Russen

 

Zur Wiedereröffnung der Kunsthalle im Juni 1986 präsentierte der Kieler Kunsthallendirektor ➱Jens Christian Jensen aufsehenerregende Neuerwerbungen: Malerei des 19. Jahrhunderts aus Russland und Polen. Erworben aus der Sammlung Georg Schäfer, zu der Jensen im Ruhestand als Kurator wechselte. Berater war er in Schweinfurt schon lange. Die Kunsthalle Kiel war plötzlich das einzige öffentliche Museum in der Bundesrepublik, das russische Malerei besaß. Das ist ungewöhnlich, von der russischen Malerei des 19. Jahrhunderts weiß man ja meistens nicht so viel, von der russischen Literatur schon.

Ich hatte mal eine Phase, in der ich nur russische Literatur gelesen habe, von Gontscharow bis Lermontow (obgleich ich lange brauchte, bis ich ➱Krieg und Frieden las), aber von der russischen Malerei wusste ich nichts. ➱Friedrich Hübner schon, aber der ist Slavist. Ist mit einer Kunsthistorikerin verheiratet und hat die Wohnung voller Kunst der Düsseldorfer Schule. Dass wir in Kiel plötzlich so viele Russen hatten, ist natürlich irgendwie passend, denn hier oben haben sich auch der Zar Peter und ➱Katherina kennengelernt.

Friedrich Hübner hat später auch noch Delegationen von russischen Kunsthistorikern durch die Säle der Kunsthalle geführt. Die wollten gerne wissen, wo und wie die Bilder ihrer Maler in diesen Räumen hingen. Was Friedrich Hübner dabei mit den Nachfolgern von Jens Christian Jensen erlebte, kann ich leider nicht weitergeben, sonst lacht ganz Deutschland über die Direktoren. Würde ich einen Roman schreiben, dann kämen sie natürlich hinein. Das ist das Problem beim Bloggen, man bekommt wunderbare Geschichten erzählt, aber man kann sie nicht verwenden Zwischen SILVAE und der Gala sind doch noch Unterschiede, auch wenn ich ziemlich geschwätzig bin.

Ich stelle mal eben das hierhin, was ich in dem Nachruf für Jens Christian Jensen über seine Nachfolger gesagt habe: Jensen bringt die Kieler Kunsthalle in kürzester Zeit in die Champions League, um es salopp auszudrücken. Sein Nachfolger wird sie in kürzester Zeit in die Bezirksliga führen. Wenn der geht und man denkt, es kann nichts Schlimmeres kommen, wird man eines Besseren belehrt werden. Gewiss ist es ungerecht, diese beiden Herren (die ungenannt bleiben sollen) an den  ➱Paulis, ➱Lichtwarks und ➱von Bodes messen zu wollen, aber es finden sich für sie in der Bundesrepublik auch keine Vergleichsgrößen. Wobei Größe eigentlich das falsche Wort ist. Jens Christian Jensen hat mir kurz vor seinem Tod geschrieben, dass er sehr, sehr unglücklich über seine beiden Nachfolger war.

1986 habe ich in einer inzwischen untergegangenen Universitätszeitung etwas über die großartige Leistung der Architekten des Neubaus geschrieben. Und dabei en passant einige gehässige Bemerkungen über das Landesbauamt II gemacht, das so etwas nie hingekriegt hätte. Das Landesbauamt hat daraufhin einen halben Tag lang getagt und sich überlegt, ob man mich verklagen könnte (für so etwas haben die Zeit!). Das hat mir einer der Architekten des Erweiterungsbaus auf einer Party bei Volker erzählt. Er hat mir auch von den ➱Problemen mit seiner IWC erzählt, aber das mit dem Landesbauamt war natürlich viel interessanter.

Das Bild von Iwan Kramskoj im ersten Absatz oben ist berühmt, Sie haben das bestimmt schon auf einer Postkarte oder einem Buchumschlag gesehen (es ist auch auf dem ➱Cover der LP, wo Gert Westphal Anna Karenina liest). In dem Post ➱La Belle Inconnue findet sich einiges dazu, auch noch zu den anderen Russen, die in Kiel hängen.

Und da wird auch noch der Kommentar eines Lesers veröffentlicht, der natürlich aus der Feder von Friedrich Hübner stammt. Was Kiel leider nicht besitzt, das sind Bilder von dem russischen Maler Fjodor Wassiljew, der nach dem gregorianischen Kalender heute vor 167 Jahren geboren wurde. Er wurde, aus kleinen Verhältnissen kommend und ohne eine akademische Bildung, zu einem der bedeutendsten russischen Landschaftsmaler seiner Zeit. Hatte einen kurzen Höhepunkt und ist dann schon mit dreiundzwanzig Jahren an der Lungenschwindsucht gestorben.

Er hat den Himmel für uns entdeckt, soll der russische Maler Nikolai Ge gesagt haben. Nach einer anderen Quelle hat Ge nicht vom Himmel, sondern vom Nachthimmel gesprochen. Wenn wir dieses Nachtbild von St Petersburg betrachten, können wir das glauben. Man wagt sich gar nicht vorzustellen, was Wassiljew noch hätte malen können, hätte er länger gelebt. Der Artikel bei Wikipedia zu dem Maler ist ganze drei Zeilen lang, der englische Artikel ist sehr viel ausführlicher. Aber der deutsche Artikel hat einen Link zu einer ➱Seite, auf der man 135 Werke des Malers sehen kann (bei ➱Wikiart gibt es 119 Bilder). Das ist doch schon mal etwas. Alle Bilder heute, bis auf die schöne Unbekannte im ersten Absatz, sind von Fjodor Wassiljew.

In dem Post La Belle Inconnue habe ich ein Bild (das in Kiel hängt) von Iwan Schischkin abgebildet und besprochen. Und dieser Schiskin, der zu den ➱Peredwischniki, den russischen Wandermalern gehört, ist wichtig für Wassiljew. Der verliebt sich nämlich in Wassiljews Schwester und bringt, als er Wassiljews Talent entdeckt, dem jungen Mann die Grundlagen der Landschaftsmalerei bei. Stellt ihn auch den Malern Iwan Kramskoj und Ilya Repin (von dem die Kunsthalle Kiel drei ➱Bilder besitzt) vor und bereist mit ihm Rußland. Und – und das ist vielleicht noch wichtiger – er macht ihn mit dem Sammler Pawel Michailowitsch Tretjakow bekannt. Das ist der Mann, nach dem die Tretjakow Galerie ihren Namen hat.

Dieses Bild, das den Titel Tauwetter hat, war eins der ersten Bilder, das Tretjakow dem jungen Maler abkaufte. Da ist der Ruhm des jungen Mannes schon gemacht, ein Wunderkind wird man ihn nennen. Er wird den Ruhm nicht lange genießen können. Es ist eine erstaunliche Geschichte, da wird einer zum Maler, weil sich ein Maler in seine Schwester verliebt. Man könnte einen Roman daraus machen. So einen langen russischen Roman mit ganz vielen Personen, deren Namen man nicht richtig aussprechen kann.

Das Tauwetter oben hat nicht mit einem politischen Tauwetter zu tun, aber die Peredwischniki sind schon ein wenig revolutionär. Sie wenden sich gegen die Petersburger Akademie, wo das Studium bis zu fünfzehn Jahre dauerte und wo immer ein Polizist im Zeichensaal stand. Sie orientieren sich auch erst einmal nach Paris, weil sie wissen, dass in Frankreich eine neue Malerei begonnen hat. Und so haben ihre Bilder ein wenig von der Freiluftmalerei von Barbizon, haben ein wenig von dem ➱licht en lucht der Holländer, haben viel russische Weite und viel russische Seele.

