Friedrich Wasmann

So habe ich denn damals, in einem entlegenen Erdenwinkel in größter Abgesondertheit lebend und meine eigene künstlerischeTätigkeit beiseite schiebend, eine für mich gänzlich fremde Arbeit unternommen: die Vorbereitung zur Herausgabe eines noch nicht druckreifen Manuskripts mit vielen in den Text eingefügten Lichtdrucken; es war dies aus der Ferne und bei den Forderungen, die ich auch an die äußere Form eines Buches stellte, keine leichte Arbeit.

Das schreibt der norwegische Maler Bernt Grönvold, den Lovis Corinth 1923 gemalt hat (Bild), über das Buch Friedrich Wasmann: Ein deutsches Künstlerleben von ihm selbst geschildert. Der Hamburger Maler, den ich letztens in dem Post über  Philipp Otto Runge erwähnte, wurde am 8. August 1805 in Hamburg geboren, wo er auch bei Christoffer Suhr seine malerische Ausbildung erhielt. Wasmann ging danach an die Dresdener und dann an die Münchener Akademie. Ständig kränkelnd ließ er sich für zwei Jahre in Meran nieder, bevor er für drei Jahre nach Italien ging.

In Rom traf er (hier ein Selbstportrait) Künstler wie ➱Friedrich Overbeck, ➱Joseph Anton Koch und ➱Bertel Thorvaldsen, geriet unter den Einfluss der Nazarener und konvertierte zum Katholizismus. Doch drei Jahre Rom waren dem Hamburger genug, er kehrt an die Alster zurück. Lernt eine Frau kennen, die er 1845 heiratet und zieht mit ihr nach Meran. Wo er im Alter von 81 Jahren sterben wird. Das ist die Kurzfassung des Lebens des Malers, seine Autobiographie ist natürlich länger. Sie endet mit den Worten: Dieses habe ich in meinem zweiundsechzigsten Lebensjahre geschrieben und bittedie, welche es lesen, um ein Vaterunser, damit ich bei Gott Gnade und Vergebung der Sünden finden möge.

Wasmann hat erstaunliche Bilder gemalt, wie diesen ➱Blick in die Campagna (1835), ein Bild, das die Hamburger Kunsthalle besitzt. Die, dank ➱Alfred Lichtwark, viele Bilder von ihm hat. Als Bernt Grönvold zehn Jahre nach dem Tod von Wasmann dessen Lebenserinnerungen herausgab, war das Buch, das in fünfhundert Exemplaren erschien, leider ein Flop: Das Buch fand keine Beachtung. Ich hatte ein Echo, einen etwas wärmeren Empfang des neuen Kömmlings erwartet. Als nach neun Iahren kaum siebzig Exemplare Käufer gefunden hatten, zog ich die übrigen aus dem Buchhandel zurück. Man kann es (in der der Neuauflage von 1915) heute immer noch antiquarisch finden, ich habe für mein Exemplar drei Euro bezahlt. Die sich unbedingt lohnten.

Dabei hatte das Buch einen berühmten Fürsprecher gehabt. Na ja, berühmt war er noch nicht, er war noch keine zwanzig, als er diese Buchbesprechung schrieb: Vor einigen monaten ist einer unsrer liebenswürdigsten maler im geist der ersten hälfte des jahrhunderts einer unverdienten vergessenheit entrissen worden .. es war dazu nötig dass drunten im südlichen Tirol der nachlass des aus Niederdeutschland gebürtigen künstlers von einem heutigen künstler der ein Norweger ist entdeckt und gesammelt und in einer mit fleiss und opfern hergestellten schönen ausgabe dem deutschen volk zugänglich gemacht wurde.

Das vorliegende buch das mit einer selbst-lebens-beschreibung Wasmanns eine reihe von zeichnungen und gemälden aus den jahren 1828–35 in guten steindruck-nachbildungen enthält und das allein die bekanntschaft mit dem in keiner öffentlichen sammlung vertretenen meister vermitteln kann ist wol von ausgezeichneten kunstkennern wie Hermann Schlittgen dringend empfohlen worden hat aber in weiteren kreisen die würdigung noch nicht gefunden die es verdient.

Mögen wir auch zugeben dass durch eine gewissenhafte und feine auswahl der wert der angebotenen schöpfungen ungemein erhöht wird und wir minderwertiges gar nicht zu gesicht bekommen so ändert das wenig an unsrer bewunderung für den mann der fern vom markte der ausstellungen fern vom drang der bestellungen schweigend und unbekannt zur zeit des Nazarenertums d.h. der allgemeinen formerstarrung mit der selbständigkeit der auffassung die reinheit der linien mit der vollendeten festigkeit und sicherheit eine keusche wahrhaft rührende anmut verband.

Schon in einer sehr frühen bleizeichnung … zieht uns eine den zwang der schule durchbrechende eigenart an: in dem männlichen bildnis sehen wir die ganze verträumte jugend von damals mit dennoch einer festen und scharfen schönheit .. fast wie ein Rafael wirken die höchst einfachen striche die einen jüngling bilden · wie uns scheint einer von denen die voll von kühnen unschuldigen träumen und von himmlischen erwartungen ihre strasse nach Italien zogen.

Von bezaubernder innigkeit sind die mädchenköpfe … besonders das zweitgenannte auf getöntem papier … bei aller kindlichen und jungfräulichen reinheit liegt in diesem antlitz das bedeutungsvoll die augen aufschlägt ein so grosses trauriges verzichten dass wir ganz die jahreszahl vergessen und meinen die neuesten Engländer und Franzosen vor uns zu haben und zwar die besten. Manche dieser bildnisse sind uns eine enthüllung: so deutlich haben wir noch nie gestalten jenes abschnitts gesehen den man die Romantik nennt · ohne verschwommenheit und verweichlichung die helden Jean Pauls: wir bekommen ein neues bild jener stillglühenden und tiefblauen zeit.

Eine andre seite von Wasmanns kunst zeigen uns die ölbilder aus einem späteren abschnitt seines lebens mit noch gesteigertem sinn für das wirkliche .. wol müssen wir die farben dazu ersinnen (sie werden eher verschwiegen als leuchtend sein) aber es genügt die haltung jener Alten zu betrachten die bei meisterhafter behandlung der gewandung in ihrer behäbigen güte soviel menschliche ewige schönheit mitbekommen hat · oder den etwas geduckt dasitzenden keineswegs liebeerweckenden menschen den ich mir vorstelle mit seinem ledergelben südländergesicht das sich vom etwa blauen sammt des sessels abhebt: es ist darin etwas vom bestreben der Alten Meister die die abschreckende hässlichkeit geistlicher und weltlicher würdenträger so unvergänglich verklärt haben.

Dem maler dem mann von handwerk werden zulezt einige skizzen und entwürfe eine besondere aufmerksamkeit abringen · einige ganz geringfügige dinge mit einer einfachheit und fertigkeit hingeworfen wie es nur die Japaner vermögen: dort ein lamm · dort ein hahn · dort eine ziege. Die lebensbeschreibung die keine erläuterung zu den abbildungen gibt läuft selbständig als text mit. Sie ist im schlichten ehrlichen manchmal schattierungslosen ton damaliger zeit abgefasst .. dort finden wir aber auch – abgesehen von der teilnahme die das leben dieses merkwürdigen mannes erwecken muss – so feine beobachtungen und einflüsternde wendungen wie sie nur dem grossen schriftsteller gelingen.

So lesen wir in den kindererinnerungen: Bald zogen kosakenpulks · lieder in melancholischen molltönen singend in langen zügen über den deich · bald französische reiterscharen · die langsam vorüberreitend und niedergebeugt auf uns kinder die wir sie neugierig anblickten traurig und matt herabsahen · bei der betrachtung einer Medusenmaske stehen die worte: was ich damals nicht verstand ist mir jezt klar und erscheint mir wie ein bild der von Gott getrennten unerlösten natur die wie der blick der schlange das auge des menschen bezaubert die seele erstarren macht und in tödlichen schlaf versenkt · in der Italienreise findet sich der abschluss: Die menschen schienen mir einen wehmütigen zug im gesicht zu haben den ich bis dahin nie gekannt hatte als wären sie auf einer wallfahrt durchs leben begriffen und bewegten selbst mitten im geräusch des tages und bei der arbeit die lippen zu stillem gebet.

Sie werden es nicht glauben, der junge Kunstkritiker ist niemand anderer als ➱Stefan George.

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Sturmeshöhe

Ich weiß nicht, warum Emily Brontë noch nicht in diesem Blog aufgetaucht ist, erwähnt wurde sie schon, of all places, in dem Post ➱Ermenegildo Zegna. Und das nicht aus schier Schandudel, wie wir Bremer so sagen, das hat schon seine Berechtigung. Die Brontës werden auch noch in den Posts ➱Arno Schmidt und ➱Jean Rhys erwähnt. Emily wurde heute vor 199 Jahren geboren, und obgleich sie mit ihren Schwester in relativer Obskurität lebte und das Publikum ihre Werke nicht liebte (hier die ersten ➱Rezensionen), ist sie doch nicht vergessen. Ihr Roman Wuthering Heights ist x-mal verfilmt worden, und das Pfarrhaus von Haworth in Yorkshire ist zu einem ➱Museum und einem touristischen Wallfahrtsort geworden.

Das sind die drei Brontë Sisters (von links Anne, Emily und Charlotte), gemalt von ihrem Bruder Patrick Branwell im Jahre 1834. Branwell wollte Maler werden, aber er ist früh gestorben. Tuberkulose, Alkohol und ➱Laudanum, die Lieblingsdroge der englischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, da kommt einiges zusammen. Das Wetter im Moor von Yorkshire entspricht auch nicht gerade dem Klima des ➱Zauberbergs.

