Oskar Zwintscher


Ich habe endlich Ihr Selbstporträt gesehen. Das muß ich Ihnen auf alle Fälle sagen, daß es mir einen großen, großen Eindruck gemacht hat. Das ist ein wundervolles Bild. So fein in den Kontrasten, so intim und doch fast dekorativ. Es ist mir das Liebste, was ich bisher von Ihnen gesehen habe. (Wie freue ich mich einmal, bis ich viel mehr kenne, über Ihr Werk zu schreiben!), schreibt Rainer Maria Rilke am 18. Mai 1902 an den Maler Oskar Zwintscher. Er hatte das Bild in der 13. Großen Kunstausstellung des Bremer Kunstvereins in der Bremer Kunsthalle gesehen. Aus dieser Ausstellung heraus hat die Kunsthalle bei Ausstellungsende das Bild auch gekauft. 1902 war Zwintscher ein berühmter Mann. Aber der Ruhm des Mannes, der es versteht, uns die koloristischen und zeichnerischen Experimente der alten Meister, natürlich ins Moderne übersetzt, wieder nahe zu rücken, hat nicht lange gehalten.

Zwintscher ist, Rilkes Einladung folgend, einmal in Worpswedegewesen. Hat dort Heinrich Vogeler, Rainer Maria Rilke und seine Ehefrau Clara Rilke-Westhoff gemalt. Das wusste ich, sonst wusste ich wenig über den Künstler. Jetzt weiß ich mehr, weil mir die Astrid zu Weihnachten den großen Dresdner Zwintscher Katalog Weltflucht und Moderne: Oskar Zwintscher in der Kunst um 1900 geschenkt hat. Die haben in Dresden vierzig Jahre nach der ersten Nachkriegsausstellung von Zwitscher jetzt wieder eine Ausstellung. Im letzten Jahr war schon das kleine Buch Oskar Zwintscher im Albertinum (Leseprobe) erschienen. Über die neue Ausstellung hat die Direktorin des Albertinums Hilke Wagner gesagt: Es ist für mich eine Aufgabe, dass wir die Kunstgeschichte korrigieren und diesen wunderbaren Maler, der eben lange übersehen wurde, im rechten Licht und im rechten Kontext zeigen

Das sind große Worte, denn nicht alles im Werk von Zwintscher, den man einmal den sächsischen Klimt nannte, ist wunderbar. Das Dresdner Online Stadtmagazin Cyber Sax hat das etwas genauer formuliert: Der Maler Oskar Zwintscher (1870–1916) gehörte lange zu den Verlierern der alten Fortschrittserzählung der Moderne, wurde seine Kunst doch bis vor einigen Jahren nicht selten als schwüler Jahrhundertwende-Kitsch abgetan. Wenn wir ein Beispiel für den Kitsch brauchen, dann reicht ein Blick auf dieses Bild, das den Titel Gram hat. Das ziert natürlich nicht die Vorderseite des neuen Katalogs, dafür hat man ein wirklich gutes Bild des Malers genommen, der auch ein hervorragender Portraitist ist.

Vorne auf dem Katalog ist dieses Portrait einer Dame mit Zigarette aus dem Jahre 1904. Man weiß leider nicht, wer sie ist. Der Dresdner Online Katalog sagt über das Bild: Von dieser jungen Frau mit offenem Haar, dichten Augenbrauen, vollen Lippen und schlichter, schmuckloser Kleidung geht eine rätselhafte Anziehungskraft aus. Ihr direkter Blick und die laszive Haltung mit übereinandergeschlagenen Beinen lassen auf eine moderne, selbstbestimmte Persönlichkeit schließen, möglicherweise eine Malerin, Sängerin oder Schauspielerin. Diese Annahme wird unterstrichen durch die angezündete Zigarette, die bislang ausschließlich als Symbol für Weltläufigkeit und Männlichkeit galt. 

Die dunklen Augen der jungen Frau sind erfüllt von einer unbestimmten Sehnsucht und Melancholie.Immer wieder verwies der Maler in seinen Frauenbildnissen auf dunkle, gedankenschwere Seelenzustände. Die Eindringlichkeit des Bildnisses wird gesteigert, indem Zwintscher das helle, samtige Inkarnat von Gesicht, Hals und Händen sowie das Aschblond der Haare in hellen Tönen im Kontrast zur schwarzen Kleidung und zum schwarzgrauen Hintergrund erstrahlen lässt. Allein die glutrote Zigarettenspitze und das Rot der sinnlichen Lippen setzen Farbakzente.

Das zweite Bild im oberen Absatz ist nicht von Zwintscher, es entstammt einem Projekt namens tussenkunstenquarantaine, wo jedermann bei Instagram Gemälde nachstellen kann. Aber ein Original nachzustellen gelingt selten. Wer hat schon solch ein Handgelenk wie die Dame aus dem Jahre 1904? Die Idee, Kunstwerke nachzustellen, kam in der Corona Zeit vom Getty Museum: We challenge you to recreate a work of art with objects (and people) in your home: 

Choose your favorite artwork 

Find three things lying around your house 

Recreate the artwork with those items

Und dann schicken Sie das Ganze ans GettyMuseum. Oder an tussenkunstenquarantaine. Oder wohin Sie wollen, das Internet nimmt alles. Und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: suchen Sie sich etwas Einfaches aus. Versuchen Sie nicht Albrecht Altdorfers Alexanderschlacht nachzustellen.

Die Ausstellung Weltflucht und Moderne: Oskar Zwintscher in der Kunst um 1900 geht noch bis zum 15. Januar (also bis übermorgen), ab März ist sie in Wiesbaden zu sehen.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Julie Récamier (encore une fois)

Damit Sie an diesem Adventssontag etwas zu lesen haben, und es den nächsten neuen Post erst übermorgen gibt, stelle ich hier etwas ein, das vor zehn Jahren schon hier stand. Und viele tausend Leser gefunden hat, sehr viele.

Die Franzosen sind dem weiblichen Genius wenigstens minder abhold als die Deutschen. Diese Eigenschaft beweist, daß ihre Bildung harmonischer ist als die unsers Volks, und daß sie größern Nationalstolz besitzen als unsere werthen Landsleute; denn der Franzose liebt alles, was den französischen Namen verherrlicht. Ich glaube nicht, daß jemals eine Juliette Récamier in Deutschland aufblühen werde, sowenig wie es in jetziger Zeit in Frankreich geschehen könnte; denn der Sinn für eine Größe, wie die ihrige, ist verschwunden, wenn er sich auch noch bei Einzelnen findet. Schreibt Helmina von Chézy in ihren Erinnerungen.

Und sie hat natürlich Recht, wir haben keine Salonière, die sich mit Jeanne Françoise Julie Adélaïde Bernard, besser bekannt als Madame Récamier (die heute vor 245 Jahren geboren wurde) vergleichen könnte. Obgleich sich die Damen im Spree-Athen natürlich darum bemühen, auch eine merveilleuse zu sein. Und nicht nur die französische Empire Mode nachzuahmen, sondern möglichst auch einen Salon zu haben. Kriegen sie auch, wie uns zum Beispiel Günther de Bruyn in Als Poesie gut: Schicksale aus Berlins Kunstepoche 1786 bis 1807 zeigt, halbwegs hin. Allerdings werden keine Möbelstücke nach den Berliner Salonièren benannt. Doch Rahel Levin-Varnhagen hat hier schon lange einen Post.

Bei uns sieht in Deutschland das alles etwas anders aus als in Paris oder bei den Blaustrümpfen in England. Ich zitiere noch einmal Helmina von Chézy: Ich glaube nicht, daß jemals eine Juliette Récamier in Deutschland aufblühen werde, sowenig wie es in jetziger Zeit in Frankreich geschehen könnte; denn der Sinn für eine Größe, wie die ihrige, ist verschwunden, wenn er sich auch noch bei Einzelnen findet. Hier ist eine Einzelne. Die ihren Musenhof allerdings nicht in Berlin, sondern in Tübingen unterhält. Das hier ist Wilhelmine Cotta, die Gattin von Johann Friedrich Cotta, der der Verleger von Schiller und Goethe war. Wenn Tübingen auch nicht Paris ist, der Maler des Bildes ist gerade aus Paris gekommen. Er heißt Gottlieb Schick, er hatte in Paris bei Jacques-Louis David studiert. Bevor Schick Paris verließ, konnte er im Studio sehen, wie David die Madame Récamier portraitierte. Und er selbst hat die Julie Récamier in Paris in sein Skizzenbuch gezeichnet.

Wenn ich mal eben für einen Augenblick abschweifen darf: ein Freund von mir versuchte vor Jahrzehnten zusammen mit seiner Gattin diese schöne Tradition eines Salons in einer großen Altbauwohnung durch einen jour fixe wieder zu beleben. Aber das Ganze schlief nach ein, zwei Jahren wieder ein. An den Möbeln lag es nicht, es gab zwar keine Récamière, aber genügend stilvolle alte Möbel. Leider fehlte irgendwie der gewünschte intellektuelle Austausch. Die Professoren von der Kunsthochschule diskutierten nicht über Kunst, sie zogen sich in eine Wohnzimmerecke zurück und spielten bis in die Nacht Skat.

Die Lehrer klagten über die Dummheit der Schüler, die Hochschullehrer klagten über die Dummheit der Kollegen. Gott erschuf den Professor, der Teufel erschuf den Kollegen. Nur bei den Mettbrötchen und dem Bier in der Küche kam manchmal so etwas wie ein niveauvolles Gespräch auf. Dabei war die ganze Idee ja gut, nur war der Zeitpunkt offensichtlich nicht geeignet. Die 68er waren müde. Alle Gäste des Salons schienen in der midlife crisis zu sein, viele waren wegen einer Ehekrise in Therapie. Es war statt eines schöngeistigen Salons die trivialisierte Form eines John Updike Romans geworden. Dennoch denke ich mit einer gewissen Nostalgie daran zurück. Wenn man bedenkt, dass dies damals vielleicht die Crème de la Crème des Ortes war: was hätte werden können – und warum wurde es nur so wenig? Gut, manche Diskussionen waren oberhalb des Niveaus der Universität, aber dazu gehörte nicht viel. Es kann natürlich sein, dass es in Berlin kein Äquivalent für eine Madame Récamier oder eine Madame Tallien (Bild) gab. Aber vielleicht gab es in den berühmten Salons in Paris und Berlin ja damals auch nur Klatsch und Tratsch.

Vielleicht ist das, was uns Eduard Gans aus dem Salon der Mme Récamier zu berichten wusste, auch nur eine schöne home story gewesen? Irgendwie klingt mir da die Berlinerin Elise von Hohenhausen ehrlicher: Eine geistige Gemeinschaft fand in Berlin statt, wie sie wohl in wenigen Städten gefunden wird. Geistreiche Familien, auch wohl einzelne Damen, hielten an bestimmten Wochentagen Versammlungen, die auf’s Lebhafteste an die Salons der Du Deffant, L’Espinasse, Recamiér u. A. m. erinnerten. Man achtete nicht darauf, ob man eine oder drei Treppen steigen mußte, ob es hell oder dämmernd im Zimmer war; Alles was man verlangte, war ein warmer Ofen und eine Tasse Thee; die Tasse selbst mochte von chinesischem Porzellan oder von Töpferwaare seyn. Dieses Detail mit der Töpferware hat etwas Authentisches.