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O tempora, o mores!

 

Kaum redet man wie ➱gestern über den Lateinunterricht, da hat man auch schon Gelegenheit, die dort vor mehr als einem halben Jahrhundert vermittelten Kenntnisse zu gebrauchen. Der Titel dieses Posts O tempora, o mores! stammt von Cicero. Den kennen Sie bestimmt, der kleine Scherz Kikero und Kaesar gingen in den Kirkus, der eine in Zylinder, der andre in Zivil stand am Anfang des Lateinunterrichts. Da lernte man schöne Sätze wie Caesar ora classis romana, was Caesar küsste eine flotte Römerin heißt. Sätze, die einen wie O tempora, o mores! oder ➱Gaudeamus igitur ein Leben lang begleiten.

Wie auch Cicero. Er ist ein Autor, den man immer lesen kann. Er ist auch der Mann, der gesagt haben soll: Ut conclave sine libris, ita corpus sine anima (Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele)Das ist nicht ganz dasselbe wie Books do furnish a room, das steht bei Anthony Powell, einem Autor, der auch viel klassische Bildung vermittelt. Der amerikanische Präsident Donald Trump kann kein Latein, er kann Cicero nicht lesen, die goldene Latinität fehlt seinen Reden.

Latein ist für die Amerikaner wichtig, sie haben ein Capitol, einen Senat und Senatoren. Und den Spruch e pluribus unum im Wappen. Das war der einzige lateinische Satz, den Andrew Jackson verstand. Jackson war der erste amerikanische Präsident, der kein Latein konnte. Selbst wenn sich ➱John Adams über Washington mokierte, That Washington is not a scholar is certain. That he is too illiterate, unlearned, unread for his station is equally beyond dispute, muss man sagen, dass Washington durchaus gut Latein konnte. Die Damen da oben finden sich im Kapitol in Constantino Brumidis Apotheose Washingtons. Sie könnten dazu noch eben den Post ➱Liberty Girls lesen. Ist witzig, kommt aber auch viel Klassik drin vor. Das Bild im ersten Absatz zeigt natürlich nicht Cicero, sondern George Washington in antiker Pose.

So wie hier Sarah Middleton (deren Bruder die ➱Declaration of Independence unterzeichnete) kurz vor ihrer Hochzeit mit Charles Cotesworth Pinckney, einem Freund Washingtons, sah sich die amerikanische Gesellschaft im revolutionären Amerika gerne: als flotte Römerin verkleidet blickt sie uns an, im Hintergrund die Anmutung einer römischen Villa. Es war für Amerika schön, dass seine Staatsgründung mit dem herrschenden Klassizismus zusammenfällt. Von ➱Thomas Jeffersons Villa ➱Monticello bis zum ➱Weißen Haus waren römische Republik und griechische Demokratie die Blaupause für das junge Amerika. Und natürlich liegt Washington nicht am Goose Creek, sondern am Tiber Creek. Manche Frauen gehen noch weiter als Mrs Pinckney, die kleiden sich nicht nur römisch, sie legen sich auch noch einen römischen Namen zu. So unterschreibt ➱Abigail Adams eines Tages ihre Briefe mit ➱Portia.

Zu dem Thema (hier Benjamin Franklin in einer modischen Toga) hat die Stanford Professorin Caroline Winterer einiges zu sagen. Sie können sich ➱hier eine knappe Stunde lang ihren Vortrag Are We Rome or Greece? America’s Infatuation with Classical Antiquity anhören, sie könnten sich in der Zeit aber auch die ➱Pressekonferenz reinziehen. Also die, wo er sagt: I’m here today to update the American people on the incredible progress that has been made in the last four weeks since my inauguration. We have made incredible progress. I don’t think there’s ever been a president elected who in this short period of time has done what we’ve done. Für den Kommentator bei ➱Spiegel Online war das schon ein Grund, nach dem Arzt zu rufen. Auf dieses durchaus mögliche Schicksal des Präsidenten habe ich schon in dem Post Doktor Pinel hingewiesen (vielen Dank, dass Sie den alle gelesen haben). Der Vortrag von Dr Winterer über Amerikas Geburt aus der Idee der Klassik, die Pressekonferenz des Plebejers Donald Trump über die Großartigkeit seiner Regierung: zwei Seiten Amerikas.

Ich bleibe noch mal eben beim Latein. Als ich gestern alle möglichen Nachrichten und Kommentare zu Trumps Pressekonferenz hörte, fiel mir plötzlich ein Zitat ein. Ich war dabei, mir einen Tee aufzubrühen und hatte von dem Zitat nur dieses usque tandem Catilina im Kopf. Ich trank erst einmal meinen Tee, ich wusste, mein Computer würde den Rest schon finden. Fand er auch. Cicero sagt in seiner ➱Catilina Rede – und ich finde das ein wunderbar für Trump passendes Zitat: Quo usque tandem abutere, Catilina, patientia nostra? Quam diu etiam furor iste tuus nos eludet? Quem ad finem sese effrenata iactabit audacia? Das heißt auf deutsch so etwas wie: Wie lange noch wirst du, Catilina, unsere Geduld mißbrauchen? Wie lange wird uns auch dieser dein Wahnsinn verspotten? Bis zu welchem Zeitpunkt wird sich deine zügellose Frechheit aufschaukeln?

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Adam Oeser

 

Ich gab bei Google Adam Oeser ein und bekam als erstes Ergebnis eine Anzeige von Adam Opel. Der Kommerz kommt vor der Kunst. Das ist bei Google immer so. Gibt man den Namen des Malers Adam Oeser bei Googles Bildersuche ein, bekommt man unter anderem diese junge Dame. Sie heißt Jennifer Oeser und ist eine Siebenkämpferin, ist aber wahrscheinlich nicht mit Adam Oeser verwandt. Die Bildauswahl bei Google wird ja immer seltsamer, seitenweise bekommt man Bilder, die garantiert nichts mit dem gesuchten Namen oder Begriff zu tun haben. Auch hier kommt der Kommerz meistens vor der Kunst. Wenn Sie mal etwas Nicht-Kommerzielles sehen wollen, dann Sie klicken Sie ➱dies an: massenhaft Bilder aus SILVAE. Da bekommen Sie auch einen Eindruck davon, was im Kopf dieses Bloggers vorgeht.

Der Maler und Bildhauer Adam Friedrich Oeser ist bisher in diesem Blog nicht vorgekommen. Was daran liegt, dass ich ihn nicht mag. Ich hätte ihn in dem Post zu ➱Anton Raphael Mengs erwähnen können, weil er bei Mengs gelernt hat, aber ich habe es gelassen. So wie Kindlers Malerei Lexikon ihn auslässt, die kennen zwar ➱Oelze, aber nicht Oeser. Adam Friedrich Oeser wurde heute vor dreihundert Jahren geboren, und nur deshalb bekommt er einen kleinen Post. Dieses Portrait Oesers ist von dem Maler Nikolaus Lauer, der auch hübsche Bilder von der ➱Königin Luise gemalt hat. Eigentlich ist ➱Nikolaus Lauer ein viel interessanterer Maler als Oeser, aber der hat heute keinen dreihundertsten Geburtstag. Das Pastellbild, das er kurz vor Oesers Tod gemalt hat, das ähnelt schon beinahe einem ➱Gainsborough – was beweist, das wir im Zeitalter der Empfindsamkeit sind.