Auf dem Bild der drei Schwestern war wohl ursprünglich auch Branwell Brontë in der Mitte, jetzt ist der bright star, auf den der Vater so große Hoffnungen setzte, unter dieser gelben ➱Säule verborgen. Hatte er erkannt, dass es mit seinem Talent nicht so weit her war? Patrick Brontë war aus Irland nach England gekommen, er änderte als erstes seinen Namen von Brunty in Brontë. Als er die Pfarrstelle in Haworth bekommt, wo er 170 Pfund im Jahr verdient, gibt er sehr viel Geld für Maler aus, die seinem Sohn die Kunst der Malerei beibringen sollen. Aber das Beste, was der Filius hinkriegt, ist dies Portrait seines Freundes John Brown. Er ist wirklich kein Genie.

Mit diesem Bild haben Sie wahrscheinlich an dieser Stelle nicht gerechnet. Ich könnte natürlich sagen, dass ich damit testen will, ob Sie als Leser noch bei der Sache sind. Eine rein didaktische Maßnahme. Als ich an der Heeresoffizierschule war, hatten wir einmal einen Nachmittag lang Unterricht über russische Waffen und Uniformen, tausende von Dias. Und da die amerikanischen Geheimdienstoffiziere, die die Show machten, wussten, dass jeder im Saal nach hundert Dias vom russischen T34 einschläft, mischten sie in unregelmäßigen Abständen Pin-Ups dazwischen. Anne Bancroft, die in ➱The Graduate eine Mrs Robinson spielt, hat hier aber schon eine Bedeutung. Sie werden es nicht glauben, aber Branwell Brontë ist einmal Hauslehrer bei einer Familie Robinson und fängt da etwas mit Mrs Robinson an. And here’s to you, Mrs Robinson Jesus loves you more than you will know Wo wo wo God bless you, please, Mrs Robinson Heaven holds a place for those who pray Hey hey hey, hey hey hey.

Wenn man aus dem Fenster des Pfarrhauses in Haworth guckt, dann sieht das so aus, Tristesse pur. Hier ist wirklich nichts los, hier muss man sich schon selbst schön schreiben. Und dass machen die Brontës, sie erfinden sich in einem längeren Gedankenspiel (wie Arno Schmidt das nennt) neue Welten, die sie Glass TownAngria und ➱Gondal taufen. Sechzehn Jahre lang schreiben sie (zum Teil in klitzekleinen ➱Büchlein) an diesem Gedankenspiel, sie werden sich später für ihre Romane und Gedichte aus diesem Fundus bedienen.

Was soll man sonst machen, als Gedankenspiele zu spielen? Gentlemen, die die aufblühende Schönheit von Emily bemerken könnten, gibt es weit und breit nicht: Emily Brontë had by this time acquired a lithesome, graceful figure. She was the tallest person in the house, except her father. Her hair, which was naturally as beautiful as Charlotte’s, was in the same unbecoming tight curl and frizz, and there was the same want of complexion. She had very beautiful eyes – kind, kindling, liquid eyes; but she did not often look at you; she was too reserved. Their colour might be said to be dark grey, at other times dark blue, they varied so. She talked very little. She and Anne were like twins – inseparable companions, and in the very closest sympathy, which never had any interruption.

Das Schreiben ist für die Kinder des Patrick John Brontë eine Flucht, die Mutter ist früh gestorben, zwei Schwestern auch, die Kinder haben kaum Freunde in dem kleinen Ort Haworth. Nicht nur Branwell trinkt, der Vater trinkt auch, so sind die Iren, möchte man sagen. Der Reverend ist für seine Predigten aber nüchtern. Emilys Gedichte können Sie ➱hier finden. Auf der Seite der ➱Poetry Foundation gibt es eine sehr gute Einführung in ihre Lyrik. Ich zitiere einmal ein Gedicht, das vielleicht typisch für Emilys Dichtung ist:

I’ll not weep that thou art going to leave me,

There’s nothing lovely here;

And doubly will the dark world grieve me,

While thy heart suffers there.


I’ll not weep, because the summer’s glory

Must always end in gloom;

And, follow out the happiest story —

It closes with a tomb!


And I am weary of the anguish

Increasing winters bear;

Weary to watch the spirit languish

Through years of dead despair.


So, if a tear, when thou art dying,

Should haply fall from me,

It is but that my soul is sighing,

To go and rest with thee.

Während ihre Schwester unter dem Pseudonym Currer Bell eine erfolgreiche Romanautorin wird (➱Jane Eyre sollte man unbedingt gelesen haben), schreibt Emily nur einen Roman. Aber was ist das für ein Roman! Robert McCrum setzt ihn auf Platz 13 der ➱100 best novels written in English (➱Jane Eyre kommt auf Platz 12). Der Roman ist großes Theater: Liebe, Leidenschaft, Hass, Einsamkeit und Tod. Zwei verschiedene Bühnenbilder werden auf die Bühne gerollt, die Sturmeshöhe Wuthering Heights (das Wort wuthering hat Emily in die englische Sprache gebracht) und Thrushcross Grange. Thrushcross Grange (das wäre ein Wort für ➱Evelyn Hamann) ist eine Welt, die ein wenig der Welt von Jane Austen ähnelt. Wuthering Heights kommt in der Welt von Jane Austen nicht vor.

Es ist eine einsame und wilde Welt, die noch viel von der ➱Gothic Novel hat. Besonders im dritten ➱Kapitel, wo wir einen Satz wie diesen lesen können: finding it useless to attempt shaking the creature off, I pulled its wrist on the broken pane, and rubbed it to and fro till the blood ran down. Sie werden diese Szene nicht vergessen, sie ist ein Festessen für Pychoanalytiker. Wuthering Heights ist ein Roman der ➱Träume. Und der Albträume.

Spätestens seit der Dissertation ➱Der Held und sein Wetter von ➱F.C. Delius wissen wir, dass das Wetter im Roman des 19. Jahrhunderts eine große Rolle spielt. Natürlich auch in Wuthering HeightsDame Penelope Lively gefällt das nicht so sehr: There’s lots of British weather in ‚Wuthering Heights‘, but the wildness doesn’t appeal to me, it’s too much “pathetic fallacy” weather. Weather as a device that’s overdone. You’ve got a storm or two in ‚Jane Eyre‘, but it’s rather more sparse, more judiciously used. That said, ‚Wuthering Heights‘ is a marvellous novel, but I warm to Jane Eyre.

Viele Schriftstellerinnen haben etwas zu dem Roman gesagt. So Jeanette Winterson: When I was sixteen I read Wuthering Heights for the first time, and I read it as a kind of oracle; that life is worth nothing if it is not worth everything. Disaster does not matter, intensity does. You can dilute Wuthering Heights, as Mills & Boon and musicals have done. But if you are honest, you cannot escape its central stark premise; all or nothing. The all is not Heathcliff – that is the sentimental version. The all is what Heathcliff represents, which is life itself. Oder, etwas kürzer, Virginia Woolf: It is as if Emily Brontë could tear up all that we know human beings by, and fill these unrecognizable transparencies with such a gust of life that they transcend reality.

Und dann hätte ich noch Kate MosseThis brilliantly atmospheric Yorkshire saga has only one drawback – Emily never wrote another novel. For me, it is both fantastic but also true to life because the protagonists have such believably fierce emotions. Das ist natürlich nicht die Kate Mosse von der ➱Calvin Klein Reklame, die kann nicht so viele Wörter. Die beiden expressionistischen Illustrationen sind von Fritz Eichenberg, sie finden sich 1943 in der Ausgabe von Random House. Es gibt beinahe unzählig viele Ausgaben von Wuthering Heights, für Philologen gibt es aber nur eine Ausgabe. Und das ist die, die in der Reihe der Norton Critical Editions erschienen ist.

Arno Schmidt hat die Brontës durch seinen Radioessay Angria & Gondal: Der Traum der taubengrauen Schwestern in Deutschland bekannt gemacht. Er findet sich in dem Buch Der Triton mit dem Sonnenschirm. Ich habe das Buch bei seinem Erscheinen rezensiert und dem Arno, als die Rezension gedruckt erschien, sie vorbeigeschickt. Er hat leider auf meinen Brief nicht geantwortet. Es gibt im Internet ➱Wuthering Heights im Original. Und in deutscher Übersetzung ➱Der Sturm-Heidehof von Gisela Etzel und ➱Umwitterte Höhen von Alfred Wolkenstein. Die beste Einführung in die Welt der Brontës bietet Elsemarie Maletzke mit Das Leben der Brontës. Und dann habe ich hier noch eine sehr gute deutsche ➱Brontë Seite (mit vielen nützlichen Links). Und die Wikipedia Seite zu ➱Wuthering Heights kann auch empfohlen werden.

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Philipp Otto Runge

Dieses Selbstportrait von Philipp Otto Runge zählt zu seinen schönsten Bildern. Ich mag es sehr, auch sein Selbstportrait als ➱Federzeichnung ist sehr schön. Ich weiß nicht, weshalb ich bei diesem Portrait immer an das Selbstportrait von ➱Carel Fabritius denken muss. Der schaut uns zwar auch an, aber er hat nicht diese Traurigkeit in den Augen. Goethe hielt viel von dem Maler, der heute vor 240 Jahren geboren wurde: Es ist ein Individuum, wie sie selten geboren werden. Sein vorzüglich Talent, sein wahres treues Wesen als Künstler und Mensch, erweckte schon längst Neigung und Anhänglichkeit bey mir; und wenn seine Richtung ihn von dem Wege ablenkte, den ich für den rechten halte, so erregte es in mir kein Mißfallen, sondern ich so erregte es in mir kein Mißfallen, sondern ich begleitete ihn gern.

