Pergamonaltar

Beginnen wir den Tag mit einem Gedicht von Gerhard Falkner aus seinen Pergamon Gedichten (die es hier auch als Videoclips gibt):

Aphrodite, auf deren Wink hin sich die Tiere paaren
mit Schenkeln wie aus bestem attischen Gestüt
und in Gewändern wie von Botticelli übergossen
(die im Gekräusel ihre Wallung widerspiegeln)
Aphrodite, wie im Tanz, inneren Impulsen
von Kampf und Kühnheit folgend, von Rock´n´Roll
tritt dem Giganten, dessen Schönheit selbst den Marmor
aus der Fassung bringt mit der Sandale in die Kehle
wie einem erschlagenen Hund, um ihm die Lanze
wie im Tanze aus dem Leib zu ziehen, man denkt sich
Perseus hätte diese Schenkel brauchen können
als die Gorgonen ihn verfolgten, wenn man nicht bedenkt
dass Perseus eben diese Schenkel hatte, vom Rock´n´Roll
das ganze Geheimnis liegt immer in den größeren
Zusammenhängen, die Frauen, die als Göttinnen den Fries
durchkämpfen sind den Männern gleichgestellt an Kraft
nicht jedoch an Schönheit überlegen
(ein großer griechischer Gedanke!)

Das erste Pergamonmuseum wurde am 18. Dezember 1901 von Wilhelm II eröffnet. Enthüllt wurde damals auch ein von Adolf Brütt geschaffenen Bildnis von Carl Humann, dem Entdecker des Pergamonaltars. Was den Engländern ihre Elgin Marbles sind, wird den Deutschen ihr Pergamonmuseum. Als ich jung war, fand ich es toll, oben auf den Stufen zu sitzen. Gab dieses Gefühl von edler Einfalt und stiller Größe. Damals war das noch Ost-Berlin. Dann durfte man eines Tages die Stufen nicht mehr betreten, jetzt offensichtlich wieder. Allerdings bleibt der Altar bis 2023 zellophanverpackt, man baut das Museum um.

Die Gebäude auf der Museumsinsel sind seit den Tagen von Wilhelm von Bode immer wieder umgebaut worden. Das erste erste Pergamonmuseum wurde nach acht Jahren abgerissen. Die Gemäldegalerie aus Dahlem wurde zur Museumsinsel umgesiedelt, auch der Pergamonaltar bekam einen neuen Platz. Was in diesen Räumen dem staunenden Beobachter dargeboten, das ist eine solche Fülle von Schönheit, wie man sie sich gar nicht herrlicher vereint vorstellen kann, sagte Wilhelm II bei der Eröffnung.

Wilhelm von Bode war nicht ganz dieser Meinung, er hatte das Unternehmen von Anfang an boykottiert, um sein Museum zu bauen. Das eines Tages seinen Namen tragen wird. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (die im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Bernd Neumann immerhin etwas von ihrem Job versteht) sagte: Ein architektonisch überzeugendes Entree. Für den Volksmund war das Gebäude von David Chipperfield, das jetzt die James Simon Galerie heißt, die teuerste Garderobe der Welt. Fehlplanungen und Bauskandale, Größenwahn und architektonische Leere. Zum architektonischen Größenwahn neigte man in Berlin ja schon immer, wie die ZDF Serie Böse Bauten beweist.

Damit heute noch ein wenig Kultur in diesen Post kommt, habe ich neben Gerhard Falkner noch ein Pergamon Gedicht von Dirk von Petersdorff mit dem schönen Titel Pergamonaltar:

Aus Winternebel drei hereingeschneit 

die Tempeltreppe Traumgelegenheit –

Ägäisinseln, Haare wehn ums Kinn,

und Umschau hält die Felsenkönigin,

die nackt ins Meer zum Zähneputzen ging,

wenn überm Kopf nah Sternenlaken hing.

Sie mögen sie und laufen ihr davon,

sein Sohn und er erreichen Babylon,

da vor den Mischungen aus Schlangen, Katzen

befühlen kurz den Stein der Löwentatzen, 

dann demolierter Gott aus Urgebieten

mit seinem Schild: ›für nicht bekannte Riten,

besichtigt man so wie ein Zugereister,

treibt sich herum auf dem Gebiet der Geister.

