Rosa Bonheur

 

Sie malt Tiere, diese Rosa Bonheur, die am 16. März 1822 geboren wurde (ich habe das am 16. mit dem 195. Geburtstag leider verpasst, weil ich noch mit der ➱Berliner Mode beschäftigt war). Sie ist die berühmteste Tiermalerin ihrer Zeit, wenn nicht die berühmteste Tiermalerin überhaupt: la plus grand peintre animalière du monde. Gut, da ist natürlich noch der Engländer George Stubbs (der schon mit ➱George Stubbs und ➱Bildbeschreibung zwei Posts hat), aber der verstand sich eigentlich nicht als animalier. Rosa Bonheur ist in diesem Blog schon einige Male erwähnt worden, in dem Post ➱Sir Henry von Schroder findet sich ihr Bild ➱Weidewechsel, das in der Hamburger Kunsthalle hängt. Dieses Portrait von ihr hat ihr Kollege Édouard Dubufe gemalt. Wenn sie den Arm um einen Bullen legt, dann hat das schon seine Bedeutung: In Wirklichkeit interessiere ich mich, was männliche Wesen anbelangt, nur für die Stiere, die ich male.

Dies ist ein Altersportrait der Malerin, gemalt ein Jahr vor ihrem Tode von einer amerikanischen Malerin, die dreiunddreißig Jahre jünger ist als die französische Tiermalerin. Sie heißt Anna Elizabeth Klumpke, seit ihrer Kindheit schwärmt sie für Rosa Bonheur. Als sie selbst Malerin geworden war, will sie unbedingt ihr Vorbild malen (sie hat auch die Frauenrechtlerin Elizabeth Cady Stanton gemalt). Anna Klumpke wird Rosa Bonheur 1889 unter dem Vorwand kennenlernen, dass sie die Übersetzerin für einen amerikanischen Pferdehändler sei. Wenig später wohnt sie mit Bonheur auf deren Schloss. Auf diesem Bild hier trägt Rosa Bonheur den Orden der Ehrenlegion.

Auf diesem Photo auch. Die Kaiserin Eugénie war 1865 persönlich zu dem kleinen Schloss von Rosa Bonheur gekommen und hatte sie persönlich zum Chevalier de la Légion d’Honneur ernannt: Vous voilà chevalier, je suis heureuse d’être la marraine de la première femme artiste qui reçoive cette haute distinction. Jahrzehnte später wurde ihr der nächsthörere Rang eines Officier de la Légion d’Honneur verliehen, sie war die erste Frau, der diese Ehre zuteil wurde. Später gab es noch andere: Marlene Dietrich, Mireille Matthieu, Barbra Streisand. Und Beate Klarsfeld.

So ganz gefallen hat der Kaiserin der Besuch im Chateau de By im Wald von Fontainebleau nicht unbedingt. Und das hat mit dem Satz In Wirklichkeit interessiere ich mich, was männliche Wesen anbelangt, nur für die Stiere, die ich male. Rosa Bonheur lebt da nämlich mit ihrer Freundin Nathalie Micas zusammen. Als die Kaiserin unverhofft kommt, liegt Nathalie in der Badewanne, und Rosa muss die Tür zum Bad mit dem Fuß sehr unzeremoniell zukicken, um Eugénie zu empfangen. Seit Rosa vierzehn ist, wird die zwei Jahre jüngere Nathalie nicht von ihrer Seite weichen (die Familie Micas hatte nach dem Tod von Rosas Vater seine Schulden bezahlt und die junge Rosa bei sich aufgenommen). Seit sie vierzehn ist, ist Rosa Bonheur auch im Louvre, um Bilder zu kopieren. Besonders Bilder des holländischen Tiermalers ➱Paulus Potter. Sie hat das Ziel, als Malerin eine zweite Élisabeth Vigée-Lebrun zu werden. Das läßt ihre Biographin Anna Elizabeth Klumpke sie in ihrer ➱Biographie sagen, die, in der ersten Person Singular geschrieben, häufig für eine Autobiographie gehalten wurde.

Das Wachpersonal des Louvre nennt sie le petit hussard, den kleinen Husaren. Weil sie Männerkleidung trägt. Das ist natürlich praktisch, wenn man sich mit einem Löwen im Sand wälzt (Rosa Bonheur hält sich mehrere Löwen in ihrem Privatzoo), wenn sie sich für Anatomiestudien und Tierskizzen in den Pariser Schlachthöfen und auf dem Pferdemarkt aufhält. Aber so ganz comme il faut ist das nicht. Denn da gibt es das Gesetz vom 26. Brumaire des Jahres 1801: Jedwede Frau, die sich wie ein Mann zu kleiden wünscht, ist gehalten, sich bei der Polizeipräfektur zu melden und eine Bewilligung zu beantragen, die nur aufgrund eines Zertifikats eines Beamten der Gesundheitsdienste ausgestellt werden kann.

Alle sechs Monate muss sie sich bei der Präfektur eine neue Erlaubnis erteilen lassen, um sich als Mann zu verkleiden, um dergestalt bei Schauspielen, Bällen und in anderen öffentlichen Örtlichkeiten mit Publikum aufzutreten. Auch die berühmte Schriftstellerin George Sand musste derartige Anträge stellen, damit sie in Hosen herumlaufen konnte. Sie können hier eine solche Permission de Travestissement sehen. Das Hosengesetz aus der französischen Revolution ist erst vor einigen Jahren von der französischen Frauenrechtsministerin Najat Vallaud-Belkacem für ungültig erklärt worden, aber da wusste eigentlich niemand mehr, dass es dieses Gesetz immer noch gab.

Das hier sind nicht Rosa Bonheur und Nathalie Micas, das sind Charlotte Butler und Sarah Ponsonby, die ihre adlige Verwandtschaft in Irland verlassen haben und in Llangollen in Wales ein halbes Jahrhundert zusammen leben. Beinahe jeder wird die Ladies of Llangollen besuchen, der Herzog von ➱Wellington ebenso wie ➱William Wordsworth, ➱Walter Scott und ➱Lord ByronElizabeth Mavor hat über die Damen ein schönes Buch geschrieben, das auch auf deutsch erschienen ist (Die Ladies von Llangollen: Eine Studie über romantische Freundschaft). Simone de Beauvoir hat über die Ladies gesagt: Die Vereinigung der Sarah Ponsonby mit ihrer Geliebten dauerte ungetrübt an die 50 Jahre lang. Sie haben es anscheinend verstanden, sich am Rand der Welt ein friedliches Eden zu schaffen.

Vielleicht haben Bonheur und Micas mit ihrer amitié sentimentale auch ein friedliches Eden gehabt. Dieses Bild (2,50 mal 5 Meter), das Nathalie Micas begonnen hatte, und das Rosa Bonheur vollendete, wird soviel einbringen, dass Rosa das Chateau de By kaufen kann. Nathalie Micas, die selbst eine Malerin (sie malt gerne Katzen) und eine Amateurtierärztin ist, bringt ihre Mutter mit. Die wird sich um die Löwen kümmern. Es ist eine seltsame Menage. Die Königin Victoria wird von dem Bild begeistert sein, wenn sie es sich nach Windsor Castle kommen läßt. Das tut sie häufiger, auch wenn die Maler den Transport bezahlen müssen, sind dankbar für die Werbung.

Die Königin läßt sich viele Bilder nach Windsor kommen. Für den ➱Monarch of the Glen von Sir Edwin Landseer wird sie allerdings mit der Eisenbahn nach Schottland fahren. Rosa Bonheur wird Landseer in seinem Studio besuchen (die Königin steht auch auf ihrer Besuchsliste), und bis zu ihrem Tod wird er für sie der größte Künstler sein. Gegen seinen Monarch of the Glen (der jahrzehntelang die Etiketten von Dewar’s und Glenfiddich Whiskyflaschen zierte) sehen die Hirsche von Bonheur etwas mickrig aus. Für das Etikett einer Whiskyflasche wären sie ungeeignet. Man kann das auch positiv formulieren: es fehlt ihnen das Pathos und die Sentimentalität von Landseer.

