Herman Melville, Donald Trump und ich

 

Ich hatte gedacht, wir könnten am Freitag zusammen feiern, der Donald und ich. Er, weil er Präsident wird – ich, weil mein Blog die Zahl von drei Millionen Leser erreicht hat. Aber nun bin ich früher dran mit meinem Jubiläum. Ich werde heute ein Paar ➱französische Schuhe (Aubercy) tragen und das Ereignis mit ➱Jazz in Paris, französischen Chansons von ➱Juliette Gréco und ➱Yves Montand und einem kleinen Glas Cognac würdig begehen. Ich habe da noch eine alte Flasche Cognac Hennessy Very Special in der Butzekammer, ich nehme an, das Zeuch kann man noch trinken. Sie mögen sich jetzt fragen: warum trinkt er keinen ➱Whisky, das tut er doch sonst immer, wenn er mal wieder eine Million erreicht hat? Die Antwort ist einfach, ich mache das extra für meine lieben französischen Leser, die plötzlich in solch großer Zahl da sind. Und die dafür gesorgt haben, dass ich diese sagenhafte Zahl von drei Millionen Lesern erreiche, bevor dieser Donald Trump Präsident wird.

Meine französischen Leser mögen gewiss auch Herman Melville, hat doch der Meister des französischen Gangsterfilms seinetwegen den Namen ➱Melville angenommen. Und hat doch Jean Giono Moby-Dick zusammen mit Lucien Jacques übersetzt. Und das Buch Pour saluer Melville geschrieben, wo er am Anfang sagt: La traduction de Moby-Dick, de Herman Melville, qui paraît d’autre part, commencée le 16 novembre 1936 a été achevée le 10 décembre 1939. Mais, bien avant d’entreprendre ce travail, pendant cinq ou six ans au moins, ce livre a été mon compagnon étranger. Je l’emportais régulièrement avec moi dans mes courses à travers les collines. Ainsi, au moment même où souvent j’abordais ces grandes solitudes ondulées comme la mer mais immobiles, il me suffisait de m’asseoir, le dos contre le tronc de pin, de sortir de ma poche ce livre qui déjà clapotait pour sentir se gonfler sous moi et autour la vie multiple des mers. Das ist es: das Buch dabei haben und sich dann im Gebirge an einen Baumstamm lehnen – und schon hat man das Meer im Geiste vor sich, mit der Lektüre von Melville geht das. Der Donald, mit dem ich eigentlich feiern wollte, kann leider kein Französisch. Genaugenommen kann er überhaupt keine Fremdsprache. Gutes Englisch wie Herman Melville auch nicht.

Am Ende des Kapitels ➱Loomings in Melvilles Moby-Dick stellt sich der Erzähler eine Schlagzeile des grand programme of Providence that was drawn up a long time ago vor. Darin ist von einer Grand Contested Election for the Presidency of the United States die Rede, das gilt nicht nur für das Jahr 1851, das gilt heute noch. Auch die Bloody battle in Affghanistan hat heute noch ihre Bedeutung. Nur das im Original ganz klein gesetzte Whaling voyage by one Ishmael hat heute keinen großen Nachrichtenwert mehr. Der Erzähler heißt ja auch gar nicht Ishmael, wir sollen ihn nur so nennen. ➱Call me Smitty wäre auch ein Anfang gewesen. Oder Call me Jay.

Drei Millionen mal ist die Adresse loomings-jay seit Ende Juli 2010 angeklickt worden (die ersten sechs Monate als Blogger hatte ich noch Googles Radarsystem unterwandert), so viele Leser hat ➱Moby-Dick während Melvilles Lebzeiten nicht gefunden. Und wahrscheinlich bis zur Melville Renaissance der 1920er Jahre auch nicht. In meinem ersten ➱Post am 3. Januar 2010 habe ich geschrieben: Wenn Herman Melville das alles gekannt hätte, dann wäre ‚Moby-Dick‘ nicht in London gedruckt worden, sondern hier. Und seine Schwester, die das Manuskript abschrieb, hätte nicht immer über Hermans Handschrift fluchen müssen. Und Druckfehler, wie ’soiled fish‘ wären uns auch erspart geblieben. Es ist ein seltsames Medium, in dem man schnell zu einer Berühmtheit werden kann. Weil man einen Blog hat. Oder weil man twittert wie dieser Trump.

Wenn Sie sagen, dass die gloomy atmosphere dieser dunklen Bilder heute so gar nicht zu einem Jubelfest passt, haben Sie sicher Recht. Aber ich habe diese Bilder von dem Amerikaner Christopher Volpe (von denen eins schon in dem Post ➱Vierzig Jahre zu sehen war) ausgesucht, weil sie aus einem Zyklus von Bildern kommen, der ➱Loomings heißt. Dort findet man auch eine Preisliste, falls Sie eins der Bilder kaufen wollen. Viele der Bilder sind recht gelungen. Manches hätte er vielleicht besser gelassen. Manches erinnert an ➱Jack the Dripper, der ja auch etwas zu der ➱Bilderwelt von Moby-Dick beigesteuert hat..

Dies hier soll das Bild darstellen, das in der Spouter Inn hängt. Für den Erzähler, den wir Ishmael (und nicht Smitty oder Jay) nennen sollen, ist es ein Rätsel: But what most puzzled and confounded you was a long, limber, portentous, black mass of something hovering in the centre of the picture over three blue, dim, perpendicular lines floating in a nameless yeast. A boggy, soggy, squitchy picture truly, enough to drive a nervous man distracted. Yet was there a sort of indefinite, half-attained, unimaginable sublimity about it that fairly froze you to it, till you involuntarily took an oath with yourself to find out what that marvellous painting meant. 

Es gibt von dem Gemälde in der Spouter Inn auch eine Graphik von Armin Münch, die sehr schön ist. Aber leider gibt es davon keine Abbildung im Internet (im ➱Katalog von Schleswig ist sie auf Seite 67 zu finden), das Internet wird immer überschätzt. Vor allem für die Welt der Kunst und der Literatur. Aber immerhin gibt es hier einen ➱Power Moby-Dick mit Annotationen.

Diese erste Seite von Loomings hat auch Annotationen, aber es sind Annotationen einer anderen Art als wir sie in der Ausgabe von  Luther S. Mansfield und Howard P. Vincent oder in Harold Beavers Penguin Ausgabe finden. Wir könnten annehmen, dass dies das Exemplar von Moby-Dick von Donald Trump ist. Aber liest der Mann überhaupt ➱Bücher? Das Internet ist voll von bösartigen und komischen ➱Seiten über den nonreader Trump. Also dies ist nicht von Trump, ➱dies ist an example of a close reading and represents how one can annotate and ornament a text. Muss man wirklich in Bücher malen, um einen Text zu verstehen? Für den neuen Präsidenten kommt wahrscheinlich eher die Version von ➱Twitter oder ➱Emoji Dick in Frage.

Herman Melville brauchte keine Universität, er konnte von sich sagen: A whale ship was my Yale College and my Harvard. Trump war nie auf einem whale ship. In Yale und Harvard auch nicht. Die Frage der Bildung stand nicht im Mittelpunkt von Donald Trumps Wahlkampf. Natürlich hat er dazu ein ➱Programm. Das aber viele eher beunruhigt. Vor Jahren hat er Obama beleidigt: I heard [Obama] was a terrible student, terrible. How does a bad student go to Columbia and then to Harvard? I’m thinking about it, I’m certainly looking into it. Let him show his records. Das sind gefährliche Sätze, denn wenn man sich seine eigene ➱Universitätskarierre anschaut, dann bleibt von dem Akademiker Trump nicht viel übrig.

Aber er hat ja eine eigene Universität, über die er sagte: I’m deeply and actively involved in Trump University. Und er hat sich auch schon über Amerikas Universitäten beklagt: too many of those who do graduate are getting diplomas that have been devalued into “certificates of attendance” by a dumbed-down curriculum that asks little of teachers and less of students. Damit beschreibt er exakt seine Trump University. Die gibt es nun leider nicht mehr, der Staatsanwalt ermittelt noch. Aber es gibt für die Familie Trump noch Hoffnung: sein Sohn Barron geht zu der selben Prep School, die auch Herman Melville besucht hat.

