Ziggis

Die Zigarette ist hier eine Beigabe, aber das ikonische Photo, das Henri Cartier-Bresson von Albert Camus gemacht hat, wäre nichts ohne die Zigarette. Die Gauloises (oder Gitanes) sind bei Camus, wie bei anderen französischen Intellektuellen, längst zu einem Markenzeichen geworden. André Malraux hat sie auf dem Photo von Gisèle Freund genauso im Mund wie Sartre (wenn der nicht gerade Pfeife raucht) oder andere.

Doch wenn es darum geht, Malraux nach seinem Tode auf einer Briefmarke zu plazieren, dann ist die Zigarette plötzlich verschwunden. Schuld ist hier das Loi Évin von 1991, aber schon vor diesm Gesetz wurde Lucky Luke seiner Ziggi beraubt (der Marlboro Man raucht aber noch). Man muss allerdings sagen, dass die französische Post zuvor Gisèle Freund um Erlaubnis gefragt hat, um die Zigarette aus dem Portrait von Malraux zu entfernen. Denn schließlich handelt es sich hier um ein Bild, das längst zu einem Kunstwerk geworden ist.

Als Gisèle Freund den von ihr bewunderten Malraux 1935 auf ihrem Balkon mit ihrer Leica ratzfatz photographiert hat, hat er gesagt: Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Gegenstand zu betrachten. Ein Fotograf kann ein guter Handwerker oder ein guter Künstler sein. Ein Handwerker ist, wer seine Arbeit ordentlich und korrekt ausführt. Wenn er aber mit seinen Fotos Gedanken vermittelt und neue Sehweisen, dann ist er ein Künstler: Das Werk entsteht in seiner Zeit und aus seiner Zeit, aber es wird zum Kunstwerk, wenn es ihr entkommt. Französische Intellektuelle müssen immer, selbst zu einfachen Dingen, etwas sagen.

Wortgewaltig sind die französischen Intellektuellen sowieso. Dieser Herr, der seine Zigarette nicht einmal während der Vorlesung ausmachen kann, hat eine ganz Theorie der Photographie geschrieben. Sie heißt Die helle Kammer und ist sehr, sehr subjektiv. Roland Barthes unterscheidet bei der Bildbetrachtung zwischen punctum und studium. Studium ist der Gesamteindruck, Punctum ist das Detail, an dem wir uns festbeißen. Wie die Zigarette hier, Lucky Luke könnte das nicht besser.

Nicht unter französische Loi Évin Gesetze fällt dieses Photo von Ihrem Lieblingsblogger, das im Sommer vor fünfzig Jahren in Dänemark aufgenommen wurde. Das war dieser Sommer mit Nordsee, Sonne, heißem Dünensand und hübschen Frauen im Bikini, die ständig eingeölt werden mussten. Ich rauche normalerweise keine Zigaretten, aber die Photographin Mone (die auch schöne Photos von Gudrun gemacht hat) hat gesagt, dass ich mir eine Ziggi anstecken soll. Und dann hat sie gewartet, bis ich so cool gucke. Das ist der Augenblick, den Cartier-Bresson den moment décisif genannt hat: Pour moi, la photographie est la reconnaissance simultanée, dans une fraction de seconde, de l’importance d’un événement.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Reeperbahn

Ich sah das Photo bei meinem Hinterhof Höker liegen, fragte, ob es noch ein zweites oder drittes gäbe. War aber nicht. Ich zahlte einen Euro und nahm das Photo mit. Es hatte einen Stempel auf der Rückseite: Horst G. Lehmann, Reeperbahn 1. Dieser Horst G. Lehmann ist als Photograph kein Unbekannter, hier hat er 1935 die berühmte Henny Porten abgelichtet. Er hat viel für den Reichs-Rundfunk gearbeitet. Und auch viel für die Eisenbahn. Bei Google Bilder kann man einiges davon sehen. Alle Bilder im Internet tragen den Stempel Getty Images, da weiß ich nicht, ob man die kopieren darf.

Ich mache das mal eben mit einem Photo aus seiner Eisenbahn Serie von 1938. Schöne Schwarz-Weiß Töne, sorgfältig ausgeleuchtet. Lehmann (der manchmal auch als Lehmann-Lomont bezeichnet wird) ist das, was wir einen Bildreporter nennen würden, aber er braucht seine Kunden nicht zu suchen, er hat feste Auftraggeber: Radio (das Deutsche Rundfunk Archiv hat dankenswerterweise alles archiviert), Reichsbahn und die BASF. Nach dem Krieg sieht das etwas anders aus.