Oeser war zu seinen Lebzeiten berühmt, seine Schüler liebten ihn, schrieben Gedichte auf ihn:

In Deiner Kunst lebt noch mit seinem ganzen Ruhm/ 

Athens und Roms geprießnes Alterthum:

Das Unnachahmliche, das uns mit jenen Zeiten

verloren ging, rufst Du aus ferner Nacht zurück, 

und weißt sein ganz Verdienst auf jedes Meisterstück

Von Deiner Hand mit Einsicht auszubreiten. 

Das hier sind die Kinder des Malers. Sicher eine rührende Szene, besser kann er nicht malen. Seine Berühmtheit verdankt er der Tatsache, dass er Goethe im Zeichnen unterrichtete (von einem ächten Lehrer spricht Goethe) und lebenslang mit ihm befreundet war. Und dass er mit Winckelmann, der auch bei ihm wohnte, befreundet war. Diesem Mann aus ➱Stendal, der nie in ➱Griechenland war, aber alles über die Griechen wusste. Sie erinnern sich: edle Einfalt und stille Größe. Und der ganze klassizistische Unsinn, der im deutschen Gymnasium mündet.

Ich will nichts Böses gegen Latein sagen. Mein erster Lateinlehrer ➱Hermann Bollenhagen war der beste Lehrer, den ich hatte. Mein zweiter Lateinlehrer war adlig und ein Nazi, mein dritter Lateinlehrer war völlig inkompetent in allen Sprachen (er sprach Diepholz Diefolz aus). Und dennoch mag ich Latein. Aber dieses ganze Gewese im 18. Jahrhundert mit Griechenland und Rom und der sogenannten klassischen Antike, das geht mir auf die Nerven. Ich halte nicht viel von Nietzsche, aber diesen gehässigen Satz von ihm muss ich doch mal eben zitieren: Winckelmanns und Goethes Griechen, V. Hugo’s Orientalien, Wagners Edda-Personnagen, W. Scotts Engländer des 13. Jahrhunderts – irgend wann wird man die ganze Komödie entdecken: es war Alles über alle Maaßen historisch falsch, aber – modern, wahr!


Oeser ist nicht nur mit Goethe befreundet, Goethe geht bei ihm auch zeitweise ein und aus. Und ist mit Oesers Tochter Friederike befreundet, er schreibt ihr Briefe und Gedichte, wie dieses erstaunliche autobiographische ➱Gedicht:

Mamsell,
So launisch wie ein Kind, das zahnt,
Bald schüchtern wie ein Kaufmann, den man mahnt,
Bald still wie ein Hypochondrist
Und sittig wie ein Mennonist,
Und folgsam wie ein gutes Lamm,
Bald lustig wie ein Bräutigam,
Leb ich und bin halb krank und halb gesund,
Am ganzen Leibe wohl, nur in dem Halse wund;
Sehr mißvergnügt, daß meine Lunge
Nicht so viel Atem reicht, als meine Zunge
Zu manchen Zeiten braucht, wenn sie mit Stolz erzählt
,

Was ich bei euch gehabt, und was mir jetzt hier fehlt…

Im Jahre 1717 werden nicht nur Oeser und Winckelmann geboren, auch der italienische Maler Giuseppe Zocchi wird da geboren, der schöne Veduten gemalt hat. Und dieses charmante Federballspiel, gemalt wie eine Theaterdekoration, eine Inszenierung des Rokoko. Im Rokoko fängt Oeser an, dann wendet er sich dem Klassizismus zu. Malt aber niemals solch charmante Bilder wie dieses hier.

Und solch ein Familienbild, wie es ➱John Singleton Copley gemalt hat, das würde Oeser schon rein technisch nicht hinkriegen. Es wird auch nicht lange dauern, dass es mit der Lobhudelei zu Ende ist. Der erste, der mit der Winckelmann Begeisterung abrechnet, ist Daniel Nikolaus Chodowiecki: Was hat aber Winckelmann dem Künstler genutzt, nichts. Raphael und Rubens, Rembrandt, selbst der von vielen verachtete Tenier waren ohne Winckelmann was, Mengs ebenfalls und ohne Mengs wäre Winckelmann das geblieben was er war, da er Deutschland verließ. Er hat die Antiquen ange­staunt wie so viele andre und nicht verstanden. Wo sind die Künstler, die von Winckelmann profitiert haben, und die mit Raphael, Rubens und so vielen andren, die nach ihnen waren, zu vergleichen sind? Winckelmanns Schaffen kann einen Gelehrten, aber nicht einen Künstler bilden. Waß ist aus unsern Künstlern , die seit 10 Jahren nach Rom gegangen sind geworden? Was wird aus denen werden die jetzt in Rom sind. Rehberg [ein ehem. Schüler Oesers] geht rückwärts, Genelli verzehrt das Geld was die Akademie ihm reichte. 

Der Maler und Kunstschriftsteller Heinrich Meyer (nicht zu verwechseln mit dem Meyer aus Bremen, über den mein Freund ➱Dommie alles weiß), lebenslang ein Freund Goethes, bezeichnet Oeser als einen Nebulisten. Das können wir bei diesem Bild nachvollziehen. Seine besten, ausgeführten Arbeiten haben noch zu viel Schwebendes, Unbe­stimmtes, zu leichten Sinn und halb aufgelöste Gestalten. Im Übrigen sind es meist anmuthige Bilder, Ergießungen einer harmlosen kindlichen Seele, eines schönen begabten Geistes. Man kann Meyer auch darin folgen, wenn er davon redet, dass Oeser mit gefäl­ligen doch zu leicht und nebelhaft ausgeführten Mahlereien großes Lob erwor­ben hat.

Vor allem, wenn das obige Bild eines Mädchens mit dem Portrait der Töchter des Künstlers von Thomas Gainsborough vergleicht, einem Bild, an dem nichts Nebulöses ist. Man könnte auch das ➱Shrimp Girl von ➱Hogarth zum Vergleich heranziehen, Oeser schneidet bei solchen Vergleichen immer schlecht ab. Der Kunsthistoriker Timo John hat in dem hervorragenden ➱Goethezeitportal die Rezeption Oesers durch die Jahrhunderte verfolgt.

Was im Goethezeitportal steht, kommt natürlich aus der ➱Dissertation des Autors, der im Jahre 2000 mit seiner Studie über Oeser an der Universität Halle-Wittenberg promoviert wurde. Erstaunlicherweise sind Timo Johns Publikationen auch im Wikipedia Artikel erwähnt, da hat man es ja leider normalerweise nicht mit solcher Genauigkeit. Studie über einen Künstler der Empfindsamkeit heißt Johns Buch im Untertitel. Es war Johann Joachim Christoph Bode, der (auf Anraten Lessings) das Wort empfindsam in die deutsche Sprache gebracht hat, als er ➱Laurence Sternes Sentimental Journey mit Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien übersetzte.

Da haben wir sie nun, die ➱Empfindsamkeit. Goethes Werther, Klopstock und viele schöne Gefühle. In England Henry Mackenzies Roman ➱The Man of Feeling und Gainsborough. Und viel Maliziöses zu dem sentimental feelings. Und bei uns Schäferszenen, wie diese hier von Oeser. Konnte Watteau besser. Wenn Goethes satirisches Stück ➱Triumph der Empfindsamkeit aufgeführt wird, ist das das Ende der Epidemie der Gefühlsduseligkeit. Und mein Post zu Adam Friedrich Oeser ist hier auch zu Ende. Ich hätte über Jennifer Oeser schreiben sollen. Oder über Adam Opel.

Oder über RB Leipzig. Denn es ist Leipzig gewesen, wo man Oeser beinahe ein halbes Jahrhundert lang für einen großartigen Maler hielt (es gibt da noch eine Adam Oeser Schule). Oeser ist natürlich kein großartiger Maler, in Dresden hätte er wohl nicht diesen Erfolg gehabt. Ich habe hier noch einen letzten Beweis, dass der Mann überhaupt nicht malen kann. Selbst Goethe hätte diesen Abschied Hektors von Andromache hingekriegt. Da findet man Tischbein (zu dem es ➱hier einen Post mit viel Goethe gibt) schon wieder gut.