Sie hat in Frankreich zwar Erfolg bei Ausstellungen und Wettbewerben (Delacroix erwähnt sie lobend in seinen Tagebüchern), aber verkaufen tut sie in ihrem Heimatland so gut wie nichts. Das ist in England und Amerika ganz anders, da zahlt man selbst für ihre Skizzen Wahnsinnspreise. Der Kunsthändler Ernest Gambart, der sie (zusammen mit dem Bild vom Pferdemarkt) nach England eingeladen hatte, wird dafür sorgen, dass der englische Markt mit Bildern (und Radierungen nach den Bildern) gefüttert wird. ➱Thomas Herbst hätte an dieser Kuh, die Rosa mit achtzehn Jahren malt, sicher seine Freude gehabt.

Sie kann auch Landschaften malen, das hier sieht doch beinahe aus wie ein Cezanne. Die Grundzüge der Landschaftsmalerei hat ihr der Vater beigebracht, der selbst Landschaftsmaler war. Er war ein fanatischer Anhänger der utopischen Lehren des Grafen Henri de Saint-Simon, was seiner Tochter eine halbwegs gute Bildung verschaffte, aber seine Familie zerbrechen ließ. Weil er jahrelang nicht zu Hause war und stattdessen in einer Kommune (einer Art von Brook Farm Experiment) lebte. Die Lehren von Saint-Simon gaben den Töchtern in der Famile die selben Freiheiten wie den Söhnen, ohne diesen Hintergrund wäre Rosa nicht diejenige geworden, die sie war. Hätte wahrscheinlich keine Hosen getragen. Aus dem Mädchenpensionat flog sie mit dreizehn Jahren raus, sie galt als schwer erziehbar. So fangen Filme von Truffaut an, wie zum Beispiel ➱Une belle fille comme moi. Irgendwie scheint das französische Erziehungssystem Schwächen zu haben.

In ihrem letzten Lebensjahr freundete sie sich mit der amerikanischen Malerin Anna Elizabeth Klumpke an, die sie mehrfach porträtierte, steht im Wikipedia Artikel zu Rosa Bonheur. Das ist ein Satz, der komplett falsch ist. Die beiden haben sich 1889 kennengelernt (aus dem Jahr stammt auch das Portrait von Rosa) und haben dann im Chateau de By zusammengelebt. Nach dem Tod ihrer Gefährtin Nathalie Micas war Rosa in eine Lebens- und Sinnkrise gekommen. Da besucht sie ständig den Westernzirkus von ➱Buffalo Bill, der sich gerade in Paris aufhält. Und malt den Colonel William F. Cody. Es ist ein seltsames Bild, Reiter und Landschaft passen nicht zusammen. Das ist solch ein Verfremdungseffekt wie bei den Westernfilmen, die in Jugoslawien gedreht wurden. Wir wollen Buffalo Bill in seinem natürlichen Habitat sehen, nicht im Wald von Fontainebleau.

William F. Cody war für Rosa Bonheur ein Symbol, sie bewunderte Amerika. Für sie war es eine wahrgewordene Utopie der Ideale von Saint-Simon: And I admire American ideas about educating women. Over there you don’t have the silly notion that marriage is the one and only fate for girls. I am absolutely scandalized by the way women are hobbled in Europe. It’s only because of my God-given talent that I could break free.

Als Anna Klumpke sie fragte, ob sie sie malen dürfte, stimmte sie sofort zu. Weil Klumpke (die deutsche Eltern hatte) eine Amerikanerin war. Die Sache mit dem Zusammenleben kam später. Rosa Bonheur hat ihre letzte Gefährtin Anna Elizabeth Klumpke zum Entsetzen der Familie Bonheur zur Alleinerbin gemacht. Das kleine Schloß ist heute ein Museum, dafür hat Anna Klumpke gesorgt.

Rosa Bonheur (hier ein Altersportrait von Anna Klumpke) ist nie zur Messe gegangen, hat nie gebeichtet, im Herzen ist sie immer noch eine Anhängerin von Saint-Simon, aber als Nathalie Micas starb und auf dem Père Lachaise beigesetzt wurde, trat Rosa Bonheur zum Katholizismus über. Nicht dass sie plötzlich an Gott glaubte, aber auf dem Père Lachaise wird man nun mal nur beerdigt, wenn man gut katholisch ist. Und so werden die beiden Gefährtinnen eines Tages nebeneinander liegen. Anna Klumpke, die mit 86 Jahren in San Francisco stirbt, später auch.

Ich weiß nicht, was für ein Tier dies ist, aber es gefällt mir. Manchmal hat man Schwierigkeiten, gemalte Tiere zu identifizieren. Mir fällt dazu immer George Caleb Binghams Bild ➱Fur Traders Descending the Missouri (das sich im Post ➱Charles Wimar findet) ein. Das Tier da vorne im Boot ist keine Katze. Dieses Tier hier findet man, wenn man Rosa Bonheurs Namen bei Googles Bildersuche eingibt. Warum? Weil ein Unternehmen namens Meet the Masters ein sauteures Programm anbietet, damit Kiddies malen lernen wie Rosa Bonheur. Und das kommt dabei raus. Hat sie das verdient?

Die Tiermalerin Rosa Bonheur (hier eine von ihr bemalte Palette) war eine erstaunliche Frau, sie hat sich nie in die Einsamkeit zurückgezogen. Sie liebte die Gesellschaft, ging aus und lud Gäste ein. Sie ging gerne ins Theater. Sie war großzügig mit dem Geld, das ihr nichts bedeutete. Sie hatte für ihre Zeit erstaunlich vernünftige Ansichten. Und sie ist ein Vorbild für viele Malweiber des 19. Jahrhunderts gewesen, in dem Punkt haben die Utopien von Saint-Simon doch etwas Positives bewirkt.

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Niedergang

 

Stelle dir nemlich vor, daß es einen derartigen Schiffs-Eigner, sei es vieler Schiffe, oder sei es eines einzigen, gebe, welcher an Größe und Stärke alle im Schiffe befindlichen übertrifft, aber halbtaub und in gleicher Weise kurzsichtig ist und eine diesen Eigenschaften entsprechende Einsicht in das Seewesen hat, hiebei aber die Bootsleute unter sich betreffs der Lenkung des Schiffes im Zwiespalte seien, indem jeder derselben Steuermann sein zu müssen glaubt, welcher weder jemals diese Kunst gelernt hat, noch auch irgend einen Lehrer in derselben, oder eine Zeit, wann er sie gelernt habe, aufweisen kann, und noch dazu Alle behaupten, sie könne gar nicht gelehrt werden, und gleich zur Hand sind, jenen, welcher sie als eine lehrbare bezeichnet, in Stücke zu hauen, sie selbst aber den Schiffseigner immer mit Bitten und allem Uebrigen umlagern, damit er ihnen das Steuerruder anvertraue, und zuweilen, wenn nicht sie, sondern etwa irgend Andere dieses durchsetzen, sie dann diese Anderen tödten oder aus dem Schiffe werfen, jenen köstlichen Schiffseigner aber durch einen Schlaftrunk oder durch Weingenuß oder durch irgend ein anderes Mittel in Fesseln schlagen und die Herrschaft über das Schiff den Mitsegelnden überlassen und trinkend und schwelgend eben dahinfahren, wie es von Derartigen zu erwarten ist, dabei aber als Seemann und als befähigt zur Führung des Steuerruders und als Schiffskundigen überhaupt denjenigen bezeichnen und lobpreisen, welcher gewandt ist, Hand mit anzulegen, damit sie entweder durch Ueberredung oder durch Bewältigung des Schiffs-Eigners die Herrschaft ausüben, und denjenigen, der dieß nicht kann, als einen Unbrauchbaren tadeln, betreffs des wahrhaften Steuermannes aber nicht einmal eine Ahnung davon haben, daß er nothwendig seine Sorgfalt auf das Jahr und seine Zeiten und auf den Himmel und seine Gestirne und auf die Winde und überhaupt auf Alles zu jener Kunst Gehörige richten muß, woferne er in Wirklichkeit ein Herrscher des Schiffes sein soll, sondern es sogar für eine Unmöglichkeit halten, daß man betreffs der Art und Weise der Lenkung, mag dieselbe Einigen erwünscht sein oder nicht, irgend eine Kunst und regelrechte Uebung zugleich neben der eigentlichen Steuermannskunst erreichen könne. 