In den fünfziger Jahren macht Lehmann etwas Erstaunliches, er steuert die Photos zu zwei Kinderbüchern von Uta von Witzleben bei (Die Autojagd: Eine Geschichte, von der eigentlich keiner erfahren sollte (aus dem dieses Bild stammt) und Der Trecker und die Tiere: Eine sehr merkwürdige Geschichte, die beinahe kein Ende fand). Die beiden schmalen Bände der Uta von Witzleben (die als Huberta Sophie Viola Edelgarde von Witzleben-Normann geboren wurde) kosten heute antiquarisch richtig viel Geld.

Dagegen war das Photo bei meinem Hinterhof Höker richtig billig. Es hat inzwischen Glas und Rahmen bekommen und steht auf einem der beiden T+A Lautsprecher. Wir sind mit diesem 18×24 Zentimeter großen Schwarzweiß Photo offensichtlich in einer Hamburger Bar – wir lassen das unschöne Wort Puff mal eben weg. Eine Wirtin, ein Kellner und vier Damen der öffentlichen Hand (wie Tucholsky sie nannte). Sie gucken ein wenig verkniffen, bis auf die fröhliche dralle Blonde ganz links.

Das Bild ist in dem, was es zeigt, nicht so eindeutig wie dieses Bild von einem unbekannten Photographen. Hier preisen junge Frauen ihren Körper an, etwas anderes erwarten wir nicht von ihnen, wenn man auf der Herbertstraße ist. Straßennamen wie Herbertstraße, Große Freiheit und Reeperbahn sagen uns etwas, selbst, wenn wir noch nie dort waren. Wir kennen Hans Albers‘ Auf der Reeperbahn nachts um halb eins und Walter Mehrings Chanson (das der blonde Hans auch gesungen hat). Selbst wenn die Prostitution in Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg einen ungeahnten Aufschwung hat, es gibt sie natürlich schon länger, seit 1807 wird sie stillschweigend in Hamburg geduldet. Nicht immer war die Sünde in St Pauli beheimatet, am Gänsemarkt, wo 1912 ein dänischer König seinen Tod findet, gab es so etwas schon lange.

Horst G. Lehmann hat sein Photo auf der Rückseite mit Pressephoto gestempelt. Aber für welche Sorte Presse soll das sein? Vieles bei dem Photo bleibt ein Rätsel, man könnte ganze Romane über die abgebildeten Personen schreiben. Oder Gedichte wie Joachim Ringelnatz:

Ich sag‘ es ja, Mutter: du hast für dich recht,

Diese Weiber sind durch und durch schlecht

Und gänzlich verseucht und völlig verkommen.

Du hast das von deinen lieben

Eltern und aus Büchern entnommen,

Darin die Wahrheit umschrieben

Ist, weil man sie richtig und scharf

Nicht leicht einsehen kann, noch sie drucken darf.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Spurensuche

Ich hatte den Namen Gustav Dähn schon einmal gelesen, damals als ich versuchte, alles über Peter Gutkinds Vater, den Berliner Architekten Erwin Gutkind, herauszufinden. Dähn wurde in dem Buch als Berliner Architekturphotograph erwähnt, der auch prominente Schauspieler photographiert hat. In dem Post Photographieren habe ich auch einen Photographen namens Gustav Dähn erwähnt, der 1932 Haus, Photogeschäft und Archiv von historischen Photos an den Vater von Erich Maack verkaufte. Dieser Gustav Dähn ist mit diesem Photo des von Ernst Becker-Sassenhof erbauten Gebäudes des Vegesacker Rudervereins in einem der vier Bände der Blauen Bücher zur modernen Architektur von Walter Müller-Wulckow. Das Photo macht ihn bekannt, macht aber auch Becker-Sassenhof (zu dem es hier einen Post gibt) bekannt.

Es stellte sich jetzt die Frage, ob der Vegesacker Gustav Dähn und der Berliner Gustav Dähn dieselbe Person sind. Ich rief Dieter Maack in Vegesack an. Den habe ich seit Jahrzehnten nicht gesehen, aber als ich ihm sagte, dass ich mit seiner Schwester Annegret sechs Jahre lang in einer Volksschulklasse war, konnte er mich einordnen. Auf meine Frage nach Gustav Dähn wusste er einiges zu sagen, offensichtlich hatten ihm sein Großvater und sein Vater etwas über den Vorbesitzer ihres Geschäfts erzählt. Dähn sei ein hervorragender Photograph gewesen. Und ja, er sei nach dem Verkauf des Photogeschäfts nach Berlin gezogen.