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Dollarnoten

 

Ich weiß nicht, ob ich das wirklich wahrmachen will, was ich in dem Post ➱Bilder: Geschichte in den Raum gestellt habe, aber ich komme noch einmal auf das Problem zurück, dass ein Maler wie Norman Rockwell mit dem amerikanischen Präsidenten hatte. Präsentiere aber einen anderen Maler, einen anderen Präsidenten. Das hier ist er, der Präsident George Washington. Steht unter dem Bild noch dabei: Washington. Auf der kleinsten Banknote der Vereinigten Staaten.

Jeder Amerikaner hat den Schein schon in der Hand gehalten. Es gibt allerdings eine Banknote mit einem Präsidenten, die wohl niemand in die Hand bekommen wird. Falls Sie zufälligerweise einen Schein mit Woodrow Wilson in der Schublade haben sollten: die gilt heute wirklich noch. Und sie ist auch wirklich 100.000 Dollar wert. Der grüne Dollarschein, der gerade, wo ich dies schreibe, neben meiner Tastatur liegt, ist natürlich nur einen Dollar wert. Das Bild Washingtons auf dem Schein stammt von dem amerikanischen Maler Gilbert Stuart, der seinen Präsidenten mehrfach gemalt hat.

 

Natürlich haben ihn auch andere gemalt, wie zum Beispiel  Charles Willson Peale, der Captain in der Miliz von Pennsylvania war (und mit Washington in Valley Forge war). Von ihm ließ sich Washington gerne malen, von Gilbert Stuart nicht so sehr. Die Washington Bilder von Stuart sind immer wieder recycelt worden, dieser Washington von Roy Lichtenstein hängt neben zwei Amerikanern, die ebenso berühmt sind wie er.

Zahnärzte haben es manchmal schwer mit ihren Patienten, nicht jeder liebt die zahnärztliche Behandlung wie Jack Nicholson in ➱Little Shop of Horrors. Maler sind da manchmal in einer ähnlichen Situation, auch ihre Kunden fühlen sich wie Patienten: Speaking generally, no penance is like having one’s picture done. You must sit in a constrained and unnatural position, which is a trial to the temper. But I should like to sit to Stuart from the first of January to the last of December, for he lets me do just what I please, and keeps me constantly amused by his conversation. Sagt John Adams, zweiter Präsident der USA. Als Gilbert Stuart dieses Altersbild malt, da ist Adams‘ ältester Sohn John Quincy Adams schon Präsident. Es ist ein schönes Bild, es ist so modern, dass es auch hundert später gemalt sein könnte. Dagegen ist das zehn Jahre zuvor gemalte  Portrait ein wenig langweilig, bis auf die wunderbar gemalte Partie von Kragen und Hemdbrust. Das hätte Manet nicht besser gekonnt.

Nicht nur Adams ist ein Zeuge dafür, dass Stuart in der der Lage ist, seine Kunden constantly amused by his conversation zu halten. Doch bei manchen verfängt das nicht wirklich. Dann ist Stuart in einer ähnlichen Lage wie Norman Rockwell mit Lyndon B. Johnson. Dieser englische Gentleman hier hat sich dagegen gesträubt, von Stuart gemalt zu werden. Er ist selbst Maler, jetzt ist er mal auf der anderen Seite der Staffelei. Und dann malt dieser junge Spund aus den Kolonien nicht einmal als Attribute eines Künstlers allerlei Malutensilien in das ➱Bild), sodass jeder Betrachter sehen kann, dass hier ein berühmter Maler portraitiert wurde. Einzig seine goldene Schnupftabakdose darf er in Händen halten. Sir Joshua Reynolds – um niemand anderen handelt es sich – wird das Bild seines jungen Kollegen Gilbert Stuart immer hassen, constantly amused by his conversation war er auch nicht.

Sir Joshua liebt den Schnupftabak. Wie so viele der feinen englischen Gesellschaft des 18. Jahrhundert. Und auch der nicht so feinen Gesellschaft. Kitty Fisher, die Reynolds mehrfach malt, ist eine demimonde, die von ihren Portraits klitzekleine Kopien anfertigen lässt, die die Herren in ihre Schnupftabakdosen legen können. Sozusagen doppelter Genuss. Gilbert Stuart verdammt den Schnupftabak: Snuff-taking is a pernicious, vile, dirty habit, and, like all bad habits, to be carefully avoided. Aber er hat immer eine große Schnupftabakdose dabei. Stuarts Vater hat übrigens Schnupfttabak hergestellt, das kann man heute im  Gilbert Stuart Museum noch sehen. So verbindet Reynolds goldene Tabakdose die beiden Maler in einem symbolischen Sinne.

So gut Stuart als Maler ist, so schlecht ist er darin, seine von den Kunden im voraus bezahlten Bilder auch wirklich abzuliefern. Er flieht vor seinen englischen Gläubigern nach Irland, aber auch da ist er schnell im Schuldgefängnis. Wenn er Irland verlässt, hat er schon einen Plan: Well, I mean to begin:—I’ll get some of my first sittings finished; and when I can nett a sum sufficient to take me to America, I shall be off to my native soil. There I expect to make a fortune by Washington alone. I calculate upon making a plurality of portraits, whole-lengths that will enable me to realize; and if I should be fortunate, I will repay my English and Irish creditors. Wenn ihn sein Gesprächspartner fragt: And what will you do with your aggregate of unfinished works, antwortet er großzügig: The artists of Dublin will get employed in finishing them. You may reckon on making something handsome by it, and I shan’t regret my default, when a friend is benefitted by it in the end.

Ich glaube nicht, dass er jemals vorhatte, seine Gäubiger zu bezahlen. Im Alter soll er in der Lage gewesen sein, das berichtet seine Tochter, ein Washington Portrait in zwei Stunden zu malen. Ihre Aussage ist allerdings mit ein wenig Vorsicht zu geniessen, denn Jane Stuart malt selbst. Hauptsächlich Kopien der Washington Portraits. Vor Jahren hat ihr die Stadt Newport eine Ausstellung gewidmet: Newport’s Own: Paintings by Jane Stuart. Das erste Portrait, das Stuart im Frühjahr 1795 malt, ist nicht erhalten, aber Stuart hat ein Dutzend Repliken davon gemalt. Mit anderem Hintergrund und leichten Variationen in der Kleidung (über Washingtons Kleidung können Sie ➱hier mehr lesen). Wenn Washington in diesen Jahren auf vielen Bildern etwas verkniffen guckt, dann liegt das an seinem neuen Gebiss, das nicht richtig passt.

Dies Bild hier, das sogenannte Athenaeum Portrait von 1796, das nach dem Tod des Malers zum ersten Mal im Boston Athenæum gezeigt wurde, hatte Martha Washington bestellt. Und bezahlt. Sie hat es nie bekommen. Gilbert Stuart brauchte es, um es kopieren. Er nannte das Bild his hundred-dollar bill, er braucht ständig Geld, er hat aus dem finanziellen Debakel in England und Irland nichts dazugelernt. Am Ende seines Lebens malt er zwei Washingtons am Tag, ist aber so arm wie am Anfang des Lebens. Er hinterlässt 1.778,34 Dollar Schulden, was natürlich nichts gegen die Milliardenschulden ist, die Donald Trump hat. Aber seine Frau ist zu arm, um eine Grabstelle zu kaufen.