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Alice Neel

Es hat länger gedauert, die amerikanische Malerin, die am 13 Oktober 1984 starb, richtig zu entdecken. Aber im letzten Jahr war sie schon in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Alice Neel hat lange gebraucht, bis sie wirklich berühmt wurde und ihre Bilder auf dem Kunstmarkt honoriert wurden. Portraits von ihr bringen heute auf dem Markt zwischen dreistelligen und sechsstelligen Ergebnissen. Den Film der BBC kann ich Ihnen leider nicht anbieten.

Dafür habe ich aber einen lange interessanten Vortrag von Phoebe Hoban, der Autorin der Biographie Alice Neel: The Art of Not Sitting Pretty. Neel, die immer für die Rechte der Malerinnen eingetreten ist, hat lange gebraucht, bis sie künstlerisch ernstgenommen wurde. Dann hagelt es Einladungen, Interviews, Dokumentarfilme. Ihren in Kuba geformten Stil, der ein wenig nach José Clemente Orozco, Diego Rivera und Frida Kahlo schmeckt, hat sie nie aufgegeben.

In ihren letzten Jahren, die ihre größte Schaffensperiode sind, wird sie auch die Malerkollegen malen, die mit der modernen Kunst in den sechziger Jahren reich und berühmt geworden sind. Andy Warhol inklusive. Barry Walker hat sie one of the greatest portrait artists of the 20th century genannt. Bei Google Bilder finden Sie einen reichen Querschnitt aus ihrem Werk. Sie hat auch Gedichte (hier eine Auswahl) geschrieben. Dies hier handelt von Harlem, einem Stadtteil, dessen puertorikanische Einwohner sie immer wieder gemalt hat:

I love you Harlem
Your life your frequent
Women, your relief lines
Outside the bank, full
Of women who no dress
In Saks 5th Ave would
Fit, teeth missing, weary,
Out of shape, little black
Arms around their necks
Cling to their skirts
All the wear and worry
Of struggles on their faces
What a treasure of goodness
And life shambles
Thru the streets
Abandoned, despised,
Charged the most, given
The worst
I love you for electing
Marcaronio, and him for being what he is
And for the rich deep vein
Of human feeling buried
Under your fire engines
Your poverty and your loves

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Vordergrund

Der junge Theodor Heuss schreibt 1909 zum fünfzigsten Geburtstag von Gustav Kampmann in Westermann’s Monatsheftendaß eben diese Intensität, mit der er das Momentane, das rasch Vorübergehende oder den schwer sagbaren feinen “Stimmungsgehalt“ der Atmosphäre ergreift und zu einer runden, bildhaften Darstellung bringt, in der modernen deutschen Landschaftskunst ihm dauernd einen hervorragenden Platz sichern wird. Dass mit dem hervorragenden Platz in der deutschen Landschaftskunst ist nicht so ganz wahrgeworden.

Die Betonung der abstrakten Flächigkeit mancher Landschaftsbilder Kampmanns und der Verzicht auf dn Vordergrund vernachlässigt etwas, was einst in der Renaissance der größte Zugewinn der Landschaftsmalerei gewissen war: Fluchtpunkt und Perspektive. Die kann man auf diesem Bild von Paolo Ucello gut sehen: wir werden mit der Jagdgesellschaft förmlich in die Dunkelheit des Waldes hineingezogen. Das Bild im Ashmolean Museum spielt übrig eine wichtige Rolle in The Point of Vanishing, einer Folge von Inspector Lewis.