Das Adressbuch der Photographie: Industrie, Handel, Gewerbe von 1929 führt Dähn mit dem Wohnsitz Vegesack b. Bremen. Das ist korrekt, Vegesack gehört noch nicht zu Bremen. Aber der junge Dähn will da weg, will nach Berlin, wo er Photos wie dieses vom Weinrestaurant Traube im Hause Gourmenia in Berlin, das im Erdgeschoss einen tropischen Garten besaß, machen kann. Es ist ein Architekturphoto aus dem Jahre 1930, das sich in vielen Büchern zu der Moderne in der Weimarer Republik findet. Der jüdische Architekt Leo Nachtlicht, der es gebaut hat, hat zwei Jahre später keine Arbeitserlaubnis mehr, ein Stolperstein in Berlin erinnert an ihn.

Gustav Dähn zieht nach Charlottenburg. Das nächste, das wir über ihn erfahren, findet sich im Nachrichtenblatt für das Photographenhandwerk von 1937: Berlin. Photographenmeister Gustav Dähn, Bcrlin-Charlottenburg, wurde mit der Tätigkeit als Gau-Bildberichterstatter der NSDAP für den Gau Groß-Berlin beauftragt und gleichzeitig als Bildberichterstatter dem Gruppenstabe der SA zugewiesen. Muss man das kommentieren?

Dort tritt er allerdings nicht weiter hervor, zwar hat er einmal Goebbels photographiert, aber er hat ein neues Tätigkeitsfeld entdeckt: Theater und Film. Schon 1930, als er das Weinrestaurant Traube photographierte, hat er die Schauspielerin Maria Eis photograhiert (die auch von seiner Hamburger Kollegin Anny Breer portraitiert wurde). Hier hat er 1939 Heinrich George als Götz von Berlichingen im Schiller Theater (in der Inszenierung von Heinrich George) photographiert, und dort hat er auch Paul Wegener in verschiedenen Rollen abgelichtet. Heinrich George wird er noch mehrfach photographieren.

Am berühmtesten ist das Familienbild aus dem Jahre 1940 geworden. Da ist die ganze Familie zusammen. Heinrich George mit seiner Frau Berta und dem kleinen Götz, den wir eines Tages als Schimanski kennen werden. Als Götz George das Leben seines Vaters verfilmte, tauchte dieses Photo in jeder Besprechung des Filmes auf. Man könnte meinen, es sei das einzige Photo, das die Familie in dieser Eintracht zeigt.

Nach dem Krieg hat unser Photograph einen neuen Wohnsitz: Gustav Dähn, früher Berlin, jetzt Marburg, steht 1954 in einem Buch über den Schauspieler Paul Wegener. Dähn macht immer noch Architekturphotos, aber mit der Avantgarde des Bauhauses hat er nichts mehr zu tun: er photographiert das historische Marburg. Nichts photographisch Revolutionäres. Schöne Postkartenmotive, mit einer Großbildkamera gemacht. Sie können hier im Bildindex Kunst und Architektur zahlreiche Photos von ihm sehen. Dähn ist jetzt Anfang der 50er Jahre sehr aktiv. Der Katalog vom Marburger Künstlerkreis ist voll mit seinen Aufnahmen, und im Merian zu Marburg im Jahre 1955 ist er auch vertreten.

Bruchstücke eines Photographenlebens. Aus der norddeutschen Kleinstadt ins große Berlin. Ins Schiller Theater und zu den Nazis. Dann in die Universitätsstadt Marburg. Ich wüsste gern mehr über ihn, aber mehr gibt das Internet nicht her. Vielleicht gibt es ja einmal eine Neuentdeckung des Photographen, dann ist dies der Anfang.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

Photographieren

So sah der Anfang der Vegesacker Strandstraße in den fünfziger Jahren aus. Da ist die Lotsenstation, auf deren Bällen auch der Wasserstand angezeigt wurde. Im Hintergrund der Bremer Vulkan, auf der anderen Weserseite die Werft von Lürssen. Die Strandstraße wurde von Bäumen gesäumt, links von den Bäumen war der Strand. Man kann auf Schwarzweißbildern viel sehen. Viele Kunsthistoriker ziehen reprofähige Schwarzweißbilder einem Farbbild vor: man erkennt in Details mehr darauf. Dieses Photo wurde mit einem Gelbfilter gemacht, man erkennt das an den schön konturierten plastischen Wolken. Das ist alles dahin, den Strand gibt es nicht mehr, da ist heute eine Spundwand. Und auch die schöne Schwarzweiß Photographie der fünfziger Jahre, als die Magnum Photographen die Szene beherrschten, sieht man heute kaum noch.

