Italian light on English walls

Lovely indeed the mimic works of art; ⁠
But nature’s works far lovelier. I admire ─
None more admires ─ the painter’s magic skill,
Who shows me that which I shall never see,
Conveys a distant country into mine,
And throws Italian light on English walls

Darum geht es den Engländern jetzt im ↝18. Jahrhundert, ein wenig vom Lichte Italiens an den Wänden zu haben, wie es ↝William Cowper in The Task dichtet. Man hat ja sonst schon viel Italien zu Hause, weil man in ↝palladianischen Villen wohnt und sich von ↝Agenten in Rom antike Plastiken nach England schmuggeln lässt. Wenn man einen Maler braucht, der einem das Licht Italiens auf die Gemälde bringt, bietet sich Richard Wilson an, ein Waliser, der lange in Rom gelebt hat. Und der, als er nach England zurückkehrt, international berühmt ist.

Ich möchte mit diesem kleinen Post daran erinnern, dass ↝Richard Wilson, der Vater der englischen Landschaftsmalerei, heute vor dreihundert Jahren geboren wurde. Und ich hätte sicherlich auch einen langen schönen Post zu ihm geschrieben, wenn ich das nicht schon vor einem Jahr getan hätte. Das schrieb ich am 1. August 2014 in dem Post ↝Phillis Wheatley. Der walisische Maler Richard Wilson ist am 15. Mai 1782 gestorben, er war der Begründer der britischen Landschaftsmalerei. I recollect nothing so much as a solemn – bright – warm –  fresh landscape by Wilson, which swims in my brain like a delicious dream, schrieb ↝John Constable nachdem er dieses Bild von Wilson gesehen hatte.

Phillis Wheatley, die man von Afrika nach Amerika verschleppte, ist als schwarze Sklavin bei John und Anne Wheatley in Boston aufgewachsen. Ihren Vornamen hat sie nach dem Schiff bekommen, das sie im Alter von sieben Jahren von Afrika nach Amerika gebracht hat. 1773 hat sie den Sohn der Wheatleys nach England begleitet, wo sie als Wunderkind herumgereicht wurde. Ihr Gedicht ↝On being brought from Africa to America ist noch heute in jeder amerikanischen Gedichtsammlung. Dies Bild von Richard Wilson hat sie bei dem Earl of Dartmouth gesehen. Sie musste gleich ein Gedicht zu dem Bild schreiben:

Thou who did’st first th‘ ideal pencil give,

and taught’st the painter in his works to live,

inspire with glowing energy of thought,

What Wilson painted, and what Ovid wrote.

Das Gedicht geht jetzt ↝hier noch weiter, Dichter im 18. Jahrhundert sind nicht für ihre Kürze bekannt. Die Landschaft mit Niobe ist der Beginn der englischen Landschaftsmalerei, und vielleicht beginnt jetzt auch schon die Landschaftsmalerei der englischen Romantik. Das Bild macht nicht nur Eindruck auf die junge Phillis Wheatley, es wurde weithin bekannt. Weil es diesen Stich von William Woollett gab, einen Stich (der wie alle Stiche seitenverkehrt ist) von erstaunlicher Qualität.

Ihrem Gastgeber William Legge, dem zweiten Earl of Dartmouth, wird Phillis Wheatley auch ein ↝Gedicht widmen. Er ist ein einflussreicher Mann, der gerade Staatssekretär für die Kolonien (die sich 1773 noch nicht von England losgesagt haben) geworden ist. Er wird auch dafür sorgen, dass John Newton, der ↝Amazing Grace schrieb, eine Anstellung findet. Dartmouth ist nicht nur Politiker, der den Wünschen der Amerikaner wohlwollend gegenüber steht, er ist auch Philanthrop und Kunstsammler. Er wird bei seiner ↝Grand Tour 1752-1753 in Rom Bilder bei Richard Wilson bestellen, die alle ein wenig nach ↝Claude Lorrain aussehen.

Dies hier nicht, hier ist kein Platz für einrahmende Bäume links und rechts, das ist der Llyn-y-Cau Bergsee des Cader Iris. Richard Wilson hat den Berg bestiegen und ihn gemalt, niemand hatte das vor ihm gemacht. Kenneth Clark in ↝Landscape into Art über Wilson gesagt: Claude, on the other hand, gave to English painting a simpler scaffolding on which the native school could build. There was something in Claude’s gentle poetry, in his wistful glances at a vanished civilisation and in his feeling, that all nature could be laid out for man’s delight, like a gentleman’s park, which appealed particularly to the English connoisseurs of the eighteenth century.