Es gibt noch eine andere Verbindung zwischen Paris und Berlin als die der Nachahmung französischer Mode und der Pariser Salons. Gertrude Aretz erzählt in Berühmte Frauen der WeltgeschichteAls das Kaiserreich errichtet wurde, versuchte der Polizeiminister Fouché, die Récamiers für den neuen Hof zu gewinnen. Er bot Juliette an, Ehrendame am Hofe Napoleons zu werden. Juliette Récamier lehnte jedoch ab und geriet nach und nach in den Kreis der Opposition, die sich um Frau von Staël geschart hatte. Als ihr Gatte grosse finanzielle Verluste erlitt, zog sie sich eine Zeitlang auf das Schloss ihrer Freundin nach Coppet zurück. Dort lernte sie den Prinzen August von Preussen kennen, der sich sterblich in sie verliebte. Eine Zeitlang trug sie sich mit der Absicht, diesen Neffen des Grossen Friedrich zu heiraten. Ob sie wirklich diese Absicht hatte, wissen wir nicht. Aber der August, der hätte sie schon gerne geheiratet. Sie hat ihm das Bild geschenkt (oder geliehen, das ist nie so ganz klar geworden), das wir hier sehen: Ich bin nun endlich wieder im Besitz Ihrers Porträts, das ich mit brennender Ungeduld so lange erwartet habe: Wieviele süße Erinnerungen und wieviel Bedauern, so weit vom Original entfernt zu sein, fanden sich in meinem Herzen, als ich es wiedersah! schreibt ihr der Prinz August aus Berlin. Und da steht er nun – von Franz Krüger gemalt – breit und bräsig im Salon vor dem Portrait der schönsten Frau Frankreichs, gemalt vom Baron Gérard. 

Als Franz Krüger den Preußenprinzen mit der fernen Geliebten an der Wand malt, konnte Mme Récamier das Bild eh nicht mehr gebrauchen. Sie war gerade ins Kloster gezogen. Sie ist nicht aus Liebeskummer eine Nonne geworden, nein, die L’Abbaye-aux-Bois in der Rue de Sèvres bot verarmten Damen der feinen Gesellschaft preiswerten Wohnraum. Madame war pleite. Da hatte es ihre Konkurrentin um den ersten Platz in der Gesellschaft, Madame Tallien (die Notre-Dame de Thermidor), bedeutend besser getroffen. Arsène Houssaye hat bösartig von Mme Récamier als eine jener Neugriechinnen, die sich halb nackt, aber von ihrer Schamhaftigkeit bekleidet, aus den Ruinen eines blutigen Pompeji erhoben gesprochen. Man kann das anders formulieren, die Kostümhistorikerin Aileen Ribeiro erwähnt sie im Zusammenhang mit der raffish demi-mondaine society thrown up by the Directory. Man ist schnell nach oben gekommen, jetzt fällt man wieder. Das Rad der Fortuna dreht sich zu Lebzeiten Napoleons (der Julie Récamier nicht ausstehen konnte) etwas schneller als sonst.

Ganz so schlimm kann es im übrigen in den Räumen der Abtei in der Rue de Sèvres nicht gewesen sein, wie das Gemälde von Gérard (oben) zeigt. Das beinahe zeitgleich mit Franz Krügers Bild vom Prinzen August gemalt wurde. Madame hat ihre geliebte Harfe, ihr Piano und ein Regal voller Bücher retten können (hier ein Bild ihres Bettes). Und da sitzt sie wieder, wie auch schon auf dem Bild von David, stereotyp in ihrem weißen Hemdblusenkleid, dieser Mode à la Grecque. Die angeblich die neue Volkstracht sein soll, aber natürlich Haute Couture und unbezahlbar teuer ist.

Und sie empfängt auch hier ihren Kreis von Bewunderern, hat auch hier noch ihre Hofberichterstatter. Wie zum Beispiel Chateaubriand (hier auf einem Bild von Girodet), der angeblich ihr Geliebter ist. Der über die neue Wohnung schreibt:  La chambre à coucher était ornée d’une bibliothèque, d’une harpe, d’un piano, du portrait de Madame de Staël et d’une vue de Coppet au clair de lune. Sur les fenêtres étaient des pots de fleurs. […] La plongée des fenêtres était sur le jardin de l’abbaye, dans la corbeille verdoyante duquel tournoyaient des religieuses et couraient des pensionnaires. La cime d’un acacia arrivait à la hauteur de l’œil. Des clochers pointus coupaient le ciel et l’on apercevait à l’horizon les collines de Sèvres. Le soleil couchant dorait le tableau et entrait par les fenêtres ouvertes. Madame Récamier était à son piano; l’Angelus tintait; les sons de la cloche, qui semblait pleurer le jour qui se mourrait: « il giorno pianger che si muore », se mêlaient aux derniers accents de l’invocation à la nuit, du Roméo et Juliette de Steibelt. Quelques oiseaux se venaient coucher dans les jalousies relevées de la fenêtre. Je rejoignais au loin le silence et la solitude, par-dessus le tumulte et le bruit d’une grande cité. Texte wie diese werden heute immer noch geschrieben, solches Gesülze stirbt nicht aus. Vor allem nicht in der demi-monde.

Nach dem Tod von August hat Julie Récamier das Bild übrigens zurück bekommen. Aber sie konnte sich nicht mehr darauf erkennen. Sie war inzwischen erblindet. Hätte etwas aus dieser amourösen Verbindung von Paris und Berlin werden können? Die Récamier hatte ja eine Vielzahl von Liebschaften, aber das war alles wohl eher: nur gucken, nicht anfassen! Sie war eine Salonière, keine demi-mondaine.Diese Damen kommen etwas später, sie haben mit Demimonde und les grandes horizontales und hier schon zwei schöne kulturhistorische Posts.

Man muss sich abgrenzen von der Bohème, also stürzt man sich auf die Kultur. Freilich treten hier an Madame Recamier auch andre als rein geistige Interessen heran; unter den Gästen der Frau von Stael befand sich der Prinz August von Preußen, der eine heftige Leidenschaft für sie faßte und ihr den Antrag machte, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und ihm ihre Hand zu reichen. Sie erwiderte seine Gefühle nicht, wie denn ihre gleichmäßige Schönheit nie von einer Neigung bewegt zu sein scheint, aber sie war durch seine Ergebenheit gerührt. Das konnte man 1859 in der Zeitschrift Die Grenzboten lesen. Ach ja, die Französinnen – es ist immer das gleiche:

L’amour est enfant de Bohême
Il n’a jamais, jamais connu de loi
Si tu ne m’aimes pas, je t’aime
Si je t’aime, prends garde à toi !
Si tu ne m’aimes pas
Si tu ne m’aimes pas, je t’aime !
Mais, si je t’aime
Si je t’aime, prends garde à toi !

Die Lettres du prince Auguste de Prusse 1807 à 1843 sind 1976 in der Zeitschrift Francia: Forschungen zur Westeuropäischen Geschichte(hier im Volltext) mit einer Einleitung von Alfred W. Hein herausgegeben worden.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Terrorist ?

Am 2. Dezember 1859 wurde der Abolitionist John Brown in Charles Town (Virginia) gehängt. Man hatte ihn auf seinen Sarg gesetzt, als man ihn zur Hinrichtungsstätte gefahren hat; und so hat ihn der naive Maler Horace Pippin 1942 auch gemalt. Während der letzten Wochen des Novembers 1859 war der kleine Ort Charles Town zu einer Garnisonsstadt geworden. Vor dem Gerichtsgebäude, in dem der Prozsss Virginia v. John Brown stattfand, hatte man eine Kanone plaziert. Man fürchtete, dass John Brown von seinen Anhängern befreit würde. Nach Friedrich Kapp sah es in Charles Town jetzt so aus: Diese Untersuchung ist ein Hohn auf die Justiz und eine der widerlichsten Farcen, die je im Namen des Rechtes aufgeführt sind. Die Gefangenen sahen sich da von einem Haufen aufgeregter und tobender Zuschauer umgeben, welche sie thätlich bedrohten; sie stehen vor einer Jury, welche sich als ihr erbittertster Feind bekennt und dennoch in aller Form Rechtens eingeschworen wird. Um das Ganze würdig zu krönen, wird der Vertheidiger Brown’s vom Auditorium mit persönlicher Gewalt bedroht, falls er es versuchen sollte, das Verbrechen seines Klienten zu beschönigen.

       Diesem Kriegszustande innerhalb der vier Wände des Gerichtshofes entsprach das Leben und Treiben außerhalb desselben. Charlestown ward in Belagerungszustand erklärt, alle Formen europäischer Vorbilder wurden ängstlich nachgeahmt oder vielmehr karrikirt. Eine betrunkene Soldateska von welcher Einer vor dem Andern Furcht hatte, tobte durch die Straßen und übte die Polizei aus. Es herrschte der bewaffnete Pöbel, die ruchloseste Anarchie. Zugleich aber erklärte der kommandirende Offizier dem nördlichen Anwalt Brown’s, daß er ihm für sein Leben nicht stehen könne, falls er es wagen sollte, seinen Klienten weiter zu vertheidigen. 

Nicht nur Soldaten sind jetzt in der Stadt. Viele Zeitungen haben Reporter geschickt. Dank des Telegraphen werden ihre Berichte in die ganze Nation geschickt, in den Norden und den Süden. Die Rede, die Brown vor Gericht hält, steht am nächsten Tag im Volltext in der New York Times. Noch ist die Nation geeint, aber sie zerfällt schon in zwei Lager, die Sklavenhalter und die Abolitionisten. Für die einen ist Brown ein Terrorist und Mörder, für die anderen ist er ein Held. Henry David Thoreau nannte Brown an angel of light. Für Ralph Waldo Emerson ist er ein neuer Heiliger who would make the gallows as glorious as the cross. 

Friedrich Kapp ist 1860 mit seinem Urteil ausgewogen und prophetisch: Es kann sich also im vorliegenden Falle nur noch fragen, ob die von Brown zur Erreichung seines Zweckes gewählten Mittel die richtigen waren? Das sind sie nicht. Die Ausführung seines Planes war mangelhaft und schlecht; allein trotzdem liefert sie der Welt den Beweis, daß die Sklaverei die hiesige Gesellschaft im beständigen Kriegszustand hält, daß diese nur durch eine tyrannische Gewalt zusammengehalten werden kann und daß die Ver. Staaten mit Riesenschritten einer Revolution entgegeneilen. Entweder Sklaverei oder Freiheit; der unvermeidliche Konflikt zwischen beiden muß wohl oder übel ausgekämpft werden! Brown ist der erste blutige Vorläufer des ihnen bevorstehenden Kampfes. Seine Hinrichtung ist die erste politische in der Union; sie bezeichnet schon deßhalb einen Markstein in deren Entwicklung; sie wird nicht die letzte sein. Denn dieselben Zustände werden dieselben Ideen erzeugen und dieselben Handlungen werden sich wiederholen und dieselben Folgen nach sich ziehen. Brown’s Unternehmen mißlang. Allein was ist Mißlingen? Nichts als Erziehung, als der erste Schritt zum Bessermachen, sagt Wendel Philipps. Vivat sequens!

