alabama.

Unter den Platten fand ich auch eine, die den Titel Wir fahren gegen Engeland hatte. Wenn Sie dies ➱hier anklicken, sind wir in der schönsten Nazipropaganda (es lohnt sich auch, die Kommentare zu dem Video zu lesen). Für Nazipropaganda ist YouTube ja die beste Basis. Ich habe mich mit denen schon x-mal angelegt, es kommt meistens nichts dabei raus. Heute brauche ich allerdings die Propaganda von dem Plakat da oben. Oder der Postkarte da unten.

Das berühmte England Lied, das ➱hier schon einen Post hat, stammt von dem Heidedichter Hermann Löns. War geschrieben, bevor der Kriegsfreiwillige Löns nach Frankreich zog. Wurde im Zweiten Weltkrieg ein Schlager (und war jetzt bei uns auf den Boden verbannt). Gen England sind die Deutschen nie gefahren, weder mit Schiffen noch mit Flugzeugen. Die Operation Seelöwe wurde nichts, die ➱Battle of Britain haben die englischen Spitfires gewonnen. Das Englandlied singt heute niemand mehr. Auch Heino nicht. Nur die französischen ➱Fallschirmjäger singen es, aber da hat es einen etwas anderen Text. Der dem Text von Löns in vielem ähnelt, nur England kommt da nicht drin vor.

Wenn man Ende der dreißiger Jahre Kind war, dann hat man an einem Kriegspiel mit dem Titel Wir fahren und fliegen gen Engeland! üben können, wie man England erobert: An diesem interessanten Spiel können bis zu fünf Personen teilnehmen. Jeder Spieler erhält eine Figur, ein Kriegsschiff oder ein Kampfflugzeug zum Setzen auf den vorgezeichneten Gefechtsweg. Es wird mit einem Würfel gespielt. Wer zuerst sechs würfelt beginnt. Er hat das Spiel zu leiten und die Spielregeln, sowie die Erläuterungen vorlesen. Die Reihenfolge der übrigen Spieler richtet sich nach der erzielten höchsten Augenzahl. Bei allen roten Nummern sind die Erläuterungen besonders zu beachten. Wer zuerst am Ziel eintrifft, das durch direkten Wurf erreicht werden muss, ist der Sieger und erhält den ausgesetzten Preis. Ich weiß nicht, was der ausgesetzte Preis war, aber ich weiß, dass der Zeichner dieser schönen Karte in den fünfziger Jahren Kinderbücher illustrierte. Das Spiel aus dem Jahre 1940 ist antiquarisch noch zu finden, kostet aber immer über 300 Euro.

Der Kieler Oberbürgermeister Walter Behrens (NSDAP) wäre in München nicht auf die Idee gekommen, dieses Bild eines Bergbauernhofs aus dem Jahre 1937 zu kaufen. Aber ein anderes Bild von diesem Maler, das wollte er unbedingt haben. Das sollte in das Rathaus, groß und plakativ wie es war. Nach dem Krieg verschwand es da dann still und unauffällig.

Man wollte die Engländer, denen man Kiel kampflos übergeben hatte, nicht unnötig beleidigen. Denn das Bild hatte es in sich. Die Leinwand wurde zusammengerollt, irgendwo gut weggelegt und dann vergessen. Zum Kunstgeschmack des Nationalsozialisten Walter Behrens, der es nach dem Krieg schaffte, als einfacher Mitläufer eingestuft zu werden, muss gesagt werden, dass er den Geistkämpfer von Ernst Barlach verschrotten lassen wollte. Die Plastik konnte gerettet werden und wurde 1954 an der ➱Nikolaikirche aufgestellt.

Das hier ist eine Postkarte aus den dreißiger Jahren. Ist nichts besonderes: Dünen, ein blauer Strich Meer, ein Himmel voller Wolken darüber. Hat mich zwei Euro bei ebay gekostet. Weshalb habe ich sie gekauft? Weil ich heute über den Maler schreibe. Er heißt Carl Heiß, und das Bild hier hat den Titel Zu Dir Deutsches Meer. An dem Titel merken wir, dass wir in der Zeit des Nationalsozialismus sind. Ich nehme an, dass das Bild das Gedicht von Karl Tannen Du, Nordsee, bist das deutsche Meer aus dem Jahre 1870 zitiert. Der verhinderte Kunstmaler Adolf Hitler hat den Maler Carl Heiß aus Ansbach gemocht und hat ihm Bilder abgekauft. Die Dünenlandschaft soll übrigens Amrum darstellen, der Maler machte da gerne mit seiner Familie Urlaub.

Er hat hier seine Gattin in die Dünen gemalt, in Friesentracht. Ausgeliehen von der Tochter seiner Wirtsleute in Nebel. Trachten sind in den dreißiger Jahren chic. Das deutsche Meer und die Wolken sind hier ebenso stereotyp wie auf der Postkarte oben. Carl Heiß, der auch Buchschmuck für die Jugend, die Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben geliefert hat, hatte sich im Wintersemester 1921/22  auf der Münchener Kunstakademie eingeschrieben und war dann Portrait- und Aktmaler. Aktmalerei geht im sogenannten Dritten Reich gut (mein Post ➱Aktmalerei ist auch ein Bestseller). Vor allem, wenn sie von dem Reichsschamhaarmaler Adolf Ziegler ist, über den Hitler sagte: Ziegler ist der beste Fleischmaler der Welt.

Der Post heute heißt gen Engeland!, und so heißt auch dieses Bild aus dem Jahre 1940, das Behrens in München kaufte. Da ist wieder die Frau in den Dünen, diesmal umgeben von den Kindern. Wenn in der Malerei des 19. Jahrhunderts Fischersfrauen in den Dünen stehen, dann halten sie dramatisch nach jemandem Ausschau. Wenn Sie jetzt an Sagt Mutter, ’s ist Uwe! denken, dann wissen Sie, was ich meine. Aber diese Frau in dem Familienidyll in den Dünen der deutschen Nordsee hält nicht nach einem verloren gegangen Familienmitglied Ausschau. Es ist eine gewisse Unsicherheit, vielleicht ein wenig Angst in ihrem Blick. Oder ist es eine klammheimliche Freude beim Anblick dessen, was sie da am Horizont sieht? Wenn wir genau hinschauen, dann können wir in dem Grau unter den Wolken die deutsche Flotte entdecken. Was so heimelig daherkommt, ist nichts als perfide Kriegpropaganda, getarnt als deutsches Familienbild.

Ein Jahr vor dem Bild gen Engeland! war es einem Deutschen gelungen, nach England zu kommen. Der Kapitänleutnant Günther Prien hatte die Schmach von Scapa Flow mit der Selbstversenkung der deutschen Flotte zwanzig Jahre später wieder gutgemacht und mit seinem U47 die Royal Oak versenkt.

Ich muss noch einmal Karl Tannens Gedicht Du, Nordsee, bist das deutsche Meer zitieren, denn da findet sich in der letzten Strophe auch die deutsche Flotte:

Du, deutsche Flotte, jung und klein, 

Du wirst auf deinem Platze sein! 

Du und dein herrlich deutsches Meer 

Schlagt Wunden ihm, recht groß und schwer. 

Im deutschen Meer, am deutschen Rhein 

Muß „König Wilhelm“ Sieger sein!

Ich habe leider keine schöne Farbabbildung von dem Bild, dies ist nur eine Postkarte (wiederum bei ebay ersteigert). Die Postkarte ist (wie auch die Dünenlandschaft oben) in der Reihe Kunst für alle bei Hermann A. Wiechmanns Bildkarten erschienen, in der viel Nazikunst Verbreitung fand. In die großen Kunstlexika hat es der Maler Carl Heiß nicht geschafft. Lediglich Adolf Lang, der Stadtarchivar von Ansbach, hat 1977 einen kleinen Artikel Carl Heiß: ein Ansbacher Maler zwischen Jugendstil und Totalitarismus verfasst.

Wenn ich klein sage, dann meine ich auch ein klein, der Artikel ist zwei Seiten lang. Aber 1940 ist Heiß in der Reihe  Kunst für alle dabei, das will schon etwas heißen. Auf der Karte steht, dass das Bild im Historischen Rathaus der Kriegsmarinestadt Kiel hängt. Man lebt in einer Zeit der Lügen, das Rathaus ist nicht historisch, es ist noch keine dreißig Jahre alt. Als ich das Bild zum ersten Mal in der Ausstellung Sammeln und Erinnern im Warleberger Hof sah, dachte ich mir: Wow. Alexander Deineka hätte das nicht schöner gekonnt. Da hatte ich den Titel und die deutsche Kriegsmarine noch gar nicht entdeckt. Professionell und technisch gut gemalt in diesem kalten Realismus der Hitlerzeit, plakative Farben, anrührend.

Das kleine blonde Mädchen mit den Zöpfchen, das vielleicht einmal mit ihrem Bruder Wir fahren und fliegen gen Engeland! gespielt hat, wird nicht alt werden. Fünf Jahre später ist nichts mehr mit der Idylle von Amrum. Die deutsche Marine ist nicht nach England gekommen. Der Maler Carl Heiß begeht Selbstmord, als die Amerikaner vor Nürnberg auftauchen. Vorher hat er seine Frau und seine Kinder umgebracht.

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Weltlandschaften

Da links ist die schöne Welt, da rechts möchten wir nicht wohnen. Zwischen den beiden Welten ist das Wasser des Grauens, der Totenfluß Styx. Der flämische Maler Joachim Patinir, der am 5. Oktober 1524 in Antwerpen starb, hat dieses Bild gemalt. Wir wissen nicht so viel über Patinir. Er hat Dürer gekannt, und er war mit Quintin Massys befreundet.

Albrecht Dürer war sogar auf der Hochzeit von Patinir: Item am sondag vor der creutzwochen hat mich maister Joachim, der gut Landschafft mahler, aufsein Hochzeitgeladen und mir alle ehr erbotten. Dürer hat ihn auch gezeichnet, er sieht ein wenig traurig aus. Patinir hat Landschaften gemalt, er ist einer der ersten in Europa, der die Landschaftsmalerei pflegt. ➱Kenneth Clarke hat in ➱Landscape into Art über ihn gesagt, er sei the first painter to make landscapes more important than his figures. Häufig sind diese Landschaften das, was man eine ➱Weltlandschaft nennt.

Und er malt bizarre Felsen und bizarre Wolken in seine polychromen Landschaften. Farben, die sich Walt Disney nicht schöner hätte ausdenken können, Menschen spielen in der Landschaft keine Hauptrolle. Sie sitzen klein unten in der Ecke, wie hier der Heilige Hieronymus (der bei Dürer natürlich ganz anders aussieht). Kunsthistoriker reden da auch nicht von Menschen, sondern von der Staffage. Und es ist auch nicht das pralle Menschenleben, das die Niederländer Jahrhunderte später auf die Leinwand bringen, es sind Szenen aus der Bibel oder ausgewählte Heilige.

Patinir findet wenig Beachtung in seiner Zeit, er hat auch nur wenige Bilder (29?) gemalt. Manche sind umstritten, wie dies hier. Keine Menschen zu sehen, nur ein grasender Esel. Es ist wahrscheinlich eine Darstellung der Ruhe auf der Flucht, Maria und Joseph sind verloren gegangen. Nur der grasende Esel ist noch da, es ist noch ein langer Weg nach Ägypten. Das Bild hat dem Dortmunder Bierbrauer Josef Cremer gehört und ist später in den Besitz von Daniël George van Beuningen gekommen. Der es dem Museum Boijmans Van Beuningen schenkte, da hängt es immer noch (im Augenblick ist es für eine Ausstellung ausgeliehen).

Auf diesem Bild von der Taufe Christi hat Patinir wieder die ganze Welt abgebildet. Und die bizzaren Felsen durften nicht fehlen (die Kreidefelsen von ➱Caspar David Friedrich sind auch ein wenig bizarr). Kenneth Clark vermutet bei diesen wirklichkeitsfremden Felsen: Perhaps another reason for the unreal mountains of Gothic landscape was that medieval man did not explore them: he was not interested. Noch sind Berge für den Menschen ➱Warzen auf der Erde, Petrarca ist noch nicht auf den Mont Ventoux geklettert, die Ästhetisierung der ➱Bergwelt hat noch nicht begonnen. Dieses Bild beinhaltet übrigens eine kleine Sensation: die erste Darstellung des ➱Rheinfalls von Schaffhausen. Vielleicht sollte die ➱IWC mal ein Modell Joachim Patinir herausbringen, stilvoller als das Modell Boris Becker wäre das allemal.

Die Versuchung des Heiligen Antonius ist ein beliebtes Thema der Malerei, wahrscheinlich deshalb, weil man da nackte Frauen auf die Leinwand bringen kann. Ich glaube, ich habe das in dem Post ➱Aktmalerei schon gesagt. Die Frauen, die den tugendhaft asketischen Antonius hier in ➱Versuchung führen wollen, sind bekleidet, aber eigentlich interessieren sie uns nicht. Was uns interessiert, ist die Landschaft und der Himmel, der oben links bedrohlich die Versuchung orchestriert.

Dürer nannte seinen Kollegen einen Landschaftsmaler, aber die Gattung der Landschaftsmalerei wird noch lange brauchen, bis sie etabliert ist. So konstatierte der Engländer Edward Norgate in seinem Werk Miniatura; or, The art of limning im Jahre 1650: It is more than time to proceede to the second, which is Lanscape, or Landscape, (an Art soe new in England, and soe lately come a shore, as all the Language within our fower Seas cannot find it a Name, but a borrowed one, and that from a people that are noc great Lenders but upon good Securitie, the Duch). Perhaps they will name their owne Child.

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Pedersen + Pedersen

Pedersens gibt es in Dänemark wie Sand am Meer. Der berühmteste ist für manche der Erfinder des Pedersen Fahrrads. Aber über den will ich nicht schreiben, heute soll der Maler Carl-Henning Pedersen das Thema sein. Er wurde am 23. September 1913 geboren und ist berühmt dafür gewesen, dass er zur Gruppe CoBrA gehört hat. Die hat ihren Namen nach den Städten Copenhagen, Brüssel und Amsterdam, und der Name verursacht bei mir immer eine missliche Laune.

Weil ich mal ein Bild von einem Maler aus der Gruppe hätte kaufen können und es nicht getan habe. Ich ärgere mich noch heute. Es war ein quietscherotes Haus hinter einem grünen Deich, hätte mich dreihundert Mark gekostet. Das war im Sommer 1974, als man zur Kieler Woche Bilder der Gruppe Cobra und andere Maler aus Nordjyllands Kunstmuseum in Aalborg (hier der Katalog) sehen konnte. Manche der Bilder, wie eben dieses rote Haus, standen zum Verkauf. Reden wir nicht mehr darüber.

Carl-Henning Pedersen hat nicht nur wilde bunte Bilder gemalt, er hat auch in den achtziger Jahren den Dom von Ribe neu ausgemalt. Nicht mit diesem konventionellen neugotischen Kitsch, der alle Kirchen des 19. Jahrhunderts schmückt, sondern mit einer luftigen Fröhlichkeit, die einen ein wenig an die Welt von ➱Carl Larsson denken lässt. Da geht man fröhlich zum Gebet. I had painted it as a celebration of life. And then this clergyman said that I was a pagan … And if he had known … he’d have done what he could to prevent it, hat ➱Petersen gesagt.

Das Witzigste von Ribe war für mich immer der Heilige George mit diesem komischen kleinen Drachen im Eingang des Doms. Die älteste Domkirche von Dänemark, deren Steine man aus dem Rheinland herangeschifft hatte, hat einen hohen Turm, von dem aus man weit über die Nordsee gucken kann. Mir hat vor einem halben Jahrhundert ein Fremdenführer erzählt, dass man bei gutem Wetter bis England gucken kann. Aber das war natürlich gelogen.

Ich nehme an, dass ich das Katzenkopfportal von Ribe schon in dem Post Kirchen erwähnt habe. Was Katzen- oder Löwenköpfe betrifft, da kenne ich mich aus. Weil ich vor einer halben Ewigkeit die Vorlesung des Kopenhagener Professors Otto Norn (einem der Herausgeber des Standardwerks ➱Danmarks Kirker) gehört habe. Was Otto Norn damals nicht kennen konnte, war Pedersens Ausschmückung der Apsis des Doms mit Fresken, Glasfenstern und Mosaiken. Die lockt sogar Kinder in die Kirche, mehr kann man als Maler nicht erreichen. Wenn Sie hier klicken, können Sie das Ganze auch noch als Video sehen.

Ich habe auch einen Pedersen an der Wand, aber der ist nicht so berühmt wie Carl-Henning Pedersen. Mogens Jens Kragh Pedersenist auch 1913 geboren und war auch Autodidakt, war aber nie bei der Gruppe Cobra (obgleich er mit diesem Bild aus den dreißiger Jahren hätte dahin finden können), und ist auch keine 93 Jahre alt geworden wie Carl-Henning Pedersen. Mein Pedersen ist eigentlich kein Pedersen, sondern ein Kragh Pedersen.

Er war der Sohn des Malers Hjalmar Alexander Kragh Pedersen, von dem ich hier mal eben eine geheimnisvolle Landschaft abbilde, die ein wenig an die ➱pittura metafisica erinnert. Mogens Pedersen hat bei seinem Vater und Kræsten Iversen gelernt. Er hat zahlreiche Preise und Stipendien bekommen. Die erstaunlichste Zeit in seinem Leben war die Zeit von 1939 bis 1941, da überraschte ihn der Krieg, als er in Frankreich war. Er blieb. Nicht irgendwo – im Haus von Auguste Renoir in Cagnes-sur-Mer. Von dort schickte er ständig Artikel (mit vielen eigenen Ilustrationen) über das Haus und das Leben in Frankreich an die Zeitung Social-Demokraten. Mogens Pedersen ist Sozialist. Carl-Henning Pedersen, der sich einmal furchtbar mit Bert Brecht gestritten, als der im dänischen Exil lebte, ist Kommunist.

Ähnlich wie Carl-Henning Pedersen eine Kirche bemalt, hat auch Mogens Kragh Pedersen Wände bemalt. Sechs Jahre lang (1925-1931) hat er als Assistent von Kræsten Iversen den Rittersaal und den Thronsaal von Schloss Christiansborg ausgeschmückt. Da lernt man künstlerisch wenig, aber technisch sicherlich sehr viel. Carl-Henning Pedersen erhält in dieser Zeit Malunterricht bei der dänischen Malerin ➱Else Alfelt, die er später heiraten wird.

So modern wie dieses Bild hier ist mein Mogens Pedersen nicht, der ist eher handfest naturalistisch. Ein wenig modern aber schon. Mein Bild zeigt einen Flur in einem Bauernhaus, der auf eine Tür zum Garten zuläuft. Der Rahmen der Tür rahmt ein kleines Bild im Bild, das Draußen. Voller saftigem Grasgrün, im Hintergrund ein beginnender dunkler Wald. In der Bildmitte ein herrlicher impressionistischer Misthaufen. Anna Ancher hat solche Interieurs gemalt. Die ➱Holländer natürlich auch (wie in diesem Bild von ➱Jan Hendrik Weissenbruch), in Vermeers Liebesbrief ist auch ein Bild im Bild gerahmt. Sie könnten jetzt mal eben den Post ➱Peepshow anklicken. Es gibt auf dem Bild keine Menschen, keine Hühner, keine Gänse. Eine Studie in Licht und Schatten. Auf dem Boden des Flurs ist ein großer Lichtfleck, aber ich weiß nicht, woher das Licht kommt. Man muss nicht alles wissen.

Ich liebe diese Geschichte von Robert Walser, wie er mit seinem Gönner Carl Selig am Wochende durch die Schweiz wandert. Am Wochenende, da hat er Ausgang aus der Anstalt. Einmal weigert er sich ein klosterähnliches barockartiges Gebäude zu betreten: Das ist alles viel hübscher von außen. Man muss nicht hinter alle Geheimnisse kommen wollen: Das habe ich mein ganzes Leben so gehalten: Ist es nicht schön, dass in unserem Dasein so manches fremd und seltsam bleibt, wie hinter Efeumauern? Das gibt ihm einen unsäglichen Reiz, der immer mehr verloren geht. Brutal wird alles begehrt und in Besitz genommen.

Wenn ich ein Mobiltelephon hätte, könnte ich das Bild ja photographieren, aber ich habe keins. Mein Gemälde mit dem Durchgang zum Garten ist signiert, und ein dänischer Kunsthändler hat hinten auf einem angeklebten Zettel eine kurze Biographie aufgetippt. Die 1931 endet, ich nehme mal an, dass das Bild aus den frühen dreißiger Jahren stammt, bevor Mogens Kragh Pedersen zum diesem hellen Kubismus fand.

Carl-Henning Pedersen ist natürlich viel berühmter als mein Mogens Pedersen, er ist neben Asger Jorn wohl Dänemarks berühmtester Künstler des 20. Jahrhunderts. Seine Bilder sind teuer, die von Mogens Pedersen nicht so sehr. Man kann die sogar bei ebay finden. Carl-Henning Pedersen hatte einen Danebrog Orden bekommen. Mogens Pedersens Lehrer Kræsten Iversen auch. Und die Königin wird mir den irgendwann auch noch verleihen, weil ich immer so nette Dinge über Dänemark schreibe. Die Sie gerne lesen, weil diese Posts, von den Leserzahlen her, alle Bestseller sind.

Lesen Sie auch: Mein Dänemark, Dänische Kunst, Des Königs Jaguar, Skagen, Skandinavische Mode, Niels Bohr, Nordlichter

 

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Kühe

Vor neun Jahren gab es in der Hamburger Kunsthalle eine große Ausstellung für Jakob Philipp Hackert. Mein Freund Götz klagte darüber, als er aus Hamburg zurückkam, wie da versucht wurde, einen zweitklassigen Maler zu einem bedeutenden Künstler zu stilisieren. Der Ausstellungstitel Europas Landschaftsmaler der Goethezeit war schon ein wenig zu hoch gegriffen. Mein Freund Götz besitzt einen  Atkinson Grimshaw und einen Gainsborough, der nicht ganz echt ist. Und er ist in den letzten Jahrzehnten bestimmt in allen wichtigen Ausstellungen gewesen. Sein Urteil wird sicher stimmen. Ich habe mir Hamburg geschenkt, ich mag Hackert nicht. Der Maler wurde heute vor 280 Jahren geboren, deshalb soll er einen kleinen Post bekommen. Aber wirklich nur einen kleinen.

Goethe mochte ihn: In Tivoli war ich mit Herrn Hackert draußen, der eine unglaubliche Meisterschaft hat, die Natur abzuschreiben und der Zeichnung gleich eine Gestalt zu geben. Ich habe in diesen wenigen Tagen viel von ihm gelernt […]. Herr Hackert hat mich gelobt und getadelt und mir weitergeholfen. Er tat mir halb im Scherz, halb im Ernst den Vorschlag, achtzehn Monate in Italien zu bleiben und mich nach guten Grundsätzen zu üben; nach dieser Zeit, versprach er mir, sollte ich Freude an meinem Arbeiten haben.

Diese Darstellung der Wasserfälle von Tivoli ist von Hackert, nicht von Goethe.

Goethe hat auch den Nachruf für seinen Zeichenlehrer geschrieben, Teile davon habe ich in dem Post ➱Johann Adam Ackermann zitiert (es ist ein Post, den die Leser lieben). Der Mainzer Maler Ackermann war genau wie Hackert in Paris, aber er hatte mit ➱Jacques-Louis David einen berühmten Lehrer. Wirklich berühmte Lehrer hat Hackert nie gehabt. Dafür konnte er ganz gut Kühe malen. Nicht so gut wie ➱Thomas Herbst, aber immerhin. Hackert kaum aus einer Künstlerfamilie, Vater und Onkel waren Maler, vier seiner Brüder auch. In Berlin war Hackert Schüler bei Blaise Nicolas Le Sueur, der ein Akademiedirektor, aber kein bedeutender Maler war.

Goethe ist mit seinen Aussagen über die Bildende Kunst immer mit Vorsicht zu genießen. Über Caspar David Friedrich hat er gesagt: Die Bilder von Maler Friedrich können ebensogut auf den Kopf gesehen werden. Wir lassen das mal so stehen. Es ist Goethe (oder dem Hofrath Heinrich Meyer, die Autorenschaft ist nie wirklich geklärt) wohl klar, dass er sich bei seinem Nachruf auf Hackert auf gefährlichem Terrain bewegt, wenn er schreibt:

Hackerts Verdienst als Landschaftsmaler und das Eigentümliche seiner Werke klar auseinanderzusetzen, ist keine leichte Aufgabe, teils weil er die Prospektmalerei hauptsächlich emporgebracht und noch bis jetzt von niemand darin übertroffen worden, teils weil zwar wohl das Publikum, aber nicht immer die Kunstrichter seinen Talenten und seiner großen, höchst achtbaren Kunstfertigkeit Ehre und Recht haben widerfahren lassen. Damit aber der vorgesetzte Zweck möge erreicht werden, so wird sich der Leser einige Rückblicke auf den Zustand oder vielmehr auf den Gang der Landschaftsmalerei seit dem 17. Jahrhundert gefallen lassen.

Und dann erwähnt er den Namen Claude Lorrain, an dieser Stelle könnte er eigentlich aufhören. Denn was gibt es bei Hackert, was es bei Lorrain (der ➱hier natürlich einen Post hat) nicht gibt? ➱Poussin könnte man auch noch erwähnen. Gut, die Kühe, wir lassen sie mal beiseite. Dies ist eine gefällige konventionelle Malerei, aber man mag nicht an die englische Landschaftsmalerei des ➱18. Jahrhunderts denken, an Namen wie ➱Richard Wilson oder ➱Thomas Gainsborough.

Sollten Ihnen etwas von J. Ph. Hackerts Umrissen oder ausgeführten Zeichnungen in die Hände kommen, so legen Sie mir solche bey Seite; um leidlichen Preis werde ich sie immer gern behalten, da sie mich an die Zeiten erinnern, wo ich mit diesem trefflichen Manne glückliche Tage verlebte und ihn nicht ohne Belehrung nach der Natur arbeiten sah, hat Goethe an einen Leipziger Kunsthändler geschrieben. Er schätzte Hackert immer noch.

Und das tun in Europa damals viele: Hackert ist als Landschaftsmaler beachtenswerth, da er in der Zeit thätig ist, in welcher die Kunst sich aus dem Manierismus zu erheben anfing; er hat das Verdienst, sich der Natur zugewendet zu haben. Wenn ihn die Zeitgenossen den größten Landschaftsmaler nannten, so ist das Urtheil der Nachwelt nüchterner geworden, heißt es in 1872 in der Deutschen Biographie.

Hackert hat zu Lebzeiten gut verdient, er hat für die russische Zarin und viele europäische Herrscher gearbeitet. Der König von Neapel machte ihn zum Hofmaler. Die Hunde der Lady Hamilton hat er auch gemalt, für ihren Gatten war er ebenso tätig. Und da ich die Geliebte von ➱Lord Nelson erwähne, sollte ich auch sagen, dass viele englische Touristen auf ihrer ➱Grand Tour bei ihm ein Bild kaufen. Sie mögen ihn, diesen Mann, der auch noch im katholischen Neapel ein protestantischer Preuße bleibt. Und der stilvoll residiert. In einer Wohnung in einem Palazzo, die er mit Künstlergeschmack möblieren ließ und mit Zufriedenheit bewohnt.

Das schreibt wieder Goethe: Heute besuchten wir Philipp Hackert, den berühmten Landschaftsmaler, der eines besondern Vertrauens, einer vorzüglichen Gnade des Königs und der Königin genießt. Man hat ihm einen Flügel des Palasts Francavilla eingeräumt, den er mit Künstlergeschmack möblieren ließ und mit Zufriedenheit bewohnt. Es ist ein sehr bestimmter, kluger Mann, der, bei unausgesetztem Fleiß, das Leben zu genießen versteht. Dann gingen wir ans Meer und sahen allerlei Fische und wunderliche Gestalten aus den Wellen ziehen. Der Tag war herrlich, die Tramontane leidlich. Das Bild hier ist von Tischbein gemalt, Hackert hat Goethe nicht gemalt.

Er konnte keine Menschen malen. Nur Kühe. Und so malt sich unser Hackert durch die Campagna und stellt beinahe fabrikmäßig italienische Landschaften her. Aber eine Landschaft hat er nie gemalt. Nämlich die Uckermark, die Landschaft aus der er kommt. Stimmt nicht ganz. Er hat die ➱Stubbenkammer (im Bild links) gemalt, wandfüllend für seinen Mäzen Adolf Friedrich von Olthoff im ➱Gut Boldevitz auf Rügen. Die Rettung der von der Zerstörung bedrohten Bilder hat beinahe eine halbe Million Euro gekostet, dafür kann man jetzt in dem restaurierten Festsaal stilvoll heiraten.

Dies sollte ein kleiner Post werden. War wieder nix.

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