Sometimes his principles of composition, with their wings and stage trees, offered too easy a formula; but Wilson, at his best, understood the two chief lessons of Claude, that the centre of a landscape is an area of light, and that everything must be subordinate to a single mood. As a result, although by no means a skilful artist, Wilson is a true minor poet, a sort of William Collins,writing his Ode to Evening in classic metre and with fresh perception.

Dieses Portrait von Wilson hat sein Kollege Anton Raphael Mengs gemalt, er nahm dafür kein Geld, er wollte nur eins der Landschaftsbilder von Wilson haben. Als der Maler Francesco Zuccarelli ein Landschaftsbild von Wilson sah, riet er ihm, bei der Landschaftsmalerei zu bleiben. Ähnliches riet ihm Horace Vernet. Der sogar Bilder von Wilson in seinem Studio ausstellte. Als Wilson in der Mitte des Jahrhunderts nach London zurückkehrt, ist er berühmt. Wilson hat das Gemälde später an seinen Mäzen Sir Watkin Williams-Wynn verkauft, zusammen mit vier Landschaftsbildern. Da war der Mirbegründer der Royal Academy schon an den Suff gekommen und bekam keine Aufträge mehr. Bei seinem Tod dichtete Peter Pindar:

But, honest Wilson, never mind;
Immortal praises thou shalt find,
And for a dinner have no cause to fear.
Thou start’st at my prophetic rhymes:
Don’t be impatient for those times;
Wait till thou hast been dead a hundred year
.

Es gibt mit ↝Richard Wilson Online eine einmalig gute Seite zu Wilson im Internet. Als ich da drin geblättert hatte, sagte mir ein kleiner böser Geist: Teste mal die ↝Kunsthalle Bremen. Die habe ich ja schon mehrfach verspottet, weil sie es nicht fertigkriegen, ihren ↝Online Katalog ins Internet zu bekommen. Und was war? Sie ahnen das schon: Durch die Umstellung unserer Internetseiten ist der Katalog vorübergehend nicht erreichbar. Wir bitten um etwas Geduld!

Advertisements
Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Fritz Mackensen

Worpswede. Zuerst nur eine Ahnung am Horizont. Da hinten neben dem Weyerberg musste es sein, als Gustav und mein Vater an dem Spätsommertag die Bauern überredet hatten, für uns im ↝Moor Torf zu stechen. Dann zum ersten Mal wirklich: vorne auf dem Kindersitz von Vaddis Fahrrad. Der Schäferhund lief nebenher. Als wir den Opel hatten, immer wieder sonntags zum Kaffee Verrückt. Oma freute sich auf den Kaffee HAG in den kleinen eleganten Tassen. Opa moserte über die Roten, die hier angeblich noch überall waren. Seinen Stahlhelmkameraden Mackensen erwähnte er nie. Später im Winter, wenn Hamme und Wümme zugefroren waren, mit Schlittschuhen nach Worpswede. Als ich den Führerschein hatte, immer wieder mal schnell mit dem Auto hin, über Ritterhude, am Dammgut vorbei und dann die endlos scheinende Moorstraße entlang. Kunst war da nicht mehr, Kommerz schon.

Fritz Mackensen, der Mann, der Worpswede entdeckte, ist am 12. Mai 1953 in Bremen gestorben, arm, krank und vereinsamt. Ein Jahr zuvor hatte der Ehrenbürger Worpswedes das Bundesverdienstkreuz erhalten. Bundespräsident ↝Heuss selbst brachte es ihm nach Worpswede. Da kam für einen Augenblick ein wenig Kultur in die protzige Villa am Weyerberg, die sich Mackensen 1901 von seinem Bruder Albert hatte bauen lassen. Sie war niemals wie der Barkenhof ein Zentrum der künstlerischen Welt. Heinrich Vogeler, dem das alles nicht gefällt, schreibt an Paula Becker nach Paris: Dabei ist hier alles trostlos geworden. Worpswede wird Villencolonie. Es wird noch trostloser.

Als die Engländer 1945 Worpswede besetzten, begrüßte der 79-jährige Major a.D. Mackensen sie mit dem Hitlergruß und rief Sieg Heil. Die Limeys schossen ihm dann die Bilder von der Wand.

Worpswede hat ein schweres ↝Erbe mit seinem Entdecker. Der Leutnant a.D. des Ersten Weltkriegs spaziert mit seinem Schleppsäbel durchs Dorf. Er denunziert 1919 seinen Malerkollegen Heinrich Vogeler 1919 bei den Behörden und vertreibt↝Otto Ubbelohde aus Worpswede. Er war nicht von Anfang an überzeugter Nazi. Im Stahlhelm war er und im antisemitischen Kampfbund für deutsche Kultur, in die ↝NSDAP trat er erst 1937 ein (Martha Overbeck im gleichen Jahr auch), war aber schon 1933 in der SA gewesen.