The final key to the way I promote is bravado. I play to people’s fantasies. People may not always think big themselves, but they can still get very excited by those who do. That’s why a little hyperbole never hurts. People want to believe something is the biggest and the greatest and the most spectacular. I call it truthful hyperbole. It’s an innocent form of exaggeration — and a very effective form of promotion. Das sind Sätze, die in Herman Melvilles Roman ➱The Confidence Man, einem Roman über einen Betrüger, stehen könnten. Da stehen sie aber nicht. Sie stehen in der Autobiographie von Donald Trump.

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Gotthardt Kuehl

 

Und irgendwann schreibe ich mal über Gotthardt Kuehl, habe ich vor vier Jahren in dem Post ➱Stadtansichten geschrieben. Und dabei dieses schöne Bild von der Augustusbrücke zu Dresden im Schnee abgebildet, vielleicht sein bekanntestes Bild. Er hat es fünfzig Mal gemalt, in Bremen hat man auch eine Version. Gotthardt Kuehl kommt aus Lübeck wie ein anderer Maler Jahrhunderte vor ihm. Der aber nicht nach Dresden ging wie Kuehl, der ging nach England. Verwandelte sich aus Gottfried Kniller in ➱Godfrey Kneller, wurde Hofmaler und wurde geadelt.

Das schaffte Kuehl, der am 9. Januar 1815 in Dresden starb, nicht ganz, aber er wurde von Friedrich August III, dem letzten König von Sachsen, zum Geheimen Hofrat ernannt. Gotthard Kuehl war ein Gründungsmitglied der Dresdener Sezession, die eine Abkehr von der Historienmalerei und eine Hinwendung zur Freiluftmalerei bedeutete. Zu den Mitgliedern des Vereins bildender Künstler Dresden gehörte auch der Bildhauer Robert Diez, der mit ➱Meerjungfrauen + Waldnixen hier schon einen Post hat.

Gotthardt Kuehl hat schöne impressionistische Stadtansichten (und ➱Innenansichten von Kirchen) gemalt, deshalb wird er auch in dem Post Stadtansichten genannt, der eigentlich über Eduard Gaertner geht. In dem viel zu kurzen Wikipedia Artikel (die Stadtwiki Dresden hat einen längeren Artikel) findet sich der Satz Kuehl malte vor allem feine Interieurs, durchaus auch mit sozialem Bezug. Dies hier wäre ein Beispiel. Es hängt heute in Greifswald, in Dortmund hat man eine Variante von diesem Bild. Dort steht über der Tür ➱Leihanstalt, das Schild fehlt in dieser Version von 1873, die Im Leihhaus heißt. Ältere Damen vor der Tür, die ihr letztes Hab und Gut zu Geld machen wollen, sicherlich ein Kommentar auf Bismarcks Sozialpolitik.

Dem Gemälde verwandt ist das Bild der nähenden Waisenhausmädchen in Lübeck, das Kuehl in seiner Pariser Zeit (1878-1889) gemalt hat. Die Bilder der Impressionisten hat Kuehl wohl zum ersten Mal 1873 bei der Weltaustellung in Wien gesehen. Dorthin hatte er Im Leihhaus als sein Debütbild geschickt. Auf die Motivik des Waisenhauses war Kuehl durch Max Liebermann gekommen. Kuehl hat über die Jahre an die zwanzig Bilder von Waisenhäusern gemalt. Die Kunsthalle Bremen besitzt eines dieser ➱Gemälde, bei dem Wikipedia Photo findet sich der Satz Näheres zum Bild aufgrund der armseligen Website der Kunsthalle leider nicht online zu finden. Man sollte das ganz fett setzen, es ist armselig. Als ich den Post ➱Kunsthalle Bremen geschrieben hatte, habe ich den dem Direktor mit einer netten Mail geschickt und ihn auf den selten funktionierenden Online Katalog aufmerksam gemacht. Er hat nie geantwortet.

Zu diesem Bild aus dem Jahre 1885, das unter dem Titel Amoureux au café 1995 bei Sothebys auftauchte, vermerkte der französische Wikipedia Artikel

localisation inconnue. Es scheint sich in einer Privatsammlung zu befinden. Im Internet bieten hunderte von Firmen es als Kunstdruck an, man kann es auch als Bettbezug bestellen, ist vielleicht passend für junge Liebende. Mit diesem Bild ist Kuehl sicher beim Impressionismus angekommen, der sich aber schon mit dem Licht in sein Leihhaus (im zweiten Absatz) hineingeschlichen hat. Es ist ein Licht, das manchmal an ➱Waldmüller (den man in dieser Zeit in Dresden neu entdeckte) erinnert. Das Bild vom Leihhaus ist übrigens ganz klein: 39 x 48,5 Zentimeter. Aber es hat eine große Wirkung. Als es noch in Kiel in der ➱Stiftung Pommern neben den beiden ➱Rayskis hing, spielte ich immer mit der Idee, es von der Wand zu nehmen und es nach Hause mitzunehmen.

Die Kunsthalle Kiel besitzt dieses wunderschöne Bild eines nähenden Mädchens. Als ➱Jens Christian Jensen 1987 die Ausstellung Die Idylle: Eine Bildform im Wandel. 1750 – 1930. Zwischen Hoffnung und Wirklichkeit machte, wanderte das Bild auf den Umschlag des Katalogs. Den kann man übrigens noch sehr preisgünstig finden. Ich bin damals jede Woche einmal in der Ausstellung gewesen. Idyllen kann man sich immer anschauen. Und sie sind ja selten geworden, man findet sie beinahe nur noch auf Bildern. Es ist eine Wirklichkeitsflucht, und die ist manchmal notwendig.

Doch bevor wir uns in Idyllen verlieren, habe ich zum Schluß noch etwas sehr Reales, was wir nicht unbedingt mit dem Dresdner Impressionisten Kuehl in Verbindung bringen würden: das erste deutsche Bild eines Fußballspielers. Der trägt Preußens Farben und könnte für den Fußballclub Britannia Berlin spielen. Das Bild ist vor wenigen Jahren in einer Sendung von Kunst und Krempel aufgetaucht, das ist sicherlich schon eine kleine Sensation. Wenn Sie noch mehr Bilder von Fußballern sehen wollen, dann klicken Sie den Post ➱Neo Rauch an.

Gotthardt Kuehl ist in diesem Blog immer wieder erwähnt worden, so zum Beispiel in den Posts StadtansichtenRichard von HagnAlbert StaguraFrank Duveneck und Friedel Anderson. Ein Werkverzeichnis von Kuehl gibt es leider nicht, aber es gibt das 1993 bei Seemann in Leipzig erschienene Buch von Gerhard Gerkens Gotthardt Kuehl 1850–1915. Das begleitete die Kuehl Ausstellungen in Dresden und Lübeck. Wenn Sie noch mehr Bilder von Kuehl sehen wollen, dann gehen Sie zu der Seite akg images.

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Wellen

 

Dies schöne Bild von dem Flensburger Maler Ludwig Dettmann brauche ich jetzt für den Anfang. Ich hatte es schon einmal abgebildet, in dem Post, der den seltsamen Namen ➱ythlaf trägt. Ostsee, Strand und Frauen, das passt wunderbar zu dem Roman von Eduard von Keyserling, der Wellen heißt. Habe ich gerade gelesen. Ich lese ja noch manchmal. Weniger als früher, weil ich viel Zeit für das ➱Schreiben brauche. Und während des Schreibens lese ich, für das Schreiben. Als ich über ➱Effi Briest schrieb, habe ich Hochhuths Effis Nacht noch einmal gelesen. Als ich über Monets ➱Camille schrieb, habe ich die Autobiographie von Gustav Pauli noch einmal gelesen. Für ➱Peepshow las ich Nicholas Freelings Double Barrel, für den Post über ➱Friedrich Ahlers-Hestermann habe ich seine Autobiographie gelesen. Und so weiter. Das heißt, ich lese noch, aber anders. Nicht mehr so wie früher, als die ganze ➱Literatur der Welt noch vor einem lag.

Den Roman Wellen des Grafen Keyserling fand ich für einen Euro im Antiquariat, es war die Nummer 30 der Hundert Bücher der Süddeutschen Zeitung. Ich las die ersten drei Seiten und nahm das Buch mit. Die ersten Seiten sind gut. Ein wenig wie Fontane, mit dem man Keyserling immer wieder verglichen hat. Wie es die ➱Zeit vor fünf Jahren tat, die ihn sogar besser als Fontane fand. Ist er nicht ganz, keine Sorge. Zuviel Adjektive, zuviel Kitsch. Man kann Trivialromane gegen den Strich lesen, man kann sie aber auch gegen den Strich schreiben, das tat Fontane, hat Karlheinz Gärtner in seiner Dissertation über Fontane geschrieben.

