Camille in grün

 

Das Bild der 19-jährigen ➱Pariserin (die viel älter aussieht) hängt in Bremen in der ➱Kunsthalle, schon über hundert Jahre. Der Direktor Gustav Pauli (dessen Gattin den schönen Roman ➱Sommer in Lesmona geschrieben hat) hat es für 50.000 Mark mit der finanziellen Hilfe des zwei Jahre zuvor gegründeten Galerievereins gekauft. 50.000 Reichsmark sind viel Geld im Jahre 1906. Es gab einige Kritik (weil jetzt die Franzosen überwiegen und weniger ➱Worpsweder gekauft werden) an dem Ankauf des Bildes, das der erste Besitzer Arsène Houssaye einmal für 800 Francs gekauft hatte.

Er hatte es dem Pariser Musée du Luxembourg als Geschenk versprochen, aber sein Sohn hat sich nach dem Tod des Vaters nicht an das Versprechen gehalten. Ich hätte mir gewünscht, dass Gustav Pauli damals einen Manet gekauft hätte. Monet ist nicht so mein Ding, obgleich er in diesem Blog schon häufiger erwähnt worden ist, so ist es ja nicht. Wenn Sie alles über La Dame à la robe verte wissen wollen, kann ich heute mal den ➱Wikipedia Artikel empfehlen. Manchmal gibt es in diesem Lexikon ja auch gute Lemmata.

Monet hat das Bild in vier Tagen gemalt (er musste sich Geld leihen, um die Farben zu kaufen), weil er das geplante gigantische Frühstück im Grünen nicht fertig bekam, um es rechtzeitig dem Salon zu präsentieren. Auf dem erhalten gebliebenen linken Teil des zerstörten Bildes können wir seine Geliebte Camille Doncieux (und seinen Freund Frédéric Bazille) sehen. Camille ist wieder in Rückenansicht zu sehen, die Damenkleider sind offensichtlich dafür konzipiert, dass man entschwindenden Frauen nachschaut. Wenig später kommt die Mode des cul de Paris, die den Po der Damen noch mehr betont, als es diese Röcke vermögen

Es gibt eine schöne kleine Geschichte über die Enstehung des Bildes. Gustave Courbet besucht Monet in seinem Studio und kritisiert das im Entstehen begriffene Déjeuner sur l’herbe, er schlägt Änderungen vor. Als Camille das Studio betritt, findet sie ihren Geliebten verzweifelt auf dem Boden hockend. Das Déjeuner sur l’herbe sollte eine Sensation im Salon werden, nun ist alles dahin. Camille hört sich das alles an, aber die Larmoyanz des Künstlers geht ihr auf den Keks, sie rauscht hinaus. Und das ist es, was Monet in diesem Augenblick sieht – das Hinausrauschen im knisternden Seidenkleid, diesen Augenblick der Bewegung. Eingefroren. Sofort malt er eine kleine Skizze (heute im Rumänischen Nationalmuseum in Bukarest).

Es ist eine schöne Geschichte, se non è vero, è ben trovato, aber wir leben nun mal von den guten Geschichten, wenn wir die wirklichen Ereignisse nicht kennen. Viele Interpreten haben dieses Hinausrauschen betont, aber wenn man in Bremen vor dem zwei Meter einunddreißig mal einseinundfünfzig großen Schinken mit dem fetten Goldrahmen steht, da bewegt sich nichts. Wenn man gut gemalte Kleider sehen will, dann muss man sich Bilder von ➱Franz Xaver Winterhalter (Bild) anschauen, nicht Monets Camille.

La Dame à la robe verte bekam großen Zulauf und gute Kritiken. Ernest d’Hervilly schrieb in seinen Les poèmes du Salon ein kleines Gedicht:

Parisienne, ô reine! — O noble créature 

Qui force le satin splendide à se traîner 

Royalement au gré de ta désinvolture 

Sur les parquets jaloux qui veulent te faner; 

Parisienne, ô reine! — O femme triomphante!

Depuis ton chapeau fou, tulle, velours noir, or, 

Jusqu’à tes pieds mignons qu’envirait une infante, 

Te voilà peinte ici. Salut!

Es gibt da im Internet auch noch ein Gedicht von einem gewissen Christophe Fricker, der ein Meister der Selbstdarstellung ist. Das Gedicht, in dem der Maler zu seiner zwanzigjährigen Geliebten spricht, findet sich bei Christophe Fricker Online:

Das Weiß deines Blicks ist nicht echt, und die Farbe

der Haut deiner Hand, die du keinem reichst,

und die Farbe der Haut deines Halses sind auch nicht echt.

Nur so selten zeigst du dein Gesicht.

Du bist nur ein Kleid, das sich mir nicht stellt,

du bist eine Haltung, die mir nicht gefällt.

Ich glaube nicht, dass das der Höhepunkt der neueren deutschen Lyrik ist. Da ist das Gedicht von Raisa Goldflowing über ➱Effi Briest viel besser.

La Femme à la robe verte ist ein Bild, das in jedem französischen Modemagazin erschienen sein könnte, von diesen Modemagazinen sind zwischen 1830 und 1860 achtzig verschiedene Titel erschienen. Die Pariser Haute Couture, die von einem Engländer namens ➱Charles Frederick Worth erfunden wurde, wird immer wichtiger für die Malerei. An dieser Stelle sollten Sie diesen schönen ➱Blog anklicken und in diesem Blog den Post über die ➱Haute Couture lesen. Ich möchte einmal betonen, dass in diesem Blog nicht nur immer Herrenmode, sondern durchaus auch Damenmode vorkommt. Klicken Sie doch mal eben den Post ➱Damenmode an.

Ich nehme an, dass Edouard Manet das nicht ironisch gemeint hat, als er sagte: la dernière mode, voyez-vous, la dernière mode pour une peinture, c’est tout à fait nécessaire, c’est le principal. ➱Anders Zorn wusste das längst, der ließ sich von Otto Bobergh beraten (das grüne Kleid hier ist aus dem Hause Worth & Bobergh). Auch Emile Zola war von dem grünen Kleid Monets beeindruckt: Ich gestehe gern: das Bild, das mich am längsten festgehalten hat, ist die ‚Camille‘ von Monet. Eine energische und lebendige Malerei. Ich war rasch durch die kalten und leeren Säle geeilt, müde, keinem neuen Talent begegnet zu sein, als ich diese junge Frau erblickte, wie sie ihr Kleid nachschleppen lässt und dabei in die Wand hineintaucht, als ob es da ein Loch gäbe. Sie können sich nicht vorstellen, wie angenehm es ist, einmal ein wenig bewundern zu können, wenn man davon erschöpft ist, dass man nur lachen oder die Achseln zucken musste. 

Ich kenne M. Monet nicht…, aber ich muss ein alter Freund von ihm sein, weil mir nämlich sein Bild eine ganze Geschichte von Energie und Wahrheit erzählt. – Wahrhaftig – hier ist ein Temperament, ein Mann in der Menge dieser Eunuchen… Hier ist mehr als ein Realist, hier ist ein feinfühliger und starker Interpret, der jedes Detail zu geben versteht, ohne dass er ins Trockene verfiele. – Dieses Kleid! Es ist geschmeidig und fest. Es schleppt weich hinterher, es lebt und sagt gerade heraus, wer diese Frau ist. Das ist nicht das Kleid einer Puppe, keiner von diesen Seidenchiffons, mit denen man Träume behängt; das ist gute Seide…

Die Frau im grünen Kleid sieht wie eine Dame der Bourgeoisie aus. Ja und nein, Camille Doncieux kommt zwar aus dem Kleinbürgertum – so wie ➱Brigitte Bardot aus der Bourgeoisie kommt – aber sie arbeitet längst als Modell für verschiedene Maler. Und wird Monets Geliebte. Alles weitere erzählt uns dieses Buch: Dämmerung setzt ein, als der Schein einer Schaufensterlampe den jungen, noch unbekannten Maler Claude Monet in eine Pariser Buchhandlung lockt. Dort lernt er Camille Doncieux, ein Mädchen aus reichem Hause, kennen und verfällt vom ersten Augenblick an ihrer Schönheit. Um ihre Liebe leben zu können, müssen sich die beiden gegen alle gesellschaftlichen Konventionen durchsetzen. Doch schon bald stellt sich heraus, dass ihr Glück vielmehr von Monets maßloser Leidenschaft zur Malerei überschattet wird …

Das Bild von Monet zierte den Erweiterungsbau der Bremer Kunsthalle, der 1906 vollendet wurde. Für den, wie für den Ankauf des Monets, keinerlei öffentliche Mittel geflossen waren. Es sind private ➱Spender, die das Ganze finanzieren. Vierhundertausend Taler kommen von Carl Schütte, dreihunderttausend von Aitsch-aitsch Meier Junior.

Dass ihm Arsène Houssaye 1868 achthundert Francs für die grüne Camille bezahlt hat, war die Rettung für Monet. Er lebte mit Camille in bitterer Armut, seinen ein Jahr zuvor geborenen Sohn Jean hat er natürlich gleich gemalt. Aber das Bild täuscht nur ein Familienglück vor. Während der Schwangerschaft hatte er seine zwanzigjährige Geliebte sitzen lassen, um sich bei seinem Vater und seiner reichen Tante seinen Scheck zu sichern. Zur Geburt des Kindes ist er immerhin für einige Tage bei Camille. Drei Jahre nach der Geburt des Sohnes heiraten Monet und Camille endlich, Camille bekommt von ihren Eltern 1.200 Francs als Mitgift. Die aber so angelegt sind, dass Monets Gläubiger nicht an das Geld kommen.