Ich weiß, das ist ein wenig umständlich und vertrackt, kein Punkt, kein Absatz. Es ist Plato über den Staat in der Übersetzung von Carl von Prantl. Man muss es vielleicht zweimal lesen. Der Herr, den die Möbelpacker (der wunderbare Cartoon stammt von ➱Clay Bennett) hier beliefern, kann es zehnmal lesen, er wird es nicht verstehen. Der Text über Schiffseigner ist eigentlich recht aktuell, und damit meine ich jetzt nicht den ➱Herrn Kortüm. Ich will darauf hinaus, dass man den Staat als Schiff sehen kann. Diese Metapher brauche ich gleich. Plato versteht viel von der griechischen ➱Mentalität, wenn er von einem Schiffs-Eigner, sei es vieler Schiffe, oder sei es eines einzigen spricht – er ahnt die Herren Niarchos und Onassis schon voraus.

Ich habe da diesen schönen Cartoon gefunden, mit dem wir wieder beim Schiff des Staates sind. Der Schiffseigner, der halbtaub und in gleicher Weise kurzsichtig ist, ist auch zu sehen, es ist der Herr mit den gelben Haaren. Die politische Karikatur kann ja viel, wenn Sie sich vielleicht noch einmal den Cartoon ➱The White Man’s Burden in dem Post ➱Yellow Press anschauen, da sagt ein Bild auch noch nach hundert Jahren mehr als tausend Worte. Dieser Cartoon von dem englischen Karikaturisten Martin Rowson ist ganz frisch, vierzehn Tage alt. Er zeigt Michael Flynn, den ehemaligen Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten, wie er das Staatsschiff verlässt. Er geht einen Niedergang hinunter, das ist ein nautisches Wort für diese Treppe. Der Niedergang, den Flynn benutzt ist aber auch sein Niedergang. Oben warten neben einem Schild, auf dem Line for Trump Dump steht, unsere alternative facts Kellyanne und Sean Spicer. Die werden wohl als nächste von Bord gehen, jene Bootsleute, die selbst aber den Schiffseigner immer mit Bitten und allem Uebrigen umlagern, damit er ihnen das Steuerruder anvertraue.

Neben der Signatur von Martin Rowson steht after John Tenniel auf dem Cartoon. Diesen John Tenniel, der am 28. Februar 1820 geboren wurde, kennen wir, er ist der Zeichner, der mit leichter Hand ➱Alice in Wonderland illustriert hat (Sie können das Buch hier im ➱Volltext lesen). Wobei man vielleicht sagen sollte, dass die Zusammenarbeit zwischen Lewis Carroll und John Tenniel nicht immer einfach war. Ich lasse Lewis Carroll, dieses Genie, diesen verklemmten Spinner, heute mal einfach weg. Er hat schon genügend Platz in diesem Blog in den Posts ➱Go ask Alice, ➱Charles Lutwidge Dodgson und ➱Alice bekommen.

Wir bleiben noch einen Augenblick bei John Tenniel, den die Königin ➱Victoria 1883 zum Ritter geschlagen hat. Er war der erste englische Cartoonist, der es soweit gebracht hatte. George III, der die ständige Zielscheibe der politischen Karikatur war, wäre wohl kaum auf die Idee gekommen, die Herren ➱Gillray, ➱Rowlandson oder ➱Cruikshank zu adeln. John Tenniels Kollegen beim Punch nahmen das mit Befriedigung auf, endlich war ihr Berufsstand reputierlich geworden. Es ist der Königin nicht furchtbar schwergefallen, Tenniel zum Ritter zu schlagen, denn der ➱Punch behandelte die Monarchin mit ➱Samthandschuhen.

Dies ist der wohl berühmteste Cartoon von Sir John. Dropping the Pilot erschien im März 1890 im Punch, da war Bismarck gerade als Kanzler zurückgetreten, weil er sich mit Wilhelm II nicht verstand. Im Deutschen hat die Zeichnung den Titel ➱Der Lotse geht von Bord, was etwas ganz anderes als der englische Titel ist: Während die deutsche Version so etwas wie einen freiwilligen Rückzug Bismarcks aus seinen politischen Ämtern signalisiert, deutet die englische Fassung zu Recht an, dass der Lotse weggeschickt wird, weil der Kapitän (Wilhelm II.) ihn an Bord nicht mehr haben will, da er selbst das Kommando zu übernehmen gedenkt. Die Metaphorik des Bildes ist mit Händen zu greifen: das Schiff als das Deutsche Reich; das Meer als das Feld der Politik, auf dem sich Deutschland behaupten muss; der Lotse als die Person, von der der Kurs und die Sicherheit des Staates abhängen.

Es ist ein Cartoon, der in seiner Struktur immer wieder verwendet worden ist. Martin Rowson, der Michael Flynn von Bord gehen lässt, ist nicht der erste, dem das eingefallen ist. Der unbekannte Zeichner des Titelbilds des Spiegel auch nicht. 1990 veranstaltete das Wilhelm Busch Museum in Hannover die Ausstellung Der Lotse geht von Bord: zum 100. Geburtstag der weltberühmten Karikatur, da konnte man viele Varianten sehen. Den Katalog kann man noch finden, er ist aber teurer als dieses Exemplar vom Spiegel, das auch schon Sammlerwert hat.  Ob der ➱Steinbrück, der nicht von Bord, sondern an Bord geht, auch etwas wert ist, weiß ich nicht. Hat das Schiff des Staates davon profitiert, dass der Lotse Steinbrück an Bord gehen wollte? Ich zitiere da lieber zum Schluss noch einmal den Satz des Petronius, den ich schon in dem Post ➱Andrea Doria gebrauchte: Si bene calculum ponas, ubique naufragium est.

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Russen

 

Zur Wiedereröffnung der Kunsthalle im Juni 1986 präsentierte der Kieler Kunsthallendirektor ➱Jens Christian Jensen aufsehenerregende Neuerwerbungen: Malerei des 19. Jahrhunderts aus Russland und Polen. Erworben aus der Sammlung Georg Schäfer, zu der Jensen im Ruhestand als Kurator wechselte. Berater war er in Schweinfurt schon lange. Die Kunsthalle Kiel war plötzlich das einzige öffentliche Museum in der Bundesrepublik, das russische Malerei besaß. Das ist ungewöhnlich, von der russischen Malerei des 19. Jahrhunderts weiß man ja meistens nicht so viel, von der russischen Literatur schon.

Ich hatte mal eine Phase, in der ich nur russische Literatur gelesen habe, von Gontscharow bis Lermontow (obgleich ich lange brauchte, bis ich ➱Krieg und Frieden las), aber von der russischen Malerei wusste ich nichts. ➱Friedrich Hübner schon, aber der ist Slavist. Ist mit einer Kunsthistorikerin verheiratet und hat die Wohnung voller Kunst der Düsseldorfer Schule. Dass wir in Kiel plötzlich so viele Russen hatten, ist natürlich irgendwie passend, denn hier oben haben sich auch der Zar Peter und ➱Katherina kennengelernt.

Friedrich Hübner hat später auch noch Delegationen von russischen Kunsthistorikern durch die Säle der Kunsthalle geführt. Die wollten gerne wissen, wo und wie die Bilder ihrer Maler in diesen Räumen hingen. Was Friedrich Hübner dabei mit den Nachfolgern von Jens Christian Jensen erlebte, kann ich leider nicht weitergeben, sonst lacht ganz Deutschland über die Direktoren. Würde ich einen Roman schreiben, dann kämen sie natürlich hinein. Das ist das Problem beim Bloggen, man bekommt wunderbare Geschichten erzählt, aber man kann sie nicht verwenden Zwischen SILVAE und der Gala sind doch noch Unterschiede, auch wenn ich ziemlich geschwätzig bin.

Ich stelle mal eben das hierhin, was ich in dem Nachruf für Jens Christian Jensen über seine Nachfolger gesagt habe: Jensen bringt die Kieler Kunsthalle in kürzester Zeit in die Champions League, um es salopp auszudrücken. Sein Nachfolger wird sie in kürzester Zeit in die Bezirksliga führen. Wenn der geht und man denkt, es kann nichts Schlimmeres kommen, wird man eines Besseren belehrt werden. Gewiss ist es ungerecht, diese beiden Herren (die ungenannt bleiben sollen) an den  ➱Paulis, ➱Lichtwarks und ➱von Bodes messen zu wollen, aber es finden sich für sie in der Bundesrepublik auch keine Vergleichsgrößen. Wobei Größe eigentlich das falsche Wort ist. Jens Christian Jensen hat mir kurz vor seinem Tod geschrieben, dass er sehr, sehr unglücklich über seine beiden Nachfolger war.

1986 habe ich in einer inzwischen untergegangenen Universitätszeitung etwas über die großartige Leistung der Architekten des Neubaus geschrieben. Und dabei en passant einige gehässige Bemerkungen über das Landesbauamt II gemacht, das so etwas nie hingekriegt hätte. Das Landesbauamt hat daraufhin einen halben Tag lang getagt und sich überlegt, ob man mich verklagen könnte (für so etwas haben die Zeit!). Das hat mir einer der Architekten des Erweiterungsbaus auf einer Party bei Volker erzählt. Er hat mir auch von den ➱Problemen mit seiner IWC erzählt, aber das mit dem Landesbauamt war natürlich viel interessanter.

Das Bild von Iwan Kramskoj im ersten Absatz oben ist berühmt, Sie haben das bestimmt schon auf einer Postkarte oder einem Buchumschlag gesehen (es ist auch auf dem ➱Cover der LP, wo Gert Westphal Anna Karenina liest). In dem Post ➱La Belle Inconnue findet sich einiges dazu, auch noch zu den anderen Russen, die in Kiel hängen.

Und da wird auch noch der Kommentar eines Lesers veröffentlicht, der natürlich aus der Feder von Friedrich Hübner stammt. Was Kiel leider nicht besitzt, das sind Bilder von dem russischen Maler Fjodor Wassiljew, der nach dem gregorianischen Kalender heute vor 167 Jahren geboren wurde. Er wurde, aus kleinen Verhältnissen kommend und ohne eine akademische Bildung, zu einem der bedeutendsten russischen Landschaftsmaler seiner Zeit. Hatte einen kurzen Höhepunkt und ist dann schon mit dreiundzwanzig Jahren an der Lungenschwindsucht gestorben.

Er hat den Himmel für uns entdeckt, soll der russische Maler Nikolai Ge gesagt haben. Nach einer anderen Quelle hat Ge nicht vom Himmel, sondern vom Nachthimmel gesprochen. Wenn wir dieses Nachtbild von St Petersburg betrachten, können wir das glauben. Man wagt sich gar nicht vorzustellen, was Wassiljew noch hätte malen können, hätte er länger gelebt. Der Artikel bei Wikipedia zu dem Maler ist ganze drei Zeilen lang, der englische Artikel ist sehr viel ausführlicher. Aber der deutsche Artikel hat einen Link zu einer ➱Seite, auf der man 135 Werke des Malers sehen kann (bei ➱Wikiart gibt es 119 Bilder). Das ist doch schon mal etwas. Alle Bilder heute, bis auf die schöne Unbekannte im ersten Absatz, sind von Fjodor Wassiljew.

In dem Post La Belle Inconnue habe ich ein Bild (das in Kiel hängt) von Iwan Schischkin abgebildet und besprochen. Und dieser Schiskin, der zu den ➱Peredwischniki, den russischen Wandermalern gehört, ist wichtig für Wassiljew. Der verliebt sich nämlich in Wassiljews Schwester und bringt, als er Wassiljews Talent entdeckt, dem jungen Mann die Grundlagen der Landschaftsmalerei bei. Stellt ihn auch den Malern Iwan Kramskoj und Ilya Repin (von dem die Kunsthalle Kiel drei ➱Bilder besitzt) vor und bereist mit ihm Rußland. Und – und das ist vielleicht noch wichtiger – er macht ihn mit dem Sammler Pawel Michailowitsch Tretjakow bekannt. Das ist der Mann, nach dem die Tretjakow Galerie ihren Namen hat.

Dieses Bild, das den Titel Tauwetter hat, war eins der ersten Bilder, das Tretjakow dem jungen Maler abkaufte. Da ist der Ruhm des jungen Mannes schon gemacht, ein Wunderkind wird man ihn nennen. Er wird den Ruhm nicht lange genießen können. Es ist eine erstaunliche Geschichte, da wird einer zum Maler, weil sich ein Maler in seine Schwester verliebt. Man könnte einen Roman daraus machen. So einen langen russischen Roman mit ganz vielen Personen, deren Namen man nicht richtig aussprechen kann.

Das Tauwetter oben hat nicht mit einem politischen Tauwetter zu tun, aber die Peredwischniki sind schon ein wenig revolutionär. Sie wenden sich gegen die Petersburger Akademie, wo das Studium bis zu fünfzehn Jahre dauerte und wo immer ein Polizist im Zeichensaal stand. Sie orientieren sich auch erst einmal nach Paris, weil sie wissen, dass in Frankreich eine neue Malerei begonnen hat. Und so haben ihre Bilder ein wenig von der Freiluftmalerei von Barbizon, haben ein wenig von dem ➱licht en lucht der Holländer, haben viel russische Weite und viel russische Seele.

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O tempora, o mores!

 

Kaum redet man wie ➱gestern über den Lateinunterricht, da hat man auch schon Gelegenheit, die dort vor mehr als einem halben Jahrhundert vermittelten Kenntnisse zu gebrauchen. Der Titel dieses Posts O tempora, o mores! stammt von Cicero. Den kennen Sie bestimmt, der kleine Scherz Kikero und Kaesar gingen in den Kirkus, der eine in Zylinder, der andre in Zivil stand am Anfang des Lateinunterrichts. Da lernte man schöne Sätze wie Caesar ora classis romana, was Caesar küsste eine flotte Römerin heißt. Sätze, die einen wie O tempora, o mores! oder ➱Gaudeamus igitur ein Leben lang begleiten.

Wie auch Cicero. Er ist ein Autor, den man immer lesen kann. Er ist auch der Mann, der gesagt haben soll: Ut conclave sine libris, ita corpus sine anima (Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele)Das ist nicht ganz dasselbe wie Books do furnish a room, das steht bei Anthony Powell, einem Autor, der auch viel klassische Bildung vermittelt. Der amerikanische Präsident Donald Trump kann kein Latein, er kann Cicero nicht lesen, die goldene Latinität fehlt seinen Reden.

Latein ist für die Amerikaner wichtig, sie haben ein Capitol, einen Senat und Senatoren. Und den Spruch e pluribus unum im Wappen. Das war der einzige lateinische Satz, den Andrew Jackson verstand. Jackson war der erste amerikanische Präsident, der kein Latein konnte. Selbst wenn sich ➱John Adams über Washington mokierte, That Washington is not a scholar is certain. That he is too illiterate, unlearned, unread for his station is equally beyond dispute, muss man sagen, dass Washington durchaus gut Latein konnte. Die Damen da oben finden sich im Kapitol in Constantino Brumidis Apotheose Washingtons. Sie könnten dazu noch eben den Post ➱Liberty Girls lesen. Ist witzig, kommt aber auch viel Klassik drin vor. Das Bild im ersten Absatz zeigt natürlich nicht Cicero, sondern George Washington in antiker Pose.

So wie hier Sarah Middleton (deren Bruder die ➱Declaration of Independence unterzeichnete) kurz vor ihrer Hochzeit mit Charles Cotesworth Pinckney, einem Freund Washingtons, sah sich die amerikanische Gesellschaft im revolutionären Amerika gerne: als flotte Römerin verkleidet blickt sie uns an, im Hintergrund die Anmutung einer römischen Villa. Es war für Amerika schön, dass seine Staatsgründung mit dem herrschenden Klassizismus zusammenfällt. Von ➱Thomas Jeffersons Villa ➱Monticello bis zum ➱Weißen Haus waren römische Republik und griechische Demokratie die Blaupause für das junge Amerika. Und natürlich liegt Washington nicht am Goose Creek, sondern am Tiber Creek. Manche Frauen gehen noch weiter als Mrs Pinckney, die kleiden sich nicht nur römisch, sie legen sich auch noch einen römischen Namen zu. So unterschreibt ➱Abigail Adams eines Tages ihre Briefe mit ➱Portia.

Zu dem Thema (hier Benjamin Franklin in einer modischen Toga) hat die Stanford Professorin Caroline Winterer einiges zu sagen. Sie können sich ➱hier eine knappe Stunde lang ihren Vortrag Are We Rome or Greece? America’s Infatuation with Classical Antiquity anhören, sie könnten sich in der Zeit aber auch die ➱Pressekonferenz reinziehen. Also die, wo er sagt: I’m here today to update the American people on the incredible progress that has been made in the last four weeks since my inauguration. We have made incredible progress. I don’t think there’s ever been a president elected who in this short period of time has done what we’ve done. Für den Kommentator bei ➱Spiegel Online war das schon ein Grund, nach dem Arzt zu rufen. Auf dieses durchaus mögliche Schicksal des Präsidenten habe ich schon in dem Post Doktor Pinel hingewiesen (vielen Dank, dass Sie den alle gelesen haben). Der Vortrag von Dr Winterer über Amerikas Geburt aus der Idee der Klassik, die Pressekonferenz des Plebejers Donald Trump über die Großartigkeit seiner Regierung: zwei Seiten Amerikas.

Ich bleibe noch mal eben beim Latein. Als ich gestern alle möglichen Nachrichten und Kommentare zu Trumps Pressekonferenz hörte, fiel mir plötzlich ein Zitat ein. Ich war dabei, mir einen Tee aufzubrühen und hatte von dem Zitat nur dieses usque tandem Catilina im Kopf. Ich trank erst einmal meinen Tee, ich wusste, mein Computer würde den Rest schon finden. Fand er auch. Cicero sagt in seiner ➱Catilina Rede – und ich finde das ein wunderbar für Trump passendes Zitat: Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra? Quam diu etiam furor iste tuus nos eludet? Quem ad finem sese effrenata iactabit audacia? Das heißt auf deutsch so etwas wie: Wie lange noch wirst du, Catilina, unsere Geduld mißbrauchen? Wie lange wird uns auch dieser dein Wahnsinn verspotten? Bis zu welchem Zeitpunkt wird sich deine zügellose Frechheit aufschaukeln?

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Adam Oeser

 

Ich gab bei Google Adam Oeser ein und bekam als erstes Ergebnis eine Anzeige von Adam Opel. Der Kommerz kommt vor der Kunst. Das ist bei Google immer so. Gibt man den Namen des Malers Adam Oeser bei Googles Bildersuche ein, bekommt man unter anderem diese junge Dame. Sie heißt Jennifer Oeser und ist eine Siebenkämpferin, ist aber wahrscheinlich nicht mit Adam Oeser verwandt. Die Bildauswahl bei Google wird ja immer seltsamer, seitenweise bekommt man Bilder, die garantiert nichts mit dem gesuchten Namen oder Begriff zu tun haben. Auch hier kommt der Kommerz meistens vor der Kunst. Wenn Sie mal etwas Nicht-Kommerzielles sehen wollen, dann Sie klicken Sie ➱dies an: massenhaft Bilder aus SILVAE. Da bekommen Sie auch einen Eindruck davon, was im Kopf dieses Bloggers vorgeht.

Der Maler und Bildhauer Adam Friedrich Oeser ist bisher in diesem Blog nicht vorgekommen. Was daran liegt, dass ich ihn nicht mag. Ich hätte ihn in dem Post zu ➱Anton Raphael Mengs erwähnen können, weil er bei Mengs gelernt hat, aber ich habe es gelassen. So wie Kindlers Malerei Lexikon ihn auslässt, die kennen zwar ➱Oelze, aber nicht Oeser. Adam Friedrich Oeser wurde heute vor dreihundert Jahren geboren, und nur deshalb bekommt er einen kleinen Post. Dieses Portrait Oesers ist von dem Maler Nikolaus Lauer, der auch hübsche Bilder von der ➱Königin Luise gemalt hat. Eigentlich ist ➱Nikolaus Lauer ein viel interessanterer Maler als Oeser, aber der hat heute keinen dreihundertsten Geburtstag. Das Pastellbild, das er kurz vor Oesers Tod gemalt hat, das ähnelt schon beinahe einem ➱Gainsborough – was beweist, das wir im Zeitalter der Empfindsamkeit sind.

Oeser war zu seinen Lebzeiten berühmt, seine Schüler liebten ihn, schrieben Gedichte auf ihn:

In Deiner Kunst lebt noch mit seinem ganzen Ruhm/ 

Athens und Roms geprießnes Alterthum:

Das Unnachahmliche, das uns mit jenen Zeiten

verloren ging, rufst Du aus ferner Nacht zurück, 

und weißt sein ganz Verdienst auf jedes Meisterstück

Von Deiner Hand mit Einsicht auszubreiten. 

Das hier sind die Kinder des Malers. Sicher eine rührende Szene, besser kann er nicht malen. Seine Berühmtheit verdankt er der Tatsache, dass er Goethe im Zeichnen unterrichtete (von einem ächten Lehrer spricht Goethe) und lebenslang mit ihm befreundet war. Und dass er mit Winckelmann, der auch bei ihm wohnte, befreundet war. Diesem Mann aus ➱Stendal, der nie in ➱Griechenland war, aber alles über die Griechen wusste. Sie erinnern sich: edle Einfalt und stille Größe. Und der ganze klassizistische Unsinn, der im deutschen Gymnasium mündet.

Ich will nichts Böses gegen Latein sagen. Mein erster Lateinlehrer ➱Hermann Bollenhagen war der beste Lehrer, den ich hatte. Mein zweiter Lateinlehrer war adlig und ein Nazi, mein dritter Lateinlehrer war völlig inkompetent in allen Sprachen (er sprach Diepholz Diefolz aus). Und dennoch mag ich Latein. Aber dieses ganze Gewese im 18. Jahrhundert mit Griechenland und Rom und der sogenannten klassischen Antike, das geht mir auf die Nerven. Ich halte nicht viel von Nietzsche, aber diesen gehässigen Satz von ihm muss ich doch mal eben zitieren: Winckelmanns und Goethes Griechen, V. Hugo’s Orientalien, Wagners Edda-Personnagen, W. Scotts Engländer des 13. Jahrhunderts – irgend wann wird man die ganze Komödie entdecken: es war Alles über alle Maaßen historisch falsch, aber – modern, wahr!


Oeser ist nicht nur mit Goethe befreundet, Goethe geht bei ihm auch zeitweise ein und aus. Und ist mit Oesers Tochter Friederike befreundet, er schreibt ihr Briefe und Gedichte, wie dieses erstaunliche autobiographische ➱Gedicht:

Mamsell,
So launisch wie ein Kind, das zahnt,
Bald schüchtern wie ein Kaufmann, den man mahnt,
Bald still wie ein Hypochondrist
Und sittig wie ein Mennonist,
Und folgsam wie ein gutes Lamm,
Bald lustig wie ein Bräutigam,
Leb ich und bin halb krank und halb gesund,
Am ganzen Leibe wohl, nur in dem Halse wund;
Sehr mißvergnügt, daß meine Lunge
Nicht so viel Atem reicht, als meine Zunge
Zu manchen Zeiten braucht, wenn sie mit Stolz erzählt
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Was ich bei euch gehabt, und was mir jetzt hier fehlt…

Im Jahre 1717 werden nicht nur Oeser und Winckelmann geboren, auch der italienische Maler Giuseppe Zocchi wird da geboren, der schöne Veduten gemalt hat. Und dieses charmante Federballspiel, gemalt wie eine Theaterdekoration, eine Inszenierung des Rokoko. Im Rokoko fängt Oeser an, dann wendet er sich dem Klassizismus zu. Malt aber niemals solch charmante Bilder wie dieses hier.

Und solch ein Familienbild, wie es ➱John Singleton Copley gemalt hat, das würde Oeser schon rein technisch nicht hinkriegen. Es wird auch nicht lange dauern, dass es mit der Lobhudelei zu Ende ist. Der erste, der mit der Winckelmann Begeisterung abrechnet, ist Daniel Nikolaus Chodowiecki: Was hat aber Winckelmann dem Künstler genutzt, nichts. Raphael und Rubens, Rembrandt, selbst der von vielen verachtete Tenier waren ohne Winckelmann was, Mengs ebenfalls und ohne Mengs wäre Winckelmann das geblieben was er war, da er Deutschland verließ. Er hat die Antiquen ange­staunt wie so viele andre und nicht verstanden. Wo sind die Künstler, die von Winckelmann profitiert haben, und die mit Raphael, Rubens und so vielen andren, die nach ihnen waren, zu vergleichen sind? Winckelmanns Schaffen kann einen Gelehrten, aber nicht einen Künstler bilden. Waß ist aus unsern Künstlern , die seit 10 Jahren nach Rom gegangen sind geworden? Was wird aus denen werden die jetzt in Rom sind. Rehberg [ein ehem. Schüler Oesers] geht rückwärts, Genelli verzehrt das Geld was die Akademie ihm reichte. 

Der Maler und Kunstschriftsteller Heinrich Meyer (nicht zu verwechseln mit dem Meyer aus Bremen, über den mein Freund ➱Dommie alles weiß), lebenslang ein Freund Goethes, bezeichnet Oeser als einen Nebulisten. Das können wir bei diesem Bild nachvollziehen. Seine besten, ausgeführten Arbeiten haben noch zu viel Schwebendes, Unbe­stimmtes, zu leichten Sinn und halb aufgelöste Gestalten. Im Übrigen sind es meist anmuthige Bilder, Ergießungen einer harmlosen kindlichen Seele, eines schönen begabten Geistes. Man kann Meyer auch darin folgen, wenn er davon redet, dass Oeser mit gefäl­ligen doch zu leicht und nebelhaft ausgeführten Mahlereien großes Lob erwor­ben hat.

Vor allem, wenn das obige Bild eines Mädchens mit dem Portrait der Töchter des Künstlers von Thomas Gainsborough vergleicht, einem Bild, an dem nichts Nebulöses ist. Man könnte auch das ➱Shrimp Girl von ➱Hogarth zum Vergleich heranziehen, Oeser schneidet bei solchen Vergleichen immer schlecht ab. Der Kunsthistoriker Timo John hat in dem hervorragenden ➱Goethezeitportal die Rezeption Oesers durch die Jahrhunderte verfolgt.

Was im Goethezeitportal steht, kommt natürlich aus der ➱Dissertation des Autors, der im Jahre 2000 mit seiner Studie über Oeser an der Universität Halle-Wittenberg promoviert wurde. Erstaunlicherweise sind Timo Johns Publikationen auch im Wikipedia Artikel erwähnt, da hat man es ja leider normalerweise nicht mit solcher Genauigkeit. Studie über einen Künstler der Empfindsamkeit heißt Johns Buch im Untertitel. Es war Johann Joachim Christoph Bode, der (auf Anraten Lessings) das Wort empfindsam in die deutsche Sprache gebracht hat, als er ➱Laurence Sternes Sentimental Journey mit Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien übersetzte.

Da haben wir sie nun, die ➱Empfindsamkeit. Goethes Werther, Klopstock und viele schöne Gefühle. In England Henry Mackenzies Roman ➱The Man of Feeling und Gainsborough. Und viel Maliziöses zu dem sentimental feelings. Und bei uns Schäferszenen, wie diese hier von Oeser. Konnte Watteau besser. Wenn Goethes satirisches Stück ➱Triumph der Empfindsamkeit aufgeführt wird, ist das das Ende der Epidemie der Gefühlsduseligkeit. Und mein Post zu Adam Friedrich Oeser ist hier auch zu Ende. Ich hätte über Jennifer Oeser schreiben sollen. Oder über Adam Opel.

Oder über RB Leipzig. Denn es ist Leipzig gewesen, wo man Oeser beinahe ein halbes Jahrhundert lang für einen großartigen Maler hielt (es gibt da noch eine Adam Oeser Schule). Oeser ist natürlich kein großartiger Maler, in Dresden hätte er wohl nicht diesen Erfolg gehabt. Ich habe hier noch einen letzten Beweis, dass der Mann überhaupt nicht malen kann. Selbst Goethe hätte diesen Abschied Hektors von Andromache hingekriegt. Da findet man Tischbein (zu dem es ➱hier einen Post mit viel Goethe gibt) schon wieder gut.

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Dollarnoten

 

Ich weiß nicht, ob ich das wirklich wahrmachen will, was ich in dem Post ➱Bilder: Geschichte in den Raum gestellt habe, aber ich komme noch einmal auf das Problem zurück, dass ein Maler wie Norman Rockwell mit dem amerikanischen Präsidenten hatte. Präsentiere aber einen anderen Maler, einen anderen Präsidenten. Das hier ist er, der Präsident George Washington. Steht unter dem Bild noch dabei: Washington. Auf der kleinsten Banknote der Vereinigten Staaten.

Jeder Amerikaner hat den Schein schon in der Hand gehalten. Es gibt allerdings eine Banknote mit einem Präsidenten, die wohl niemand in die Hand bekommen wird. Falls Sie zufälligerweise einen Schein mit Woodrow Wilson in der Schublade haben sollten: die gilt heute wirklich noch. Und sie ist auch wirklich 100.000 Dollar wert. Der grüne Dollarschein, der gerade, wo ich dies schreibe, neben meiner Tastatur liegt, ist natürlich nur einen Dollar wert. Das Bild Washingtons auf dem Schein stammt von dem amerikanischen Maler Gilbert Stuart, der seinen Präsidenten mehrfach gemalt hat.

 

Natürlich haben ihn auch andere gemalt, wie zum Beispiel  Charles Willson Peale, der Captain in der Miliz von Pennsylvania war (und mit Washington in Valley Forge war). Von ihm ließ sich Washington gerne malen, von Gilbert Stuart nicht so sehr. Die Washington Bilder von Stuart sind immer wieder recycelt worden, dieser Washington von Roy Lichtenstein hängt neben zwei Amerikanern, die ebenso berühmt sind wie er.

Zahnärzte haben es manchmal schwer mit ihren Patienten, nicht jeder liebt die zahnärztliche Behandlung wie Jack Nicholson in ➱Little Shop of Horrors. Maler sind da manchmal in einer ähnlichen Situation, auch ihre Kunden fühlen sich wie Patienten: Speaking generally, no penance is like having one’s picture done. You must sit in a constrained and unnatural position, which is a trial to the temper. But I should like to sit to Stuart from the first of January to the last of December, for he lets me do just what I please, and keeps me constantly amused by his conversation. Sagt John Adams, zweiter Präsident der USA. Als Gilbert Stuart dieses Altersbild malt, da ist Adams‘ ältester Sohn John Quincy Adams schon Präsident. Es ist ein schönes Bild, es ist so modern, dass es auch hundert später gemalt sein könnte. Dagegen ist das zehn Jahre zuvor gemalte  Portrait ein wenig langweilig, bis auf die wunderbar gemalte Partie von Kragen und Hemdbrust. Das hätte Manet nicht besser gekonnt.

Nicht nur Adams ist ein Zeuge dafür, dass Stuart in der der Lage ist, seine Kunden constantly amused by his conversation zu halten. Doch bei manchen verfängt das nicht wirklich. Dann ist Stuart in einer ähnlichen Lage wie Norman Rockwell mit Lyndon B. Johnson. Dieser englische Gentleman hier hat sich dagegen gesträubt, von Stuart gemalt zu werden. Er ist selbst Maler, jetzt ist er mal auf der anderen Seite der Staffelei. Und dann malt dieser junge Spund aus den Kolonien nicht einmal als Attribute eines Künstlers allerlei Malutensilien in das ➱Bild), sodass jeder Betrachter sehen kann, dass hier ein berühmter Maler portraitiert wurde. Einzig seine goldene Schnupftabakdose darf er in Händen halten. Sir Joshua Reynolds – um niemand anderen handelt es sich – wird das Bild seines jungen Kollegen Gilbert Stuart immer hassen, constantly amused by his conversation war er auch nicht.

Sir Joshua liebt den Schnupftabak. Wie so viele der feinen englischen Gesellschaft des 18. Jahrhundert. Und auch der nicht so feinen Gesellschaft. Kitty Fisher, die Reynolds mehrfach malt, ist eine demimonde, die von ihren Portraits klitzekleine Kopien anfertigen lässt, die die Herren in ihre Schnupftabakdosen legen können. Sozusagen doppelter Genuss. Gilbert Stuart verdammt den Schnupftabak: Snuff-taking is a pernicious, vile, dirty habit, and, like all bad habits, to be carefully avoided. Aber er hat immer eine große Schnupftabakdose dabei. Stuarts Vater hat übrigens Schnupfttabak hergestellt, das kann man heute im  Gilbert Stuart Museum noch sehen. So verbindet Reynolds goldene Tabakdose die beiden Maler in einem symbolischen Sinne.

So gut Stuart als Maler ist, so schlecht ist er darin, seine von den Kunden im voraus bezahlten Bilder auch wirklich abzuliefern. Er flieht vor seinen englischen Gläubigern nach Irland, aber auch da ist er schnell im Schuldgefängnis. Wenn er Irland verlässt, hat er schon einen Plan: Well, I mean to begin:—I’ll get some of my first sittings finished; and when I can nett a sum sufficient to take me to America, I shall be off to my native soil. There I expect to make a fortune by Washington alone. I calculate upon making a plurality of portraits, whole-lengths that will enable me to realize; and if I should be fortunate, I will repay my English and Irish creditors. Wenn ihn sein Gesprächspartner fragt: And what will you do with your aggregate of unfinished works, antwortet er großzügig: The artists of Dublin will get employed in finishing them. You may reckon on making something handsome by it, and I shan’t regret my default, when a friend is benefitted by it in the end.

Ich glaube nicht, dass er jemals vorhatte, seine Gäubiger zu bezahlen. Im Alter soll er in der Lage gewesen sein, das berichtet seine Tochter, ein Washington Portrait in zwei Stunden zu malen. Ihre Aussage ist allerdings mit ein wenig Vorsicht zu geniessen, denn Jane Stuart malt selbst. Hauptsächlich Kopien der Washington Portraits. Vor Jahren hat ihr die Stadt Newport eine Ausstellung gewidmet: Newport’s Own: Paintings by Jane Stuart. Das erste Portrait, das Stuart im Frühjahr 1795 malt, ist nicht erhalten, aber Stuart hat ein Dutzend Repliken davon gemalt. Mit anderem Hintergrund und leichten Variationen in der Kleidung (über Washingtons Kleidung können Sie ➱hier mehr lesen). Wenn Washington in diesen Jahren auf vielen Bildern etwas verkniffen guckt, dann liegt das an seinem neuen Gebiss, das nicht richtig passt.

Dies Bild hier, das sogenannte Athenaeum Portrait von 1796, das nach dem Tod des Malers zum ersten Mal im Boston Athenæum gezeigt wurde, hatte Martha Washington bestellt. Und bezahlt. Sie hat es nie bekommen. Gilbert Stuart brauchte es, um es kopieren. Er nannte das Bild his hundred-dollar bill, er braucht ständig Geld, er hat aus dem finanziellen Debakel in England und Irland nichts dazugelernt. Am Ende seines Lebens malt er zwei Washingtons am Tag, ist aber so arm wie am Anfang des Lebens. Er hinterlässt 1.778,34 Dollar Schulden, was natürlich nichts gegen die Milliardenschulden ist, die Donald Trump hat. Aber seine Frau ist zu arm, um eine Grabstelle zu kaufen.

Die sechs Jahre, die Stuart bei Benjamin West und seiner Frau verbrachte, waren eine strenge Zucht für ihn, der Quäker West achtete auf seinen Schüler. Da gab es keinen Champagner und kein Luxusleben. Doch dann wurde er zu schnell berühmt, und nachdem er den Schlittschuhläufer (der in dem Post ➱Sir Henry Raeburn abgebildet ist) gemalt hatte, konnte er Honorare nehmen, die an die von ➱Reynolds und ➱Gainsborough heranreichten. Und dann kommt ein Leben, wie wir es aus The Rake’s Progress von ➱William Hogarth kennen: teuerste Klamotten von den teuersten Schneidern, ein französischer Koch, große Abendgesellschaften. Und so heißt es für ihn nach achtzehn Jahren in England und Irland: I shall be off to my native soil. There I expect to make a fortune by Washington alone.

Das lebensgroße Bild von Washington aus dem Jahre 1896 im oberen Absatz hat den Namen Lansdowne Portrait, William Bingham und seine Gattin Anne Willing Bingham (hier von Stuart gemalt) hatten es in Auftrag gegeben, um es dem Marquess of Lansdowne zu schenken. Einem der wenigen englischen Parlamentarier, der die Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien unterstützt hatte. William Bingham ist einer der reichsten Männer von Pennsylvania, Anne Willing Bingham gilt als die schönste Frau Amerikas. Wenn sie es ist, wird Stuarts Portrait dem nicht unbedingt gerecht.

Auf dieser Skizze von Gilbert Stuart schon eher. Ich musste Anne Willing Bingham mal eben erwähnen, weil sie auch etwas mit dem amerikanischen Geld zu tun hat: ihr Bild ist auf amerikanische Münzen gewandert. Lesen Sie dazu mehr in dem Post Liberty Girls. Anne Bingham ist auch diejenige gewesen, die George Washington überredet hat, sich von Gilbert Stuart malen zu lassen. Er hasste die Maler, fand sich aber mit seiner Rolle ab: In for a penny, in for a pound is an old adage. I am so hackneyed to the touches of the painter’s pencil that I am now altogether at their beck, and sit like Patience on a monument, whilst they are delineating the lines of my face. It is a proof, among many other, of what habit and custom can effect. At first I was as impatient at the request, and as restive under the operation, as a colt is of the saddle. The next time I submitted very reluctantly, but with less flouncing; now, no dray moves more readily to the thrill than I do to the painter’s chair. 

Gilbert Stuarts Charme verfing bei dem maulfaulen und von seinem Gebiß gequälten Washington überhaupt nicht. Worüber konnte man mit diesem Mann nur reden? Irgendwann kam Gilbert Stuart auf Landwirtschaft (in der er sich auch einmal versucht hatte) und Pferde, ein wunderbares Thema für George Washington, wie uns der Adoptivsohn des Präsidenten George Washington Parke Custis erzählt. Und Stuart schreibt: I had him on a pivot and could manage him nicely. Eine Professorin namens Dorinda Evans hat neuerdings die Theorie aufgestellt, dass es nicht der Suff, der Schnupftabak und die vielen Lügen sind, die zu Stuarts graduellem Untergang führen. Er soll manisch depressiv gewesen sein. So what? Sind das nicht alle Künstler? Ihr Buch ist kaum überzeugend, hat aber sehr eindrucksvolle Fußnoten. Das Beste zu Stuart ist der Ausstellungskatalog des Metropolitan Museum Gilbert Stuart von Carrie Rebora Barratt und Ellen G. Miles. Kostet aber mehr als einen Dollar.