Keyserling schreibt keine Trivialromane, auch wenn er manchmal mit seinen Klischees nah dran ist. Aber er ist mit seinem impressionistischen Stil und der leichten Dekadenz auch manchmal nah an der Weltliteratur. Da, wohin ➱Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem nicht kommen wird. Die Nähe von Keyserling zu Fontane hatte schon Thomas Mann (der seinen Fontane ganz genau gelesen hatte) erkannt: Man wird den Namen Fontane’s immer nennen, wenn von Keyserling die Rede ist. Die Aszendenz ist deutlich. Es gibt Stellen bei Keyserling, Dialogstellen zumal, die wörtlich so bei Fontane stehen könnten … Es ist dieselbe Distanzierung und Durchheiterung einer feudalen Wirklichkeit bei Fontane und Keyserling — der märkischen dort, der baltischen hier. Eine sehr ähnliche geistige Stimmung bei beiden, Skepsis und Resignation. 

Wenn man will, kann man vielleicht auch Beziehungen zwischen Keyserling und Eichendorff herstellen, wie Boris Hoge in einem ➱Aufsatz gezeigt hat. Das ist interessant, aber wohl etwas weit hergeholt. Näher liegen würden Autoren wie ➱Jens Peter Jacobsen, Herman Bang und Iwan Turgenjew. Das wusste Thomas Mann auch schon, der den Nachruf auf Keyserling  (den er einen Fontane in Moll nannte) schrieb: Ich finde die Namen Fontanes und Iwan Turgenjews in jedem Nekrolog; ich vermisse einen dritten, uns näheren, den teuren, traurigen Namen Herman Bangs. Es ist sicher, daß sie sich einander sehr nahe gefühlt haben, der dänische Patrizier und der ostpreußische Junker. Da ich schon wieder einmal aus der Rolle des Bloggers gefallen bin, und sich der Literaturwissenschaftler in mir gemeldet hat, möchte ich anmerken, dass man den Bremer Schriftsteller ➱Friedo Lampe immer wieder (und wohl nicht zu Unrecht) mit Herman Bang und Eduard von Keyserling verglichen hat.

Der Roman Wellen und der Graf von Keyserling (hier von Lovis Corinth gemalt) haben vor einigen Jahren ihre Renaissance gehabt, weil Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett Ein ganz und gar sinnliches Buch, eine schöne Liebesgeschichte verkündete. Was Florian Illies in der Zeit mit dem Satz kommentierte: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Nachdem Reich-Ranicki den Roman empfohlen hatte, sicherte sich die Berliner Produzentin Regina Ziegler sofort die Filmrechte. Und bot die Regie des Films Vivian Naefe, der großen Frauenversteherin des deutschen Films, an. Viele von Naefes Filmen haben die Darstellerinnen berühmt gemacht, wie zum Beispiel Veronica Ferres in Eine ungehorsame Frau. Und so wurde dies wieder ein typischer Naefe Emanzipationsstoff, wie die Berliner Zeitung schreibt.

Der Film beginnt mit halbnackten Mädchen in der Dusche eines Pensionats. Man fürchtet schon im falschen Film zu sein und einen Lesbenporno gekauft zu haben. Oder eine Neuauflage von Romy Schneiders Mädchen in Uniform. Aber dann flackert ein Schriftzug über die Leinwand und verkündet: Berlin 1913. Elf Monate vor dem Kriegsausbruch. Es ist gut, dass der Graf Keyserling, der den Roman um 1910 schrieb, das nicht zu sehen braucht. Und so kann man munter Dinge aus einer anderen Zeit in den Film transponieren. Niemand wird um 1910 (oder 1913) das Wort Infrastruktur benutzen, niemand wird eine Davidoff rauchen. Und die Gräfin wird nicht sagen: Ziehen Sie Ihre Angel ein, ich bin der falsche Fisch. Das sagt jemand in Some like it hot. Das soll jetzt witzig sein, ist es aber nicht.

Man kann den Roman Wellen leicht im Buchhandel oder im Antiquariat finden, man kann ihn aber auch ➱hier auf dem Bildschirm lesen. Wenn man einen großen Bildschirm hat, geht das sehr gut. Bei einem Buch überblickt man nur eine Buchseite, hier hat man beinahe ein Kapitel im Blick. Wir sind an der Ostsee, wahrscheinlich eher in ➱Nidden als in Weißenhaus. Das Bild von Max Liebermann ist aus der Reihe seiner schönen Strandbilder, zwar Nordsee und nicht Ostsee, aber das macht nichts. Wir brauchen nur Meer, Strand, Himmel und junge Frauen in weißen Kleidern.

Natürlich kann das Meer symbolisch sein. Ist es auch bei Keyserling, wenn auch nicht in dem Maße, in dem Virginia Woolf in Die Wellen davon Gebrauch macht. Der Maler Hans Grill möchte in einem Gemälde das Meer und Doralice vereinen (Ja, dich und das Meer. Ihr beide müßt zusammen auf ein Bild und eine Synthese von dir und dem Meer, verstehst du?). Die beiden jungen Baronessen werden in ihren Gefühlen berührt: Oben in der Giebelstube, Lolos und Ninis Schlafzimmer, standen die beiden Mädchen noch am Fenster und schauten hinaus. Das mondbeglänzte Meer, das Rauschen und Wehen da draußen ließ ihnen keine Ruhe, es erregte sie fast schmerzhaft, und das Paar, das dort unten an den blanken Säulen der brechenden Wellen hinschritt, gehörte mit zu dem Erregenden und Geheimnisvollen da draußen, das den beiden Mädchen ein seltsames Fieber in das Blut legte.

Doch Keyserling kann das Meer auch ironisch behandeln, er nutzt alle Facetten: Man setzte sich auf der Veranda zur Abendmahlzeit nieder an den Tisch, über den das rote Abendlicht hinflutete und der Seewind an dem Tischtuch und den Servietten zerrte. Das machte die Gesellschaft schweigsam, so das Meer vor sich war es, als sei man nicht allein, nicht unter sich. „Ich habe mir das Meer größer gedacht,“ erklärte Wedig endlich. „Natürlich, mein Sohn,“ meinte die Generalin. „Du willst wohl für dich ein Extra-Meer.“

Dies ist in gewisser Weise die Geschichte von Effi Briest in der Sommerfrische, die Geschichte der jungen mittellosen Gräfin Doralice, die ihren Mann verlassen hat, um mit einem Maler zusammenzuleben. Das ist eine ungeheuerliche Sache für den Kleinadel kurz nach der Jahrhundertwende. Keyserling (selbst wegen einer finanziellen Lappalie von seiner Studentenverbindung und seiner Familie verstoßen) hat übrigens die Geschichte mit dem Maler und dem unstandesgemäßen Zusammenleben schon einmal Jahre zuvor in seiner Erzählung ➱Beate und Mareile gebraucht, jetzt recycelt er das noch einmal und macht Doralice zu einer tragischen Heldin. Vivian Naefe hat gesagt, sie habe die Gräfin sympathischer gemacht. Man fürchtet sich bei Literaturverfilmungen vor solchen Aussagen.

Die Keyserling Renaissance unserer Zeit betrifft nicht nur seine Romane, sie betrifft auch die Verfilmungen. Und vieles bei Keyserling schreit ja geradezu nach einer Verfilmung. Darüber sagte Florian Illies 2009 in der ➱ZeitDoch ist es das Wesen von Nostalgie, dass ihre Wirkung kurz nach dem Moment der Beschwörung wieder verpufft, weil ihren Objekten die Kraft zum eigenen Leben fehlt. Deswegen verhallten nicht nur immer wieder die Fanfarenstöße der verzückten Ausgräber, auch der Kostümrausch der Romanverfilmungen ‚Schwüle Tage‘ (1978), ‚Am Südhang‘ (1980), ‚Beate und Mareile‘ (1981) und ‚Wellen‘ im Jahre 2005 versendete sich in Minutenschnelle, indes: die Werke Eduard von Keyserlings blieben. Über die Verfilmung von Wellen wäre doch noch einiges zu sagen.

Der für das ZDF und arte produzierte Fernsehfilm Wellen, der in Litauen gedreht wurde, hatte als Drehbuchautor Günter Schütter, der viel mit Dominik Graf zusammengearbeitet hat. Und für einen Fernsehkritiker namens Rainer Tittelbach ist das alles ganz prima: Sommer 1913. Es war die Zeit, als Zucht und Ordnung herrschte und die Damen der besseren Gesellschaft stets um „Contenance“ bemüht waren. Bereits der elegant gebaute, mit feiner Ironie gespickte Roman, der in der Sommerfrische an der Ostsee eine Reihe unterschiedlichster Menschen zusammen führt, liest sich kurzweilig. Die ZDF-Verfilmung nimmt diese Leichtigkeit auf und transportiert sie meisterlich in das Medium Film.

Ähnlich äußert sich Dieter Wunderlich, dessen Seiten sonst immer zuverlässig sind, wenn er sagt: Abgesehen davon hält sich der Film „Wellen“ eng an die Vorlage und weicht nur in Nebensächlichkeiten davon ab. In Nebensächlichkeiten? Aber hallo Leute, geht’s noch?Habt ihr den Roman nicht gelesen, den Film nicht gesehen? Der ist, trotz guter Schauspieler, trotz schöner Bilder, trotz passender Kostüme, eine Travestie, keine Literaturverfilmung. Das fängt wie gesagt schon damit an, dass die Handlung elf Monate vor den Beginn des Ersten Weltkriegs verlegt wird (der Roman erschien 1911).

So kann dann der junge Leutnant  Carl von Gonthard (der im Roman Hilmar von Hamm heißt) der Gräfin Doralice (Marie Bäumer) beim Sex a tergo ins Ohr flüstern, dass die Luftwaffe schon mit Giftgas experimentiert. Schlimmer geht’s nimmer. Im Roman gibt es kein Giftgas, nur giftgrüne Wellen auf einem Altarbild. Im Roman gibt es auch keinen Sex. Gut, die Personen träumen davon, so wie die junge Baronesse Lolo von Doralice träumt, aber Keyserling vermeidet Sexszenen. Gab es so etwas je bei Fontane? Welchen Gewinn haben wir in der Literatur von explizitem Sex? Wir lassen den Monolog von Molly in ➱Ulysses mal aus. Musste ➱American Psycho wirklich geschrieben werden?

Vivian Naefe hat keinen Scheu vor Sexszenen: Alle suchen nach der großen Liebe und geben sich mit Sex zufrieden, hat Naefe über ihren Film gesagt. Die Frauen leiden nur anders als die Männer. Und so bumst der Baron von Buttlär das kleinwüchsige Dienstmädchen (das wir als die Assistentin von ➱Professor Boerne aus dem Münsteraner Tatort kennen) und verprügelt danach seinen Sohn Willy. Beides kommt im Roman nicht vor, da heißt der Sohn Wedig und ist fünfzehn Jahre alt. Viel älter als dieses Filmkind hier. Auch seine Schwester Nini ist im Roman schon erwachsen, hier ist sie noch ein Kind.

Warum das alles? Es macht keinen Sinn. Oder will uns Frau Naefe sagen, dass sexbesessene baltische Barone (Matthias Habich als Baron von Buttlär fasst sich ständig mit der Hand an sein Geschlechtsteil, ein schöner Höhepunkt des ham acting) elf Monate vor dem Ersten Weltkrieg nichts anderes zu tun haben, als ihre Dienstmädchen zu bumsen und ihre Kinder zu schlagen? Buttlär ist im Film Offizier, im Roman ist er ein Gutsbesitzer. Ich könnte die Liste der absurden Änderungen des Romans beliebig fortsetzen. Von einer Werktreue kann man bei diesem Fernsehfilm nicht reden. Im Internet finden sich beinahe nur lobhudelnde Besprechungen des Films, glücklicherweise ist da aber noch die Professorin Alexandra Pontzen, die 2005 schreibt: Es dürfte nicht schwerfallen, etwas Niveauvolleres zu produzieren als die missglückte, ja in einigen Szenen alberne, filmische Adaption von Keyserlings Roman „Wellen“, die das ZDF am 5. Mai dieses Jahres gesendet hat.

Es ist schade für die Darsteller, es ist schade für die hübsche Marie Bäumer, dass sie nicht mal in einem richtig guten Film mitspielen darf. Also ➱Männerpension war ja ein netter Anfang, aber da muss sie mit Til Schweiger ins Bett, das kann es nicht sein. ➱Mitte Ende August (frei nach Goethes Wahlverwandtschaften) hätte ein schöner kleiner Film werden können, aber den hat der Burgschauspieler Gert Voss versaut, dem der Regisseur nicht die Bühnensprache abgewöhnen konnte. Wäre Marie Bäumer, die man schon einmal eine zweite Romy Schneider genannt, Französin, dann würde sie in schönen Filmen mitspielen. Weil die Franzosen den Satz von ➱Truffaut Le cinéma c’est l’art de faire faire de jolies choses à de jolies femmes ernst nehmen. Hat ihr aber nichts geholfen, dass sie einmal in ➱Frankreich gelebt hat. In Deutschland muss sie in ➱Der Schuh des Manitu mitspielen.

Seit es den Film gibt, haben sich die Filmstudios in dem unerschöpflichen Vorrat der Literatur bedient, haben die Literatur geplündert, sind vor nichts zurückgeschreckt. Die Kritiker träumen von der Werktreue, doch das ist ein Begriff, der mit den kommerziellen Interessen einer Filmgesellschaft nicht zu vereinbaren ist. Wenn man an die neueste Verfilmung von ➱The Great Gatsby mit Leonardo DiCaprio denkt, dann hat das ja auch nichts mehr mit Fitzgeralds Roman zu tun. Regina Zieglers erste Filmproduktion war Peter Steins Inszenierung von Maxim Gorkis ➱Sommergästen, damals hatte sie noch die Literatur und die Werktreue im Sinn. Aber zu der Zeit, als sie die Rechte von Wellen kaufte, da war sie bei Filmen wie ➱Frauen, die Prosecco trinken und der Degeto angekommen. Ziegler verkörpert die Ambivalenz des deutschen Fernsehens wie niemand sonst: den seichten Degeto-Kitsch wie die ambitionierten Eventproduktionen gleichermaßen, schrieb die TAZ. Mit dem Film Wellen sind wir eher bei dem zähen Degeto Quark.

Literaturverfilmungen sind eine schwierige Sache, die Engländer können das offensichtlich besser, wenn wir an die vielen ➱Jane Austen Filme, an ➱A Dance to the Music of Time oder ➱Brideshead Revisited denken. Franzosen können das auch, Bertrand Tavernier hat das mit dem schönen Film ➱Un dimanche à la campagne gezeigt. Und Raoul Ruiz hat mit ➱Le temps retrouvé bewiesen, dass man Proust vielleicht doch verfilmen kann. Wenn ich zu dem Thema ein Buch empfehlen darf, dann wäre das der Suhrkamp Band Literaturverfilmungen, der von Franz-Josef Albersmeier und Volker Roloff herausgegeben wurde. Wenn Sie mehr über Literaturverfilmungen lesen wollen, dann kann ich auf den Post ➱The Go-Between verweisen. Es ist einer der wenigen Posts in diesem Blog, der vor vielen Jahren in einem Buch veröffentlicht worden war, ich würde ihn heute immer noch genau so schreiben. Allerdings ein paar gehässige Bemerkungen über das ➱Musical einfügen, das es damals noch nicht gab.

Die Generalin von Palikow und Fräulein Malwine Bork, ihre langjährige Gesellschafterin und Freundin, kamen in das Wohnzimmer. Sie wollten sich ein wenig erholen. Die Generalin setzte sich auf das Sofa, das frisch mit einem blanken, schwarz und roten Kattun bezogen war. Sie war sehr erhitzt und löste die Haubenbänder unterm Kinn. Das lila Sommerkleid knisterte leicht, die weißen Haarkuchen an den Schläfen waren verschoben und sie atmete stark. Sie schwieg eine Weile und schaute mit den ein wenig hervorstehenden grellblauen Augen kritisch im Zimmer umher. Das Zimmer war weiß getüncht, wenig schwere Möbel standen an den Wänden umher und über die Bretter des Fußbodens war Sand gestreut, der in der Abendsonne glitzerte. Es roch hier nach Kalk und Seemoos.

„Hart,“ sagte die Generalin und legte ihre Hand auf das Sofa.