Die fünfziger Jahre waren die große Zeit der Photographie. Photoapparate stratifizieren die Gesellschaft der Adenauerzeit genau so wie die Automobile: Wenn man eine Leica (oder einen Mercedes-Benz) hat, ist man oben. Viele der Eltern haben die neuesten Kameras (wie zum Beispiel eine Minox) nur als Statussymbol, die photographieren nicht wirklich. Die Photographie ist für mich und meine Freunde ein wichtiger Teil unseres Lebens, wir haben unsere Photo-Bibel, den millionenfach verbreiteten Photo Porst-Katalog (in dem alle Photoapparate liebevoll detailliert beschrieben sind), schon beinahe auswendig gelernt. Und man darf ja davon träumen, eines Tages eine Contax zu besitzen oder eine Robot Royal III mit Schnellaufzug.

Wir kennen auch die Vor- und Nachteile aller Objektive. Namen wie Steinheil Cassar, Color Skopar, Schneider Xenon und Summicron (Bild) gehen uns ganz locker von der Zunge. Einzelne Hefte der Photozeitschrift Magnum sind wohlgehütete Schätze. Wir haben Photo Lehrgänge in der Volkshochschule besucht und haben alle ein kleines Photolabor im Keller oder auf dem Boden. Ich entwickle da noch nebenbei die Röntgenfilme für meinen Vater, wenn er es nicht lieber selbst macht, er ist solch ein Perfektionist.

Ich habe ein Liesegang Vergrößerungsgerät (Bild). Ekke, der sein Labor in der Waschküche hat, hat ein teureres Vergrößerungsgerät mit einem besseren Objektiv. Manche von uns experimentieren jetzt auch schon mit der Farbphotographie, aber ich bleibe bei Schwarzweiß. Da kann man Entwickler und Photopapier (in der Gradation extra hart) ja noch bezahlen. Und für schwierige Sachen, die mein Liesegang nicht hinkriegt, gibt es ja noch das Photolabor im Gemeindehaus. Das hat eine vorzügliche Ausstattung. Wenn man einen Film entwickelt (Namen wie Tetenal, Atomal und Neofin blau muss man jetzt kennen) und Abzüge und Vergrößerungen gemacht hat, muss man noch ein paar Stunden draufrechnen, bis die Photos fixiert, gewässert und getrocknet sind. Das ist eine einsame Arbeit unten im Keller in dem kleinen Rotlichtkabuff. Natürlich haben die Geräte noch keine Belichtungsautomatik, das wird frei nach Schnauze gemacht. Erfahrung ist besser als Belichtungsautomatik. Und natürlich gibt es nur coole randlose Hochglanzbilder. Nicht diesen Chamois Kitsch mit Büttenrand, den die Photogeschäfte liefern.

Wir Hobbyphotographen haben mit von den Eltern geliehenen 6×9 Kameras angefangen (mit einer Box oder einer billigen Agfa Isola, die kostet damals neun Mark neunzig). Jetzt beginnen wir mit der Kleinbildkamera. Peter besitzt irgendwann eine Spiegelreflex, um die ich ihn beneide. Ekke würde ja gerne mit einer der Leicas seines Vaters photographieren, aber der gibt die nicht aus der Hand. Dafür hat Ekke dann eines Tages eine 6×6 Rollei. Gert sogar eine geerbte alte Leica.

Wir schleppen unsere Photopparate bei allen Spaziergängen mit uns herum, photographieren uns an der Weser entlang, durch den Bremer Hafen, photographieren die Weserbrücken in Bremen, Stapelläufe beim Bremer Vulkan (Bild oben) und das Gewirr der Vulkan Kräne in Lobbendorf, die Heringslogger an der Lesummündung (hier von Hans Saebens photographiert) und hochpolierte Mahagoniheckspiegel von Luxusyachten bei Abeking und Rasmussen, neblige Lesumdeiche und die Bäume in Knoops Park. Photographieren die kalte klassizistische Schönheit von Polzins Vegesacker Kirche und die kleinen verlassenen Kirchen mit den alten Grabsteinen hinter dem Deich auf der anderen Weserseite. Photographieren den stillen Eggestedter Wald von den Kiesgruben bis zum Silbersee, den Farger U-Boot Bunker, Fähranleger und immer wieder die Schiffe, die die Weser heraufkommen.