Das junge Ehepaar verbringt den Sommer in Trouville, wo Monet eine ganze Serie von Studien mit Camille am Strand malt. Lichtdurchflutet, nicht dieses fiese Grün und Braun auf dem Bremer Bild. Dies Bild besitzt die National Gallery of Art in Washington, ich glaube, die würden es nicht gegen das Bremer Bild tauschen. Wird sich ➱Donald Trump, wenn er immer in Washington sein muss, jemals dieses Bild anschauen? Sein Verhältnis zur ➱Kunst ist ja etwas zweischneidig. Es hat Monet immer wieder an die französische Kanalküste gezogen, was kein Wunder ist, schließlich hatte der kleine Oscar hier seine Jugend verlebt. An dieser Stelle sollten Sie mal eben den Post ➱Eugène Boudin lesen.

Nach dem schönen Sommer in Trouville kommen schwere Zeiten, die deutsche Armee marschiert in Frankreich ein. Monet verläßt Frankreich und geht zusammen mit Pisarro nach London, er will nicht eingezogen werden. Seine Freunde Manet und Bazille sind da etwas patriotischer. Manet geht zur Nationalgarde (und dieser Wikipedia Artikel lohnt auch die Lektüre), Frédéric Bazille zu einer Zuaveneinheit, er fällt 1870.

Monet lernt in London die Bilder von ➱William Turner kennen. Und er lernt den Kunsthändler Paul Durand-Ruel kennen. Ich weiß nicht, welches der beiden Ereignisse wichtiger für ihn gewesen ist. Hat er für seine Bilder der Londoner Themse Turner gebraucht? Aber den Paul Durand-Ruel, den wird er brauchen, der wird seine Bilder verkaufen. Die ist das einzige Bild, das Monet von Camille in London malen wird.

Dies Bild von Camille auf ihrem Totenbett malt er 1879. Da hat er längst eine andere Frau im Haus, die er irgendwann heiraten wird. Sie heißt Alice Hoschedé, und es gibt da jahrelang eine seltsame ménage a trois, was sicherlich auch zu dem frühen Tod von Camille beigetragen haben wird. Ich nehme an, dass das auch in dem Roman Die Frau im grünen Kleid von Stephanie Cowell vorkommt, weil man uns versichert: Dieser Roman ist ein Praliné für Liebhaber historischer Romane, aber auch für Kunstinteressierte, die sich anspruchsvoll unterhalten lassen möchten. Unter anspruchsvoller Unterhaltung verstehe ich etwas anders.

Das hier auf dem Bild von John Singer Sargent ist nicht Camille, das ist Alice Hoschedé, die neue Frau in Monets Leben. Sie hat dafür gesorgt, dass nichts, aber auch gar nichts, mehr im Haus ist, was an Camille erinnern könnte. Monet und seinen Kindern bleibt nur die Erinnerung. Sargent hat der Frau, die über ihren malenden Mann wacht, kein Gesicht gegeben. Wenn wir ihr Gesicht sehen wollen, müssen wir uns schon das Bild von Charles Emile Auguste ➱Carolus-Duran anschauen.

Camille Monet liegt auf dem Kirchfriedhof von Vétheuil im Département Oise begraben. Es ist da nur eine bescheidene Steinplatte auf der steht: Camille Doncieux Epouse de Claude Monet 1847 – 1879. Mehr hatte er da nicht für sie übrig. Auch später nicht, als er richtig reich ist. Und Rolls Royces (lange vor ➱Georges Braque) fuhr (mit Chauffeur versteht sich). Es ist eine traurige Geschichte.

Claude Monet ist heute vor neunzig Jahren gestorben. Die goldene Schrift auf seinem Grab in Giverny, wo er in seinen letzten Lebensjahren nur noch seinen Garten, aber keine Frauen mehr malte, erwähnt unsere Camille, la dame à la robe verte, mit keinem goldenen Buchstaben.

Wahrscheinlich steht alles, was ich hier geschrieben habe, auch in dem Buch Monet und Camille: Frauenportraits im Impressionismus, das der Direktor der Kunsthalle Bremen Wulf Herzogenrath zusammen mit seiner Stellvertreterin Dorothee Hansen 2005 veröffentlicht hat. Habe ich mir damals nicht gekauft, weil Monet – wie gesagt – nicht so mein Ding ist. Habe es mir jetzt aber bestellt, man kann es noch preiswert bekommen. Ist auch sicherlich besser als Stephanie Cowells Die Frau im grünen Kleid. Die beste Interpretation des Gemäldes von Monet findet sich in dem Buch Das Gesicht: Aufsätze zur Kunst des ehemaligen Bremer Kunsthallendirektors Günter Busch. Das Buch ist bei Amazon Marketplace ab einem Cent zu haben, lohnt sich unbedingt.

Noch mehr Monet in diesem Blog: Kunsthalle BremenEugène BoudinLe TréportBertrand TavernierGustave CaillebotteBerthe MorisotWilliam Merritt ChaseThomas EakinsWinslow HomerLilla Cabot PerryJohn Peter RussellChristian RohlfsGeorges Braques Rolls RoyceArthur IlliesLilli MartiusFranco Costa

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unvollendet vollendet

 

Das hier vorne links, das ist er, der Maler Carl Philipp Fohr. Ohne Zylinder, eher in der altdeutschen Tracht. Diese ➱Tracht war zu Hause bei den Heidelberger Studenten sehr chic und revolutionär gewesen. Jetzt bringt er sie nach Italien. Der Kronprinz von Bayern, der Fohr in Rom kennenlernt, übernimmt die neue Mode. Ohne zu wissen, daß er damit die Tracht der studentischen Revolutionäre hoffähig machte.

Fohr hat seinen Hund bei sich, der ist mit ihm über die Alpen gekommen. Über ➱Die Hunde des Carl Philipp Fohr hat Peter Märker, der Leiter der Graphischen Sammlung des Hessischen Landesmuseums, ein schönes kleines Buch geschrieben. Die aquarellierte Federzeichnung da oben im ersten Absatz, die die deutschen Maler in Rom zeigt, ist von dem Architekten Heinrich Hübsch (ihn wird Fohr auch ➱zeichnen). Es ist wahrscheinlich das letzte Bild, auf dem der am 26. November 1795 geborene Maler zu sehen ist, denn im Sommer 1818 ist er beim Baden im Tiber ertrunken. Sein Hund Grimsel, der auch auf Fohrs Zeichnung von den Künstlern im ➱Antico Caffè Greco zu sehen ist, ist damals tagelang nicht von der Unglücksstätte am Tiber gewichen.

Mon petit Charles, hat sein Vater ihn immer gerufen. Und zart und zerbrechlich ist er gewesen. Mit dem petit Charles beginnt Peter Härtling auch seine ➱Erzählung über das junge Genie aus Heidelberg. Fohrs Vater Jacob hatte sich einst als junger Mann bei den Schweizer Truppen in französischen Diensten (lesen Sie mehr in ➱Kuhreigen) anwerben lassen und war nach zwanzig Jahren Militärdienst als Lehrer in der französisch-reformierten Wallonengemeinde in Heidelberg tätig. Das Französische war ihm zur Muttersprache geworden. Den Aufenthalt in Rom hatte unserem petit Charles ein Stipendium der Erbprinzessin Wilhelmine Luise von Baden finanziert, der er beinahe all seine Gemälde zuschicken würde. Viele sind es nicht, sie passen in eine Kiste. Nur sieben Gemälde gibt es von seiner Hand. Sein Freund Ludwig Sigismund Ruhl (mit dem der Hitzkopf Charles sich in Rom duelliert) wird ihn in der Technik der Ölmalerei unterweisen. Fohr geht da, wie wir im nächsten Absatz sehen können, keine großen Experimente ein. Klar voneinander abgesetzte Farben, wie sie die ➱Nazarener verwenden, beherrschen das Bild.

Die Zeichnung von Heinrich Hübsch im ersten Absatz findet sich auch in den ➱Bildern von Ludwig Richters Lebenserinnerungen eines deutschen Malers. Und damit sind wir mittendrin in der deutschen Romantik. Was wäre aus Fohr, dem Wunderkind der Romantik, geworden? Es ist eine Frage, die man immer wieder stellt, wenn ein Maler so jung stirbt. ➱Adam Elsheimer und Carel Fabritius waren zweiunddreißig als sie starben, Fohr ist zehn Jahre jünger.

Diese italienische Landschaft hat er ein Jahr vor seinem Tod gemalt. Es ist sein größtes Bild, das Bild der ➱Ritter vor der Köhlerhütte (unten) ist dagegen klitzeklein. Vielleicht sind Mutter (Fohrs Zimmerwirtin in Rom) und Kinder auf diesem Bild in zeitgenössischer Tracht dargestellt, aber die Musikanten links und die Ritter und Pilger rechts im Bild verweisen eindeutig auf das Mittelalter. Ins Mittelalter will die deutsche Romantik immer wieder hin. Für Peter Märker war die ➱Landschaft bei Rocca Canterano im Sabinergebirg ein Hauptwerk der Romantik. Für den nicht genannten Autor in der Zeit ist es das vollkommenste, was die deutsche Romantik, in ihrer süddeutschen Spielart, uns hinterlassen hat, ihr Jugendbild, das helle, weltfreundliche Gegenstück zur tiefsinnig norddeutschen Erdlebenmalerei.

Also, dieses Bild hier ist nicht von Fohr, das ist die Burg Scharfenberg bei Nacht. Wenn ich ein Bild aussuchen sollte, um die deutsche Romantik zu verdeutlichen, dann würde ich dieses Bild von Ernst Ferdinand Oehme aus Dresden nehmen. Der natürlich bei ➱Johan Christian Clausen Dahl und ➱Caspar David Friedrich gelernt hat, wie könnte es anders sein. Dahl und Friedrich haben hier längst Posts, aber wann habe ich schon mal die Gelegenheit, einen Oehme abzubilden?