Brown hatte am 16. Oktober 1859 mit seinen Leuten die Waffenfabrik im benachbarten Harpers Ferry überfallen, um Waffen für seinen Plan eines Sklavenaufstands zu bekommen. Ein Colonel der Armee, den man extra aus dem Urlaub geholt hat, wird ihn festnehmen. Er heißt Robert E. Lee und ist wenige Jahre  später der Oberkommandierende der Armee der Südstaaten. John Brown glaubt, dass Gott ihn geschickt hat, um die Sklaven zu befreien. Als er nach dem Pottawatomie massacre gefragt wird: Then, Captain, you think that God uses you as an instrument in his hands to kill men? antwortet er: I think he has used me as an instrument to kill men; and if I live, I think he will use me as an instrument to kill a good many more. Er glaubt daran. Und deshalb hat Horace Pippin das Bild John Brown Reading his Bible gemalt. I, John Brown, am now quite certain that the crimes of this guilty land will never be purged away but with blood, hatte Brown auf einen Zettel geschrieben, den man in seiner Zelle fand, es waren seine letzten Worte. Das Blut wird kommen, zwei Jahre später beginnt der amerikanische Bürgerkrieg. The war began not at Sumter but at Harper’s Ferry, hat der Südstaatenoffizier Turner Ashby gesagt. 

John Brown Reading his Bible ist Teil einer Trilogie, das dritte Bild ist The Trial of John Brown. Da liegt der Angeklagte schwerverletzt auf dem Boden, aber man hat kein Mitleid mit ihm. Für den Maler Horace Pippin war die Trilogie der Bilder eine persönliche Sache. Er hat dem Kunsthändler Robert Carlen erzählt, dass seine Mutter als junges Mädchen bei der Hinrichtung John Browns dabei gewesen sei. Nach neuesten Forschungen ist es wohl seine Großmutter gewesen. Wahrscheinlich ist das die Farbige am rechten Bildrand von John Brown Going to His Hanging, die sich abwendet und das Ganze nicht sehen will.

Seit seiner schweren Kriegsverletzung konnte Pippin seinen zerschossenen rechten Arm kaum noch gebrauchen, so blieb ihm nur diese plakative Malerei, die man bewundern muss. Frankreich zeichnete ihn mit dem Croix de Guerre aus, Pippins Regiment, die Harlem Hellfighters, unterstand der französischen Armee. Die weißen Amerikaner wollten nicht mit ihren farbigen Landsleuten kämpfen, also lieh man diese Regimenter an die Franzosen aus. Da hatte sich seit den Tagen, da John Brown von der Sklavenbefreiung träumte, wenig geändert. Mit jahrzehntelanger Verspätung erhielt Pippin von der US Army auch noch den Purple Heart Orden. Bei der Hinrichtung von John Brown, den Herman Melville the meteor of war genannt hat, war nicht nur Pippins Großmutter dabei. Da war auch ein junger Schauspieler, der gerade von Bühne gekommen war und sich der Miliztruppe der Richmond Grays angeschlossen hatte. Er heißt John Wilkes Booth, wir kennen ihn, weil er Präsident Lincoln erschießt.

Es gab in meinem ersten Jahr als Blogger schon einen Post, der John Brown heißt, aber dies heute ist alles neu.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

der Rufer


Heute vor 55 Jahren wurde die Plastik Der Rufer des Bildhauers Gerhard Marcks vor dem neuen Fernsehgebäude von Radio Bremen eingeweiht. Die Plastik hatte nichts mit Wynton Rufer zu tun, der für Werder Bremen spielte. Der Sender hatte sich eine Statue von Marcks gewünscht, der Bremen schon durch seine Stadtmusikantenverschönert hatte und der Hansestadt einen großen Teil seines Werkes geschenkt hatte. Marcks machte sich Gedanken, welche Statue für ein Fernsehgebäude passend war, möglichst zeitlos sollte die Statue die Aufgabe von Rundfunk und Fernsehen symbolisieren. Nach längerem Nachdenken sagte Marcks: Ich mache euch einen Rufer. Und er fügte hinzu: Wenn ich jetzt da jemanden mit dem Fernseher hinstelle, denn sieht das in zehn Jahren ziemlich doof aus, weil dann sind die Fernseher ja schon viel besser. Dagegen dieses Rufen, die Nachricht in die Welt setzen, das ist immer das gleiche geblieben, ob jetzt bei den Griechen oder heute. Und das hat er versucht durch dieses Rufen zu symbolisieren

Ein Jahr nach der Einweihung hatte der Bildhauer Ärger mit der Stadt Bremen. Der Direktor der Kunsthalle Dr Günter Busch hatte gerade eine Gerhard Marcks Stiftung initiiert; er konnte nicht wissen, dass man den Leitenden Regierungsdirektor Dr Eberhard Lutze zum Vorstandsvorsitzenden wählen würde.Der Bildhauer, von den Nazis mit dem Stempel Entartete Kunst versehen, protestierte heftig, mit Lutze als Chef werde es die Stiftung, die seinen Namen trägt, nicht geben. Wie kann einer, der den Nazis als Kunsthistoriker willig gedient hat, solch ein Amt bekommen? Wie kann er es annehmen? 

Der Spiegel schrieb damals: Eberhard Lutze, 61, Chef der Bremer Behörde für Kunst und Wissenschaft, soll das Werk eines einst ‚entarteten‘ Künstlers verwalten: Er wurde zum Vorsitzenden der ‚Gerhard-Marcks-Stiftung‘ gewählt. Der Graphiker und Bildhauer Marcks der einen großen Teil seiner Werke der Stadt Bremen schenkte, war 1937 mit einem Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt worden und hatte Bilder und Skulpturen nur noch in der NS-Schau ‚Entartete Kunst‘ zeigen dürfen. Lutze hatte zwar — so der Beamte heute — ‚1934 einen Riesenartikel, eine ganze Seite, über Barlach geschrieben und dafür prompt eine Rüge im ‚Völkischen Beobachter‘ bekommen‘, jedoch wenige Jahre später als Parteigenosse in Kunst-Schriften die ‚Verpolung‘ und ‚Verjudung‘ kleiner polnischer Orte beklagt und eine ‚zukünftige deutsche Kunst … aus der gemeinschaftsbildenden Weltanschauung des Nationalsozialismus‘ hervorgehen sehen. Lutze über seine Eignung als Marcks-Kurator: ‚Darüber sich jetzt zu unterhalten, das geht zu weit.‘ 

Der Feuilletonredakteur der Bremer Nachrichten Erich Emigholz legte in einem Artikel noch mehr aus der braunen Vergangenheit des Spitzenbeamten frei, Lutze war nicht mehr zu halten. Er wird allerdings als böser Geist hinter dem unglücklich agierenden Kultussenator Moritz Thape noch bis zu seiner Pensionierung in der Kulturbehörde bleiben. Die Marcks Stiftung wird gegründet und hat seit 1971 ein schönes Museum, das schon in dem Post Lampen erwähnt wird. Und diesen Eberhard Lutze habe ich schon in dem Post Geistiges Bremen erwähnt. Dieser Mann, der in seiner Entnazifizierungsakte als an sich schwacher Charakter, der sich der Macht anschließt, um Geltung zu bekommen beschrieben wurde, bestimmt zwanzig Jahre lang die offizielle Bremer Kultur. Und publizierte solche Weisheiten: Der Bremer hat nicht viel übrig für Experimente, verhältsich kritisch zu fremdartigen Einflüssen und modischen Erscheinungen, hat dafür aber eines, was mancher avantgardischen Kühnheit andernorts abgeht: Charakter und Treue.

Man hat das schlimme Wirken von Lutze nicht ganz vergessen. In der kreiszeitung konnte man 2009 in einer Besprechung der Ausstellung „entartet“ – beschlagnahmt:Bremer Künstler im Nationalsozialismus (in der auch diese schöne Bild von Hillmanns Hotel bei Nacht von Arnold Schmidt-Niechciol zu sehen war) lesen: Dass eine solche Ausstellung erst jetzt realisiert werden konnte, ist teils in der Natur der Sache begründet: Was so lange aus dem Blick geraten ist, drängt sich nicht eben als Ausstellungsthema auf. Dass eine „Wiedergutmachung“ an den verfemten Künstlerinnen und Künstlern nicht zeitnah zum Untergang der NS-Diktatur auf den Weg gebracht worden ist, liegt an einer erschreckenden Kontinuität in der Kultusbürokratie nach 1945. In Bremen zeigt sie besonders krasse Züge. Der durch tragende Rollen in der NS-Zeit hoch belastete Eberhard Lutze war bis 1973 Leiter der Bremer Kulturbehörde. Dass Lutze kein Interesse an der Präsentation „entarteter“ Bremer Künstler hatte, liegt auf der Hand. Wie er mit Künstlern umging, die seinem ästhetischen Ideal nicht entsprachen, veranschaulicht der Rauswurf des ehemaligen Bremer Intendanten Kurt Hübner.

Der Rufer hat seit 15 Jahren einen neuen Platz, er steht jetzt an der Weser, weil Radio Bremen umgezogen ist. Dies ist nicht der Bremer Rufer, diese Plastik steht seit 1989 in Berlin. Sie ruft in den Osten, kurz nach der Aufstellung fiel die Mauer. Die Plastik trägt einen Satz von Francesco Petrarca: Ich gehe durch die Welt und rufe ‘Friede, Friede, Friede’. Es gibt noch mehr Abgüsse von dem originalen Rufer in der Welt. Die Bremer Figur hat sich ein klein wenig verändert, sie ist jetzt auf einem Kugellager montiert. Normalerweise blickt der Rufer über die Weser, aber für die Sendung 3 nach 9 wird er um 180° gedreht und guckt dann durch die Glasfront ins Studio. Vielleicht sollte er lieber auf die Weser gucken, 3 nach 9 ist auch nicht mehr das, was es mal war.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Anatomiestunde

Muss ich noch einmal auf Boris Johnson zurückkommen? Es sind inzwischen noch viel mehr Parties als die Party vom Mai 2020 bekannt geworden. Vor allem die beiden Parties, die von seinen Mitarbeitern am Vorabend von Prinz Philips Begräbnis gefeiert wurden. Johnson hat sich dafür gerade bei der Königin entschuldigt. Ich will eigentlich nicht über Johnson schreiben, sondern über Rembrandts Bild von der Anatomie des Dr Tulp, aber es gibt da eine Verbindung. In dem →coronarchiv der Universität Hamburg findet sich eine bösartige Karikatur von Rembrandts Gemälde, wo die Leiche von lauter Coronaleugnern umstanden wird. Boris ist auch dabei.