Meine Kleinbildkamera heißt ab 1959 Werra. Das ist ein guter Name für einen Bremer, denn eigentlich ist das der alte Name für Weser, wirra findet sich noch auf mittelalterlichen Urkunden. Diese Werra ist mit grünem Kunstleder überzogen (synthetischer Kautschuk aus den Buna Werken), die gleiche Farbe wie die Uniformen der NVA. Oder die der Ledersitze der Reichsbahn in der 1. Klasse der DDR Eisenbahn. Einfach nur gräsig. Ich habe sie nur wegen des Objektivs gekauft: des Zeiss Tessar mit der Lichtstärke 1:2,8, von Photoamateuren das Adlerauge genannt. Zeichnet die Welt schärfer als alle anderen Objektive.

Leider kann man damit nicht die Effekte erreichen, dass man Vorder- oder Hintergrund unscharf zeichnet, wie es die Magnum Photographen machen. Wie zum Beispiel bei diesem berühmten Portrait Sartres von Henri Cartier-Bresson. Das Tessar zeichnet alles scharf. Meine DDR-Werra ist offiziell bei der Drogerie Tüscher in der Breiten Straße gekauft, mit Importurkunde, nicht aus der DDR herausgeschmuggelt. Später werde ich entdecken, dass sie bei dem Quelle Shop in Bremen für 99 Mark verkauft wird, dreißig Mark weniger, als ich bezahlt habe.

Die halbe deutsche feinmechanische Industrie sitzt in der Sowjetischen Besatzungszone, DDR darf man nicht sagen, verkündet Axel Springers Bild Zeitung, weil man dadurch den Unrechtstaat anerkennen würde. Ob es Carl Zeiss in Jena ist oder Ihagee Exakta (wie sie James Stewart in Hitchcocks Rear Window benutzt) in Dresden, sie bauen hervorragende Apparate. Und sie haben schon Spiegelreflexkameras auf dem Markt, als der Westen nur die Zeiss Ikon Contaflex bieten kann. Bei der kostet das Modell mit dem Tessar fünfmal soviel wie meine Werra. Da die DDR Währung nichts wert ist, sind die DDR Spiegelreflexkameras, wenn illegal erworben, spottbillig. Die DDR Grenztruppen kontrollieren bei Ein- und Ausreise nur Photoapparate. Sie sind alle aus Sachsen. Ihre Sätze, die mit Gänsefleisch anfangen, sind berühmt. Gänsefleisch soll eigentlich Können Sie vielleicht heißen, wie in Gänsefleisch mal den Kofferraum aufmachen? Meine Werra besitzt ein Zertifikat des DDR Außenhandelsministeriums, was bei Grenzschützern automatisch gute Laune und Wohlwollen auslöst. War es von Günter Mittag oder Alexander Schalck-Golodkowski unterschrieben? Ich weiß es nicht mehr, ich weiß nur noch, dass es mir bei unzähligen Berlinreisen zwischen 1958 und 1963 eine Art carte blanche für einen reibungslosen Grenzübertritt bescherte.

Eltern photographieren auch, Beweise für durchgeführte Reisen und Hobbies. Es ist die Wirtschaftswunderzeit, man will zeigen, was man hat. Wir gucken uns alles an, was die Eltern photographieren, aber meistens artet das in Diaabende aus (eine furchtbare Erfindung der fünfziger Jahre), bei denen man oh und ahh sagen muß. Da kann man im Halbdunkel Salzstangen knabbern, bis einem schlecht wird, photographisch kann man da nicht viel lernen. Ich werde auch nie mit einem Diafilm photographieren, und es gibt bei uns zuhause auch keinen Diaprojektor. Historisch interessant sind auch die alten braunen Bilder, die Dirk Havighorsts Vater sammelt. Der Werftbesitzer in der x-ten Generation trägt alles über das alte Blumenthal und die Blumenthaler Werften zusammen. Vor fünfzig Jahren ist das noch ein bisschen spleenig, heute sind Historiker dafür dankbar. Teile seiner Sammlung sind auch später im Heinrich Döll Verlag erschienen.