Er hielt sich in den dreißiger Jahren ein wenig zurück, und er hatte einen Grund für seine Zurückhaltung, nämlich seine Tochter Alexandra. Hier hat er sie 1938 gemalt, da ist sie dreißig Jahre alt, eine schöne Frau. Seit vier Jahren lebt sie bei ihrem Vater, die Jahrzehnte davor hat sie in einem Heim gelebt. Geistig behindert. Vor der Zwangssterilisation hat Mackensen sie nicht  bewahren können, aber jetzt kümmert er sich um sie. Es ist ein wunderschönes Bild, zeitlos, vielleicht mit einem Touch Expressionismus. Dies Bild wird dem Original nicht gerecht, es gibt weder das wunderbare Karmesinrot der Bluse noch das Gesicht von Alexandra richtig wieder. Auch wenn die Farben falsch sind, es bleibt ein schönes Bild. Ein Bild das in völligem Gegensatz steht zu der Tristesse der Moorbilder und den Propagandabildern, die er für die Nazis gemalt hat. Es ist vielleicht das modernste Bild, das er je gemalt hat. Im gleichen Jahr, in dem er seine Tochter portraitiert, malt Mackensen im Auftrag der Reichskulturkammer das Bild ↝Eine gesunde deutsche Familie und bekämpft als Ausstellungsleiter des Niederdeutschen Malertages alle modernen Tendenzen in Worpswede.

Noch mehr Worpswede hier: Worpswede, Heinrich VogelerFritz OverbeckKunsthalle BremenNiedersachsenstein, Richard OelzeKiautschouSchlittschuhlaufen, Rönnebeck, Manfred HausmannCato Bontjes van Beek, Otto UbbelohdeWilly Vogel

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Puffhunde

Ich stolperte durch Zufall in die Sendung Bares für Rares, Sie kennen die vielleicht. Das ist die ↝Sendung mit dem unerträglich schmierigen Horst Richter, der immer Hallöchen sagt. Das ZDF ist ja bannig stolz auf die Sendung, die eine klägliche Imitation von Sendung wie Antiques Roadshow der BBC ist. Das ZDF war auch richtig beleidigt, als Fachleute enthüllten, dass alles an Horst Lichters Sendung getürkt ist. Wir lassen das mal beiseite und kommen zu den titelgebenden Puffhunden. Heute wollte in der Sendung jemand ein Paar der possierlichen Tierchen verkaufen, die waren aber nicht wirklich alt, einer war beschädigt, eigentlich waren sie nichts wert. Aber die Sache hatte einen Nebeneffekt: innerhalb von einer Stunde wurde der Post ↝Kapitänshunde in diesem Blog hundert Mal angeklickt. Können Sie auch tun, der Post (der schon beinahe 10.000 Mal gelesen wurde) ist kunsthistorisch seriös. Und Sie werden auch nicht mit Hallöchen begrüßt.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Waidmannsheil

Dieses Bild von Thomas Gainsborough zeigt einen englischen Gentleman bei der Jagd. Wir wissen, wer er ist, er heißt Thomas William Coke (spricht sich Cook aus). Er weigert sich geadelt zu werden: I had rather remain the first of the ducks than the last of the geese. Irgendwann nimmt er doch den Titel eines Earl of Leicester an. Der einfache Mr Coke, den seine Zeitgenossen auch Coke of Norfolk nennen, ist Großgrundbesitzer und hat mit dem geerbten Familiensitz Holkham Hall eins der schönsten palladianischen Schlösser Englands. Die Familie wohnt da ↝heute noch.

Grundbesitzer sind viele Adlige in dieser Zeit. Und viele werden sich auf ihren Besitzungen in der Pose eines Jägers malen lassen. Aber niemand ist wie Mr Coke, der natürlich in Eton und auf einer ↝Grand Tour war. Er ist einer der wichtigsten Landwirtschaftsreformer Englands im 18. Jahrhundert, der noch horribile dictu daran glaubt, dass es zu den Pflichten eines Großgrundbesitzers gehört, das Leben derer zu verbessern, die auf seinen Gütern leben. Dafür tritt er (hier auf einem späteren Bild von Thomas Lawrence) auch im Parlament ein.

Was er auf diesem Bild trägt, ist die Mode des 18. Jahrhunderts für den Landedelmann (zu diesem Thema gibt es ↝hier einen Post). Aber es ist noch mehr. Coke hat sich von Gainsborough in der Kleidung malen lassen, in der er als Abgesandter Norfolks vor den König getreten war: As Knight of the Shire he had not only the right to wear his spurs in the House, 1 but a further right to attend Court “ in his boots,“ i.e. in his country clothes ; which latter privilege, however, was seldom, if ever, exercised. But on this occasion Coke availed himself of it, and appeared unceremoniously before the King wearing his ordinary country garb. It was an extremely picturesque dress top-boots with spurs, light leather breeches, a long-tailed coat and a broad-brimmed hat; but it caused the greatest horror at Court, and neither the matter nor the manner of the address was palatable to George III. Noch schlimmer für den König als der Anzug von Coke war die Tatsache, dass er wortgewaltig für die Sache der Revolutionäre in Amerika eintrat.