Fräulein Bork neigte den Kopf mit dem leicht ergrauten Haar auf die linke Schulter, blickte schief durch die Gläser ihres Kneifers auf die Generalin, und das bräunliche Gesicht, das aussah wie das Gesicht eines klugen älteren Herrn, lächelte ein nachdenkliches, verzeihendes Lächeln. „Das Sofa,“ sagte sie, „natürlich, aber man kann es nicht anders verlangen. Für die Verhältnisse ist es doch sehr gut.“

„Liebe Malwine,“ meinte die Generalin, „Sie haben die Angewohnheit, alles gegen mich zu verteidigen. Ich greife das Sofa gar nicht an, ich sage nur, es ist hart, das wird man doch noch dürfen.“

So fängt der Roman an, und der Romananfang verführt zum Weiterlesen. Die liebe Malwine ist übrigens nicht im Film, da wird sie mit dem Satz, dass sie eine Nierenkolik hatte und in der Charité operiert würde, aus dem Film komplimentiert. Wenn Florian Illies schreibt der Kostümrausch der Romanverfilmungen ‚Schwüle Tage‘ (1978), ‚Am Südhang‘ (1980), ‚Beate und Mareile‘ (1981) und ‚Wellen‘ im Jahre 2005 versendete sich in Minutenschnelle, indes: die Werke Eduard von Keyserlings blieben, dann hat er schon recht. Der Roman bleibt. Und er ist der Lektüre wert. Und wenn Sie Wellen unbedingt in einem anderem Medium als dem Buch haben wollen, dann nehmen Sie doch das Hörspiel. Hören Sie doch ➱hier einmal hinein.

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Vierzig Jahre

 

In seiner Weihnachtskarte schrieb mir der Kunsthistoriker Joachim Kruse, dass es jetzt schon vierzig Jahre her sei, dass wir diese Ausstellung Illustrationen zu Melvilles „Moby-Dick“ gemacht hätten. Vierzig Jahre, es ist nicht zu glauben. Die Sonderausstellung des Landesmuseums im Schloss Gottorf vom 18.6. bis zum 19.9.1976 war eine Ausstellung des Landes Schleswig-Holstein für die Feiern des Bicentennials der Vereinigten Staaten. Heute sind die Vereinigten Staaten vierzig Jahre älter. Und wie haben sie sich verändert.

Damals war Gerald Ford noch Präsident und Jimmy Carter wurde als neuer Präsident gewählt, honorige Leute, keine Heiopeis. Ein Mann wie ➱Donald Trump wäre 1976 nicht vorstellbar gewesen. Während des letzten Wahlkampfs haben viele Journalisten Melvilles Werke bemüht. Für manche, wie die NZZ, war er der Schwindler aus The Confidence Man, für andere war Trump der geisteskranke Kapitän Ahab aus Moby-Dick. Der, wie wir aus dem Roman wissen, mit dem Wal untergeht. Wir werden sehen, wie diese Geschichte endet.

Dr Joachim Kruse, dessen Schlattenschammes ich 1976 war, war Direktor in Schleswig, kurz danach ist er der Direktor der Kunstsammlungen der Veste Coburg geworden. Er lebt heute noch dort; wir beide, die wir damals durch die Arbeit an der Ausstellung verbunden waren, schicken uns immer noch Weihnachtskarten und Briefe. Ich habe ihm vor Jahren auch einen Teil meiner ➱Bremensien geschickt, die er als Free Jazz in Prosa bezeichnete. Das war sehr witzig, er hatte sowieso viel Humor.

Als ich einen Cartoon aus dem amerikanischen Playboy anschleppte, der einen Seemann auf dem Bett neben einer sehr voluminösen weißblassen Nutte zeigte, die zu ihm sagt: And stop calling me Moby Dick, sagte Kruse nur: Den nehmen wir. Der Cartoon wanderte in den Katalog. Wir waren die ersten, die auch Cartoons der Melvilleschen Bilderwelt zeigten, später hat ein amerikanischer Professor, dem ich unseren Katalog geschickt hatte, ein ganzes Buch über Moby-Dick in der Popular Culture geschrieben. Und auch ➱Andrew Delbanco geht in seinem sehr guten Melville Buch mit einem Kapitel darauf ein.

Es gab damals noch keine Computer, kein Internet, wo man einen Volltext von ➱Moby-Dick finden konnte. Wann immer Kruse ein Zitat suchte, musste ich Moby-Dick wieder und wieder lesen. Wahrscheinlich habe ich mir deshalb den Namen des ersten Kapitels als Internetadresse meines Blogs genommen. Denn dieses ➱loomings heißt etwas, was man ganz fern am Horizont sieht, es ist eine Augentäuschung, bei der man Dinge sieht, die man eigentlich nicht sehen kann. Der Muret Sanders bietet uns als Übersetzung Kimmung an, damit kann man leben. Wenn man heute loomings bei Google eingibt, dann landet man schnell bei mir, dafür hat mein Blog gesorgt. Ich glaube, es würde ➱Herman Melville, den ich immer wieder in diesen Blog geschrieben habe, freuen.

Auch wenn es keinen Computer und keine Mobiltelephone gab, hatten wir einen vorzüglichen Draht in die USA. Wir gaben am Vormittag unsere getippten Wünsche in der Staatskanzlei ab, am Nachmittag waren die schon bei einem Stab in Washington, der sie an amerikanische Museen weitergab. Wir hätten aus Boston John Singleton Copleys ➱Watson and the Shark bekommen können, das ich für einen Aufsatz im Katalog brauchte. Aber da hatte ich Angst und begnügte mich mit einer hervorragenden klischierfähigen Photographie, die das Museum of Fine Art uns schickte.

Was man in Deutschland und England vor vierzig Jahren auf die Beine stellen konnte, das konnte man in Amerika nicht. Und im Amerika des Donald Trump wird die Kultur und die amerikanische Kulturgeschichte wohl überhaupt keine Rolle spielen. Es gab in den USA keine Ausstellung, die mit der Düsseldorfer Ausstellung ➱The Hudson and the Rhine hätte konkurrieren können. Amerikas Museen, die die Arbeit an den deutschen Ausstellungen wegen tausenderlei Anfragen zu spüren bekamen, hätten den Deutschen jetzt alles ausgeliehen. Unbürokratisch und unkonventionell. Weil sie gemerkt hatten, dass die eigene Nation, die sich eigentlich selbst feiern sollte, überhaupt kein Konzept für gute Ausstellungen hatte. Das Sonderheft von Superman salutes the Bicentennial im ersten Absatz zeigt ungefähr das ➱Niveau der amerikanischen Feiern.

Der Kriegsgegner von 1776 brachte etwas ganz anderes zustande, nämlich die großartige Londoner Ausstellung 1776: The British Story of the American Revolution. Es gab in Amerika viel Remmidemmi und Events, doch das war alles mehr patriotisches Disneyland als eine seriöse Aufarbeitung der Geschichte. George Washington wurde nachträglich zum Sechs Sterne General ernannt, das musste sein. Ein führender amerikanischer Museumsdirektor hat Jahrzehnte später gesagt, dass die deutschen Ausstellungen zur Zweihunderjahrfeier bei den amerikanischen Museen einen Prozess des Umdenken bewirkt haben. Eines der originellsten Produkte aus Amerika war da noch das Time Magazine vom 4. Juli 1976 mit seiner Special Bicentennial Ausgabe to reconstruct with the tools of both history and journalism, and in our [Time’s] distinctive newsmagazine format, at least part of the life and soul of the events that gave birth to our nation.

Hundert Jahre vor dem Bicentennial – fünfundzwanzig Jahre nach dem Erscheinen von Moby-Dick – hat der New Yorker Zollinspektor Nummer 75 sein episches Gedicht ➱Clarel (hier im ➱Volltext) veröffentlicht. Es fand noch weniger Käufer als Moby-DickThough I wrote the Gospels in this century, schreibt er im Juni 1851 an seinen Freund Nathaniel HawthorneI shall die in the gutter. Im November kündigt er Hawthorne Moby-Dick an und schreibt: I have written a wicked book, and feel spotless as the lamb. Fünf Jahre lang, meistens in der Nacht, hat Melville an Clarel geschrieben: A „cynic,“ perhaps, you might call him, a rover at heart, he knew people only too well, used to say I was told, there was no such thing as gratitude, the word even was not mentioned in the bible, hat Melvilles Verwandte Charlotte Hoadley über ihn gesagt. Was ist er? Agnostiker, Atheist, Skeptiker?

Melville Reise durch das Heilige Land ist eine Suche nach Gott. Aber er findet nur Sand und Steine: Stones of Judea. We read a good deal about stones in Scriptures. Monuments & stumps of the memorials are set up of stones; men are stoned to death; the figurative seed falls in stony places; and no wonder that stones should so largely figure in the Bible. Judea is one accumulation of stones—stony mountains & stony plains; stony torrents & stony roads; stony walls & stony fields, stony houses & stony tombs; stony eyes &stony hearts. Before you and behind you are stones. Stones to the right &stones to the left. Und an anderer Stelle schreibt er: the desolation of the land [is] the result of the fatal embrace of the Deity? Hapless are the favorites of heaven. Und das Go mad I can not: I maintain The perilous outpost of the sane ist vielleicht ein autobiographischer Satz.

Melvilles Gott findet sich vielleicht in dem, was er über den kleinen ➱Pip in Moby-Dick sagt: The sea had jeeringly kept his finite body up, but drowned the infinite of his soul. Not drowned entirely, though. Rather carried down alive to wondrous depths, where strange shapes of the unwarped primal world glided to and fro before his passive eyes; and the miser-merman, Wisdom, revealed his hoarded heaps; and among the joyous, heartless, ever-juvenile eternities, Pip saw the multitudinous, God-omnipresent, coral insects, that out of the firmament of waters heaved the colossal orbs. He saw God’s foot upon the treadle of the loom, and spoke it; and therefore his shipmates called him mad. So man’s insanity is heaven’s sense; and wandering from all mortal reason, man comes at last to that celestial thought, which, to reason, is absurd and frantic; and weal or woe, feels then uncompromised, indifferent as his God.

Zu Clarel, das Robert Penn Warren einen Vorläufer von Eliots The Waste Land genannt hat, hätte man 1976 wohl keine Ausstellung machen können (die deutsche Ausgabe von Rainer G. Schmidt erschien erst vor zehn Jahren). Zu Moby-Dick schon. Denn es ist ein Roman zu dem ➱Regisseure, Maler und Illustratoren immer wieder Bilder beigesteuert haben. Und Joachim Kruse verstand es, die Bilder herbeizuschaffen, ein Organisationstalent und ein Meister der Diplomatie. Quatschte am Telephon den widerstrebenden ➱Horst Janssen herum, ein Bild nach Schleswig zu geben. Band die Meeresforscherin Petra Deimer (lesen Sie mehr in ➱Scrimshaw) in die Ausstellung ein. Und man konnte die Songs of the Humpback Whale von der Platte hören (können Sie ➱hier auch). Vierzig Jahre sind seit der Ausstellung Illustrationen zu Melvilles „Moby-Dick“ vergangen, in die ich mich damals mit jugendlichem Elan geworfen hatte. So vergeht Jahr um Jahr und es ist mir längst klar, daß nichts bleibt, daß nichts bleibt wie es war. Vierzig Jahre, ich sehe alles noch vor mir. Mein Peugeot konnte die Strecke nach Schleswig im Schlaf. Zitate in ➱Moby-Dick finde ich, ohne den Computer zu bemühen.

Es hatte schon vor dem Jahr 1976 in Schleswig Ansätze zu einer Ausstellung über den Walfang und Moby-Dick gegeben. Will Sohls Illustrationen wären sicherlich eine Ausstellung wert gewesen, aber die war aus finanziellen Gründen gescheitert. Doch für die deutsch-amerikanische Freundschaft war 1976 aus den Verfügungsmitteln des Ministerpräsidenten Geld da. Und es ging ja nicht nur um Melvilles Meisterwerk, auch genügend Künstler aus dem Land waren in der Ausstellung repräsentiert. Dieser Sturz von der Pequod ist von dem Flensburger Maler Ekkehard Thieme, ich besitze auch eine Radierung aus diesem Zyklus. War damals schwer zu bekommen, weil Thieme kaum verkaufte, aber wo ein Wille ist, da ist am Ende auch eine Thieme Radierung.

Ein Nebenprodukt der Ausstellung war, dass mir Joachim Kruse den schönen Katalog Gemessene Zeit: Uhren in der Kulturgeschichte Schleswig-Holsteins schenkte. Das war nun ein Danaergeschenk, denn von dem Augenblick an wollte ich alles über die tickenden ➱Teufelsherzen wissen. Unser Katalog, den dieser Ahab von Rockwell Kent zierte, ist natürlich längst vergriffen, aber man kann antiquarisch wohl noch ein Exemplar – vielleicht nicht im besten Zustand – bekommen. Als ich mein letztes Belegexemplar dem amerikanischen Professor ➱Sandy Marowitz schenken wollte, winkte der ab. Jeder Melville Forscher in Amerika besäße diesen Katalog, versicherte er mir. So haben wir doch ein wenig Furore gemacht.

In der Ausstellung gab es eine Wand voller Darstellungen des Kapitäns Ahab, alle waren anders. Aber alle waren wie dieser Ahab von Robert Shore ein wenig dämonisch. In seiner Eröffnungsrede sagte Joachim Kruse, der ebenso wie ➱Jens Christian Jensen der SPD nahestand (sie waren damals die beiden einzigen Museumsdirektoren in dem auf allen Gebieten von der CDU beherrschten Bundesland), dass er beobachtet hätte, dass alle Besucher nur auf den Kapitän Ahab geschaut hätten. Er sei eher auf der Seite der Mannschaft. Der Ministerpräsident Stoltenberg, dem ich die Eröffnungsrede geschrieben hatte, war sichtlich verärgert. You can’t win them all.

1976 war der Roman Moby-Dick 125 Jahre alt geworden, außer durch die Schleswiger Ausstellung wurde das nicht gefeiert. Dennoch gab es vor vierzig Jahren Schlagzeilen, in denen auch der Name Moby Dick vorkam. Also zum Beispiel Peter, Sue & Marc mit ihrem Song ➱Moby Dick oder der Marvel Classics Comics #8. Der allerdings im Gegensatz zu einer Erstausgabe von Moby-Dick oder dem Schleswiger Katalog von 1976 in den letzten vierzig Jahren nicht an Wert gewonnen hat. Und dann gab es ja auch noch die Indienststellung des Rheindampfers Moby Dick der Bonner Fähr- und Fahrgastschiffahrt. Das Schiff fährt heute immer noch, obgleich es mal gerammt wurde. Allerdings von keinem Wal wie die Pequod.

Vierzig Jahre, ein halbes Leben. Herman Melville ist vierzig Jahre nach dem Erscheinen seines Romans Moby-Dick gestorben, da kannte ihn niemand mehr. Die New York Times bekam nur diese klägliche Notiz zustande: Herman Melville died yesterday at his residence, 104 East Twenty-sixth Street, this city, of heart failure, aged seventy-two. He was the author of Typee, Omoo, Mobie Dick, and other sea-faring tales, written in earlier years. He leaves a wife and two daughters, Mrs. M. B. Thomas and Miss Melville. Das Mobie Dick gefällt mir besonders. Die Zeitung besserte aber wenige Tage später mit einem halbwegs akzeptablen Nachruf nach. Schrieben dabei Moby-Dick auch richtig.

Mehr zu der Ausstellung vor vierzig Jahre in ➱Melvilles Moby-Dick

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Christmas Cards

 

Sie werden die Geschichte von dem Geizhals Ebenezer Scrooge kennen, er begegnet uns in ➱Charles Dickens‚ Christmas Carol. Das griechische Finanzministerium hat in diesem Jahr eine Weihnachtskarte mit der originalen Illustration von John Leech an Journalisten verschickt. Auf der Karte steht: Perhaps all Christmas stories feature a terrifying Ebenezer welcoming the spirits of Christmas in his desolate loneliness, and perhaps our Christmas story is no exception. But dear friends and colleagues, our wishes will prevail over all the Ebenezers of this world. A very happy new year, with health and love focused on those all around us. Mit den Ebenezers of this world sind die Kreditgeberländer gemeint. Da wird sich Frau Merkel sicher freuen.

Dabei sparen sie ja, ➱die lieben, nie zahlenden Griechen. Schon vor der Staatspleite von 1893 war man dabei zu sparen. Es gibt die schöne ➱Anekdote, dass der Premierminister das Finanzministerium damals angewiesen habe, den Posten Katzenfutter zu streichen: Wenn die Katze ihre Arbeit sauber macht, braucht sie das Futter nicht, wenn sie ihre Arbeit nicht sauber macht, dann brauchen wir sie nicht. Dieses Bild hier ist nicht als Weihnachtskarte verschickt worden, es wäre aber vielleicht eine Anregung für das griechische Finanzministerium für das nächste Jahr.

Sie haben doch bestimmt auch Weihnachtskarten verschickt. Solche für einen guten Zweck? Kitschige? Komische? Oder selbstgemachte Karten mit dem guten alten Kartoffeldruck? Wir können den Karten und der Kartenflut gar nicht entgehen. Dabei gibt es sie noch gar nicht so lange. Für eine kleine Geschichte der Weihnachtskarte kommen wir nicht an dem Engländer Sir Henry Cole vorbei.

Sir Henry ist schon mehrfach in diesem Blog gewesen. Dass er die Christmas Card und die Penny Post erfunden hat, stand schon 2011 in dem Post ➱Bill Bryson; die Dinge, für die er eigentlich berühmt wurde, finden sich in den Posts ➱Prince Consort und ➱Alfred Lichtwark. Das hier ist übrigens die erste Weihnachtskarte der Welt, in Auftrag gegeben von Sir Henry Cole und illustriert von John Callcott Horsley. 1843 in einer ersten Auflage von tausend handkolorierten Exemplaren in den Handel gekommen (es gab danach noch eine zweite Auflage). Es hat davon immer wieder Reproduktionen gegeben, besäße man eine originale Karte, dann hätte man ein kleines Vermögen.

John Callcott Horsley, der auch diesen wunderbaren viktorianischen Kitsch produziert hat, ist Mitglied der Royal Academy gewesen; er hatte das Glück, schon als junger Maler die Gunst des Mäzens John Sheepshanks erlangt zu haben. Das ist der Millionär, der einmal aus dem Erster Klasse Abteil der Bahn geworfen wurde obgleich er einen gültigen Fahrtausweis hatte. Er sah so abgerissen aussah. Englische Gentlemen pflegen heute immer noch so einen Look, Männer in neuen Anzügen und neuen Schuhe sind Neureiche, keine Gentlemen. Der Kunstsammler Horsley, dem das ➱Victoria & Albert Museum viel verdankt, begegnet uns in diesem Blog immer wieder, so zum Beispiel in den Posts ➱Robert Vernon, ➱Francis Danby, ➱David Wilkie, ➱William Turner in Kiel und ➱Gordale Scar.

Für anglophile Leser kann ich das Buch From Stonehenge to Santa Claus: The Evolution of Christmas von Paul Frodsham empfehlen, in dem auch Weihnachtskarten vorkommen. A propos anglophile Leser: obgleich dies ein Blog ist, in dem viel England und ➱Engländer vorkommt, lesen mich die Inselaffen überhaupt nicht. Das hat nichts mit dem ➱Brexit zu tun, die haben mich auch vorher nicht gelesen. Dafür bin ich seit zwei Monaten der darling der Franzosen, das finde ich très charmant. Im Augenblick lesen mich erstaunlicherweise jeden Tag genau so viel Franzosen wie Deutsche, da kann ich gerne auf die Engländer verzichten.

Obgleich die die Traditionen des Weihnachtsfests sehr kritisch sehen können. So die Historikerin Judith Flanders auf der Seite der ➱British LibraryShould one want to find the ultimate Christmas celebration, the oldest traditions, the most cherished customs, surely Dickens is the author to turn to. The problem is that, during Dickens’s lifetime, most of these traditions were barely traditions at all. The ‘traditional’ British Christmas we know today is not found in the mists of history, but is entirely a product of industrialisation. Alles nur Kommerz. Oder mit den Worten von Ebenezer Scrooge: Humbug, humbug.

In der Kieler Universitätsbibliothek gibt es seit dem Nikolaustag die Ausstellung ➱Alle Jahre wieder – Zur Geschichte der Weihnachtspostkarten, die noch bis zum 26. Februar 2017 zu sehen ist. Das Konzept der Ausstellung wurde von der Kieler Kunsthistorikerin Dr Birthe Gaethke erarbeitet, über zweihundert Karten mit ergänzenden Objekten sind hier zu sehen. Das ist ein Nostalgietrip durch die Welt der Weihnachtspostkarte, aus einer Zeit, als es die ➱Universelle plus noch nicht gab. Im schleswig-holsteinischen Schwarzenbek stehen vierzig von diesen Hightech Maschinen, die handschriftliche Karten schreiben. Falls ihnen der Ortsname Schwarzenbek nicht sagt, dann sollten Sie mal eben den Post ➱Schwarzenbek lesen. Dann wissen Sie, weshalb Louis Armstrong von dem Ort begeistert war. Das hier oben ist übrigens die neue Universitätsbibliothek. Dieses Manche leuchten, wenn man sie liest der Neon Lichtinstallation von Elsbeth Arlt ist natürlich ein ➱Zitat. Ohne Zitate geht es in der Uni nicht. In Krimis wie ➱Morse oder ➱Lewis auch nicht.

Birthe Gaethke, die schon eine Vielzahl interesanter Ausstellungen kuratiert hat, hat auch noch ein Buch zu dem Thema geschrieben: ➱Engelsgrüße aus der Ferne. Weihnachtspostkarten aus alter Zeit, am 1. Dezember im Husum Verlag erschienen. Wenn Sie jetzt merken, dass Sie einigen lieben Menschen keine Weihnachtskarte geschickt haben: schicken Sie doch dieses Buch, es kostet nicht die Welt! Das griechische Finanzministerium hat übrigens auch gespart. Wie Ebenezer Scrooge. Die kleine Haßbotschaft auf die europäischen Scrooges fand sich nicht auf einer gedruckten Karte. Und auch die Universelle plus in Schwarzenbek brauchte nicht in Aktion zu treten: dies war eine E-Card. Ist billig, hat aber keinen Stil.

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William Turner

 

Als er die Nachricht vom Tod seines Freundes ➱Thomas Girtin bekam, sagte er: Poor Tom… If Tom Girtin had lived, I should have starved. Er wusste, wie gut er war, aber er konnte Größere anerkennen. Die Rede ist natürlich von William Turner, der am 19. Dezember 1851 starb. Der Sohn eines Londoner Barbiers war ein erstaunlicher Mann. Jemand, der eine Bettlerin mit bösen Worten von seiner Tür verscheuchte, um dann hinter ihr her zu laufen. Und ihr eine fünf Pfund Banknote zu geben, das war damals sehr viel Geld. Wer keine Biographien Turners gelesen hat und nicht Peter Ackroyds kleines Turner Buch genossen hat, mag glauben, dass Turner derjenige ist, den wir in Mike Leighs Film sehen. Es ist kein guter Film (➱hier ganz zu sehen), ich wünschte mir, dass man den unübertroffenen ➱Leo McKern in dem ➱Film The Sun is God sehen könnte, aber das ist leider bei YouTube nicht im Angebot.

Turner liebte und schützte seine Privatsphäre, seine Nachbarn wussten nicht, wer er war. Die meisten hielten ihn für einen pensionierten Kapitän. Er konnte prollig sein, seinen Cockney Akzent hat er sein Leben lang nicht abgelegt. Peter Ackroyd hat ihn einen Cockney visionary genannt. Er sammelte und hortete alles, was er in die Finger bekam, aber er war kein Geizhals. War er bei Auftraggebern eingeladen, hinterließ er Silbergeld für die Diener unter seinem Kopfkissen, war zu schüchtern, es ihnen in die Hand zu drücken. In seinem Testament verfügte er, dass man ein Armenhaus für decayed artists baute. Einen großen Teil seiner Bilder hinterließ er der Nation.

Die Biographien, die ich zu dem Mann, der gesagt hat My business is to paint what I see, not what I know is there, empfehlen würde, sind A.J. Finbergs The Life of J. M. W. Turner, R.A., Anthony Baileys Standing in the sun: A Life of J. M. W. Turner und Andrew Wiltons Turner in His Time. Und dann gibt es ja noch ganz viel Turner in diesem Blog. Klicken Sie doch einmal diese Posts an: J.M.W. TurnerSklavenschiffThomas GirtinJohn Sell CotmanWilliam Turner in KielmåneskinnsmalerAquarellmalereiLandschaftsmalereiJohn Thomson of DuddingstonGordale ScarJohn Constables WolkenCarl BlechenWalter Scott in BildernRichard Parkes BoningtonLurleyRobert VernonChilde HassamEmily DickinsonLe TréportAbildgaardClaude LorrainSir Joshua ReynoldsDrachenfelsThomas Moranlimited and abstracted artKarl Friedrich SchinkelGustav Christian SchwabeSir William BeecheyHeringe

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Esel

 

Es stand vor eines Hauses Tor

Ein Esel mit gespitztem Ohr,

Der käute sich sein Bündel Heu

Gedankenvoll und still entzwei.