Irgendwann wird Hans Saebens mein Vorbild. Der Bremer, der ein Haus in Worpswede am Weg zum Weyerberg hatte, hatte als Landschaftsmaler begonnen und war dann zu Photographie gekommen. Beinahe immer mit seiner Leica, die er sich 1930 gekauft hatte, kaum dass die Kamera auf dem Markt war. Es gelingt ihm, das Charakteristische der norddeutschen Tiefebene in dramatischen, stimmungsvollen Aufnahmen festzuhalten. Das weite Land und die mächtigen Wolkenzusammenballungen werden in deutlich voneinander abgegrenzten hellen und dunklen Bildzonen festgehalten. 

Vor allem seine späten Aufnahmen sind durch Sparsamkeit der Ausdrucksmittel und strenge Komposition gekennzeichnet, schrieb Helmut Brandt, der die Ausstellung Hans Saebens Photographien 1930–1969 in der Landesbildstelle Bremen organisiert hat. Es ist erstaunlich, was Saebens (mit viel Gelbfilter) aus dem Kleinbildfilm der Leica herausholt. Andere Photographen verwenden für Landschaftsaufnahmen eine Großbildkamera. Denn natürlich hat Ansel Adams Moonrise. Hernandez, New Mexico mit einer Großbildkamera gemacht.

Selbstverständlich machen wir auch Urlaubsphotos, und bei den Freizeiten der Evangelischen Jugend wird photographiert, dass man die Bilder schon nicht mehr zählen kann. Wird jetzt alles im Gemeindehaus entwickelt und vergrößert. Wir machen auch Familienphotos, auf jeden Fall die Sorte von Bildern, für die man nicht zu dem Vegesacker Photographen Erich Maack geschickt wird. Und stundenlang still sitzen muß, obgleich irgendetwas immer kneift und juckt. Aber dafür haben diese Photos dann auch eine Art Ewigkeitswert, weil sie von einem Berufsphotographen sind, und sie kommen dann in einen Silberrahmen. Oder hängen gerahmt im Wohnzimmer, wie das Farbbild von Mammi im Abendkleid mit der Fuchsschwanzstola um die Schultern. Erich Maacks Tochter Annegret, mit der ich in der Volksschule war, hat mir damals als Geheimnis anvertraut, dass ihr Vater gar keine Farbphotos machte. Die milchig pastelligen Farben auf Mammis Portrait sind nachkoloriert. Das habe ich Mammi aber nie erzählt, und ich habe das große Geheimnis der kleinen Photographentochter, die so schön You are my sunshine sang, fünfundsechzig Jahre lang stillschweigend bewahrt. Bis jetzt.

Solche steifen Portraits und Gruppenaufnahmen wie Erich Maack sie macht, zieren auch unsere Photoalben, in denen hundert Jahre Familienleben dokumentiert ist. Die Aufnahmen, zum Teil auf steifem Karton, manche mit eingeprägtem Namen des Photographen, haben sich in der Dunkelheit des Photoalbums erstaunlich gut gehalten. Das älteste Bild, Mammis Urgroßmutter aus Epe (was heute Bramsche ist), ist irgendwann einmal von einer Daguerretypie umkopiert worden. Die Verwandtschaft mütterlicherseits ist bis zum Jahre 1900 zurück ziemlich vollständig. Vatis Vorfahren sind unterrepräsentiert, was wohl daran liegt, dass diese Photoalben mit dem Haus in Bremen abgebrannt sind. Oma Johanna mit ihren schönen Schwestern und deren Männern ist auf vielen Bildern. Die Damen elegant, selbstbewusst, eine nachdenklich. Oma und Tante Margret etwas träumerisch. Die Herren bürgerlich gesetzt mit Stehkragen und Uhrenkette über der Weste. Dann der erste in Uniform, mit Pickelhaube, Mantel und Säbel. Und dem Schnurrbart vom Typ es ist erreicht, er könnte für einen Doppelgänger vom Kaiser durchgehen (die Photographie wurde von einem M. Hoffmann in Oldenburg, Heiligengeiststrasse 2 gemacht). Vom Kaiser ist auch ein ein Photo auf diesen Seiten, eine Postkarte Das Kaiserpaar mit seinen Enkelkindern mit der Adresse eines Berliner Hof-Photographen. Der Kaiser trägt natürlich Uniform, und das tun alle abgebildeten Herren auf den nächsten Seiten auch. Es ist Krieg. Gleich das erste Photo zeigt Opa und Oma mit dem kleinen Gustav (natürlich im Matrosenanzug), Opa hält seinen Offizierssäbel in der linken Hand, im Knopfloch ist das schwarzweißrote Band vom Eisernen Kreuz. Er guckt etwas griesgrämig, während Oma wirklich nett lächelt.