Coke war schon einmal in diesem Blog, in einem ↝Post, der seinem Sohn von Thomas William Coke gewidmet war. Der hat nämlich den Bowler erfunden. Ich habe noch ein zweites Bild von einem englischen Gentleman bei der Jagd aus der gleichen Zeit wie Gainsboroughs Bild. Es heißt Reclining Hunter, es wurde von dem amerikanischen Maler Ralph Earl gemalt. Der wurde 11. Mai 1751 geboren, ich dachte, ich schreibe mal über ihn. Musste dann aber feststellen, dass es hier längst einen Post namens ↝Ralph Earl gab. Wo allerdings der Reclining Hunter nicht erwähnt wurde.

Das Philadelphia Museum of Art hat über das Bild, das man auch als Duschvorhang kaufen kann, nur zu sagen: Ralph Earl studied in England for several years during the American Revolution and was one of many American painters of the time who included natural scenes in his compositions. This enigmatic depiction of a reclining hunter suggests the emerging English view of the natural world as a place of repose and contemplation, where the beauties and pleasures of the countryside could be enjoyed. Das ist nun ein wenig ärmlich, man könnte mehr zu dem Bild sagen. Viel mehr.

Der Gentleman, der hier bei der Jagd ein Päuschen einlegt, trägt andere Kleidung als Thomas William Coke. So etwas kann man in der Stadt tragen, vielleicht noch beim Lustwandeln in einem ↝Landschaftsgarten, aber nicht bei der Jagd. Und das, was der Gentleman mit dem leicht verblödeten Gesichtsausdruck (oder ist er schlicht besoffen?) erjagt hat, würde kein Jäger jagen. Wir lassen den Esel im Hintergrund aus, der seine Beute geworden ist, aber diese Vögel, die da auf einen Haufen geworfen sind, die jagt man nicht. Man schießt keine Eulen und keine Schwäne. Wahrscheinlich sind auch die Pilze in seinem Hut Gilftpilze.

Gainsborough hat eine Vielzahl von Herren gemalt, die mit ihren Hunden auf ihrem Grundbesitz unterwegs sind. Ihre Kleidung passt sich der Umgebung an. Sie sind nicht für die Großstadt gekleidet, dafür haben sie ein Stadthaus und haben dort die passende Garderobe im Schrank. Dies hier ist George Venables, der zweite Lord Vernon, im dreiteiligen Anzug, dem justacorps, den die englische Mode seit Charles II kennt. Er war schon in dem Post ↝18th Century: Fashion zu sehen. Die Westen, die jetzt gilets heißen (sie kommen meistens aus Frankreich), sind nicht mehr aus dem selben Stoff wie der Rest des Anzugs, négligé clothing wird es genannt. Ist nichts anderes als dressing down, machen die Engländer auf dem Land immer noch.

Während ↝Mr und Mrs Andrews in dem berühmten Bild in der Landschaft stehen, als wäre es eine Bühne für sie, zeigt dieser Herr eine seltsame Naturverbundenheit, er ist beinahe eine Verdoppelung des Baumes. Mr John Plampin, der Grundbsitz und Schloss in Suffolk geerbt hatte, wollte so auf seinem Besitz gemalt werden. Ein wenig the man of feeling, eins mit der Natur. Gainsborough hat das Bild nach einem Bild von Watteau gemalt.

Lassen Sie uns zu dem Bild von Ralph Earl zurückkommen. Das ist wahrscheinlich die reine Satire, eine Parodie eines in England gepflegten Bildtyps. Ralph Earl ist der bad boy der Amerikaner in England, ein habitueller Lügner, ein Säufer und Bigamist. Er kann nicht so gut malen wie ↝John Singleton Copley oder ↝Gilbert Stuart, Körperproportionen stimmen bei ihm nie, wie man auf diesem Selbstportrait sehen kann. Er ist gut in Kleinigkeiten, die Kleidung der Portraitierten ist immer sehr detailgetreu. Dr Caroline  Koblenzer, die das Bild des Reclining Hunter dem Museum in Philadelphia geschenkt hat, hat eine interessante Interpretation geliefert: dies sei ein selbstironisches Portrait eines Mannes, der wisse, dass er in seinem Leben alles falsch gemacht hat.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Heinrich Ehmsen