Es sind viele Ritter in den Wäldern unterwegs in dieser ➱Zeit. Auf den Bildern der Maler oder in den Gedichten der romantischen Dichter. In den Balladen liegt der Ritter eher tot hinter der Hecke, bewacht von seinen Hunden, während die Raben auf ihr Abendessen warten. Auf jeden Fall in der Ballade ➱Die drei Raben, die Theodor Fontane auch übersetzt hat (lesen Sie mehr in ➱Chevy Chase und ➱Balladen).

Dieses Bild von Fohr heißt Der verirrte Ritter. Er scheint sich auf dem Gebilde meiner Phantasie, wie Fohr sein Bild bezeichnete, wirklich verirrt zu haben und kein knight errrant zu sein. Er reitet mit seinen Hunden in einen Wald voller Sonntagsspaziergänger.

Die Leute hier sind nett zu ihm, da kann er froh sein, dass er hier gelandet ist und nicht in dem Wald, in dem der Ritter ausruft: Jetzt kenn ich dich – Gott steh mir bei! Du bist die Hexe Lorelei. Sie müssen an dieser Stelle unbedingt in dem Post ➱Lurley weiterlesen. Und dann sollten Sie sich das Eichendorff Gedicht noch Anna Lucia Richter (die Sie aus dem Post ➱Liederkreis kennen) ➱vorsingen lassen.

Wie viele Maler der Romantik sucht auch Fohr die Nähe zur Literatur. Dieses kleine Bild (54 x 66 cm) macht nur Sinn, wenn man Friedrich de la Motte Fouqués 1813 erschienenen Ritterroman ➱Der Zauberring kennt, wo es über die Ritter vor der Köhlerhütte heißt: die Nacht war schon hereingebrochen, und stach mit ihrem tiefblauen Dunkel seltsam gegen die weißen Schneegipfel und die überreifen Forsten ab. Hell stand der Vollmond am Himmel, aber es strichen schwarze Wolken, wie mit Rabenfittichen, im eiligen Zuge darüber hin. ➱Arno Schmidt, der sicher nicht zu Unrecht auf sein Buch über de la Motte Fouqué stolz war (Fouqué habe ich – gottlob! – für die Deutschen gerettet) konnte sich für den Zauberring begeistern. Aber man muss schon ein ganz hartgesottener Arno Schmidt Fan sein, wenn man diesen Ritterroman lesen will. Als ich jung war, habe ich mal Achim von Arnims Die Kronenwächter gelesen. War ein schwerer Fehler (➱Gutzkows Roman ➱Wally die Zweiflerin zu lesen, war dagegen ein Vergüngen). Weshalb das Bild mit den Rittern vor der Köhlerhütte eins der Lieblingsbilder von Hitler war, weiß ich nicht. Aber ich hätte hier einen interessanten Aufsatz ➱Politische Symbolik in der deutschen Kunst, der eine Erklärung versucht.

Fohr hat in Rom im Studio von Joseph Anton Koch (der ➱hier einen Post hat) gearbeitet. Bei diesen Wasserfällen im Tivoli kann man sicher eine Nähe zu Koch finden. Doch Fohr wusste, dass er über Koch eigentlich schon hinaus war: Ich getraue mir nicht zuviel, wenn ich glaube, den berühmtesten Landschaftsmaler Koch in weniger Zeit noch zu übertreffen. Den nur sieben Gemälden steht eine unglaubliche Zahl von Zeichnungen und Aquarellen (ungefähr neunhundert) gegenüber, von denen das Hessische Landesmuseum in Darmstadt die meisten besitzt. Wenn man die Zeichnungen und Aquarelle betrachtet, bekommt man einen Eindruck von dem wirklichen Talent des Heidelberger Malers.

Dieses am Brenner gemalte Aquarell hätte auch ➱Claude Lorrain nicht besser hingekriegt. Auch wenn die Figuren auf seinen Landschaftsbildern manchmal seltsam ungelenk erscheinen, in seinen Zeichnungen ist Fohr ein Meister. Er zeichnet besser als Caspar David Friedrich. Das was ➱Horst Janssen kann, ist in der Romantik nicht jedem gegeben.

Zu Fohrs 200. Geburtstag im Jahre 1995 erschien der von Peter Märker herausgegeben Katalog Carl Philipp Fohr: Romantik – Landschaft und Historie, an dem auch ➱Jens Christian Jensen mitgearbeitet hatte. Im letzten Jahr ist bei Hirmer das 696-seitige Werksverzeichnis erschienen, das den schönen Untertitel Im Unvollendeten Vollendet hat. Das Werkverzeichnis ist leider sehr teuer, so dass sich für den normalen Kunstfreund der preislich erschwingliche ➱Katalog von 1995 anbietet.

Noch preisgünstiger sind diese Kissenbezüge mit Motiven aus Fohrs Bildern, die man bei Amazon bestellen kann. Der Händler garantiert aber keine Lieferung vor Weihnachten. Man fragt sich, was so etwas soll. Der Maler und Kunstschriftsteller Johann David Passavant hat über Fohr in seinen 1820 erschienenen ➱Ansichten über die bildenden Künste geschrieben: Wenig Künstler hat es wohl je gegeben, welche mit einer so reichen Phantasie, einem so großartigen Sinn für Formen und Farbe, und einer solchen Leichtigkeit begabt waren, die Natur in ihrem Charakter so lebendig aufzufassen und mit der größten Meisterschaft darzustellen, wie dieser Künstler, welcher erst 22 Jahre alt war, als der bekannte Unglücksfall seinem Leben ein Ziel setzte.

Passavant gehörte in Rom zu den Förderern des jungen Malers. Er war nicht der einzige. Die Erbprinzessin Wilhelmine habe ich schon erwähnt, dann sind da noch der preußische Gesandte Christian Karl Josias von Bunsen (er kommt mit seiner walisischen Gattin, einer Malerin, in dem Post ➱Kartätschenprinz vor) und der bayerische Kronprinz Ludwig. Und natürlich Caroline von Humboldt mit ihrem Salon, wo sich die deutschen Künstler gerne aufhalten (wenn sie nicht im Antico Caffè Greco hocken). Ich übte eine Gewalt über ihn aus, die er sich gar nicht zu erklären wisse, aber der er gern folge, hat Caroline von Humboldt geschrieben. War Fohr in die eine unkonventionelle Ehe führende Gattin von Wilhelm von Humboldt verknallt?

Bei seinem ersten Biographen Philipp Diefenbach findet sich in dessen kleiner Biographie (hier im ➱Volltext) ein seltsamer Satz: Als er bald darauf seine große Landschaft für seine Gönnerinn in Darmstadt beendigt hatte, besuchte ihn Frau von Humboldt in seiner Werkstätte, um sich von der Kraft seines Pinsels näher zu überzeugen. Und wirklich fand sie seine Arbeit so vortrefflich, daß sie den folgenden Tag den Bildhauer von Rauch zu ihm sandte, um ihm die Verfertigung eines Gemäldes aufzutragen und dafür die Summe von achthundert Gulden einzuhändigen. Ich weiß nicht, was Sie sich bei diesem um sich von der Kraft seines Pinsels näher zu überzeugen denken, aber ich glaube nicht, dass es das ist. Dies hier ist nicht die unkoventionelle Caroline, die Dame heißt ➱Sonja, gemalt von Christian Schad. Und warum ist sie hier? Weil der Maler der ➱Neuen Sachlichkeit Christian Schad ein Urgroßneffe des Heidelberger Malers Carl Philipp Fohr ist.

Das mit dem Kissenbezug und Sonja hätte nicht sein müssen, aber ich brauche immer so einen kleinen Gag zum Schluss.

Noch mehr Romantik in diesem Blog: Deutsche RomantikJoseph von EichendorffRomantikLindenbäumeTränenregenVolksliederVollmondKreidefelsenFriedhofmåneskinnsmalerJoseph Anton KochGeorg Friedrich KerstingKarl Friedrich SchinkelJohann Adam AckermannEduard GaertnerCarl BlechenMoritz von SchwindOverbeckLurleyLoreleyDrachenfelsTyger, TygerKarl Philipp MoritzLudwig Tieck18th CenturyLiederkreisFritz Wunderlich

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Bilder – Texte – Bilder

 

Ich dachte, ich müsste mal wieder über Malerei schreiben. Der Post über ➱Ferdinand von Rayski war bei den Lesern leider ein Flop. Dabei habe ich im Augenblick so viele Leser wie nie zuvor. Ganz viele davon kommen aus Frankreich, da kann ich nur merci mesdames et monsieurs sagen. Aber Leser hin und her, der Post Ferdinand von Rayski wird nicht gelesen. Da serviere ich Ihnen als amuse gueule doch mal eben drei Bestseller aus meinem Blog. Was sie verbindet, ist die Tatsache, dass alle drei dort erwähnten Maler am 23. November gestorben sind. Und dass man ihre Hauptwerke in London sehen kann. Dafür haben die englischen Gentlemen auf ihrer ➱Grand Tour im 18. Jahrhundert schon gesorgt, dass sie alle wichtigen Kunstwerke mit nach England schleppten. Dieses Bild von Agnolo di Cosimo (den seine Zeitgenossen Bronzino nannten) findet sich in dem Post ➱Aktmalerei, der unglaubliche Leserzahlen erreicht hat. Das Bild heißt Venus, Cupid, Folly and Time. Es hängt in der National Gallery und ist das wohl wichtigste Bild von Bronzino, der am 23. November 1572 starb. Dies hier ist ein Ausschnitt, das Bild kommt gleich noch einmal in voller Nackheit.