Neben den Familienphotos und den Passphotos, für die Maack ein Monopol hat (bis Foto Hallfeldt kommt), hat Erich Maack ein zweites Standbein: er photographiert alle Neubauten der Großwerft Bremer Vulkan. 1932, als sein Vater gerade den Laden in der Gerhard Rohlfs Straße von dem Photographen Gustav Dähn gekauft hatte, lernte der 18-jährige Erich Maack den Vulkandirektor Robert Kabelac kennen. Von da an ist er der Photograph des Vulkan bis zu dessen traurigem Ende. Die Photographien werden heute im Bremer Staatsarchiv aufbewahrt. Hier hat Maack die Festlichkeiten zur 150 Jahrfeier der Werft photographiert, in der ersten Reihe sehen wir Wilhelm Kaisen, den Baron H. H. Thyssen-Bornemisza, Werftdirektoor Kabelac, und Prinz Luis Ferdinand von Preußen ist auch irgendwo mit drauf.

Man kann von Erich Maacks Industriephotographien viel lernen, die er manchmal in den Schaufenstern seines Ladens ausstellte. Durchkomponierte Aufnahmen in Schwarzweiß, mit einer Plattenkamera (oder einer Linhof Technika) aufgenommen. Mit starkem Gelbfilter für Himmel und Wolken, die Prag oben wäre ein Beispiel dafür. Das Ehepaar Bernd und Hilla Becher hat es geschafft, dass seine Photos von Schornsteinen im Kohlenpott als Kunst angesehen werden. Das hat Erich Maack mit seinen Schiffsbildern nicht geschafft, vielleicht kommt das ja noch.

Es werden heute immer noch aus In- und Ausland alte Photos aus der Sammlung nachbestellt, die Fritz Maack mit Haus und Laden von seinem Vorgänger Gustav Dähn gekauft hatte. Dähn war als Photograph nicht unbekannt, dieses Photo aus dem Jahre 1927 des von Ernst Becker-Sassenhof gebauten Hauses für den Vegesacker Ruderverein ist ein beinahe schon ikonisches Bild der Neuen Baukunst geworden. Es findet sich auch im Katalog der Oldenburger Ausstellung Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch.

Nicht immer war bei Maacks Photographie für den Vulkan ein Kunstwollen zu erkennen, manches musste nur schnell gehen: Wir fotografierten jede Phase der Schiffstaufe und des Stapellaufs, dann wurden die Bilder in höchster Eile mit Hilfe von Zusatzkräften entwickelt und Abzüge hergestellt. Da hieß es Tempo. Wenn nämlich die Taufgesellschaft abends in der Strandlust tafelte, hatte neben jedem Gedeck eine Fotomappe der ganzen Zeremonie zu liegen, erinnert sich Dieter Maack, der das Geschäft 1992 übernahm.

Er wird wohl keinen Nachfolger finden. Photoläden gehen ein wie Buchläden. Heute wird mit dem Handy oder einer Digitalkamera photographiert, meine Welt ist das nicht. Braucht es auch nicht zu sein.

Noch mehr Photographie in dn Posts: LudwigslustWerra, Wuddel, Zeiss, Photoalbum, Zahlenspielereien

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen

William Daniells Orient

Er war schon einmal in diesem ➱Blog, und damals schrieb ich: Vielleicht komme ich ja noch einmal dazu, auch über ihn zu schreiben. Meistens komme ich ja nicht dazu. Ich stellte damals William Daniell zusammen mit John Constable vor, und es erscheint uns heute schwer vorstellbar, dass Daniell (hier sein Blick auf Windsor Castle) berühmter als Constable war und viel früher als der in die Royal Academy aufgnommen wurde.

William Daniells Eltern sterben früh, sein Onkel der Maler Thomas Daniell (1749-1840) zieht ihn auf, nimmt ihn 1785 als Assistenten mit nach Indien. Meister und Lehrling. Als sie 1794 nach London zurückkommen, sind sie Partner, künstlerisch und finanziell. Der junge William Daniell hat schnell gelernt. Die beiden Daniells haben sich durch ganz Indien gemalt. Haben sozusagen auf Vorrat gemalt und gezeichnet, das wollen sie jetzt verkaufen.