Der Maler Heinrich Ehmsen, der in Kiel geboren wurde, ist am 6. Mai 1964 in Berlin (Ost) gestorben. In seiner Geburtsstadt hat man in der Heinrich Ehmsen Stiftung (↝Stadtgalerie Kiel) noch viele Bilder von ihm, und ich bin auch einmal in einer Ehmsen Ausstellung gewesen, weiß aber nicht, wo ich den Katalog hingepackt habe. Es ist keine Ruhe in seinen Bildern, viele Bilder – wie diese Soldaten, die an einer Gasvergiftung gestorben sind – handeln vom Krieg oder von den Münchener ↝Straßenkämpfen (das Thema hat er in zwanzig Gemälde und etwa hundert Zeichnungen oder Grafiken behandelt). Dies Bild hängt in Moskau, in der UdSSR ist Ehmsen Anfang der 30er Jahre gewesen, dort hatte er eine große Ausstellung, wo er auch zahlreiche Bilder verkaufte.

Sein gestisch expressiver, zerrissener Stil ändert sich über die Jahre wenig, dieses Bild, das ↝Störungsrechnung heißt, stammt aus den fünfziger Jahren. Da war Ehmsen Gründungsmitglied der Akademie der Künste in Ost-Berlin geworden. Aus der Hochschule für Bildende Künste im Westen (wo er Stellvertreter des Direktors war) war er 1949 herausgeflogen, weil er auf dem von Picasso und Louis Aragon organisierten Friedenskongress in Paris das Friedensmanifest unterschrieben hatte. Der Krieg ist gerade mal vier Jahre vorbei, aber die Deutschen haben zum Thema Frieden noch nichts dazugelernt.

Ehmsen war Leutnant im Ersten Weltkrieg, und obgleich er 1934 für wehrunwürdig erklärt wird, wird er im Zweiten Weltkrieg zum Hauptmann befördert. Da ist er Mitglied einer Propagandastaffel in Paris, wo er zahlreichen französischen ↝Künstlerkollegen helfen kann: Man muß wissen, daß Ehmsen während des Krieges als Mitglied der Propagandastaffel Paris, als deutscher Hauptmann und als mein Kamerad, das Referat ‘Kunst’ verwaltete und in dieser Eigenschaft dafür sorgte, daß alle führenden französischen Künstler mit ausreichendem Mal- und Heizmaterial versorgt wurden. Mehr noch, er hat dafür gesorgt, daß diese Leute unbeschränkt arbeiten konnten, während in Berlin so viele unserer angeblich ‘entarteten Künstler’ Malverbot hatten, schreibt ein Freund über ihn.

Diese Frankophilie kommt bei seinen Vorgesetzten nicht an, er wird an die Ostfront versetzt. Er war in der KPD, nie in der NSDAP. Was er in den dreißiger Jahren malt, gefällt den neuen Machthabern überhaupt nicht. Seine Bilder werden aus den Museen entfernt und sind 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst zu sehen. Aber erstaunlicherweise wird sein Antrag auf Aufnahme in die Reichskulturkammer angenommen. Nur so erhält er wieder Malmaterial, das ist eine erstaunliche Sache.

Hier ist eins der oben erwähnten Bilder vom Straßenkampf. Ein anderes können Sie sehen, wenn Sie in dem Post ↝Madrid, 3. Mai 1808 den Namen Heinrich Ehmsen anklicken. Ich habe das Bild aus dem Blog ↝Weimar, einem sehr interessanten Blog, dem ich viele Leser verdanke, als ich zu bloggen begann. Die Bilder von den Straßenkämpfen, die er in München erlebt, gehen ihm nicht aus dem Kopf: Fanatischer Arbeit in München entriß mich 1914 der Krieg und brachte mich in den Morast von Flandern, in die blutgetränkten Schützengräben an der Somme und nach Verdun. Damals begann ich ein Kämpfer gegen den Krieg und für den Frieden zu werden. 

Heimgekehrt ins Atelier in München, nach dem Irrsinn des Massenmordens nun umtobt vom Geknatter und Getöse des Bürgerkrieges, schien mir alle Arbeit im Atelier aus früheren Zeiten belanglos, nichtig. Verdrängte Eindrücke der Jugend, die Jahre von Kasernenhof und Schlachtfeld, das Erlebnis der Erschießung von Revolutionären bedrängten mich, zwangen mich, sie zu gestalten. L’art pour l’art ist nicht meine Sache. Ich muß durch Form und Farbe hinausschreien, was in mir tobt. Mitleid mit der geschundenen Kreatur, Zorn gegen die Peiniger.