Heute vor 390 Jahren (16. Januar 2022) ist Rembrandt bei einer Vorlesung des Mediziners Nicolaes Tulp gewesen, der an jenem Tag die Leiche eines Straßenräubers namens Adriaan Adriaanszoon obduzierte. Im 17. Jahrhundert war das Sezieren ein öffentliches Spektakel. Möglich war das nur im Winter, wenn die Kälte den Körper lange genug vor der Verwesung bewahrte. Viele Stadtbewohner ließen sich diese Anlässe nicht entgehen. Anwesend waren wissbegierige Chirurgen und Ärzte, Vertreter der Obrigkeit und andere Schaulustige. Der Eintritt kostete sechs oder sieben Stuiver (etwa ein Drittel eines Gulden), sagt Hugh Aldersey-Williams in seinem Buch Anatomies: A Cultural History of the Human Body. Dieser Adriaan Adriaanszoon, den man gerade frisch vom Galgen genommen hat, ist wahrscheinlich der berühmteste Straßenräuber der Kunstgeschichte geworden, denn Rembrandt hat seine Leiche in das Bild Die Anatomie des Dr Tulp gemalt. Er findet sich auch in der Literatur wieder, weil W.G. Sebald ihn in das Buch Die Ringe des Saturn hineingeschrieben hat (lesen Sie →hier viel mehr dazu).

Ob der achtundzwanzigjährige übergewichtige Adriaan Adriaanszoon, der den Spitznamen Het Kint hat, wirklich so ausgesehen hat, wissen wir nicht. Bei den Herren in Schwarz kommt es darauf an, dass sie so aussehen, wie sie aussehen wollen. Bei dem Toten nicht. Sein Gesicht hat eine seltsame grünliche Farbe, mit der Rembrandt die Leichenstarre unterstreichen will. Der Straßenräuber liegt auf dem Seziertisch in der gleichen Pose wie der betrunkene Bauer auf einem Bild von Adriaen Brouwer, das in Rotterdam hängt. Kunst kommt von Kunst. Schon Karel van Mander gab jungen Malern in seinem Schilder-Boeck den Rat: Stehlt Arme, Beine, Körper, Hände, Füße. Hier ist es nicht verboten. Maler werden sich für Jahrhunderte daran halten.

Rembrandt ist nicht der erste, der die Anatomie eines Leichnams malt, schon 1603 hat Aert Pietersz diese Anatomiestunde des Dr Sebastiaen Egbertsz de Vrijgemalt. Als er das Bild vollendet hatte, waren schon fünf der Dargestellten verstorben. Keine Corona. Die Pest. Das Bild Die Anatomie des Dr. Tulp war schon mehrmals in diesem Blog. Es hat mit Anatomie schon einen langen Post, und die Tochter von Nicolaes Tulp hat auch schon einen langen Post. Bei dem Bild des Straßenräubers Adriaan Adriaanszoon fällt mir immer Gottfried Benns Gedicht mit dem ersoffenen Bierfahrer aus der Sammlung Morgue ein, aber das habe ich in Anatomie schon gesagt. Und das sehr schöne Gedicht aus dem Spätwerk von Heiner Müller habe ich in dem Post Chirurgie auch schon einmal zitiert:

Der Maler hält den Moment vor dem Verschwinden
fest, die kalte Sekunde, wenn der Körper zum
Farbton schrumpft, den letzten Atem, von
Malschichten wie vom Vergessen erstickt.
Der Maler malt das Vergessen. Das Bild vergißt
seinen Gegenstand. Der Maler ist Charon. Mit
jedem Pinselstrich
Ruderschlag verliert sein
Passagier an Substanz. Die Fahrt ist das Ziel, 
das Sterben der Tod. Am anderen Ufer wird
Niemand aussteigen.

Die Anatomien sind als Gegenstand der Malerei inzwischen aus der Mode gekommen, aber das Interesse an Autopsien, das die Bevölkerung in Rembrandts Zeit hatte, das gibt es heute immer noch. Nicht im wirklichen Leben, aber im Fernsehen. Seit der Serie Quincy, M.E. hat sich die Zahl der Gerichtsmediziner im Fernsehen vervielfacht. Früher waren Gerichtsmediziner in Krimiserien graue Mäuse, die sich erst zum genauen Todeszeitpunkt äußern wollten, wenn sie die Leiche auch ihrem Labortisch hatten. Aber seit Jack Klugman als Held von Quincy, M.E.solch großen Erfolg hatte, sind die Pathologen allgegenwärtig. Von Dr Donald (Ducky) Mallard in NCIS über Professor Boerne in Münster bis zu der Ex-Frau von Hubsi in Hubert und Staller, jeden Tag Gerichtsmediziner auf allen Kanälen. Häufig neuerdings Frauen, das Genre schreit nach Gleichberechtigung. ✺Dr Laura Hobson, die wir aus Lewis – Der Oxford Krimi kennen, hatte schon in der Inspector Morse Serie (in ✺The Way Through the Woods) einen ersten Auftritt. Wo ihr die Drehbuchautoren den wunderbaren ersten Satz in den Mund legten: Do you know where I might find a Detective Chief Inspector… looks like ‚Mouse‘?

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Kunstretter

In seiner Komödie Besucher läßt Botho Strauß seine Hauptfigur Karl Joseph sagen: In Bremen vierundsechzig oder fünfundsechzig — ich gastierte im Danton— da hatten wir einen jungen Kollegen, der ist eines Abends, also es war schon Viertel eins. Dantons Tod, eine Viecherei, kein Bus fuhr mehr, da ist er plötzlich zur Rampe gelaufen, mitten im Text, und fragt ins Publikum hinunter, ob ihn jemand nach der Vorstellung mit nach Lesum nehmen kann. Dort hat er nämlich gewohnt. Ich nehme an, dass Botho Strauß diese Stelle extra für seinen Hauptdarsteller Will Quadflieg geschrieben hat, denn der hatte sein Landhaus im Kirchspiel Lesum. Der kleine Ort ist jetzt also in der deutschen Literatur, aber da ist er schon länger. Das wissen Sie, wenn Sie den Post Sommer in Lesmona gelesen haben. Nach Lesum will ich heute noch einmal hin, denn da wurde der Mann geboren, über den ich heute schreibe, ein Maler und Schriftsteller, ein Organist und ein Kunstretter. Und so gut wie unbekannt. Ich lasse ihn noch einen Augenblick ohne Namen.

Wenn wir nach der Lektüre von Marga Bercks Roman Sommer in Lesmonaden Ort Lesum mit Parks und Villen verbinden, dann müssen wir auch bedenken, dass es hier seit der Mitte des 19. Jahrhunderts auch Industrie gibt, eine Wollwäscherei, Zigarrenfabriken und eine Porzellanfabrik. Die von Bremer Kaufleuten gegründeten Fabriken siedeln sich hier an, weil der Ort nicht zu Bremen gehört. Das hat etwas damit zu tun, dass Bremen nicht Mitglied des Deutschen Zollvereins ist. Ich bleibe mal eben bei der 1872 gegründeten Wollwäscherei, die gegenüber des Burger Bahnhofs lag. Der Vater des bis jetzt anonymen Mannes (welcher 1923 dieses Bild malt) ist da nämlich der Direktor. Nicht der Besitzer. Der Vorstand der Firma ist George Alexander Albrecht, ein berühmter Mann. Er ist schon mehrfach in diesem Blog erwähnt. Zum Beispiel in dem Post Knoops Park, weil er eine Tochter des Barons Knoop geheiratet hatte. Er kauft sich in Leuchtenburg den Nachbau des irischen Lowther Castle, und wird dort mit seiner Familie wohnen. Sein Urenkel Ernst Albrecht wuchs hier auf. War mal Ministerpräsident von Niedersachsen. Und der Vater von Ursula von der Leyen.

Die Wolle zu waschen ist das eine, die Wolle zu kämmen das andere. Und so wird George Alexander Albrecht zusammen mit anderen Bremer Kaufleuten 1883 in Blumenthal (das damals noch nicht zu Bremen gehört) die Bremer Wollkämmerei (BWK) gründen. Einer der Gründer ist übrigens der Wollhändler Johannes Fritze, den kennen Sie aus dem Post die Villa Fritze. Die BWK, die einmal die größte Wollkämmerei der Welt war, ist inzwischen auch schon Geschichte. Die Nordwolle der Brüder Lahusen, die beinahe den Bremischen Staat ruinierten, auch.

Im damals nicht bremischen Lesum beginnt 1892 das Leben des Anton Hugo Körtzinger. Auf dem kleinen Fluß Lesum wird er als fünfjähriger Junge segeln, zur Freude seiner Mutter, deren Vater Kapitän eines Segelschiffs war. Den in Vegesack geborenen Kapitän Bernhard Gärdes, der mit der Bark OceanAuswanderer nach New York und Baltimore schippert, hat der junge Hugo Körtzinger allerdings nicht mehr kennengelernt. Das Meer und die Seefahrt werden für ihn aber noch eine große Bedeutung haben. Nicht nur wegen des Bildes Seemannsfrau mit Kind am Meer aus dem Jahre 1942. Denn 1931, als es dem jungen Maler wirtschaftlich schlecht geht, bekommt er eine Anstellung als Bordmaler beim Norddeutschen Lloyd.

In sechzehn Seereisen wird er um die ganze Welt kommen, hier hat er seine Staffelei in Spitzbergen aufgestellt. Er wird jetzt Bilder verkaufen, Aufträge bekommen, aber was noch wichtiger ist, er wird viele Freundschaften schließen. In den dreißiger Jahren ist viel Prominenz an Bord der Schiffe. Körtzinger hatte das Realgymnasium in Vegesack besucht, dieselbe Schule, die ich besuchte. Er ging wie ich in die Vegesacker Kirche, und er hat da mit zwölf Jahren begonnen, Orgel zu spielen. 1937 wird er sich eine Orgel kaufen, die er in seiner neugebauten Werkstatt in Schnega aufstellt.

In das kleine Kaff am Rande der Lüneburger Heide hatte es ihn verschlagen, denn Helene Peltret, die er 1914 geheiratet hat, kommt aus dem Ort. Er wird sie bei den meisten seiner Seereisen mitnehmen. Im Jahr seiner Hochzeit meldet er sich als Freiwilliger zum Militärdienst und landet bei der Reserve Ersatz-Eskadron des Kürassierregiments von Seydlitz in Halberstadt. Hat einen Reitunfall, der ihn davor bewahrt, den wirklichen Krieg kennenzulernen und wird aus gesundheitlichen Gründen vor dem Kriegsende entlassen. Er bleibt in Schnega, behält aber sein Bremer Atelier, bis das im Zweiten Weltkrieg zerstört wird.

