Biedermeier

 

Wenn in dem Roman Alte Meister des Österreichers Thomas Bernhardt über Maler geredet wird, dann kommt Ferdinand Georg Waldmüller in dem Gespräch nicht vor. Dabei ist er doch einer der berühmtesten Maler Österreichs im 19. Jahrhundert. Also, neben Moritz von Schwind, Franz Defregger und Hans Makart. Als ich noch Knabe war, äußerte sich in mir schon die Liebe zur Kunst. Obschon verworren und unklar, wie die Begriffe sich in so zartem Alter gestalten, schwebte mir als Ideal meiner Bestimmung eine Wirksamkeit in Künstler-Kreisen in glänzenden Farbenspielen jugendlicher Einbildungskraft vor. Entschlossen, mit jeder Entbehrung, mit jedem Opfer auf dem Pfade der Kunst vorwärts zu schreiten, vertauschte ich das Gymnasium mit der Akademie, schreibt Waldmüller in seinen Erinnerungen.

Als ich noch Knabe war, waren die Herren Waldmüller, von Schwind, Defregger und Makart mit ihren Bildern in den dicken Kunstbänden meines Opas reichhaltig vertreten. Ich bin mit dem ganzen Kitsch des 19. Jahrhunderts aufgewachsen. Das habe ich schon in dem Post ➱Moritz von Schwind gestanden. Ein Post, der übrigens mehr Leser hat, als der Post zu ➱Carl Blechen. Das beunruhigt mich ein wenig. Es beunruhigt mich auch ein wenig, dass Ferdinand Georg Waldmüller zu den bevorzugten Künstlern Hitlers zählte. In der Sammlung Hitlers in Linz ist er mit sechsundfünzig Werken vertreten. Im 20. Jahrhundert ist der Wiener Augenarzt Dr Rudolph Leopold einer der wichtigsten Sammler von Waldmüller gewesen. Seine Bilder sind heute alle in dem Leopold Museum.

Von dem Quartett Waldmüller, von Schwind, Defregger und Makart ist mir der Waldmüller der liebste. Weil er der charmanteste Maler ist. Die anderen sind einfach nur furchtbar. Ein wenig Schmäh muss sein, wir sind in Österreich. Ich mag Waldmüller auch, weil er so modebewusst ist. Auf dem Selbstportrait von 1828 stellt er sich als jungen ➱Dandy dar, mit einer wunderbaren Weste, die zu seinem Halsbinder passt. Es ist die große Zeit der bunten Westen, manchmal tragen die Herren mehrere übereinander. Der Elegant des Biedermeier beweist noch Mut zur Farbe, danach wird modisch alles schwarz (lesen Sie mehr in ➱Schwarz). Kunsthistoriker haben sich bei dem Selbstportrait immer ein wenig an die Kunst von Jacques-Louis David erinnert gefühlt, aber dessen Bilder kann Waldmüller 1828 noch gar nicht gesehen haben (erst 1830 reist er zum ersten Mal nach Paris). Und doch ist an dieser Vermutung etwas dran, denn Johann Peter Krafft, dem Waldmüller malerisch viel verdankt, hatte bei David studiert.

Portraitmaler müssen etwas von der Mode verstehen, das verlangt die Kundschaft von ihnen. Die Damen wollen à la mode gemalt sein, Waldmüller tut ihnen den Gefallen. Seine Bilder werden so zu einem Modejournal des Wiener Biedermeiers. Er hielt sich an die Wirklichkeit, den Alltag, die schlichten, die „edelen Verhältnisse“. Idylle: Bei Waldmüller findet sie nicht im Goldenen Zeitalter statt, bei ihm ist sie jetzt und real und ganz provinziell. Das einfache Leben, Waldmüller malt es uns in den strahlend frischen Farben, die wir heute aus unseren Zigarettenwerbungen kennen. Rot, Blau, Grün. Theaterfarben. Jedenfalls keine realistischen Farben, schrieb Elke von Radziewsky 1990 in der Zeit.

Waldmüller ist Portrait- und Genremaler gewesen, aber er hat sich (wie diese Ulmen im Prater zeigen) auch der Landschaft zugewandt. Sehr detailversessen, aber nicht unbedingt revolutionär. Wenn man seine Landschaftsbilder mit ➱John Constable oder Blechen vergleicht, dann ist dies nicht unbedingt ein Höhepunkt der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Obgleich die Allgemeine Deutsche Biographie über ihn sagt, dass er ein Vorläufer der modernsten Freilichtmalerei sei.

Viel besser als in seinen Landschaften ist Waldmüller in einer Bildgattung, die die Engländer conversation piece nennen, ein informelles Gruppenportrait. Es ist etwas, das die Engländer im 18. Jahrhundert perfektioniert haben (und auch der nach England gekommene Amerikaner ➱John Singleton Copley hat sehr schöne Bilder dieses Genres gemalt). Waldmüller holt das englische Konversationsstück nach Wien. Hier in dem Bild des Legationsrats Theodor Joseph Ritter von Neuhaus mit seiner Gattin Albertine und den Kindern. Das Bild ist aus dem Jahre 1827, Modehistoriker versichern uns, dass das Kleid seiner Gattin in dem Jahr die große Mode war. Der Legationsrat ist mit seinen gelben Hosen zeitlos modern. So etwas trug man schon im ➱18. Jahrhundert in England, es gehörte zur Werther Tracht und Büchners Leonce redet in Leonce und Lena von seinen gelben ➱Nankinghosen (die übrigens auch ➱Fontane in London aufgefallen sind).

Ich habe das Buch von Mario Praz Conversation Pieces: A Survey of the Informal Group Portrait in Europe and America, das wirklich schönste Buch zu dem Konversationsstück, schon ➱hier besprochen. Natürlich hat Praz in seinem Buch eine ganze Reihe von Bildern von Waldmüller (auch das Bild von der Familie von Neuhaus). Dies Bild ist nicht von Waldmüller, sondern von seinem dänischen Kollegen Constantin Hansen. Es zeigt die dänischen Maler in Rom, stilistisch ist es mit seinem detailverliebten Realismus den Konversationsstücken von Waldmüller sehr ähnlich.

Der Sohn armer Wirtsleute, der das Gymnasium mit der Akademie vertauscht, mit dem Bemalen von Zuckerwerk beginnt und dann Theatermaler wird, erhält zwei Jahre nach seiner Parisreise den Auftrag, den kleinen Franz Joseph zu malen. Er malt ihn als kleinen Grenadier, der mit hölzernen Soldaten spielt: Wie ein Staatsporträt en miniature mutet das 1832 entstandene Bild des zweijährigen späteren Kaisers Franz Josef I. (1830 -1916) von Ferdinand Georg Waldmüller an, der als Grenadier verkleidet mit ungarischen Grenadier-Holzfiguren vor dem Maler posiert. Unschuldig blickt er mit seinen blauen Augen in die Welt, fast so, als hätte er mit dem Dekor gar nicht wirklich etwas zu tun. Schon früh wird hier der spätere Kaiser der Österreicher in seine künftige militärische Rolle hineingestossen, die für die österreichischungarische Monarchie bald so verhängnisvoll endete.

Den größten Triumph feiert Waldmüllers biedermeierliche Stofflichkeit in dem Bild des Notars Dr. Josef August Eltz mit seiner Gattin Caroline und seinen acht Kindern in Bad Ischl. Was Caroline Eltz da trägt, würde ausreichen, um ein Biedermeier Sofa neu zu beziehen – diese Vermutung kam mir als erstes bei diesem Bild, weil ich vor Jahren mein Biedermeier Sofa neu habe beziehen lassen. Auf der Seite des emeritierten Kunsthistorikers Thomas Zaunschirm finden Sie einen sehr schönen ➱Aufsatz zu Waldmüller, in dem auch dieses Bild behandelt wird.

Ich muss jetzt einmal von den edelen Verhältnissen der Konversationsstücke zu der ➱Armeleutemalerei Waldmüllers kommen. Diesen Titel hat das ➱Buch von Carmen Flum, und Armeleutemalerei ist auch ein etwas unscharfer terminus technicus, der schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verwendet wird. In einer österreichischen ➱Dissertation können wir lesen: Waldmüllers Bilderwelten täuschen nur oberflächlich eine heile Welt vor, unterschwellig nahm Waldmüller immer wieder zum politischen Zeitgeschehen Stellung, mit Bildthemen, die erst unter konkreter Einbeziehung des wirtschaftlichen und sozialen Umfeldes Bedeutung bekommen. Da braucht es allerdings viel Liebe, um revolutionären Sprengstoff in diesem Bild der Klostersuppe (das eher einem Barockgemälde ähnelt) zu finden. In dem Satz Please sir, I want some more von Dickens‘ Oliver Twist steckt mehr revolutionäres Potential.

Was Waldmüller hier macht, ist ein Gattungswechsel, er malt die Suppenausgabe im Kloster, als ob er ein barockes Historienbild malen sollte. Das heißt, er gibt den Personen, die niemals das Personal des Weltgeschehens sind, die Bühne, die sie nie betreten dürften. Was sind das für Bewegungen und Gesten bei diesem Eintritt der Neuvermählten? Sie scheinen aus einem ganz anderen Bild, einer ganz anderen Bildgattung zu kommen.