Dies ist der Katalog einer Ausstellung, die vor dreißig Jahren von Altona nach Kiel wanderte, und in deren Mittelpunkt Ludwig Philipp Stracks Gemälde des Ukleisees bei Sielbeck aus dem Jahre 1809 stand. Leider ist Stracks Bild im Internet nicht mehr zu finden, wir müssen uns mit dieser klitzekleinen Abbildung behelfen. Der Katalog ist didaktisch hervorragend gemacht, alle Fragen, die man an das Bild vom Ukleisee stellen kann, werden hier beantwortet. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf das Zitat von Heinrich Voß: Es gibt ohne Zweifel Landschaften von auffallenderer Schönheit, von großartigerer Wirkung, von reicherer Fruchtbarkeit des Bodens, sicher aber keine, die lieblicher zum Auge und gewinnender zum Herzen guter sinniger Menschen spricht, als die unsrige!

Der kleine Ukleisee bei Eutin, den Strack für seinen Auftraggeber, den Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburg (und den Hamburger Kaufmann Georg Friedrich Baur) malt, genießt eine besondere Stellung unter den holsteinischen Seen. So schreibt Wilhelm von Humboldt über das Jagdschloss SielbeckDas Merkwürdigste daran ist seine Lage auf einem Berge zwischen zwei Seen, und die Spaziergänge um die Ufer des kleineren unter diesen. Der Saal selbst ist ganz einfachund nichts weniger als schön. Aber die beiden Aussichten, die vordere beschränkte, und die dunkle auf den kleinen, und die hintere weite und helle auf den großen See sind göttlich.

Strack (hier seine Ansicht vom Plöner See) erfindet die Landschaftsmalerei nicht neu, neu ist nur in der Zeit, da man von Eutin als dem Weimar des Nordens spricht, dass die Ostholsteiner Landschaft ins Interesse von Literatur und Malerei rückt. Und dort ins Arkadische verwandelt wird. Johann Heinrich Voß wird in Luise den Plöner See besingen:

Stehn Sie ein wenig still; mir pocht das Herz! Wie erfrischend 

Ueber den See die Kühlung heraufweht! Und wie die Gegend

Ringsum lacht! Da hinab langstreifichte, dunkel- und hellgrün
Wallende Felder voll Korn, mit schimmernden Blumen gesprenkelt!
Dort das umbüschte Dorf, und der Thurm mit dem blinkenden Seiger!
Hier auf blumiger Wiese die röthlichen Küh‘, und der Hügel
Von Buchweizen umblüht; und der blaue See mit der Waldung!
Schaut doch umher, ihr Kinder, und freut euch!

Strack bleibt dem klassischen Aufbau des Bildes verpflichtet, er ist kein Neuerer wie der Engländer Richard Wilson. Dass links und rechts Bäume die Landschaft rahmen, hat er bei Claude Lorrain abgeguckt. Strack, der sein Handwerk bei seinen Verwandten, den Tischbeins, gelernt hat, kommt mit einem Stipendium der Kasseler Akademie für sieben Jahre nach Italien. Von dort wird er ein sanftes rosa Licht mitbringen, das seine Himmel überzieht; auch das Bild vom Ukleisee hat dieses Licht, das sich wohl eher in der Campagna Romana und weniger in den Himmeln über Eutin findet.

Der museumspädagogische Dienst in Altona hatte für die Ausstellung auch etwas für Kinder zu bieten. In einer Ecke vor der Ausstellung gab es eine Hafttafel, auf der die Kleinen sich eine Landschaft zusammenstellen konnten. Sie nahmen sich immer die Kühe aus dem Kasten, pappten sie unten auf die Tafel, die weißen Wolken kamen nach oben. Der Mittelgrund blieb leer, das war witzig. Natürlich kann man den Vordergrund mit Kühen vollpflastern, aber das wird auf die Dauer ein wenig langweilig, wie das Werk von Jacob Philipp Hackert zeigt.

Figuren und Tiere im Vordergrund nennen wir Staffage, zu dem Thema hätte ich hier eine sehr interessante Seite. Die Staffage kann Kühe oder Pferde enthalten, aber natürlich auch Menschen (häufig als Betrachterfiguren oder als Rückenfigur) wie auf diesem Bild von Strack. Es zeigt den Park, den Joseph Ramée für den Bankier und Kaufmann Georg Friedrich Baur entworfen hat. Mit Gartenanlage mit dem chinesischen Turm, künstlicher Burgruine, Waldhütten, Grotten und Rundtempel.

Diese Dinge enthält der englische Landschaftsgarten auch, wenn die Hamburger schon einen Franzosen beschäftigen, dann wollen sie es doch ein klein wenig englisch haben. Baur mit seiner Begeisterung für Landschaftsgärten wird sich sicher auf Hirschfelds Theorie der Gartenkunst berufen haben. Man kann die Aussichtsplattform mit dem Paar (wie den Waldweg, den Steg und den Angler in seinem Bild vom Ukleisee) auch als Repoussoir bezeichnen, etwas, das den Rest des Gemäldes zurückdrängt, räumliche Tiefe schafft.

Das wär’s für heute mit dem Vordergrund von Gemälden, vielleicht gibt es irgendwann einmal etwas zum Mittelgrund und zum Hintergrund. Man weiß in diesem Blog nie was kommt.

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Sommerende

Wir haben den Monat September mit etwas Lyrischem begonnen, und ich möchte ihn auch mit einem Gedicht schließen. Mir ist ein wenig nach Sommerende, da brauche ich nur aus dem Fenster zu schauen. Ich könnte jetzt Rilkes Gedicht Herbsttag zitieren, aber das steht mit anderen Herbstgedichten in dem Post Herbst. Da findet sich auch Wilhelm Lehmanns schönes Gedicht Fahrt über den Plöner See. Das Bild hier aus dem Jahre 1907 ist von dem interessanten Maler Gustav Kampmann, der am 30. September 1859 geboren wurde.

Er hat wunderbare plakativ großflächige Landschaftsbilder gemalt, die nach hundert Jahren noch modern wirken. Der junge Theodor Heuss schreibt 1909 über Kampmann: daß eben diese Intensität, mit der er das Momentane, das rasch Vorübergehende oder den schwer sagbaren feinen “Stimmungsgehalt“ der Atmosphäre ergreift und zu einer runden, bildhaften Darstellung bringt, in der modernen deutschen Landschaftskunst ihm dauernd einen hervorragenden Platz sichern wird. Ich habe hier zu dem Maler noch eine sehr interessante Seite.

Wenn ich nicht unbedingt ein Gedicht hätte präsentieren wollen, hätte ich heute über ihn schreiben können. Vielleicht kommt das noch einmal.

Heute möchte ich ein Gedicht bringen, das noch nicht in diesem Blog stand. Es ist Erich Kästners Gedicht Der September:

Das ist ein Abschied mit Standarten

aus Pflaumenblau und Apfelgrün.

Goldlack und Astern flaggt der Garten,

und tausend Königskerzen glühn.


Das ist ein Abschied mit Posaunen,

mit Erntedank und Bauernball.

Kuhglockenläutend ziehn die braunen

und bunten Herden in den Stall.


Das ist ein Abschied mit Gerüchen

aus einer fast vergessenen Welt.

Mus und Gelee kocht in den Küchen.

Kartoffelfeuer qualmt im Feld.


Das ist ein Abschied mit Getümmel,

mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.

Luftschaukeln möchten in den Himmel.

Doch sind sie wohl nicht fromm genug.


Die Stare gehen auf die Reise.

Altweibersommer weht im Wind.

Das ist ein Abschied laut und leise.

Die Karussells drehn sich im Kreise.

Und was vorüber schien, beginnt.

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Ziggis

Die Zigarette ist hier eine Beigabe, aber das ikonische Photo, das Henri Cartier-Bresson von Albert Camus gemacht hat, wäre nichts ohne die Zigarette. Die Gauloises (oder Gitanes) sind bei Camus, wie bei anderen französischen Intellektuellen, längst zu einem Markenzeichen geworden. André Malraux hat sie auf dem Photo von Gisèle Freund genauso im Mund wie Sartre (wenn der nicht gerade Pfeife raucht) oder andere.

Doch wenn es darum geht, Malraux nach seinem Tode auf einer Briefmarke zu plazieren, dann ist die Zigarette plötzlich verschwunden. Schuld ist hier das Loi Évin von 1991, aber schon vor diesm Gesetz wurde Lucky Luke seiner Ziggi beraubt (der Marlboro Man raucht aber noch). Man muss allerdings sagen, dass die französische Post zuvor Gisèle Freund um Erlaubnis gefragt hat, um die Zigarette aus dem Portrait von Malraux zu entfernen. Denn schließlich handelt es sich hier um ein Bild, das längst zu einem Kunstwerk geworden ist.

Als Gisèle Freund den von ihr bewunderten Malraux 1935 auf ihrem Balkon mit ihrer Leica ratzfatz photographiert hat, hat er gesagt: Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Gegenstand zu betrachten. Ein Fotograf kann ein guter Handwerker oder ein guter Künstler sein. Ein Handwerker ist, wer seine Arbeit ordentlich und korrekt ausführt. Wenn er aber mit seinen Fotos Gedanken vermittelt und neue Sehweisen, dann ist er ein Künstler: Das Werk entsteht in seiner Zeit und aus seiner Zeit, aber es wird zum Kunstwerk, wenn es ihr entkommt. Französische Intellektuelle müssen immer, selbst zu einfachen Dingen, etwas sagen.

Wortgewaltig sind die französischen Intellektuellen sowieso. Dieser Herr, der seine Zigarette nicht einmal während der Vorlesung ausmachen kann, hat eine ganz Theorie der Photographie geschrieben. Sie heißt Die helle Kammer und ist sehr, sehr subjektiv. Roland Barthes unterscheidet bei der Bildbetrachtung zwischen punctum und studium. Studium ist der Gesamteindruck, Punctum ist das Detail, an dem wir uns festbeißen. Wie die Zigarette hier, Lucky Luke könnte das nicht besser.

Nicht unter französische Loi Évin Gesetze fällt dieses Photo von Ihrem Lieblingsblogger, das im Sommer vor fünfzig Jahren in Dänemark aufgenommen wurde. Das war dieser Sommer mit Nordsee, Sonne, heißem Dünensand und hübschen Frauen im Bikini, die ständig eingeölt werden mussten. Ich rauche normalerweise keine Zigaretten, aber die Photographin Mone (die auch schöne Photos von Gudrun gemacht hat) hat gesagt, dass ich mir eine Ziggi anstecken soll. Und dann hat sie gewartet, bis ich so cool gucke. Das ist der Augenblick, den Cartier-Bresson den moment décisif genannt hat: Pour moi, la photographie est la reconnaissance simultanée, dans une fraction de seconde, de l’importance d’un événement.

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Reeperbahn

Ich sah das Photo bei meinem Hinterhof Höker liegen, fragte, ob es noch ein zweites oder drittes gäbe. War aber nicht. Ich zahlte einen Euro und nahm das Photo mit. Es hatte einen Stempel auf der Rückseite: Horst G. Lehmann, Reeperbahn 1. Dieser Horst G. Lehmann ist als Photograph kein Unbekannter, hier hat er 1935 die berühmte Henny Porten abgelichtet. Er hat viel für den Reichs-Rundfunk gearbeitet. Und auch viel für die Eisenbahn. Bei Google Bilder kann man einiges davon sehen. Alle Bilder im Internet tragen den Stempel Getty Images, da weiß ich nicht, ob man die kopieren darf.

Ich mache das mal eben mit einem Photo aus seiner Eisenbahn Serie von 1938. Schöne Schwarz-Weiß Töne, sorgfältig ausgeleuchtet. Lehmann (der manchmal auch als Lehmann-Lomont bezeichnet wird) ist das, was wir einen Bildreporter nennen würden, aber er braucht seine Kunden nicht zu suchen, er hat feste Auftraggeber: Radio (das Deutsche Rundfunk Archiv hat dankenswerterweise alles archiviert), Reichsbahn und die BASF. Nach dem Krieg sieht das etwas anders aus.

In den fünfziger Jahren macht Lehmann etwas Erstaunliches, er steuert die Photos zu zwei Kinderbüchern von Uta von Witzleben bei (Die Autojagd: Eine Geschichte, von der eigentlich keiner erfahren sollte (aus dem dieses Bild stammt) und Der Trecker und die Tiere: Eine sehr merkwürdige Geschichte, die beinahe kein Ende fand). Die beiden schmalen Bände der Uta von Witzleben (die als Huberta Sophie Viola Edelgarde von Witzleben-Normann geboren wurde) kosten heute antiquarisch richtig viel Geld.

Dagegen war das Photo bei meinem Hinterhof Höker richtig billig. Es hat inzwischen Glas und Rahmen bekommen und steht auf einem der beiden T+A Lautsprecher. Wir sind mit diesem 18×24 Zentimeter großen Schwarzweiß Photo offensichtlich in einer Hamburger Bar – wir lassen das unschöne Wort Puff mal eben weg. Eine Wirtin, ein Kellner und vier Damen der öffentlichen Hand (wie Tucholsky sie nannte). Sie gucken ein wenig verkniffen, bis auf die fröhliche dralle Blonde ganz links.

Das Bild ist in dem, was es zeigt, nicht so eindeutig wie dieses Bild von einem unbekannten Photographen. Hier preisen junge Frauen ihren Körper an, etwas anderes erwarten wir nicht von ihnen, wenn man auf der Herbertstraße ist. Straßennamen wie Herbertstraße, Große Freiheit und Reeperbahn sagen uns etwas, selbst, wenn wir noch nie dort waren. Wir kennen Hans Albers‘ Auf der Reeperbahn nachts um halb eins und Walter Mehrings Chanson (das der blonde Hans auch gesungen hat). Selbst wenn die Prostitution in Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg einen ungeahnten Aufschwung hat, es gibt sie natürlich schon länger, seit 1807 wird sie stillschweigend in Hamburg geduldet. Nicht immer war die Sünde in St Pauli beheimatet, am Gänsemarkt, wo 1912 ein dänischer König seinen Tod findet, gab es so etwas schon lange.

Horst G. Lehmann hat sein Photo auf der Rückseite mit Pressephoto gestempelt. Aber für welche Sorte Presse soll das sein? Vieles bei dem Photo bleibt ein Rätsel, man könnte ganze Romane über die abgebildeten Personen schreiben. Oder Gedichte wie Joachim Ringelnatz:

Ich sag‘ es ja, Mutter: du hast für dich recht,

Diese Weiber sind durch und durch schlecht

Und gänzlich verseucht und völlig verkommen.

Du hast das von deinen lieben

Eltern und aus Büchern entnommen,

Darin die Wahrheit umschrieben

Ist, weil man sie richtig und scharf

Nicht leicht einsehen kann, noch sie drucken darf.

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Spurensuche

Ich hatte den Namen Gustav Dähn schon einmal gelesen, damals als ich versuchte, alles über Peter Gutkinds Vater, den Berliner Architekten Erwin Gutkind, herauszufinden. Dähn wurde in dem Buch als Berliner Architekturphotograph erwähnt, der auch prominente Schauspieler photographiert hat. In dem Post Photographieren habe ich auch einen Photographen namens Gustav Dähn erwähnt, der 1932 Haus, Photogeschäft und Archiv von historischen Photos an den Vater von Erich Maack verkaufte. Dieser Gustav Dähn ist mit diesem Photo des von Ernst Becker-Sassenhof erbauten Gebäudes des Vegesacker Rudervereins in einem der vier Bände der Blauen Bücher zur modernen Architektur von Walter Müller-Wulckow. Das Photo macht ihn bekannt, macht aber auch Becker-Sassenhof (zu dem es hier einen Post gibt) bekannt.

Es stellte sich jetzt die Frage, ob der Vegesacker Gustav Dähn und der Berliner Gustav Dähn dieselbe Person sind. Ich rief Dieter Maack in Vegesack an. Den habe ich seit Jahrzehnten nicht gesehen, aber als ich ihm sagte, dass ich mit seiner Schwester Annegret sechs Jahre lang in einer Volksschulklasse war, konnte er mich einordnen. Auf meine Frage nach Gustav Dähn wusste er einiges zu sagen, offensichtlich hatten ihm sein Großvater und sein Vater etwas über den Vorbesitzer ihres Geschäfts erzählt. Dähn sei ein hervorragender Photograph gewesen. Und ja, er sei nach dem Verkauf des Photogeschäfts nach Berlin gezogen. Der Historiker Thomas Begerow hat mir freundlicherweise dieses Plakat aus dem Jahre 1932 geschickt, jetzt ist uns alles klar.