Zwei Ehepaare auf dem Markusplatz in Venedig, sie sind auf einer Kreuzfahrt eines Lloyd Dampfers hier angekommen. Die Herren haben Tauben auf dem Hut. Links sehen wir den Bordmaler Hugo Körtzinger, der Herr rechts wird für den Künstler immens wichtig. Er heißt Hermann Fürchtegott Reemtsma und ist Millionär. Unser Künstler hat ihn auf einer Schiffsreise kennengelernt, jetzt sind die beiden befreundet. Sie werden zeitlebens befreundet bleiben. Reemtsma wird zum wichtigsten Mäzen des Malers. Dank seiner finanziellen Zuwendungen kann Körtzinger sich in Schnega ein Studio neben seinem Haus bauen und sich eine Orgel kaufen.

Aber er tut auch viel für Reemstma, er wird der wichtigste Kunstberater des Hamburger Millionärs. Seine Leistung beim Aufbau der Kunstsammlung Reemtsmas wird heute noch auf der Seite der Reemtsma Stiftunggewürdigt. Auf diesem Bild vom August 1934 umrahmen Körtzinger und Reemtsma den Bildhauer Ernst Barlach. Im Hintergrund ist der noch unvollendete Fries der Lauschenden zu sehen. Körtzinger, der dank der Hinweise des Bremer Bildhauers Dietrich Kropp schon früh Barlachs Werk kannte, hatte den Künstler und den Sammler zusammengebracht. Reemtsma wird zu einem Mäzen Barlachs: Ich bin Ernst Barlach nie anders begegnet als mit großer Ehrfurcht vor seiner Kunst. Ich bin 1934 zu ihm gefahren, weil mich seine Kunst, der ich erst zwei Jahre zuvor bewusst begegnet war, anging. Alles Weitere, was daraus erfolgte, war innere Verpflichtung und hat nichts mit Mäzenatentum zu tun, hat Reemtsma 1948 geschrieben.

Mit den Nationalsozialisten hatte Körtzinger nichts am Hut, er notiert 1933 in seinem Tagebuch: Dieser Quacksalberpolitiker …  fürchterlich, daß ein solcher Mann in Deutschland Reichskanzler werden kann. Er betrachtet mit Sorge, wie Barlach angefeindet wird, seine Kunst plötzlich zu entarteter Kunst oder Verfallskunst wird. Nach Barlachs Tod wird Körtzinger eine kleine Schrift mit dem Titel Freundesworte: Ernst Barlach zum Gedächtnis herausgeben. Er wird bei der Beerdigung Barlachs ein plattdeutsches Gedicht vortragen, das mit den Versen Ligg Du man sachten, swig still, / lat spöken dar buten, wat will! beginnt. Körtzinger hat Joseph Goebbels mit einem Telegramm vom Tod Barlachs informiert, ich weiß nicht, ob das eine rührende oder eine ironische Geste ist. Er wird nach dem Tode Barlachs dafür sorgen (und das wird er Goebbels niemals mitteilen), dass zwei von Barlachs Werken der Vernichtung durch die Nazis entgehen. Der Güstrower Schwebende Engel wurde zwar eingeschmolzen, aber den Nachguss vom Originalmodell hütete Körtzinger auf seinem Hof in Schnega. Das hier ist der Kieler Geistkämpfer, wie er seit 1954 vor der Kieler Nikolaikirche steht.

Im Jahre 1948 sieht der Geistkämpfer so aus. Zersägt, zerlegt, in Holzkisten verpackt, hat er den Krieg auf Körtzingers Hof überstanden. Ernst Barlach ist 1938 gestorben, er hat das nicht mehr erfahren, dass Körtzinger zwei seiner Hauptwerke gerettet hat. Die Bronzegießerei Hermann Noack aus Berlin, die 1928 den Geistkämpfer gegossen hatte, restaurierte in den fünfziger Jahren die Teile im Innenhof des Kieler Rathauses. Wenn sich der Oberbürgermeister Andreas Gayk, der Kiel nach dem Krieg wiederaufbaut, nicht für den Ankauf der Statue eingesetzt hätte, stände sie wahrscheinlich immer noch in der Lüneburger Heide. Wahrscheinlich hat der Schäferhund von Körtzinger da auch mal dran gepinkelt.

Das Wikipedia Lexikon hat für mein Gymnasium eine Internetseite auf der es auch eine Kategorie für berühmte ehemalige Schüler gibt. Jürgen Trittin ist dabei und manche meiner Mitschüler, die hier schon im Blog vorkommen (wie Charlie KottkampClaus Jäger oder Bernd Neumann). Aber der Name Hugo Körtzinger fehlt in dem Artikel. Wer immer diese Liste aufgestellt hat, wusste wahrscheinlich nicht, dass es diesen wirklich bedeutenden Mann gibt. Doch der Maler und Kunstretter ist nicht ganz vergessen, es gibt einen Förderverein Hugo Körtzinger, und die Werkstatt in Schnega ist mit Mitteln der Reemtsma Stiftung renoviert worden und kann besichtigt werden.

Postscriptum: Professor Arne Körtzinger, der der Großneffe von Hugo Körtzinger ist, hat mir eine nette Mail geschrieben und mir gesagt, dass er dafür gesorgt hat, dass Hugo Körtzinger jetzt auch auf der Seite des Gerhard Rohlfs Gymnasiums unter den berühmten Schülern steht.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Ubbelohde

Ich hielt die Karte in der Hand und sagte mir: Worpswede. Aber den Maler kannte ich nicht. Der war auch nicht aus Worpswede, der kam aus Marburg. Die Karte kam auch aus Marburg, weil die Claudia da studierte. Kunstgeschichte bei Professor Wolfgang Kemp. Der sei letztens mit solchen Entenjagd Schuhen zu einem blauen Anzug im Hörsaal erschienen, hatte sie mir erzählt. Ich nehme an, dass dieser Aufzug für Marburg eine Sensation war. In New York hätte man damit kein Aufsehen mehr erregt, die Kombination von Entenjagdschuhen und eleganten Anzügen war damals bei Yuppies gerade modern. Wer Claudias Professor war, das wusste ich, denn ich hatte gerade sein Buch über John Ruskin gelesen, das beste deutschsprachige Werk zu Ruskin.

Ich beschloss, da ich nichts über Otto Ubbelohde wusste, diese Wissenslücke zu füllen. Das erste Buch, das mir in die Hand fiel, war im Worpswede Verlag erschienen, so kamen der Marburger Maler und Worpswede doch zusammen. Es ist von dem Kunsthistoriker Bernd Küster, dessen Buch Worpswede 1889 – 1989: Hundert Jahre Künstlerkolonie bei mir im Regal steht. Meine Assoziation Worpswede beim Anblick der Karte (die sich leider nicht im Internet findet) war doch nicht so falsch gewesen. Bernd Küster hat häufig über Worpswedegeschrieben, und er war 1987 Preisträger des neu ausgelobten Otto Ubbelohde Preises. Sein Buch über Ubbelohde aus dem Jahre 1984 war die erste Monographie über den Maler. Da heute der hundertste Todestag des Malers ist, stelle ich noch einmal einen Post ein, der hier schon einmal stand. Der ist nach vier Jahren immer noch gut.

Dieses bezaubernde junge Mädchen kennen Sie schon, es findet sich in dem Post, der Worpswede heißt. Der Maler Otto Ubbelohde, der es gemalt hat, war mit einer Bremerin verheiratet. Deshalb zog es ihn wohl nach Worpswede, allerdings zog es ihn auch häufig in die bayrische Künstlerkolonie Dachau. Otto Ubbelohde kam aus Marburg. Dass es ihn nach Bremen verschlug, hat einen einfachen Grund, es sind verwandtschaftiche Beziehungen.

Denn die Johanna Ernestine (Hanna) aus der Künstlerfamilie Unger, die er heiraten wird, ist seine Cousine. Das verschweigt uns der Wikipedia Artikel. Der Maler hat seine Frau immer wieder gemalt, hier ganz in weiß, ein Bild, das uns an die Skagener Maler denken läßt. Diese Bilder der heure bleue, auf denen weißgekleidete Damen den Strand entlang schweben. Wahrscheinlich sind weiße Kleider weder am Strand noch im Moor sehr praktisch, aber sie sind nun einmal ein Kleidungsstück, mit dem die Bourgeoisie zeigt, dass sie Dienstboten hat, die die Kleidung waschen können. Das gilt auch für die Sportarten Tennis und Cricket, die Ende des 19. Jahrhunderts auch für Damen chic wurden. Die Frau in Weiß ist auch auf dem Cover des Katalogbuches Otto Ubbelohde: Kunst und Lebensreform um 1900 (Darmstadt 2001).

Mit diesem englischen Plaid ist Hanna Ubbelohde natürlich viel praktischer gekleidet, sie geht damit beinahe in der Natur auf. So etwas sieht man heute selten, aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und um 1900 findet man das Plaid häufig beim englischen Landadel und der künstlerischen Bohème. Erstaunlicherweise habe ich in den Ausstellungen Ein Hauch von Eleganz: 200 Jahre Mode in Bremen (Focke Museum Bremen 1984) und Kleid und Bild: Mode und Malerei. Klassizismus bis Art Deco (Hannover 1983) kein einziges Plaid gesehen. Die Kataloge zu beiden Ausstellungen kann man heute noch finden, es sind sehr interessante und schöne Kataloge. Wenn Sie den Post Damenmode anklicken, werden Sie sehen, dass es in diesem Blog nicht nur Herrenmode gibt, wie häufig behauptet wird.

Aber ich komme mal eben zur Herrenmode. Dieses Bild kommt jetzt ein wenig wie ein Schock. Wenn Sie jetzt Aääh, mach das weg!!! stöhnen, haben Sie vollkommen recht. Aber es hat auch etwas mit Mode zu tun. Und damit meine ich nicht die kleinen Jungen in Lederhosen mit Hosenträger (so etwas habe ich auch noch getragen, als ich klein war), sondern das, was der Herr rechts im Bild trägt. Es handelt sich natürlich um Martin Heidegger, der in diesem Blog selten vorkommt. Er hat einen Post, der Heidegger heißt, mehr gibt es zu dem Mann nicht. Wenn er hier auftaucht, dann hat das einen simplen Grund: Otto Ubbelohde hat ihm einen Lodenananzug mit Kniebundhosen entworfen. Die Marburger Studenten nannten den seinen existentiellen Anzug. Dies hier auf dem Photo ist er nicht, ein klein wenig exzentrisch ist er aber auf jeden Fall.

Ubbelohde (hier mit seiner Gattin) hat es nicht mehr erlebt, dass Heidegger den von ihm entworfenen Anzug mit den engen Breeches und dem langen Rock trug, er starb schon 1922 mit 55 Jahren. Dass er einen Anzug entwarf, war kein Zufall, er hatte sich lange mit Gedanken zu einer Reform der deutschen Herrenkleidung beschäftigt. Sein Ideal war, dass sich die Herrenmode wieder der Volkstracht annäherte. Er ist nicht der einzige, der sich solche Gedanken macht. Seit der englischen ästhetischen Bewegung, die Shaw dazu bringt Anzüge von Jaeger zu tragen, hat es immer wieder solche Tendenzen gegeben. Auf dem Monte Verità trägt man keine Straßenanzüge.

Wir vergessen Heidegger schnell wieder und widmen uns einmal diesem wunderbar gemalten Damenhut, den Hanna hier trägt. Erstaunlicherweise ist die Malerei nicht das, womit der Künstler sein Brot verdient – er verdient sein Geld als Illustrator. Er hat Grimms Kinder- und Hausmärchen und tausenderlei Bücher illustriert, Ex Libris und Vorsatzblätter und den Hessen-Kunst Kalender entworfen. Seine letzte große Illustrationsarbeit betraf in seinem Todesjahr das Werk Eichendorffs, Eichendorffs Gedichte mit den Zeichnungen von Ubbelohde gibt es heute noch als Insel Taschenbuch.

Die Worpsweder der Gründergeneration mochten Otto Ubbelohde nicht so sehr, 1889 war er nicht groß aufgefallen, da hatte er sein Studium an der Münchener Akademie noch nicht beendet, aber bei den beiden Sommeraufenthalten 1894 und 1895 kommt es zum Bruch mit den Worpswedern. Obgleich er eigentlich ein Mann der Moderne ist, Mitbegründer der Münchener Sezession ist und sich  an vielen Künstlervereinigungen (wie den Vereinigten Werkstätten für Kunst und Kunsthandwerk) beteiligt, ist er in der Willingshäuser Malerkolonie, wo er seit 1902 ist, besser aufgehoben als in Worpswede.

Ubbelohde ist ein letzter Romantiker, er träumt von der unverfälschten Natur, er trägt Bauerntracht wie Hänsel und Gretel, wenn er sie für Grimms Märchen zeichnet. Es gibt heute noch einen Otto Ubbelohde Preis, dessen Kriterien Denkmalpflege, Heimatkunst, Heimatgeschichte, Pflege des ‚heimischen Brauchtums‘ und Beschäftigung mit dem Werk Otto Ubbelohdes sind. Im Ersten Weltkrieg wird er sich mit patriotischer Propaganda hervortun und eine Vielzahl von Büchlein des Schaffstein Verlags illustrieren. Also solche Büchlein, die Ein Heldentod und Denn wir fahren gegen Engeland! Luft- und Seekriegsgeschichten heißen. Hätte ich das mit dem England Buch vorher gewusst, dann hätte ich das natürlich in den Post gen Engeland hineingeschrieben.

Ubbelohde war ein hervorragender Portraitist (dafür hatte er an der Münchener Akademie eine Auszeichnung erhalten) und ein hervorragender Landschaftsmaler. Was hätte aus ihm werden können, wenn er sich nicht auf die Illustration von Sagen und Märchen und das verquaste deutsche Brauchtum kapriziert hätte? Auf das Sterntaler Bild, das seit den Kindertagen in meinem Kopf ist, könnte ich gerne verzichten.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Georges Braque

Heute vor einhundertvierzig Jahren wurde der Maler Georges Braque geboren, ein Freund von Picasso, Erfinder des Kubismus. 1914 wurde er als Feldwebel eingezogen, ein Jahr später wurde er, gerade zum Leutnant befördert, in der Schlacht von Artois schwer verletzt. Es dauert zwei Jahre, bis er sich von seiner Kopfverletzung erholt. Er bekommt das gerade geschaffene Croix de Guerre (zuerst in Bronze, dann das mit Palmen) und wird Chevalier de la Légion d’Honneur. Er braucht lange Zeit, um sich wieder im Leben zurechtzufinden. Der Mann, den man auf dem Schlachtfeld erst hatte liegen lassen, weil man ihn für tot hielt, wird noch lange leben. Und er wird sehr reich werden. Dieser Post heute stand hier schon einmal vor sechs Jahren, mir fällt gerade nichts Bsseres ein. Es ist aber ein sehr schöner Post, den man auch zweimal lesen kann.

Georges Braque, 74, Kunstmaler und Massenproduzent moderner Bilder, kaufte sich als zweiter französischer Maler nach seinem Kollegen Bernard Buffet, 28, (Spiegel 28/1956) ein Rolls-Royce-Auto, schrieb der Spiegel 1956. Das mit dem Massenproduzenten mag der Künstler wohl nicht so gerne gehört haben. Als Braque sich den Rolls kaufte, hatte der Maler einen Chauffeur. In den zwanziger Jahren fuhr er noch selbst. Zum Beispiel diesen Alfa Romeo. Den er auch noch bemalt hatte, sozusagen ein echter Braque.

Das dürfen Maler mit ihren Autos ja tun. Wird viel zu wenig gemacht. Der Satz von Henry Ford, any color so long as it is black, gilt für das Europa des Art Déco nicht. Denn bevor John Lennon in einem psychedelischen Rolls spazierenfuhr, gab es schon das hier. Dieses Auto hier wurde nach einem Design von Sonia Delaunay neu gespritzt (es war nicht das einzige Fahrzeug, das sie bemalte). Auch die beiden Damen, die das Auto dekorieren, tragen Kleidung, die von Delaunay entworfen wurde. Hergestellt wurden die Pelzmäntel von Jacques Heim, mit dem Delaunay lange zusammenarbeitete. Jacques Heim hatte übrigens 1946 auch einen Bikini erfunden, den er Atom nannte, aber da setzte sich doch das Modell von Louis Réard mit dem Namen Bikini durch (das hier schon einen Post hat).

Frauen scheinen in den zwanziger Jahren keine Angst vor dem Automobil zu haben. Tamara de Lempicka malt sich 1929 voller Stolz am Lenkrad ihres grünen Bugattis. Es ist die Zeit der flapper, jener jungen Frauen, die jetzt Sport treiben (wie in Jordan Baker in Fitzgeralds Great Gatsby), Hosen tragen, öffentlich Zigaretten rauchen und Automobile besitzen. In der Geschichte der Emanzipation spielt das Automobil eine wichtige Rolle. Und ein Auto wie der Jordan Playboy war nicht für eine männliche Kundschaft konzipiert (lesen Sie hier mehr über eine der berühmtesten Anzeigen der Werbegeschichte).

Die roaring twenties sind nicht nur die Zeit der flapper, sie sind auch die große Zeit des Art Déco – das Photo von Sonia Delaunays Auto und ihren Pelzmänteln wurde von einem Pavillon der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes (kurz: Art Déco) gemacht. Die zwanziger Jahre sind auch die große Zeit des Plakats. Hier hat André Edouard Marty eine junge Dame der Pariser Gesellschaft in ihrem Citroen abgebildet. Wir können hier sehen, dass das Automobil ein Accessoire der Haute Couture geworden ist.

Marty hatte an der Ecole des Beaux Arts studiert und arbeitete für die führenden Modejournale wie die Gazette du Bon Ton, das Journal des Dames et les Modes oder Vogue. Er war sogar so berühmt, dass ihn London Transport für Plakate verpflichtete. Das hätte ich in dem Post Keep calm and carry on vielleicht noch erwähnen sollen. Um das wieder gutzumachen, habe ich hier ein schönes Plakat, das er für die London Underground entworfen hat.

Der Elendsmaler Bernard Buffet hatte nicht nur einen Rolls, er malte ihn auch gerne. Obgleich es viele Künstler gibt, die einen Rolls besitzen, malt kaum jemand das Objekt der künstlerischen Begierde. Marcel Duchamp tat das nicht, und auch Joseph Beuys hat seinen Bentley nicht gemalt. Der Massenproduzent Georg Baselitz weiß weshalb: Wenn einer zu viele Ringe an den Fingern trägt oder einen Rolls-Royce fährt, wird der geschmäht. Das ist ein Phänomen, das in einer Neidgesellschaft wuchert. Ganz übel, und Deutschland hat dazu alle Fundamente gelegt.

Das ist natürlich schlimm, Maler wie Baselitz haben es in Deutschland ganz schwer. Ein Rolls Royce ist etwas für Könige. Und für Kleinbürger wie Baselitz, der sich – ebenso wie Bernard Buffet – ein Schloss kaufte. Etwas weniger beklagt sich da Markus Lüpertz. Massenproduzent moderner Bilder, Millionär und Rolls Royce Liebhaber Markus Lüpertz hatte soviel Humor, das Cover für den Krimi von Joseph Wambaugh Der Rolls-Royce-Tote zu zeichnen.

Georges Braque war in seiner Jugend ein wilder Fahrer gewesen. Sein Freund Picasso war um ihn besorgt und hatte ihm immer zu einem Chauffeur geraten. Den bunt bemalten Alfa hatte Braque nicht lange behalten, er verkaufte ihn für tausend Francs an den Dichter Blaise Cendras (lesen Sie mehr in dem Post Blaise Cendrars). Kaufte sich aber sofort einen neuen Alfa. Als Braque sich einen großen Hispano Suiza kaufte, leistete er sich dann auch einen Chauffeur. Mit Livree.

Ein Hispano Suiza war damals viel exklusiver als ein Rolls (lesen Sie hier mehr dazu), der Name war noch nicht ruiniert durch den HS 30 Panzer. Wahrscheinlich war diese Exklusivität auch ein Grund dafür, dass Picasso sich 1953 auch einen kaufte. Und sich natürlich einen Chauffeur zulegte. Er mochte das Auto, weil es so groß war, dass er seine ganze Malausrüstung darin verstauen konnte. Braque andererseits hatte ein kunstvolles System ersonnen, um Leinwände und Malmaterial auf dem Dach seines Rolls zu befestigen. Ein Jahr bevor sich Picasso seinen Hispano Suiza kaufte, hatte er diese Plastik eines Pavians geschaffen, dessen Kopf aus einem Auto besteht, aber Picassos Plastik und sein Auto haben bestimmt nichts miteinander zu tun. Man weiß nicht, was in Picassos Kopf vorgeht.

Ein Rolls Royce bietet sich für einen Künstler schon deshalb an, weil er selbst ein Kunstwerk ist, da hätte man den Plan von Alina Szapocznikow, einen riesigen Rolls-Royce aus portugiesischem rosa Marmor herzustellen, gar nicht gebraucht. Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky hat in einem witzigen Aufsatz mit dem Titel The ideological antecedents of the Rolls-Royce radiator auf die gerade, klare Gliederung der Villen des Palladian Style hingewiesen (und der Rolls-Royce Kühler verdankt Palladio ja auch vieles), die in völligem Gegensatz zu der gewollten Unordnung der Natur des englischen Landschaftsgartens steht. Deshalb stellen Sie Ihren Rolls am besten in den Park. Aber niemals unter Lindenbäume. Sagt ein Handbuch für Rolls Royce Chauffeure.

Man kann einen Rolls in jeder beliebigem Form bekommen. Das hier gilt allgemein als der hässlichste Rolls, der je gebaut wurde. Nubar Gulbenkian (der bestimmt ein halbes Dutzend Rolls Royce besaß) hatte ihn sich 1947 von der Karosseriefabrik Hooper bauen lassen. Not everyone will care for the very advanced appearance – but there is no doubt it is striking, schrieb die Zeitschrift Autocar. Man kaufte bei der Firma Rolls Royce eigentlich nur Fahrwerk und Motor, alles andere machten Firmen wie Hooper, Mulliner oder Park Ward.

Die Erfahrung musste auch der junge Michael Caine machen, als er ein spezielles Modell haben wollte. Ein älterer Herr sagt ihm bei der Autoshow: I think I can assure you myself, sir, that the Mulliner Park Ward chassis will never be available on the model you require because Mr Mulliner is dead and I am Mr Park Ward, so you are getting your information straight from the horse’s mouth, as the saying goes. Lesen Sie mehr dazu in dem Post Luxuskutschen. Heute fährt Michael Caine, der noch keinen Führerschein hatte, als er sich seinen ersten Rolls kaufte, einen grauen Lexus: I used to drive a Rolls and all that but they were just too ostentatious for this world now. I had to get rid of them. Die goldene Rolex ist auch vom Arm verschwunden. So etwas hat doch Stil. Der Link bei Rolex führt übrigens zu einem Post, der mehr als zehntausend Mal angeklickt wurde.

Natürlich ist es immer feiner, einen Bentley zu haben als einen Rolls Royce. Das hatte Braque auch eingesehen, sein Rolls machte einem grauen Bentley Platz. Der Spiegelwusste damals zu vermelden: Georges Braque, 79, französischer Kubist, läßt seinem 80 000-Mark-Auto, einem britischen Bentley, bei den täglichen Spazierfahrten in Paris zwei Motorroller-Fahrer vorauseilen, damit er rechtzeitig vor Verkehrsstockungen gewarnt wird, die dem Maler zuwider sind. Wenn man Massenproduzent moderner Bilder ist, kann man sich auch so etwas leisten.

Es gibt genügend Gemälde, auf denen Automobile sind. Und es gibt auch inzwischen eine große Zahl von Büchern wie Das Automobil in der Kunst 1886 – 1986 von Reimar Zeller (Prestel Verlag), Automobil: Das magische Objekt in der Kunst (derselbe Autor, diesmal beim Insel Verlag), Art and the automobile von D.B. Tubbs oder Gerald D. Silks Automobile and Culture (und ich hätte hier für Liebhaber amerikanischer Automobile noch einen Link zu einer sehr interessanten Nummer des Michigan Quarterly Review). 

Dieser schöne Cézanne mit einem alten Citroen ist in all den oben erwähnten Büchern nicht zu finden. Man kann das Bild lediglich in der Folge Who Killed Harry Field? der englischen Krimiserie Morse sehen. Sie können sie ✺hier in mehreren Teilen sehen, ich finde, dass es der beste Morse ist. Der Maler, der dieses Bild gefälscht hat, sagt in dem Film zu Morse: Two golden rules of forgery, Mr. Morse, spontaneity and never do Raphael. Braques werden häufig gefälscht (ein Raffael seltener), auch unser Wolfgang Beltracchi hat falsche Braques gemalt. Wenn Sie einen Georges Braque haben wollen, dann wenden Sie sich doch mal an diese Adresse.

Das ist kein Fälscher, i bewahre, das ist ein Künstler: When I paint in the style of one of the greats… Monet, Picasso, Van Gogh… I am not simply creating a copy or pale imitation of the original. Just as an actor immerses himself into a character, I climb into the minds and lives of each artist. I adopt their techniques and search for the inspiration behind each great artist’s view of the world. Then, and only then, do I start to paint a ‘Legitimate Fake’. Raffael hat der Mann nicht im Programm, Braque schon. Wenn Sie ihn bitten, malt der Produzent von legitimate fakes Ihnen bestimmt auch einen kleinen Rolls Royce zwischen die Häuser.

Ich weiß nicht, wie es kommt, aber die Firma Rolls Royce kommt immer wieder in diesem Blog vor. Sie könnten auch nochlesen: automobiliaLuxuskutschenTraumwagenAprilLindenbäumePalladioDes Königs JaguarLisbethKönig FarukGregor von RezzoriF. Scott Fitzgeralds AutomobileMercédèsFranco CostaPolitische SymbolikKieler WocheCutty SarkJens Christian JensenKieler ChicHerrenausstatterPatti d’ArbanvilleSwinging LondonFahrstuhl zum SchafottBorgwardBaselSegelbooteInvasionJogginghosenNeo RauchNachtigallen.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Photos, ungeordnet

Ich ging mit meinem Opa den Weg zum Weyerberg hinauf, links von uns in dem kleinen Wäldchen war ein Mann mit einer Baskenmütze bei der Gartenarbeit. Das ist Hans Saebens, sagte mein Opa. Musste ich den kennen? Ich fragte Opa, wer Hans Saebens sei. Ein berühmter Photograph, sagte er. Ich hatte noch nie von ihm gehört, ich war ja noch jung. Aber zehn Jahre später, als ich zu photographieren begann, da kannte ich seine Bilder. Jetzt habe ich mehrere Bücher über ihn. Das war noch alles Schwarzweiß Photographie, mit kleiner Blende photographiert, knallscharf. 

Und mit viel Gelbfilter, damit die Wolken so schön herauskamen. 13 DIN Film und mit Neofin Blau entwickelt. Den Horizont tiefgelegt wie die Holländer; er wusste, wie man es macht, er hatte ja als Landschaftsmaler in Worpswede angefangen: Es gelingt ihm, das Charakteristische der norddeutschen Tiefebene in dramatischen, stimmungsvollen Aufnahmen festzuhalten. Das weite Land und die mächtigen Wolkenzusammenballungen werden in deutlich voneinander abgegrenzten hellen und dunklen Bildzonen festgehalten. Vor allem seine späten Aufnahmen sind durch Sparsamkeit der Ausdrucksmittel und strenge Komposition gekennzeichnet.

Er war durch Zufall zur Photographie gekommen, hatte sich 1930 eine Leica gekauft. Er photographierte nicht nur Worpswede, er photographierte sich auch durch ganz Bremen. Das Focke Museum besitzt 26.000 Photos von ihm. Zu seinem sechzigsten Todestag zeigte das Museum die Ausstellung Bilder für Bremen 1930-1959. Dies Bild vom nächtlichen Herdentorsteinweg ist eins davon. Dreißig Jahre zuvor hat es in der Bremer Landesbildstelle die Ausstellung Hans Saebens Photographien 1930-1959 gegeben. Bei booklooker will ein Händler 390 Euro für den Katalog haben, da bin froh, dass ich den besitze.

Photobücher sind teuer geworden, noch teurer sind Originalabzüge eines Photos. Zum Beispiel einer der 1.300 Abzüge, die Ansel Adams von seinem Moonrise, Hernandez, New Mexico gemacht hat. Der teuerste Abzug brachte vor Jahren bei Sotheby’s 685.000 Dollar. Die Reproduktion, die in meinem Flur hängt, hat auch schon Geld gekostet. Im Shop der Familie von Ansel Adams, die seine Bilder vermarktet, kostet das Bild zweihundert Dollar. Es gibt nur ein einziges Negativ von dem Bild, Adams hat die Abzüge im Labor immer wieder verändert: Attempting to convey the intensity of his experience watching the moon rise over this austere landscape, Adams progressively increased the contrast in the prints, heightening the moon’s whiteness and deepening the sky’s darkness, steht auf der Seite des MoMa. Der erste Abzug hat wahrscheinlich so ausgesehen wie auf dem linken Bild.

Ich besitze nur ein einziges Photo, das von einem Photographen signiert ist, und das sieht so ähnlich aus wie diese Postkarte hier. Bei mir ist nur noch ein großer Frachter in der Bildmitte. Der Photograph muss für dieses Bild der Weser bei Vegesack auf die Balustrade vor der Villa Fritze geklettert sein, um diesen Blick über den Stadtgarten auf die Weser präsentieren zu können. Mein Bild ist 27 x 39 cm groß, es ist unten rechts signiert Erich Maack. Der ist auch der Photograph der Postkarte, die er in seinem Laden unter dem Titel Vegesack, die Stadt am hohen Ufer verkaufte. Das Bild hat mich gerahmt bei einem Hinterhofhöker zehn Mark gekostet; wie es dahin gekommen war, weiß ich nicht.

Dieses Bild konnte man 1940 auch bei Maack als Postkarte kaufen, es zeigt das Rathaus von Aumund. Das Haus kenne ich, weil ich da meinen Führerschein abgeholt habe, damals war das Straßenverkehrsamt in dem Gebäude. Was ich allerdings nicht wußte, und was wohl in den sechziger Jahren wenige wußten, war die Tatsache, dass diese 1860 erbaute ehemalige Villa der Reederfamilie Lange in den vierziger Jahren der Sitz der Gestapo war. Wahrscheinlich wußte das Erich Maack auch nicht.

Was Erich Maack normalerweise photographierte, also neben Konfirmations- und Paßbildern (und dem Portrait meiner Mutter im Abendkleid mit Silberfuchsstola), waren die Schiffe des Bremer Vulkan und der Lürssen Werft. Fünfzehntausend Photos vom Vulkan sind im Bremer Staatsarchiv archiviert, die Lürssen Werft, für die er 4.500 Bilder gemacht hat, hat heute ihr eigenes Archiv. 

Wer Erich Maack war und was er machte, das wußte ich schon, als ich jung war. Auch wenn ich damals noch nicht wußte, wer Hans Saebens war. Ich war mit Erich Maacks Tochter Annegret in der Volksschule in einer Klasse. Sie ist in diesem Blog schon an zwei Stellen aufgetaucht. Dass sie so schön singen konnte, steht in dem Post Ingeburg Thomsen, und in dem Post Hafenrundfahrt kann man sie auf einem Photo sehen. Sie ist die kleine mit dem Pagenkopf rechts neben der großen blonden Gabi. In dem Post Photographieren steht viel über das Photogeschäft, das Erich Maacks Vater Fritz Maack dem Photographen Gustav Dähn 1932 abgekauft hatte. 1992 hatte Erich Maack das Geschäft seinem Sohn Dieter übergeben; der Dieter ist gerade im Alter von einundachtzig Jahren gestorben, und damit hat die Photographie in Vegesack nach neunzig Jahren ein Ende gefunden. Heute knipst ja jeder mit dem Handy. Der Bremer Vulkan braucht keinen Photographen mehr, die Werft gibt es nicht mehr.

Das Photographieren gehörte in den fünfziger Jahren zu unserem Leben, also bevor wir entdeckten, dass es auch Frauen und französische Filme gab. Ekke und ich hatten ein kleines Photolabor in den Häusern unserer Eltern, Peter war der erste, der eine Spiegelreflex Kamera besaß, Gert hatte von seinen Eltern eine alte Leica geschenkt bekommen. Manche von uns wurden Photographen, wie meine Klassenkameraden Bernd Wurthmann und Eberhard Petzold. Der Eberhard photographiert Schiffe und hat damit großen Erfolg. Also, er photographiert nicht nur Schiffe, wie Erich Maack oder Hans Saebens (der hier einen Neubau auf dem Vulkan photographiert hat) das getan haben. Das hätte er er auch vom Schönebecker Sand aus tun können. Es geht ihm um die Darstellung der weltweiten Schiffahrt, dafür ist er auch jahrelang auf Handelsschiffen mitgefahren. 