In der National Gallery in London hängt auch dies Bild von dem Maler Claude Lorrain, der am 23. November 1682 starb. Der französische Maler, der als Pastetenbäcker begann (und von ➱Adam Elsheimer beeinflußt wurde), ist in meinem Blog ein ständiger Gast. Ich liste die wichtigsten Posts einmal unten auf. Es gibt außer dem Todestag und der National Gallery noch eine Verbindung zwischen Bronzino und Claude: beide tauchen in dem Roman A Dance to the Music of Time von Anthony Powell auf. Der englische Schriftsteller hat ➱hier einen langen Post. Glücklicherweise ist das ein Post, der tausende von Lesern gefunden hat.

In dem Roman Casanova’s Chinese Restaurant (dem fünften Band von Powells Roman) heißt es: Moreland, like myself, was then in his early twenties. He was formed physically in a ‘musical’ mold, classical in type, with a massive, Beethoven-shaped head, high forehead, temples swelling outwards, eyes and nose somehow bunched together in a way to make him glare at times like a High Court judge about to pass sentence. On the other hand, his short, dark, curly hair recalled a dissipated cherub, a less aggressive, more intellectual version of Folly in Bronzino’s picture, rubicund and mischievous, as he threatens with a fusillade of rose petals the embrace of Venus and Cupid, while Time in the background, whiskered like the Emperor Franz-Josef, looms behind a blue curtain as if evasively vacating the bathroom.

Romanautoren schreiben manchmal Bilder in ihren Text: poema pictura loquens, wusste schon Plutarch. Fontane schreibt zum Beispiel ➱Franz Skarbina in einen Roman, aber erstaunlicherweise nicht ➱Carl Blechen, über den er ein Buch schreiben will. Glücklicherweise gab es zu dem Thema ➱Fontane und die bildende Kunst einmal eine Ausstellung mit einem schönen Katalog. Joseph Conrad hat seine ➱Ästhetik als Romanautor in dem berühmten Satz My task which I am trying to achieve is, by the power of the written word to make you hear, to make you feel — it is, before all, to make you see formuliert. Und viele Beschreibungen in seinen Romanen sind ja der reine Impressionismus in Prosa. Wahrscheinlich hat Joseph Conrad den Amerikaner ➱Steven Crane deshalb bewundert, weil dem genau dieses to make you see gelang.

Anthony Powell schreibt ständig Bilder in seine Romane hinein. Wenn Jenkins (der Erzähler von A Dance to the Music of Time) seinen Freund Peter Templer zu der Villa seiner Eltern begleitet, erscheint ihm die als a sea-palace for a version of one of those embarkation scenes of Claude Lorraine– the Queen of Sheba, St. Ursula, or perhaps The Enchanted Castle. Gleich drei Bilder werden hier genannt, das Enchanted Castle von Lorrain, das Keats zu seiner Ode to a Nightingale anregte, habe ich hier abgebildet (die Abreise der Königin von Saba, eines der ersten Bilder im Besitz der National Gallery, war schon im zweiten Absatz zu sehen).

Man ist ja glücklich, wenn sich ein Kenner daran macht, alle Anspielungen eines Autors auf Bilder im Roman (und ein Bild von ➱Poussin hat ➱A Dance to the Music of Time ja schon im Titel) zu erklären. Eric Karpeles hat das für ➱Proust mit ➱Paintings in Proust: A Visual Companion to ‚In Search of Lost Time‘ getan. Dafür sind ihm viele Proust Leser dankbar, dass man etwas über die Bilder (und nicht nur die Sache mit der petit pan de mure jaune auf dem Bild von ➱Vermeer) erfährt. Für den 12-teiligen Roman von Powell hat seine Gattin Lady Violet Powell das schöne Album of Anthony Powell’s Dance to the Music of Time vorgelegt. Aber im Internet gibt es jetzt noch mehr. Nämlich diese hervorragende Seite bei WordPress, die ➱picturesinpowell heißt. Und da finden wir viel zu ➱Bronzino und zu ➱Claude Lorrain. Es sind Seiten wie diese, die einen mit dem Internet, das sonst häufig ja nur eine elektronische Müllhalde ist, versöhnen.

Für deutsche Leser, die sich jahrelang mit den wenigen bei Ehrenwirth erschienenen Bänden von Powell begnügen mussten, gibt es eine frohe Botschaft. Der Berliner Elfenbein Verlag hat es unternommen, eine ➱Gesamtausgabe in der Übersetzung von Dr Heinz Feldmann herauszubringen. Feldmann ist ein Übersetzer, über den Anthony Powell in seinem Tagebuch vermerkte: I am lucky to have him as a translator. Sieben Bände sind schon erschienen. Ich gebe mal ein Pröbchen – und Sie holen sich vorher mal eben einen Tee. Am besten Lapsang Souchong, der kommt auch bei Powell vor: Die endlos langen, trostlosen Sonntagnachmittage in der Universitätsstadt wurden etwas erträglicher, wenn man Sillerys Teegesellschaften besuchte, wo jeder nach halb vier hereinschauen konnte. Das Wirken eines mathematischen Gesetzes der Serie regulierte die Zahl der Anwesenden bei diesen Zusammenkünften immer auf zwischen vier und acht Personen — die meisten von ihnen Studenten, aber gelegentlich befand sich auch ein Dozent unter ihnen. Ich wurde etwa Mitte meines ersten Trimesters durch Short, einen sanften Studenten in seinem zweiten Jahr, der zu Sillerys College gehörte und sich für Politik interessierte, in sie eingeführt.

Short erklärte mir, dass Sillerys Gesellschaften seit Jahren eine fest etablierte Rolle in dem Leben der Universität spielten und dass die Trockenheit des Gebäcks, das ein äußerst wichtiges Element dieser Nachmittagspartys bildete, zu einem so abgedroschenen Thema akademischen Humors geworden sei, dass selbst Sillery manchmal auf die anhaltend ungenießbare Qualität dieser aus einer vergessenen Kuchenwelt herübergeretteten Fossilien anspiel­te.­ Bei­ diesen­ Gelegenheiten­ pflegte­ Sillery­ seine­ Gäste­ an­ die spaßigen oder absonderlichen Bemerkungen zu erinnern, die von früheren Generationen junger Männer, die in längst vergangenen Tagen den Tee bei ihm eingenommen hatten, über das Gebäck fallengelassen worden waren; und er zitierte dabei besonders gern die glänzende Schar seiner Bekannten unter den ehemaligen Studenten, die ­im­ späteren­ Leben zu gewissen Würden aufgestiegen waren — ­eine­ Klasse, der er unverhohlene Hochachtung entgegenbrachte.

Man muss das Beharrungs- und Durchhaltevermögen des Übersetzers Heinz Feldmann (Bild) bewundern, der in den letzten Jahrzehnten nicht aufgehört hat, an seine Übersetzung von Powells Werk zu glauben. Die im übrigen von allen ➱Rezensenten gelobt wurde. Und man muss natürlich auch Beharrungs- und Durchhaltevermögen und den unternehmerischen Wagemut des Elfenbein Verlags und seines Chefs ➱Ingo Držečnik bewundern, dass sie diesen englischen Jahrhundertroman dem deutschen Leser nahebringen. Und für den Leser gilt, dass er auch Beharrungs- und Durchhaltevermögen aufbringen muss. So etwas sagt auch die Romanfigur ➱X. Trapnel in Temporary KingsReading novels needs almost as much talent as writing them.


Das Schöne bei der Tätigkeit als Blogger ist ja, dass man ungehemmt Werbung für kleinere Verlage machen kann. Was ich ja immer tue. Ob das der ➱Wallstein Verlag, der ➱Mattes Verlag, der ➱Rimbaud Verlag, die ➱Edition Signathur oder der ➱Verbrecher Verlag sind. Manchmal zeigt das ja ➱Wirkungen, und die Verlage können mehr Bücher verkaufen. Das ist gut, denn wie heißt es so schön bei Anthony Powell: ➱Books do furnish a room.

Der dritte der Gruppe der Maler, die am 23. November starben, ist der Engländer ➱James Ward. Der Post über sein Gemälde ➱Gordale Scar brachte mir leicht und locker vierstellige Leserzahlen. James Ward wird Bilder von Claude Lorrain gesehen haben, die kennt jeder Maler in der Romantik. Ob er jemals ein Bild von Bronzino gesehen hat, das weiß ich nicht. Seine maskuline Venus hat mit der Venus mit den feinziselierten Brüstchen des Hofmalers der Medici wenig zu tun, seine ➱Diana im Bade ist da ein wenig besser geraten. Man muss allerdings zu Ward sagen, dass er eigentlich kein Portraitist ist, eigentlich ist er Tiermaler. Er kann wunderbare Pferde malen, manchmal so ➱dramatisch wie der Kampf mit dem Löwen bei ➱Stubbs, manchmal so still und ausgeglichen wie Stubbs‘ ➱Firetail with his Trainer. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mal eben erwähnen, dass ➱Ferdinand von Rayski auch wunderbare Pferde malen kann.

Claude Lorrain scheint James Ward nicht so wichtig zu sein. Wenn er sich mit dem Maler ➱James Northcote über ➱Malerei und Maler unterhält, fällt der Name Claude nur ein einziges Mal. Und dennoch ist Ward als Landschaftsmaler in der Tradition von Claude Lorrain, auch wenn er das in der Romantik bevorzugte ➱Erhabene ein wenig mit der ➱schwarzen Romantik gewürzt hat. Working in the last years of the Napoleonic wars, Ward aimed to depict a national landscape, primordial and unchanging, defended by ‘John Bull’ in animal form. His painting also epitomised the awe-inspiring qualities of the fashionable ‘Sublime’ landscape, heißt es auf der Seite der Tate Gallery. Mit ➱Awe and a kind of Reverential Expectation haben die zeitgenössischen Betrachter auf das drei mal vier Meter große Bild geschaut. Awe and a kind of Reverential Expectation gefällt mir, das kann man auch über Anthony Powells A Dance to the Music of Time sagen.

In die Literatur hat es James Wards Gordale Scar auch geschafft. Nicht bei Anthony Powell, aber in ein Gedicht des südafrikanischen Dichters David Wright:

It’s not a painting but a celebration,
This canvas, which seems huger than the room
It broods in, pastoral yet sybilline:
These hanging cliffs and brown romantic shades,
Darkness composed, and solitude imaged.

As for its subject – Upon the high limestone
Moors above Settle, you’ll find Gordale Scar
Deflated, an authentic diminution
Of the assertion of its picture here;
The gloom is not the mood, the scale is smaller.

No reality but in imagination:
The painting is more real than the place;
More than the thing is its interpretation,
Or than its interpreter, whose bias
Of feeling, here contained, transmutes to vision.

Und falls Sie noch mehr zu Claude Lorrain lesen wollen: Claude LorrainClaudeÄsthetikAsher B. Durand18th century: Grand TourReynoldsMein StifterJohn RuskinRichard WilsonGothickJohn Thomson of DuddingstonHimmelKreidefelsenLandschaftsmalereiRichard Parkes BoningtonTänzer

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Ferdinand von Rayski

 

Heute vor 210 Jahren wurde der Maler Ferdinand von Rayski geboren, ein Maler, den ich sehr mag. Als im Kieler Schloß noch die Stiftung Pommern untergebracht war, konnte man dort zwei schöne Bilder von ihm sehen. Mit viel Schwarz, beinahe einem Markenzeichen seiner Bilder. Ich besitze ein altes Buch über ihn: Ferdinand von Rayski und die Kunst des Neunzehnten Jahrhunderts von Mathias Goeritz. Es ist die Dissertation eines Mannes mit einem erstaunlichen Lebenslauf. Aber ansonsten sieht es mit der Literatur zu dem Maler leider etwas dürftig aus. Nur in Dresden, wo er 1890 starb, hat man ihm zum hundertsten Todestag eine Ausstellung gewidmet; und zu seinem 200. Geburtstag erschien dort das 120-seitige Buch Ferdinand von Rayski in der Dresdner Galerie.

Auch der Kunstmarkt scheint sich wenig für Rayski zu interessieren. Dieses Portrait von Eugen von Bardeleben wurde vor Jahren bei Hampel für einen Schätzpreis von 2.000-3.000 Euro angeboten, das ist für einen Meister des 19. Jahrhunderts nicht viel. Rayskis malerische Ausbildung ist mehr oder weniger autodidaktisch gewesen. Sein Vater, sächsischer Oberst und Generaladjudant, starb in der russischen Kriegsgefangenschaft während des napoleonischen Feldzugs (Rayski Stiefbruder fiel an der ➱Beresina), da war Rayski sieben Jahre alt.

Er wurde der adligen Verwandtschaft anvertraut und erhielt am Freimaurerinstitut in Dresden ersten Zeichenunterricht durch Traugott Faber. Sein erstes Gemälde, das zwei sächsische Grenadiere zeigte, malte er mit dreizehn Jahren. Das Freimaurerinstitut war eine Knabenschule für verarmte oder verwaiste Adelskinder, Rayski ist später auch ➱Freimaurer geworden. Dass er Talent hatte, das hatte man schon früh erkannt, dass er eines Tages den sächsischen König (Bild) malen würde, das konnte niemand wissen. Er hat kurz an der Dresdner Akademie studiert, war aber gleichzeitig schon in der Armee. Die der Secondelieutenant von Rayski 1829 wegen Spielschulden verlassen musste. Sein Abschiedgesuch wurde innerhalb zweier Tage bewilligt. Das Akademiestudium will Rayski 1831 wieder aufgenommen haben, aber für seine Aussage lassen sich keine Beweise finden.

Sein Bruder Leo machte eine größere militärische Karriere. Rayski hat den Major Leo von Rayski in österreichischer Uniform gemalt, es ist ein erstaunlich lebendiges Bild: Niemals vorher oder nachher hat Rayski ein Porträt in so frischen, lebhaften Farben gehalten, die leicht und flüssig aufgetragen sind. Was für Rayski auf die kurze militärische Laufbahn folgte, war eine Art Wanderleben von Verwandten zu Verwandten: Ferdinand von Rayski war ein Einsamer. Wer sich die Mühe gibt, in dem systematischen Verzeichnis seiner Gemälde die Lebensdaten der Dargestellten durchzusehen, wird feststellen können, daß Rayski nach seinen Wanderjahren mit wenigen Ausnahmen nur Mitglieder des sächsischen Adels porträtiert hat, die mit ihm und unter sich verwandt waren. 

Der Wirkungskreis des Künstlers war also erschreckend klein. Dazu kommt, daß viele Bildnisse nicht aus Bewunderung für den Maler, sondern aus Mitgefühl mit dem mittellosen Adligen entstanden sind. In der Künstlerschaft Dresdens war er bekannt, aber nicht als Genie anerkannt. Kein Akademieprofessor, kein Kunstschriftsteller hat sich warm und entschieden für ihn eingesetzt. Nicht Haß und Neid zogen seinen Ruf herunter, Gleichgültigkeit umgab ihn. Das Bürgertum kannte seine Bildniskunst nicht, seinen Namen kaum. Wie kam das? 

Das schreibt Otto Grautoff, der das erste seriöse Buch (hier im ➱Volltext) verfasste und einen Katalog von zweihundert Bildern erstellte, was unter den damaligen Umständen (das betont der Verfasser auch im Vorwort) eine riesige Arbeit bedeutete. Grautoff ist in diesem Blog schon erwähnt worden, einmal in dem Post ➱Walter Crane und dann in dem Post ➱Shakspeare, der von der Übersetzung der Shakespeareschen Sonette durch seine Gattin Erna Grautoff handelt. Dieser Herr hier ist der Landrat Graf Haubold von Einsiedel, ein Freund Rayskis. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die sehr viel von Rayski besitzen (sie haben hier auch eine schöne ➱Onlinedatenbank), haben von diesem Bild auch noch eine kleine ➱Studie.

Er hatte zuerst großen Erfolg mit solchen Bildern. Dies hat den Titel: Wohin ist der Hase gelaufen?, es war in der Ausstellung in Dresden Tagesgespräch (dies ist nur ein Stich nach dem dem Originalgemälde). Hätte Rayski diesen faden, humoristischen Ton weiter gepflegt, er wäre der beliebteste Genremaler Sachsens geworden, sagt Grautoff über das Bild. Rayski beendet seinen Ausflug in das Genrefach (im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen ➱Ferdinand Waldmüller) schnell und kehrt zum Portrait zurück.

Von diesem Herren habe ich leider kein größeres Bild, aber Sie können ihn auf dieser ➱Seite mit dem Rädchen der Maus beliebig vergrößern. Früher hing er in Kiel, da brauchte ich keinen Computer und keine Maus, aber jetzt ist die Stiftung Pommern (die auch Bilder von ➱Caspar David Friedrich hatte) nach Greifswald gewandert (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Der Herr mit dem modisch kurzen Haarschnitt ist der Rittmeister Adam Theodor Rüssing, Ritterguts- und Schloßbesitzer. Und Ritter der französischen Ehrenlegion. Den Orden trägt er stolz auf der Brust. Die leicht gelangweilte Pose (man beachte den aufgestützten Arm mit dem eleganten Handschuh) verraten den sächsischen Dandy. Das Bild ist nicht datiert, man könnte vermuten, dass Rayski es nach seinem Parisaufenthalt (1834-35) gemalt hat.  Damals hatte ihn Horace Vernet, der in diesem Blog immer wieder erwähnt wird (und ➱hier einen Post hat), stark beeinflusst.

Und auch von Delacroix und Géricault wurde er beeinflusst. Unter deren Einfluss er diese scheußliche Ermordung von Thomas à Becket (der ➱hier einen Post hat) malt. So bedeutende Maler die beiden Franzosen sind, sie haben auf manche Maler einen schlechten Einfluss. Auch der Engländer Richard Parkes Bonington (der ➱hier einen schönen Post hat) glaubte, dass er unbedingt Delacroix mit romantischer Historienmalerei nacheifern müsste. In Dresden stellt man das ➱Bild im Kupferstichkabinett aus, man könnte es auch in den Keller verbannen. Ein anderes Werk unter dem französischen Einfluss ist das brauntonige Bild von ➱Königin Christine und ihrem Stallmeister, ist auch nicht viel schöner.

Hier habe ich leider auch kein größeres Bild, Sie gehen bitte wieder einmal auf die ➱Seite des Pommerschen Landesmuseums. Ein anderes herrliches Frauenbildnis des Meisters gehört in diese Reihe: das Porträt der Mademoiselle Clémence Kaempf, ein dunkelhaariges Mädchen, das mit schweren, braunen Augen den Beschauer anruft. Mit pastellartiger Weichheit ist der Kopf gemalt und doch setzen sich die Flächen so bestimmt gegeneinander ab, daß man die Struktur der Formen deutlich abliest, schreibt Otto Grautoff. Das ist das mindeste, das man über das Bild sagen kann. Wenn man sich die Schwarz- und Grautöne genau anschaut (und ich muss gestehen, dass ich in all den Jahren bestimmt einige Stunden vor dem Bild verbracht habe), dann fühlt man sich an Manet erinnert. Aber dies ist Jahrzehnte vor Manet gemalt. Es sind Bilder wie dieses, die Rayski als einen Vorläufer des Impressionismus erscheinen lassen. Mlle Kaempf war Erzieherin in einem adligen Haushalt, das Bild ist von Rayskis Freund Philipp von Mauchenheim, genannt von Bechtolsheim, in Auftrag gegeben worden. Dessen Ehefrau, mit der er witzige Briefe tauschte, Rayski natürlich auch gemalt hat. Die Kinder auch.

Der Freiherr von Bechtolsheim war nicht nur ein Freund, er war auch ein Jagdfreund, wie es der Katalog der Stiftung Pommer formuliert. Denn unser Maler ist eigentlich nur Gelegenheitsmaler, der seine Freunde und Verwandten portraitiert. Ansonsten ist er ein verarmter Adliger, der vom Jagdsport begeistert ist. Ich lasse die ganzen Bilder der Jagd, von Jägern, Hasen und Pferden mal draußen vor. Ist nicht meine Sache, das klang wohl schon in dem Post Hunde an. Ein Bild vom Jagdsport will ich hier wenigstens zeigen: dreimal Rayski, einmal ➱Friedrich von Boxberg als Jäger, daneben reinstes Biedermeier und ganz links ein Bild, wo Rayski wirklich genial ist.

Das Portrait des elfjährigen Grafen Haubold von Einsiedel zählt zu den schönsten Bildern von Rayski. So hübsch der junge Graf ist, er ist dem Tode geweiht, vielleicht deuten das die roten Flecken auf den Wangen schon an: Hier sieht man den jungen Haubold noch in frischen Farben, mit roten Lippen, holfnungsstark in die Zukunft blicken. Damals glaubten die Eltern noch, daß er den Keim der Krankheit, den er schon in sich trug, überwinden werde. Zwei Jahre darauf hat Rayski noch ein Profilbild des Knaben geschaffen. Der frische, lebhafte Gesichtsausdruck ist verschwunden. Die noch vor zwei Jahren lustigen Augen blicken in übernatürlicher Größe ernst und schmerzlich. Das ehemals frische Inkarnat ist blaß und durchsichtig geworden. Ein lichtdurchsetztes silbernes Kolorit vermittelt die Zartheit des gebrechlichen Körpers, der trotz sorgsamster Pflege zehn Jahre später durch Lungenschwindsucht zerstört werden sollte. Es sind die Kinderbilder, hier die ➱Dresdener Malerin Therese Judeich als Kind, in denen dem kinderlosen Maler einfühlsame Portraits gelingen.

Und ja, Landschaften konnte er auch malen, also solche Landschaftsbilder wie dieses hier, ohne Personen, Pferde oder Hasen (die ein wenig nach ➱Dürer aussehen). Wenn da noch jemand mit einer roten Jacke drauf wäre, könnte man es für einen ➱Wilhelm Busch halten. Otto Grautoff vermutet, dass ihm die Erfahrung einer Italienreise fehlt, die ihn (wie zum Beispiel ➱Carl Blechen) zu einem großen Landschaftsmaler hätte werden lassen.

Ich werde allerdings um die Pferde nicht herumkommen, und das hängt wieder mit dem Grafen Einsiedel zusammen: Graf Einsiedel, ein großer Pferdeliebhaber, unternahm 1862 eine Reise nach England, um dort Pferde einzukaufen. Er lud Rayski ein, ihn zu begleiten. Als Sechsundfünfziger hat er also zum ersten Male englischen Boden betreten, englische Sitten, englische Menschen und englische Kunst kennen gelernt. Irgendeinen entscheidenden Einfluß konnte in diesem Alter die Reise nicht mehr auf ihn gewinnen. Das Ergebnis trat rein äußerlich in Erscheinung in einer Reihe von Pferde- und Reiterbildnissen, auf denen in Tieren und Menschen englische Typen in Erscheinung treten. Die Engländer haben nicht nur ➱George Stubbs, sie haben Pferdemaler en masse, aber dennoch hätte Rayski auch dort sein Brot verdienen können, wie dieses Bild beweist.

Und zum Schluss hätte ich noch etwas Morbides, venit mors velociter, rapit nos atrociter: nemini parcetur! Rätselhaft bleibt eine Zeichnung, die vor 1840 entstand, die den Titel ➱Selbstmord im Atelier trägt: Rayskis Künstler hat sich an seiner Staffelei erhängt, auf der eigentlich sein Werk stehen sollte. Doch die zerschnittene Leinwand befindet sich dahinter, an die Wand gelehnt – das Kunstwerk ist ebenso ›getötet‹ worden wie der Künstler selbst, der den Platz des Kunstwerks eingenommen hat. Werk und Mensch erscheinen austauschbar. In die Zeichnung ist ein Vierzeiler von Rayskis Freund Franz von Malitz (der das Blatt ebenso wie Rayski signiert hat) hinein geschrieben: Auf dem wahren Künstlergange / Lebt’s hienieden sich nicht lange. / Trägt in sich des Todtes Kern / Wahre Künstler sterben gern! Der Kunsthistoriker Oskar Bätschmann vermutet, dass diese Zeichnung die Reaktion auf zwei Künstlersuizide (Louis Léopold Robert und Antoine-Jean Gros) im Jahre 1835 ist, von denen er in seinem Jahr in Paris erfuhr (es gibt hier zu dem Thema eine ➱Dissertation zu lesen).

Ferdinand von Rayski wird keinen Selbstmord begehen. Er wird vierundachtzig Jahre alt werden, wird an seinem Geburtstag am 23.Oktober 1890 sterben. Die amtlichen Dokumente bezeichnen ihn als Privatmann. Dass er ein Maler war, hatte man vergessen. Erst die Jahrhundertausstellung in Berlin 1906 wird ihn bekannt machen. Ein Besucher notiert in seinem Tagebuch: 30.6.1906 Samstag Jahrhundert Ausstellung. Von Rayski ein erstaunlicher Auerhahn in schwärzlicher Landschaftsstimmung, ein graues Grün, frühe Dämmerung; Courbet’sch im Gleichgewicht der Töne. Auch ein Volk Rebhühner unter einem Strauch. Dann ein Hirschkopf äugend, 1847 datiert, das Fell so reich und fein in den braunen und grauen Tönen, dass es kaum hinter Courbet zurückbleibt. Porträt von Oswald von Schönberg als Jäger in einer schwarzen Sammet Joppe mit Flinte und Rebhühnern von derselben Qualität. Wenn ich das lese, bekomme ich doch leichte Zweifel am überlegenen Geschmack von ➱Harry Graf Kessler. Gab es da wirklich nix anderes als Auerhähne und ➱Rebhühner von Rayski zu sehen? Diese Dinge gibt es bei mir nicht zu sehen, ich schließe das hier heute mal mit dem schönen Portrait seiner Schwester Minna Pompilia von Rayski aus dem Jahre 1843.

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Peepshow

 

Er hat erstaunliche Dinge gemalt, dieser Samuel van Hoogstraten, der am 19. Oktober 1678 in Dordrecht starb. Dieses kleine Objekt hat er auch gebastelt. Man guckt in den kleinen ➱Perspektivkasten (der im Holländischen Perspectiefkast oder Kijkdoos heißt), und man hat eine Peepshow der besonderen Art: ein Blick in das ➱Interieur eines holländischen Hauses. Die Holländer lassen sich ja gerne in ihre Häuser schauen. Ich muss an dieser Stelle einmal etwas zitieren, was schon in dem Post ➱Holländer steht. Eine kleine Theorie über die Holländer, selbst zurechtgebastelt aus vielen Besuchen des Landes und den Romanen von ➱Nicolas Freeling:

Der brave Handwerksbursche aus Tuttlingen von Johann Peter Hebel, der im Leichenzug des Herrn Kannitverstan mitgeht, würde noch vor einem halben Jahrhundert in jeder holländischen Straße bei Anbruch der Nacht festgestellt haben, dass man in jedes Wohnzimmer hineinschauen kann. Keine Vorhänge. Lauter aneinandergereihte holländische Interieurbilder. Die uns sagen: wir haben nichts zu verbergen. Die roterleuchteten Wohnzimmerstübchen der Nutten in den Walletjes sowieso. Das reine Gewissen, die makellose Sittlichkeit des Kalvinismus wird, vielleicht nicht gerade im roten Licht vom Rosse Buurt, aber sonst überall in Holland, demonstrativ zur Schau gestellt. Aber niemand ist ganz gut, wir haben alle etwas zu verbergen.

Zwar hält Albert Vigoleis Thelen, der vom Niederrhein kommt und lange im holländischen Exil gelebt hat, diese Offenheit des Wohnzimmers und des Lebens in seinem wunderbaren Roman Der schwarze Herr Bahßetup für eine zivilatorische Errungenschaft, aber wahrscheinlich sollten wir doch eher dem Kommissar Van der Valk von Nicolas Freeling trauen. Dessen Schöpfer ist zwar in London geboren, kennt aber sein Amsterdam genau. Und so ist für ihn der fehlende Fenstervorhang nur eine Scheinheiligkeit. Hinter aller nach vorn gestellten Frömmigkeit lauern Sünde und Verbrechen, da sind sich die Helden der Romane von Georges Simenon, Nicolas Freeling und Janwillem van de Wetering einig. 

Kriminalromane haben auch eine religiöse Dimension, auf jeden Fall ist das die These des Theologen Erik Routley in seinem Buch The Puritan Pleasures of the Detective Story. In dem Roman Double Barrel beobacht Kommissar Van der Valk nachts eine Wohnung: the very conventional living room of an unmarried woman living alone . . . A calvinist interior, bare, impersonal, dull. No books to be seen, no frivolities. Die Frivolität kommt noch, wenn er die Bewohnerin im Negligé mit seinem Fernglas entdeckt.

Hoogstratens aufgeräumte Bilder sind voller Symbole, die dargestellte Welt scheint uns vertraut, und doch verlangen die Alltagsgegenstände des kalvinistischen ➱Hollands nach Interpretation. Wie zum Beispiel die ➱Pantoffeln auf diesem Bild, das im Louvre hängt. Es ist das tägliche Brot für Kunsthistoriker, alles auf der Leinwand wieder zu dekodieren. Da ist man schon gut beraten, wenn man ein Symbollexikon griffbereit und den ➱Andreas Alciatus im Kopf hat.

Der Perspektivkasten von Hoogstraten, den die ➱Londoner National Gallery 1923 kaufte, macht uns zu Voyeuren. Es sind im 17. Jahrhundert noch andere gebaut und bemalt worden, aber der in London ist der berühmteste. Der Kauf bewirkt im übrigen auch, dass sich die Kunsthistoriker endlich einmal ein wenig mit Samuel van Hoogstraaten beschäftigten. Bis dahin war er nur im Gefolge der Rembrandtschüler behandelt worden. Als erste interpretierte die französische Kunsthistorikerin Clotilde Misme die holländische Besessenheit von realistisch gemalten Alltagsthemen:

Mais tandis que Pieter de Hooch et Vermeer exaltaient dans leur „Intérieurs‟ recueillis et vivants le culte d’une race patriarcale pour l’intimité. La boîte de Hoogstraten, comme les maisons de poupée du Rijksmuseum, flatte un fétichisme mesquin qui adore le simulacre de son objet. Ich sollte noch hinzufügen, dass Hoogstraten auch als trompe l’oeil Maler hervorgetreten ist. Sie können hier eine ➱Dissertation zu dem Thema lesen. Wenn Sie wollen. Die trompe l’oeil Malerei ist auch im Amerika des 18. und 19. Jahrhunderts sehr beliebt gewesen.  Schauen Sie doch einmal in den Post ➱Charles Willson Peale und in den Post ➱Samuel Colt.

Halbgeöffnete Türen lassen uns in Räume schauen, es ist nicht ganz verboten, sonst wäre die Tür geschlossen. Ich habe ➱hier eine wunderbare Seite voller Bilder zum Stichwort offener Türflügel gefunden (man kann auf der Seite auch nach anderen Motiven suchen). Auch ein Bild von ➱Anna Ancher, das ich auch schon gezeigt habe, ist hier zu finden. ➱Hammershoi natürlich auch. Besonders gefallen haben mir diese Türen von Félix Valloton, ein Bild, das das Kunsthaus Zürich besitzt.

Der Amerikaner ➱Jimmy Sanders hat in Florenz studiert und Europa bereist, besonders die niederländfischen Meister des 17. Jahrhunderts haben ihn beeindruckt. Und dann sah den

Perspectiefkast von Samuel van Hoogstraten. Und dachte sich, dass er so etwas auch einmal malen sollte. Und malte dann sein ➱Atelier in Florenz, aufgeräumt wie ein holändisches Interieur, nur etwas moderner. Und vielleicht mit etwas weniger Symbolik.

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George Desmarées

 

Der Großvater des schwedischen Malers George Desmarées, der heute vor 240 Jahren starb (hier in einem Selbstportrait mit seiner Tochter), war aus Frankreich nach Schweden gekommen. Schweden war nicht unbedingt das Lieblingsland der französischen ➱Flüchtlinge. Nur etwa 2.000 der 200.000 Hugenotten werden nach Dänemark (sprich Kopenhagen) und Schweden gehen. Zehn mal mehr folgen der Einladung des Kurfürsten von Brandenburg. Die Hugenotten assimilieren sich schnell in ihren neuen Ländern, lernen auch schnell die Landessprache. Und verlernen sie wieder: ➱Theodor Fontane musste das Französische erst lernen, es war nicht mehr seine Muttersprache. Hugenotten sind meistens auch sehr erfolgreich, was wäre ➱Hamburg ohne sie geworden? Den Südseekönig ➱Godeffroy hätte es dann nicht gegeben.

Die Hugenotten in Schweden gehen in die Armee oder werden Künstler (auch Valdemar Langlet kam aus einer hugenottischen Familie, sie könnten jetzt noch diesen interessanten ➱Post lesen). Dass es überhaupt Hugenotten in den kalten Norden verschlägt, hat etwas mit dieser Dame zu tun. Das ist die Königin Christina, die sehr frankophil war und gerne bedeutende Franzosen an ihrem Hof hatte. Sie hat sich natürlich von einem Franzosen (Sébastien Bourdon) malen lassen. Sie hat auch den Philosophen Descartes, der schon in ➱Philosophenwitze erwähnt wird, nach Stockholm eingeladen.

Der Brieffreund (der der Königin hier gerade die Welt erklärt), der mit ihr tausende von Briefen gewechselt hatte, vertrug aber das Klima nicht. Er wird in Stockholm an einer Lungenentzündung sterben. Christina von Schweden ist eine interessante Frau, ich weiß nicht, warum ich noch nicht über sie geschrieben habe. Dabei habe ich diesen schönen Ausstellungskatalog aus dem Jahre 1966. Der französisch-schwedische Kulturausstausch hört mit dem Tod von Descartes nicht auf.

Der Vater des Malers, Jean Desmarées, ist der Direktor der Eisenwerke in Gimo und Österby. Woraus wir schließen können, dass die Desmarées schon oben angekommen sind. Der junge George Desmarées erhält den ersten Malunterricht bei Martin van Meytens dem Älteren (1648-1738), einem Onkel seiner Mutter. Martin van Meytens Sohn wird es zum Hofmaler in Wien bringen. Auch George Desmarées wird Hofmaler werden, in Bayern, wo er den größten Teil seines Lebens verbringen wird. Er wird zum Katholizismus übertreten, was wohl wenig mit dem Glauben zu tun hat. Wenn man katholisch ist, dann bekommt man in Süddeutschland auch Aufträge für Altäre.

Desmarées malt da beim Kurfürsten von Bayern (und später in Köln bei Clemens August, wo er den Titel eines Cons[eiller] Honor[aire] hat) den ganzen Adel. Wie hier Theresa Benedikta von Bayern, immer gediegen, aber nicht durchweg von hoher Qualität. In den späteren Jahren ist eine Neigung zum Steifen und Stereotypen nicht zu übersehen. Etwa 30 Bildnisse erreichen höchste Qualität, sagt Laurentius Koch im Allgemeinen Künstlerlexikon. Vielleicht wollen seine Auftraggeber ja so gemalt werden, vielleicht sehen sie wirklich so aus.

Und auf die Kleidung verwendet er viel Mühe. Das ist bei Portraits wichtig, der Schein siegt über das Sein, wir sind im Rokoko, da gilt dieser Satz unbedingt. George Desmarées hat genügend Aufträge. Und eine eigene Werkstatt. Und viele Schüler. Weshalb heute viele Werke auf dem Markt sind, die wohl nicht von dem Meister selbst sind. Er war in seiner Jugend ein besserer Maler als im Alter. Dieses Porträt von Margareta Fredrika Bonde hat der junge Desmarées noch in den 1720er Jahren in Schweden gemalt, bevor er seine Bildungsreise durch Europa antrat. Diese adlige Dame lebt je wenigens. Er hat diesen Bildtyp immer wieder verwendet, nur die Kleidung und das Gesicht der Damen wechselte.

Wenn wir einmal einen Augenblick an Maler wie ➱Reynolds und ➱Gainsborough denken, dann ist dies doch alles sehr provinziell. Harald Keller ist da in seinem umfangreichen Buch über Die Kunst des 18. Jahrhunderts bei der Beschreibung dieses Portraits des Fürstbischofs von Köln sehr lapidar (doch für die Wikipedia ist der Maler einer der wichtigsten Porträtisten des Rokoko). Bei Keller heißt es: Das Bildnis entspricht dem von Rigaud geschaffenen Typus des Herrscherportraits. Das unmittelbare Vorbild ist vermutlich das 1728 gemalte Paradebildnis Ludwigs XV von Jean Baptiste van Loo. Die auf traditionellen Vorstellungen begründete Macht des Souveräns wird durch eine wirklichkeitsferne Inszenierung illustriert. Elemente eines Schloßinterieurs und einer landschaftlichen Umgebung sind gemischt. Die Bewegung der Draperien folgt unerklärbaren Gesetzen… Es ist ein wildes, verworrenes Bild, lebensgroß. Und fest mit der Wand verbunden. Aber wer wollte schon ein Bild von Desmarées stehlen?

So konventionell Desmarées ist, er neigt immer wieder zu Überraschungen: mal sind es die Kolorierungen, die bei ihm erstaunlich wild ausfallen können, mal sind es ungewöhnliche Bilder wie dieses. Zwei Herren, offensichtlich Freunde, durch eine Armbewegung verbunden. Der eine ist ein Kurfürst, der andere ein Graf. Der übrigens Musiker ist. Über den der junge Mozart schreibt: Er ist gewiss ein lieber, höflicher Herr und hat mehr Lebensart als viele von seinesgleichen in Salzburg. Der Kurfürst ist übrigens nicht der Herr in Uniform, es ist der Herr im négligé du matin, der seine Tasse Schokolade in der Hand hält. Der liebe höfliche Herr hat Mozart übrigens mit der Vertonung von La finta giardiniera beauftragt (und ihm später den Auftrag für Idomeneo erteilt).

Desmarées malt nicht nur den Adel, es gibt auch Bilder von Bürgerlichen. Dies hier zeigt die Witwe eines Hamburger Kaufmanns, die dem Mann schreibt, mit dem sie sich heimlich verlobt hat: Noch eins müssen Sie wissen, ich habe mich malen lassen, von einem 73-jährigen Mann; ich wünschte, dass er sich so verjüngen könnte, wie er mich verjüngt hat. Außerdem sagt alle Welt, dass es mir vollkommen ähnlich sieht, und ich und ich glaube es auch. Denn so oft ich das Portrait sah, so freute es mich in der Seele, weil ich meine [Tochter] Amalia zu sehen glaubte. ➱Eva Königs Briefe sind uns erhalten als ➱Briefe aus der Brautzeit 1770-1776. Es ist eine amüsante Lektüre, Eva König ist eine gebildete Frau. Ihr Verlobter ist auch ein gebildeter Mann. Es ist niemand anderer als Gotthold Ephraim Lessing.

Der Wikipedia Artikel zu George Desmarées, der in manchen Lexika auch als George(s) de(s) Marées auftaucht, ist ganz nett. Kommt aber kaum an den Artikel in der ➱Deutschen Biographie heran. Sehr gut ist der Artikel im ➱Portal Rheinische Geschichte. Der wird bei Wikipedia nicht erwähnt. Bei Wikipedia wird auch dieser Herr nicht erwähnt. Ein deutscher Maler, der sich hier mit gelbem Hut gemalt hat. George Desmarées ist sein Urgroßonkel, er hat aus dem französischen des Marées ein deutsches von Marées gemacht. Sie wollten doch schon immer wissen, woher dessen ungewöhnlicher Name kommt.

Die Kunstgeschichte hat den Schweden, der in München sterben wird, nicht besonders beachtet. Es gibt keine blockbuster Ausstellungen, keine Flut von fetten Katalogen. Das einzig Substantielle ist eine schwedische Dissertation aus dem Jahre 1933: Carl Hernmarck: Georg Desmarées : Studien über die Rokokomalerei in Schweden und Deutschland.

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Ratten

 

Hupfdohlen bei der Tanzstunde, das ist natürlich Degas. Detailliert gemalte kleine Mädchen in Tüll, ich kann mir nicht helfen, es hat schon etwas Perverses an sich. Irgendwie fallen diese androgynen Wesen sicher schon unter kiddie porn. Degas nannte die kleinen Tänzerinnen filles-singes (das notiert Edmond de Goncourt in seinem Tagebuch), Äffinnen ist nun nicht unbedingt eine nette Bezeichnung. Da ist Hupfdohlen noch netter. Ludovic Halévy, mit dem Degas befreundet ist, nennt die Tänzerinnen der Oper Ratten.

Sie heißen heute noch so. Mein Sachs-Villatte aus dem Jahre 1909 hat da die Bedeutung Opern-Figurantin (aber auch: unterhaltenes Frauenzimmer). 1966 erschien die Fernsehserie ➱L’Âge heureux nach dem Roman Côté jardin, Mémoires d’un rat von Odette Joyeux. Das Wort rat für die minderjährigen Tänzerinnen taucht schon vor 1840 auf. Da schreibt der Dandy Nestor Roqueplan (der auch einmal Direktor der Oper war): Le vrai Rat, en bon langage, est une petite fille de sept à quatorze ans, élève de la danse, qui porte des souliers usés par d’autres, des châles déteints, des chapeaux couleur de suie, qui sent la fumée de quinquet, a du pain dans ses poches et demande six sous pour acheter des bonbons; le rat fait des trous aux décorations pour voir le spectacle, court au grand galop derrière les toiles de fond et joue aux quatre coins des corridors ; il est censé gagner vingt sous par soirée, mais au moyen des amendes énormes qu’il encourt par ses désordres, il ne touche par mois que huit à dix francs et trente coups de pieds de sa mère.

Roqueplan ist nicht der einzige, der über die petits rats schreibt, auch Balzac erwähnt sie. Und, wie erwähnt, Ludivic Halévy. Seine Bücher Madame et Monsieur Cardinal und Les petits Cardinal (eins davon ist ➱hier im Volltext) sind voll mit kleinen Ballerinas, und teilweise wirken Degas‘ Bilder wie Illustrationen von Halévys Werk. Was sie auch wohl sind. Was wir so hübsch finden, ist vielleicht nur zynisch. Ein  großer Zyniker ist Degas ja gewesen. Was in seiner Zeit manchen Kunstkritiker dazu bringt, ihn ebenso zynisch abzufertigen.

So zum Beispiel Félix Fénéon: M. Degas poursuit le corps féminin d’une vieille animosité qui ressemble à de la rancune ; il le déshonore d’analogies animales oder zur Rampe de danseuses (Bild): ce bloc irradié en un enchevêtrement de bras et de jambes jette commel’image d’un dieu hindou épileptique. Zu Félix Fénéon und anderen in dieser Zeit gibt es eine sehr interessante ➱Dissertation von Annika Lamer ➱Die Ästhetik des unschuldigen Auges: Merkmale impressionistischer Wahrnehmung in den Kunstkritiken von Émile Zola, Joris-Karl Huysmans und Félix Fénéon.

Und was wird aus den kleinen rats? Wohl die wenigsten werden die Hauptrolle in Schwanensee bekommen oder berühmt werden wie Fanny Elssler oder Eugenie Fiocre (die Degas ➱malen wird) und sich ihre Kleider bei ➱Charles Frederick Worth kaufen. Die meisten werden in einem Bordell landen wie diese Frauen in Erwartung eines Freiers auf dem Bild von Degas. Bordelle gibt es in dieser Zeit genug in Paris, und ohne Bordelle und Prostitution kommt der Impressionismus nicht aus. Das bewies im letzten Jahr eine ➱Ausstellung im Pariser Musée d’Orsay. Und schon vor Jahren hatte Hollis Clayson ihr Buch Painted Love: Prostitution in French Art of the Impressionist Era (➱hier zu lesen) vorgelegt.

Dies ist die Welt von Proust, dies sind nicht les jeunes filles en fleurs. Dies sind Arbeiterkinder, die mit sechs und acht Jahren an der Oper anfangen und eine Sechstagewoche haben. Wenn sie in ihrer Pubertät sind, können sie sich durch sexuelle Gefälligkeiten noch etwas hinzuverdienen. Die amerikanische Professorin Lorraine Coons hat in ihrem Aufsatz ➱Artiste or coquette? Les petits rats of the Paris Opera ballet dazu eine Menge zu sagen.

Degas‘ Mädchen und Frauen bleiben blaß und verhuscht, eine Pastellversion der Wirklichkeit. Nichts Flamboyantes wie Henri Gervex‘ Bild ➱Rolla. Oder Manets ➱Nana, der Werner Hofmann in Hamburg 1973 eine große ➱Ausstellung widmete. Das daraus entstandene Buch ➱Nana: Mythos und Wirklichkeit kostet bei Amazon Marketplace zwischen 99 Cent und 386 Euro; ich würde das Exemplar für 99 Cent nehmen, aber ich habe das Buch natürlich schon.

Ich mag Degas, der heute vor 99 Jahren starb, überhaupt nicht. Das habe ich schon zum Ausdruck gebracht, als ich vor vier Jahren den Post ➱Edgar Degas schrieb. Es ist dieser widerliche Antisemitismus, der in den 1870er Jahren bei ihm virulent wird. Dies hier sind nicht zwei Herren, die hinter der Bühne der Oper darauf warten, kleine Tanzmädchen zu vernaschen. Die Szenerie stimmt, wir sind in der Oper, beide Herren (Ludovic Halévy und Albert Boulanger-Cave) haben mit der Oper zu tun. Linda Nochlin hat in The Politics of Vision: Essays of Nineteenth Century Art and Society geschrieben: The image is a poignant one. The inwardness of mood and the isolation of the figure of Halevy, silhoutted against the vital brilliance of the yellowish blue-green backdrop, suggest an empathy between the middle-aged artist and his equally middle-aged subject, who leans, with a kind of resigned nonchalance, against his furled umbrella. The gaiety and make-believe of the theater setting only serves as a foil to set off the essential solitude, the sense of worldly weariness, established by Halevy’s figure….

The only touch of bright color on the figures is provided by the tiny dab of red at both men’s lapels: the ribbon of Legion of Honor, glowing like an ember in the dark, signifying with Degas’s customary laconicism the distinction appropraite to members of his intimate circle — though Degas himself viewed such institutional accolades rather cooly…. No one looking at this sympathetic, indeed empathetic, portrait would surmise that Degas was (or would become) an anti-Semite or that he would become a virulent anti-Dreyfusard; indeed that within ten years, he would pay his last visit to Halevy’s home, which had been like his own for many years, and never return, except briefly, on Ludovic’s death in 1908, to pay his final respects. Aber stimmt das wirklich mit dem sympathetic, indeed empathetic? Es ist doch eher die Karikatur eines Juden (ebenso wie der Violinist in dem Bild im ersten Absatz), die Degas hier vor die Dekoration stellt.

Die Raumbehandlung mit dem abgeschnittenen Albert Boulanger-Cave hat Degas schon viel früher in diesem Bild der Baumwollhändler in New Orleans (wo er fünf Monate gewesen war) gemalt. Für Christopher Benfey (➱hier zu lesen) ist dies Bild die Keimzelle für die Raumgestaltung vieler Bilder der kleinen Tänzerinnen.

Ich persönlich habe überhaupt kein Verhältnis zum Ballett. Ich habe einmal Schwanensee in Begleitung einer jungen Dame gesehen, die in jungem Alter Ballett getanzt hatte. Da habe ich höflicherweise nicht von Hupfdohlen geredet. Ratten sind auch selten in diesem Blog. Sie kommen natürlich vor, wenn von ➱Wind in the Willows die Rede ist. Oder bei diesem wunderbaren französischen ➱Karikaturisten.

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