Robert Frank

Die Weißen sitzen vorn, die Schwarzen sitzen hinten. Dieses Photo, das Robert Frank 1955 in New Orleans gemacht hatte, ist auf den Umschlag des Photobandes The Americans gewandert. Das Buch ist beim Steidl Verlag zur Zeit wohl vergriffen, aber ich nehme an, dass der Verlag das Buch, das seit 2008 elf Auflagen erlebt hat, jetzt wieder auf den Markt bringt. Es ist damals sehr aufwändig gedruckt worden, Frank hatte die Druckarbeiten selbst überwacht. Vor vier Jahren hatte Steidl das Gesamtwerk von Frank in einer Ausstellung gezeigt, nicht so aufwändig gedruckt: Cheap, quick, and dirty, that’s how I like it! hatte Frank dazu gesagt.

Der Schweizer Robert Frank hatte 1955 ein Guggenheim Stipendium bekommen, das es ihm erlaubte, mit seiner Leica (und einer Rolleiflex) einmal quer durch Amerika zu reisen. 687 Kleinbildfilme hat er von 1955 bis 1957 verbraucht, das waren beinahe 28.000 Aufnahmen, die die Betrachter hier 2016 bei einer Ausstellung in New York bewundern konnten. Nur 83 dieser Bilder wanderten in den Band The Americans.

Dieses Photo war nicht dabei, es sollte in einem Buch über New York erscheinen, das das Times Magazin herausbringen wollte, aber das ist nie erschienen. Hätte die elegante Dame, die die New York Times liest, in den Band The Americans gepasst? Die Menschen in dem Photoband tragen allerdings keine weißen Handschuhe, wenn sie die Zeitung lesen.

Sein Amerika in 83 Bildern wollte kein Verlag haben. Frank has managed to express, through the recalcitrant medium of photography, an intense personal vision, and that’s nothing to carp at. But as to the nature of that vision I found its purity too often marred by spite, bitterness, and narrow prejudices just as so many of the prints are flawed by meaningless blur, grain, muddy exposure, drunken horizons, and general sloppiness. As a photographer, Frank shows contempt for any standards of quality or discipline in technique; as a poet he is too ready to lapse into the jargon of propaganda. His talent deserves better on both counts, schrieb Arthur Goldsmith in der Zeitschrift Popular Photography.

Aber dieses meaningless blur, grain, muddy exposure, drunken horizons, and general sloppiness ist ja bewusst eingesetzt, es ist der Stil von Robert Frank. Und meaningless ist es auf keinen Fall, die Photographin Jona Frank hat zu dem Bild Elevator — Miami Beach, 1955 einiges zu sagen. Jack Kerouac, der das Vorwort zu The Americans verfasste, schreibt darin: That little ole lonely elevator girl looking up sighing in an elevator full of blurred demons, what’s her name & address?

Heute wissen wir, dass sie Sharon Collins heißt, sie hat sich auf dem Photo von Robert Frank wiedererkannt, als sie das San Francisco Museum of Modern Art besuchte. Und wir können am Beispiel dieser Photos auch sehen: nicht alles ist spontan, das Photo oben rechts ist Teil einer Inszenierung. Ein signierter Handabzug des Photos ist bei Lempertz vor zwei Jahren für 34.720 Euro verkauft worden.

To Robert Frank I now give this message: You got eyes, hat Jack Kerouac geschrieben. Es wird erzählt, dass Robert Frank häufig photographierte, ohne durch den Sucher zu schauen. Wer je eine alte Leica in der Hand hatte, kann das verstehen. Den Sucher kann man vergessen, was man braucht, sind die Augen.

Robert Franks Les Américains erschien 1958 bei Robert Delpire in Paris, die Photographien wurden begleitet durch ausgewählte Texte von Erskine Caldwell, John Dos Passos, Henry Miller, William Faulkner und John Steinbeck. Nach der Präsentation der französischen Ausgabe kehrte Frank nach Amerika zurück, in New York traf er Jack Kerouac: I had met Jack Kerouac at a party given for him by his friend Lucien Carr. He was sitting on the sidewalk, around 18th or 19th Street, and I came there with a French edition of the book and I showed it to him. He liked the photos, and I said that you should write something for it. It was pretty relaxed. But Kerouac wrote the introduction. Wären Kerouac und Ginsberg nicht gewesen, wäre The Americans nicht zum Kultbuch geworden.

Dies ist das letzte Photo in The AmericansU.S. 90, en route to Del Rio, Texas, es zeigt seine Frau und seine Kinder, die er auf seinen Photoreisen häufig mitnahm, im Auto. Das Bild ist beschnitten (cropped), ein Stilmittel, das Frank häufig verwendet. Wie auch die schiefe Perspektive (die drunken horizons von denen Goldsmith sprach), ohne die das Photo vom elevator girl nicht denkbar wäre. Robert Frank war nicht der erste Photograph, der ein Guggenheim Stipendium erhielt. Vor ihm hatten Edward Weston, Ansel Adams, Walker Evans und Dorothea Lange schon ein Stipendium bekommen.

Robert Frank ist am 9. September im Alter von 94 Jahren gestorben. In manchen der Nachrufe wird er als Erfinder der street photography gefeiert. Das ist nicht ganz richtig, Ansätze dazu kann man schon bei Eugène Atget und Berenice Abbott finden. Und natürlich in Henri Cartier-Bressons Images à la sauvette. Robert Frank, Swiss, unobtrusive, nice, with that little camera that he raises and snaps with one hand he sucked a sad poem right out of America on to film, taking rank among the tragic poets of the world, hat Kerouac geschrieben. All die schönen Dinge, die jetzt in Nachrufen gesagt werden, sind richtig.

Was zu schnell vergessen wird, ist die Tatasache, dass Frank nur da weitermacht, wo die FSA Photographie aufgehört hat. Dies Photo ist nicht von Robert Frank, es ist von Dorothea Lange. Sie könnten zu diesem Thema den langen Post Dokumentarfilm lesen. Und in den Posts Margaret Bourke-White, Gordon Parks und Berenice Abbott steht auch etwas zu Franks Vorläufern. Und Jack Kerouac hat in diesem Blog natürlich auch einen Post.

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501

Vor 120 Jahren starb der Berliner Maler Wilhelm Amberg. Als ich den vor Tagen in der Wikipedia suchen wollte, gab es das Internetlexikon plötzlich nicht mehr. Es war das Opfer einer Cyberttacke geworden. Also nahm ich die Deutsche Biographie, wo man erfährt: A. war 1839-42 Schüler der Berliner Akademie unter W. Herbig und Atelierschüler von  K. Begas. In Paris studierte er bei  Léon Cogniet bis 1845; es folgte ein ausgedehnter Studienaufenthalt in Italien. Nach Berlin zurückgekehrt, wurde A. 1863 Mitglied der Akademie. Anfangs bevorzugte er mythologische Motive und Porträts, später Genrebilder bald sentimentaler, bald humoristischer Art, die sich besonderer Beliebtheit erfreuten und dem Künstler mehrere Auszeichnungen einbrachten. In seinen besten, gern Themen der Rokoko- und Zopfzeit darstellenden Bildern dominiert mehr und mehr das Landschaftliche. Einige seiner Werke zeichnete er selbst auf Stein.

Die Vorlesung aus Goethes „Werther“ im oberen Absatz gilt als eines seiner Hauptwerke. Das Bild könnte ein Bild eines anderen Malers beeinflusst haben. Es ist aus dem Jahre 1870, tut aber im Stil so, als stammte es aus der Zeit, als Goethes Werther gerade erschienen war. Dies Bild von Manet ist 1865 gemalt, es ist neu, revolutionär. Mit der neuen Kunst hat der Berliner Genremaler Wilhelm Amberg nichts zu tun. Seine Bilder werden in der Gartenlaube oder Über Land und Meer abgedruckt. Das sagt eigentlich schon alles.

Wenn junge Frauen schon in der Natur lesen, dann sollte das so wie auf diesem Bild aussehen. Aber das charmante kleine Bild ist nicht von Amberg, es ist von dem österreichischen Maler Gottfried Hofer. Der kleine Post heute heißt 501, und damit ist nicht das Jeansmodell von Levis gemeint. Nein, als ich gestern den Post Nackt in meinen kleinen Kunstblog vita brevis, ars longa stellte, sah ich, dass da fünfhundert Posts zur Kunst standen. Die stehen natürlich auch in SILVAE, sind aber bei WordPress leichter zu finden.

Ich nehme mal an, dass die Zahlen bei WordPress stimmen, die bei Google stimmen auf keinen Fall. So wie Wikipedia eine Cyberattacke hatte, hatte ich in den letzten Tagen eine Leserattacke. Plötzlich waren es nicht mehr die achthundert Leser am Tag, plötzlich waren es zweitausend, dann über dreitausend. Kamen angeblich alle aus Kanada. Sind aber alle wieder verschwunden. Ich habe noch ein Bild von Amberg, das glücklicherweise aus dem Rahmen der Wertherzeitbilder und des Geschmacks der Leser von Gartenlaube und Über Land und Meer fällt. Ein sommerlicher Garten in dem vornehmen Badeort Misdroy (Międzyzdroje), wo Amberg gerne mit seiner Familie im Sommer weilte. Vielleicht muss man aus Berlin herauskommen, um so etwas zu malen.

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Nackt

Ich fange mal auf einer gehobenen Ebene an, um dann in den Niederungen des deutschen Fernsehens zu versinken. Dieses Bild von Ary Scheffer wird gemeinhin als Éros et Thanatos zitiert. Wahrscheinlich, weil der Bildtitel Les ombres de Francesca da Rimini et de Paolo Malatesta apparaissent à Dante et à Virgile etwas lang ist. Sir John Henry von Schroder hat eine Version des Bildes seiner Heimatstadt Hamburg geschenkt, der Louvre und die Wallace Collection in London besitzen eine andere Version. Viele von Scheffers Zeitgenossen waren der Meinung, dass es das beste seiner Bilder war.

Das Geschehen auf Ary Scheffers Gemälde hat immer wieder das Interesse der Künstler gefunden. Dieses Bild, das die CD von Riccardo Zandonais Oper Francesca da Rimini ziert, ist von Gustave Doré. Die Geschichte von Francesca da Rimini ist einfach: eine schöne nackte Frau, Ehebruch und Mord. Wenn man so will: ein Kriminalfall. Dante hat seine Zeitgenossin in den fünften Gesang seiner Göttliche Komöde geschrieben. Da sind wir in der Hölle.

Die Kunsthalle Kiel besitzt auch eine Version des Themas. Allerdings nicht von Ary Scheffer, sondern von dem Maler Rudolf Nonnenkamp. Das Bild, das 1857 die Eröffnungausstellung zierte, hatte man vom Künstler gekauft. Lilli Martius findet das Bild nicht so großartig: Eine allzu große Anerkennung findet infolge der damaligen Überschätzung der Historienmalerei Rudolf Nonnenkamp … Bei allem Lob der Komposition, der Erfassung des darzustellenden Gegenstandes mit „unzweifelhafter Besonnenheit und Mäßigung“, wird aber doch die Frage aufgeworfen, ob die „sichere Klarheit“, die man dem Bilde früher schon zur Last gelegt habe, nicht das ‚Zeichen einer gewissen Mittelmäßigkeit‘ sei, womit die Schwächen eines anspruchsvollen Historienmalers sehr richtig empfunden worden sind.

Und da ich bei einer gewissen Mittelmäßigkeit bin, komme ich nun zum deutschen Fernsehen, wo ich in den letzten Wochen das Thema Eros und Thanatos, um es gehoben auszudrücken, mehrfach beobachten konnte. In dem Kriminalfilm Die dunkle Seite des Mondes hatte die Schauspielerin und Sängerin Anna Schäfer eine kleine Nebenrolle. Sie fiel mir sofort auf, weil ich sie schon in Dominik Grafs Kriminalfilm Zielfahnder: Flucht in die Karpaten gesehen hatte. Da war sie erst nackt, später war sie tot.

Das war in dem Tatort Die Liebe, ein seltsames Spiel nicht anders: erst nackt, dann tot. Zwei der Geliebten eines polyamor lebenden Architekten sind plötzlich tot. Anna Schäfer spielte eine Psychologin (auch polyamor): Meine Rolle ist sehr speziell und hat sehr wenig mit mir und meiner Einstellung zu Liebe und Beziehungen zu tun. Das finde ich toll an meinem Beruf – dass wir auch andere Seiten ausleben können. Das hat mir Spaß gemacht, hat Anna Schäfer in einem Interview gesagt.

In der Süddeutschen schrieb Friedemann Karig dazu: Die Polyamoren sind momentan so etwas wie die Lieblings-Freaks der Medien. Und nun hat sich also der große Tatort an den Trendsport „Polyamorie“ herangetraut. Die ARD hat versucht, mit diesem Mode-Modell, das durch die Verarbeitung in Feuilleton und Kulturradio halb schlüpfrig, halb intellektuell satisfaktionsfähig daherkommt, noch ein paar Sonntagabend-Abenteurer zu locken. Erfolgreich: 8,74 Millionen Menschen haben eingeschaltet. Ein Marktanteil von 26,1 Prozent.

Für Fernsehen und Radio ist jede Form von Pornografie verboten. Im Internet ist Pornografie in Ausnahmefällen gesetzlich erlaubt. Von diesen Ausnahmefällen macht der öffentlich-rechtliche Rundfunk keinen Gebrauch, heißt es in einer Handreichung für die Redaktionen des ZDF. Da sind wir aber beruhigt. Für die ARD wird Ähnliches gelten. Dort sucht man gerade Nudisten für eine Serie namens Praxis mit Meerblick, der Ansturm scheint gewaltig zu sein. Also Pornographie: nein, nackt geht schon.

Nackte Frauen im Tatort regen heute niemanden mehr auf, erst als 2017 ein Kommissar im Bremer Tatort nackt zu sehen war, gab es viel Geschrei: Tatort – Zurück ins Licht: Kritik an nackter Haut, Sex und weniger Tabus. Aber unbekleidete Frauen sind aus den Krimis heute kaum noch wegzudenken (hier Aglaia Szyszkowitz in einer Szene aus Ein starkes Team), wahrscheinlich würde das Ganze sonst zu langweilig, die Handlungen der Krimis ähneln sich ansonsten ja alle. Als ich an der Heeresoffiziersschule war, gab es mal eine Diashow mit hunderten von Bildern von russischen Uniformen und Handfeuerwaffen.

Und weil es zu eintönig war, immer wieder eine Kalaschnikow anzuschauen, mischten die amerikanischen Offiziere, die die Show leiteten, ständig wieder nackte Pin Ups dazwischen. Da schlief niemand ein. Manchmal glaube ich, das Fernsehen arbeitet nach dem gleichen Prinzip. Über eine nackte Ingrid Steeger (hier in einer Edgar Wallace Verfilmung), die sich einen Schlitz ins Kleid macht, hat man sich in Deutschland einmal aufgeregt, die Zeiten sind vorbei. Heute serviert uns RTL eine Sendung, die Naked Attraction heißt, da reden wir mal lieber nicht drüber. Das ist meilenweit entfernt von dem dänischen Film Venus: Nackte Wahrheiten, den arte einmal gesendet hat.

Hier noch mal ein Bild aus einem Tatort, die junge Dame ist noch nicht ganz nackt, aber gleich ganz tot. Die Krimis scheinen der letzte Zufluchtsort für die Nacktheit im TV zu sein. Der Medienkritiker Tilmann T. Gangloff hat bei den Sendeanstalten einen neuen Konservatismus festgestellt. Alles Unsinn, sagt Christine Strobl von der Degeto: Es gibt keinen neuen Fernseh-Puritanismus, das ist Nonsens. Nacktheit findet ganz selbstverständlich statt, wenn sie erzählerisch Sinn macht. Nacktheit des Tabubruchs wegen oder aus voyeuristischen Gründen interessiert uns nicht.

Die Degeto, von der FAZ als heimliche Supermacht des Kitschfilms bezeichnet, hat einmal für Hitler den Vertrieb der Propagandafilme organisiert. Es ist sicher ein wenig gemein, an die Geschichte dieser Firma zu erinnern, aber man sollte das nicht vergessen. Heute sucht die Firma Nackedeis für die Serie Praxis mit Meerblick. Auch für den Ankauf der beliebten Eberhofer Krimis (hier Winterkartoffelknödel) war die Degeto zuständig.

Nach der Meinung des Bundesverbandes Regie ist die allgemeine inhaltliche und ästhetische Verflachung des Programms mit den Interessen der Degeto verbunden, die mittelbar ein Interesse an einer allgemeinen Trivialisierung und damit verbunden Depolitisierung des Programms zuarbeitet. Ich weiß nicht, ob der nackte Po von Lisa Maria Potthoff in Dampfnudelblues erzählerisch Sinn macht, aber auf die voyeuristischen Gründe, von denen Frau Strobl spricht, möchte ich zurückkommen.

Hier stirbt Catherine Flemming im Polizeiruf 110: Vor aller Augen nackt den Filmtod. Die junge Unternehmerin ist zuckerkrank, als sie beim Schwimmen war, hat man ihr ihre Kleidung und ihre Medikamente gestohlen. Jetzt stirbt sie auf dem Boden einer Gaststätte, und die Kamera macht uns zum Voyeur. Erzählerisch macht die Szene Sinn, aber voyeuristisch gesehen ist der Filmtod, der wie ein Sexualakt geschildert wird, an der Grenze.

Wenn die Altenpflegerin Katharina Marie Schubert sich in dem Tatort Anne und der Tod auszieht, dann macht sie das, damit ein von ihr betreuter Rentner eine kleine sexuelle Freude hat. Sie wird dabei photographiert und mit den Photos erpresst, so macht diese Szene für die Handlung durchaus Sinn. Der Stuttgarter Tatort ist außergewöhnlich, es ist eher ein Sozialdrama aus der Altenpflege als ein typischer Tatort. Claudia Tieschky schrieb in der Süddeutschen Zeitung: Es gibt vieles in diesem Tatort, das wehtut… ‚Anne und der Tod‘ aber entwickelt sich dann zu einem subtilen Psycho-Spiel mit den Sympathien des Publikums. Da wird es dann ein anständiger Krimi. 

Als ich Mörderische Dorfgemeinschaft aus der Reihe Polizeiruf 110 sah, fiel mir ein, dass ich Katharina Heyer (Bild), die da nur eine Nebenrolle hatte, schon kannte. Nämlich aus dem Psychothriller Die Frau hinter der Wand, der von der Kritik gelobt und für zahlreiche Preise nominiert wurde. Es ist ein Film, der weit weg von der Realität ist, zu der manche Krimis gefunden haben.

Wenn wir hier die Hauptdarstellerin hier kaum bekleidet in der Nähe eines Duschvorhangs sehen, dann müssen wir natürlich an Psycho denken. Und aus Hitchcocks Filmen Psycho und Rear Window ernährt sich dieser Film. Und ja, die kaum bekleidete Katharina Heyer wird am Ende in der Dusche erstochen. In Notwehr. Weil diese blonde Femme Fatale eine böse Mörderin ist. Über den Film schreibt Oliver Armknecht:

Natürlich ist das übertrieben, ins Groteske verzerrt, so wie der Rest von Die Frau hinter der Wand. Man hat eigentlich nie das Gefühl, es mit realen Personen zu tun zu haben, gerade Florian Panzers Darstellung würde als Karikatur durchgehen. Auch wenn wir hier nie ins Fantastische abgleiten, so wirklich fühlte man sich hier der Realität gegenüber nicht verpflichtet. Nachvollziehbar ist hier nur wenig, man merkt schon deutlich, dass es hier um die Seltsamkeit der Seltsamkeit willen ging. Die Geschichte selbst rückt da eher in den Hintergrund und nicht alles, was während der gut anderthalb Stunden passiert, erfährt zum Ende eine Aufklärung. 

Die Nachbarin der Femme Fatale in Die Frau hinter der Wand heißt Schaffrath, ich glaube, das erlaubt sich der Regisseur einen kleinen Scherz. Denn das ist der Familienname einer Blondine, die als Gina Wild im Pornogeschäft berühmt wurde. Sie ist auch in dem ersten Tatort aus Münster zu sehen, in dem der Kommissar Thiel seine Arbeit aufnimmt.

Ich komme von den nackten Frauen in deutschen Krimis noch einmal auf den Anfang zurück, zurück zur Kunst. Auch das hier sind Francesca da Rimini und Paolo Malatesta, auch wenn man Rodins Plastik gemeinhin als Le Baiser kennt. Diese Plastik findet immer Beachtung, aber im Louvre gehen die meisten Besucher achtlos an dem Bild von Ary Scheffer vorbei, die Kunsthalle Kiel versteckt ihren Nonnenkamp im Magazin. Den ersten Film über die beiden ermordeten Liebenden kann ich ihnen hier auch anbieten, ist garantiert jugendfrei, da sie nicht nackt sind.

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Frauenpower

Drei Frauen auf einem Bild. Das ist die Cartoonistin Franziska Becker vor einem ihrer Kunstwerke, das gleichzeitig ein Plakat für eine Franziska Becker Ausstellung ist. Das hier sind starke Frauen, vielleicht ein wenig ironisch dargestellt. Ich schätze die Künstlerin sehr, sie ist in diesem Blog auch schon in dem Post über den Strand Book Store erwähnt worden.

Noch einmal drei Frauen auf einem Bild. Dies sind auch starke Frauen, dahingehend ist das Bild interpretiert worden. Es ist viel zu dem Photo geschrieben worden. Die Bild Zeitung titelte Warum uns dieses Foto wütend macht und schrieb: Wir sehen das eiskalte Lächeln der Macht. Es ist bei Frauen nicht sympathischer als bei Macht-Männern. Es ist eiskalt. Das ist unser kleiner Selbstbetrug: Wir schätzen natürlich die Tatkraft und Durchsetzungsstärke, die unsere Probleme lösen und unsere Interessen vertreten. Nur mögen wir dieser Macht nicht so gerne ins Gesicht sehen. Irgendwie ist das Ganze ja nur piefig, ein Symbol der Peinlichkeit der deutschen politischen Klasse.

Ich möchte heute ein ganz anderes Bild der Frauenpower präsentieren, nämlich ein Selbstportrait der holländischen Malerin Judith Leyster aus dem Jahre 1632/1633. Da ist die heute vor 410 Jahren geborene Malerin erst dreiundzwanzig Jahre alt, und sie zeigt uns, dass sie schon alles kann. Wahrscheinlich hat sie das lebensgroße Selbstbildnis gemalt, um in die Haarlemer Malergilde aufgenommen zu werden, sozusagen als Meisterstück. Sie malt sich als elegante Frau, modisch im Stil der Zeit. Und für die Feinheiten der Kleidung wird sie bei ihren Gemälden immer ein Auge haben. Ein so elegantes Kleid wird sie bei der Arbeit nicht getragen haben, die modische Fraise behindert eher beim Malen.

Ob sie wirklich die erste Frau in Holland ist, die als Meisterin anerkannt wird, ist ein wenig umstritten. Judith Leyster: de eerste vrouw die meesterschilder werd war der Titel einer Ausstellung im Frans Hals Museum 2009-10. Kunsthistoriker weisen auf Sara van Baalbergen hin, die wohl schon zwei Jahre vor Leyster in der Harlemer Gilde war. Aber über die weiß man so gut wie nichts. Es entbehrt nicht einer Pikanterie, dass die Ausstellung im Frans Hals Museum stattfand, denn so bekannt sie zu ihren Lebzeiten war: man hat sie schnell vergessen und ihr Werk Frans Hals zugeordnet.

Erst als man am Ende des 19. Jahrhunderts im Louvre unter der Signatur von Frans Hals das Zeichen von Leyster entdeckt, beginnt man sich ernsthaft mit der Künstlerin zu beschäftigen. Theodorus Schrevelius hatte 1647 in seinem Buch über Haarlem geschrieben: Da gibt es auch viele Frauen, die in der Malerei erfahren und bis heute berühmt sind, die es auch mit Männern aufnehmen können, von denen wird vor allem Judith Leyster genannt, ein wirklicher Leitstern in der Kunst, von dem sie auch den Namen trägt, die Hausfrau von Molenaer, der auch ein berühmter Maler ist, in Haarlem geboren und zu Amsterdam bekannt. Mit dem Leitstern, den sie auch als Monogramm verwendet, nimmt Schrevelius die Ähnlichkeit von Leyster und Leidstar (-ster), dem Stella Polaris, auf.

Das Bild, das die Malerin gerade gemalt hat, zeigt einen fröhlichen jungen Mann mit seiner Fiedel. Keine mythologische oder biblische Figur, mit der man das Bild symbolisch überhöhen könnte. Wir finden den jungen Herrn übrigens auf einem Bild wieder, das sie wirklich gemalt hat. In der rechten Hand hält die Malerin einen Pinsel, in der linken ganz viele. Sie will damit ihre Kompetenz zeigen, einen Pinsel für eine Farbe. Und sie ist die einzige Frau, die einen lockeren Malstil beherrscht. Die auch ähnlich wie Rembrandt und Frans Hals ohne Vorzeichnung direkt auf die Leinwand malt.

Der Hintergrund des Bildes interessiert sie nicht so sehr, sie konzentriert sich auf die Wiedergabe der Personen. Beinahe alle ihre Gemälde zeigen Figuren aus dem bürgerlichen Leben, häufig mit Musikinstrumenten. Diese sogenannten fröhlichen Gesellschaften sind ein Motiv, das in den 1620er und 1630er Jahren in der niederländischen Malerei aufkam. Und Judith Leyster ist die einzige Frau, die dieses Thema beherrscht.

Zwanzig Jahre nach ihrem ersten Selbstportrait malt sich die Ehefrau von Jan Miense Molenaer so. Es sind weniger Pinsel als die achtzehn auf dem Bild von 1633 zu sehen. Die Fröhlichkeit und die Spontaneität sind auch verschwunden. Die Malerin teilt sich mit ihrem Ehemann ein Studio in Amsterdam, wahrscheinlich hat sie an vielen seiner Bilder mitgearbeitet. Über ihr eigenes Spätwerk weiß man nicht so viel. Aber ihr frühes Selbstbildnis, das wird bestehen bleiben, mit dieser Fröhlichkeit und Selbstsicherheit, die nach beinahe vierhundert Jahren immer noch ansteckend ist. Über die gekünstelte Fröhlichkeit und Selbstsicherheit der drei Damen auf dem Photo oben wollen wir lieber schweigen.

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Kunsterziehung

Mach da noch irgendwo Rot rein, Jay, sagt der Maler Heinz Recker, Kokoschka hat das mit seiner roten O.K. Signatur auch gemacht. Ich habe meine blaue Periode, meine Bilder sind abgestufte Blauvarianten auf weißgrundierter Leinwand. Ich füge mich, das Bild vom Hamburger Rathaus und dem regennassen Rathausplatz bekommt ein freches rotes Jay Signet. Wahrscheinlich sitze ich als Strafe für diese Kokoschka Imitation ein Semester lang in Hamburg neben seiner Signatur auf dem riesigen Bild, das in einem Hörsaal im Erdgeschoss des Philosophenturms hängt. Die blauen Türme der Kathedrale von Amiens kriegen auf meinem Ölbild auch einen roten Fleck, da, wo die Glasrosette zwischen den Türmen ist.

Wir malen im Jugendheim Alt-Aumund, offiziell sind wir ein Volkshochschulkurs, aber der Heimleiter Hannes Meyer lässt uns viel Freiraum. Wir brauchen nicht jeden Bewerber für diesen Kurs aufzunehmen und dürfen auch noch malen, wenn er das Heim schon abgeschlossen hat. Die meisten von uns kommen vom Gerhard Rohlfs Gymnasium oder wie Renate vom Lyceum. Nur Traute kommt von der Kleinen Helle in Bremen, Recker hat sie mitgebracht. Alle außer mir werden Kunst studieren und werden Kunsterzieher. Nur ich habe den Absprung in diese Welt nicht gewagt, immerhin werde ich Kunstgeschichte studieren.

Und dabei hatte ich schon einen Fuß in der Tür, ich bin zusammen mit Uwe in LiLaLerchenfeld gewesen, um mich nach den Aufnahmebedingungen zu erkundigen. Das erste, was ich sah, war jemand auf einer langen Leiter, der eine rote Linie an die Decke malte. Als ich ihn fragte, was er da mache, hat er mir gesagt, dass das Kunst sei. Es hieße Endlose Linie. Ich denke mir, dass da kein Segen drauf liegt und lese auch wenig später in der Zeitung, dass es wegen der Endlosen Linie in der Kunsthochschule Lerchenfeld in Hamburg einen Skandal gegeben habe. Der junge Linienmaler, dessen Name mir damals nichts sagt, ist von seiner Dozentur zurückgetreten. Es ist der Beginn der Karriere von Friedensreich Hundertwasser. Es tauchen jetzt ja viele neue Künstler auf, deren ‚Kunst‘ nicht so ganz in einer Kunsthalle in einen Goldrahmen passt.

Uwe steht dem Ganzen aufgeschlossener gegenüber als ich, er schleppt mich auf eine documenta nach Kassel mit (wo ich mir allerdings lieber die Rembrandts angucke) und zu allen möglichen Happenings in Bremen. Komm mit, wir müssen uns Otto Muehl angucken, sagt er. Ich weiß nicht, wer Otto Muehl ist, aber er soll heute in der PH ein Huhn über einer nackten Studentin schlachten und dann das Blut auf sie tropfen lassen. Das ist jetzt Kunst. Wir sehen aber an diesem Nachmittag keine toten Hühner und leider auch keine nackten Studentinnen. Die Bremer Polizei hat den Ort des geplanten Happenings abgeriegelt. Otto Muehl wird Jahrzehnte später noch sieben Jahre in einem österreichischen Gefängnis sitzen, der Kunstvorbehalt gilt nun eben nicht für allen Quatsch. Wenn Yves Klein mit gewisser Eleganz blau angemalte Frauen aufs Papier bringt, dann ist das vielleicht noch Kunst. Muehl ist nur ein schweinigelnder Prolli.

Heinz Recker ist ein sehr guter Kunstpädagoge, er fördert behutsam die Fähigkeiten der einzelnen. Er kann das besser als viele Kunsterzieher an der Schule. Er wird auch dafür sorgen, dass seine Malgruppe zu einer richtigen Ausstellung kommt. Die Kunsthalle hat in den Wallanlagen eine kleine Ausstellungsfläche. Wenn man ehrlich ist, ist es eigentlich ein Bunkereingang zum Bunker unter dem Theaterberg gewesen, den man 1949 ohne Baugenehmigung zu einer Kunst-Krypta umfunktionierte. Die hat man nun gerade geschlossen, aber die Kunsthalle nutzt den Eingangsbereich (bis er 1968 eingeebnet wird) noch für kleinere Wechselausstellungen. Ich bin mit zwei Bildern dabei (Recker hat unsere Exponate ausgesucht), einem Portrait von Traute mit sehr blondem Blondschopf und einer Baggerseelandschaft in Eggestedt. Das Portrait von Traute schenke ich eines Tages dem Jugendheim, es wird da noch Jahre im Foyer hängen.

In der Volksschule habe ich immer eine Eins im Zeichenunterricht. Das Talent scheint in der Familie zu laufen. Onkel Karl, der Bildhauer (hier seine Statue von Maxim Gorki), besitzt es natürlich. Meine Mutter hat auch etwas davon abbekommen. Und ein Rest scheint offensichtlich auch bei mir durch. Meine Mutter wollte an die Kunstschule, aber da gab es dieses Nein des Vaters. Dafür wird sie ihn ewig hassen. Ich habe ihre Mappen aus ihrer Jugendzeit gesehen, jede Kunstschule hätte sie damit angenommen. Sie hatte Talent. Ich besitze eine Radierung von ihr aus den vierziger Jahren, wahrscheinlich ist es der Bullensee bei Rotenburg. Die würde da auch an der Wand hängen, wenn sie nicht von meiner Mutter wäre. Irgendwie kommt ihr dann auch der Krieg dazwischen. Man kann als Frau im Krieg schlecht an eine Kunstschule gehen, wenn man gerade zum Reichsarbeitsdienst muss.

Der Krieg, die Familie und das Zurechtwurschteln im Wirtschaftswunder haben die mögliche künstlerische Karriere meiner Mutter unterbrochen. Aber sie wird irgendwann wieder anfangen zu malen. Zuerst mit Kopien von Worpswedern. Da nimmt sie sich noch Zeit, und das Ergebnis ist auch gut. Erstaunlich, wie leicht doch Worpsweder zu fälschen sind. Zwischen ihren Overbecks und Modersohns und den Originalen ist kaum ein Unterschied zu erkennen. Es ist schade, dass sie sich nicht in dieser Phase an Otto Ubbelohde versucht hat. Später wird das immer kitschiger. Ich versuche, sie dazu zu kriegen, dass sie langsamer malt, Schicht für Schicht. Malen ist wie Johann Sebastian Bach spielen, nicht ein Stück von Chopin auf dem Klavier hinzukitschen. Aber sie hört leider nicht auf mich.

In den ersten Jahren am Gymnasium habe ich Werner Schnieders als Kunstlehrer. Der ist wirklich gut, handwerklich und pädagogisch. Und er wohnt in einem stilvollen kleinen Haus, das Ernst Becker-Sassenhof gebaut hat. Aber dann kommt für uns die Revolution. Sie hieß Waltraud Otto, trug einen schwarzen Pagenschnitt und war jünger als die anderen Lehrerinnen. Nicht wirklich, wie mir Kunzes Kalender beweist, aber sie sah jünger aus. Und ihr scharfes Outfit (wer außer ihr trug schon Hosen?) hatte nichts mehr mit dem BDM-Look der anderen Lehrerinnen gemein. Es wurde gemunkelt, dass sie die Assistentin von Willy Fleckhaus bei der Zeitschrift Twen gewesen sei.

Ich bin mal mit Uwe auf einer Tagung in Westerstede gewesen, Uwe wusste immer, wo Tagungen waren, bei denen man schulfrei bekommt. Da trat eine ältliche Kunstpädagogin mit Nickelbrille, Dutt und grauer Strickjacke auf, die ein Dutzend Exemplare dieser Zeitschrift als abschreckendes Beispiel für die Irrwege des Designs und die Gefahr der Verderbnis der Jugend herumreichte. Ich habe die dann alle mitgenommen. Das war eine pädagogische Maßnahme von mir, es sollte ja keiner in Gefahr geraten, solche Irrwege zu gehen. Unglücklicherweise stellte sich später heraus, dass die ältere Dame die Tante von Ute war. Damit bin ich bei Utes Familie endgültig unten durch, erst die Sache mit der Harry Belafonte Platte und nun auch noch Kunstbanause.

Nein, Fräulein Otto war definitiv die neue Zeit. Bei ihr durften wir in der Kunst AG im Zeichensaal auch herumlaufen, gucken, was die anderen machten. Zuhören, was sie den anderen sagte. Ende des Frontalunterrichts. Leider nicht, sie wird uns verlassen und zum Alten Gymnasium gehen. Die haben ja den Ruf in den schönen Künsten fortschrittlicher als wir zu sein. Und das ist auch wahr, seit der hervorragende Werner Schnieders pensioniert ist, sieht es bei uns in den Fächern Kunst und Werken kläglich aus. Das Gymnasium hat nur noch drei Kunstlehrer. Im letzten Jahr lande ich bei Frau Evers, die ich schon mal im Werkunterricht gehabt hatte (unser Werkunterricht in der Volksschule war besser).

Die ist ein echter Flop, ich mochte sie nicht, sie mochte mich nicht. Von Kunstgeschichte, was damals ja noch unterrichtet wurde, verstand ich mehr als sie, das wusste sie auch. Ich durfte nur nichts Böses sagen, weil meine damalige Freundin Renate für sie schwärmte. Aber da ist mir die Schule längst egal, da male ich bei Recker. Lehrer für Kunst an einem Gymnasium müssen Pädagogen sein, müssen handwerklich versiert in verschiedenen Techniken sein, sollten einen Überblick über die Geschichte der Kunst haben und sollten auch etwas von Kunst verstehen. Meistens mangelt es Kunstlehrern an der einen oder anderen Fähigkeit. Recker ist Maler, er ist kein beamteter Kunstlehrer und dennoch ein vorzüglicher Pädagoge. Und er versteht etwas davon, wovon er redet.

Aus der Gruppe unserer Secession vom gymnasialen Kunstunterricht, wird nur Uwe wirklich berühmt, er wird Kunstprofessor werden. Allerdings gibt er das Malen schnell auf, widmet sich dann der Radierung (er besitzt sogar eine eigene Presse). Ich versuche ihn noch für ein Projekt zu gewinnen, bei dem seine Radierungen meine Gedichte illustrieren sollen, aber nach sechs Radierungen geht das Projekt den Bach runter (ich hatte wesentlich mehr Gedichte). Unsere Freundschaft wird daran nicht zerbrechen. Er wird Skulpturen entwerfen, die alle etwas mit der Weser zu tun haben. Da kommen wir nun mal her. Eines Tages überrascht er mich damit, dass er sich voll auf Keramik konzentriert. Und wenn Uwe etwas macht, dann macht er das gründlich. Das rororo Sachbuch Keramik in der Reihe Deutsches Museum: Kulturgeschichte der Naturwissenschaften und der Technik im Jahre 1985 trägt seinen Namen. Es wurde in wesentlicher Neubearbeitung 2003 vom Deutschen Porzellanmuseum wieder aufgelegt.

Ich wusste damals nicht, woran er schrieb (manchmal möchte man das ja auch niemandem sagen, man ist ja abergläubisch, solange es noch nicht fertig ist), er nervte mich mit Fragen nach einer guten englischen übergreifenden Technikgeschichte, als er beim Thema Industrial Revolution angekommen war. Entweder Du schreibst sie selbst oder Du nimmst J.D. Bernal, schreibe ich ihm. Wochen später kriege ich eine kryptische Karte, der ich entnehme, dass dieser geniale Kommunist mit seinem Buch Science in History genau das Richtige war, was jemand, der wie Uwe das Establishment hasst, in dieser Situation brauchte. Wahrscheinlich steht deshalb in dem Rowohltband vorne drin: Die Interpretation der Fakten gibt die Meinung des Autors, nicht die des Deutschen Museums wieder. Cool. Das Buch ist trotz dieser reservatio zu einem Standardwerk geworden.

Traute und ich lernen uns in Reckers Kurs kennen, sie kennt Recker privat und kommt nur seinetwegen einmal in der Woche nach Nordbremen. Zwischen Vegesack und Bremen sind Welten, trotz der 23 Minuten, die der Zug braucht (mit dem Trolleybus ist es länger). Außer Recker und der Malerei ist sie das Beste in diesem Kurs. Wir verknallen uns sofort ineinander. Sie sieht aus wie eine coole Blondine, aber sie ist kein bisschen cool und norddeutsch, eher leidenschaftlich. Wir sitzen in Bremer Bars, wir gehen zu Jazzkonzerten und gehen gemeinsam zu Partys und ihrem Abtanzball bei der Tanzschule Schipfer-Hausa. Da hat meine Mutter auch tanzen gelernt.

In Berlin, wohin wir mit unserer Malgruppe fahren (da wird gerade die Mauer gebaut), werden wir in einem Schuppen sein, der das Heißeste der Hauptstadt sein soll. Dieses oberste Stockwerk eines Hochhauses am Hohenzollerndamm, wo man nur mit einem Lastenaufzug hinkommt, ist schon etwas anderes als die Lila Eule in Bremen. Heute heißt sowas Disco, anfang der sechziger Jahre war das neu. Wir sind damals in den Umkleidekabinen des Schwimmstadions des Olympiastadions untergebracht. Da muss man abends um zehn zurück sein, sonst ist das Tor zu. Traute ist die einzige Frau, die ich kenne, die mit einem engen Rock elegant mitternachts über das Tor des Olympiastadions klettert.

Traute und ich stellen uns an der Schlange vor der Kinokasse vom Atlantis Filmkunsttheater in der Böttcherstraße an, um Ingmar Bergmans Das Schweigen zu sehen. Als wir an der Kasse sind, erfahren wir, dass der Film für die nächsten zwei Wochen ausverkauft ist. Na ja, eine filmische Unterweisung im Knutschen durch den schwedischen Meisterregisseur hätten wir eh nicht gebraucht. Wir knutschen immer leidenschaftlich auf dem Grambker Friedhof, es ist da schön ruhig und das Haus ihrer Eltern liegt in der Straße dahinter. Irgendwann lernt sie beim Studium im Hamburg einen jungen Geschichtsstudenten kennen, der schon Hilfskraft bei einem berühmten Professor ist. Sie weiß nicht, wie sie sich entscheiden soll, er scheint ihr etwas Solideres zu sein als ich.

Zum Abschied werden wir im Nebel auf dem Deich von Lesumbrook entlanggehen, eine Inszenierung wie in Antonionis Il Grido. Wir können nicht voneinander lassen. Wir werden uns auch immer mögen, wenn sie längst ihren Historiker geheiratet hat. Der weiß das auch, und seine Eifersucht wird nie wirklich aufhören. Sie wird früh sterben. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod ruft sie mich an, ich sitze im Obstgarten meines Bruders an einem See in Schleswig-Holstein und habe da zum ersten Mal in meinem Leben ein mobiles Telephon in der Hand. So kann ich im Garten sitzen, während wir unser Leben und unsere Liebe Revue passieren lassen.


Ich bin mit ihm seit einem Vierteljahrhundert verheiratet, aber er ist immer noch eifersüchtig auf Dich, sagt sie. Sie weiß, dass sie in wenigen Monaten sterben wird, ihre Familie hat ihr zum Abschied noch einen Flug nach Hongkong geschenkt. Ich weiß nicht, was ich tun und sagen soll. Ich nehme mir nach dem Telephongespräch das neue Rennrad meines Bruders und knalle damit nach zwanzig Metern gegen das Hoftor. Niemand hat mir gesagt, dass dieses Rad keine Rücktrittsbremse hat. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich hätte jetzt gerne das Portrait von ihr im Jugendheim Alt-Aumund wieder zurück, aber in Vegesack weiß keiner, wo es geblieben ist. So bleibt mir nur das Portrait, das mein Gedächtnis aufbewahrt. Ich wage es nicht, ihr Bild noch einmal zu malen.

Die Universität Kiel hat einen Zeichenlehrer, wie ich zu meinem Erstaunen bei der Immatrikulation feststelle. Diese Position gibt es schon seit dem 18. Jahrhundert, der Maler Theodor Rebenitz hat den Posten im 19. Jahrhundert einmal gehabt. Jetzt hat ihn H.H. Jessen. Der ist eigentlich an der Muthesius Kunsthochschule, aber er gibt diesen Kurs im Rahmen des kulturellen Angebots des Studentenwerks, wo man ja auch Theater spielen oder Filmemacher werden kann. Jessen legt großen Wert darauf, dass er der Universitätszeichenlehrer ist, obgleich es diese Position eigentlich offiziell schon lange nicht mehr gibt. Bei ihm lernt man Zeichnen von der Pike auf. Im ersten Semester werden nur kleine Vierecke und Würfel gezeichnet, Perspektive geübt, Seiten zart schraffiert. Aktmodelle hätten jetzt natürlich mehr Pep, aber wir sind bei den kleinen Vierecken und Würfeln. Ich bin darüber eigentlich schon hinaus, aber meine Abstraktionen von Würfeln gefallen ihm ganz und gar nicht, also fange ich wieder ganz unten an. Zeichne blitzsaubere rechte Winkel, schraffiere parallel wie mit einem Lineal.

Detlev steigt an dieser Stelle aus dem Kurs aus, das hier ist unter seiner Würde. Detlev kann perfekt naturalistisch zeichnen. Sein Vater war Bauhausprofessor, er hat das Talent geerbt. Wir lernen alles über das Gewicht von Papierbögen, die Härte von Bleistiften, das ist schon substantiell. Allerdings wird es auch bei der langsamen Gründlichkeit Semester dauern, bis wir endlich draußen in der Natur sind. Dann ist unser Zeichensaal der alte Botanische Garten an der Kieler Förde. Inzwischen sind wir auch schon zu lavierten Federzeichnungen vorgedrungen. Ich sitze oben auf dem kleinen Pavillion und schaue über die Förde unter mir, warum das jetzt zeichnen? Mein Kopf speichert die Bilder sowieso.

Einmal wird Jesssen uns am Semesterende zu sich nach Hause einladen und wird am Ende des Abends Mappen voller Aquarelle hervorholen. Er ist im Krieg in einer Propagandakompanie gewesen und hat den ganzen Russlandfeldzug gezeichnet und mit farbiger Tusche laviert. Die Mappen sind chronologisch geordnet. Die ersten Bilder zeigen noch eine Sommerlandschaft mit Birkenwäldern. Die von denen Hermann Bollenhagen gesprochen hat. Dann wird die Landschaft karger, die Grüntöne sind nicht mehr in der Landschaft, nur noch in den Wehrmachtsuniformen. Dann wird alles grau und weiß, der russische Winter ist da. Die Wehrmacht hat nicht so viel von Napoleons Feldzug gelernt. Auch wenn das Beresinalied der Schweizergarden damals noch in manchen Liederbüchern stand. Da, in der letzten Mappe, wo die Bilder immer weißer werden, wie das Ende von Arthur Gordon Pym, hätte auch das Bild Der Chasseur im Wald von Caspar David Friedrich eingeklebt sein können.

Mein Vater hat nicht nur ein halbes Dutzend Kapitäne zu Freunden, er kennt auch richtige Künstler. Willy Mrowetz geht bei uns ein und aus, bei seinem Bruder werde ich einmal Malunterricht haben, und beinahe immer wenn wir Oma in Blumenthal besuchen, fahren wir bei Willi Vogel vorbei, von dem dieses hübsche Bild der Vegesacker Strandstraße stammt. Willy Mrowetz ist mein Lieblingskünstler, er könnte auf dem Jahrmarkt als Schnellzeichner auftreten, er kann Zauberkunststücke, einen Salto aus dem Stand rückwärts (auch noch im hohen Alter), und gibt man ihm eine Puppe in die Hand, wird er zum Bauchredner. Seine Frau Elfriede ist ein Gesamtkunstwerk, sie muß Stunden des Tages vor dem Spiegel verbringen, um in solch abgestuften Farbtönungen von den Schuhen bis zur Spitze der beehive Frisur auftreten zu können. Und immer in anderen Farben. Ich bewundere das.

Willy kriegt im Alter noch eine Beamtenstelle beim Bremer Bauamt und überwacht die an den Häusern Bremens angebrachte Reklame. Ich bin froh für ihn, dass er diese Stelle mit einer Rentenberechtigung noch bekommen hat, er ist sonst als kommerzieller Künstler nicht so erfolgreich. Nur vom Design für Kneipenschilder wie dem Weißen Hirschen in Walle kann man auch nicht leben. In dem Lokal gucken wir häufig bei der Rückfahrt von Bremen vorbei, mein Vater kennt den Wirt Rohlwing genauso wie die beiden Brüder Mrowetz seit den dreißiger Jahren.

Die Zahnbehandlungen hat Willy bei meinem Vater immer umsonst. Dafür malt er auch den Partykeller mit weinflaschenschwingenden Mönchen aus und verziert das Wochenendhaus in Zwischenahn mit Darstellungen des Bremer Rolands, der Stadtmusikanten und so weiter. Willy redet kein Wort mehr mit seinem Bruder Emil, es muss da irgendwann ein Zerwürfnis gegeben haben, an dem auch die Ehefrauen nicht unbeteiligt waren. Emil ist ein ernsthafter Künstler, Manfred Hausmann wäre von ihm begeistert. Utes Tante auch. Er entwirft sakrale Skulpturen. Schon sein Vater war Bildhauer und Altarbaumeister. Er ist im gleichen Jahr geboren wie mein Vater, ist das neunzehnte von einundzwanzig Kindern. Wenn es nach mir ginge, dann hätte ich ja lieber Unterricht im Schnellzeichnen bei Willy gehabt, aber mein Vater schickt mich zu dem richtigen, großen Künstler.

Gut, ich meine das damals ironisch, wir werden auch nicht miteinander warm. Er ist nett, keine Frage, aber er ist eben nicht Willy. Bei ihm ist alles durchgeistigt, er sieht auch so aus, wie man sich in den fünfziger Jahren einen durchgeistigten Künstler vorstellt. Er sieht ein wenig aus wie Arno Schmidt, aber vielleicht liegt das auch an der scheußlichen fünfziger Jahre Brille. Er ist auch kein Pädagoge, ich werde in seinem kalten Studio in der Neustadt nichts Substantielles lernen. Bei Recker lerne ich, wie man eine Leinwand grundiert, wie man Bleiweiß verwendet, wie man einzelne Schichten aufträgt, wie man den Spachtel einsetzt (mit dem Spachtel ist Recker gut). Das ist eigentlich das, was ich lernen will, the tricks of the trade.

Emil Mrowetz‚ Bilder und Zeichnungen (von denen ich noch etliche besitze) sind wahrscheinlich auch nicht sein Hauptwerk, er wird für seine Reliefs und Skulpturen berühmter werden. Bis 1973 ist er Vorstandsmitglied des Bremer Künstlerbundes. Zu seinem 85. Geburtstag wird der Bremer Hauschild Verlag eine Werkschau seines Schaffens herausgeben. Manches von dem, was da abgebildet ist, steht oder hängt in den Wohnzimmern unseres Hauses. Er wird irgendwann von Bremen nach Uchte, dem Heimatort seiner Frau, ziehen. Dort wird es 2002 eine Emil Mrowetz Stiftung geben, die sein Hauptwerk ausstellt. Ich werde ihm und seiner Stiftung nach dem Tod meiner Eltern zahlreiche Werke schenken, was ihn sehr glücklich macht.

Ich hätte auch nicht gewusst, wo ich sie hätte hintun sollen. Ich bin gerade beim Umziehen und muß mich eh von vielem trennen. Gabi schickt mir eine Karte, auf der Claude Chabrol abgebildet ist. Daneben steht der Satz On ne peut pas tout avoir. Et puis d’abord où le mettrait-on? Mrowetz schenkt mir ein Aquarell aus den fünfziger Jahren im Gegenzug, wohin damit? Ich mag es nicht, aber den geschnitzten Frauenkopf von ihm aus den fünfziger Jahren habe ich immer behalten. Obgleich der als Kunstwerk nicht gegen die kleine Skulptur von Onkel Karl bestehen kann. Onkel Karl ist die internationale Moderne, der Frauenkopf von Mrowetz ist religiöses Kunstgewerbe.

Meine Karriere als Maler vertrocknet irgendwann wie die Ölfarbe. Ich verbringe mehr Zeit im Photolabor, das ich im Keller des Hauses habe (dort entwickle ich auch die Röntgenfilme für meinen Vater) als vor der Leinwand. Ich hätte ein guter Gebrauchsgraphiker werden können. Vieles, was heute als Kunst verkauft wird, hätte ich auch hingekriegt. Ich bringe gute Fälschungen von Jasper Johns American Flag zustande, die sich meine Freunde ins Wohnzimmer hängen. Meine blauen Meereslandschaften aus der Spraydose kommen auch gut an (sogar eine richtige dänische Malerin findet die gut). Ich zeichne für Heidi ein Kinderbuch Aus dem Leben eines Maulwurfs, aber das ist es dann auch. Ich kann ja nach der Pensionierung wieder damit anfangen, sage ich mir. Wie Gerhart Hauptmanns Michael Kramer weiß ich, dass mir der ganz große Wurf nie gelingen wird. Wenn ich das technische Können von Odd Nerdrum hätte, das wäre es gewesen. Nicht dass ich so gemalt hätte wie er, nur allein zu wissen, dass man so malen könnte. Wenn ich eines Tages mit dem Bloggen aufhöre und wieder einen Bleistift, eine Feder oder einen Pinsel in die Hand nehme, dann fälsche ich Aquarelle von Thomas Girtin oder John Sell Cotman, das habe ich mir schon fest vorgenommen.

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Hans am Ende

Das erste Bild des Worpsweder Malers Hans am Ende sah ich vor Jahrzehnten im Wohnzimmer der Eltern einer Freundin. Es war eine dieser Landschaften, die sofort Worpswede sagen. Es war ein großes Bild, zu groß für das kleine Wohnzimmer, es schrie förmlich danach, an den Wänden einer Kunsthalle zu hängen. Ich fragte, von wem das Bild sei, man sagte mir, dass es von Hans am Ende sei. Ich hatte den Namen noch nie gehört. Wir hatten zu Hause ein halbes Dutzend Overbecks, und ich kannte Leute, die Modersohns besaßen. Worpsweder waren chic im Bremen der fünfziger Jahre, selbst wenn es nur eine Radierung von Vogeler oder eine signierte Photographie von Hans Saebens war. Aber Hans am Ende, wer war das? Er ist wahrscheinlich heute noch immer der Unbekannteste aus der Worpsweder Gründergeneration.

Das hier sind der Maler Hans am Ende und seine Frau Magda vor ihrem vom Berliner Architekten Otto March (dessen Sohn das Reichssportfeld bauen wird) entworfenen Haus in Worpswede. Die große Villa war so gebaut worden, dass der Maler einige Räume an seine Schüler und Schülerinnen vermieten konnte. Paula Modersohn-Becker schrieb nach einem Besuch des Hauses in ihr Tagebuch: Ich war einen Abend bei am Endes, der wirkte wie warmer, lauer Frühlingsregen und Frühlingssonnenschein auf mein Gemüt. Die Zartheit der Liebe, mit der diese beiden Menschen verkehren, durchleuchtet ihr ganzes Häuslein mit rosenrotem Licht. Und jeder, der diese Atmosphäre atmen darf, muß auch zart und weich werden. 

Er ist eine weiche Künstlerseele mit strengem, keuschem Formensinn. Dürer und Donatello, Botticelli, die liebt er. Die hängen in schönen ernsten Rahmen an seinen Wänden. Und er lauscht den Schwingungen der andern Seele. Er versteht das Unausgesprochene und antwortet unausgesprochen. Dieses Zwiegespräch bringt das ganze Sein in liebliche Schwingungen. Und dann sein Weiblein. Sie hat ein Herz, vor dem man knien möchte. Sie haßt die Spinnen. Sie haben für sie etwas Niedriges. Und doch, wenn sie in ihrem Schmuckkästlein von Haus eine findet, nimmt sie ihre Feindin mit ihrer großen Liebe in dem kleinen Herzen und setzt sie hinaus vors Fenster, auf daß sie doch froh weiterlebe. 

Die von Otto March (dessen Neffe Werner Hegemann das berühmte Buch Das steinerne Berlin: Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt schreiben wird) gebaute Villa ist heute ein Hotel. Der Barkenhof, das benachbarte Haus, das sich Heinrich Vogeler gebaut hatte, ist heute ein Museum. Weil Vogeler berühmter ist als Hans am Ende. Ich weiß nicht, aus welchen Gründen der Maler nie so berühmt geworden ist wie seine Kollegen. Es gibt nicht sehr viel Literatur zu ihm, keine relevanten Kataloge, Ausstellungen und solche Dinge.

Dabei ist er technisch, vor allem in seinen Radierungen, vielen seiner Kollegen überlegen, eine seltene Reife und Sicherheit der Technik attestierte ihm Rilke. Der Maler liebäugelt vielleicht auch ein wenig mit dem französischen Impressionismus, wie man an dieser Ölskizze sehen kann. Er selbst sieht sich kaum als Impressionisten, redet eher ironisch von den franzosentollen Impressionisten mit deutschem Namen. Den von Carl Vinnen initiierten Protest deutscher Künstler hat Hans am Ende selbstverständlich unterschrieben.

Rilke, der über den Tellerrand von Worpswede hinwegguckt, hat Hans am Ende den Daubigny vom Weyerberg genannt. Bei Daubigny fällt mir immer das scheußliche grün-schwarze Bild in der Kunsthalle Bremen ein, aber Daubigny  hat natürlich auch ganz andere, hellere Bilder gemalt. Nach langen Jahren des Wartens muss an dieser Stelle auf ein Wunder hingewiesen werden: der Online Katalog der Kunsthalle Bremen funktioniert! Als die Worpsweder 1895 zum ersten Mal in der Bremer Kunsthalle ausstellten, konnte man bei einem Kritiker lesen: Vor allem Hans am Ende … gelangte zu einer Landschaftsmalerei, die mit ihrer hellen Farbpalette und atmosphärisch dichten Bildwirkungen in die Nähe impressionistischer Bildsprache gelangte.

Hans am Endes Vater war Divisionspfarrer gewesen, und das Militär, in dem der Maler bis zum Hauptmann aufsteigt, wird sein Leben bestimmen. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, meldet er sich (wie sein Nachbar Heinrich Vogeler) sofort als Freiwilliger. Eigentlich ist er mit fünfzig zu alt für einen Frontoffizier, 1918 ist er tot. Sein Nachbar Vogeler ist da zurück auf seinem Barkenhof, nachdem er zuvor zwei Monate in der Bremer Irrenanstalt war, weil er dem Kaiser einen Friedensbrief geschrieben hat. Seine Ehefrau wird über den Tod des geliebten Mannes nicht hinwegkommen, sie schottet sich mit ihren Hunden immer mehr von der Außenwelt ab und begeht am Ende des Zweiten Weltkriegs Selbstmord.

Dieses Bild könnte den Eindruck vermitteln, dass der Hauptmann am Ende während des Krieges nur ein Schlachtenmaler gewesen ist. Er hat zwar immer wieder gemalt und gezeichnet, aber die weiche Künstlerseele von der Becker-Modersohn spricht, war ein pflichtbewusster Infanterieoffzier. Mit vorbildlichem Fleiß, mit eiserner Pflichterfüllung, bildete er seine Offiziere und Mannschaften zu echten deutschen Soldaten heran. Seiner rücksichtslosen persönlichen Tapferkeit, seiner nie versagenden Tatkraft, dankt das Regiment manchen schönen Erfolg, schrieb sein Kommandeur nach am Endes Tod über seinen an der Spitze seines Bataillons auf dem Schlachtfelde von M verwundeten Offizier.

Der Ortsname wird aus Geheimhaltungsgründen nicht angegeben. Das M steht für Messines, wir sind in der Vierten Flandernschlacht. Hier aus dem Flugzeug von Hans am Endes englischen Malerkollegen Richard Carline gemalt. Der Kemmelberg hier ist mir seit Kindertagen vertraut, mein Opa war in der Ersten Flandernschlacht. Die Verwundung bei dem Sturmangriff schien am Anfang nur leichter Art zu sein, doch der Granatsplitter hat innere Organe verletzt. Hans am Ende stirbt am 9. Juli 1918 in einem Lazarett in Schwerin an den Folgen der Verwundung. Seine Beisetzung fand in Bremen statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand man sein Grab in den Trümmern des Friedhofs, man brachte den Grabstein nach Worpswede und setzten ihn mit auf das Grab seiner Frau.

Hans am Ende gehörte mit Fritz Mackensen, mit dem er seit seiner Miltärzeit befreundet war, und den Malern Otto Modersohn, Heinrich Vogeler und Fritz Overbeck zu den Gründern der Worpsweder Künstlerkolonie. Mit Ausnahme von Mackensen, der ihn nach Worpswede gelockt hatte, hatte er in dem Bauerndorf wenig Freunde. Aber er hatte Schüler. Zum Beispiel Walter Bertelsmann, den man als den letzten Worpsweder bezeichnet hat. Und die Bremerin Anna Feldhusen wird bei ihm die Kunst der Radierung erlernen. In der er auch seinen Nachbarn Vogeler unterrichtet. Hans am Ende ist der erste Worpsweder, der sich der Druckgraphik zuwendet. Da ist Rembrandt sein großes Vorbild, aber auch Max Klinger ist für ihn interessant.

Die Radierungen haben insbesonders Rainer Maria Rilke interessiert, der ausführlich über sie geschrieben hat: Dann giebt es ein zweites Blatt. Ein Haus, hell, weit zurückgeschoben, am Rande einer Blumenwiese. Dünne Birken stehen licht davor und werfen lange Morgenschatten in das Gras. Und dann giebt es ein Bild: Blütenbäume, nichts als eine Reihe blühender Bäume in weitem ebenen Land; eine Frau, die die Arme hebt, ein Kind: Millet klingt an, aber es ist noch mehr wie Jacobsen es geschrieben hat: »Blütenweiß stehen, Bouquette von Schnee, Kränze von Schnee, Kuppeln, Bogen, Guirlanden, eine Feenarchitektur von weißen Blüten mit einem Hintergrunde von blauestem Himmel«. Solche Momente sind köstlich: wie wenn man am Abend bei einem einsamen Landhaus vorübergeht; man hört Musik, aber, wie man stehen bleibt, um zu lauschen, ist sie verklungen. Und nun steht man und wartet. Es sind Minuten voll Nachklang, Stille und Ungewißheit. Was wird nun kommen: etwas Frohes, etwas Mächtiges oder wird man hören wie das Klavier geschlossen wird? So sind diese Blätter, so ist dieses Bild: Pausen, Intervalle voll Nachklang, Stille und Ungewißheit. Sie sind selten bei Am Ende, dessen Kunst eigentlich Musik ist.

Was wäre aus Hans am Ende geworden, wenn er nicht 1918 gestorben wäre? Wäre er Nazi geworden wie sein Freund Fritz Mackensen? Wir wissen es nicht, konservativ und national ist er durchaus gewesen, er teilte viele der Anschauungen, die Mackensen schon früh äußerte. Denn beinahe gleichzeitig mit der Gründung der Worpsweder Künstlerkolonie war das Buch Der Rembrandtdeutsche von Julius Langbehn erschienen, eine Kulturgeschichte der Heimatkunst, die direkt zum Nationalsozialismus führte. Wir lassen mal diese Spekulationen und geben Rilke das letzte Wort:

Hans am Ende malt Musik, und die Landschaft, in der er lebt, wirkt musikalisch auf ihn. Darum sieht er sie nicht mit der stillen, sachlichen Ruhe des Malers an und versenkt sich nicht in sie mit des Dichters lauschenden Sinnen. Er ist ergriffen von ihr, hingerissen, emporgehoben und hinabgezogen. Er malt sie, gleichsam im Kampfe mit ihr; als ob einer die Welle malte, die über ihm zusammenschlägt. Darum wächst sie ihm so über alle Maße hinaus, darum haben seine Formen, obwohl sie so stark und wirklich sind, doch etwas Unabgeschlossenes: als ob sie noch weiter wachsen wollten, um, wie jede Form in der Musik, endlich, an einem Punkte höchster Spannung, abzubrechen, sich aufzulösen, ein neues Leben zu beginnen.

Lesen Sie auch: Worpswede, Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck, Ich bin nicht sentimental, Anna Feldhusen, Otto Ubbelohde, Fritz MackensenNiedersachsenstein,

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Ich bin nicht sentimental

Der Satz ist nicht von mir. Ich bin sentimental. Wenn Sie diesen Blog regelmäßig lesen, wissen Sie das. Spätestens seit Sie den Post Wiederholungen gelesen haben. Nein, dieses Ich bin nicht sentimental, hat Fritz Overbeck auf die Frage geantwortet, ob er nicht manchmal Lust verspüre, nach Worpswede zurückzukehren. Er hatte sich eine Villa am Ortsrand von Vegesack gekauft, mit großem Garten, den er hier gemalt hat. Fast ist es mir unheimlich, und fast demütig muß ich denken, womit ich denn das alles verdient habe, schrieb er nach dem Umzug.

Er war der Sohn eines Direktors des Norddeutschen Lloyds, war auf dem Alten Gymnasium in Bremen gewesen und hatte danach in Düsseldorf studiert. Otto Modersohn hatte ihn nach Worpswede gelockt, aber seine Wohnung in Bremen hatte Overbeck erst einmal behalten. Nach dem Umzug nach Vegesack hatte  er 1908 an Modersohn geschrieben: Wir Worpsweder haben in den letzten Jahren, abgesehen von deiner Frau, im Grunde doch nichts hervorgebracht, das uns stolz machen könnte – nimm mir das nicht übel – und und ich halte nichts für verfehlter und schädlicher, als als vorurteilsvoll seine Augen gegenüber den Leistungen anderer zu verschließen.

Overbeck hat seine Villa und seinen Garten nicht lange genießen können, heute vor 110 Jahren ist er gestorben, er war noch keine vierzig Jahre alt. Als Sterbeort wird Bröcken bei Vegesack angegeben, das suggeriert, dass es einen Ort mit dem Namen Bröcken gegeben hätte. Hat es nie, das ist nur eine Flurbezeichnung: Es muß noch etwas gesagt werden zu der in der Literatur und auch in dieser Darstellung verwendeten Ortsbezeichnung „Brocken bei Vegesack“. „Auf dem Brocken“ hieß es damals. „Brocken“, „Krümpel“ oder „Rahland“, das waren die Namen von kleinen Erhebungen beiderseits des Schönebecker Auetals, die damals von heckenumsäumten Äckern und Waldstücken überzogen waren, heißt es 1989 im Jahrbuch der Wittheit zu Bremen.

Heute heißt dort in Schönebeck noch eine ganz kleine Straße Bröcken. Die Straße Auf dem Krümpel gibt es auf der anderen Seite der Schönebecker Aue auch. Wir nannten allerdings die riesige Wiese daneben auch den Krümpel. Wenn die im Winter überflutet und mit Eis bedeckt war, war es eine wunderbare Fläche zum Schlittschuhlaufen. Overbecks Frau Hermine, die auch Malerin war, hat von dem Haus (das sie hier gemalt hat) in den ersten Jahren wenig gehabt, da sie lange wegen ihrer Tuberkulose in Davos war. Overbeck hat sie dort besucht und viele Schneebilder gemalt. Eins davon besitze ich, dieser pappige Schnee ist furchtbar langweilig.

Mein Opa hatte Overbeck gekannt, meine Mutter kannte Overbecks Tochter, die für uns nur das Fräulein Overbeck war. Sie hockte einsam und verarmt in der Villa, auf die ihr Vater so stolz gewesen war. Bei mir an den Wänden hängen zwei Overbecks, der eine ist das Schneebild, der andere eine Dünenlandschaft, die Overbeck 1904 auf Sylt gemalt hat. Die ist auch furchtbar langweilig. Mein Bruder hat auch zwei Overbecks, einen Torfkahn auf der Wümme und eine Sylter Düne. Das Bild mit dem Torfkahn habe ich auch, ist aber eine Fälschung, liebevoll von meiner Mutter kopiert. Im Kopieren von Worpswedern war sie gut. Worpsweder sind leicht zu kopieren. Wenn man sich die Bilder anschaut, die zur selben Zeit in der Malerkolonie in Skagen gemalt werden, dann wird man Overbecks Satz Wir Worpsweder haben in den letzten Jahren, abgesehen von deiner Frau, im Grunde doch nichts hervorgebracht, das uns stolz machen könnte zustimmen.

Für den Maler Fritz Overbeck gab es vor Jahren schon den Post Fritz Overbeck. Und in dem Post Worpswede steht auch einiges über ihn. Sie könnten auch noch lesen: Heinrich VogelerAnna FeldhusenOtto UbbelohdeNiedersachsenstein und Fritz Mackensen. Dann wissen Sie alles über Worpswede.

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