Natürlich malt Waldmüller nicht nur rosarote Tagträume. Er zeigt, zumal in den Jahren direkt vor der 48er Revolution, auch die Gefahren. Verhärmt sitzt eine Alte mit leerem Blick vor den heruntergebrannten Ruinen ihres Hauses. Verzweifelt beschwört die aus dem Haus Vertriebene mit den vaterlosen Kindern nach der Pfändung [Bild] den Himmel auf die Erde. Das Elend hat einfache Wurzeln: Naturgewalten sind es, Feuer oder der fehlende Mann. Nirgends auf Waldmüllers Bildern wird man einen rauchenden Schornstein entdecken, einen Webstuhl, einen Fabrikanten. Bei ihm findet Zeitgeschichte im Salzkammergut, im Wiener Wald und auf dem Prater statt. Waldmüllers Welt hatte enge Grenzen. Seine Bauern sind hellenenhafte Gestalten, letzte Aristokraten und nicht zu verwechseln mit jenen Figuren von Teniers oder Breughel, „diesen Gebilden, deren Schöpfer so recht wohlgefällig in der Gemeinheit wühlten“. 

Der positive Blick überwiegt. Erst recht nach der Revolution. Die kostbaren Farben, das leuchtend warme Rot, das Weißsilber, in das Waldmüller in frühen Stilleben kostbare Rosen mit papierzarten Blütenblättern, spiegelnde Kelche getaucht hatte, der ganze Glanz des Putztisches wandert in den fünfziger Jahren auf die Bauerngesellschaft hinüber. Mehr und mehr gewinnen seine Landleute, Bürger und Handwerker jetzt den Charakter unserer Serienschauspieler. Wir müssen sie gern haben und begegnen ihnen wieder auf den verschiedenen „Glücksbildern“, sehen die Jungvermählte, später die junge Mutter, treffen die Kinder auf dem Kirchweihfest, dann beim Veilchenpflücken [Bild].

Ich habe die promovierte Kunsthistorikerin Elke von Radziewsky, die jahrzehntelang für die Zeit schrieb, in dieser Ausführlichkeit zitiert, weil mir das viel vernünftiger erscheint, als die revolutionären Gedanken der Wiener Doktorandin. Die übrigens heute eine Singlebörse für sportliche junge Menschen betreibt. Der junge Mann auf diesem Bild (Der Abschied des Konskribierten) muss zum Militär, wir könnten wahrscheinlich irgendetwas Sozialkritisches in das Bild hineinlesen. Wenn wir wollten.

Noch mehr natürlich bei dem ➱Bild, wo die armen Bauersleute zu Weihnachten die reisende Bettlerfamilie beschenken. Es ist rührend. Aber das ist das Wesen der Genremalerei, wenn wir nicht ergriffen und gerührt sind, hat der Maler sein Ziel verfehlt. Als ich sechs war, war ich von dem Bild Die Pfändung ergriffen, ich habe noch immer jede Figur, jede Geste im Kopf. Heute bin ich bei Waldmüllers Genrebildern nicht mehr so gerührt. Man achtet auf andere Dinge. Beim Notverkauf des letzten Kalbs nicht so sehr auf das Geschehen als auf die sonnenbeschienene gelbe Wand. Und die Wolken oben links.

Ferdinand Georg Waldmüller ist am 23. August 1865 gestorben. Angeblich hat ihn der Kaiser, den er als Zweijährigen malt, ihn kurz vor seinem Tod noch geadelt. Das steht in dem englischen Waldmüller Artikel, allerdings sind die dafür angeführten Belege im höchsten Maße obskur. Was feststeht, ist, dass der Kaiser ihm 1863 die Rente erhöht hat. Es ging dem Maler, dem einst Napoleon III und Königin Victoria Bilder abkauften, im Alter nicht mehr so gut. Hätte er bei einer Bildgattung bleiben sollen? Er hätte als Landschaftsmaler reüssieren können, das zeigen die Ulmen im Prater oben und dieser Baum am Bach. Er hätte nur mehr wagen müssen.

Aber da ist diese Detailversessenheit, die diesen Baum (ein Detail aus ➱Vorfrühling im Wienerwald) aussehen lässt wie eine Photographie. Hätte Blechen solche Bäume gemalt, er hätte sich den ➱Waldweg in Spandau damit ruiniert. Es ist eine eigenartige Sache um the treeness of the tree (wie Roger Fry das genannt hat) – Sie können mehr dazu in dem Post Realisten lesen. Waldmüller stand zeitlebens mit dem akademischen Kunstestablishment auf Kriegsfuß (er verlor seine Professur im Jahre 1857). Er hat auch mehrfach zur Feder gegriffen, so zum Beispiel in den ➱Andeutungen zur Belebung der vaterländischen bildenden Kunst.

Die beginnen mit dem Satz: Indem ich die Feder ergreife, um in der gegenwärtigen Broschüre meine Ansichten über Belebung der bildenden Kunst in unserem Vaterlande auszusprechen, verhehle ich mir keineswegs, welchen Anfechtungen dieselben ausgesetzt sein werden. Als ich Indem ich die Feder ergreife, um in … las, dachte ich: Tommy Mann. Guckte nach, und siehe da: Felix Krull fängt genau so an: Indem ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit – gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde… Erstaunlich. Das Bild hier zeigt Waldmüllers Sohn Ferdinand mit seinem Hund. Und Berge. Nähe und Ferne alles ➱scharf. Wie mit einem ➱Zeiss Tessar, einem Objektiv, das man auch das Adlerauge nannte. Der junge Mann hält seinen Zylinder so in der Hand, dass wir nachschauen könnten, wer den Zylinder hergestellt hat. ➱Proust macht das auch, es ist offenbar eine Dandygeste.

Und was hätte Proust zu dieser gelben Mauer gesagt, die die Kinder hier einrahmt? Die petit pan de mure jaune auf dem Bild von Vermeer, die den Schriftsteller Bergotte fasziniert (lesen Sie mehr in ➱Bilder), ist ja nichts gegen diese Lichtinsel: Erst der alte Waldmüller scheut sich nicht, das Freilicht jäh auf ein aus dem Fenster blickendes Gesicht aufprallen zu lassen. Der das Spätwerk kennzeichnende fleckenhafte Eindruck hat auch im übertragenen Sinn zu einer Annahme der oft harten Schattenseiten des Lebens geführt. Waldmüller macht  erstaunliche Sachen mit dem Licht. Und der Impressionismus hat noch gar nicht angefangen

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Worpswede

 

Moor und Wiesen, viel Himmel drüber. Wie in ➱Holland. Dazu ein Fluss und ein Hügel, den man hier einen Berg nennt. Mehr ist da nicht in Worpswede. Auf dem Weyerberg hatte die Landgräfin Eleonore Katharine von Hessen-Eschwege einst eine Sommerresidenz einrichten wollen. Es entstand ein Wildgehege, ein Haus für den fürstlichen Entenjäger und die Slottschün, die Schlossscheune. Man beginnt mit dem Bau des Lusthauses, dann fällt ihr Ehemann im Krieg Schwedens gegen Polen. Da gibt die Schwester des schwedischen Königs den Plan auf, die Kultur nach Worpswede bringen zu wollen. Das muss jetzt noch einige Jahrhunderte warten.

Der Name Worpswede ist heute denen, die der gegenwärtigen bildenden Kunst in Deutschland ein Interesse entgegenbringen, vertraut. Seitdem im Jahre 1895 im Münchener Glaspalast zum erstenmal eine kleine Gruppe von Künstlern, die sich nach dem bis dahin unbekannten Ort ihres gemeinsamen Wirkens die Worpsweder nannten, in geschlossener Reihe auftrat, ist der Ruf jenes entlegenen Dorfes mit dem seltsam klingenden Namen und der Ruf jener Künstler, die sich in ihm ein stilles Heim geschaffen haben, begründet.

Worpswede ist bis jetzt, gottlob noch immer ein Winkel abseits von der Straße. Die Eisenbahn dampft noch nicht daran vorbei, nur auf der Postkutsche ist es zu erreichen. Nordöstlich von Bremen erhebt sich, zwei Meilen etwa von der Stadt entfernt, aus einem moorigen, stillen Land eine langgestreckte Anhöhe, die einzige, soweit das Auge reicht: der Weyerberg. Auf der einen Seite ist er fast kahl, nur mit wucherndem Haidekraut, durch das die Bienen summen, und einzelnen niedrigen Kiefern bestanden. Auf der andern Seite dehnt sich ein junger Wald verschiedener Hölzer entlang. Zu dessen Füßen erstreckt sich das kleine Dorf Worpswede. Das schreibt ➱Hans Bethge 1907 über Worpswede. Das Bild vom Weyerberg hat Hans am Ende gemalt.

Bremer betrachten die Künstlerkolonie Worpswede immer als ihr Eigentum, als einen Teil von Bremen. Das stimmt sicherlich zum Teil: Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck, Carl Vinnen (Bild), Paula Becker und Clara Westhoff kamen aus Bremen. Die Worpsweder Künstler haben sicher auch die Bremer Kunstszene um 1900 geprägt, obgleich Bremens Salonkünstler ➱Arthur Fitger nur Hass und Verachtung für sie übrig hatte. Was war der Mann beleidigt, als Vogeler und nicht er den Auftrag für die Ausgestaltung der Güldenkammer des Rathauses erhielt. Der Bremer Kunststreit wird am besten durch diese ➱Spottpostkarte beleuchtet, auf der Fitger als Don Quichote gegen die moderne Kunst reitet, während sich die Worpsweder Maler auf der rechten Seite krumm- und schieflachen.

Im Kreise von dem Marschendichter ➱Hermann Allmers (im Bilde rechts), den sie beinahe alle gekannt haben, waren die jungen Künstler gut aufgehoben. Wahrscheinlich ist ihnen sein Marschenhof in Rechtenfleth Vorbild für Worpswede als Versuch eines künstlerischen und intellektuellen Zentrums gewesen. Allmers hat die jungen Maler auch in jeder Weise gefördert.

Der Herr hier ist kein Worpsweder, das ist der Professor der Düsseldorfer Akademie Eugen (oder Eugène) Dücker, der die Moderne nach Düsseldorf brachte, beim Malen an der Ostsee. Ich mag dieses Bild sehr, ich habe es schon in den Posts ➱Hinrich Wrage und ➱Fritz Overbeck abgebildet. Eugen Dücker ist hier nicht nur zu sehen, weil ich das Bild mag, er hat auch eine Bedeutung für Worpswede. Denn: Worpswede beginnt in Düsseldorf. So hat auf jeden Fall Katja Pourshirazi, Enkelin des Worpsweder Künstlers Carl Emil Uphoff (und Leiterin des Vegesacker Overbeck Museums), ihren ➱Vortrag im Worpsweder Barkenhof genannt.

Die Gründer des ➱Künstlerdorfes (wie Worpswede von nun an immer heißen wird), Maler wie Fritz Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn (Bild), kamen nicht aus Bremen. Sie waren von der Düsseldorfer Akademie hierher ins Moor gekommen, der plakative Satz Worpswede beginnt in Düsseldorf stimmt schon. Auch Vogeler  hatte ja in Düsseldorf studiert. Eugen Dücker, der selbst die menschenleere Landschaft an Nord- und Ostsee bevorzugt, hat seine Schüler aus der Akademie in die freie Natur gejagt. Jetzt kommen die ersten im Teufelsmoor an.

Es ist die Zeit der Sezessionen, die Zeit der Stadtflucht, die Künstler zieht es aufs Land. Man entdeckt malerisch den einfachen Menschen, Arbeiter, Fischer, Bauern. In Worpswede trifft das wilhelminische Bürgertum auf arme Moorbauern, die nichts von dem ganzen Rummel haben werden, der um Worpswede gemacht wird. Dies Bild zeigt die Eröffnungsfeier der Nordwestdeutschen Kunstausstellung in Oldenburg im Jahre 1905. Der Großherzog von Oldenburg sitzt am vorderen Tisch in der Bildmitte. Der Herr im ➱Frack ganz rechts am Tisch des Großherzogs ist Heinrich Vogeler. Dies ist die Welt, aus der er kommt. Moorbauern sind hier nirgends zu sehen.

Die Künstlerkolonien sind schon überall in Europa erfunden, bevor Worpswede berühmt wird. In Dachau zum Beispiel malt man schon zwanzig Jahre vor den ersten Worpswedern. Mein Freund Peter, der mich seit Jahrzehnten zum Geburtstag und zu Weihnachten mit den wichtigsten Bremensien und den neuesten Werken der Kunstgeschichte bedenkt, hat mir einmal den hervorragenden Katalog Künstlerkolonien in Europa: Im Zeichen der Ebene und des Himmels geschenkt, der ein Panorama aller Künstlerkolonien bietet.

Bremer hören das nicht so gerne, dass ihre Worpsweder (hier Paula Becker-Modersohn) nicht so einzigartig sind und in den Künstlerkolonien Europas viel bessere Bilder gemalt werden. Denn so doll sind die Worpsweder im europäischen Vergleich nicht, wir haben sie nur lieb gewonnen, sie haben uns seit der Jugend begleitet. Sie sind Teil unseres Lebens, unseres Bremer kollektiven Bewusstseins, sie sind unsere Worpsweder. Man hat manchmal das Gefühl, dass sie entfernte Verwandte sind. Viele Bremer, nicht nur mein Opa, haben auch Maler aus Worpswede gekannt.

Die Worpsweder Maler sind in Bremen noch in vielen Häusern präsent. Und jede Bremer Familie hat ihren eigenen Worpsweder Maler, den sie mag. Ich weiß noch, dass ich einmal 1958 in Bremen bei Leuten zu Gast war, die äußerst fachkundig über Hans am Ende (Bild) redeten und ein Bild von ihm über dem Sofa hatten. Ich hatte den Namen damals noch nie gehört, geschweige denn ein Bild von ihm gesehen. Es gibt in den fünfziger Jahren noch keine Bücher über die einzelnen Maler, aber jeder hat Geschichten über sie zu erzählen.

Aber, wenn wir ehrlich sind, so lieb uns die Maler sind, sub specie aeternitatis betrachtet, können nur wenige wirklich gut malen. Ich hätte lieber etwas aus Ekensund oder aus Skagen (zu der Malerkolonie gibt es ➱hier einen ausführlichen Post) an der Wand als ein Bild aus Worpswede. Ich darf das sagen, ich bin mit alledem aufgewachsen. Opa kannte Fritz Overbeck (hier der Eingang der Villa am Bröcken bei Vegesack, gemalt von Hermine Overbeck-Rohte). Bei uns zu Hause hingen Worpsweder an der Wand. Ich war in beinahe jeder Worpsweder Ausstellung des letzten halben Jahrhunderts, und ich habe bestimmt einen Meter Bücher zu Worpswede im Regal. Steht jetzt alles in der zweiten Reihe, ich mag es eigentlich nicht mehr sehen.

Denn so plakativ schön vieles ist, richtig künstlerisch entwickelt haben sich die Worpsweder auch nicht. Was sie auch wohl selbst wussten. So erschien in der Worpsweder Zeitung zur Vierzigjahrfeier der Künstlerkolonie am 11. Oktober 1924 ein satirisches Preisausschreiben, das als ersten Preis folgendes auslobte: 1. Preis: Ein original Worpsweder Motiv, bestehend aus: 1 frisch gestrichenes Strohdachhaus, 1 fleckige Kuh, 1 Paar braune Segel, 1 Dtzd. Gutgewachsene Birken, 1 Ia. Sonnenuntergang (alles vom Verschönerungs=Verein Worpswede eigens angepflanzt und sofort lieferbar). Den richtigen Lösungen des Preisausschreibens waren 20 Mark Worpsweder Notgeld beizufügen. Man muss dazu sagen, dass diese Sondernummer der Worpsweder Zeitung zum 11. Oktober eine Ulknummer war. Das Bild hier ist von dem Maler Eduard Euler (der an einem 19. August geboren und an einem 19. August starb), der mit Overbeck im Jahre 1892 nach Worpswede kam.

Satire hin und her, was da so ironisch beschrieben wird, ist eigentlich die gesamte Worpsweder Bildwelt. Viel mehr ist nicht. Das Moor zieht nicht nur den einsamen Wanderer in den Erzählungen in seinen Bann und lässt ihn nicht mehr los, es scheint auch die Worpsweder Maler nicht mehr loszulassen. Overbeck, der keine sentimentalen Gefühle für Worpswede hat (Ich bin nicht sentimental, hat er auf die Frage geantwortet, ob er das Künstlerdorf vermisse), zieht nach Vegesack. Man weiß nicht, wohin er sich entwickelt hätte, weil er plötzlich mit neununddreißig Jahren an einem Gehirnschlag stirbt.

Auch Otto Ubbelohde zieht (wie viele andere) wieder weg und entwickelt sich weiter. Modersohn zieht nach Fischerhude und flirtet mit dem Expressionismus, verändert sich aber nicht wirklich. Dafür lieben ihn erstaunlicherweise die ➱Nazis. Vielleicht sollte ich auch Ottilie Reylaender in diesem Zusammenhang erwähnen. Einstmals wie Paula Becker und Clara Westhoff Schülerin von Mackensen, danach Weltenbummlerin. Sie hatte 2013 in Worpswede in der Ausstellung Malerinnen im Aufbruch: Frauen erobern um 1900 die Kunst ein Comeback. Ich mag diesen Worpsweder Märchenmond, der um 1900 entstand.

Vogeler, der im Ersten Weltkrieg dem Kaiser einen ➱Friedensbrief schreibt, zieht in die Sowjetunion, aber was er da malt, könnte jeder begabte Werbegraphiker auch malen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das bremische Bürgertum, das sich so kunstverständig gibt, die falschen Künstler heilig gesprochen hat, ob das nun die Heilige Paula Becker-Modersohn ist (gegen ihre malerische Tristesse darf man ja nichts sagen, weil sie dies schwere Leben hat). Oder Fritz Mackensen (hier sein Bild Die Scholle. Rilke konnte sich bei der ➱Interpretation des Bildes gar nicht mehr einkriegen), der der bereitwilligste Obrigkeitsspitzel gegen sozialistische und kommunistische Umtriebe im Dorf ist. Mackensen und der Schriftsteller Manfred Hausmann sind nicht die einzigen Nazis im Ort. Es hat lange gedauert, bis ➱Ferdinand Krogmann (Worpswede im Dritten Reich 1933 – 1945) und Arn Strohmeyer den ➱Mythos Worpswede kritisch beleuchtet haben.

Dass Fritz Mackensen, Major der Propaganda-Ersatzabteilung und von Adolf Hitler in die Gottbegnadeten-Liste der deutschen Maler aufgenommen, durchaus malen kann, ist unbestritten. Am besten finde ich das Portrait seiner Tochter Alexandra, das er um 1938 gemalt hat. Es sieht im Original noch viel besser aus als auf dieser Kunstpostkarte. 1938 hatte der Dr honoris causa Mackensen gerade eine große Worpsweder Ausstellung organisiert, in der eine jüngere, kritische Generation von Worpsweder Malern nicht zu finden war. Die auch schon vorher bei Mackensen und anderen unbeliebt waren. Die Bremer Nachrichten schreiben 1936: Dieser hohle Lärm, den abseits vom Volk, das hier eben für dumm verkauft wurde, Snobs, Halbnarren und Geschäftemacher aufführten, und der besonders auch in und um Worpswede trübe Kreise zog, ist heute rückhaltlos abgedreht worden.

Viele Bilder der Maler der zweiten Generation (wie hier das Bild von Helmuth Westhoff) sind origineller und frischer als die Bilder von der ersten Generation. Das gilt auch für Walter Müller, der Vogelers Tochter Bettina heiratet. Und vieles von Richard SprickWilhelm BartschKarl Krummacher oder Alfred Kollmar. Von Udo Peters ganz zu schweigen. Aber es ist das Schicksal der zweiten Generation, dass die Kunstgeschichte von ihr nicht so viel wissen will. Das beste Buch zu diesem Thema ist Bernd Küsters Kunstwerkstatt Worpswede. Es ist eine Begleitschrift zu den Ausstellungen des Landkreises Osterholz in Worpswede im Jahre 1989 (finanziert von der Deutschen Bank und Daimler Benz).

Wenn man 1924 in Worpswede eine Vierzigjahrfeier ausrichtet, verlässt man sich auf Aussagen von Mackensen, dass die Kolonie schon 1894 gegründet wurde. Andere sehen das anders, und so bringt die Deutsche Bundespost 1989 eine Sonderbriefmarke 100 Jahre Künstlerdorf Worpswede heraus, die Vogelers Bild von dem Konzert auf der Terrasse des Barkenhoffs zeigt. Die schöne 60 Pfennig Marke ist das i-Tüpfelchen eines Vermarktungsprozesses, den sich die Maler vor hundert Jahren nicht hätten vorstellen können. Worpswede ist schon zu einer Art Warenzeichen geworden, und Touristen können in Worpswede und dem benachbarten Fischerhude (die sogar einen Verlag namens Atelier im Bauernhaus haben) alle möglichen Devotionalien kaufen. Bücher, Plakate, Kunstdrucke, Reproduktionen auf Leinwand, Postkarten.

Manche Maler, wie Fritz Overbecks Frau Hermine Rothe, der hervorragende Otto Ubbelohde (der in Worpswede dies wunderbare Mädchenbild malt) oder der unterschätzte Helmuth Westhoff (der Bruder der Bildhauerin Clara Westhoff), gehen dabei ein wenig unter. Dafür vermarktet man aber auch schon Worpsweder der zweiten und dritten Generation wie zum Beispiel den kitschigen Feodor Szerbakow. Und die Norddeutsche Volkszeitung hat es auch geschafft, den Blumenthaler Willi Vogel als einen der letzten Worpsweder anzupreisen (lesen Sie ➱hier mehr).

In Vegesack hat man in dem alten Packhaus am Hafen, das nach einer Firma namens Kistentod nur KITO heißt, ein Museum für Fritz (und glücklicherweise auch für Hermine) Overbeck eingerichtet. Natürlich haben die inzwischen auch einen Museumsshop. Das Ganze wird ehrenamtlich betrieben, im Vorstand des Vereins sitzen noch Nachkommen der Overbeck Familie. Der Speicher der KITO mit den weißen Wänden und den alten Holzbalken hat ein gutes Licht für die Bilder.

Immerhin kümmert man sich jetzt um den Sohn des Direktors des Norddeutschen Lloyds und seine malende Gattin. Das sah in den fünfziger Jahren ganz anders aus, als seine Bilder und Skizzen in dem Glashaus neben der Villa am Bröcken verrotteten. Ich wollte mal Peter dafür begeistern, dass wir einen Katalog des restlichen Oeuvres machten, aber angesichts des Elends hat der nur müde abgewinkt. Ich weiß noch, dass meine Mutter jede Woche einen riesigen Topf kräftiger Suppe zu dem Fräulein Overbeck brachte, das noch in der Villa wohnte. Aber die Geschichte steht natürlich auf keiner Internetseite. Da steht eher: Nach dem Tod [von Hermine Overbeck] sicherten die Kinder den künstlerischen Nachlass von Fritz und Hermine Overbeck. Da kann man nur sagen: Truth is the daughter of time.

In den fünfziger Jahren haben Worpsweder keinen großen Marktwert. Heute vielleicht auch nicht, denn das schöne Bild von ➱Eduard Euler oben wird für nur 850 Euro verkauft, die ➱Frühlingslandschaft von Wilhelm Bartsch für 600 Euro. Selbst Fritz Overbecks Slottschün (das letzte Relikt von Gräfin Eleonores Worpsweder Bauplänen, das 1938 abgerissen wurde) war für 1.200 Euro zu haben. Wenn ich nicht schon ein paar Worpsweder an der Wand hätte, würde ich jetzt kaufen.

Es war noch vor der Währungsreform, als ich zum ersten Mal Worpswede von der Ferne sah. Ich habe diesen Augenblick, der wie ein kleiner Film in meinem Kopf gespeichert ist, in dem Post ➱Findorff beschrieben. Die erste Begegnung mit Worpswede war Kaffeetrinken aus den kleinen Kaffee HAG Tassen im Café Verrückt (Bild). Ich war sechs, und mir war hinterher schlecht. Ich weiß nicht, was die damals in den Kaffee taten. In Hoetgers seltsamem Bau bin ich noch viele Male gewesen, das gehörte bei einem Worpswede Besuch dazu, ich habe dann aber immer Tee getrunken.

Zu Worpswede gehört auch der Barkenhof, der Weyerberg und der Worpsweder Bahnhof. Der vielleicht das schönste Kunstwerk ist, das Vogeler zustande gebracht hat. Man hat den Bahnhof renoviert, zum großen Teil ist noch das originale Jugendstil Mobilar vorhanden. Die Deutsche Bahn braucht den Bahnhof nicht mehr, heute ist ein Restaurant in den Wartesälen. Bei der furchtbaren Kommerzialisierung des Ortes kann man ja froh sein, dass es kein McDonald oder Burger King geworden ist.

Die traulichen Zeiten sind dahin, da man sich von lästigen, unsympathischen Kollegen zurückziehen konnte in die erhabene Stille der Natur, in das einzige Dörfchen. Zehn Maler wandern jetzt hier herum, oh, man möchte vor Wut und Abscheu selber fortziehen. Das ist kein Zitat von heute, das schreibt Otto Modersohn 1894 an Fritz Overbeck. Sie mochten sich nicht alle, sie bilden auch keine Schule oder eine wirkliche Gemeinschaft. Auch wenn Rilke in sein Tagebuch schreibt: Eine Gemeinsamkeit, die sich gerundet hat, ist ein Heiligtum. Laßt uns unser Heiligtum hüten. Rilke muss immer übertreiben, er kann nicht anders.

Dies heute ist nicht der erste Post zu den Malern von Worpswede (und auch der Photograph Hans Saebens, von dem dieses Photo stammt, ist ➱hier schon erwähnt worden), mein Bestseller heißt ➱Heinrich Vogeler, fünfstellige Leserzahlen. Gefolgt von den Posts ➱Franz Radziwill und ➱Richard Oelze (der an Worpswede keine guten Erinnerungen hat, weil man ihn da in der Nacht verprügelt hat). Aber es gibt noch viel mehr Worpswede. Wenn Sie wollen, klicken Sie mal diese Posts an: NiedersachsensteinFritz OverbeckKunsthalle BremenThomas HerbstAlbert WeisgerberAlbert StaguraFrank DuveneckRichard von HagnMagischer RealismusFette HenneKiautschouAfrikaSchlittschuhlaufenRönnebeckManfred HausmannMagischer RealismusCato Bontjes van Beek

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orientalisch

 

Links vom Eingang war das große Zimmer, das Gerhard Rohlfs gewidmet war. Daneben war ein kleiner Tisch, an den sich Opa am Sonntag setzte, wenn er die Aufsicht im Heimatmuseum übernommen hatte. Neben dem Tisch war die Tür zu dem großen Saal im Erdgeschoß, der ganz dem Walfang gewidmet war. Schließlich hatten sich viele Kapitäne, die im 19. Jahrhundert ihr Vermögen mit dem Töten von Walen gemacht hatten, hier im Ort niedergelassen.

Als Melville seinen Roman ➱Moby-Dick schreibt, ist der Walfang weltweit auf dem Höhepunkt, danach geht er unter. Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist auch ein Höhepunkt des Kolonialismus, Frankreich besitzt jetzt nicht nur die Maghreb Staaten, es erobert jetzt auch die Sahara. Die von Gerhard Rohlfs, dem berühmten Sohn unserer Stadt (hier mit seinem schwarzen Diener), als erstem Europäer durchwandert wurde (lesen Sie hier ➱Quer durch Afrika). Walfang und Kolonialismus: für beides war in unserem Heimatmuseum Platz.

Es gab auch Photos vom modernen Walfang. Modern heißt in diesem Fall: aus den dreißiger Jahren. Damals als ➱Walter Rau aus Hilter und sein Konkurrent Fritz Hohmann (FriHoDi) aus Dissen ihre Fabrikschiffe zum Abschlachten von Walen auf die Weltmeere schickten. Auf Rau und Hohmann war Opa nicht so gut zu sprechen, aber das hatte damit zu tun, dass er aus dieser ➱Gegend kam und die Familien kannte. Die beiden Bilder zeigen denselben Wal, nicht gejagt und getötet – der hatte sich im 17. Jahrhundert in die Weser verirrt. Beide Bilder sind von dem Maler Franz Wulfhagen. Das obere hängt in unserem Heimatmuseum, das andere im Bremer Rathaus. Es ist mit 955 × 355 cm so groß wie ein kleiner Wal.

Bis Opa um zehn das Museum öffnete, durfte ich im Saal mit den Walen und im oberen Stockwerk spielen, wo sich alles zur ➱DGzRS fand (schließlich kam der Gründer ➱Adolph Bermpohl aus dem Ort). Les enfants s’ennuient le dimanche galt für mich nicht. Die Räume, die Gerhard Rohlfs und dem Botaniker ➱Albrecht Roth gewidmet waren, waren allerdings für mich off limits (ich liebte damals solche Wörter, die ich von den amerikanischen Besatzungssoldaten aufgeschnappt hatte). Die Bibliothek des Afrikaforschers erschien mir auch nicht so interessant. Wenn man sechs ist, ist eine Harpune für den Walfang oder ein kleines Kunstwerk aus ➱Scrimshaw interessanter als ein Brief Goethes an Dr Roth. Heute würde mich der Goethebrief mehr interessieren. Das Heimatmuseum ist umgezogen, heute sieht das alles so ordentlich aus, die Bücher hinter Glas, all das gab es früher noch nicht.

Die Flaggen sind heute auch unter Glas, früher hingen sie an der Wand. Alles in den Räumen war von dem Studienrat Alwin Belger geordnet worden, der war der Lieblingslehrer meiner Mutter am Lyceum gewesen. Er hatte im Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger ein Bein verloren, und er ist in den letzten Kriegstagen zufällig durch einen englischen Tiefflieger getötet worden. Nur wenige Meter entfernt von unserem Heimatmuseum, in dem er die letzten Jahrzehnte mit der Aufarbeitung des Gerhard Rohlfs Nachlasses verbracht hat. Er wollte mal eben durch das Fernglas der Flakstellung neben dem Hotel Norddeutscher Hof schauen; wäre er im Museum geblieben, wäre ihm nichts passiert. Man hatte ihn noch auf eine Schubkarre von Polstermeister Üne Flügel gegenüber gelegt und zum Hartmannstift gefahren, aber es war ihm nicht mehr zu helfen. Sein geplantes Buch Die große Zeit deutscher Afrikaforschung und deutscher Kolonialarbeit: Nach dem Briefwechsel von Gerhard Rohlfs ist nie erschienen.

Das große Manko der Gerhard Rohlfs Zimmer war, dass es nur Bücher, Briefe (4.500) und Reisemitbringsel gab. Aber was interessierte mich das Tuch, das die Kaiserin von Abessinien ihm geschenkt hatte? Bilder von Afrika wie dieses von Eugène Giraud gab es da nicht. Der französische Maler, Karikaturist und Kupferstecher wurde heute vor 210 Jahren geboren. Er ist einer von vielen französischen Malern, die Algerien bereisen, wo für die Franzosen damals der Orient anfängt.

Girauds Afrika ist ein anderes Afrika als das von Gerhard Rohlfs, der zuerst als Apotheker und Wundarzt der Fremdenlegion nach Afrika kommt. Rohlfs (hier in Verkleidung) flieht aus der kleinbürgerlichen Stadt der Kapitäne und des Walfangs. Er sucht den Krieg (auf dem Schlachtfeld von Idstedt hatte man ihn zum Leutnant ernannt) und das Abenteuer, Giraud sucht die Schönheiten Algeriens. Oder Ägyptens, wie auf dem Bild im oberen Absatz: M. Eugène Giraud va chercher l’Orient en Espagne, aussi bien qu’en Algérie, et il le trouve partout, heißt es 1864 in einem französischen Journal. Und dann sind da auch noch die Schriftsteller unterwegs, wie zum Beispiel ➱Gustave Flaubert, der in Afrika die Vorarbeiten für seinen purpurnen Traum Salammbô macht.

Spätestens seit Napoleons Ägypten Abenteuer und Delacroix‘ Bildern, macht sich der Orientalismus überall breit. Verdi schreibt seine Aida, Flaubert Salammbô (ein Lokal auf St. Pauli hieß später auch so), Jean-Léon Gérôme und Ingres malen Harems. Das macht Giraud auch, man kann den Kritiker verstehen, der von les femmes lascives et languissantes d’un harem d’Eugène Giraud spricht. Doch so schlimm, wie die ➱Soft Porno Bilder von Jean-Léon Gérôme sind sie nicht, da irrt sich Gerard-Georges Lemaire in dem Buch Orientalismus: Das Bild des Morgenlandes in der Malerei (das man nur wegen der Bilder, nicht wegen des Textes empfehlen kann) gewaltig.

Wir haben in Deutschland nicht so viele Orientmaler. Weil wir auch noch keine Kolonien wie die Franzosen haben. Aber wir haben Gustav Bauernfeind, der schon in den Posts ➱Lawrence Alma Tadema, ➱Emily Ruete und ➱Horace Vernet erwähnt wird. Die letzten beiden Posts enthalten auch einiges zum Orientalismus, es wäre schön, wenn Sie die lesen würden. Den Gustav Bauernfeind hatte man nach seinem Tod schnell vergessen, hat ihn aber in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckt. Seine Klagemauer, Jerusalem brachte bei Sotheby’s vor neun Jahren 4.500.000 Euro. Damit ist das Gemälde wahrscheinlich das teuerste aller Bilder des Orients.

Die Bilder von Giraud kommen in Paris gut an, er ist im Pariser Salon vertreten, auch wenn man ihn ein wenig kritisiert: Monsieur Eugène Giraud a des Femmes d’Alger qui rappellent singulièrement par la composition sinon par la couleur, le tableau du même titre de Monsieur Delacroix. En examinant de près cette toile, on s’aperçoit bien vite que Monsieur Eugène Giraud sait peindre en très habile praticien, et qu’il est passé maître dans l’exécution matérielle, dont il surmonte les difficultés comme en jouant. Pourquoi donc ce parti pris d’aspect papillotant et léger, cette peinture pailletée et tout ce clinquant de faux alois qui peuvent abuser sur la solidité de sa pâte et la sûreté de sa touche ?

Giraud geniesst auch das Wohlwollen des Königs Louis Philippe (und später das von Napoléon III), hier hat ihn ein jüngerer Bruder Charles mit seiner Familie in seinem Studio gemalt. Er ist kein armer Mann, eher ein kleiner Malerfürst. 1846 war mit Adolphe Desbarolles (dem Meister der Handlesekunst) nach Spanien gereist, traf dort Alexandre Dumas und seinen Sohn und begleitete sie nach Algerien. Als Dumas mit seinem Sohn nach Spanien zurückkehrte, ist Giraud allein nach Ägypten gereist. Dumas‘ Reisebuch ➱De Paris à Cadix: Impressions de voyage hat er später illustriert.

Er hat nicht nur Szenen aus Nordafrika gemalt, dieser Maskenball findet wahrscheinlich in Paris statt. Kostüme sind Girauds großes Forte, der Maler, der auch Karikaturist ist, hat einen Blick für Kostüme und die Mode (er wird auch die Bühnenbilder und Kostüme für Theaterstücke von Victor Hugo und Alexandre Dumas entwerfen). Wir können davon ausgehen, dass die Kleidung seiner Haremsdamen eher der Wirklichkeit entspricht als die auf den Bildern vieler seiner Kollegen.

Und das bringt mich zu diesem Bild, das L’orientale heißt. Man weiß nicht sehr viel darüber, man weiß nicht, wann es entstanden ist. Es ist sehr klein: postkartengroß. Und doch ist seine Wirkung größer als der zehn Meter lange Wal im Bremer Rathaus. Nun kann man Wale und Frauen schlecht vergleichen – obgleich Leslie Fiedler mal gesagt haben soll, dass der weiße Wal in Melvilles Moby-Dick die überzeugendste Frauenfigur des amerikanischen Romans sei. Wir könnten die junge Dame, die eine Zigarette raucht wie Carmen in der Oper, ➱la belle inconnue nennen, wenn dieser Name nicht schon vergeben wäre. Sie bleibt geheimnisvoll, aber es ist ein wirklich schönes Bild, über das man einen Roman schreiben könnte.

Es gibt im Netz eine ➱Magisterarbeit von Laetitia Levrat über Giraud, aber da erfahren wir leider auch nicht mehr über die orientalische Schönheit: L’Orientale (Cat.71) est une autre toile consacrée à la représentation féminine. Le décor est minime et toute l’attention se porte sur une femme en train de fumer assise sur un divan. Encore une fois, la date de l’œuvre nous est inconnue. Bien entendu, il est exagéré de qualifier cette peinture d’impressionniste. Mais l’artiste a essayé quelque chose dont il ne nous avait pas habitué par le passé. Néanmoins, jusqu’à la fin de sa vie Giraud fait partie des peintres que l’on nomme « académiques ». Peut-être s’est-il laissé séduire par certains aspects de la peinture de ses contemporains. N’oublions pas que l’un des traits principaux de son caractère est la curiosité et il ne parait pas étonnant qu’il tente de nouvelles expériences picturales.

Giraud hat Gustave Flaubert gemalt, aber sein ➱Bild ist lange nicht so gut wie diese wunderbare Karikatur aus dem Jahre 1866. Die beiden Herren kannten sich. Flaubert war ein ständiger Gast im Salon von Napoleons Nichte Mathilde Bonaparte, Giraud hatte ihr Zeichenunterricht erteilt. Und falls Sie

eine Lesehilfe brauchen, um Flaubert zu lesen, dann greifen Sie zu dem Engländer Julian Barnes. Sein Roman Flaubert’s Parrot ist ein geniales Buch und die schönste Einführung in die Welt von Flaubert.

Lesen Sie auch: Emily RueteAfrikaGustave Flaubert

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Joseph Anton Koch

 

Schreibe ich über Joseph Anton Koch oder lasse ich es? Die Frage stellte mir, als ich auf das Kalenderblatt vom 27. Juli bei Wikipedia schaute. Der Maler wurde am 27. Juli 1768 geboren, in seiner Jugend hatte er noch Ziegen gehütet. Durch die Empfehlungen eines Bischofs war er zur Karlsschule nach Stuttgart gekommen, einer Militärakademie, die einige Berühmtheit hatte, weil Friedrich Schiller da auch gewesen war. Der war noch mit fünfzehn Bettnässer, was die Biographen auf den harten militärischen Drill schieben. Joseph Anton Koch hat die Militärakademie nach sechs Jahren verlassen, der mit der französischen Revolution sympathisierende Eleve kam damit einem Rausschmiss zuvor. Malte aber mal eben diese schöne Karikatur auf die Kunstpraxis an der Hohen Karlsschule.

Und floh erst einmal in die Schweiz, danach ging er nach Italien, wo er bis zu seinem Tode blieb. Die Alpen vergaß er nie, er malte viele Bilder, die man als heroische Landschaft bezeichnet. So etwas ist in der Geschichte der Malerei nicht ganz neu, schon ➱Nicolas Poussin hatte solche Bilder gemalt. Aber die Romantik wird das Thema neu entdecken, sogar der Schriftsteller Gottfried Keller wird eine solche heroische Landschaft malen.

Auf diesem Bild von Blunck, das den Bildhauer Bertel Thorvaldsen (ganz rechts am Tisch) und seine Freunde in einer römischen Trattoria zeigt, ist Joseph Anton Koch leider nicht mit drauf. Hätte er aber sein können, denn er war mit ihm befreundet, und der Katalog Künstlerleben in Rom. Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Der dänische Bildhauer und seine Freunde hat eine Vielzahl von Einträgen für seinen Namen. Die Ateliers von Thorvaldsen und Koch werden für Jahrzehnte die Anlaufstationen für alle durchreisenden Künstler sein (auch ➱Blechen wird bei Koch wohnen). Das Bild von Detlev Blunck war übrigens schon in dem Post ➱Bertel Thorvaldsen zu sehen.

Die Landschaft mit dem Regenbogen hat Koch 1805 gemalt, es ist das Jahr, in dem er mit dem ➱Schmadribachfall beginnt. Den lässt er aber erst einmal auf der Staffelei (oder in einer Ecke des Studios) stehen, erst 1811 wird er ihn vollenden. Das Bild ist heute in Leipzig, die Neue Pinakothek München hat eine spätere Fassung. Die früheste Fassung des Bildes ist dieses Aquarell von 1794, das das Kunstmuseum Basel besitzt. Es ist in seinem Detailreichtum und der Luftigkeit der Farben vielleicht schöner als die anderen Bilder.

Koch hat sein Bild in einem Brief an seinen Freund Robert von Langer selbst beschrieben als: Eine sozusagen prachtvolle Wildnis mit Gletscherkaskaden, Wolken, welche zum Teil die Gebirge umschleiern, machen den Hintergrund aus; In der Mitte befindet sich ein undurchdringlicher Wald von Tannen und anderem wilden Gewächs und Felstrümmern und stürzenden Wassern vermischt. Der Vordergrund ist die Tiefe des Tales, von frischem Grün erfreut, mit dem brausenden Strom der Steinberg Lütschüne, in welch sich oben gedachte Wasser stürzen. Der ich aus einem solchen Bergland geboren bin und mich selbst als Kind solcher majestätischer Natur schon immer freute und deren Erinnerung mir noch jetzt tief eingeprägt ist. Auch besitze ich sehr fleißige Zeichnungen nach der Natur hiervon.

Der Maler Joseph Anton Koch wäre mir eigentlich schnurzpiepeegal. Wenn da nicht diese Reproduktion des Schmadribachfalls wäre, die ich jahrelang an die Wände verschiedener Studentenbuden gepappt hätte. Ich weiß nicht weshalb. Aber ich kenne natürlich jeden Quadratzentimeter des Bildes. Die Reproduktion ist heute nicht mehr an der Wand, die ruht in einer großen Mappe im Keller. Wenn Sie mehr über Kochs Gemälde wissen wollen, dann kann ich Hilmar Franks kleines Buch in der hervorragenden Reihe Kunststück des Fischer Verlags empfehlen. Und diese ➱Seite auf der ein Kunstpädagoge didaktisch das Bild analysiert, besser kann man es nicht machen.

Die kleine Winzerstadt Olevano hatte Joseph Anton Koch um 1803 entdeckt. Er entdeckte da nicht nur die Schönheit dieser Landschaft, er entdeckte auch eine schöne Italienerin namens Cassandra Ranaldi, die er drei Jahre später heiratete. Besonders angetan hat es Koch ein Eichenwäldchen oberhalb von Olevano, das Serpentara (Schlangenwäldchen) heißt. Das wird dann für den Rest des Jahrhunderts für alle deutschen ➱Maler, die Rom besuchen (sogar für den Deutschamerikaner ➱Albert Bierstadt), die Vorlage für das Zeichnen von Eichen sein.

Als der Maler Edmund Kanoldt (diese Zeichnung des Serpentara Wäldchens ist von ihm) 1873 erfährt, dass man den Wald abholzen und zu Eisenbahnschwellen verarbeiten will, alarmiert er den deutschen Botschafter in Rom. Und dann gibt es eine beispiellose Aktion, Künstler sammeln und spenden (der Maler Carl Schuch übernimmt ein Viertel der Kosten), um das Wäldchen zu kaufen. Und da Deutsche immer übertreiben müssen, ist das Schlangenwäldchen inzwischen zu einem heiligen Eichenhain geworden.

Was wären wir Deutschen ohne Wald? Ohne das Lindenblatt, das auf Siegfried fällt, ohne Hermann den Cherusker, ohne ➱Wolfsschlucht, ohne Eichendorffs Wälder und die Märchen der Brüder Grimm? Könnte ich jetzt stundenlang drüber schreiben. Habe ich auch schon getan, ich liste unten einmal einige Posts zum Thema Wald auf. Und ich muss natürlich das Buch von Simon Schama Landscape and Memory (Der Traum von der Wildnis) erwähnen, das ein schönes Kapitel über den deutschen Wald hat.

Die Gegend von Olevano war nicht mehr unbedingt idyllisch, jetzt im Risorgimento häufen sich in der ruhigen Gegend die Überfälle durch banditti. Die kommen normalerweise auf den Bildern von ➱Salvator Rosa vor (dies ist eins seiner Bilder), aber es scheint sie auch in der Wirklichkeit zu geben. Die Malerin Louise Seidler (die Sie schon aus dem Post ➱Georg Friedrich Kersting kennen) hat in ihren Lebenserinnerungen davon berichtet, wie Briganten den Baron von Rumohr überfallen wollten und den Maler Friedrich Salathè entführten. Die Geschichte geht aber gut aus.

Wenn Deutsche sich etwas vornehmen, dann führen sie das auch zu Ende (vom Flughafen Berlin-Brandenburg einmal abgesehen), das Serpentara Wäldchen (hier ein Bild von August Lucas) wird nicht abgeholzt, es bleibt in deutscher Künstlerhand. Bis heute. Denn da gibt es die Villa Serpentara, die so etwas Ähnliches wie die Villa Massimo ist.

Obgleich ich die Alpen nicht unbedingt mag, schreibe ich doch häufig über sie. Wenn Sie den Post ➱Tanzseuche anklicken, finden Sie Links zu all den Alpen Posts. Ich war noch keinen Monat im Netz, da musste ich schon über die Alpen schreiben und in dem Post ➱Ästhetik diese kleine Geschichte erzählen: Aus der Zeit von Sir Arthur Conan Doyle (dem seine Schneider besonders dicke Tweedhosen gemacht hatten, damit er die verschneiten Hänge herunter rutschen konnte) datiert auch eine kleine Geschichte, die man sich in Bremen erzählt. Wo man sich ja englischer als die ➱Engländer gibt. Das tun die Hamburger ja auch, aber die sind für die Bremer ja nicht wirklich zurückhaltend englisch, eher schon neapolitanisch leichtlebig. Also, eine Bremer Senatorenfamilie fährt mit der Eisenbahn in die Alpen. Und angesichts des Panoramas der schneebedeckten Berge und des ewigen Eises springt der Sohn auf und ruft: Guck mal, Vadder. Was scheun. Die Alpens. Und der Vater sagt: Junge, exaltier Dir nicht so. Worauf die Mutter, das Verhalten des Juniors erklärend, einwirft: Das musst Du verstehen, er studiert ja nun schon ein Semester in Hamburg.

Es wird nicht verwundern, dass es in einem Blog namens SILVAE manchmal um Wälder geht. Lesen Sie auch: silvae: Wälder: Lesen, Eisenhammer, Deutsche Romantik, Wolfsschlucht, Lützow, Moritz von Schwind, Vollmond, Caspar David Friedrich, Adalbert Stifter, Zweite Heimat

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Katzenjammer

 

Dies ist der Maler Rudolf Hirth, der sich ab 1875 Rudolf Hirth du Frênes nannte (das war der Mädchenname seiner Mutter), klingt sicher für die Kundschaft eindrucksvoller. Er wurde am 24. Juli 1846 geboren, er starb wenige Wochen nach seinem berühmten Bruder, dem Schriftsteller und Buchdruckereibesitzer Dr Georg Hirth. Das schöne Portrait ist von seinem Freund Wilhelm Leibl gemalt worden, und Hirth wird zum Leibl Kreis gezählt. Nach dem Auseinanderfallen der Gruppe fehlte ihm der Orientierungspunkt in seinem Leben.

Hirth hat seinen Freund Leibl, der ein leidenschaftlicher Segler war, hier zusammen mit seinem Malerfreund Josef Sperl gemalt (das Bild ist heute im Besitz der Kunsthalle Karlsruhe). Ein flottes, frisches Bild, ein guter, großer Wurf in glücklicher Stunde, schreibt Georg Jacob Wolf 1923 in Leibl und sein Kreis. Besonders gut segeln konnten die beiden Maler wohl nicht, Sie können ➱hier auf einer Seite zum Thema Segeln auf dem Chiemsee mehr dazu lesen. Und wenn wir schon beim Chiemsee angekommen sind, kann ich den schönen kleinen Post zu dem Chiemseemaler ➱Albert Stagura auch noch empfehlen. Seit 1866 teilen sich Hirt, Leibl und Sperl ein Studio, als Hirth 1875 dies Bild malt, ist es mit der Gemeinsamkeit des Leibl Kreises schon dahin.

Hirth verließ um 1880 München und ging nach Holland, es sollte nur eine Studienreise sein. Sie dauerte fünf Jahre. Er war in Holland, Belgien und Paris, er hat die Bilder Manets gesehen, aber seine Bilder wurden immer schlechter. Die Art seines Arbeitens und die Qualität seiner Bilder werden immer ungleicher. Die Skala reicht von guten bis zu ungenießbaren Bildern, heißt es in der Deutschen Biographie. Der Kunstmarkt reflektiert das, diese Berghütte hätte man bei einem Auktionshaus schon für 180 Euro bekommen können.

Er ist in Miltenberg gestorben, da ist man bannig stolz darauf, dass man einige Bilder von ihm besitzt. Die sollten mal lieber die besten Bilder von Philipp Wirth in das Internet stellen, aber das habe ich schon in dem Post zu ➱Philipp Wirth gesagt. Dies ist ein Blick in das Miltenberger Museum, man kann da aber im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken weder Hirth noch Wirth erkennen.

Wahrscheinlich kann man als Maler mit solchem Kitsch Geld verdienen, wahrscheinlich sogar noch heute. Es bleibt aber die Frage: Wofür hat der Mann Malerei studiert? Weshalb hat er auf seiner Europareise alle Studios und Kunstschulen von Volendam bis Paris besucht? Manet hat auch einmal ein Mädchen mit Katze gemalt, aber zwischen seinem ➱Bild und dem hier sind Unterschiede wie zwischen Tag und Nacht. Das Pastell Die Katzenmama von Hirth erschien zuerst in der Zeitschrift Jugend, einer Zeitschrift, die sein Bruder mitbegründet hatte. Nach dieser Zeitschrift soll der Jugendstil benannt worden sein.

Aber im Jugendstil haben die süßlichen Bilder von Hirth keinen Platz, die Katzen des Jugendstils sehen eher so aus wie diese chat noir von Théophile Steinlen. Auf Bildern kann ich Katzen ertragen, in der Wirklichkeit sind sie nicht mein Ding. Eine Dreierbande von schwarzen Katzen mit grünen Augen hat mir den ersten Asthmaanfall meines Lebens beschert. Seitdem meide ich sie. Gegen Katzen in der Literatur habe ich nichts (es sei denn, die Roman wären von dem Rechtsradikalen Akif Pirinçci geschrieben), gegen Katzen in der Kunst auch nicht. Vor allem, wenn sie so schön bescheuert aussehen wie die Katzen in dem Post ➱Broadmoor.

Ich mag auch diese Stelle bei Raymond Chandler (die in dem Post ➱Katzen vorkommt), wo es heißt: What I could see of him was dressed in a slovenly gray suit, and there was a large black Persian cat on the desk in front of him. He was scratching the cat’s head with one of his little neat hands and the cat was leaning against his hand. Its busy tail flowed over the edge of the desk and fell straight down… „Who did kill Lou Harger, Dorr?“ I asked, not looking at him. He shook his head. I looked at him, smiling. „Swell cat you have,“ I said. Dorr licked his lips. „I think the little bastard likes you,“ he grinned. He looked pleased at the idea. I nodded – and threw the cat in his face.

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Liverpool

 

Das bekam ich gerade von einer guten Bekannten aus Liverpool zugeschickt. Falls Sie die Unterschrift unter dem Gedicht nicht lesen können, da steht: Roger McGough. Der war mit seinen Gedichten mal der Held meiner Jugend. Ist lange her, aber ➱Let me Die a Youngman’s Death kann ich immer noch aufsagen. Die Queen wäre besser beraten gewesen, wenn sie ihn zum Poet Laureate gemacht hätte, statt dieser gräßlichen Carol Ann Duffy (lesen Sie mehr in ➱Hofdichter: Gott schütze die Königin). Man liest ihn gerne, der Liverpool Poet steht ein wenig in der Tradition von ➱John Betjeman, und das ist ja nicht das Schlechteste. Roger McGough ist in diesem Blog kein Unbekannter, in dem Post ➱Kathedralen können Sie lesen, wie ich ihn einmal getroffen habe. Da man das Gedicht The Gateway to the Atlantic auf dem Bild (die Tafel findet sich beim Liverpool Museum) nicht so gut lesen kann, gibt es den Text hier noch einmal:

I am the warm hello and the sad farewell

I am the path to glory and the road to hell

I am the gull on the wing and the salt in the air

I am the night patrol and the morning prayer

I am the port register, read the names with pride

I am the thickening fog and the quickening tide

I am the ferryboat, the slaver, the man-o‘-war

I am the keeper of the quays, welcome ashore

I am the starstruck, eternal romantic

I am the gateway to the Atlantic.

Roger McGough gehörte damals mit Adrian Henri und Brian Patten zu den ➱Liverpool Poets, die auf einem falsch gedruckten Plakat auf einer Lesereise durch Deutschland als Little Poor Poets angekündigt wurden. Das hätte McGough nicht schöner erfinden können. Es ist so ähnlich wie das Bremer Plakat, das die damals noch unbekannten Toten Hosen als die Toten Hasen ankündigte (da Trini Trimpop diesen ➱Post bei Facebook bekannt gemacht hat, hat der viele Leser gefunden). Als Roger McGough, Adrian Henri und Brian Patten vor einigen Jahren auf Lesetour durch England unterwegs waren, füllten sie noch ganze Säle, obgleich sie längst im Rentenalter waren. Denn ihre Leser haben sie immer geliebt.

Die drei Pop Poeten stehen hinter der kulturellen Revolution, die in den Sixties aus Liverpool kommt, nicht nur die Pilzköpfe. McGough begann seine Karriere bei der sagenumwobenen Band The Scaffold, er hat zwei Number One Hits geschrieben, die wahrscheinlich heute noch jeder in England singen kann: ➱Thank U Very Much und ➱Lily the Pink. Das reicht doch beinahe schon zum Anspruch auf einen Platz im Olymp. Leider hat seine wunderbar komische Autobiographie Said and Done keinen Index, so dass man nicht gezielt nach Namen wie Jimi Hendrix, Susan Sarandon oder ➱Philip Larkin schauen kann. Man muss das Buch schon von vorne bis hinten lesen. Wird eh jeder tun. Der Penguin Verlag hat 2003 McGoughs Collected Poems herausgebracht; zum ersten Mal erschien der Dichter bei Penguin 1967 in der Reihe Penguin Modern Poets im Band 10 The Mersey Sound. Meine Ausgabe ist von Roger McGough signiert, die steht aber hier nicht zum Verkauf.

 

Für beinahe ein Viertel derjenigen, die zwischen 1830 und 1930 Europa verließen, war Liverpool der letzte Hafen in Europa. Nicht für die Personen auf diesem Gemälde von Ford Maddox Brown, weil man im Hintergrund die ➱White Cliffs of Dover sehen kann, die durch Vera Lynn berühmter geworden sind, als durch Ford Maddox Browns Gemälde. Ich habe Dame Veras 99. Geburtstag in diesem Jahr leider verpasst, vielleicht schreibe ich einmal über sie. Ford Maddox Brown hat seine ganze Familie in das Bild gemalt, er spielte damals mit dem Gedanken, nach Indien auszuwandern. In dem Jahr, als er das Bild malte (von dem es unten noch eine spätere Aquarellversion gibt), haben 369.000 Briten das Vereinigte Königreich verlassen.

Erstaunlicherweise verlassen heute beinahe genau so viele Menschen das Vereinigte Königreich. Vielleicht sind es demnächst noch mehr, wenn England seine Verbindungen zum europäischen Kontinent aufkündigt. Liverpool war übrigens gegen den Brexit. Liverpool ist nicht mehr the gateway to the Atlantic (und möchte nicht mehr daran erinnert werden, dass der englische Sklavenhandel über diesen Hafen lief), aber es ist eine quirlige Stadt. Berühmte Leute kamen aus Liverpool, Jeremia Horrocks (der Astronom, den alle Leser von Thomas Pynchons Mason & Dixon kennen) und ➱Banastre Tarleton (dessen ganze Familie im Sklavenhandel reich geworden war). Aber auch Wayne Rooney und Catherine Walters. Liverpool ist übrigens auch einmal von Boris Johnson beleidigt worden. Und vor wenigen Jahren hat er behauptet, dass die Beatles durch London berühmt geworden seien, nicht durch Liverpool. Da wären Roger McGough und die Beatles wohl anderer Meinung. Viele englische Filme, die in London spielen, werden in Liverpool gedreht, weil das preisgünstiger ist. Wahrscheinlich hatte der damalige Bürgermeister von London deshalb die Städte verwechselt.

Und damit Boris Johnson noch ein bisschen über die Beatles lernen kann, hier sind die Posts, in denen sie vorkommen: Pilzköpfe, Kathedralen, Notting Hill, Cathy Gale, Christine Keeler, Kevin Johnson, Lord John Russell, Nico, Play Bach, Manfred Sexauer, Cordjackett, Chelsea Boots, Pierre Cardin, Thomas Gottschalk, Dandy?, Rückenschlitze, Richard Lester, Einer wird gewinnen, Secret Agents, Pauline Kael, Maciejowice, Luna de miel

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Bildbeschreibung

Gibt man den Begriff Bildbeschreibung bei Google ein, bekommt man hunderte von Anleitungen, wie man das richtig macht. Für Kunsthistoriker sind Bildbeschreibungen etwas Selbstverständliches, aber die Kunst der Beschreibung wird auch schon in der Schule geübt. Interessant wird das Ganze, wenn sich Schriftsteller diesem Thema widmen. Denn Prosa kann auch etwas mit dem Sehen zu tun haben. Sagt auf jeden Fall Joseph Conrad: My task which I am trying to achieve is, by the power of the written word, to make you hear, to make you feel — it is, before all, to make you see. That — and no more, and it is everything. If I succeed, you shall find there according to your deserts: encouragement, consolation, fear, charm — all you demand; and, perhaps, also that glimpse of truth for which you have forgotten to ask.

Ich habe heute eine Bildbeschreibung der besonderen Art. Sie ist von Horace Walpole, einem Mann, der in diesem Blog kein Unbekannter ist. Der Mann, der die ➱Gothic Novel erfunden hat, hat ➱hier schon einen Post, und er wird in einer Vielzahl von Posts erwähnt. Das Bild, das er beschreibt, ist von dem englischen Maler George Stubbs. Es heißt Horse Frightened by a Lion und hängt heute in der Tate Gallery. Englands berühmtester Pferdemaler hat die Begegnung von Pferd und Löwen immer wieder gemalt: The dramatic theme of a lion attacking a horse is one of the most important in Stubbs’s art and one which preoccupied him for over thirty years. It admirably combined his legendary anatomical precision as an animal painter with the heroic action, drama and sentiment required of the elevated genre of History Painting. Das lassen wir mal weg, wir schauen uns nur dieses Bild an. Und lesen Walpoles On seeing the celebrated startled horse painted by the inimitable Mr Stubbs:

– And picture snatch the palm from life.

How weak are words the passions to display,

How artificial sounds are thrown away!
When startled nature rushes through the eyes,
In all the force of terror and surprise!
Look there, proud Sage, thy learned spleen repress,
Look there convinc’d – th‘ extorted strewth confess,
Convinc’d, transfix’d, repress thy learned spleen,
Is that an engine! that a mere machine!
Did ever terror through the senses look
With more astonish’d force! – fling down thy book,
Vain Man! read nature there by reason taught;
Nature and reason are together fraught
In that sublime essay – my blood runs back,
My fibres tremble, and my sinews slack;
I feel his feelings: how he stands transfix’d!
How all the passions in his mien are mix’d!
How apprehension, horror, hatred, fear,
In one expression are concenter’d there!
How pois’d betwixt the love of life and dread,
With yielding joints, with wild distended head,
With ears shot forward, with stiff projected mane,
That all the workings of his soul explain,
He trembling stands! and on the lyon nigh
With frighted visage and with fasten’d eye,
He stares bereft, unable to retire!
The furious beast with fascinating fire
Dissolves his faculties: he’s root’d there.
How elegant, how tender, is his air;
His beauteous frame, in such convuls’d distress
Must all the anguish of his heart express:
In terms pathetic we peruse his pain,
And read his pang through each transparent vein.
Through that stretch’d nostril see each feeling fly,
And Garrick’s self might study close that eye;
Holland and he with ardor here may dwell.
And copy nature, if they can, so well.
Thy pencil, Stubbs, no rival need to fear
Not mimic art, but life itself is here.

 

Ein Bild, ein Gedicht. Und das Wortgemälde von Walpole ist gleichzeitig eine Art Traktat über die Darstellbarkeit von Gefühlen des terror and surprise, die der Dichter nicht beschreiben kann: How weak are words the passions to display. Nur der Maler, und nur der inimitable Mr Stubbs (hier zu Pferde), ist in der Lage das wiederzugeben. Walpole, der den Essay A Philosophical Inquiry into the Origins of Our Ideas of The Sublime and Beautiful von ➱Edmund Burke kennt, gesteht Stubbs zu: life itself is here. Das hätte Simonides von Keos anders gesehen, über den Plutarch den Satz berichtet: Poema pictura loquens, pictura poema silens.

Da ich mit Simonides von Keos einen Griechen zitiert habe, möchte ich noch einen anderen Griechen erwähnen. Der heißt Aris Sarafianos, und er hat zu dem Thema Stubbs, Walpole und Burke einen sehr interessanten ➱Aufsatz geschrieben, den die Tate Gallery auf ihrer Seite veröffentlicht hat. Die wissen, wie man so etwas macht. Die Museen von Aschaffenburg und Miltenberg sind nicht in der Lage, die Gemälde von ➱Philipp Wirth ins Internet zu stellen. Und auch viele große deutsche Kunsthallen bieten nicht die Informationen, die die Tate Gallery anbietet. Diese englische Standuhr ist hier nur als ein Beleg dafür, dass das Motiv von Löwe und Pferd, das Stubbs dreißig Jahre beschäftigt hat, auch in die populäre Kunst wandert. Das Bild über dem Zifferblatt wäre Walpole wahrscheinlich keine Zeile wert gewesen.

Der inimitable Mr Stubbs ist heute vor 210 Jahren gestorben. Er hat ➱hier natürlich längst einen Post. Er hat viele Pferde (aber auch anderes) gemalt. Pferde mögen mich nicht, das habe ich schon in dem Post ➱Derby geschrieben. Wo auch steht, dass mein Vater Pferde mochte und mich als ich klein war zu allen möglichen Pferdeschauen und Pferderennen mitgeschleppt hat. Selbst wenn ich keine Pferde mag, die Bilder von Stubbs habe ich immer gemocht. Einen Druck von diesem Bild hatte ich jahrzehntelang an der Wand. Es gefällt mir immer noch.

Wenn man mehr über Stubbs wissen will, dann gibt es nur einen Namen: Judy Egerton. Leider erwähnt der deutsche Wikipedia Artikel sie nicht unter der wichtigen Literatur. Judy Egerton war Assistant Keeper der British School in der Tate Gallery, 1984 hat sie die große Stubbs Ausstellung organisiert. Der Katalog ist bei Amazon zu Preisen zwischen 4,73 und 100 Euro zu bekommen. Sehr viel teurer ist das Buch, das sie fünf Jahre vor ihrem Tod vollendete. Es hat den schlichten Titel George Stubbs, Painter.

Und den Untertitel Catalogue Raissoné (man kann bei ➱Google Books Teile davon, aber nicht alles, lesen). Als das Buch 2007 auf den Markt kam, kostete es 95 Pfund, man kann froh sein, wenn man heute noch ein Exemplar für diesen Preis bekommt. Es ist der erste vollständige Werkskatalog, 700 Seiten voller Abbildungen. Das Paul Mellon Centre for Studies in British Art hat einige Millionen dazugegeben, sonst wäre ein Preis von unter hundert Pfund für das Buch nicht möglich gewesen. Vor einem halben Jahrhundert hätte man für 95 Pfund vielleicht noch einen Kupferstich von Stubbs bekommen, jetzt, wo seine Bilder zu zweistelligen Millionen gehandelt werden, nicht mehr.

Ich mag dieses Zebra. Das Tier gehörte der Königin Charlotte. Stubbs mochte das Bild offensichtlich auch, denn bis zu seinem Tode hatte das Bild sein Studio niemals verlassen. Der Hintergrund soll irgendwo in Afrika sein, sieht aber doch eher nach England aus. Und ein klein wenig nach dem Wald von ➱Georg Friedrich Kersting. Paul Mellon musste dafür 1960 zwanzigtausend Pfund auf den Tisch legen. Es war das teuerste Stück eines jumble sale bei Harrods, der Rest der Auktion waren alte Möbelstücke und Waschmaschinen.

Wenn ich zum Schluss noch ein Buch empfehlen darf, dann ist das Robin Blakes George Stubbs and the Wide Creation: Animals, People & Places in the Life of George Stubbs, 1724-1806. Im Gegensatz zu den beiden Titeln von Judy Egerton ist das Buch leicht zu finden und kostet nicht die Welt. Es ist eine gut lesbare Biographie und eine kleine Kulturgeschichte Londons und Englands im 18. Jahrhundert. Robin Blake schreibt eigentlich Romane, schreibt aber auch in der Financial Times über Kunst und hat eine Biographie über van Dyck geschrieben. Vieles in seinem Buch ist Spekulation, wir wissen nicht so viel über Stubbs. Also, außer dem, was sich in A Memoir of George Stubbs by Ozias Humphry und einem dreiteiligen Nachruf im Sporting Magazine findet.

Wo man im May 1808 über den kurzen Afrikaaufenthalt von Stubbs lesen konnte: One evening, while Stubbs and his friend were viewing the delightful scenery … a lion was observed at some distance, directing his way, with a slow pace, towards a white Barbary horse … the lion, finding him within his power, sprang in a moment, like a cat, on the back of the defenceless horse, threw him down, and instantly tore out his bowels. Es ist eine schöne Geschichte, aber sie ist wohl leider nicht wahr. Das ist immer so mit den schönen Geschichten.

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