Dank des Kieler Malers Peter Drömmer, der der Leiter der Werbeabteilung der Junkers Werke in Dessau war, findet Ehmsen (wie einige andere expressionistische Maler) eine Anstellung bei Hugo Junkers. Nicht, dass er jetzt Flugzeuge anmalt wie ↝Paul Klee im Ersten Weltkrieg oder nur noch Flugzeuge malt wie ↝Franz Radziwill, es ist eine Art Sinekure. Da kann er Bilder malen wie dieses hier. Als die Nazis Hugo Junkers aus seiner Fabrik gedrängt haben, verliert Ehmsen die Stellung. Aber Flugzeuge bleiben ihm erhalten. Dank seines Galeristen Flechtheim erhält er Aufträge zur Dekoration von Flugstützpunkten und Kasernen. Sogar vom Reichsluftfahrtministerium.

Am Ende eines Krieges heißt diese Bild aus dem Jahre 1954, das zeitgleich mit der Störungsrechnung entstand. Ehmsen bleibt seinem Stil und seinen Überzeugungen treu. Wenn Seamus Heaney über Goya sagt: He painted with his fists and elbows, flourished

The stained cape of his heart as history charged, dann könnte man diesen Satz auch auf Ehmsen anwenden, der über sich sagte: Meine revolutionären Gemälde, ich denke an die „Erschießung des Matrosen Egglhofer“, an „Frauen in Not“, an den „Roten Wedding“ und viele andere, die seit Dezennien in Moskauer und Leningrader Museen hängen, sind niemals der Beschaulichkeit des Ateliers entsprungen, sondern aus der Identifikation mit den Gegenständen, die ich der Leinwand anvertraute, geboren worden.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Madrid, 3. Mai 1808

Dunkle Nacht, die Silhouette der Stadt Madrid im Hintergrund. Eine Gruppe von Männern, die vor die Stadt getrieben wurden, gesichtslose Soldaten, die sie vor einem ansteigenden Hügel auf kurze Distanz erschießen. Eine große rechteckige Laterne auf dem Boden beleuchtet die Szene, wie ein Scheinwerfer der Geschichte. Der Mann im weißen Hemd in der Mitte, kniend, aber aufrecht, reißt die Arme hoch. Er erinnert an einen christlichen Märtyrer.

Francisco Goya ist in der Nacht vom 3. Mai 1808 nicht dabeigewesen, hat keine Skizzen von der Erschießung der Aufständischen gemacht, wie man manchmal lesen kann. Solche Geschichten halten sich hartnäckig. Das Bild ist auch erst sechs Jahre nach dem blutigen Maitag gemalt worden. Le peuple de Madrid abusé s’est laissé entraîner à la révolte et au meurtre. Du sang français a coulé. Il demande à être vengé, hatte der Marschall Joachim Murat (der hier einen Post hat) gesagt. Er will Blut sehen. Als spektakuläre Aktion. Zur Abschreckung. Der Schwager Napoleons hofft, dass er König von Spanien wird.

Man kann über Goyas berühmtes Gemälde ‚Die Erschießung der Aufständischen (3. Mai 1808)‘ nicht handeln, ohne nicht auch auf dessen Pendant einzugehen, den Kampf mit den Mamelucken an der Puerta del Sol, sagt Werner Busch in seinem Aufsatz Das Pathos der Sinnlosigkeit. Das ist die Vorgeschichte zu den Erschießungen vom 3. Mai. Der spanische Guerillakrieg hat begonnen. Das hat sich Murat, der nicht König von Spanien wird, anders vorgestellt. Als Goya diese beiden Bilder malt (um den Auftrag hatte er sich bemüht), ist der spanische König Ferdinand VII gerade nach Spanien zurückgekehrt. Goya wird ihn 1815 im Krönungsornat malen. Ferdinand sieht da aus wie eine Karikatur.

Goya war 1786 unter dem spanischen König Carlos III. Hofmaler geworden und blieb das auch unter Carlos IV. Dessen Sohn Ferdinand hat nichts mit Kunst im Sinn, aber Goya behält seinen Titel primer pintor de Cámara. Selbst wenn ihm der König erlaubt, ins französische Exil zu gehen. Goya ist nicht der Maler der spanischen Revolution, auch wenn er die Erschießung der Aufständischen, La Carga de los Mamelucos und die Désastres de la guerre. Wenn Wellington kommt und die Franzosen vertreibt, wird Goya ihn malen. Er ist ein vielbeschäftigter Mann. Zuvor hatte er die neuen Machthaber gemalt, dafür wird man ihn vor Gericht stellen. Aber man kann ihm keine Kollaboration nachweisen. Den neuen König Joseph Bonaparte habe er nur nach einem Stich, nicht als lebendes Modell gemalt. Das sind feine Unterschiede.

Auf dem Höhepunkt der blutigen Unruhen in Belfast 1969 ist der irische Dichter Seamus Heaney in seinem autobiographischen Gedicht Singing School auf das großformatige Gemälde Die Erschießung der Aufständischen von Goya eingegangen:

I retreated to the cool of the Prado.

Goya’s ‘Shootings of the Third of May’

Covered a wall—the thrown-up arms

And spasm of the rebel, the helmeted

And knapsacked military, the efficient

Rake of the fusillade. In the next room,

His nightmares, grafted to the palace wall—

Dark cyclones, hosting, breaking; Saturn

Jewelled in the blood of his own children,

Gigantic Chaos turning his brute hips

Over the world. Also, that holmgang

Where two berserks club each other to death

For honour’s sake, greaved in a bog, and sinking.

He painted with his fists and elbows, flourished

The stained cape of his heart as history charged

Goyas Darstellung von der Füsillade der Freiheitskämpfer (mit der kurzen Distanz zwischen Peloton und Delinquenten) ist von Malern immer wieder aufgegriffen worden (z.B. PicassoOtto DixHeinrich Ehmsen) Die berühmteste Version stammt natürlich von Eduard Manet, dazu gibt es hier einen sehr ausführlichen Post. Manet kannte Goyas Bild, er hatte es im Prado gesehen. Seine Erschießung des Kaisers Maximilian ist ganz anders als Goyas Bild: nüchtern und kalt, hier lodert kein Feuer, hier ist keine dramatische Bewegung wie bei Goya. Seamus Heaney hat das sehr schön gesagt: He painted with his fists and elbows, flourished The stained cape of his heart as history charged.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Raubmörder

Dieses Bild war hier schon einmal in dem Post ↝Georg Friedrich Kersting zu sehen. Das Bild aus der Kunsthalle Kiel ist eines von mehreren Versionen des Themas. Das Bild von Kersting, das die Malerin Louise Seidler zeigt, ist in den Räumen des Malers ↝Gerhard von Kügelgen gemalt worden. Kügelgen besaß ein schönes Haus in Dresden, das heute das Kügelgenhaus heißt, aber er wollte sich in Loschwitz ein neues Haus bauen lassen. Mit Ausblick auf die Elbe und die böhmische Schweiz. Dies Häuschen soll uns ein Feenpalast werden, bis die Zeit, da wir durch ein noch kleineres, engeres Haus die Tür finden zu dem großen Hause des himmlischen Vaters, in dem viele Wohnungen sind, und in dem sich einmal wieder die ganze Familie zusammenfinden wird. Sollte es Gott gefallen, mich bald nach Hause zu rufen, so hat Lilla einen Witwensitz, von wo sie die Erziehung der Kinder leicht vollenden kann, da die Stadt nur eine Stunde Wegs entfernt liegt, schreibt er seinem Bruder im Herbst 1819.

Er wird den Feenpalast nie bewohnen, weil er am 27. März 1820 auf dem Rückweg von seiner Baustelle zu seiner Stadtwohnung von einem Raubmörder erschlagen wird. Der ↝Pitaval kennt die ganze grausige Geschichte: Am 27. März, am Tage nach der Einsegnung, ging er wie gewöhnlich nach seinem Weinberge hinaus, um nach dem Bau zu sehen. Er fragte einen seiner Schüler, ob er ihn begleiten wolle, dieser aber war durch Geschäfte behindert und mußte es ablehnen. So ging Kügelgen allein. Er kam gegen fünf Uhr an, ordnete an, was nötig war, zahlte die Arbeiter aus, bestellte junge Birken für den Weinberg und ging zwischen sechs und sieben Uhr fort, um nach Dresden zurückzukehren. Die Landstraße von Dresden nach Bautzen führt nun zwar über den sogenannten Mordgrund, eine tiefe Felsschlucht, die nach der Elbe zu die Höhe durchschneidet, war aber schon damals von schönen Villen und Erholungsstätten wie dem Linkeschen Bade, Findlaters und anderen eingesäumt und deshalb einer der begangensten und sichersten Spaziergänge. Auch dort, wo sie über freies Gelände führt, ist sie fast nie menschenleer, und da sie sich ohne tiefe Einschnitte immer auf der Höhe hinzieht, kann man sie fast überall übersehen, und dazu war es ein mondheller Abend.