Das Adressbuch der Photographie: Industrie, Handel, Gewerbe von 1929 führt Dähn mit dem Wohnsitz Vegesack b. Bremen. Das ist korrekt, Vegesack gehört noch nicht zu Bremen. Aber der junge Dähn will da weg, will nach Berlin, wo er Photos wie dieses vom Weinrestaurant Traube im Hause Gourmenia in Berlin, das im Erdgeschoss einen tropischen Garten besaß, machen kann. Es ist ein Architekturphoto aus dem Jahre 1930, das sich in vielen Büchern zu der Moderne in der Weimarer Republik findet. Der jüdische Architekt Leo Nachtlicht, der es gebaut hat, hat zwei Jahre später keine Arbeitserlaubnis mehr, ein Stolperstein in Berlin erinnert an ihn.

Gustav Dähn zieht nach Charlottenburg. Das nächste, das wir über ihn erfahren, findet sich im Nachrichtenblatt für das Photographenhandwerk von 1937: Berlin. Photographenmeister Gustav Dähn, Bcrlin-Charlottenburg, wurde mit der Tätigkeit als Gau-Bildberichterstatter der NSDAP für den Gau Groß-Berlin beauftragt und gleichzeitig als Bildberichterstatter dem Gruppenstabe der SA zugewiesen. Muss man das kommentieren?

Dort tritt er allerdings nicht weiter hervor, zwar hat er einmal Goebbels photographiert, aber er hat ein neues Tätigkeitsfeld entdeckt: Theater und Film. Schon 1930, als er das Weinrestaurant Traube photographierte, hat er die Schauspielerin Maria Eis photograhiert (die auch von seiner Hamburger Kollegin Anny Breer portraitiert wurde). Hier hat er 1939 Heinrich George als Götz von Berlichingen im Schiller Theater (in der Inszenierung von Heinrich George) photographiert, und dort hat er auch Paul Wegener in verschiedenen Rollen abgelichtet. Heinrich George wird er noch mehrfach photographieren.

Am berühmtesten ist das Familienbild aus dem Jahre 1940 geworden. Da ist die ganze Familie zusammen. Heinrich George mit seiner Frau Berta und dem kleinen Götz, den wir eines Tages als Schimanski kennen werden. Als Götz George das Leben seines Vaters verfilmte, tauchte dieses Photo in jeder Besprechung des Filmes auf. Man könnte meinen, es sei das einzige Photo, das die Familie in dieser Eintracht zeigt.

Nach dem Krieg hat unser Photograph einen neuen Wohnsitz: Gustav Dähn, früher Berlin, jetzt Marburg, steht 1954 in einem Buch über den Schauspieler Paul Wegener. Dähn macht immer noch Architekturphotos, aber mit der Avantgarde des Bauhauses hat er nichts mehr zu tun: er photographiert das historische Marburg. Nichts photographisch Revolutionäres. Schöne Postkartenmotive, mit einer Großbildkamera gemacht. Sie können hier im Bildindex Kunst und Architektur zahlreiche Photos von ihm sehen. Dähn ist jetzt Anfang der 50er Jahre sehr aktiv. Der Katalog vom Marburger Künstlerkreis ist voll mit seinen Aufnahmen, und im Merian zu Marburg im Jahre 1955 ist er auch vertreten.

Bruchstücke eines Photographenlebens. Aus der norddeutschen Kleinstadt ins große Berlin. Ins Schiller Theater und zu den Nazis. Dann in die Universitätsstadt Marburg. Ich wüsste gern mehr über ihn, aber mehr gibt das Internet nicht her. Vielleicht gibt es ja einmal eine Neuentdeckung des Photographen, dann ist dies der Anfang.

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