Und sie werden es verkaufen. Von 1795 bis 1808 arbeiten die beiden an ihrem Werk Oriental Scenery (➱Volltext), das den stolzen Preis von 210 Pfund Sterling hat. Das ist damals viel, viel Geld. Dreißig Stück kauft allein die East India Company, die Indien beherrscht. Die Rezensionen sind lobend. So schreibt das Calcutta Monthly Magazine: the execution of these drawings is indeed masterly; there is every reason to confide in the fidelity of the representations; and the effect produced by this rich and splendid display of oriental scenery is truly striking. In looking at it, one may almost feel the warmth of an Indian sky, the water seems to be in actual motion and the animals, trees and plants are studies for the naturalist.

William Daniell starb am 16. August 1837. Da sieht das Indien und China der beiden Daniells ganz anders aus als am Ende des 18. Jahrhunderts, da ist der erste Opiumkrieg gerade vorbei. Das hier sind die berühmten Canton Factories in der Sicht von William Daniells. Auch von ihnen wird in seinem Todesjahr nicht mehr viel übrig sein.

Wenn Sie ein optisches Fest mit dem Werk der beiden Daniells haben wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Veröffentlicht unter Uncategorized | 1 Kommentar

Millais

Nicht jedermann mochte das Bild von Christus im Haus seiner Eltern, das John Everett Millais 1850 dem viktorianischen England präsentierte. Der schärfste Kritiker war Charles Dickens, der in seiner Zeitschrift Household Words über den Christus von Millais sagte: a hideous, wry-necked, blubbering, red-haired boy in a nightgown, who appears to have received a poke playing in an adjacent gutter, and to be holding it up for the contemplation of a kneeling woman, so horrible in her ugliness that (supposing it were possible for any human creature to exist for a moment with that dislocated throat) she would stand out from the rest of the company as a monster in the vilest cabaret in France or in the lowest gin-shop in England.

Millais ist schon häufig in diesem Blog erwähnt worden, zum ersten Mal in dem Post Ritter mit einem Bild, das Raymond Chandler in seinen Roman The Big Sleep hineingeschrieben hat. Während in Frankreich Maler wie Boudin den Himmel und die Küste entdecken, scheinen die Engländer die Errungenschaften von Constable und Turner vergessen zu haben und begeistern sich nur noch für das Mittelalter. Die Königin auch. Sie verleiht Millais den Titel eines Baronets, er ist der erste Künstler, der diesen Titel bekommt.

Millais ist heute vor 122 Jahren gestorben, der Kitsch, den er produziert hat, hält sich hartnäckig in England. Wenn Sie noch mehr über den schlechten Geschmack der Victorianer lesen wollen, dann klicken Sie doch die folgenden Posts an: Penelope Boothby, Gustav Christian Schwabe, Drachen, Mark Girouard, Shakespeare, Spätrömische Dekadenz.

Veröffentlicht unter Uncategorized | 1 Kommentar

Opiumwolken

À la fintous ces nuages aux formes fantastiques et lumineuses, ces ténèbres chaotiques, ces immensités vertes et roses, suspendues et ajoutées les unes aux autres, ces fournaises béantes, ces firmaments de satin noir ou violet, fripé, roulé ou déchiré, ces horizons en deuil ou ruisselants de métal fondu, toutes ces profondeurs, toutes ces splendeurs, me montèrent au cerveau comme une boisson capiteuse ou comme l’éloquence de l’opium.

Was hat der gute Charles Baudelaire eingeworfen, dass er bei der Besprechung der Bilder von Eugène Boudin im Pariser Salon Wolken und Rauschgift miteinander in Verbindung bringt? Der große Corot war da viel nüchterner, er nannte Boudin den König der Himmel. Eugène Boudin, der Erfinder des Strandbilds, der Erfinder des Impressionismus, ist heute von 120 Jahren gestorben. Er hat natürlich längst einen Post, das wäre heute, wo der Hochsommer ausklingt, sicher die richtige Lektüre.

Tout ce qui est peint directement et sur place a toujours une force, une puissance , une vivacité de touche qu’on ne retrouve plus dans l’atelier, hat er gesagt. Die Freiluftmalerei war für ihn das einzige Mittel, um die Natur einzufangen: Trois coups de pinceau d’après nature valent mieux que deux jours de chevalet. Dafür können wir ihm dankbar sein.

Veröffentlicht unter Uncategorized | Kommentar hinterlassen