Über hundert Bilder von George Washington hat Gilbert Stuart gemalt. Er hat den englischen König George III gemalt, und außer Washington und Adams hat er noch drei amerikanische Präsidenten gemalt: Thomas JeffersonJames Madison und James Monroe. Und er hat vielleicht, ganz sicher ist man sich da nicht, diesen Herrn gemalt, der ebenso vornehm und königlich ist wie Könige und Präsidenten. Es ist wahrscheinlich der Koch von George Washington. Das ist die wahre Demokratie: den Diener ebenso stilvoll zu malen wie den Herren.

Gilbert Stuart ist nicht zum ersten Mal in diesem Blog, wenn Sie noch mehr über ihn lesen wollen, klicken Sie doch diese Posts an: Gilbert StuartSir Joshua ReynoldsSir Henry RaeburnAdmiral John JervisLiberty GirlsMauritiusRalph EarlSchlittschuhlaufen18th century: America18th CenturyEdle WildePenelope BoothbyLenbachGeorge Washington (sartorial)SaratogaJohann Heinrich Tischbein d.Ä.Angelika Kauffmann

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Bilder: Geschichte

 

Wird dieses Bild demnächst im Weißen Haus hängen? Es ist uns allen klar, dass das Bild eine Fälschung ist. Da ist jemand beigegangen und hat auf das Portrait eines Generals aus der napoleonischen Zeit den Kopf von Donald Trump gesetzt. Photoshop macht’s möglich. Ich vermute, dass sich der Fälscher ein Bild von George Dawe, dem Hofmaler des russischen Zaren genommen und den Kopf von Goldilocks draufgesetzt hat. George Dawe kommt schon in dem Post ➱Thomas Lawrences Blücher vor. Sie könnten ➱hier nach einer Vorlage für den Photoshop General suchen. Ich habe das Bild aus diesem nicht uninteressanten ➱Blog gemopst, ich finde es zu schön. Vor allem diese doppelte und dreifache Ironie: ein amerikanischer Präsident, der nie beim Militär war, in einer russischen Uniform. Und ein gefälschtes Bild, das einen echten Fälscher darstellt.

Im ➱Weißen Haus werden jetzt Bilder umgehängt werden. Wahrscheinlich werden Trumps Innenarchitekten es nach dem Vorbild von Trump Tower im goldenen Bordellstil umgestalten. Dieses Bild der kleinen Ruby Bridges (The problem we all live with), das gegenüber vom Obamas Office hängt, wird da auch wohl verschwinden. Das Bild ist von Norman Rockwell, Amerikas beliebtestem Maler des 20. Jahrhunderts. Der hat ➱hier schon einen Post, aber da er heute Geburtstag hat, dachte ich mir, ich schreibe noch ein wenig über ihn.

Über ihn und amerikanische Präsidenten, denn er hat viele von ihnen portraitiert. Ich habe mir überlegt, ob ich nicht mal den ganzen Monat Februar über amerikanische Präsidenten schreiben soll. Ich weiß allerdings nicht, was dann passiert. Im Monat Januar hatte ich, sagt die Google Statistik, beinahe 100.000 Leser. Würden mich auch so viele lesen, wenn ich nur über amerikanische Präsidenten schreibe? Es gibt da ja ein paar interessante Leute. Und interessante Bilder. Diesen Dwight D. Eisenhower von Norman Rockwell muss man einfach mögen.

Im Jahre 1964 malt Norman Rockwell zwei Präsidentschaftskandidaten, Barry Goldwater (dem über tausend amerikanische Psychiater Paranoia, Narzissmus und eine schwere Persönlichkeitsstörung per Ferndiagnose attestiert hatten) und Lyndon B. Johnson. Rockwell mag den Senator Goldwater, der ein Gegner des Civil Rights Act ist, überhaupt nicht: I didn’t vote for him, but he was a very cooperative model. Und so entsteht dieses Bild, das den Mann, den seine Gegner mit Hitler vergleichen, ganz charmant aussehen lässt.

In der gleichen Woche hat Rockwell einen Termin mit dem Präsidenten Lyndon B. Johnson, dem Mann, der zwei Wochen zuvor den Civil Rights Act  unterzeichnet hat. So dass die kleine Ruby Bridges auf dem Bild da oben zu einer weißen Schule gehen konnte, zehn Jahre nachdem ➱Earl Warren das Urteil im Fall Brown vs. Board of Education verkündet hat. Der Präsident hat schlechte Laune, zwanzig Minuten will er dem Maler zugestehen, auf keinen Fall eine Stunde. Get cracking, sagt er, er hält Rockwell für einen billigen Schnellmaler. Rockwell versucht die Stimmung aufzulockern, aber nichts hilft. Da sagt er: Mr. President I have just done Barry Goldwater’s portrait and he gave me a wonderful grin. I wish you would do the same. Und da bekommt Johnson wirklich ein kleines Lächeln ins Gesicht, like he was competing for the Miss America title, wie ➱Rockwell später sagt. Das Bild erscheint als Titelbild von Look im Oktober 1964, zwei Wochen vor der Wahl.

Die Lyndon B. Johnson gewinnt. Er hätte sie auch ohne Norman Rockwells Bild für Look gewonnen, das ist uns klar. Rockwell arbeitete zuvor für die Saturday Evening Post, aber die wollte keine politischen Aussagen auf dem Titelblatt. Solange er die typische glückliche amerikanische Familie malte, mochte man ihn. Doch das Bild von der kleinen Ruby Bridges mit Polizeischutz, ➱Murder in Mississippi oder dies hier (➱New Kids in the Neighbourhood), das wollte man in der Vorstandsetage der ➱Saturday Evening Post nicht. Ein halbes Jahrhundert hatte Rockwell für das Magazin gearbeitet, hatte es groß gemacht, jetzt geht er zu Look. Die drucken The problem we all live with.

Ruby Bridges (hier begleitet von US Marshals), die heute im Vorstand des Norman Rockwell Museums ist, hatte Präsident Obama dazu gebracht, das Bild von Rockwell als ➱Leihgabe in das Weiße Haus zu nehmen: I was about 18 or 19 years old the first time that I actually saw it. It confirmed what I had been thinking all along –  this was very important and you did this, and it should be talked about… At that point in time that’s what the country was going through, and here was a man who had been doing lots of work – painting family images –  all of the sudden decided this is what I am going to do… it’s wrong and I’m going to say that it’s wrong.

Es ist viel Hass in diesem Bild. Diese jungen Damen sind weiße Schülerinnen, die ihren Hass auf das kleine schwarze Mädchen in die Welt hinausbrüllen. Die William Frantz Elementary School war leer, als Ruby ankam, die Eltern hatten die Kinder zu Hause behalten. Auch die ganze Straße war leer, da war nur dieser weiße Mob. Wenn sie nicht diesen Haß in den Gesichtern hätten, könnten sie hübsche amerikanische Teenager der Mittelschicht sein. Die Lehrer weigern sich, das kleine Mädchen zu unterrichten. Nur die Lehrerin Barbara Henry schließt sich diesem Protest nicht an, sie wird die Lehrerin von Ruby Bridges: I had never seen a white teacher before, but Mrs. Henry was the nicest teacher I ever had. She tried very hard to keep my mind off what was going on outside. But I couldn’t forget that there were no other kids.

Was Abraham Lincoln begonnen hatte, das hat Lyndon B. Johnson mit seinem Great Society Programm zu Ende gebracht: der farbigen Bevölkerung Amerikas Freiheit und Gleichheit zu geben. Der Satz der Declaration of Independence that all men are created equal war wahr geworden. Die Antrittsreden von Abraham Lincoln und Lyndon B. Johnson sind allerdings bedeutungslos gegen die Rede von Trump gewesen. Sagt Donald Trump. Auf den auch alles zutrifft, was die Psychiater an Barry Goldwater diagnostizierten. Und auf den auch der Titel des Bildes von Norman Rockwell zutrifft: The problem we all live with.

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