Kügelgens Sohn Wilhelm, der auch Maler werden wird und eines Tages seine berühmten ↝Jugenderinnerungen eines alten Mannes schreibt, hat seinen Vater am nächsten Tag zusammen mit der Polizei gefunden: Am anderen Morgen in aller Frühe meldete ich den Fall auf der Polizei an. Man gab mir Polizeidiener und Hunde mit, die Gegend abzusuchen. Dräger, den ich auf der Straße fand, schloß sich uns an. Am Linkeschen Bade verteilten wir uns zu beiden Seiten der Chaussee; die Hunde revidierten vor und zwischen uns. Auf halbem Wege zum Waldschlößchen stand plötzlich der mir zunächst laufende Hund. Ich sprang herzu: da lag mein Vater mit dem Gesicht auf nackter Erde, erschlagen und entkleidet in einer Ackerfurche. Über mich aber und die Meinigen »ging der Grimm des Höchsten, und seine Schrecken drückten uns, sie umgaben uns wie Wasser und umringten uns miteinander«. Und hiermit mag ein Schleier auf mein weiteres Ergehen fallen. Damit enden Kügelgens ↝Jugenderinnerungen.

Man findet schnell einen Verdächtigen, einen Unterkanonier der sächsischen Artillerie, der natürlich niemals so elegant aussieht wie dieser junge Adlige, den Gerhard von Kügelgen gemalt hat. Der erste Verdächtige ist grenzdebil, aber für die sächsische Artillerie reicht das. Er ist nicht der Täter, aber seine Gefangennahme führt die Polizei zu dem Unterkanonier Johann Gottfried Kaltofen, einem Offiziersburschen, der außerhalb der Kaserne wohnen darf. Die Ermittlungen werden akribisch genau geführt, dabei kommt heraus, dass Kaltofen wenige Monate zuvor einen Tischlergesellen in der gleichen Gegend mit einem Beil erschlagen hat. Wenn man die Geschichte der Ermittlungen im Pitaval liest, fühlt man sich an die Langsamkeit und Genauigkeit der ersten ↝Stahlnetz Sendungen erinnert.

Friedrich Schiller (hier von Kügelgen gemalt) hatte schon 1792 eine Auswahl des französischen Pitaval herausgegeben (↝Merkwürdige Rechtsfälle als ein Beitrag zur Geschichte der Menschheit). Aber das Ganze soll natürlich kein Sensationsjournalismus à la Bild Zeitung sein: das bloß Abscheuliche hat nichts Unterrichtendes für den Leser. Auch der Neue Pitaval hat eine ständig moralisierende Tendenz: Kaltofens Hinrichtung war für das Volk in Dresden ein Fest gewesen, wie es nicht sein soll. Der junge, hübsche Mensch war auf so vornehme Weise wie ein großer Herr mit allem möglichen Gepränge vom Leben zum Tode gebracht worden. Alle Welt hatte sich um ihn gedreht, seiner Eitelkeit war auf alle Art geschmeichelt worden, und da ein Geistlicher ihn begleitet hatte, war er obendrein fromm gestorben und gewissermaßen vom Schafott durch leichte, rasche Todesart geradeswegs in den Himmel gekommen. Unter die Tränen, die dabei vergossen wurden, stahl sich mancher Seufzer, auch so rasch unter solchen Festlichkeiten und an der Hand eines ehrwürdigen Priesters öffentlich zu sterben; das alles erschien als ein Glück, ein Vorzug, der dem Verbrecher vor dem Unschuldigen wurde, der vielleicht langsam, qualvoll, in dunkler Hütte und auf faulem Strohlager, von keinem Teilnehmenden besucht, der Erlösung entgegenschmachtete.

Die Hinrichtung des Mörders des Dresdner Malers hat noch ein Nachspiel, das so schrill ist wie Kügelgens Ariadne auf Naxos: Auf die Phantasie eines unglückseligen, sittlich verderbten Weibes hatte die Hinrichtung einen unauslöschlich bezaubernden Eindruck gemacht. Sie wollte auch so gottselig sterben. Vier Wochen nach Kaltofens Hinrichtung lud sie ein verlobtes Mädchen zu sich ein und bewirtete es. Als das Mädchen bald darauf einschlief, ermordete sie es im Schlafe. Sie reinigte den Leichnam und die Mordwerkzeuge und gab sich nach wenigen Stunden bei der Polizei selbst als Mörderin an. Freimütig bekannte sie als Motiv, daß schon früher bei zwei anderen Hinrichtungen, im Jahre und 1809, der Gedanke in ihr rege geworden sei, auch einen Mord zu begehen, um auch so sterben zu können; nach Kaltofens herzerhebender Hinrichtung aber habe sie dem Wunsche nicht mehr widerstehen können. An ihrer Stubentür hatte sie das Datum der Exekution verzeichnet, um immer an die Vorgänge dieses Tages erinnert zu weiden. Öffentlich zu sterben als Mordmotiv, das ist etwas Neues. Die ↝schwarze Romantik, die uns Mario Praz in Liebe, Tod und Teufel beschrieben hat, ist noch nicht zu Ende.

Der Maler Gerhard von Kügelgen hat ↝hier schon einen Post. Und bei dem Blogger ↝Martin in Broda findet sich ein interessanter Post zu von Kügelgen.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen