Peter Paul Rubens

Der englische Kriminalschriftsteller Eric Ambler und Peter Paul Rubens haben heute Geburtstag. Über Rubens hätte ich auch schreiben können, doch zu dem fällt mir nichts ein. Ich mag ihn nicht, obgleich ich weiß, dass er ein großer Maler ist. Das letzte Mal, als ich etwas zu Rubens gesagt habe, hat mich eine ganze Gruppe von Touristen feindselig angestarrt. Geht ihr schon mal vor zu den fetten Weibern, ich guck mir noch mal die kleinen Affen an, habe ich zu Carola und Jimmy im Dahlemer Museum gesagt. Ich wollte mir noch einmal die wunderbaren kleinen Äffchen von ➱Brueghel anschauen und den Saal mit den voluminösen Schönheiten von Rubens vermeiden. Wenn Sie von mir etwas anderes als fette Weiber zu Rubens hören wollen, kann ich nur Simon Schamas hervorragendes Buch Rembrandt’s Eyes empfehlen, das auch ein sehr gutes Kapitel über Rubens hat.

Das steht so 2011 in dem Post ➱Eric Ambler. Und damit könnte mein Post über Peter Paul Rubens schon zu Ende sein. Aber da heute der 440. Geburtstag von Rubens ist, bekommt er doch noch einige Zeilen. Zu diesem Herrn hier möchte ich allerdings auch noch etwas sagen. Es ist eine kleine Geschichte, die mit ihm zu tun hat und die nur wenige kennen. Die diese Geschichte wohl niemals erzählen werden, weil sie dann auf ewig blamiert sind. Es ist Jahre her, Barschel lag tot in der Badewanne, Engholm wurde Ministerpräsident, da erhielt ich in der Uni einen Anruf aus der Staatskanzlei. Eine nette Stimme fragte mich, ob ich Jay sei, der Guru zum Thema ➱Kriminal- und Spionageroman.

Ich bejahte vorsichtig, man sollte immer vorsichtig sein, wenn man aus dem Landeshaus angerufen wird. Das letzte Mal, dass ich in der Staatskanzlei gewesen war, wollte ich mich bei Stoltenbergs Staatssekretär beschweren, dass Stolti nur die Hälfte meiner schönen Rede zur Eröffnung der Ausstellung ➱Illustrationen zu Melville’s Moby Dick gehalten hatte. Aber dieser junge Mann wollte etwas ganz anderes von mir. Er erzählte mir, dass sein Ministerpräsident (sprich Engholm) so furchtbar gerne diese Romane mit den internationalen Verschwörungen läse. Ich sagte, dass sei an sich noch nichts Böses, auch Kennedy hätte gerne die ➱James Bond Romane gelesen. Aber er hörte nicht hin und fuhr fort, dass sie sich in der Staatskanzlei gedacht hätten, dass sie ihm eine kleine Freude machen wollten.

Und da sei letztens ein Fachmann (den Namen wollte er mir nicht nennen) bei ihm gewesen, der einen dreitätigen Kongress zum Thema Thriller organisieren würde. Der verhandle noch mit ➱John le Carré, aber Eric Ambler (hier ein Photo von Lieutenant Colonel Ambler während des Krieges), den hätte der schon fest gebucht. Der käme auf jeden Fall nach Kiel. Kommt er nicht, unterbrach ich ihn. Ich hatte die ganze Zeit den Unsinn mitgeschrieben, den er mir erzählte. Jetzt war es mir zu viel, jetzt redete ich Fraktur: Eric Ambler ist schwer herzkrank, der kommt nicht mehr die Treppe vom ersten Stock seines Hause herunter. Wie soll er da nach Kiel kommen?

Es war mir klar, dass dieser Politiker einem Schwindler vom Format von Melvilles Confidence Man aufgesessen war. Ich gab ihm noch einige Bosheiten mit auf den Weg und sagte ihm, dass sein Chef durch die kriminellen Intrigen seines Vorgängers an die Macht gekommen sei. Warum jetzt selbst kriminell werden? Wie wolle er vor dem Steuerzahler rechtfertigen, dass er einen teuren Kongress zum Thriller organisiere, nur um seinem Chef eine Freude zu machen? Der Überschwang des Staatssekretärs war plötzlich nicht mehr überschwänglich. Ob ich ihm die Argumente, die gegen einen solchen Kongress sprächen, schriftlich zukommen lassen könne, fragte er. Habe ich getan, er hat sich nie bedankt. Ich habe die Geschichte niemandem erzählt, auch meinem Freund ➱Gert Börnsen nicht. Aber heute musste ich die kleine Geschichte, die uns zeigt, wie naiv und dumm Politiker sein können, einmal loswerden. Was ich dem damals Herrn verschwiegen habe, ist die Tatsache, dass einer der ersten Spionageromane, ➱The Riddle of the Sands, in Schleswig-Holstein beginnt. Aber das rechtfertigt auch noch nicht das Verschleudern von Steuergeldern für einen Kongress für Herrn Engholm.

Jetzt vergessen wir einmal den hervorragenden Krimiautor Eric Ambler und kommen zu dem anderen Geburtstagskind, nämlich Peter Paul Rubens. Zu dem habe ich gerade in der Süddeutschen einen hochinteressanten Artikel gelesen, der ➱Die Bilderärzte heißt. Es geht dabei um die hochmodernen Methoden, die zur ➱Restaurierung dieses Gemäldes aus der Zeit um 1630 angewandt wurden.

Seit Max Doerner sein Standardwerk Malmaterial und seine Verwendung im Bilde veröffentlicht hatte, hat sich auf dem Gebiet der Restaurierung von Ölgemälden einiges getan. Hier entdeckt die Restauratorin ➱Ina Slama gerade einen Nagel unter der Farbschicht. Rubens hat seine Gewitterlandschaft auf dünnem Eichenholz gemalt, das auf der Rückseite von Holzstäben (einer sogenannten Parkettierung) gestützt wurde. Die durch Nägel mit dem Holz des Gemäldes verbunden wurden. Lesen Sie doch mal eben diesen kurzen ➱Artikel und klicken Sie die Bilder an, dann wissen Sie, worum es geht.

Das Getty Institute hat für solche Dinge eine Panel Painting Initiative ins Leben gerufen. Hier können wir die Wiener Gewitterlandschaft vor ihrer Restaurierung sehen. Uns allen ist klar, dass sich die Farben der Bilder im Laufe der Jahrhunderte verändern können. Der Grünspan zum Beispiel, den die alten Niederländer zwischen zwei farblose Lackschichten, legten, ist mit der Zeit milchig geworden, sieht aber deshalb geheimnisvoll schön aus. Wenn solche Bilder restauriert werden, verlieren sie ihren Reiz. Ein großer Teil der interessanten Bilder der Ausstellung ➱Weltsichten: Landschaft in der Kunst vom 17. bis zum 21. Jahrhundert, die ich vor Jahren sah, war unfachmännisch scharf gereinigt worden. Damit macht man aus drittklassigen Bildern keine erstklassigen Bilder.

Man kann auf der unrestaurierten Fassung des Rubensbilds mit Philemon und Baucis nicht so furchtbar viel erkennen. Die Struktur des Bildes wird durch diesen seitenverkehrten Stich von Schelte Adamsz. Bolswert klarer. ➱Jacob Burckhardt hat über das Bild gesagt: Allein Rubens wurde bisweilen von seinem Geiste geführt, daß er das Meteorisch-Furchtbare darstellen mußte … Das erstaunlichste dieser Bilder aber ist (Galerie von Wien) jene schon oben, bei Anlaß von Philemon und Baucis erwähnte »Wasserflut von Phrygien«: ein weites Hochtal, schrecklich überschwemmt von einer Flut, die schon tote Tiere mit sich dahinführt; in den Lüften eine Feuer- und Wassermasse, in allen Wolken Blitze; das Licht von allen Seiten kommend, und links unten ein Regenbogen; die Wasserniveaus sind unmöglich und widersprechen einander, und dabei ist es ein Werk hohen Ranges.

Der in Siegen geborene Peter Paul Rubens, der Maler und Diplomat werden wird und den der englische König (und andere Souveräne) adeln wird, beginnt sein Leben als Kölner Jung. Die ersten zehn Jahre seines Lebens hat er in der Domstadt gelebt. Er wird dahin nie zurückkommen, wird aber, wenn er kurz vor seinem Tod den Auftrag eines ➱Kreuzigungsbildes für St Peter annimmt, sagen, dass er eine große Liebe zu Köln habe. Dieses Bild, das Rubens und seine junge Frau Isabella Brant in der Geißblattlaube zeigt, ist sicherlich eins seiner schönsten Bilder. Nach ihrem Tod wird er klagen: Ich habe meine gute Frau verloren! Sie hatte keinen der Fehler ihres Geschlechtes, sie war ohne Launen, so gut, so treu. Und er heiratet dann die siebzehnjährige Hélène Fourment, die ihm ebenso wie Isabella Brant für viele Bilder Modell stehen wird.

Ich habe im ersten Absatz Simon Schamas Buch Rembrandt’s Eyes empfohlen, weil es sehr viel über Rubens sagt. Über Rembrandt sagt es auch sehr viel, aber eher in romanhafter Form. Wenn man wirklich etwas über Rembrandt wissen will, dann sollte man sich das Rembrandt-Buch von Gary Schwartz kaufen. Oder noch preisgünstiger: den Band Rembrandt von Christian Tümpel in der Reihe der ➱rowohlts monographien. So brillant ➱Schama als Kulturhistoriker ist, er ist nun mal kein professioneller Kunsthistoriker wie Gary Schwartz. Der will auch nicht den ganz großen kulturhistorischen Kontext wie Schama entwerfen, er schreibt über Rembrandts Werk. Das ist ihm genug. Simon Schama schreibt eher eine romanhafte Biographie Rembrandts und der Niederlande.

Wenn Sie sich fragen, warum Rubens in einem Rembrandt Buch die heimliche Hauptfigur ist, dann hat Schama dafür eine Erklärung, Rembrandt wollte wie Rubens sein: Rubens war cool. Rembrandt war uncool. Rembrandt wollte aber wie Rubens sein, und je mehr er das versuchte, desto gründlicher misslang es. Er war ein Messie, der sein Haus mit lauter Kram voll stopfte, ein Zwangsgestörter, der nicht mit Geld umgehen konnte und sich immer weiter verschuldete, insbesondere beim Versuch, ein so schönes Haus wie Rubens zu kaufen und zu unterhalten.  Schreibt jemand namens Nils Minkmar in der ➱Zeit, das ist stilitisch wohl für die Fack ju Göhte Generation. Aber, wie mein Freund Volker gestern sagte, als er mir die Zeit der letzten Woche brachte, die Zeit sei gleichsam die Bunte für Intellektuelle. Was kann man von diesem Italiener, der Goldkettchen trägt, als Herausgeber anderes erwarten?

Die ➱New York Times sagte zu der These, dass Rembrandt Rubens sein wollte, nur knapp: The core argument of this book, if there can be said to be one, is rather strange. It is that Rubens was the prime inspiration and psychological driving force for Rembrandt during much of his career — he was the man who “haunted“ Rembrandt’s imagination until Rembrandt finally freed himself. It has always been clear that Rubens influenced Rembrandt to an extent, the way he influenced many artists, because he was the most famous painter of the day. This influence can be traced in a few works by Rembrandt, which Schama notes. But that sort of influence is different from being an obsession and a role model.

Rubens mochte ➱Adam Elsheimer, und er ist in diesem Blog immer wieder erwähnt worden, so ist es ja nicht. Geben Sie mal seinen Namen in eins der Suchfelder ein, Sie werden überrascht sein. Das Bild der Hélène Fourment halbnackt mit dem Pelz, das nehme ich als ➱Aktmalerei ja noch hin, aber Bilder wie die in den letzten beiden Absätzen, die kann ich kaum ertragen. Brauche ich auch nicht, die Geschmäcker sind verschieden, und De gustibus non est disputandum.

Ich sollte zum Schluss noch sagen, dass das Kunsthistorische Museum in Wien vom 17. Oktober 2017 bis zum 21. Januar 2018 eine große ➱Rubens Ausstellung zeigen wird. Dies hier bekommt man nicht zu sehen (oder höchstens auf einem Photo), das ist die Rückseite der Landschaft mit dem Gewittersturm mit der neuen Parkettierung. Nichts mehr geleimt oder genagelt, gefederte Nylonstifte lassen das Bild schweben. Hält vielleicht für die Ewigkeit.

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Die Brücke von Arcole

Der General Charles Pierre François Augereau, der heute vor 201 Jahren starb, war der Sohn eines Pariser Obsthändlers. Der eine Frau aus München geheiratet hatte. Sie hat mit ihrem Sohn nur Deutsch gesprochen, so wurde Augereau Napoleons einziger Marschall, der perfekt Deutsch sprach. Viel mehr Bildung hat dem kleinen Pierre seine Familie allerdings nicht vermittelt, mit siebzehn war er als Karabinier in dem Garderegiment, das der Bruder des Königs kommandierte, mit neunzehn desertierte er. Auf dem Bild sehen wir ihn mit einem Gewehr, aber das ist nicht die Waffe, die er bevorzugt, er kann mit Degen und Säbel umgehen wie kein zweiter. Wegen eines tödlichen Ehrenhändels kommt er vor das Kriegsgericht, da zieht er die Desertion vor. Sie können alles darüber in den interessanten ➱Memoiren des Generals de Marbot nachlesen.

Augereau war danach im russischen Heer, dann im preußischen Heer, ein kleiner condottierie auf der Flucht vor dem Todesurteil des französischen Kriegsgerichts. Zuletzt war er Fechtlehrer in Neapel. Aber dann kam die Revolution, und Augereau machte Karriere in der Revolutionsarmee. Wurde General, Marschall und Herzog von Castiglione. Den Titel hat er von Napoleon bekommen, weil er die Schlacht von Castiglione mitentschieden hat. Augereau war mutig, besaß aber nicht annähernd die taktische Intelligenz eines ➱Davout.

He was in fact a soldier and nothing else. A buffoon, a brute, and a bonhomme, these three words cover most of his character; and military instinct covers the rest, heißt es in ➱A.G. MacdonellsNapoleons and his Marshals. Und er klaute alles, was er in die Finger kriegte. Der Kunsträuber Marschall Soult ist ein kleines Licht gegen ihn (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Kunstraub). Auf diesem rührend naiven Bild (der kleinen Tambourmajor versucht seinen General von dem gefährlichen Angriff abzubringen) sehen wir unseren General bei einer Heldentat: er führt die französischen Truppen zum Sieg gegen die Österreicher über die Brücke von Arcole. Oder auch nicht.

Arcole ist ein Ort, der heute durch seinen ➱Spargel berühmt ist. Aber die Brücke von Arcole? Da war doch mal was. Das war doch ein ganz anderer, der da mit der Fahne in der Hand über die Brücke marschiert ist. Auf diesem Bild von ➱Horace Vernet, das die Brücke von Arcole zeigt, ist Augereau nicht zu sehen. Hier trägt der junge Napoleon die Fahne und zeigt den Truppen, wohin sie marschieren müssen. Augereaus Versuch, über die Brücke zu kommen, war übrigens gänzlich misslungen. Und auch das Bild von Vernet zeigt nicht die Realität. Zwar hatte Napoleon eine Fahne ergriffen, aber weit weg von der Brücke. Es sollte eine symbolische Tat sein. Seine Begleiter stießen ihn zu Boden, damit er nicht von den österreichischen Kugeln getroffen wurde. Der Kaiser landete im Matsch des Sumpfes. Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas.

Es ist nicht so sehr der kleine Fluss Alpona, der Napoleons Truppen aufhält (über den bauen einzelne französische Verbände schon an anderen Stellen Pontonbrücken), es sind diese Sümpfe an den Ufern des Flusses. Aber Sümpfe sind als Sujet der ➱Historienmalerei nicht so recht malerisch. Da muss schon etwas anderes her, so etwas wie dieses ➱Bild von Antoine-Jean Gros mit dem heroischen Napoleon auf der Brücke von Arcole. Der dann gleich an seine Josephine schreibt: Endlich, meine angebetete Josephine, lebe ich wieder auf. Der Tod schwebt nicht mehr vor meinen Augen, aber in meinem Herzen glühen noch Ruhm und befriedigter Ehrgeiz. Der Feind ist bei Arcole geschlagen worden. Da sieht man keine Sümpfe. Und keine verschmutzte Uniform. Das ist wieder einmal ein Beispiel dafür, dass uns die Historienmalerei belügt. ➱Joshua Reynolds hat gesagt: the artist … must sometimes deviate from vulgar and strict historical truth in pursuing the grandeur of his design. Für Reynolds war die Landschaftsmalerei die höchste Form der Malerei. Er selbst hat keine Historienbilder gemalt.

In den Denkwürdigkeiten aus der Geschichte der österreichischen Monarchie können wir lesen: Treffen bey Arcole. Den 17. November 1796. Das Heer, welches Mantua entsetzen sollte, stand unter dem Commando des Feldzeugmeisters Allvincy. Er ließ von Tyrol her nur eine Diversion machen, und rückte mit der Hauptarmee auf Verona vor. Buonaparte ging mit den Truppen, die er nicht zur Einschließung von Mantua unumgänglich zurücklassen mußte, dem General Allvinzy entgegen. Bey Arcole, das die Oesterreicher besetzt hatten, wurde die französische Avantgarde einen ganzen Tag aufgehalten. Vergebens stellten sich mehrere Generale, und unter diesen Augereau, an die Spitze, um eine kleine Brücke zu forciren. Vier von ihnen wurden verwundet; selbst die Gegenwart des Oberfeldherrn, Buonaparte, der sich der größten Gefahr aussetzte, vermochte nicht, dieß Hinderniß zu überwinden. Am folgenden Tage erbaute man mehrere Brücken; und nun kam es zu dem berühmten Treffen bey Arcole. Es war äußerst hartnäckig und blutig. Die Franzosen fochten mit unglaublichem Muth, aber umsonst war alle ihre Kühnheit. Sie konnten den österreichischen Batterien nicht widerstehen. Endlich kam der General Guieux den Oesterreichern im Rücken heran. Nun erst, mit Einbruch der Nacht, entschied sich die fürchterliche Schlacht zum Vortheil der Franzosen. Allvinzy mußte sich über Bassano zurück ziehen. Der Obelisk hier erinnert immer noch an die Schlacht von Arcole

Dieses Bild von Paul Delaroche haben wir nicht im Kopf, wenn wir an Napoleon und die Alpen denken, wir denken da immer an das Propagandagemälde von ➱Jacques-Louis David. Aber dies Bild entspricht der Wirklichkeit, Napoleon ist auf einem Esel mit der Nachhut über die Alpen gekommen. Die heroische Pose auf dem ➱Bild von David gehört in den Bereich der alternative facts. Wie so vieles in der Malerei, die vorgibt dabei gewesen zu sein. Die Erschießung ➱Maximilians hat anders ausgesehen als bei Manet (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Sah das Schloss von Lissa, in dem Friedrich der Große angeblich Bonsoir, Messieurs sagte, wirklich so aus wie bei ➱Menzel?

Ob es der tödliche ➱Säbelhieb ist, mit dem der französische Sergeant den Prinzen Louis Ferdinand vom Pferd fetzt, ob Washington den ➱Delaware überquert, ob ➱General Wolfe bei Quebec stirbt, ob der Kaiser im Spiegelsaal von ➱Versailles gekrönt wird: die Maler schaffen eine eigene Wirklichkeit. Und weil Bilder in unseren Köpfen bleiben. Die ➱Geschichtsbücher sind voller Bilder, die uns denken lassen: wir sind dabei gewesen. Und nur ganz selten zeigt ein Historienbild die Wirklichkeit wie hier bei Gérômes ➱7. Dezember 1815, neun Uhr morgens: Die Hinrichtung des Marschall Ney (der Link führt zu einem längeren Post zu unserem Thema). Jean-Léon Gérôme ist dem Realismus verpflichtet, er wird das Aufkommen der Photographie als Kunstform begrüßen, die Impressionisten sind für ihn Vaterlandsverräter.

Aber die Photographie kann uns genauso belügen wie die Historienmalerei, da brauchen wir nur an das Bild von Iwo Jima zu denken. Als man noch mit einer Leica und einem Schwarzweiß Film photographierte, war das Fälschen nicht so leicht. Mit den Digitalkameras ist die nachträgliche Bildbearbeitung ein Klacks. Natürlich können Bilder die Geschichte verdeutlichen, Norman Rockwells Bild der kleinen Ruby Bridges (➱The problem we all live with) hat das gezeigt. Aber Bilder können auch nichts anderes als fake news sein. Wie dieses hier.

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wüstes Land

In einer ➱Interpretation dieses Gemäldes des australischen Malers John Peter Russell zitieren die Autoren beiläufig T.S. Eliot: Between the conception And the creation Life is very long. Der Artikel zu Russells Portrait von Dr Will Malone auf der Seite der National Gallery of Victoria ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was ein Museum machen kann, um Kunst verständlich und begreifbar zu machen. Viele Museen haben heute hervorragende Seiten, der Satz von Frau Merkel Das Internet ist für uns alle Neuland, hat wohl nur für die ➱Kunsthalle Bremen Bedeutung.

Der australische Maler John Peter Russell ist eine erstaunliche Randerscheinung des Impressionismus. Er stellte seine Bilder nicht aus, er hatte es nicht nötig, er war reich genug (in dem Punkt ähnelte er ➱Caillebotte). Insofern hat eine größere Öffentlichkeit damals nichts von dem Maler John Peter Russell erfahren. Aber seine Malerkollegen schätzten ihn schon. Vincent van Gogh, den er hier portraitiert hat, war lebenslang sein Freund. Matisse war ihm zu Dank verpflichtet: Russell was my teacher, and Russell explained colour theory to me. Als seine Frau Marianna, die mehrfach Rodin Modell gesessen hatte, 1907 starb, vernichtete Russell den größten Teil seiner Werke. ➱Auguste Rodin schrieb ihm damals: Your works will live, I am certain. One day you will be placed on the same level with our friends Monet, Renoir, and Van Gogh.

Wenn man Russells Namen bei Googles Bildersuche eingibt, findet man auch dieses Bild. Es ist nicht von Russell, es ist da nur auf der Seite, weil ich das Bild von dem schwedischen Maler Gustav Berlin vor fünf Jahren in den Post von ➱John Peter Russell hinein getan habe. Damals hatte ich gerade das Bild von Gustav Berlin gekauft. Es zeigt das alte Rathaus von ➱Skanörs, ein kleines architektonisches Juwel aus dem 18. Jahrhundert.

Mit Russell und seinen Malerkollegen der sogenannten Heidelberg School kommt die Moderne nach Australien, das ist etwas anderes als ➱Waltzing Matilda und Kängurus. Dass sie auch moderne Dichter haben, habe ich schon in dem Post ➱Marinechronometer geschrieben. Ich könnte ein Gedicht von Kenneth Slessor oder einem anderen australischen Dichter nehmen, aber ich nehme lieber T.S. Eliot, den ich am Anfang erwähnt habe. The Waste Land ist ein Gedicht, in dem der Monat April vorkommt. Schon in der ersten Zeile, wie bei Chaucers Prolog zu den ➱Canterbury TalesWhan that Aprille with his shoures soote, The droghte of March hath perced to the roote …

Das Gedicht hat 433 Zeilen, es wäre noch länger, wenn Ezra Pound es nicht zusammengestrichen hätte: Know diligent Reader That on each Occasion Ezra performed the Caesarean Operation hat er in einem kleinen bösartigen ➱Gedicht geschrieben. Der Beginn der modernen Lyrik des 20. Jahrhunderts liegt also in der Kooperation zweier Amerikaner, von denen der eine lieber Engländer sein wollte. Immer sehr englisch im Anzug, Ezra Pound, dem Eliot il miglior fabbro in das Widmungsexemplar von The Waste Land schrieb, trug ungern Anzüge. Eliot konnte auch anders, er schrieb lustige ➱Katzengedichte (aus denen man sogar ein Musical machte), schrieb kluge Sachen über Kultur und entdecke die Metaphysical Poets wie ➱John Donne wieder.

Das ganze The Waste Land zu präsentieren, wäre sicher etwas viel. Wir begnügen uns heute einmal mit dem ersten Teil. Eliot selbst hat sein Gedicht mit ➱Erklärungen versehen, und hier hätte ich noch einen Hypertext, wo es zu Eliots notes noch zusätzliche ➱Annotationen gibt.

I. The burial of the dead

April is the cruellest month, breeding

Lilacs out of the dead land, mixing

Memory and desire, stirring

Dull roots with spring rain.

Winter kept us warm, covering 

Earth in forgetful snow, feeding

A little life with dried tubers.

Summer surprised us, coming over the Starnbergersee

With a shower of rain; we stopped in the colonnade,

And went on in sunlight, into the Hofgarten, 

And drank coffee, and talked for an hour.

Bin gar keine Russin, stamm’ aus Litauen, echt deutsch.

And when we were children, staying at the archduke’s,

My cousin’s, he took me out on a sled,

And I was frightened. He said, Marie, 

Marie, hold on tight. And down we went.

In the mountains, there you feel free.

I read, much of the night, and go south in the winter.


What are the roots that clutch, what branches grow

Out of this stony rubbish? Son of man, 

You cannot say, or guess, for you know only

A heap of broken images, where the sun beats,

And the dead tree gives no shelter, the cricket no relief,

And the dry stone no sound of water. Only

There is shadow under this red rock, 

(Come in under the shadow of this red rock),

And I will show you something different from either

Your shadow at morning striding behind you

Or your shadow at evening rising to meet you;

I will show you fear in a handful of dust. 

Frisch weht der Wind

Der Heimat zu,

Mein Irisch Kind,

Wo weilest du?

“You gave me hyacinths first a year ago; 

They called me the hyacinth girl.”

—Yet when we came back, late, from the Hyacinth garden,

Your arms full, and your hair wet, I could not

Speak, and my eyes failed, I was neither

Living nor dead, and I knew nothing, 

Looking into the heart of light, the silence.

Öd’ und leer das Meer.


Madame Sosostris, famous clairvoyante,

Had a bad cold, nevertheless

Is known to be the wisest woman in Europe, 

With a wicked pack of cards. Here, said she,

Is your card, the drowned Phoenician Sailor,

(Those are pearls that were his eyes. Look!)

Here is Belladonna, the Lady of the Rocks,

The lady of situations. 

Here is the man with three staves, and here the Wheel,

And here is the one-eyed merchant, and this card,

Which is blank, is something he carries on his back,

Which I am forbidden to see. I do not find

The Hanged Man. Fear death by water. 

I see crowds of people, walking round in a ring.

Thank you. If you see dear Mrs. Equitone,

Tell her I bring the horoscope myself:

One must be so careful these days.

Unreal City,

Under the brown fog of a winter dawn,

A crowd flowed over London Bridge, so many,

I had not thought death had undone so many.

Sighs, short and infrequent, were exhaled,

And each man fixed his eyes before his feet. 

Flowed up the hill and down King William Street,

To where Saint Mary Woolnoth kept the hours

With a dead sound on the final stroke of nine.

There I saw one I knew, and stopped him, crying “Stetson!

You who were with me in the ships at Mylae! 

That corpse you planted last year in your garden,

Has it begun to sprout? Will it bloom this year?

Or has the sudden frost disturbed its bed?

Oh keep the Dog far hence, that’s friend to men,

Or with his nails he’ll dig it up again! 

You! hypocrite lecteur!—mon semblable,—mon frère!”

Ich habe eine Übersetzung. Sie stammt von Norbert Hummelt und ist unter dem Titel Das öde Land bei Suhrkamp erschienen:

April ist der übelste Monat von allen, treibt

Flieder aus der toten Erde, mischt

Erinnerung mit Lust, schreckt

Spröde Wurzeln auf mit Frühlingsregen.

Der Winter hat uns warm gehalten, hüllte

Das Land in vergeßlichen Schnee, fütterte

Ein wenig Leben durch mit eingeschrumpelten Knollen.

Der Sommer kam als Überraschung, über den Starnberger See 

Mit Regenschauer; wir flüchteten unter die Kolonnaden,

Die Sonne kam wieder, wir gingen weiter zum Hofgarten

Und tranken Kaffee und redeten eine Stunde.

Bin gar keine Russin, stamm’ aus Litauen, echt deutsch.

Und als wir Kinder waren, wohnten wir beim Erzherzog,

Der war mein Vetter, und der ist dann mit mir Schlitten gefahren, 

Und ich hatte solche Angst. Marie, sagte er,

Marie, halt dich fest. Und runter gings.

Im Hochgebirge, da fühlt man sich frei.

Ich lese die halbe Nacht, im Winter muß ich nach Süden.


Was sind das für Wurzeln, die krallen, was für Äste wachsen 

Aus diesem steinernen Schutt? Menschensohn,

Du ahnst es nicht und kannst nicht wissen, du siehst doch nur 

Einen Haufen zerbrochener Bilder, wo die Sonne sticht

Und der tote Baum kein Obdach bietet, die Grille keine Hilfe 

Und der trockene Stein kein Wassergeräusch. Nur

Dort ist Schatten unterm roten Fels,

(Komm in den Schatten unterm roten Fels),

Und ich werde dir etwas zeigen, das anders ist als 

Der Schatten, der dir morgens nachläuft,

Und als der Schatten, der dich abends einholt; 

Ich zeig dir die Angst in einer Handvoll Staub.

Frisch weht der Wind Der Heimat zu: 

Mein irisch Kind, Wo weilest du?

›Vor einem Jahr, da brachtest du mir erstmals Hyazinthen;

Sie nannten mich das Hyazinthenmädchen.‹

– Doch als wir wiederkamen aus dem Hyazinthengarten, es war schon spät, 

Du hattest die Hände voll, dein Haar war naß, da konnte ich nicht mehr 

Sprechen, ich sah auch nichts mehr, ich fühlte mich weder

Tot noch lebendig, und alles war weg,

Als ich ins Herz des Lichts sah, die Stille.

Öd’ und leer das Meer.


Madame Sosostris, Top-Wahrsagerin,

War schwer erkältet, nichtsdestotrotz

Gilt sie als weiseste Frau Europas,

Dank eines verruchten Kartenspiels. 

Hier, sprach sie, Ist Ihre Karte, der ertrunkene phönizische Seemann, 

(Perlen sind, was seine Augen waren. Schau!)

Hier haben wir Belladonna, die Herrin der Felsen,

Die Herrin der Gelegenheiten.

Hier kommt der Mann mit den drei Stäben, und hier das Rad, 

Und hier der Kaufmann mit dem einen Auge, und hier die Karte, 

Wo nichts drauf ist, ist etwas, das er auf dem Rücken trägt,

Aber das läßt man mich nicht erkennen. Ich sehe nirgendwo 

Den Gehenkten. Fürchten Sie den Tod durch Wasser.

Ich sehe Menschenmengen, die im Kreis einhergehn.

Danke schön. Falls Sie die gute Mrs. Equitone sehen, 

Sagen Sie ihr, daß ich das Horoskop selbst vorbeibringe, 

Man kann nicht vorsichtig genug sein heutzutage.


Unwirkliche Stadt,

Unter dem braunen Nebel eines Wintermorgens

Glitt eine Menschenmenge über London Bridge, so viele,

Das dacht’ ich nicht, daß derart viele schon verblichen wären. 

Gelegentliche kleine Seufzer wurden ausgehaucht,

Und jedermann sah starr vor seine Füße.

Glitt hügelan und abwärts zur King William Street

Bis dahin, wo Saint Mary Woolnoth Stunden zählte

Mit einem dumpfen Nachhall auf dem neunten Schlag.

Da traf ich einen, den ich kannte, und ich rief ihm zu: ›Stetson! 

Der du mit mir zu Schiff vor Mylae lagst!

Der Tote, den du letztes Jahr im Garten pflanztest,

Sprießt er schon? Blüht er noch in diesem Frühjahr?

Oder ist der Nachtfrost ihm nicht gut bekommen?

O halt den Köter fern, der um die Beete streunt,

Sonst buddelt er ihn aus, der Menschenfreund!

You! Hypocrite lecteur! – mein Ebenbild, – mon frère!‹

Wenn Sie T.S. Eliots Gedicht ganz in deutscher Sprache lesen wollen, dann gibt es das hier heute auch. Klicken Sie doch einmal die Version von ➱Karl Heinz Göller an.

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Kindermädchen

Ist das die Kindheit in besseren Kreisen? Immer eine Aufsichtperson dabei? Das Kindermädchen hat sich feingemacht, sie bemüht sich, eine Dame der Pariser Bourgeoisie zu sein. Das Bild heißt gemeinhin Nounou avec enfant, eine nounou ist das, was im Englischen eine nanny ist, ein Kindermädchen. Als das Bild  1878 im Pariser Salon ausgestellt wurde, hatte es den Titel Miss et bébé. Das kleine Mädchen muss reiche Eltern haben, wenn die sich eine Miss, eine englische Nanny leisten können.

Was uns auf den ersten Blick fein ziseliert erscheint, ist in Wirklichkeit leicht und luftig dahingetuscht, es ist diese Impression, die die Impressionisten wollen. Es wird viel Damenkleidung gemalt in diesen Jahren, Paris ist die Stadt der Haute Couture. Und die Maler fangen die neuen Stoffe und die neuen Moden ein. ➱Anders Zorn bekommt modischen Nachhilfeunterricht von ➱Otto Bobergh (dem Compagnon von Charles Frederick Worth) und Monets La Femme à la robe verte sagt uns mehr über die damalige Damenmode als ein Modemagazin. Ich könnte dazu einiges schreiben, aber das meiste steht schon in den Posts ➱Camille in grün und ➱Charles Frederick Worth.

Die französische Malerin ➱Eva Gonzalès, der wir das Kindermädchen im Park verdanken, hat mit dunklen Farbtönen angefangen, aber im Laufe der Zeit ist ihre Palette immer heller geworden, ihre Farben immer durchsichtiger. Dieses Bild, La Promenade à dos d’âne, stammt aus dem Spätwerk. Die Dame sieht bei ihrem Eselsritt nicht gerade glücklich aus. Faszinierend ist aber das Kleid, in das sich die ein wenig pulpeuse Dame gequält hat. Die Mode macht jetzt seltsame Dinge mit den Frauen, an ihrem Höhepunkt steht der ➱cul de Paris. Das, was Wilhelm Busch so unübertroffen als den Pariser Prachtpopo bezeichnet hat.

Das Bild Nounou avec enfant ist eins der schönsten Bilder von Eva Gonzalès, die heute vor 170 Jahren geboren wurde. Sie war, und das könnte man vermuten, wenn man das Bild lange genug betrachtet, eine Schülerin von Manet. Das Bild ist in Dieppe gemalt, wo sich die Malerin gerne aufhielt, es war ihr erster Versuch in der plein air Malerei. Dies Bild von ihrer Schwester Jeanne hier nicht, ich stelle das nur hier hin, weil ich es schon lange kenne, es hängt in der Kunsthalle Bremen. Ich habe das schon in dem Post ➱Kunsthalle Bremen beklagt, dass ihr Onlinekatalog eine erbärmliche Sache ist. Habe deshalb spaßeshalber den Namen der Malerin eingegeben. Das Ergebnis war: Es wurden keine Ergebnisse zu Eva Gonzalès gefunden. Dazu kann man nur sagen: quod erat demonstrandum. Wenn man bei Google Eva Gonzalès eingibt, ist dies Bild als ➱Sammlungshighlight eins der ersten Ergebnisse. Soviel zum Onlinekatalog.

Das hier ist ein Bild von ➱Manet, das kleine Mädchen ist die Tochter seines Malerkollegen Alphonse Hirsch. Das Kindermädchen ist zwar auch ordentlich gekleidet, aber es versucht nicht, eine Dame zu spielen. Manets Bild ist sechs Jahre vor dem Bild von Eva Gonzalès gemalt. Wir erkennen, dass beide Bilder etwas miteinander gemein haben: in beiden Bildern blickt uns das Kindermädchen an, in beiden wendet sich das Kind ab. Ich zitiere dazu einmal von der Seite der ➱National Gallery of Art (die im Gegensatz zu Bremen richtig gute Seiten haben):

Most striking, however, are the ways in which Gonzalès consciously diverged from Manet’s model. Whereas Manet’s work feels somewhat claustrophobic, with figures trapped between the shallow foreground and the black metal bars of the fence behind them, Gonzalès’ painting delights in open space. Despite the summary depiction of the garden, she reveals a sensitivity to the play of sunlight as it peeks through the trees and dapples the ground, suggesting that she may have painted the work at least in part out of doors. Consequently, the figures seem to inhabit a landscape, rather than pose against a backdrop. Nanny and Child is not a mere imitation of Manet’s painting, but a thoughtful and highly original response to the subject, reimagined and transformed into something entirely new and undeniably her own.

Hier hat Manet sein ehemaliges Modell und seine Schülerin Eva Gonzalès beim Malen gemalt, elegant im weißen Kleid. Wir sind ein wenig in Sorge, dass da Farbe drauf kleckern könnte. Normalerweise sieht man Malerinnen – auch die Malweiber – ja in einem Malkittel. Aber es soll ja Maler geben, die malen können, ohne zu kleckern. ➱Magritte malte immer im eleganten Anzug im Wohnzimmer, hat nie Spuren von Ölfarben auf dem Teppich hinterlassen, den er vor der Staffelei ausrollte. Darüber könnte ich noch stundenlang schreiben, aber es ist Poetry Month. Ein Gedicht zum Thema Kindermädchen muss her. Ich fand schnell ein schönes Gedicht, das aber nichts mit der Belle Époque zu tun hat. Es ist ein Gedicht, das Puschkin 1826 in der Verbannung über sein Kindermädchen ➱Arina Rodjonowna, dem er so viel verdankte, geschrieben hat. Seine einzige wahre Freundin hat er sie genannt. Ich fand das Gedicht zuerst in einer englischen Übersetzung:

To My Nanny


Dear doting sweetheart of my childhood,

Companion of my austere fate!

In the lone house deep in the wild wood

How patiently for me you wait.

Alone beside your window sitting

You wait for me and blame the clock,

While, in your wrinkled hands, your knitting

Fitfully falters to a stop.

Beyond the crumbling gates the pinetrees

Shadow the road you watch so well.

Nameless forebodings, dark anxieties,

Oppress your heart. You cannot tell

What visions haunt you: Now you seem to see…

Ein wenig Suche förderte auch das russische Original zutage:

Няне


Подруга дней моих суровых,

Голубка дряхлая моя!

Одна в глуши лесов сосновых

Давно, давно ты ждешь меня.

Ты под окном своей светлицы

Горюешь, будто на часах,

И медлят поминутно спицы

В твоих наморщенных руках.

Глядишь в забытые вороты

На черный отдаленный путь:

Тоска, предчувствия, заботы

Теснят твою всечасно грудь.

То чудится тебе…

Das hätte ich (und Sie wohl auch) nun gerne auf Deutsch gehabt. Also schickte ich einen Hilferuf an Friedrich Hübner, der alles, wirklich alles, über die russische Literatur weiß. Das ist der Mann, der mich jahrelang gedrängt hat, endlich ➱Krieg und Frieden zu lesen. Und der mir den Roman geschenkt hat, der die Basis für den großartigen Film ➱Mein Freund Iwan Lapschin war. Friedrich Hübner ist in diesem Blog schon häufiger erwähnt worden, und sein Buch ➱Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen: Eine kommentierte Bibliographie steht schon in dem Post ➱Bolotow. Von Herrn Hübner bekam ich umgehend eine deutsche Übersetzung zugesandt:

An die Kinderfrau


Du Trösterin in trüben Tagen,

Mein gutes Täubchen, alt und krank,

Nun wartest du auf meinen Wagen

Im öden Waldhaus schon so lang,

Schaust auf den Weg vom Fenster nieder,

Getreu wie ein Soldat auf Wacht,

Und läßt das Strickzeug immer wieder

Ganz ungeduldig außer acht,

Starrst auf das Tor, das noch verschlossen,

Spähst auf die dunkle Straße weit,

Besorgt, voll Ahnungen, verdrossen

Ob dieser langen Wartezeit.