Nun kommen da und bleiben stehn

Der naseweisen Buben zween,

Die auch sogleich, indem sie lachen,

Verhaßte Redensarten machen,

Womit man denn bezwecken wollte,

Daß sich der Esel ärgern sollte.


Doch dieser hocherfahrne Greis

Beschrieb nur einen halben Kreis,

Verhielt sich stumm und zeigte itzt

Die Seite, wo der Wedel sitzt.

Fangen wir doch einmal mit ➱Wilhelm Busch an, das passt dann auch schön zu diesem Photo. Das liefert uns Google, wenn man Donald Trump und donkey eingibt. Wenn einer die absolute Macht hat, dann kann er alle Ämter besetzen wie er will. Wir sehen das gerade in Amerika. Kaiser Caligula hat einen Esel zum Konsul ernannt und das Volk damit verhöhnt. Wir haben einen Esel als Außenminister, der das deutsche Volk verhöhnt. Das sagte Heiner Geißler damals, als der Außenminister Guido Westerwelle von der ➱spätrömischen Dekadenz gesprochen hatte. Heiner Geißler irrte. Nicht darin, dass Westerwelle ein Esel war, das war schon richtig. Doch Caligula hatte keineswegs einen Esel zum Konsul ernannt. Es war ein Pferd namens Incitatus. Auf jeden Fall erzählt das Sueton in seinem Leben der CaesarenIncitato equo, cuius causa pridie circenses, ne inquietaretur, viciniae silentium per milites indicere solebat, praeter equile marmoreum et praesaepe eburneum praeterque purpurea tegumenta ac monilia e gemmis domum etiam et familiam et supellectilem dedit, quo lautius nomine eius invitati acciperentur; consulatum quoque traditur destinasse.

Die Unterschiede zwischen Pferd und Esel sind nicht immer so klar auszumachen. Das hier ist Napoleon beim Überqueren der Alpen. Auf jeden Fall auf der Leinwand von ➱Jacques-Louis David. In Wirklichkeit hat Napoleon die Alpen auf einem Lastesel überquert. Nicht vorneweg, ganz weit hinten im Tross. In George Orwells Roman Animal Farm heißt der Diktator Napoleon. In Frankreich wäre so etwas strafbar. Denn die Franzosen haben ein Gesetz, dass niemand sein Schwein Napoleon nennen darf. Von Eseln ist nicht die Rede. Zumindest ist Regine Schindler nie belangt worden, als sie das Buch Der Esel Napoleon geschrieben hat.

Politiker und Esel sind ein eigenes Thema. Das Parlament ist kein Ort für Esel und Fohlen, Affen und Frauen, hat vor kurzem ein iranischer Abgeordneter gesagt. Und ich darf daran erinnern, dass vor Jahren im Zuge der Steuerziehungsaffäre um den französischen Minister Jérôme Cahuzac ein französischer Senator namens Christian Bourquin erklärte, dass er nichts außer einem acht Monate alten katalanischen Esel besitze. Das ist eine schöne Geschichte. Die Franzosen sind immer wieder gut mit solchen Affären, wir haben die Sache mit Elf Aquitaine und den ➱Berluti Schuhen für den Minister noch nicht vergessen. Donald Trump besitzt keinen Esel, aber er kann ständig auf Esel schimpfen. Weil der Esel das Symboltier der Demokraten ist. Das hat der Zeichner ➱Thomas Nast erfunden, dem wir auch den Nikolaus verdanken.

Und das bringt mich zu dieser Karikatur, auch einem Nikolaus, der aber Jahrhunderte älter ist als der rundliche ➱bärtige Herr von Thomas Nast. Das Bild von Jost Amman, das heute im Louvre ist, hat den Titel Saint Nicolas sur un âne costumé en Vielfrass ou glouton. Dieser Nikolaus auf einem Esel ähnelt mehr einem Waldschrat als dem heiligen Nikolaus von Myrna. Diesem Heiligen sind allerdings niemals Esel als Attribute zugeordnet worden, ich habe das ganze Kleingedruckte im achten Band des ➱Lexikon der christlichen Ikonographie gelesen. Aber warum dann dieses Bild im Jahre 1588?

Die Antwort ist einfach: es ist religiöse Propaganda der Reformationszeit. Manchmal werden Volksbräuche von einem Herrscher verboten – so wie der ➱Kinderbischof in England von Heinrich VIII verboten wurde – manchmal funktioniert die Verleumdungskampagne auch ganz gut. Der Heilige Nikolaus kommt aus der katholischen Kirche, er wird verehrt. Im Russischen findet sich das Sprichwort Wenn Gott stirbt, haben wir noch immer den Heiligen Nikolaus. Solchen Aberglauben müssen Protestanten natürlich bekämpfen. Zumal dieser Nikolaus im Volksglauben seltsame Gesellen um sich geschart hat, die man nicht mit einem Gottesmann assoziiert. Und eigentlich auch nicht ins Haus lassen würde. Wie Knecht Ruprecht, Belsnickel und den Krampus, der eher einem Teufe ähnelt (Bild). Die protestantischen Bemühungen, Nikolaus zu verdrängen, zielten teilweise auch darauf ab, ihn mit seinen teuflischen Begleitern wie dem Krampus zu identifizieren und ihn so zur Karikatur werden zu lassen, schreibt Paul Werner in Weihnachtsbräuche in Bayern: Kulturgeschichte des Brauchtums von Advent bis Heilig Dreikönig.

Der Heilige Nikolaus kommt nicht immer auf einem Esel daher wie bei Jost Amman, häufig reitet er ein weißes Pferd (wenn er nach Holland kommt, heißt das Pferd Amerigo und Sinterklaas bringt den Zwarte Piet als Gehilfen mit). Aber ebenso häufig hat er einen Esel, schließlich kann er die Geschenke für die Kinder der Welt nicht alleine tragen. In Holland legten die Kinder am Abend vor dem Nikolaustag Karotten und Heu für den Esel vor die Tür. Solange sie kein Heineken Bier dazu stellen (die Grachtenpisse trinkt ja nur ➱James Bond), ist das in Ordnung. In Tirol stellt man Schnaps (und Schnupftabak) für den ermüdeten Alten vor das Haus, ich weiß aber nicht, ob das wirklich gut für den alten Herrn ist.

So toll das Lexikon der christlichen Ikonographie (von dem ich leider nur den achten Band mit den Heiligen von M bis Z besitze) ist, es hilft uns bei all den Fragen nach dem Brauchtum nicht weiter. Da müssen wir schon die Volkskundler fragen. Als ich vor Jahren ➱Hermann Bausinger, dem Doyen der deutschen Volkskunde, zum Geburtstag gratulierte, war er überrascht und erfreut. Überrascht und erfreut war ich auch, denn diese kleine Einführung in Volkskunde und Popular Culture Studies ist von vielen tausend Lesern gelesen worden. Heute muss ein anderer Volkskundler hervorgehoben werden. Nämlich Werner Mezger, der mit seinem Buch Sankt Nikolaus: zwischen Kult und Klamauk: zur Entstehung, Entwicklung und Veränderung der Brauchformen um einen populären Heiligen etwas Fundamentales geleistet hat.

Und was machen unsere Literaturwissenschaftler, sind die etwa untätig geblieben und haben nicht über das Thema des Esels in der Literatur geschrieben? Apuleius‘ Roman ➱Der goldene Esel ist doch ein Klassiker. Und dann ist da noch der Esel, der bei den Gebrüder Grimm seine Kumpane auffordert, mit ihm nach Bremen zu gehen. Denn: Etwas besseres als den Tod findest du überall. Glücklicherweise hat Jutta Person es mit ihrem Buch ➱Esel: Ein Portrait unternommen, eine kleine Kulturgeschichte des Esels zu schreiben. Der Esel vom Nikolaus ist noch immer auf kitschigen Weihnachtskarten, aber zu Weihnachten brauchen wir Kitsch.

Und den Esel. Schließlich steht er mit dem ➱Ochsen an der Krippe, da darf er nicht fehlen: Tertia autem die nativitatis Domini egressa est Maria de spelunca et ingressa est stabulum et posuit puerum in praesepio, et bos et asinus adoraverunt eum. Tunc ad impletum est quod dictum est per Isaiam prophetam dicentem: «Cognovit bos possessorem suum et asinus praesepe domini sui.» Vielleicht ist der Esel auch ein Engel, hat der Ratzinger angedeutet.

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