Und noch ein anderer Dichter der Romantik lobt Runge. So schreibt Clemens Brentano in einem Brief an Johann Friedrich Böhmer, nachdem der ihm Runges Gedicht ➱Es blüht eine schöne Blume geschickt hatte: Das Lied ist wirklich von Runge er-Rungen, ent-Rungen, entsp-Rungen, durchd-Rungen usw … Er ist eigentlich doch der tiefsinnigste Künstler, der unmittelbarste der neueren Zeit gewesen, der eine Tiefe, ein Inneres, das vielleicht nie Gestalt gewonnen, zu Tage hat gebären müssen; was aber von solchem an die Oberfläche tritt, tritt heutzutage der Oberflächlichkeit entgegen; darum ist er so wenig gekannt und erkannt.

Das ist es, die Dichter rühmen ihn, aber beim Publikum ist der Maler kaum bekannt. Dennoch lobt Runge in einem Brief an seinen Bruder das Publikum und sagt: daß in einem Staat wie Hamburg sehr viel auf den guten Willen des Publicums gerechnet werden könne, wo die beschränkte Würkung der Behörden nicht ausreicht, und daß immer eine Masse von Menschen vorhanden bleibt, wo diesen guten Willen durch innern und äußern Antrieb rege zu machen möglich ist. Da ist sicherlich etwas dran, und die beschränkte Würkung der Behörden hat ja heute in Hamburg wieder Aktualität.

Allerdings muss man sagen, dass Runge hier nicht das Publikum meint, dass seine seine Bilder bewundern soll, sondern die Patriotische Gesellschaft. Die hatte Runge gerade als Ehrenmitglied aufgenommen, unter anderem, weil es sich bei ihm um einen talentvollen, denkenden Künstler handle. Im Rathaus denkt man offensichtlich nicht, das wird wenige Jahre später der Marschall ➱Davout für die Hamburger übernehmen. In der Kunsthalle Hamburg denkt man offensichtlich auch nicht, die Beschreibung des wohl bekanntesten Bildes von Runge auf der Seite der Kunsthalle ist nun wirklich ärmlich, wenn man das zum Beispiel mit diesem ➱Post eines Bloggers vergleicht. Noch mehr zu Runge findet sich bei jemandem, der als ➱Kunstdirektor schreibt oder an dieser Stelle, wo man Daniel Runges ➱Nachrichten von dem Lebens- und Bildungsgange des Mahlers Philipp Otto Runge findet.

Wenn Sie mehr zu dem Bild wissen wollen, kann ich nur Jörg Traegers Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder: Von der Reflexion des Naiven im Kunstwerk der Romantik empfehlen, das in der hervorragenden Reihe Fischer Kunststück erschienen ist. Der Kunsthistoriker Jörg Traeger war die Nummer Eins der Runge Forschung, sein kleines Buch ist sicher auf einem höheren Niveau als das Buch von Ellen Pomikalko und Ute Blaich ➱Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder. Aber das ist ein rotfuchs-Kunstbuch, das macht auch einen Sinn. Ute Blaich habe ich immer geschätzt, ich habe noch ihre LP (Deutsche Grammophon) von The Wind in the Willows im Regal. Und da ich bei Kiddies bin, möchte ich noch auf das interessante Buch So nah und doch so fern: Philipp Otto Runges gesteigerte Wirklichkeit der Kinder. Eine Entdeckungsreise durch die Bildwelten Runges und seiner Zeit des Pädagogen Andreas Gruschka hinweisen.

Runges Äußerungen über den guten Willen des Publicums sind übrigens prophetisch: als 2010 die Ausstellung ➱Kosmos Runge: Der Morgen der Romantik in der Hamburger Kunsthalle eröffnet wird, hat man gerade große Teile des ➱Werkes gekauft, die vorher nur geliehen waren. Es ist übrigens ➱Alfred Lichtwark gewesen, der (mit privater Unterstützung) die ersten Käufe für die Kunsthalle tätigte, Runge selbst interessierte ihn nicht so sehr. Ihn interessierte, dass Runge (hier mit seiner Frau ➱Pauline und seinem Bruder Daniel) ein Hamburger war. Das Bild hat den Titel ➱Wir Drei, es war ein Geschenk Runges an seine Eltern.

Es ist natürlich eine ➱Eiche, dieser symbolträchtige deutsche Baum, an den sich Daniel Runge lehnt. In den Befreiungskriegen wird die Eiche über das Symbol der Treue hinaus zu einem nationalen Symbol für Einigkeit, Schutz und Festigkeit. Die drei Soldaten eines Freicorps auf dem Bild von Kersting halten ihre Wache in einem Eichenwald, es dürfte kein anderer Wald sein. Simon Schama hat in seinem Buch Landscape and Memory (➱Der Traum von der Wildnis) eine Menge über den deutschen Wald zu sagen, ich halte Landscape and Memory für sein bestes Buch.

Der englische Kunsthistoriker Matthew Craske hat in seinem höchsten originellen Buch Art in Europe 1700-1830 darauf hingewiesen, dass die geschlossen auftretende Familie wie in Wir Drei oder dem Bildnis seiner Eltern vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Napoleon zu sehen ist. Runge malt nicht nur 1806 seine Eltern in seinem Heimatort Wolgast. Er ist auch nach Wolgast gezogen, weil es der Firma Firma Hülsenbeck, Runge & Co, in der einmal als kaufmännischer Gehilfe angefangen hat, sehr schlecht geht. Der Konkurs kommt im nächsten Jahr, die Kontinentalsperre macht sich bemerkbar (darüber sollten die Engländer mit ihrem Brexit mal nachdenken), aber Daniel Runge (hier von seinem Bruder portraitiert) wird eine neue, erfolgreiche Firma gründen. Sein Bruder wird dort stiller Teilhaber sein.

Auf der Rückseite dieses beinahe zwei Meter hohen Gemäldes können wir die Geburtsdaten der Eltern des Künstlers lesen, sowie den Satz: Diese meine lieben Eltern habe ich meinen Geschwistern und mir zum Andenken gemalt und zur Lust mein Söhnlein Otto Sigismund als 1 1/2 Jahr, und meines Bruders Jacob Söhnlein Friedrich als 3 1/2 Jahr. Wollgast im Sommer 1806. Im Herbst 1806 wird Napoleon bei Jena und Auerstedt die preußische Armee schlagen und danach in Berlin einziehen. Die kleine schwedische Flagge (Pommern ist damals noch schwedisch) auf einem der Schiffe im Hintergrund, die Runges Vater gehören, ist vielleicht eine Hoffnung, dass es nicht so schlimm werden kann.

Es gibt von dem Bild eine zweite, kleinere Version, eine Ölskizze. Die Kinder fehlen, die Lilie mit ihrer Symbolik fehlt, die gepflegt bürgerliche Kleidung von Runges Eltern ist einfacher gehalten, die Schiffe von Daniel Nikolaus Runge sind nicht zu sehen. Runges Eltern sind neununsechzig Jahre alt, sie sehen älter aus. Runges Vater steckt noch im 18. Jahrhundert, er trägt noch eine Perücke. Das Ehepaar wirkt ein klein wenig verloren vor seinem Haus. Es fehlen die Kinder, Daniel Nikolaus Runge und Magdalena Dorothea haben elf Kinder, da müssen jetzt die Enkel mit auf das Bild, über das Alfred Lichtwark sagte: In der deutschen Kunst um 1806 steht es wie ein Wunder. 

Lichtwark meinte damit, dass es einzigartig sei und keine Vorbilder in der europäischen Malerei habe. Das sagt auch Mario Praz in Conversation Pieces, der größten Studie des Familienbilds. Allerdings mit leicht boshafter Ironie: There is nothing conventional in this severe, almost surly pair of old people dressed in materials hard as metal; solemnly taking a walk, they cross the sparse orchard and are considered with some misgiving by one of the grandchildren, who convulsively clutches a flower and who maybe a moment ago has given the grandmother the rose she holds in her left hand. One cannot suppose that she received it with a smiling face: one suspects that in the hands of such a formidable-looking woman any flower would soon wither. The house behind them looks like a prison wall; the free view of the water with its moored boats and of the sky (which is overcast by a black cloud) does nothing to dispel the sense of a cloistered and severe life communicated by the figures, the wall, and the toothed fence.

Mein Katalog der Hamburger Ausstellung ➱Runge in seiner Zeit aus dem Jahre 1977 sieht besser aus als dieser hier. Weil ich ihn mir neu gekauft habe. Nachdem ich den ersten Katalog damals durchgearbeitet habe, habe ich ihn einer Studentin der Kunstgeschichte geschenkte. À propos Studenten, kurz bevor ich die Uni verließ, belehrte mich eine Kollegin, dass man jetzt nicht mehr Studenten sagte. Das hieße jetzt Studierende. Ich sagte ihr, dass ich für solchen Unsinn zu alt sei. Und unterließ es höflicherweise zu sagen, dass es Schwachsinn sei, weibliche Schafe Schäfinnen zu nennen. Was sie in ihrer Vorlesung hartnäckig tat.

Man kann den Hamburger Katalog von 1977 (Prestel Verlag) antiquarisch noch bekommen, es ist vielleicht das Beste, das man zu Runge kaufen kann. In Hamburg war damals nicht nur das Werk von Runge zu sehen (die Hamburger Kunsthalle hat die größte Sammlung), sondern die ganze deutsche Romantik drumherum. Wie zum Beispiel Carl Joseph Begas oder ➱Friedrich Wasmann (Bild). Die Philipp Otto Runge Ausstellung war zuerst in der Reihe der ➱Kunst um 1800 gar nicht vorgesehen, in den ersten zwei Jahren gab es ➱Ossian, ➱Caspar David Friedrich, Johan Tobias Sergel, ➱Johann Heinrich Füssli und ➱William Blake. Danach kamen in den nächsten vier Jahren Philipp Otto Runge, ➱William Turner, John Flaxman und Goya. Ein größeres Projekt hat die Hamburger Kunsthalle im 20. Jahrhundert niemals bewältigt. Bis auf die Sergel Ausstellung habe ich alle Ausstellungen gesehen, die ➱Ossian Ausstellung und die Caspar David Friedrich Ausstellung sogar mehrfach.

Jörg Traegers Katalog Philipp Otto Runge und sein Werk: Monographie und kritischer Katalog ist schwer zu bekommen. Er steht bei mir im Regal, weil ich damals Mitglied des Deutschen Kunstverein war, es war die Jahresgabe für die Mitglieder. Die Jahresgaben waren immer teurer als  der Jahresbeitrag, das hatte mir mein Freund ➱Peter gesagt. Als die Jahresgaben immer mickriger wurden, bin ich aus dem Verein ausgetreten. Aber wer sich für Runges Leben und Werk interessiert, ist auch mit kleineren Büchern gut bedient. Man bekommt zum Beispiel ➱Jens Christian Jensens Buch (DuMont) bei Amazon Marketplace ab einem Cent, und auch ➱Frank Büttners bei C.H. Beck erschienenes Taschenbuch ist antiquarisch noch zu finden.

Der Morgen ist die grenzenlose Erleuchtung des Universums, hat Runge gesagt. Lange hat er an dieser romantischen Weltvision gearbeitet. Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche Licht – mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut – atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Tier – vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. 

Wie ein König der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse, hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. – Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt. Das ist nicht von Runge, das steht in Novalis‘ ➱Hymnen an die Nacht (auf den ihn Tieck hingewiesen hatte), aber es passt zu diesem Bild, das den Zauber des ersten Sonnenlichts mit symbolischer Überhöhung auf die Leinwand bannt.

Mir wäre es lieber gewesen, wenn Runge Landschaften gemalt hätte. Denn als er an der ersten Fassung seiner schwebenden Aurora (➱Der kleine Morgen) arbeitet, malt John Constable ein Bild wie ➱dieses. Es drängt sich alles zur Landschaft. Ist denn in dieser neuen Kunst — der Landschafterey, wenn man so will, — nicht auch ein höchster Punkt zu erreichen? der vielleicht noch schöner wird wie die vorigen? Ich will mein Lehen in einer Reihe Kunstwerke darstellen; wenn die Sonne sinkt und wenn der Mond die Wolken vergoldet, will ich die fliehenden Geister festhalten, wir erleben die schöne Zeit dieser Kunst nicht mehr, aber wir wollen unser Leben daran setzen, sie würklich und in Wahrheit hervorzurufen –. Das hier ist eine Nillandschaft, Otto Runge war niemals am Nil, er war auch nicht in Italien oder Paris wie andere Maler seiner Zeit. Und die Nillandschaft ist keine freie romantische Phantasie, er braucht sie als Mittelteil für seine ➱Ruhe auf der Flucht.

Der Weg, den Sie betreten haben, ist um so rühmlicher, als er wahrscheinlich ein einsamer bleiben muß; ja was ist einsamer, als die Philosophie, da sie sich selbst verlassen muß, um sich zu belauschen? Ihr Bestreben ist mir daher stets so achtungswerth und rührend erschienen, da Sie gewissermaaßen die Augen schließen, um in sich hinabzusteigen und zu sehen, wie Sie zum Sehen gekommen; denn an solchem Bestreben sehe ich, daß das Leben der Kunst wahrlich verloren ist, indem der Künstler sich umsehen muß in sich selbst, um das Verlorne Paradies aus seiner Nothwendigkeit zu construiren. Das schreibt Brentano im Januar 1810 in einem ➱Brief an Runge, der wird aber keinen langen Weg mehr gehen, am Ende des Jahres ist er tot. In dem Jahr hat er noch die, wie er, an der Tuberkulose sterbende Sophia Sieveking gemalt, vielleicht sein letztes Werk.

Das hier ist Runges Portrait seines Freundes Friedrich August von Klinckowström, eines Mannes, der als preußischer Offizier anfängt und danach Direktor einer Erziehungsanstalt für adlige Knaben wird, daneben malt er aber auch noch. Wenn Klinckowström ihm aus Paris schreibt, ist Runge versucht, auch nach Paris zu gehen. Aber er fürchtet sich vor den vielen Einflüssen, seine Kunst soll ganz aus ihm heraus kommen. Rembrandt bedeutet ihm viel. Der ist ihm einmal im Traum erschienen und hat ihn seinen lieben Otto genannt, als er noch an der Kopenhagener Akademie studierte. Runge bleibt in Hamburg und schreibt an Klinckowström: Mir ist recht oft beklommen zu Muthe, dass ich so allein bin. Könnte ich es auf irgend eine Weise, die mir als Wunsch nur bekannt ist, dahin bringen, etwa 10 junge Leute von verschiedener Art ihre Studien zu betreiben anzuleiten! Aber dazu wird es nicht kommen, Runge, der in seinen Briefen mit beinahe allen Romantikern vernetzt ist, bleibt allein.

Haben Sie schon einmal mit diesen Karten Skat gespielt? Dieses Kartenspiel von Runge ist 1924 im Insel Verlag erschienen, es wurde nach den wiedergefundenen Originalstöcken von Friedrich Wilhelm Gubitz in der Spielkartenfabrik Altenburg hergestellt. Und damit bin ich bei einem anderen Philipp Otto Runge. Einem Mann, der ➱Gedichte schreibt, Spielkarten entwirft und ➱Scherenschnitte anfertigt. Und dann schreibt er auch noch Märchen, plattdeutsch. Die Sprache mit der er aufgewachsen ist, er liebt sie. Vielleicht kennen Sie ➱Van den Machandelboom nicht, aber ➱Von den Fischer un siine Fru, das kennen sie bestimmt. Runge schickt es an die Brüder Grimm, die es in ihre Sammlung aufnehmen.

Und eines Tages wird Runge selbst zur ➱Literatur: Nun hat man die eine von mir gebrachte mundartliche Mär ‚Von den Machandelboom‘ glücklich in die Leitung für ‚Einsiedler‘ aufgenommen, doch die andere, die ich gleichfalls vor Jahren auf der Insel Rügen einem alten Weib nachgeschrieben und überdies als Variation notiert habe, weil die Alte, wunderlich hartnäckig, mal so, mal so erzählt hat, nämlich die Mär ‚Von dem Fischer un syner Fru‘ liegt immer noch ungedruckt, wenngleich der Buchhändler Zimmer schon vor zwei Jahren den Herren Arnim und Brentano die Aufnahme des Märchens vom Butt in das Wunderhorn empfohlen hat. Hier ist nun Gelegenheit, erneut über die Sache, wie ich sie endlich doppelt vorlege, zu sprechen. Deswegen bin ich, auf Wunsch der Herren Grimm, von weither angereist. Denn eigentlich sollte ich vor meinem Bild sitzen. Das heißt ‚Der Morgen‘ und will und will nicht fertig werden.

So nett das bei Günter Grass ist, wir wollen dem literarischen Runge nicht das letzte Wort überlassen. Das letzte Wort soll der wirklich Runge haben, der gerne Platt snackt und der dabei ist, das Verlorne Paradies aus seiner Nothwendigkeit zu construiren. Im August 1810 schreibt Runge an Brentano: daß es mir in meinem Leben höchstens nur 1, 2, höchstens 3 Jahre erlaubt gewesen ist, ohne Unterbrechung, ein Künstler- oder vorzüglich ein Mahlerbestreben rein durchzuführen, so bin ich oft Jahre lang von aller wirklichen Arbeit durch so verschiedene Begebenheiten abgehalten, ja einige mahl mit der Aussicht, nie wieder dazu zu kommen. Daher habe ich so vieles angefangen, so wenig vollendet.

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Peter Paul Rubens

Der englische Kriminalschriftsteller Eric Ambler und Peter Paul Rubens haben heute Geburtstag. Über Rubens hätte ich auch schreiben können, doch zu dem fällt mir nichts ein. Ich mag ihn nicht, obgleich ich weiß, dass er ein großer Maler ist. Das letzte Mal, als ich etwas zu Rubens gesagt habe, hat mich eine ganze Gruppe von Touristen feindselig angestarrt. Geht ihr schon mal vor zu den fetten Weibern, ich guck mir noch mal die kleinen Affen an, habe ich zu Carola und Jimmy im Dahlemer Museum gesagt. Ich wollte mir noch einmal die wunderbaren kleinen Äffchen von ➱Brueghel anschauen und den Saal mit den voluminösen Schönheiten von Rubens vermeiden. Wenn Sie von mir etwas anderes als fette Weiber zu Rubens hören wollen, kann ich nur Simon Schamas hervorragendes Buch Rembrandt’s Eyes empfehlen, das auch ein sehr gutes Kapitel über Rubens hat.

Das steht so 2011 in dem Post ➱Eric Ambler. Und damit könnte mein Post über Peter Paul Rubens schon zu Ende sein. Aber da heute der 440. Geburtstag von Rubens ist, bekommt er doch noch einige Zeilen. Zu diesem Herrn hier möchte ich allerdings auch noch etwas sagen. Es ist eine kleine Geschichte, die mit ihm zu tun hat und die nur wenige kennen. Die diese Geschichte wohl niemals erzählen werden, weil sie dann auf ewig blamiert sind. Es ist Jahre her, Barschel lag tot in der Badewanne, Engholm wurde Ministerpräsident, da erhielt ich in der Uni einen Anruf aus der Staatskanzlei. Eine nette Stimme fragte mich, ob ich Jay sei, der Guru zum Thema ➱Kriminal- und Spionageroman.

Ich bejahte vorsichtig, man sollte immer vorsichtig sein, wenn man aus dem Landeshaus angerufen wird. Das letzte Mal, dass ich in der Staatskanzlei gewesen war, wollte ich mich bei Stoltenbergs Staatssekretär beschweren, dass Stolti nur die Hälfte meiner schönen Rede zur Eröffnung der Ausstellung ➱Illustrationen zu Melville’s Moby Dick gehalten hatte. Aber dieser junge Mann wollte etwas ganz anderes von mir. Er erzählte mir, dass sein Ministerpräsident (sprich Engholm) so furchtbar gerne diese Romane mit den internationalen Verschwörungen läse. Ich sagte, dass sei an sich noch nichts Böses, auch Kennedy hätte gerne die ➱James Bond Romane gelesen. Aber er hörte nicht hin und fuhr fort, dass sie sich in der Staatskanzlei gedacht hätten, dass sie ihm eine kleine Freude machen wollten.

Und da sei letztens ein Fachmann (den Namen wollte er mir nicht nennen) bei ihm gewesen, der einen dreitätigen Kongress zum Thema Thriller organisieren würde. Der verhandle noch mit ➱John le Carré, aber Eric Ambler (hier ein Photo von Lieutenant Colonel Ambler während des Krieges), den hätte der schon fest gebucht. Der käme auf jeden Fall nach Kiel. Kommt er nicht, unterbrach ich ihn. Ich hatte die ganze Zeit den Unsinn mitgeschrieben, den er mir erzählte. Jetzt war es mir zu viel, jetzt redete ich Fraktur: Eric Ambler ist schwer herzkrank, der kommt nicht mehr die Treppe vom ersten Stock seines Hause herunter. Wie soll er da nach Kiel kommen?

Es war mir klar, dass dieser Politiker einem Schwindler vom Format von Melvilles Confidence Man aufgesessen war. Ich gab ihm noch einige Bosheiten mit auf den Weg und sagte ihm, dass sein Chef durch die kriminellen Intrigen seines Vorgängers an die Macht gekommen sei. Warum jetzt selbst kriminell werden? Wie wolle er vor dem Steuerzahler rechtfertigen, dass er einen teuren Kongress zum Thriller organisiere, nur um seinem Chef eine Freude zu machen? Der Überschwang des Staatssekretärs war plötzlich nicht mehr überschwänglich. Ob ich ihm die Argumente, die gegen einen solchen Kongress sprächen, schriftlich zukommen lassen könne, fragte er. Habe ich getan, er hat sich nie bedankt. Ich habe die Geschichte niemandem erzählt, auch meinem Freund ➱Gert Börnsen nicht. Aber heute musste ich die kleine Geschichte, die uns zeigt, wie naiv und dumm Politiker sein können, einmal loswerden. Was ich dem damals Herrn verschwiegen habe, ist die Tatsache, dass einer der ersten Spionageromane, ➱The Riddle of the Sands, in Schleswig-Holstein beginnt. Aber das rechtfertigt auch noch nicht das Verschleudern von Steuergeldern für einen Kongress für Herrn Engholm.

Jetzt vergessen wir einmal den hervorragenden Krimiautor Eric Ambler und kommen zu dem anderen Geburtstagskind, nämlich Peter Paul Rubens. Zu dem habe ich gerade in der Süddeutschen einen hochinteressanten Artikel gelesen, der ➱Die Bilderärzte heißt. Es geht dabei um die hochmodernen Methoden, die zur ➱Restaurierung dieses Gemäldes aus der Zeit um 1630 angewandt wurden.

Seit Max Doerner sein Standardwerk Malmaterial und seine Verwendung im Bilde veröffentlicht hatte, hat sich auf dem Gebiet der Restaurierung von Ölgemälden einiges getan. Hier entdeckt die Restauratorin ➱Ina Slama gerade einen Nagel unter der Farbschicht. Rubens hat seine Gewitterlandschaft auf dünnem Eichenholz gemalt, das auf der Rückseite von Holzstäben (einer sogenannten Parkettierung) gestützt wurde. Die durch Nägel mit dem Holz des Gemäldes verbunden wurden. Lesen Sie doch mal eben diesen kurzen ➱Artikel und klicken Sie die Bilder an, dann wissen Sie, worum es geht.

Das Getty Institute hat für solche Dinge eine Panel Painting Initiative ins Leben gerufen. Hier können wir die Wiener Gewitterlandschaft vor ihrer Restaurierung sehen. Uns allen ist klar, dass sich die Farben der Bilder im Laufe der Jahrhunderte verändern können. Der Grünspan zum Beispiel, den die alten Niederländer zwischen zwei farblose Lackschichten, legten, ist mit der Zeit milchig geworden, sieht aber deshalb geheimnisvoll schön aus. Wenn solche Bilder restauriert werden, verlieren sie ihren Reiz. Ein großer Teil der interessanten Bilder der Ausstellung ➱Weltsichten: Landschaft in der Kunst vom 17. bis zum 21. Jahrhundert, die ich vor Jahren sah, war unfachmännisch scharf gereinigt worden. Damit macht man aus drittklassigen Bildern keine erstklassigen Bilder.

Man kann auf der unrestaurierten Fassung des Rubensbilds mit Philemon und Baucis nicht so furchtbar viel erkennen. Die Struktur des Bildes wird durch diesen seitenverkehrten Stich von Schelte Adamsz. Bolswert klarer. ➱Jacob Burckhardt hat über das Bild gesagt: Allein Rubens wurde bisweilen von seinem Geiste geführt, daß er das Meteorisch-Furchtbare darstellen mußte … Das erstaunlichste dieser Bilder aber ist (Galerie von Wien) jene schon oben, bei Anlaß von Philemon und Baucis erwähnte »Wasserflut von Phrygien«: ein weites Hochtal, schrecklich überschwemmt von einer Flut, die schon tote Tiere mit sich dahinführt; in den Lüften eine Feuer- und Wassermasse, in allen Wolken Blitze; das Licht von allen Seiten kommend, und links unten ein Regenbogen; die Wasserniveaus sind unmöglich und widersprechen einander, und dabei ist es ein Werk hohen Ranges.

Der in Siegen geborene Peter Paul Rubens, der Maler und Diplomat werden wird und den der englische König (und andere Souveräne) adeln wird, beginnt sein Leben als Kölner Jung. Die ersten zehn Jahre seines Lebens hat er in der Domstadt gelebt. Er wird dahin nie zurückkommen, wird aber, wenn er kurz vor seinem Tod den Auftrag eines ➱Kreuzigungsbildes für St Peter annimmt, sagen, dass er eine große Liebe zu Köln habe. Dieses Bild, das Rubens und seine junge Frau Isabella Brant in der Geißblattlaube zeigt, ist sicherlich eins seiner schönsten Bilder. Nach ihrem Tod wird er klagen: Ich habe meine gute Frau verloren! Sie hatte keinen der Fehler ihres Geschlechtes, sie war ohne Launen, so gut, so treu. Und er heiratet dann die siebzehnjährige Hélène Fourment, die ihm ebenso wie Isabella Brant für viele Bilder Modell stehen wird.

Ich habe im ersten Absatz Simon Schamas Buch Rembrandt’s Eyes empfohlen, weil es sehr viel über Rubens sagt. Über Rembrandt sagt es auch sehr viel, aber eher in romanhafter Form. Wenn man wirklich etwas über Rembrandt wissen will, dann sollte man sich das Rembrandt-Buch von Gary Schwartz kaufen. Oder noch preisgünstiger: den Band Rembrandt von Christian Tümpel in der Reihe der ➱rowohlts monographien. So brillant ➱Schama als Kulturhistoriker ist, er ist nun mal kein professioneller Kunsthistoriker wie Gary Schwartz. Der will auch nicht den ganz großen kulturhistorischen Kontext wie Schama entwerfen, er schreibt über Rembrandts Werk. Das ist ihm genug. Simon Schama schreibt eher eine romanhafte Biographie Rembrandts und der Niederlande.

Wenn Sie sich fragen, warum Rubens in einem Rembrandt Buch die heimliche Hauptfigur ist, dann hat Schama dafür eine Erklärung, Rembrandt wollte wie Rubens sein: Rubens war cool. Rembrandt war uncool. Rembrandt wollte aber wie Rubens sein, und je mehr er das versuchte, desto gründlicher misslang es. Er war ein Messie, der sein Haus mit lauter Kram voll stopfte, ein Zwangsgestörter, der nicht mit Geld umgehen konnte und sich immer weiter verschuldete, insbesondere beim Versuch, ein so schönes Haus wie Rubens zu kaufen und zu unterhalten.  Schreibt jemand namens Nils Minkmar in der ➱Zeit, das ist stilitisch wohl für die Fack ju Göhte Generation. Aber, wie mein Freund Volker gestern sagte, als er mir die Zeit der letzten Woche brachte, die Zeit sei gleichsam die Bunte für Intellektuelle. Was kann man von diesem Italiener, der Goldkettchen trägt, als Herausgeber anderes erwarten?

Die ➱New York Times sagte zu der These, dass Rembrandt Rubens sein wollte, nur knapp: The core argument of this book, if there can be said to be one, is rather strange. It is that Rubens was the prime inspiration and psychological driving force for Rembrandt during much of his career — he was the man who “haunted“ Rembrandt’s imagination until Rembrandt finally freed himself. It has always been clear that Rubens influenced Rembrandt to an extent, the way he influenced many artists, because he was the most famous painter of the day. This influence can be traced in a few works by Rembrandt, which Schama notes. But that sort of influence is different from being an obsession and a role model.

Rubens mochte ➱Adam Elsheimer, und er ist in diesem Blog immer wieder erwähnt worden, so ist es ja nicht. Geben Sie mal seinen Namen in eins der Suchfelder ein, Sie werden überrascht sein. Das Bild der Hélène Fourment halbnackt mit dem Pelz, das nehme ich als ➱Aktmalerei ja noch hin, aber Bilder wie die in den letzten beiden Absätzen, die kann ich kaum ertragen. Brauche ich auch nicht, die Geschmäcker sind verschieden, und De gustibus non est disputandum.

Ich sollte zum Schluss noch sagen, dass das Kunsthistorische Museum in Wien vom 17. Oktober 2017 bis zum 21. Januar 2018 eine große ➱Rubens Ausstellung zeigen wird. Dies hier bekommt man nicht zu sehen (oder höchstens auf einem Photo), das ist die Rückseite der Landschaft mit dem Gewittersturm mit der neuen Parkettierung. Nichts mehr geleimt oder genagelt, gefederte Nylonstifte lassen das Bild schweben. Hält vielleicht für die Ewigkeit.

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Die Brücke von Arcole

Der General Charles Pierre François Augereau, der heute vor 201 Jahren starb, war der Sohn eines Pariser Obsthändlers. Der eine Frau aus München geheiratet hatte. Sie hat mit ihrem Sohn nur Deutsch gesprochen, so wurde Augereau Napoleons einziger Marschall, der perfekt Deutsch sprach. Viel mehr Bildung hat dem kleinen Pierre seine Familie allerdings nicht vermittelt, mit siebzehn war er als Karabinier in dem Garderegiment, das der Bruder des Königs kommandierte, mit neunzehn desertierte er. Auf dem Bild sehen wir ihn mit einem Gewehr, aber das ist nicht die Waffe, die er bevorzugt, er kann mit Degen und Säbel umgehen wie kein zweiter. Wegen eines tödlichen Ehrenhändels kommt er vor das Kriegsgericht, da zieht er die Desertion vor. Sie können alles darüber in den interessanten ➱Memoiren des Generals de Marbot nachlesen.

Augereau war danach im russischen Heer, dann im preußischen Heer, ein kleiner condottierie auf der Flucht vor dem Todesurteil des französischen Kriegsgerichts. Zuletzt war er Fechtlehrer in Neapel. Aber dann kam die Revolution, und Augereau machte Karriere in der Revolutionsarmee. Wurde General, Marschall und Herzog von Castiglione. Den Titel hat er von Napoleon bekommen, weil er die Schlacht von Castiglione mitentschieden hat. Augereau war mutig, besaß aber nicht annähernd die taktische Intelligenz eines ➱Davout.

He was in fact a soldier and nothing else. A buffoon, a brute, and a bonhomme, these three words cover most of his character; and military instinct covers the rest, heißt es in ➱A.G. MacdonellsNapoleons and his Marshals. Und er klaute alles, was er in die Finger kriegte. Der Kunsträuber Marschall Soult ist ein kleines Licht gegen ihn (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Kunstraub). Auf diesem rührend naiven Bild (der kleinen Tambourmajor versucht seinen General von dem gefährlichen Angriff abzubringen) sehen wir unseren General bei einer Heldentat: er führt die französischen Truppen zum Sieg gegen die Österreicher über die Brücke von Arcole. Oder auch nicht.

Arcole ist ein Ort, der heute durch seinen ➱Spargel berühmt ist. Aber die Brücke von Arcole? Da war doch mal was. Das war doch ein ganz anderer, der da mit der Fahne in der Hand über die Brücke marschiert ist. Auf diesem Bild von ➱Horace Vernet, das die Brücke von Arcole zeigt, ist Augereau nicht zu sehen. Hier trägt der junge Napoleon die Fahne und zeigt den Truppen, wohin sie marschieren müssen. Augereaus Versuch, über die Brücke zu kommen, war übrigens gänzlich misslungen. Und auch das Bild von Vernet zeigt nicht die Realität. Zwar hatte Napoleon eine Fahne ergriffen, aber weit weg von der Brücke. Es sollte eine symbolische Tat sein. Seine Begleiter stießen ihn zu Boden, damit er nicht von den österreichischen Kugeln getroffen wurde. Der Kaiser landete im Matsch des Sumpfes. Du sublime au ridicule il n’y a qu’un pas.

Es ist nicht so sehr der kleine Fluss Alpona, der Napoleons Truppen aufhält (über den bauen einzelne französische Verbände schon an anderen Stellen Pontonbrücken), es sind diese Sümpfe an den Ufern des Flusses. Aber Sümpfe sind als Sujet der ➱Historienmalerei nicht so recht malerisch. Da muss schon etwas anderes her, so etwas wie dieses ➱Bild von Antoine-Jean Gros mit dem heroischen Napoleon auf der Brücke von Arcole. Der dann gleich an seine Josephine schreibt: Endlich, meine angebetete Josephine, lebe ich wieder auf. Der Tod schwebt nicht mehr vor meinen Augen, aber in meinem Herzen glühen noch Ruhm und befriedigter Ehrgeiz. Der Feind ist bei Arcole geschlagen worden. Da sieht man keine Sümpfe. Und keine verschmutzte Uniform. Das ist wieder einmal ein Beispiel dafür, dass uns die Historienmalerei belügt. ➱Joshua Reynolds hat gesagt: the artist … must sometimes deviate from vulgar and strict historical truth in pursuing the grandeur of his design. Für Reynolds war die Landschaftsmalerei die höchste Form der Malerei. Er selbst hat keine Historienbilder gemalt.

In den Denkwürdigkeiten aus der Geschichte der österreichischen Monarchie können wir lesen: Treffen bey Arcole. Den 17. November 1796. Das Heer, welches Mantua entsetzen sollte, stand unter dem Commando des Feldzeugmeisters Allvincy. Er ließ von Tyrol her nur eine Diversion machen, und rückte mit der Hauptarmee auf Verona vor. Buonaparte ging mit den Truppen, die er nicht zur Einschließung von Mantua unumgänglich zurücklassen mußte, dem General Allvinzy entgegen. Bey Arcole, das die Oesterreicher besetzt hatten, wurde die französische Avantgarde einen ganzen Tag aufgehalten. Vergebens stellten sich mehrere Generale, und unter diesen Augereau, an die Spitze, um eine kleine Brücke zu forciren. Vier von ihnen wurden verwundet; selbst die Gegenwart des Oberfeldherrn, Buonaparte, der sich der größten Gefahr aussetzte, vermochte nicht, dieß Hinderniß zu überwinden. Am folgenden Tage erbaute man mehrere Brücken; und nun kam es zu dem berühmten Treffen bey Arcole. Es war äußerst hartnäckig und blutig. Die Franzosen fochten mit unglaublichem Muth, aber umsonst war alle ihre Kühnheit. Sie konnten den österreichischen Batterien nicht widerstehen. Endlich kam der General Guieux den Oesterreichern im Rücken heran. Nun erst, mit Einbruch der Nacht, entschied sich die fürchterliche Schlacht zum Vortheil der Franzosen. Allvinzy mußte sich über Bassano zurück ziehen. Der Obelisk hier erinnert immer noch an die Schlacht von Arcole

Dieses Bild von Paul Delaroche haben wir nicht im Kopf, wenn wir an Napoleon und die Alpen denken, wir denken da immer an das Propagandagemälde von ➱Jacques-Louis David. Aber dies Bild entspricht der Wirklichkeit, Napoleon ist auf einem Esel mit der Nachhut über die Alpen gekommen. Die heroische Pose auf dem ➱Bild von David gehört in den Bereich der alternative facts. Wie so vieles in der Malerei, die vorgibt dabei gewesen zu sein. Die Erschießung ➱Maximilians hat anders ausgesehen als bei Manet (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Sah das Schloss von Lissa, in dem Friedrich der Große angeblich Bonsoir, Messieurs sagte, wirklich so aus wie bei ➱Menzel?

Ob es der tödliche ➱Säbelhieb ist, mit dem der französische Sergeant den Prinzen Louis Ferdinand vom Pferd fetzt, ob Washington den ➱Delaware überquert, ob ➱General Wolfe bei Quebec stirbt, ob der Kaiser im Spiegelsaal von ➱Versailles gekrönt wird: die Maler schaffen eine eigene Wirklichkeit. Und weil Bilder in unseren Köpfen bleiben. Die ➱Geschichtsbücher sind voller Bilder, die uns denken lassen: wir sind dabei gewesen. Und nur ganz selten zeigt ein Historienbild die Wirklichkeit wie hier bei Gérômes ➱7. Dezember 1815, neun Uhr morgens: Die Hinrichtung des Marschall Ney (der Link führt zu einem längeren Post zu unserem Thema). Jean-Léon Gérôme ist dem Realismus verpflichtet, er wird das Aufkommen der Photographie als Kunstform begrüßen, die Impressionisten sind für ihn Vaterlandsverräter.

Aber die Photographie kann uns genauso belügen wie die Historienmalerei, da brauchen wir nur an das Bild von Iwo Jima zu denken. Als man noch mit einer Leica und einem Schwarzweiß Film photographierte, war das Fälschen nicht so leicht. Mit den Digitalkameras ist die nachträgliche Bildbearbeitung ein Klacks. Natürlich können Bilder die Geschichte verdeutlichen, Norman Rockwells Bild der kleinen Ruby Bridges (➱The problem we all live with) hat das gezeigt. Aber Bilder können auch nichts anderes als fake news sein. Wie dieses hier.

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wüstes Land

In einer ➱Interpretation dieses Gemäldes des australischen Malers John Peter Russell zitieren die Autoren beiläufig T.S. Eliot: Between the conception And the creation Life is very long. Der Artikel zu Russells Portrait von Dr Will Malone auf der Seite der National Gallery of Victoria ist ein hervorragendes Beispiel dafür, was ein Museum machen kann, um Kunst verständlich und begreifbar zu machen. Viele Museen haben heute hervorragende Seiten, der Satz von Frau Merkel Das Internet ist für uns alle Neuland, hat wohl nur für die ➱Kunsthalle Bremen Bedeutung.

Der australische Maler John Peter Russell ist eine erstaunliche Randerscheinung des Impressionismus. Er stellte seine Bilder nicht aus, er hatte es nicht nötig, er war reich genug (in dem Punkt ähnelte er ➱Caillebotte). Insofern hat eine größere Öffentlichkeit damals nichts von dem Maler John Peter Russell erfahren. Aber seine Malerkollegen schätzten ihn schon. Vincent van Gogh, den er hier portraitiert hat, war lebenslang sein Freund. Matisse war ihm zu Dank verpflichtet: Russell was my teacher, and Russell explained colour theory to me. Als seine Frau Marianna, die mehrfach Rodin Modell gesessen hatte, 1907 starb, vernichtete Russell den größten Teil seiner Werke. ➱Auguste Rodin schrieb ihm damals: Your works will live, I am certain. One day you will be placed on the same level with our friends Monet, Renoir, and Van Gogh.

Wenn man Russells Namen bei Googles Bildersuche eingibt, findet man auch dieses Bild. Es ist nicht von Russell, es ist da nur auf der Seite, weil ich das Bild von dem schwedischen Maler Gustav Berlin vor fünf Jahren in den Post von ➱John Peter Russell hinein getan habe. Damals hatte ich gerade das Bild von Gustav Berlin gekauft. Es zeigt das alte Rathaus von ➱Skanörs, ein kleines architektonisches Juwel aus dem 18. Jahrhundert.

Mit Russell und seinen Malerkollegen der sogenannten Heidelberg School kommt die Moderne nach Australien, das ist etwas anderes als ➱Waltzing Matilda und Kängurus. Dass sie auch moderne Dichter haben, habe ich schon in dem Post ➱Marinechronometer geschrieben. Ich könnte ein Gedicht von Kenneth Slessor oder einem anderen australischen Dichter nehmen, aber ich nehme lieber T.S. Eliot, den ich am Anfang erwähnt habe. The Waste Land ist ein Gedicht, in dem der Monat April vorkommt. Schon in der ersten Zeile, wie bei Chaucers Prolog zu den ➱Canterbury TalesWhan that Aprille with his shoures soote, The droghte of March hath perced to the roote …

Das Gedicht hat 433 Zeilen, es wäre noch länger, wenn Ezra Pound es nicht zusammengestrichen hätte: Know diligent Reader That on each Occasion Ezra performed the Caesarean Operation hat er in einem kleinen bösartigen ➱Gedicht geschrieben. Der Beginn der modernen Lyrik des 20. Jahrhunderts liegt also in der Kooperation zweier Amerikaner, von denen der eine lieber Engländer sein wollte. Immer sehr englisch im Anzug, Ezra Pound, dem Eliot il miglior fabbro in das Widmungsexemplar von The Waste Land schrieb, trug ungern Anzüge. Eliot konnte auch anders, er schrieb lustige ➱Katzengedichte (aus denen man sogar ein Musical machte), schrieb kluge Sachen über Kultur und entdecke die Metaphysical Poets wie ➱John Donne wieder.

Das ganze The Waste Land zu präsentieren, wäre sicher etwas viel. Wir begnügen uns heute einmal mit dem ersten Teil. Eliot selbst hat sein Gedicht mit ➱Erklärungen versehen, und hier hätte ich noch einen Hypertext, wo es zu Eliots notes noch zusätzliche ➱Annotationen gibt.

I. The burial of the dead

April is the cruellest month, breeding

Lilacs out of the dead land, mixing

Memory and desire, stirring

Dull roots with spring rain.

Winter kept us warm, covering 

Earth in forgetful snow, feeding

A little life with dried tubers.

Summer surprised us, coming over the Starnbergersee

With a shower of rain; we stopped in the colonnade,

And went on in sunlight, into the Hofgarten, 

And drank coffee, and talked for an hour.

Bin gar keine Russin, stamm’ aus Litauen, echt deutsch.

And when we were children, staying at the archduke’s,

My cousin’s, he took me out on a sled,

And I was frightened. He said, Marie, 

Marie, hold on tight. And down we went.

In the mountains, there you feel free.

I read, much of the night, and go south in the winter.


What are the roots that clutch, what branches grow

Out of this stony rubbish? Son of man, 

You cannot say, or guess, for you know only

A heap of broken images, where the sun beats,

And the dead tree gives no shelter, the cricket no relief,

And the dry stone no sound of water. Only

There is shadow under this red rock, 

(Come in under the shadow of this red rock),

And I will show you something different from either

Your shadow at morning striding behind you

Or your shadow at evening rising to meet you;

I will show you fear in a handful of dust. 

Frisch weht der Wind

Der Heimat zu,

Mein Irisch Kind,

Wo weilest du?

“You gave me hyacinths first a year ago; 

They called me the hyacinth girl.”

—Yet when we came back, late, from the Hyacinth garden,

Your arms full, and your hair wet, I could not

Speak, and my eyes failed, I was neither

Living nor dead, and I knew nothing, 

Looking into the heart of light, the silence.

Öd’ und leer das Meer.


Madame Sosostris, famous clairvoyante,

Had a bad cold, nevertheless

Is known to be the wisest woman in Europe, 

With a wicked pack of cards. Here, said she,

Is your card, the drowned Phoenician Sailor,

(Those are pearls that were his eyes. Look!)

Here is Belladonna, the Lady of the Rocks,

The lady of situations. 

Here is the man with three staves, and here the Wheel,

And here is the one-eyed merchant, and this card,

Which is blank, is something he carries on his back,

Which I am forbidden to see. I do not find

The Hanged Man. Fear death by water. 

I see crowds of people, walking round in a ring.

Thank you. If you see dear Mrs. Equitone,

Tell her I bring the horoscope myself:

One must be so careful these days.

Unreal City,

Under the brown fog of a winter dawn,

A crowd flowed over London Bridge, so many,

I had not thought death had undone so many.

Sighs, short and infrequent, were exhaled,

And each man fixed his eyes before his feet. 

Flowed up the hill and down King William Street,

To where Saint Mary Woolnoth kept the hours

With a dead sound on the final stroke of nine.

There I saw one I knew, and stopped him, crying “Stetson!

You who were with me in the ships at Mylae! 

That corpse you planted last year in your garden,

Has it begun to sprout? Will it bloom this year?

Or has the sudden frost disturbed its bed?

Oh keep the Dog far hence, that’s friend to men,

Or with his nails he’ll dig it up again! 

You! hypocrite lecteur!—mon semblable,—mon frère!”

Ich habe eine Übersetzung. Sie stammt von Norbert Hummelt und ist unter dem Titel Das öde Land bei Suhrkamp erschienen:

April ist der übelste Monat von allen, treibt

Flieder aus der toten Erde, mischt

Erinnerung mit Lust, schreckt

Spröde Wurzeln auf mit Frühlingsregen.

Der Winter hat uns warm gehalten, hüllte

Das Land in vergeßlichen Schnee, fütterte

Ein wenig Leben durch mit eingeschrumpelten Knollen.

Der Sommer kam als Überraschung, über den Starnberger See 

Mit Regenschauer; wir flüchteten unter die Kolonnaden,

Die Sonne kam wieder, wir gingen weiter zum Hofgarten

Und tranken Kaffee und redeten eine Stunde.

Bin gar keine Russin, stamm’ aus Litauen, echt deutsch.

Und als wir Kinder waren, wohnten wir beim Erzherzog,

Der war mein Vetter, und der ist dann mit mir Schlitten gefahren, 

Und ich hatte solche Angst. Marie, sagte er,

Marie, halt dich fest. Und runter gings.

Im Hochgebirge, da fühlt man sich frei.

Ich lese die halbe Nacht, im Winter muß ich nach Süden.


Was sind das für Wurzeln, die krallen, was für Äste wachsen 

Aus diesem steinernen Schutt? Menschensohn,

Du ahnst es nicht und kannst nicht wissen, du siehst doch nur 

Einen Haufen zerbrochener Bilder, wo die Sonne sticht

Und der tote Baum kein Obdach bietet, die Grille keine Hilfe 

Und der trockene Stein kein Wassergeräusch. Nur

Dort ist Schatten unterm roten Fels,

(Komm in den Schatten unterm roten Fels),

Und ich werde dir etwas zeigen, das anders ist als 

Der Schatten, der dir morgens nachläuft,

Und als der Schatten, der dich abends einholt; 

Ich zeig dir die Angst in einer Handvoll Staub.

Frisch weht der Wind Der Heimat zu: 

Mein irisch Kind, Wo weilest du?

›Vor einem Jahr, da brachtest du mir erstmals Hyazinthen;

Sie nannten mich das Hyazinthenmädchen.‹

– Doch als wir wiederkamen aus dem Hyazinthengarten, es war schon spät, 

Du hattest die Hände voll, dein Haar war naß, da konnte ich nicht mehr 

Sprechen, ich sah auch nichts mehr, ich fühlte mich weder

Tot noch lebendig, und alles war weg,

Als ich ins Herz des Lichts sah, die Stille.

Öd’ und leer das Meer.


Madame Sosostris, Top-Wahrsagerin,

War schwer erkältet, nichtsdestotrotz

Gilt sie als weiseste Frau Europas,

Dank eines verruchten Kartenspiels. 

Hier, sprach sie, Ist Ihre Karte, der ertrunkene phönizische Seemann, 

(Perlen sind, was seine Augen waren. Schau!)

Hier haben wir Belladonna, die Herrin der Felsen,

Die Herrin der Gelegenheiten.

Hier kommt der Mann mit den drei Stäben, und hier das Rad, 

Und hier der Kaufmann mit dem einen Auge, und hier die Karte, 

Wo nichts drauf ist, ist etwas, das er auf dem Rücken trägt,

Aber das läßt man mich nicht erkennen. Ich sehe nirgendwo 

Den Gehenkten. Fürchten Sie den Tod durch Wasser.

Ich sehe Menschenmengen, die im Kreis einhergehn.

Danke schön. Falls Sie die gute Mrs. Equitone sehen, 

Sagen Sie ihr, daß ich das Horoskop selbst vorbeibringe, 

Man kann nicht vorsichtig genug sein heutzutage.


Unwirkliche Stadt,

Unter dem braunen Nebel eines Wintermorgens

Glitt eine Menschenmenge über London Bridge, so viele,

Das dacht’ ich nicht, daß derart viele schon verblichen wären. 

Gelegentliche kleine Seufzer wurden ausgehaucht,

Und jedermann sah starr vor seine Füße.

Glitt hügelan und abwärts zur King William Street

Bis dahin, wo Saint Mary Woolnoth Stunden zählte

Mit einem dumpfen Nachhall auf dem neunten Schlag.

Da traf ich einen, den ich kannte, und ich rief ihm zu: ›Stetson! 

Der du mit mir zu Schiff vor Mylae lagst!

Der Tote, den du letztes Jahr im Garten pflanztest,

Sprießt er schon? Blüht er noch in diesem Frühjahr?

Oder ist der Nachtfrost ihm nicht gut bekommen?

O halt den Köter fern, der um die Beete streunt,

Sonst buddelt er ihn aus, der Menschenfreund!

You! Hypocrite lecteur! – mein Ebenbild, – mon frère!‹

Wenn Sie T.S. Eliots Gedicht ganz in deutscher Sprache lesen wollen, dann gibt es das hier heute auch. Klicken Sie doch einmal die Version von ➱Karl Heinz Göller an.

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Kindermädchen

Ist das die Kindheit in besseren Kreisen? Immer eine Aufsichtperson dabei? Das Kindermädchen hat sich feingemacht, sie bemüht sich, eine Dame der Pariser Bourgeoisie zu sein. Das Bild heißt gemeinhin Nounou avec enfant, eine nounou ist das, was im Englischen eine nanny ist, ein Kindermädchen. Als das Bild  1878 im Pariser Salon ausgestellt wurde, hatte es den Titel Miss et bébé. Das kleine Mädchen muss reiche Eltern haben, wenn die sich eine Miss, eine englische Nanny leisten können.

Was uns auf den ersten Blick fein ziseliert erscheint, ist in Wirklichkeit leicht und luftig dahingetuscht, es ist diese Impression, die die Impressionisten wollen. Es wird viel Damenkleidung gemalt in diesen Jahren, Paris ist die Stadt der Haute Couture. Und die Maler fangen die neuen Stoffe und die neuen Moden ein. ➱Anders Zorn bekommt modischen Nachhilfeunterricht von ➱Otto Bobergh (dem Compagnon von Charles Frederick Worth) und Monets La Femme à la robe verte sagt uns mehr über die damalige Damenmode als ein Modemagazin. Ich könnte dazu einiges schreiben, aber das meiste steht schon in den Posts ➱Camille in grün und ➱Charles Frederick Worth.

Die französische Malerin ➱Eva Gonzalès, der wir das Kindermädchen im Park verdanken, hat mit dunklen Farbtönen angefangen, aber im Laufe der Zeit ist ihre Palette immer heller geworden, ihre Farben immer durchsichtiger. Dieses Bild, La Promenade à dos d’âne, stammt aus dem Spätwerk. Die Dame sieht bei ihrem Eselsritt nicht gerade glücklich aus. Faszinierend ist aber das Kleid, in das sich die ein wenig pulpeuse Dame gequält hat. Die Mode macht jetzt seltsame Dinge mit den Frauen, an ihrem Höhepunkt steht der ➱cul de Paris. Das, was Wilhelm Busch so unübertroffen als den Pariser Prachtpopo bezeichnet hat.

Das Bild Nounou avec enfant ist eins der schönsten Bilder von Eva Gonzalès, die heute vor 170 Jahren geboren wurde. Sie war, und das könnte man vermuten, wenn man das Bild lange genug betrachtet, eine Schülerin von Manet. Das Bild ist in Dieppe gemalt, wo sich die Malerin gerne aufhielt, es war ihr erster Versuch in der plein air Malerei. Dies Bild von ihrer Schwester Jeanne hier nicht, ich stelle das nur hier hin, weil ich es schon lange kenne, es hängt in der Kunsthalle Bremen. Ich habe das schon in dem Post ➱Kunsthalle Bremen beklagt, dass ihr Onlinekatalog eine erbärmliche Sache ist. Habe deshalb spaßeshalber den Namen der Malerin eingegeben. Das Ergebnis war: Es wurden keine Ergebnisse zu Eva Gonzalès gefunden. Dazu kann man nur sagen: quod erat demonstrandum. Wenn man bei Google Eva Gonzalès eingibt, ist dies Bild als ➱Sammlungshighlight eins der ersten Ergebnisse. Soviel zum Onlinekatalog.

Das hier ist ein Bild von ➱Manet, das kleine Mädchen ist die Tochter seines Malerkollegen Alphonse Hirsch. Das Kindermädchen ist zwar auch ordentlich gekleidet, aber es versucht nicht, eine Dame zu spielen. Manets Bild ist sechs Jahre vor dem Bild von Eva Gonzalès gemalt. Wir erkennen, dass beide Bilder etwas miteinander gemein haben: in beiden Bildern blickt uns das Kindermädchen an, in beiden wendet sich das Kind ab. Ich zitiere dazu einmal von der Seite der ➱National Gallery of Art (die im Gegensatz zu Bremen richtig gute Seiten haben):

Most striking, however, are the ways in which Gonzalès consciously diverged from Manet’s model. Whereas Manet’s work feels somewhat claustrophobic, with figures trapped between the shallow foreground and the black metal bars of the fence behind them, Gonzalès’ painting delights in open space. Despite the summary depiction of the garden, she reveals a sensitivity to the play of sunlight as it peeks through the trees and dapples the ground, suggesting that she may have painted the work at least in part out of doors. Consequently, the figures seem to inhabit a landscape, rather than pose against a backdrop. Nanny and Child is not a mere imitation of Manet’s painting, but a thoughtful and highly original response to the subject, reimagined and transformed into something entirely new and undeniably her own.

Hier hat Manet sein ehemaliges Modell und seine Schülerin Eva Gonzalès beim Malen gemalt, elegant im weißen Kleid. Wir sind ein wenig in Sorge, dass da Farbe drauf kleckern könnte. Normalerweise sieht man Malerinnen – auch die Malweiber – ja in einem Malkittel. Aber es soll ja Maler geben, die malen können, ohne zu kleckern. ➱Magritte malte immer im eleganten Anzug im Wohnzimmer, hat nie Spuren von Ölfarben auf dem Teppich hinterlassen, den er vor der Staffelei ausrollte. Darüber könnte ich noch stundenlang schreiben, aber es ist Poetry Month. Ein Gedicht zum Thema Kindermädchen muss her. Ich fand schnell ein schönes Gedicht, das aber nichts mit der Belle Époque zu tun hat. Es ist ein Gedicht, das Puschkin 1826 in der Verbannung über sein Kindermädchen ➱Arina Rodjonowna, dem er so viel verdankte, geschrieben hat. Seine einzige wahre Freundin hat er sie genannt. Ich fand das Gedicht zuerst in einer englischen Übersetzung:

To My Nanny


Dear doting sweetheart of my childhood,

Companion of my austere fate!

In the lone house deep in the wild wood

How patiently for me you wait.

Alone beside your window sitting

You wait for me and blame the clock,

While, in your wrinkled hands, your knitting

Fitfully falters to a stop.

Beyond the crumbling gates the pinetrees

Shadow the road you watch so well.

Nameless forebodings, dark anxieties,

Oppress your heart. You cannot tell

What visions haunt you: Now you seem to see…

Ein wenig Suche förderte auch das russische Original zutage:

Няне


Подруга дней моих суровых,

Голубка дряхлая моя!

Одна в глуши лесов сосновых

Давно, давно ты ждешь меня.

Ты под окном своей светлицы

Горюешь, будто на часах,

И медлят поминутно спицы

В твоих наморщенных руках.

Глядишь в забытые вороты

На черный отдаленный путь:

Тоска, предчувствия, заботы

Теснят твою всечасно грудь.

То чудится тебе…

Das hätte ich (und Sie wohl auch) nun gerne auf Deutsch gehabt. Also schickte ich einen Hilferuf an Friedrich Hübner, der alles, wirklich alles, über die russische Literatur weiß. Das ist der Mann, der mich jahrelang gedrängt hat, endlich ➱Krieg und Frieden zu lesen. Und der mir den Roman geschenkt hat, der die Basis für den großartigen Film ➱Mein Freund Iwan Lapschin war. Friedrich Hübner ist in diesem Blog schon häufiger erwähnt worden, und sein Buch ➱Russische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutschsprachigen Übersetzungen: Eine kommentierte Bibliographie steht schon in dem Post ➱Bolotow. Von Herrn Hübner bekam ich umgehend eine deutsche Übersetzung zugesandt:

An die Kinderfrau


Du Trösterin in trüben Tagen,

Mein gutes Täubchen, alt und krank,

Nun wartest du auf meinen Wagen

Im öden Waldhaus schon so lang,

Schaust auf den Weg vom Fenster nieder,

Getreu wie ein Soldat auf Wacht,

Und läßt das Strickzeug immer wieder

Ganz ungeduldig außer acht,

Starrst auf das Tor, das noch verschlossen,

Spähst auf die dunkle Straße weit,

Besorgt, voll Ahnungen, verdrossen

Ob dieser langen Wartezeit.

Bisweilen denkst du gar…

Und dazu die Information, dass die Rohübersetzung der deutschen Fassung von Lieselotte Remané, die endgültige Nachdichtung von ihrem Mann Martin Remané stammt. Das Übersetzerehepaar kenne ich schon. Nicht nur, weil sie ➱Lewis Carroll übersetzt haben, sondern weil ich die Erinnerungen der Fürstin ➱Maria Wolkonskaja gelesen habe. Was für mich damals eine sehr eindrucksvolle Lektüre war. Wir wollen mal hoffen, dass Puschkin seiner Kinderfrau Blumen mitgebracht hat. Diese Blumen hier sind natürlich von Eva Gonzalès, die gerne Blumen malte. Wahrscheinlich lässt Manet sie deshalb auf seinem Portrait auch Blumen malen. Und plaziert noch eine Blume auf dem Teppich. Die Blumen habe ich hier abgebildet, weil ich ➱Susanne Haun grüßen möchte, die eine meiner treuesten Leserinnen in dem Blog ➱vita brevis, ars longa ist und die mir letztens so nett über Blumen geschrieben hat.

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