Die sechs Jahre, die Stuart bei Benjamin West und seiner Frau verbrachte, waren eine strenge Zucht für ihn, der Quäker West achtete auf seinen Schüler. Da gab es keinen Champagner und kein Luxusleben. Doch dann wurde er zu schnell berühmt, und nachdem er den Schlittschuhläufer (der in dem Post ➱Sir Henry Raeburn abgebildet ist) gemalt hatte, konnte er Honorare nehmen, die an die von ➱Reynolds und ➱Gainsborough heranreichten. Und dann kommt ein Leben, wie wir es aus The Rake’s Progress von ➱William Hogarth kennen: teuerste Klamotten von den teuersten Schneidern, ein französischer Koch, große Abendgesellschaften. Und so heißt es für ihn nach achtzehn Jahren in England und Irland: I shall be off to my native soil. There I expect to make a fortune by Washington alone.

Das lebensgroße Bild von Washington aus dem Jahre 1896 im oberen Absatz hat den Namen Lansdowne Portrait, William Bingham und seine Gattin Anne Willing Bingham (hier von Stuart gemalt) hatten es in Auftrag gegeben, um es dem Marquess of Lansdowne zu schenken. Einem der wenigen englischen Parlamentarier, der die Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien unterstützt hatte. William Bingham ist einer der reichsten Männer von Pennsylvania, Anne Willing Bingham gilt als die schönste Frau Amerikas. Wenn sie es ist, wird Stuarts Portrait dem nicht unbedingt gerecht.

Auf dieser Skizze von Gilbert Stuart schon eher. Ich musste Anne Willing Bingham mal eben erwähnen, weil sie auch etwas mit dem amerikanischen Geld zu tun hat: ihr Bild ist auf amerikanische Münzen gewandert. Lesen Sie dazu mehr in dem Post Liberty Girls. Anne Bingham ist auch diejenige gewesen, die George Washington überredet hat, sich von Gilbert Stuart malen zu lassen. Er hasste die Maler, fand sich aber mit seiner Rolle ab: In for a penny, in for a pound is an old adage. I am so hackneyed to the touches of the painter’s pencil that I am now altogether at their beck, and sit like Patience on a monument, whilst they are delineating the lines of my face. It is a proof, among many other, of what habit and custom can effect. At first I was as impatient at the request, and as restive under the operation, as a colt is of the saddle. The next time I submitted very reluctantly, but with less flouncing; now, no dray moves more readily to the thrill than I do to the painter’s chair. 

Gilbert Stuarts Charme verfing bei dem maulfaulen und von seinem Gebiß gequälten Washington überhaupt nicht. Worüber konnte man mit diesem Mann nur reden? Irgendwann kam Gilbert Stuart auf Landwirtschaft (in der er sich auch einmal versucht hatte) und Pferde, ein wunderbares Thema für George Washington, wie uns der Adoptivsohn des Präsidenten George Washington Parke Custis erzählt. Und Stuart schreibt: I had him on a pivot and could manage him nicely. Eine Professorin namens Dorinda Evans hat neuerdings die Theorie aufgestellt, dass es nicht der Suff, der Schnupftabak und die vielen Lügen sind, die zu Stuarts graduellem Untergang führen. Er soll manisch depressiv gewesen sein. So what? Sind das nicht alle Künstler? Ihr Buch ist kaum überzeugend, hat aber sehr eindrucksvolle Fußnoten. Das Beste zu Stuart ist der Ausstellungskatalog des Metropolitan Museum Gilbert Stuart von Carrie Rebora Barratt und Ellen G. Miles. Kostet aber mehr als einen Dollar.

Über hundert Bilder von George Washington hat Gilbert Stuart gemalt. Er hat den englischen König George III gemalt, und außer Washington und Adams hat er noch drei amerikanische Präsidenten gemalt: Thomas JeffersonJames Madison und James Monroe. Und er hat vielleicht, ganz sicher ist man sich da nicht, diesen Herrn gemalt, der ebenso vornehm und königlich ist wie Könige und Präsidenten. Es ist wahrscheinlich der Koch von George Washington. Das ist die wahre Demokratie: den Diener ebenso stilvoll zu malen wie den Herren.

Gilbert Stuart ist nicht zum ersten Mal in diesem Blog, wenn Sie noch mehr über ihn lesen wollen, klicken Sie doch diese Posts an: Gilbert StuartSir Joshua ReynoldsSir Henry RaeburnAdmiral John JervisLiberty GirlsMauritiusRalph EarlSchlittschuhlaufen18th century: America18th CenturyEdle WildePenelope BoothbyLenbachGeorge Washington (sartorial)SaratogaJohann Heinrich Tischbein d.Ä.Angelika Kauffmann

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Bilder: Geschichte

 

Wird dieses Bild demnächst im Weißen Haus hängen? Es ist uns allen klar, dass das Bild eine Fälschung ist. Da ist jemand beigegangen und hat auf das Portrait eines Generals aus der napoleonischen Zeit den Kopf von Donald Trump gesetzt. Photoshop macht’s möglich. Ich vermute, dass sich der Fälscher ein Bild von George Dawe, dem Hofmaler des russischen Zaren genommen und den Kopf von Goldilocks draufgesetzt hat. George Dawe kommt schon in dem Post ➱Thomas Lawrences Blücher vor. Sie könnten ➱hier nach einer Vorlage für den Photoshop General suchen. Ich habe das Bild aus diesem nicht uninteressanten ➱Blog gemopst, ich finde es zu schön. Vor allem diese doppelte und dreifache Ironie: ein amerikanischer Präsident, der nie beim Militär war, in einer russischen Uniform. Und ein gefälschtes Bild, das einen echten Fälscher darstellt.

Im ➱Weißen Haus werden jetzt Bilder umgehängt werden. Wahrscheinlich werden Trumps Innenarchitekten es nach dem Vorbild von Trump Tower im goldenen Bordellstil umgestalten. Dieses Bild der kleinen Ruby Bridges (The problem we all live with), das gegenüber vom Obamas Office hängt, wird da auch wohl verschwinden. Das Bild ist von Norman Rockwell, Amerikas beliebtestem Maler des 20. Jahrhunderts. Der hat ➱hier schon einen Post, aber da er heute Geburtstag hat, dachte ich mir, ich schreibe noch ein wenig über ihn.

Über ihn und amerikanische Präsidenten, denn er hat viele von ihnen portraitiert. Ich habe mir überlegt, ob ich nicht mal den ganzen Monat Februar über amerikanische Präsidenten schreiben soll. Ich weiß allerdings nicht, was dann passiert. Im Monat Januar hatte ich, sagt die Google Statistik, beinahe 100.000 Leser. Würden mich auch so viele lesen, wenn ich nur über amerikanische Präsidenten schreibe? Es gibt da ja ein paar interessante Leute. Und interessante Bilder. Diesen Dwight D. Eisenhower von Norman Rockwell muss man einfach mögen.

Im Jahre 1964 malt Norman Rockwell zwei Präsidentschaftskandidaten, Barry Goldwater (dem über tausend amerikanische Psychiater Paranoia, Narzissmus und eine schwere Persönlichkeitsstörung per Ferndiagnose attestiert hatten) und Lyndon B. Johnson. Rockwell mag den Senator Goldwater, der ein Gegner des Civil Rights Act ist, überhaupt nicht: I didn’t vote for him, but he was a very cooperative model. Und so entsteht dieses Bild, das den Mann, den seine Gegner mit Hitler vergleichen, ganz charmant aussehen lässt.

In der gleichen Woche hat Rockwell einen Termin mit dem Präsidenten Lyndon B. Johnson, dem Mann, der zwei Wochen zuvor den Civil Rights Act  unterzeichnet hat. So dass die kleine Ruby Bridges auf dem Bild da oben zu einer weißen Schule gehen konnte, zehn Jahre nachdem ➱Earl Warren das Urteil im Fall Brown vs. Board of Education verkündet hat. Der Präsident hat schlechte Laune, zwanzig Minuten will er dem Maler zugestehen, auf keinen Fall eine Stunde. Get cracking, sagt er, er hält Rockwell für einen billigen Schnellmaler. Rockwell versucht die Stimmung aufzulockern, aber nichts hilft. Da sagt er: Mr. President I have just done Barry Goldwater’s portrait and he gave me a wonderful grin. I wish you would do the same. Und da bekommt Johnson wirklich ein kleines Lächeln ins Gesicht, like he was competing for the Miss America title, wie ➱Rockwell später sagt. Das Bild erscheint als Titelbild von Look im Oktober 1964, zwei Wochen vor der Wahl.

Die Lyndon B. Johnson gewinnt. Er hätte sie auch ohne Norman Rockwells Bild für Look gewonnen, das ist uns klar. Rockwell arbeitete zuvor für die Saturday Evening Post, aber die wollte keine politischen Aussagen auf dem Titelblatt. Solange er die typische glückliche amerikanische Familie malte, mochte man ihn. Doch das Bild von der kleinen Ruby Bridges mit Polizeischutz, ➱Murder in Mississippi oder dies hier (➱New Kids in the Neighbourhood), das wollte man in der Vorstandsetage der ➱Saturday Evening Post nicht. Ein halbes Jahrhundert hatte Rockwell für das Magazin gearbeitet, hatte es groß gemacht, jetzt geht er zu Look. Die drucken The problem we all live with.

Ruby Bridges (hier begleitet von US Marshals), die heute im Vorstand des Norman Rockwell Museums ist, hatte Präsident Obama dazu gebracht, das Bild von Rockwell als ➱Leihgabe in das Weiße Haus zu nehmen: I was about 18 or 19 years old the first time that I actually saw it. It confirmed what I had been thinking all along –  this was very important and you did this, and it should be talked about… At that point in time that’s what the country was going through, and here was a man who had been doing lots of work – painting family images –  all of the sudden decided this is what I am going to do… it’s wrong and I’m going to say that it’s wrong.

Es ist viel Hass in diesem Bild. Diese jungen Damen sind weiße Schülerinnen, die ihren Hass auf das kleine schwarze Mädchen in die Welt hinausbrüllen. Die William Frantz Elementary School war leer, als Ruby ankam, die Eltern hatten die Kinder zu Hause behalten. Auch die ganze Straße war leer, da war nur dieser weiße Mob. Wenn sie nicht diesen Haß in den Gesichtern hätten, könnten sie hübsche amerikanische Teenager der Mittelschicht sein. Die Lehrer weigern sich, das kleine Mädchen zu unterrichten. Nur die Lehrerin Barbara Henry schließt sich diesem Protest nicht an, sie wird die Lehrerin von Ruby Bridges: I had never seen a white teacher before, but Mrs. Henry was the nicest teacher I ever had. She tried very hard to keep my mind off what was going on outside. But I couldn’t forget that there were no other kids.

Was Abraham Lincoln begonnen hatte, das hat Lyndon B. Johnson mit seinem Great Society Programm zu Ende gebracht: der farbigen Bevölkerung Amerikas Freiheit und Gleichheit zu geben. Der Satz der Declaration of Independence that all men are created equal war wahr geworden. Die Antrittsreden von Abraham Lincoln und Lyndon B. Johnson sind allerdings bedeutungslos gegen die Rede von Trump gewesen. Sagt Donald Trump. Auf den auch alles zutrifft, was die Psychiater an Barry Goldwater diagnostizierten. Und auf den auch der Titel des Bildes von Norman Rockwell zutrifft: The problem we all live with.

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Albert Aereboe

 

Der Maler Albert Aereboe (1889-1970) ist bisher von der Kunstgeschichtsschreibung weitgehend ignoriert worden – ungeachtet der Tatsache, daß man ein einziges Bild („Der Einsiedler“) immer wieder in Ausstellungen der zwanziger Jahre gesehen hat, schrieb die Zeit im Jahre 1983. Da gab es in der Kieler Kunsthalle gerade eine Aereboe Ausstellung für den am 31. Januar 1889 geborenen Maler. Das ein Meter siebzig große Bild des Einsiedlers, das nach dem Wunsch von ➱Arthur Haseloff vom Künstler in Der Alchimist  umbenannt wurde, hängt in der ➱Kieler Kunsthalle. Manchmal auch nicht, dann ist es mal wieder ausgeliehen. Aereboe hat den Zusammenhang des Bildes mit Dürers ➱ Melancholie I betont. Und es ist, von der Biographie des Künstlers betrachtet, ein melancholisches Bild.

Denn die nackte Frau im Hintergrund, die von einem durchsichtigem Schleier umweht wird (und die an das Bild ➱ Der Liebeszauber eines rheinischen Meisters erinnert), ist vielleicht niemand anderes als seine Frau Julie Aereboe, die im März 1927 im Alter von neununddreißig Jahren gestorben war. In diesem ➱Bild, das auch in Kiel hängt, hat Aereboe sie zwei Jahre vor ihrem Tode im Stil der Neuen Sachlichkeit gemalt. Altmeisterliche Maltechnik verbindet sich mit der neuen Sachlichkeit und dem Abstrakten, sagte die Presse über seine Bilder. Die Neue Sachlichkeit ist schon häufiger in diesem Blog erwähnt worden, ich liste die Posts unten einmal auf.

Albert Aereboes Frau Julie kam aus Bremen, sie leitete an der Kunstgewerbeschule Kassel die Textilklasse. Dort hat sie auch ihren Mann kennengelernt, der die Klasse für Dekorative Malerei leitete, beide wurden 1923 zu Professoren ernannt. Seit 1925 hielten sich beide mehr und mehr auf Sylt auf, wo Aereboes Atelierhaus gerade fertiggestellt worden war. Diese ➱Frau in den Sylter Dünen von Julie Aereboe-Katz ist in den zwanziger Jahren gemalt worden, der Maler hat es 1962 der ➱Kunsthalle Bremen geschenkt. Man kann es hier im ➱Katalog anklicken, erstaunlicherweise funktioniert der mal. Man kann darüber spekulieren, ob der frühe Tod der aus einer jüdischen Familie stammenden Malerin nicht eine Gnade war, man weiß nicht, was aus ihr in den dreißiger Jahren geworden wäre. Zu Marie Caroline Julie Aereboe gibt es ➱ hier eine sehr informative Seite.

Noch einmal der Einsiedler, der zuerst Mein Ahnherr Jens Aereboe hieß. Es hat weniger Ähnlichkeit mit Dürers Melancholie I als mit Dürers ➱Hieronymus im Gehäus. Wenn er aus dem Fenster blicken würde, könnte der einsame Gelehrte die Sylter Dünen sehen. Aereboe hat sein Strandhaus geliebt. 1939 musste er es verlassen, das Gelände war zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden. Der Lübecker zog in sein Berliner Studio (das er schon 1925 eingerichtet hatte). Wurde dort allerdings ausgebombt, sodass er wieder nach Sylt kam. Er liebt es da: Hier ist die Gestaltung der Landschaft auf die einfachste Formel gebracht. Der unendliche Horizont des Meeres und die übergroße Kuppel des Himmels machen das Planetarische der Erde fühlbar und lösen in mir kosmische Verbundenheit aus. Diesmal zieht er zu seiner Schwägerin nach Kampen. Der Einsiedler hängt in Kiel an einer weißen Wand (dies hier ist ein Photo von irgendeiner Ausstellung), und er beherrscht einen ganzen Raum. Wenn man das Bild betrachtet, fängt man an, Geschichten zu erfinden. Mit Regentropfen an den Scheiben und schönen nackten Frauen, die im Hintergrund aus der Dunkelheit kommen.

Aereboe (hier ein Photo des Malers) schreibt 1936 in einem Brief an Arthur Haseloff, Ordinarius für Kunstgeschichte und Direktor der Kieler Kunsthalle, er wollte etwas darstellen, wie man es in wüsten Träumen erlebt. Es springt eine Tür auf, ein kalter Windstoß aus einem schwarzen Loch. Es rieselt einem kalt über den Rücken. Der Mann nun vorne sitzend, mit viel zerbrochenem Lebensglück, schuf sich nun diese Sphäre, zurückgezogen von allem, was ihn in seiner genießerischen Ruhe und Einsamkeit stören könnte und lauscht auf die feinsten Geräusche in der Natur, denkt an große Fernen, an den Menschen, an die runde Welt, an schöne Reisen mit Schiffen. Feste große Linien, Grenzen legt er sich fest, so daß nicht dieser da vorn sitzende, sondern der Beschauer des Bildes als ein Gegensatz das in schaukelnden Tritten hereintretende Glück empfinden muß. Das kosmisch Machtvolle in verschleierter süßer Lieblichkeit gegen das Machtlose des geistigen menschlichen männlichen Willens. 

Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der Kunst wandern Bilder überall hin. Wo hat man ➱Raffaels Putti und Dürers betende Hände nicht schon gesehen? Ein Ausschnitt von Aereboes Bild der roten Jacke aus dem Jahre 1924 ist auf Uwe Timms Entdeckung der Currywurst gewandert. Gibt man bei Google Aereboe und rote Jacke ein, bekommt man als Ergebnis Currywurst, das ist schon komisch. Kunsthistoriker haben zu dem Bild etwas anderes zu sagen: Der Raum hinter der roten Jacke und die Lichtverhältnisse sind bewußt verwirrend, Realität und Spiegelung vermischen sich. Vorder- und Hintergrund sind nähergerückt und mit der gleichen präzisen Schärfe gesehen. Die beklemmende Stille, die sich mit einer gespenstisch-irrationalen Bewegtheit verbindet, gibt dem Kleidungsstück in seiner Verfremdung eine überhöhte kafkaesk-unheimliche Bedeutsamkeit, ein magisches Eigenleben, das uns verunsichert und gefangennimmt zugleich.

Das steht 1984 in der Weltkunst, ich könnte so etwas nicht schreiben. Könnte schon, will es aber nicht. Mich erinnert die rote Jacke an die roten Jacken auf den Bildern von ➱Wilhlm Busch und an meine schöne rote Capalbio Jacke, die ich schon in dem Post ➱Sportjackett erwähnt habe. Die rote Jacke von Aereboe ziert nicht nur Uwe Timms Novelle, sie ist auch vorne auf dem Buch Der Maler Albert Aereboe 1889-1970 von Brigitte Maaß-Spielmann abgebildet, ein Buch, das auch einen Werkkatalog enthält. 84 Ölbilder, Aquarelle und Zeichnungen aus der Zeit zwischen 1918 und 1930 gab es damals in Kiel zu sehen. Brigitte Maaß hatte 1981 bei ➱Wolfgang J. Müller über Aereboe promoviert, ihre Arbeit ist immer noch das Standardwerk zu dem Maler.

In Kampen, wo eine kleine Künstlerkolonie entstanden war, wird man Aereboe 1959, als er wieder in seine Heimatstadt Lübeck zieht (die man im Fenster dieses Selbstportraits aus dem Jahre 1924 sehen kann), zum Ehrenbürger machen. Er wird die Insel immer wieder besuchen: Wenn ich Jahrzehnte auf Sylt gelebt habe, dann ist es die unvergleichliche Meeresnatur dieser Insel gewesen, die mich bannte und immer wieder aufs Neue inspirierte. Nicht alle haben ihn da geliebt, 1947 wird bei einer Ausstellung in dem Kampener Restaurant Sturmhaube das Ölgemälde Der Alchimist von einem Unbekannten zerstochen. Und dass er am Haus seiner Schwägerin, wo er nach dem Kriegsende eine private Malschule unterhält, die Pergola hat abreißen lassen, um an deren Stelle einen Hühnerstall zu bauen, haben ihm viele Nachbarn nie verziehen. Aber Hühner sind nach dem Krieg wichtig. Ich weiß noch, dass wir damals auch Hühner hatten. Und Kaninchen. Und ein Schwein im Keller, mit dem ich mich angefreundet hatte. Aber das hatte in der Nachkriegszeit kein langes Leben.

Für die Sängerin ➱Emmi Leisner war die Insel Sylt, wo sie seit den ➱zwanziger Jahren ständig zu finden war, eine Insel der Erholung. Für sie verbreiteten die Dünen von List … im Abendlicht eine herrlich exterritoriale Stimmung. Es könnte in der Wüste sein, in Persien oder in Mexiko. Aereboe, der ein Wappen für List entwirft, spricht von dem dumpf wallenden Meer und den satten Weiden, er ist nicht so weit in der Welt herumgekommen wie die Flensburger Sängerin, die er 1959 malt. Es ist eins der letzten Bilder, das er auf Sylt malt: Gerade malte ich Emmi Leisner. Eine ganz verwickelte Arbeit. Aber ich habe sie hinbekommen, wie man so sagt: Wie sie leibt und lebt. 

Mit dem Bild der Sängerin ist er wieder ein wenig zu dem Stil seines Hauptwerkes zurückgekehrt, das in der Neuen Sachlichkeit liegt. Da malt er nicht mehr gegen Butter, Fleisch und Eier …  unter beträchtlichem Verbrauch von Kobaltblau Landschaften mit großen Sommerhimmeln. Er ist kein Revolutionär der Malerei gewesen Brigitte Maaß-Spielmann sagt in ihrer Dissertation über den Maler: Wo die Bildidee mit begründeten Gefühlen, mit dem eigenen Erleben vereint wird, schafft Aereboe überzeugende Leistungen; andernfalls … droht der Bildausdruck ins Banale abzugleiten. Und das wollen wir natürlich nicht.

Noch mehr Neue Sachlichkeit: Magischer RealismusFranz RadziwillOswald BaerRichard OelzeRealistenOsternGrant Wood

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Herman Melville, Donald Trump und ich

 

Ich hatte gedacht, wir könnten am Freitag zusammen feiern, der Donald und ich. Er, weil er Präsident wird – ich, weil mein Blog die Zahl von drei Millionen Leser erreicht hat. Aber nun bin ich früher dran mit meinem Jubiläum. Ich werde heute ein Paar ➱französische Schuhe (Aubercy) tragen und das Ereignis mit ➱Jazz in Paris, französischen Chansons von ➱Juliette Gréco und ➱Yves Montand und einem kleinen Glas Cognac würdig begehen. Ich habe da noch eine alte Flasche Cognac Hennessy Very Special in der Butzekammer, ich nehme an, das Zeuch kann man noch trinken. Sie mögen sich jetzt fragen: warum trinkt er keinen ➱Whisky, das tut er doch sonst immer, wenn er mal wieder eine Million erreicht hat? Die Antwort ist einfach, ich mache das extra für meine lieben französischen Leser, die plötzlich in solch großer Zahl da sind. Und die dafür gesorgt haben, dass ich diese sagenhafte Zahl von drei Millionen Lesern erreiche, bevor dieser Donald Trump Präsident wird.

Meine französischen Leser mögen gewiss auch Herman Melville, hat doch der Meister des französischen Gangsterfilms seinetwegen den Namen ➱Melville angenommen. Und hat doch Jean Giono Moby-Dick zusammen mit Lucien Jacques übersetzt. Und das Buch Pour saluer Melville geschrieben, wo er am Anfang sagt: La traduction de Moby-Dick, de Herman Melville, qui paraît d’autre part, commencée le 16 novembre 1936 a été achevée le 10 décembre 1939. Mais, bien avant d’entreprendre ce travail, pendant cinq ou six ans au moins, ce livre a été mon compagnon étranger. Je l’emportais régulièrement avec moi dans mes courses à travers les collines. Ainsi, au moment même où souvent j’abordais ces grandes solitudes ondulées comme la mer mais immobiles, il me suffisait de m’asseoir, le dos contre le tronc de pin, de sortir de ma poche ce livre qui déjà clapotait pour sentir se gonfler sous moi et autour la vie multiple des mers. Das ist es: das Buch dabei haben und sich dann im Gebirge an einen Baumstamm lehnen – und schon hat man das Meer im Geiste vor sich, mit der Lektüre von Melville geht das. Der Donald, mit dem ich eigentlich feiern wollte, kann leider kein Französisch. Genaugenommen kann er überhaupt keine Fremdsprache. Gutes Englisch wie Herman Melville auch nicht.

Am Ende des Kapitels ➱Loomings in Melvilles Moby-Dick stellt sich der Erzähler eine Schlagzeile des grand programme of Providence that was drawn up a long time ago vor. Darin ist von einer Grand Contested Election for the Presidency of the United States die Rede, das gilt nicht nur für das Jahr 1851, das gilt heute noch. Auch die Bloody battle in Affghanistan hat heute noch ihre Bedeutung. Nur das im Original ganz klein gesetzte Whaling voyage by one Ishmael hat heute keinen großen Nachrichtenwert mehr. Der Erzähler heißt ja auch gar nicht Ishmael, wir sollen ihn nur so nennen. ➱Call me Smitty wäre auch ein Anfang gewesen. Oder Call me Jay.

Drei Millionen mal ist die Adresse loomings-jay seit Ende Juli 2010 angeklickt worden (die ersten sechs Monate als Blogger hatte ich noch Googles Radarsystem unterwandert), so viele Leser hat ➱Moby-Dick während Melvilles Lebzeiten nicht gefunden. Und wahrscheinlich bis zur Melville Renaissance der 1920er Jahre auch nicht. In meinem ersten ➱Post am 3. Januar 2010 habe ich geschrieben: Wenn Herman Melville das alles gekannt hätte, dann wäre ‚Moby-Dick‘ nicht in London gedruckt worden, sondern hier. Und seine Schwester, die das Manuskript abschrieb, hätte nicht immer über Hermans Handschrift fluchen müssen. Und Druckfehler, wie ’soiled fish‘ wären uns auch erspart geblieben. Es ist ein seltsames Medium, in dem man schnell zu einer Berühmtheit werden kann. Weil man einen Blog hat. Oder weil man twittert wie dieser Trump.

Wenn Sie sagen, dass die gloomy atmosphere dieser dunklen Bilder heute so gar nicht zu einem Jubelfest passt, haben Sie sicher Recht. Aber ich habe diese Bilder von dem Amerikaner Christopher Volpe (von denen eins schon in dem Post ➱Vierzig Jahre zu sehen war) ausgesucht, weil sie aus einem Zyklus von Bildern kommen, der ➱Loomings heißt. Dort findet man auch eine Preisliste, falls Sie eins der Bilder kaufen wollen. Viele der Bilder sind recht gelungen. Manches hätte er vielleicht besser gelassen. Manches erinnert an ➱Jack the Dripper, der ja auch etwas zu der ➱Bilderwelt von Moby-Dick beigesteuert hat..

Dies hier soll das Bild darstellen, das in der Spouter Inn hängt. Für den Erzähler, den wir Ishmael (und nicht Smitty oder Jay) nennen sollen, ist es ein Rätsel: But what most puzzled and confounded you was a long, limber, portentous, black mass of something hovering in the centre of the picture over three blue, dim, perpendicular lines floating in a nameless yeast. A boggy, soggy, squitchy picture truly, enough to drive a nervous man distracted. Yet was there a sort of indefinite, half-attained, unimaginable sublimity about it that fairly froze you to it, till you involuntarily took an oath with yourself to find out what that marvellous painting meant. 

Es gibt von dem Gemälde in der Spouter Inn auch eine Graphik von Armin Münch, die sehr schön ist. Aber leider gibt es davon keine Abbildung im Internet (im ➱Katalog von Schleswig ist sie auf Seite 67 zu finden), das Internet wird immer überschätzt. Vor allem für die Welt der Kunst und der Literatur. Aber immerhin gibt es hier einen ➱Power Moby-Dick mit Annotationen.

Diese erste Seite von Loomings hat auch Annotationen, aber es sind Annotationen einer anderen Art als wir sie in der Ausgabe von  Luther S. Mansfield und Howard P. Vincent oder in Harold Beavers Penguin Ausgabe finden. Wir könnten annehmen, dass dies das Exemplar von Moby-Dick von Donald Trump ist. Aber liest der Mann überhaupt ➱Bücher? Das Internet ist voll von bösartigen und komischen ➱Seiten über den nonreader Trump. Also dies ist nicht von Trump, ➱dies ist an example of a close reading and represents how one can annotate and ornament a text. Muss man wirklich in Bücher malen, um einen Text zu verstehen? Für den neuen Präsidenten kommt wahrscheinlich eher die Version von ➱Twitter oder ➱Emoji Dick in Frage.

Herman Melville brauchte keine Universität, er konnte von sich sagen: A whale ship was my Yale College and my Harvard. Trump war nie auf einem whale ship. In Yale und Harvard auch nicht. Die Frage der Bildung stand nicht im Mittelpunkt von Donald Trumps Wahlkampf. Natürlich hat er dazu ein ➱Programm. Das aber viele eher beunruhigt. Vor Jahren hat er Obama beleidigt: I heard [Obama] was a terrible student, terrible. How does a bad student go to Columbia and then to Harvard? I’m thinking about it, I’m certainly looking into it. Let him show his records. Das sind gefährliche Sätze, denn wenn man sich seine eigene ➱Universitätskarierre anschaut, dann bleibt von dem Akademiker Trump nicht viel übrig.

Aber er hat ja eine eigene Universität, über die er sagte: I’m deeply and actively involved in Trump University. Und er hat sich auch schon über Amerikas Universitäten beklagt: too many of those who do graduate are getting diplomas that have been devalued into “certificates of attendance” by a dumbed-down curriculum that asks little of teachers and less of students. Damit beschreibt er exakt seine Trump University. Die gibt es nun leider nicht mehr, der Staatsanwalt ermittelt noch. Aber es gibt für die Familie Trump noch Hoffnung: sein Sohn Barron geht zu der selben Prep School, die auch Herman Melville besucht hat.

The final key to the way I promote is bravado. I play to people’s fantasies. People may not always think big themselves, but they can still get very excited by those who do. That’s why a little hyperbole never hurts. People want to believe something is the biggest and the greatest and the most spectacular. I call it truthful hyperbole. It’s an innocent form of exaggeration — and a very effective form of promotion. Das sind Sätze, die in Herman Melvilles Roman ➱The Confidence Man, einem Roman über einen Betrüger, stehen könnten. Da stehen sie aber nicht. Sie stehen in der Autobiographie von Donald Trump.

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