Bisweilen denkst du gar…

Und dazu die Information, dass die Rohübersetzung der deutschen Fassung von Lieselotte Remané, die endgültige Nachdichtung von ihrem Mann Martin Remané stammt. Das Übersetzerehepaar kenne ich schon. Nicht nur, weil sie ➱Lewis Carroll übersetzt haben, sondern weil ich die Erinnerungen der Fürstin ➱Maria Wolkonskaja gelesen habe. Was für mich damals eine sehr eindrucksvolle Lektüre war. Wir wollen mal hoffen, dass Puschkin seiner Kinderfrau Blumen mitgebracht hat. Diese Blumen hier sind natürlich von Eva Gonzalès, die gerne Blumen malte. Wahrscheinlich lässt Manet sie deshalb auf seinem Portrait auch Blumen malen. Und plaziert noch eine Blume auf dem Teppich. Die Blumen habe ich hier abgebildet, weil ich ➱Susanne Haun grüßen möchte, die eine meiner treuesten Leserinnen in dem Blog ➱vita brevis, ars longa ist und die mir letztens so nett über Blumen geschrieben hat.

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Dichterkrone

Heute vor 530 Jahren ist der deutsche Humanist Conrad Celtis auf dem Nürnberger Reichstag als erster Deutscher zum ➱poeta laureatus gekrönt worden. Eigentlich hieß er nicht Celtis, sondern Bickel oder Pyckell, aber in dieser Zeit gibt man sich gerne einen lateinischen oder griechischen Namen. Wenn man lesen und schreiben kann. Sie kennen das, da wird aus einem simplen Schwartzerdt ein pompöses Melanchton. Manchen ist aber ihr pompöser Name zu viel, und deshalb nennt sich Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim schlicht Paracelcus. Hier von Quentin Massys gemalt, ein schönes Bild mit einer halben Weltlandschaft. Vor der Paracelsus an die Bühnenrampe tritt. Aber vielleicht ist es auf diesem Bild im Louvre gar nicht Paracelsus. Schon ➱Max J. Friedländer hatte erkannt, dass es sich hier um eine zeitgenössische Kopie eines Gemäldes von Massys handelt, dem der Kopist den Namen Paracelsus hinzugefügt hat.

Celtis hat den Lorbeer (lateinisch laurus) vom deutschen Kaiser auf den Kopf bekommen, der letzte deutsche Dichter, dem diese Ehre widerfuhr war 1804 ein gewisser Karl Reinhard. Kurz danach gab es das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nicht mehr. Dichter gab es noch, aber keine aus Lorbeer geflochtene Dichterkrone mehr. Conrad Celtis ist als eine Art Wanderlehrer weit durch Europa gereist und hat überall wissenschaftliche Gesellschaften und die Vorläufer von Universitäten gegründet. Hier sehen wir den gerühmten und berühmten Dichter zusammen mit Albrecht Dürer.

Celtis trägt allerdings auf dem Bild aus dem Jahre 1508 nicht den Lorbeerkranz wie hier der von El Greco gemalte Alonso de Ercilla y Zúñiga. Lorbeerkränze haben alle möglichen Leute getragen, Botticelli hat Dante mit einem ➱Lorbeerkranz gemalt, und Napoleon hat sich mit einem goldenen Lorbeerkranz malen lassen. Ganz aus der Mode geraten ist der Lorbeerkranz noch nicht. Sir Henry Wood, der die ➱Last Night of the Proms erfunden hat, bekommt jedes Jahr einen grünen Kranz umgelegt.

Conrad Celtes hat nicht nur als Dichter gewirkt, er hat auch die Manuskripte anderer Dichter entdeckt und veröffentlicht. Wir wüssten wenig von dem Ligurinus von Gunther von Pairis (auch ein poeta laureatus) oder den Dichtungen von Hroswitha von Gandersheim, hätte es Celtis nicht gegeben. Wenn Sie sich jetzt fragen, was diese antiken Bikini Girls hier sollen (Sie könnten jetzt auch in den Post ➱Bikini schauen), das hat schon seinen Grund. Nämlich das Epigramm auf ein römisches Mädchen von Conrad Celtis. Hier spricht ein Mädchen aus der Antike, und sie spricht natürlich Latein. Wie leider auch unser poeta laureatus, alles in Neulatein, kein Deutsch:

Annos mille sub hoc tumulo conclusa iacebam;

haec nunc Romanis extumulata loquar:

Non veteres video Romano more Quirites,

iustitia insignes nec pietate viros.


Sed tantum magnas tristi cum mente ruinas

conspicio, veterum iam monumenta virum.

Si mihi post centum rursus revideberis annos,

nomen Romanum vix superesse reor.

Tausend Jahre schlief ich in dieses Grabmales Hügel;

frisch nun exhumiert, sage den Römern ich:

Nirgends seh ich die alten Quiriten nach römischer Sitte,

Männer gerechten Sinns, Männer, die Frömmigkeit ziert.


Trümmerberge rings nur gewahr ich mit traurigem Herzen,

Überbleibsel von längst hingesunkenen Ahnen.

Träte ich euch nach hundert Jahren wieder vor Augen,

ist der Name Rom mein ich lang schon verweht.

Berühmt geworden ist Celtis durch seine Liebesgedichte, die er Ovid folgend Amores nennt. Und dann gibt es noch diese berühmte Ode an Apoll (zu der Sie hier mehr erfahren), in der er Apoll bittet, dass dieser die Dichtung auch nach Germanien bringen möge (Ode ad Apollinem repertorem poetices: ut ab Italis cum lira ad Germanos veniat)

Phoebe, qui blandae citharae repertor,

Linque delectos Eliconque Pindum

Et veni nostris vocitatus oris

Carmine grato.


Cernis, ut laetae properent Camenae

Et canant dulces gelido sub axe,

Tu veni incultam fifibus canoris

Visere terram.


Barbarus, quem olim genuit vel acer

Vel parens hirtus, Latii leporis

Nescius, nunc sit duce te docendus

Pangere carmen,


Quod ferunt dulcem cecinisse Orpheum,

Quem ferae atroces agilesque cervi

Arboresque altae celeres secutae

Plectra moventem.


Tu celer vastas aequoris per undas

Laetus a Graecis Latiam videre

Invehens musas voluisti gratas

Pandere et artes.


Sic velis nostras, rogitamus, horas

Italas ceu quondam aditare terras,

Barbarus sermo fugiatque, ut atrum

Subruat omne.

Wenn Sie noch mehr über lorbeergekrönte Dichter lesen wollen, dann klicken Sie doch Hofdichter: Gott schütze die Königin an. Kommt auch kein Latein drin vor.

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Kapital und Kultur

Heute vor 180 Jahren wurde John Pierpont Morgan geboren, ein Bankier, der sich die Kunst der ganzen Welt kaufen konnte: Ohne Kenntnisse auf irgendeinem Kunstgebiet, ohne besonderen Geschmack oder natürliche Begabung, selbst ohne gute Ratgeber hat der merkwürdige Mann allein durch seine Mittel und die Freigebigkeit, mit der er sie ausgab, wie durch seine Klugheit und sein Zielbewußtsein in wenigen Jahren Sammlungen zusammengebracht, welche denen der großen alten Museen zum Teil nahekommen, in der einen oder anderen Richtung sie wohl gar übertreffen. Und das alles in einer Zeit, in der es angeblich zu spät ist, um noch an Sammeln zu denken! Sein Zaubermittel war das Geld, er scheute sich nicht, für Kunstwerke das Doppelte, ja das Zehnfache und mehr von dem, was bisher für den höchsten Preis galt, auszugeben, und seine Zauberlehrlinge waren die Kunsthändler, die er meist mit Geschick auswählte und mit noch größerem Geschick an sich fesselte. Das schrieb der berühmte ➱Wilhelm von Bode über seinen ungeliebten Konkurrenten im Kunstgeschäft.

Das Bild oben zeigt die zweite Mrs Morgan, gemalt von ➱John Singer Sargent. Und diese Porzellanplastik mit der Dame auf dem Krokodil, die JP Morgan besessen hat, zeigt die Symbolfigur America. Auf jeden Fall hat man sich in Meissen in der Mitte des 18. Jahrhunderts das so vorgestellt. Die Columbia gab es noch nicht. Sie können zu diesen Symbolfiguren Amerikas mehr in dem ausführlichen Post ➱Liberty Girls lesen. Die Meissener America reitet nicht nur auf einem Krokodil, sie hat auch Blumen in der Hand.

In meinem heutigen Gedicht gibt es auch Blumen, es ist ein Gedicht von einem Verwandten von John Pierpont Morgan. Ja, der amerikanische Dichter Robert Frost und der Bankier sind um mehrere Ecken herum verwandt. Robert Frost war hier schon in den Post ➱Mauerbau und ➱Inauguration, und eigentlich sollte er hier viel häufiger auftauchen. Ich mag ihn, und ich besitze eine Gesamtausgabe seiner Gedichte. Weiß sogar, wo die steht. Das Gedicht A Prayer In Spring wurde zuerst in Frosts Gedichtsammlung A Boy’s Will 1911 veröffentlicht, aber Frost hat gesagt, dass er es schon 1903 geschrieben hat. Lyrik wird ja nicht schlecht, wenn man sie etwas liegen lässt, und Blumen in Gedichten verwelken nie:

Oh, give us pleasure in the flowers to-day; 

And give us not to think so far away 

As the uncertain harvest; keep us here 

All simply in the springing of the year. 


Oh, give us pleasure in the orchard white,

Like nothing else by day, like ghosts by night; 

And make us happy in the happy bees, 

The swarm dilating round the perfect trees. 


And make us happy in the darting bird 

That suddenly above the bees is heard,

The meteor that thrusts in with needle bill, 

And off a blossom in mid air stands still. 


For this is love and nothing else is love, 

The which it is reserved for God above 

To sanctify to what far ends He will,

But which it only needs that we fulfil. 

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Rosa Bonheur

 

Sie malt Tiere, diese Rosa Bonheur, die am 16. März 1822 geboren wurde (ich habe das am 16. mit dem 195. Geburtstag leider verpasst, weil ich noch mit der ➱Berliner Mode beschäftigt war). Sie ist die berühmteste Tiermalerin ihrer Zeit, wenn nicht die berühmteste Tiermalerin überhaupt: la plus grand peintre animalière du monde. Gut, da ist natürlich noch der Engländer George Stubbs (der schon mit ➱George Stubbs und ➱Bildbeschreibung zwei Posts hat), aber der verstand sich eigentlich nicht als animalier. Rosa Bonheur ist in diesem Blog schon einige Male erwähnt worden, in dem Post ➱Sir Henry von Schroder findet sich ihr Bild ➱Weidewechsel, das in der Hamburger Kunsthalle hängt. Dieses Portrait von ihr hat ihr Kollege Édouard Dubufe gemalt. Wenn sie den Arm um einen Bullen legt, dann hat das schon seine Bedeutung: In Wirklichkeit interessiere ich mich, was männliche Wesen anbelangt, nur für die Stiere, die ich male.

Dies ist ein Altersportrait der Malerin, gemalt ein Jahr vor ihrem Tode von einer amerikanischen Malerin, die dreiunddreißig Jahre jünger ist als die französische Tiermalerin. Sie heißt Anna Elizabeth Klumpke, seit ihrer Kindheit schwärmt sie für Rosa Bonheur. Als sie selbst Malerin geworden war, will sie unbedingt ihr Vorbild malen (sie hat auch die Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton gemalt). Anna Klumpke wird Rosa Bonheur 1889 unter dem Vorwand kennenlernen, dass sie die Übersetzerin für einen amerikanischen Pferdehändler sei. Wenig später wohnt sie mit Bonheur auf deren Schloss. Auf diesem Bild hier trägt Rosa Bonheur den Orden der Ehrenlegion.

Auf diesem Photo auch. Die Kaiserin Eugénie war 1865 persönlich zu dem kleinen Schloss von Rosa Bonheur gekommen und hatte sie persönlich zum Chevalier de la Légion d’Honneur ernannt: Vous voilà chevalier, je suis heureuse d’être la marraine de la première femme artiste qui reçoive cette haute distinction. Jahrzehnte später wurde ihr der nächsthörere Rang eines Officier de la Légion d’Honneur verliehen, sie war die erste Frau, der diese Ehre zuteil wurde. Später gab es noch andere: Marlene Dietrich, Mireille Matthieu, Barbra Streisand. Und Beate Klarsfeld.

So ganz gefallen hat der Kaiserin der Besuch im Chateau de By im Wald von Fontainebleau nicht unbedingt. Und das hat mit dem Satz In Wirklichkeit interessiere ich mich, was männliche Wesen anbelangt, nur für die Stiere, die ich male. Rosa Bonheur lebt da nämlich mit ihrer Freundin Nathalie Micas zusammen. Als die Kaiserin unverhofft kommt, liegt Nathalie in der Badewanne, und Rosa muss die Tür zum Bad mit dem Fuß sehr unzeremoniell zukicken, um Eugénie zu empfangen. Seit Rosa vierzehn ist, wird die zwei Jahre jüngere Nathalie nicht von ihrer Seite weichen (die Familie Micas hatte nach dem Tod von Rosas Vater seine Schulden bezahlt und die junge Rosa bei sich aufgenommen). Seit sie vierzehn ist, ist Rosa Bonheur auch im Louvre, um Bilder zu kopieren. Besonders Bilder des holländischen Tiermalers ➱Paulus Potter. Sie hat das Ziel, als Malerin eine zweite Élisabeth Vigée-Lebrun zu werden. Das läßt ihre Biographin Anna Elizabeth Klumpke sie in ihrer ➱Biographie sagen, die, in der ersten Person Singular geschrieben, häufig für eine Autobiographie gehalten wurde.

Das Wachpersonal des Louvre nennt sie le petit hussard, den kleinen Husaren. Weil sie Männerkleidung trägt. Das ist natürlich praktisch, wenn man sich mit einem Löwen im Sand wälzt (Rosa Bonheur hält sich mehrere Löwen in ihrem Privatzoo), wenn sie sich für Anatomiestudien und Tierskizzen in den Pariser Schlachthöfen und auf dem Pferdemarkt aufhält. Aber so ganz comme il faut ist das nicht. Denn da gibt es das Gesetz vom 26. Brumaire des Jahres 1801: Jedwede Frau, die sich wie ein Mann zu kleiden wünscht, ist gehalten, sich bei der Polizeipräfektur zu melden und eine Bewilligung zu beantragen, die nur aufgrund eines Zertifikats eines Beamten der Gesundheitsdienste ausgestellt werden kann.

Alle sechs Monate muss sie sich bei der Präfektur eine neue Erlaubnis erteilen lassen, um sich als Mann zu verkleiden, um dergestalt bei Schauspielen, Bällen und in anderen öffentlichen Örtlichkeiten mit Publikum aufzutreten. Auch die berühmte Schriftstellerin George Sand musste derartige Anträge stellen, damit sie in Hosen herumlaufen konnte. Sie können hier eine solche Permission de Travestissement sehen. Das Hosengesetz aus der französischen Revolution ist erst vor einigen Jahren von der französischen Frauenrechtsministerin Najat Vallaud-Belkacem für ungültig erklärt worden, aber da wusste eigentlich niemand mehr, dass es dieses Gesetz immer noch gab.

Das hier sind nicht Rosa Bonheur und Nathalie Micas, das sind Charlotte Butler und Sarah Ponsonby, die ihre adlige Verwandtschaft in Irland verlassen haben und in Llangollen in Wales ein halbes Jahrhundert zusammen leben. Beinahe jeder wird die Ladies of Llangollen besuchen, der Herzog von ➱Wellington ebenso wie ➱William Wordsworth, ➱Walter Scott und ➱Lord ByronElizabeth Mavor hat über die Damen ein schönes Buch geschrieben, das auch auf deutsch erschienen ist (Die Ladies von Llangollen: Eine Studie über romantische Freundschaft). Simone de Beauvoir hat über die Ladies gesagt: Die Vereinigung der Sarah Ponsonby mit ihrer Geliebten dauerte ungetrübt an die 50 Jahre lang. Sie haben es anscheinend verstanden, sich am Rand der Welt ein friedliches Eden zu schaffen.

Vielleicht haben Bonheur und Micas mit ihrer amitié sentimentale auch ein friedliches Eden gehabt. Dieses Bild (2,50 mal 5 Meter), das Nathalie Micas begonnen hatte, und das Rosa Bonheur vollendete, wird soviel einbringen, dass Rosa das Chateau de By kaufen kann. Nathalie Micas, die selbst eine Malerin (sie malt gerne Katzen) und eine Amateurtierärztin ist, bringt ihre Mutter mit. Die wird sich um die Löwen kümmern. Es ist eine seltsame Menage. Die Königin Victoria wird von dem Bild begeistert sein, wenn sie es sich nach Windsor Castle kommen läßt. Das tut sie häufiger, auch wenn die Maler den Transport bezahlen müssen, sind dankbar für die Werbung.

Die Königin läßt sich viele Bilder nach Windsor kommen. Für den ➱Monarch of the Glen von Sir Edwin Landseer wird sie allerdings mit der Eisenbahn nach Schottland fahren. Rosa Bonheur wird Landseer in seinem Studio besuchen (die Königin steht auch auf ihrer Besuchsliste), und bis zu ihrem Tod wird er für sie der größte Künstler sein. Gegen seinen Monarch of the Glen (der jahrzehntelang die Etiketten von Dewar’s und Glenfiddich Whiskyflaschen zierte) sehen die Hirsche von Bonheur etwas mickrig aus. Für das Etikett einer Whiskyflasche wären sie ungeeignet. Man kann das auch positiv formulieren: es fehlt ihnen das Pathos und die Sentimentalität von Landseer.

Sie hat in Frankreich zwar Erfolg bei Ausstellungen und Wettbewerben (Delacroix erwähnt sie lobend in seinen Tagebüchern), aber verkaufen tut sie in ihrem Heimatland so gut wie nichts. Das ist in England und Amerika ganz anders, da zahlt man selbst für ihre Skizzen Wahnsinnspreise. Der Kunsthändler Ernest Gambart, der sie (zusammen mit dem Bild vom Pferdemarkt) nach England eingeladen hatte, wird dafür sorgen, dass der englische Markt mit Bildern (und Radierungen nach den Bildern) gefüttert wird. ➱Thomas Herbst hätte an dieser Kuh, die Rosa mit achtzehn Jahren malt, sicher seine Freude gehabt.

Sie kann auch Landschaften malen, das hier sieht doch beinahe aus wie ein Cezanne. Die Grundzüge der Landschaftsmalerei hat ihr der Vater beigebracht, der selbst Landschaftsmaler war. Er war ein fanatischer Anhänger der utopischen Lehren des Grafen Henri de Saint-Simon, was seiner Tochter eine halbwegs gute Bildung verschaffte, aber seine Familie zerbrechen ließ. Weil er jahrelang nicht zu Hause war und stattdessen in einer Kommune (einer Art von Brook Farm Experiment) lebte. Die Lehren von Saint-Simon gaben den Töchtern in der Famile die selben Freiheiten wie den Söhnen, ohne diesen Hintergrund wäre Rosa nicht diejenige geworden, die sie war. Hätte wahrscheinlich keine Hosen getragen. Aus dem Mädchenpensionat flog sie mit dreizehn Jahren raus, sie galt als schwer erziehbar. So fangen Filme von Truffaut an, wie zum Beispiel ➱Une belle fille comme moi. Irgendwie scheint das französische Erziehungssystem Schwächen zu haben.

In ihrem letzten Lebensjahr freundete sie sich mit der amerikanischen Malerin Anna Elizabeth Klumpke an, die sie mehrfach porträtierte, steht im Wikipedia Artikel zu Rosa Bonheur. Das ist ein Satz, der komplett falsch ist. Die beiden haben sich 1889 kennengelernt (aus dem Jahr stammt auch das Portrait von Rosa) und haben dann im Chateau de By zusammengelebt. Nach dem Tod ihrer Gefährtin Nathalie Micas war Rosa in eine Lebens- und Sinnkrise gekommen. Da besucht sie ständig den Westernzirkus von ➱Buffalo Bill, der sich gerade in Paris aufhält. Und malt den Colonel William F. Cody. Es ist ein seltsames Bild, Reiter und Landschaft passen nicht zusammen. Das ist solch ein Verfremdungseffekt wie bei den Westernfilmen, die in Jugoslawien gedreht wurden. Wir wollen Buffalo Bill in seinem natürlichen Habitat sehen, nicht im Wald von Fontainebleau.

William F. Cody war für Rosa Bonheur ein Symbol, sie bewunderte Amerika. Für sie war es eine wahrgewordene Utopie der Ideale von Saint-Simon: And I admire American ideas about educating women. Over there you don’t have the silly notion that marriage is the one and only fate for girls. I am absolutely scandalized by the way women are hobbled in Europe. It’s only because of my God-given talent that I could break free.

Als Anna Klumpke sie fragte, ob sie sie malen dürfte, stimmte sie sofort zu. Weil Klumpke (die deutsche Eltern hatte) eine Amerikanerin war. Die Sache mit dem Zusammenleben kam später. Rosa Bonheur hat ihre letzte Gefährtin Anna Elizabeth Klumpke zum Entsetzen der Familie Bonheur zur Alleinerbin gemacht. Das kleine Schloß ist heute ein Museum, dafür hat Anna Klumpke gesorgt.

Rosa Bonheur (hier ein Altersportrait von Anna Klumpke) ist nie zur Messe gegangen, hat nie gebeichtet, im Herzen ist sie immer noch eine Anhängerin von Saint-Simon, aber als Nathalie Micas starb und auf dem Père Lachaise beigesetzt wurde, trat Rosa Bonheur zum Katholizismus über. Nicht dass sie plötzlich an Gott glaubte, aber auf dem Père Lachaise wird man nun mal nur beerdigt, wenn man gut katholisch ist. Und so werden die beiden Gefährtinnen eines Tages nebeneinander liegen. Anna Klumpke, die mit 86 Jahren in San Francisco stirbt, später auch.

Ich weiß nicht, was für ein Tier dies ist, aber es gefällt mir. Manchmal hat man Schwierigkeiten, gemalte Tiere zu identifizieren. Mir fällt dazu immer George Caleb Binghams Bild ➱Fur Traders Descending the Missouri (das sich im Post ➱Charles Wimar findet) ein. Das Tier da vorne im Boot ist keine Katze. Dieses Tier hier findet man, wenn man Rosa Bonheurs Namen bei Googles Bildersuche eingibt. Warum? Weil ein Unternehmen namens Meet the Masters ein sauteures Programm anbietet, damit Kiddies malen lernen wie Rosa Bonheur. Und das kommt dabei raus. Hat sie das verdient?

Die Tiermalerin Rosa Bonheur (hier eine von ihr bemalte Palette) war eine erstaunliche Frau, sie hat sich nie in die Einsamkeit zurückgezogen. Sie liebte die Gesellschaft, ging aus und lud Gäste ein. Sie ging gerne ins Theater. Sie war großzügig mit dem Geld, das ihr nichts bedeutete. Sie hatte für ihre Zeit erstaunlich vernünftige Ansichten. Und sie ist ein Vorbild für viele Malweiber des 19. Jahrhunderts gewesen, in dem Punkt haben die Utopien von Saint-Simon doch etwas Positives bewirkt.

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