Die Monika, die dieses Photo von der Gudrun gemacht hat (und auch das Photo von mir in dem Post Ziggis), wollte eigentlich Photographin werden. Sie hatte eine tolle Photoausrüstung, dies Bild hier ist mit einer Rolleiflex gemacht worden. Mone hat eine Ausbildung als Photographin gemacht, hat es sich dann aber anders überlegt, hat Kunstgeschichte studiert und bei Erich Hubala promoviert. Den kenne ich, weil er einer meiner Prüfer im Fach Kunstgeschichte war. Er taucht auch noch ohne Namensnennung gleich am Anfang von dem Post Palladio auf.

Wer dieses Bild gemacht hat, weiß ich nicht, aber ich weiß, wer die Frau auf dem Bild ist. Und dass das Wort Dangeretwas mit ihr zu tun hat. Die Mone hat eine Vielzahl von Bildern von Gudrun gemacht, ich habe von beinahe allen einen Abzug. Die Aneignung von Bildern ist wie die Aneignung einer Person, da bin ich wie Proust mit seiner Liebe zu Photographien. Ich habe der Gu damals gesagt, dass sie ohne Frage ein Model werden könnte. Vielleicht für die Firma Marimekko, deren Kleider sie so gerne trug. Das Bild in dem Absatz da oben, wo sie mit dem weißen Regenmantel vor der Strandlust steht, gefällt mir am besten. Außer den Bildern, die Mone in Dänemark von uns gemacht habe. Wenn ich einen Scanner hätte, dann könnte man jetzt hier das Bild von Gudrun im Bikini in den Dünen von Hennestrand sehen.

Statt des Bikinibilds habe ich an dieser Stelle ein ganz anderes Bild von ihr, und ich muss dazu vorweg sagen: das ist richtige Kunst. Auch wenn es nicht so aussieht. Es ist ein Unikat von einem amerikanischen Professor für Photographie namens ✺David Van Allen. Der hatte zuvor eigentlich normale Portraits mit seiner Nikon geknipst, aber dann wurde er von den multiple images von David Hockey beeinflusst: I encountered the photographic work of the English painter, David Hockney, in the 1980’s and started experimenting with multiple images fragments to create an image that possessed a larger, more humanly perceptible sense of time and space. Auf seiner Homepage können wir lesen: I make life-size, film-based, multiple-image, photographic portraits. Several moments in time and several points of view are incorporated into the creation of one of these portraits. They take a couple of months to assemble and cost between $1.000 and $3.000.Für diese Gudrun will er fünftausend Dollar haben.

Hier hat er sie noch einmal photographiert, das steht sie rank und schlank neben der Collage; sie ist fünfundfünzig Jahre alt, sieht aber jünger aus, forever young. Wenn Sie auf dieser Seite mit dem Scanner über die Figur gehen, können Sie sehen, wie das Ganze zusammengesetzt ist. Ich mag die wirkliche Frau lieber als das multiple-image, photographic portrait. Ich frage mich nur, warum will er es verkaufen? 

Als er das seltsame Photo machte, hatte er eine Affaire mit seinem Modell, aus der für Jahre eine long distance relationship wurde, sie in Mexico, er in Iowa. Nach ihrem Tod hat er mir geschrieben: Even though we split up, I was still very fond of her and her death was a big assault to my heart. Er hat dann noch eine Adresse beigefügt, wo man seine ganzen Collagen bewundern konnte. Und eine Preisliste. Aber für diese Art der Photographie würde ich kein Geld ausgeben. Für einen Handabzug von Moonrise, Hernandez, New Mexico schon. Und ich habe die Gudrun lieber so wie auf diesem Photo.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

die Bremer Rembrandts

Der Maler Jan Lievens wurde am 24. Oktober 1607 in Leiden geboren. Er war, wie Rembrandt, ein Schüler von Pieter Lastman, und er teilte sich in den 1620er Jahren mit Rembrandt eine Werkstatt. Er war zu seinen Lebzeiten sehr berühmt, war ein Wunderkind, malte den englischen König Charles I. Heute steht er im Schatten von Rembrandt. Ein echtes Bild von ihm kann man schon für 912.000 Euro bekommen, einen Rembrandt bekommt man dafür nicht. Die meisten Bilder von Lievens, die auf dem Kunstmarkt auftauchen, werden von den Auktionshäusern mit dem Zusatz Schüler von Jan Lievens oder aus dem Umkreis von Lievens versehen.

Die Kunsthalle Bremen hat einen schönen Jan Lievens, aber das erfuhren die Besucher der Kunsthalle beinahe ein Jahrhundert lang nicht. Das Bild des Apostel Paulus hatte der Bankier John H. Harjes bei der Kunsthandlung Charles Sedelmeyer in Paris als Rembrandt gekauft und der Bremer Kunsthalle anläßlich seiner Goldenen Hochzeit im Jahre 1911 geschenkt. Er war 1829 in Bremen geboren und mit seinen Eltern 1849 nach Baltimore ausgewandert. Er begann als Lehrling in einer Bank, wo er für das Nachfüllen von Tinte in den Tintenfässern zuständig war. Wenig später hat er mit einigen Kompagnons eine eigene Bank.

Er verlagert seine Geschäfte nach Paris, auf diesem Portrait, das er sich 1903 von Fedor Encke malen ließ, trägt er die kleine rote Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch. Er beschenkt nicht nur seine Heimatstadt Bremen mit dem Rembrandt und anderen Kunstwerken, auch die Johns Hopkins Universität in Baltimore wird von ihm bedacht. Und der Stadt Paris schenkt er ein Benjamin Franklin Denkmal. Er hat mittlerweile einen neuen Teilhaber in der Bank, der noch reicher ist als er und noch mehr Kunst kauft als er. Es ist niemand anderer als John Pierpont Morgan.

Wir wissen inzwischen, dass der Apostel Paulus, unter dem lange ein goldenes Täfelchen mit dem Namen Rembrandtwar, nicht von Rembrandt ist, es ist ein Lievens. Aber zu der Zeit, als Günter Busch Direktor der Kunsthalle war, blieb diese falsche Zuschreibung unter dem Bild. Irgendwie hat Busch kein glückliches Händchen mit seinen Rembrandts, zu dem zweiten Bremer Rembrandt komme ich gleich. 1948 ist bei Trüjen in Bremen (dem Verlag von Trude Wehe) ein kleines Pappbändchen mit dem Titel Museum-Heute erschienen, das war die erste Publikation der Kunsthalle nach dem Krieg. Darin ist eine Interpretation des angeblichen Rembrandtbildes von Manfred Hausmann. Und wenn man die gelesen hat, dann ist einem richtig schlecht. Egal, ob man Kunstgeschichte studiert hat oder nicht. Das Wort Gesülze trifft es nicht, es ist schlimmer.

Dies hier ist der zweite Bremer Rembrandt. Das 1959 dank einer Sonderzuwendung der Freien Hansestadt Bremen gekaufte Bild ist wohl auch nicht echt. Wird heute in dem Katalog der Gemälde der Kunsthalle, den Corinna Höper 1990 erstellte, als Umkreis des Rembrandtbezeichnet. Es ist ein Problem mit den Rembrandts. In Havanna gibt es übrigens eine Kopie von dem Bild, aber dort man man nie behauptet, dies sei ein echter Rembrandt. 1914 hielt >Cornelis Hofstede de Groot 988 Gemälde Rembrandt für echt, in den dreißiger Jahren waren es nur noch sechs- bis siebenhundert. Und heute lässt die holländische Rembrandt Research Gruppe nur noch 324 als eigenhändig gelten. Er hier gehört nicht dazu.

Ich fand ihn damals toll, der junge Herr sieht ja auch sehr elegant aus. Aber mein Freund Peter hatte schon Anfang der sechziger Jahre seine Zweifel. Wir mochten, als wir jung waren, Günter Busch überhaupt nicht. Das Gutachten, auf das man sich beim Kauf stützte, kam von Kurt Bauch, und dessen Ruf als die Rembrandt Kapazität war in den fünfziger Jahren im Schwinden begriffen. Seine NSDAP Zugehörigkeit kam ans Licht, und eine Vielzahl von Gefälligkeitsgutachten kratzte seinen Ruf an. Dennoch könnte es einen Rest von echtem Rembrandt geben. So glaubt Werner Sumowski, Autor des Standardwerks über die Rembrandtschüler, dass unter der Vielzahl der Übermalungen bei diesem Bild vielleicht doch die Ruine eines echten Rembrandts liegt. Es ist mir ehrlich gesagt egal, mir gefällt das Bild. Ich würde es auch nehmen, wenn die es in Bremen mal nicht mehr haben wollen.

Solange Günter Busch (hier links im Bild) Direktor der Bremer Kunsthalle war, waren die beiden Bilder echte Rembrandts. Danach nicht mehr. Wenn er mit seinen Rembrandts Pech hatte, er hat auch seine Verdienste. Er hat nach dem Krieg die zerstörte Kunsthalle (in der auch das Bild Washington Crossing the Delaware verbrannte) wieder aufgebaut. Günter Busch ist in vielen Schriften ein blendender Stilist gewesen. Ein Buch wie Das Gesicht: Aufsätze zur Kunst gibt davon Zeugnis. Er schreibt allgemeinverständlich, aber er biedert sich nicht an. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass er wie sein Nachfolger Wulf Herzogenrath mit Yoko Ono aufgetreten wäre. Er pflegte seine Kontakte zum Kapital und den Mäzenen eher im Stillen. Wenn er sich photographieren ließ, dann nur mit Bundespräsidenten und Bundeskanzlern. Zum 65. Geburtstag schickte ihm der Kanzler Helmut Schmidt, dem er einstmals die Paula Becker-Modersohn Ausstellung gezeigt hatte, ein Telegramm mit Glückwünschen. Auch wenn seine Liebhabereien wie Zeichnungen oder Paula Becker-Modersohn (von der er dreizehn Bilder in seiner Amtszeit kaufte) keineswegs die meinen waren, für vieles bin ich Busch dankbar. Für die Ausstellung und den Katalog Zurück zur Natur im Jahre 1977 und die Eugène Boudin Ausstellung 1979 könnte ich ihn knutschen. Und ihm alles verzeihen, was ich jemals gegen ihn hatte.

Aber Bremen hat auch echte Rembrandts. Ganz viele. Nämlich die Kupferstiche. Die kenne ich alle, Blatt für Blatt. Als ich ein Praktikum im Bremer Kupferstichkabinett machte, habe ich sie alle in der Hand gehabt. Ich hatte natürlich weiße Handschuhe an. Vieles, was die Kunsthalle heute besitzt, habe ich damals nicht gesehen, denn viele der Kriegsverluste, wie zum Beispiel der Hl. Hieronymus, lesend in italienischer Landschaft, sind nach einem langen Weg erst 2013 zurückgekehrt.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen