Kunsterziehung

Mach da noch irgendwo Rot rein, Jay, sagt der Maler Heinz Recker, Kokoschka hat das mit seiner roten O.K. Signatur auch gemacht. Ich habe meine blaue Periode, meine Bilder sind abgestufte Blauvarianten auf weißgrundierter Leinwand. Ich füge mich, das Bild vom Hamburger Rathaus und dem regennassen Rathausplatz bekommt ein freches rotes Jay Signet. Wahrscheinlich sitze ich als Strafe für diese Kokoschka Imitation ein Semester lang in Hamburg neben seiner Signatur auf dem riesigen Bild, das in einem Hörsaal im Erdgeschoss des Philosophenturms hängt. Die blauen Türme der Kathedrale von Amiens kriegen auf meinem Ölbild auch einen roten Fleck, da, wo die Glasrosette zwischen den Türmen ist.

Wir malen im Jugendheim Alt-Aumund, offiziell sind wir ein Volkshochschulkurs, aber der Heimleiter Hannes Meyer lässt uns viel Freiraum. Wir brauchen nicht jeden Bewerber für diesen Kurs aufzunehmen und dürfen auch noch malen, wenn er das Heim schon abgeschlossen hat. Die meisten von uns kommen vom Gerhard Rohlfs Gymnasium oder wie Renate vom Lyceum. Nur Traute kommt von der Kleinen Helle in Bremen, Recker hat sie mitgebracht. Alle außer mir werden Kunst studieren und werden Kunsterzieher. Nur ich habe den Absprung in diese Welt nicht gewagt, immerhin werde ich Kunstgeschichte studieren.

Und dabei hatte ich schon einen Fuß in der Tür, ich bin zusammen mit Uwe in LiLaLerchenfeld gewesen, um mich nach den Aufnahmebedingungen zu erkundigen. Das erste, was ich sah, war jemand auf einer langen Leiter, der eine rote Linie an die Decke malte. Als ich ihn fragte, was er da mache, hat er mir gesagt, dass das Kunst sei. Es hieße Endlose Linie. Ich denke mir, dass da kein Segen drauf liegt und lese auch wenig später in der Zeitung, dass es wegen der Endlosen Linie in der Kunsthochschule Lerchenfeld in Hamburg einen Skandal gegeben habe. Der junge Linienmaler, dessen Name mir damals nichts sagt, ist von seiner Dozentur zurückgetreten. Es ist der Beginn der Karriere von Friedensreich Hundertwasser. Es tauchen jetzt ja viele neue Künstler auf, deren ‚Kunst‘ nicht so ganz in einer Kunsthalle in einen Goldrahmen passt.

Uwe steht dem Ganzen aufgeschlossener gegenüber als ich, er schleppt mich auf eine documenta nach Kassel mit (wo ich mir allerdings lieber die Rembrandts angucke) und zu allen möglichen Happenings in Bremen. Komm mit, wir müssen uns Otto Muehl angucken, sagt er. Ich weiß nicht, wer Otto Muehl ist, aber er soll heute in der PH ein Huhn über einer nackten Studentin schlachten und dann das Blut auf sie tropfen lassen. Das ist jetzt Kunst. Wir sehen aber an diesem Nachmittag keine toten Hühner und leider auch keine nackten Studentinnen. Die Bremer Polizei hat den Ort des geplanten Happenings abgeriegelt. Otto Muehl wird Jahrzehnte später noch sieben Jahre in einem österreichischen Gefängnis sitzen, der Kunstvorbehalt gilt nun eben nicht für allen Quatsch. Wenn Yves Klein mit gewisser Eleganz blau angemalte Frauen aufs Papier bringt, dann ist das vielleicht noch Kunst. Muehl ist nur ein schweinigelnder Prolli.

Heinz Recker ist ein sehr guter Kunstpädagoge, er fördert behutsam die Fähigkeiten der einzelnen. Er kann das besser als viele Kunsterzieher an der Schule. Er wird auch dafür sorgen, dass seine Malgruppe zu einer richtigen Ausstellung kommt. Die Kunsthalle hat in den Wallanlagen eine kleine Ausstellungsfläche. Wenn man ehrlich ist, ist es eigentlich ein Bunkereingang zum Bunker unter dem Theaterberg gewesen, den man 1949 ohne Baugenehmigung zu einer Kunst-Krypta umfunktionierte. Die hat man nun gerade geschlossen, aber die Kunsthalle nutzt den Eingangsbereich (bis er 1968 eingeebnet wird) noch für kleinere Wechselausstellungen. Ich bin mit zwei Bildern dabei (Recker hat unsere Exponate ausgesucht), einem Portrait von Traute mit sehr blondem Blondschopf und einer Baggerseelandschaft in Eggestedt. Das Portrait von Traute schenke ich eines Tages dem Jugendheim, es wird da noch Jahre im Foyer hängen.

In der Volksschule habe ich immer eine Eins im Zeichenunterricht. Das Talent scheint in der Familie zu laufen. Onkel Karl, der Bildhauer (hier seine Statue von Maxim Gorki), besitzt es natürlich. Meine Mutter hat auch etwas davon abbekommen. Und ein Rest scheint offensichtlich auch bei mir durch. Meine Mutter wollte an die Kunstschule, aber da gab es dieses Nein des Vaters. Dafür wird sie ihn ewig hassen. Ich habe ihre Mappen aus ihrer Jugendzeit gesehen, jede Kunstschule hätte sie damit angenommen. Sie hatte Talent. Ich besitze eine Radierung von ihr aus den vierziger Jahren, wahrscheinlich ist es der Bullensee bei Rotenburg. Die würde da auch an der Wand hängen, wenn sie nicht von meiner Mutter wäre. Irgendwie kommt ihr dann auch der Krieg dazwischen. Man kann als Frau im Krieg schlecht an eine Kunstschule gehen, wenn man gerade zum Reichsarbeitsdienst muss.

Der Krieg, die Familie und das Zurechtwurschteln im Wirtschaftswunder haben die mögliche künstlerische Karriere meiner Mutter unterbrochen. Aber sie wird irgendwann wieder anfangen zu malen. Zuerst mit Kopien von Worpswedern. Da nimmt sie sich noch Zeit, und das Ergebnis ist auch gut. Erstaunlich, wie leicht doch Worpsweder zu fälschen sind. Zwischen ihren Overbecks und Modersohns und den Originalen ist kaum ein Unterschied zu erkennen. Es ist schade, dass sie sich nicht in dieser Phase an Otto Ubbelohde versucht hat. Später wird das immer kitschiger. Ich versuche, sie dazu zu kriegen, dass sie langsamer malt, Schicht für Schicht. Malen ist wie Johann Sebastian Bach spielen, nicht ein Stück von Chopin auf dem Klavier hinzukitschen. Aber sie hört leider nicht auf mich.

In den ersten Jahren am Gymnasium habe ich Werner Schnieders als Kunstlehrer. Der ist wirklich gut, handwerklich und pädagogisch. Und er wohnt in einem stilvollen kleinen Haus, das Ernst Becker-Sassenhof gebaut hat. Aber dann kommt für uns die Revolution. Sie hieß Waltraud Otto, trug einen schwarzen Pagenschnitt und war jünger als die anderen Lehrerinnen. Nicht wirklich, wie mir Kunzes Kalender beweist, aber sie sah jünger aus. Und ihr scharfes Outfit (wer außer ihr trug schon Hosen?) hatte nichts mehr mit dem BDM-Look der anderen Lehrerinnen gemein. Es wurde gemunkelt, dass sie die Assistentin von Willy Fleckhaus bei der Zeitschrift Twen gewesen sei.

Ich bin mal mit Uwe auf einer Tagung in Westerstede gewesen, Uwe wusste immer, wo Tagungen waren, bei denen man schulfrei bekommt. Da trat eine ältliche Kunstpädagogin mit Nickelbrille, Dutt und grauer Strickjacke auf, die ein Dutzend Exemplare dieser Zeitschrift als abschreckendes Beispiel für die Irrwege des Designs und die Gefahr der Verderbnis der Jugend herumreichte. Ich habe die dann alle mitgenommen. Das war eine pädagogische Maßnahme von mir, es sollte ja keiner in Gefahr geraten, solche Irrwege zu gehen. Unglücklicherweise stellte sich später heraus, dass die ältere Dame die Tante von Ute war. Damit bin ich bei Utes Familie endgültig unten durch, erst die Sache mit der Harry Belafonte Platte und nun auch noch Kunstbanause.

Nein, Fräulein Otto war definitiv die neue Zeit. Bei ihr durften wir in der Kunst AG im Zeichensaal auch herumlaufen, gucken, was die anderen machten. Zuhören, was sie den anderen sagte. Ende des Frontalunterrichts. Leider nicht, sie wird uns verlassen und zum Alten Gymnasium gehen. Die haben ja den Ruf in den schönen Künsten fortschrittlicher als wir zu sein. Und das ist auch wahr, seit der hervorragende Werner Schnieders pensioniert ist, sieht es bei uns in den Fächern Kunst und Werken kläglich aus. Das Gymnasium hat nur noch drei Kunstlehrer. Im letzten Jahr lande ich bei Frau Evers, die ich schon mal im Werkunterricht gehabt hatte (unser Werkunterricht in der Volksschule war besser).

Die ist ein echter Flop, ich mochte sie nicht, sie mochte mich nicht. Von Kunstgeschichte, was damals ja noch unterrichtet wurde, verstand ich mehr als sie, das wusste sie auch. Ich durfte nur nichts Böses sagen, weil meine damalige Freundin Renate für sie schwärmte. Aber da ist mir die Schule längst egal, da male ich bei Recker. Lehrer für Kunst an einem Gymnasium müssen Pädagogen sein, müssen handwerklich versiert in verschiedenen Techniken sein, sollten einen Überblick über die Geschichte der Kunst haben und sollten auch etwas von Kunst verstehen. Meistens mangelt es Kunstlehrern an der einen oder anderen Fähigkeit. Recker ist Maler, er ist kein beamteter Kunstlehrer und dennoch ein vorzüglicher Pädagoge. Und er versteht etwas davon, wovon er redet.

Aus der Gruppe unserer Secession vom gymnasialen Kunstunterricht, wird nur Uwe wirklich berühmt, er wird Kunstprofessor werden. Allerdings gibt er das Malen schnell auf, widmet sich dann der Radierung (er besitzt sogar eine eigene Presse). Ich versuche ihn noch für ein Projekt zu gewinnen, bei dem seine Radierungen meine Gedichte illustrieren sollen, aber nach sechs Radierungen geht das Projekt den Bach runter (ich hatte wesentlich mehr Gedichte). Unsere Freundschaft wird daran nicht zerbrechen. Er wird Skulpturen entwerfen, die alle etwas mit der Weser zu tun haben. Da kommen wir nun mal her. Eines Tages überrascht er mich damit, dass er sich voll auf Keramik konzentriert. Und wenn Uwe etwas macht, dann macht er das gründlich. Das rororo Sachbuch Keramik in der Reihe Deutsches Museum: Kulturgeschichte der Naturwissenschaften und der Technik im Jahre 1985 trägt seinen Namen. Es wurde in wesentlicher Neubearbeitung 2003 vom Deutschen Porzellanmuseum wieder aufgelegt.

Ich wusste damals nicht, woran er schrieb (manchmal möchte man das ja auch niemandem sagen, man ist ja abergläubisch, solange es noch nicht fertig ist), er nervte mich mit Fragen nach einer guten englischen übergreifenden Technikgeschichte, als er beim Thema Industrial Revolution angekommen war. Entweder Du schreibst sie selbst oder Du nimmst J.D. Bernal, schreibe ich ihm. Wochen später kriege ich eine kryptische Karte, der ich entnehme, dass dieser geniale Kommunist mit seinem Buch Science in History genau das Richtige war, was jemand, der wie Uwe das Establishment hasst, in dieser Situation brauchte. Wahrscheinlich steht deshalb in dem Rowohltband vorne drin: Die Interpretation der Fakten gibt die Meinung des Autors, nicht die des Deutschen Museums wieder. Cool. Das Buch ist trotz dieser reservatio zu einem Standardwerk geworden.

Traute und ich lernen uns in Reckers Kurs kennen, sie kennt Recker privat und kommt nur seinetwegen einmal in der Woche nach Nordbremen. Zwischen Vegesack und Bremen sind Welten, trotz der 23 Minuten, die der Zug braucht (mit dem Trolleybus ist es länger). Außer Recker und der Malerei ist sie das Beste in diesem Kurs. Wir verknallen uns sofort ineinander. Sie sieht aus wie eine coole Blondine, aber sie ist kein bisschen cool und norddeutsch, eher leidenschaftlich. Wir sitzen in Bremer Bars, wir gehen zu Jazzkonzerten und gehen gemeinsam zu Partys und ihrem Abtanzball bei der Tanzschule Schipfer-Hausa. Da hat meine Mutter auch tanzen gelernt.

In Berlin, wohin wir mit unserer Malgruppe fahren (da wird gerade die Mauer gebaut), werden wir in einem Schuppen sein, der das Heißeste der Hauptstadt sein soll. Dieses oberste Stockwerk eines Hochhauses am Hohenzollerndamm, wo man nur mit einem Lastenaufzug hinkommt, ist schon etwas anderes als die Lila Eule in Bremen. Heute heißt sowas Disco, anfang der sechziger Jahre war das neu. Wir sind damals in den Umkleidekabinen des Schwimmstadions des Olympiastadions untergebracht. Da muss man abends um zehn zurück sein, sonst ist das Tor zu. Traute ist die einzige Frau, die ich kenne, die mit einem engen Rock elegant mitternachts über das Tor des Olympiastadions klettert.

Traute und ich stellen uns an der Schlange vor der Kinokasse vom Atlantis Filmkunsttheater in der Böttcherstraße an, um Ingmar Bergmans Das Schweigen zu sehen. Als wir an der Kasse sind, erfahren wir, dass der Film für die nächsten zwei Wochen ausverkauft ist. Na ja, eine filmische Unterweisung im Knutschen durch den schwedischen Meisterregisseur hätten wir eh nicht gebraucht. Wir knutschen immer leidenschaftlich auf dem Grambker Friedhof, es ist da schön ruhig und das Haus ihrer Eltern liegt in der Straße dahinter. Irgendwann lernt sie beim Studium im Hamburg einen jungen Geschichtsstudenten kennen, der schon Hilfskraft bei einem berühmten Professor ist. Sie weiß nicht, wie sie sich entscheiden soll, er scheint ihr etwas Solideres zu sein als ich.

Zum Abschied werden wir im Nebel auf dem Deich von Lesumbrook entlanggehen, eine Inszenierung wie in Antonionis Il Grido. Wir können nicht voneinander lassen. Wir werden uns auch immer mögen, wenn sie längst ihren Historiker geheiratet hat. Der weiß das auch, und seine Eifersucht wird nie wirklich aufhören. Sie wird früh sterben. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod ruft sie mich an, ich sitze im Obstgarten meines Bruders an einem See in Schleswig-Holstein und habe da zum ersten Mal in meinem Leben ein mobiles Telephon in der Hand. So kann ich im Garten sitzen, während wir unser Leben und unsere Liebe Revue passieren lassen.


Ich bin mit ihm seit einem Vierteljahrhundert verheiratet, aber er ist immer noch eifersüchtig auf Dich, sagt sie. Sie weiß, dass sie in wenigen Monaten sterben wird, ihre Familie hat ihr zum Abschied noch einen Flug nach Hongkong geschenkt. Ich weiß nicht, was ich tun und sagen soll. Ich nehme mir nach dem Telephongespräch das neue Rennrad meines Bruders und knalle damit nach zwanzig Metern gegen das Hoftor. Niemand hat mir gesagt, dass dieses Rad keine Rücktrittsbremse hat. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Ich hätte jetzt gerne das Portrait von ihr im Jugendheim Alt-Aumund wieder zurück, aber in Vegesack weiß keiner, wo es geblieben ist. So bleibt mir nur das Portrait, das mein Gedächtnis aufbewahrt. Ich wage es nicht, ihr Bild noch einmal zu malen.

Die Universität Kiel hat einen Zeichenlehrer, wie ich zu meinem Erstaunen bei der Immatrikulation feststelle. Diese Position gibt es schon seit dem 18. Jahrhundert, der Maler Theodor Rebenitz hat den Posten im 19. Jahrhundert einmal gehabt. Jetzt hat ihn H.H. Jessen. Der ist eigentlich an der Muthesius Kunsthochschule, aber er gibt diesen Kurs im Rahmen des kulturellen Angebots des Studentenwerks, wo man ja auch Theater spielen oder Filmemacher werden kann. Jessen legt großen Wert darauf, dass er der Universitätszeichenlehrer ist, obgleich es diese Position eigentlich offiziell schon lange nicht mehr gibt. Bei ihm lernt man Zeichnen von der Pike auf. Im ersten Semester werden nur kleine Vierecke und Würfel gezeichnet, Perspektive geübt, Seiten zart schraffiert. Aktmodelle hätten jetzt natürlich mehr Pep, aber wir sind bei den kleinen Vierecken und Würfeln. Ich bin darüber eigentlich schon hinaus, aber meine Abstraktionen von Würfeln gefallen ihm ganz und gar nicht, also fange ich wieder ganz unten an. Zeichne blitzsaubere rechte Winkel, schraffiere parallel wie mit einem Lineal.

Detlev steigt an dieser Stelle aus dem Kurs aus, das hier ist unter seiner Würde. Detlev kann perfekt naturalistisch zeichnen. Sein Vater war Bauhausprofessor, er hat das Talent geerbt. Wir lernen alles über das Gewicht von Papierbögen, die Härte von Bleistiften, das ist schon substantiell. Allerdings wird es auch bei der langsamen Gründlichkeit Semester dauern, bis wir endlich draußen in der Natur sind. Dann ist unser Zeichensaal der alte Botanische Garten an der Kieler Förde. Inzwischen sind wir auch schon zu lavierten Federzeichnungen vorgedrungen. Ich sitze oben auf dem kleinen Pavillion und schaue über die Förde unter mir, warum das jetzt zeichnen? Mein Kopf speichert die Bilder sowieso.

Einmal wird Jesssen uns am Semesterende zu sich nach Hause einladen und wird am Ende des Abends Mappen voller Aquarelle hervorholen. Er ist im Krieg in einer Propagandakompanie gewesen und hat den ganzen Russlandfeldzug gezeichnet und mit farbiger Tusche laviert. Die Mappen sind chronologisch geordnet. Die ersten Bilder zeigen noch eine Sommerlandschaft mit Birkenwäldern. Die von denen Hermann Bollenhagen gesprochen hat. Dann wird die Landschaft karger, die Grüntöne sind nicht mehr in der Landschaft, nur noch in den Wehrmachtsuniformen. Dann wird alles grau und weiß, der russische Winter ist da. Die Wehrmacht hat nicht so viel von Napoleons Feldzug gelernt. Auch wenn das Beresinalied der Schweizergarden damals noch in manchen Liederbüchern stand. Da, in der letzten Mappe, wo die Bilder immer weißer werden, wie das Ende von Arthur Gordon Pym, hätte auch das Bild Der Chasseur im Wald von Caspar David Friedrich eingeklebt sein können.

Mein Vater hat nicht nur ein halbes Dutzend Kapitäne zu Freunden, er kennt auch richtige Künstler. Willy Mrowetz geht bei uns ein und aus, bei seinem Bruder werde ich einmal Malunterricht haben, und beinahe immer wenn wir Oma in Blumenthal besuchen, fahren wir bei Willi Vogel vorbei, von dem dieses hübsche Bild der Vegesacker Strandstraße stammt. Willy Mrowetz ist mein Lieblingskünstler, er könnte auf dem Jahrmarkt als Schnellzeichner auftreten, er kann Zauberkunststücke, einen Salto aus dem Stand rückwärts (auch noch im hohen Alter), und gibt man ihm eine Puppe in die Hand, wird er zum Bauchredner. Seine Frau Elfriede ist ein Gesamtkunstwerk, sie muß Stunden des Tages vor dem Spiegel verbringen, um in solch abgestuften Farbtönungen von den Schuhen bis zur Spitze der beehive Frisur auftreten zu können. Und immer in anderen Farben. Ich bewundere das.

Willy kriegt im Alter noch eine Beamtenstelle beim Bremer Bauamt und überwacht die an den Häusern Bremens angebrachte Reklame. Ich bin froh für ihn, dass er diese Stelle mit einer Rentenberechtigung noch bekommen hat, er ist sonst als kommerzieller Künstler nicht so erfolgreich. Nur vom Design für Kneipenschilder wie dem Weißen Hirschen in Walle kann man auch nicht leben. In dem Lokal gucken wir häufig bei der Rückfahrt von Bremen vorbei, mein Vater kennt den Wirt Rohlwing genauso wie die beiden Brüder Mrowetz seit den dreißiger Jahren.

Die Zahnbehandlungen hat Willy bei meinem Vater immer umsonst. Dafür malt er auch den Partykeller mit weinflaschenschwingenden Mönchen aus und verziert das Wochenendhaus in Zwischenahn mit Darstellungen des Bremer Rolands, der Stadtmusikanten und so weiter. Willy redet kein Wort mehr mit seinem Bruder Emil, es muss da irgendwann ein Zerwürfnis gegeben haben, an dem auch die Ehefrauen nicht unbeteiligt waren. Emil ist ein ernsthafter Künstler, Manfred Hausmann wäre von ihm begeistert. Utes Tante auch. Er entwirft sakrale Skulpturen. Schon sein Vater war Bildhauer und Altarbaumeister. Er ist im gleichen Jahr geboren wie mein Vater, ist das neunzehnte von einundzwanzig Kindern. Wenn es nach mir ginge, dann hätte ich ja lieber Unterricht im Schnellzeichnen bei Willy gehabt, aber mein Vater schickt mich zu dem richtigen, großen Künstler.

Gut, ich meine das damals ironisch, wir werden auch nicht miteinander warm. Er ist nett, keine Frage, aber er ist eben nicht Willy. Bei ihm ist alles durchgeistigt, er sieht auch so aus, wie man sich in den fünfziger Jahren einen durchgeistigten Künstler vorstellt. Er sieht ein wenig aus wie Arno Schmidt, aber vielleicht liegt das auch an der scheußlichen fünfziger Jahre Brille. Er ist auch kein Pädagoge, ich werde in seinem kalten Studio in der Neustadt nichts Substantielles lernen. Bei Recker lerne ich, wie man eine Leinwand grundiert, wie man Bleiweiß verwendet, wie man einzelne Schichten aufträgt, wie man den Spachtel einsetzt (mit dem Spachtel ist Recker gut). Das ist eigentlich das, was ich lernen will, the tricks of the trade.

Emil Mrowetz‚ Bilder und Zeichnungen (von denen ich noch etliche besitze) sind wahrscheinlich auch nicht sein Hauptwerk, er wird für seine Reliefs und Skulpturen berühmter werden. Bis 1973 ist er Vorstandsmitglied des Bremer Künstlerbundes. Zu seinem 85. Geburtstag wird der Bremer Hauschild Verlag eine Werkschau seines Schaffens herausgeben. Manches von dem, was da abgebildet ist, steht oder hängt in den Wohnzimmern unseres Hauses. Er wird irgendwann von Bremen nach Uchte, dem Heimatort seiner Frau, ziehen. Dort wird es 2002 eine Emil Mrowetz Stiftung geben, die sein Hauptwerk ausstellt. Ich werde ihm und seiner Stiftung nach dem Tod meiner Eltern zahlreiche Werke schenken, was ihn sehr glücklich macht.

Ich hätte auch nicht gewusst, wo ich sie hätte hintun sollen. Ich bin gerade beim Umziehen und muß mich eh von vielem trennen. Gabi schickt mir eine Karte, auf der Claude Chabrol abgebildet ist. Daneben steht der Satz On ne peut pas tout avoir. Et puis d’abord où le mettrait-on? Mrowetz schenkt mir ein Aquarell aus den fünfziger Jahren im Gegenzug, wohin damit? Ich mag es nicht, aber den geschnitzten Frauenkopf von ihm aus den fünfziger Jahren habe ich immer behalten. Obgleich der als Kunstwerk nicht gegen die kleine Skulptur von Onkel Karl bestehen kann. Onkel Karl ist die internationale Moderne, der Frauenkopf von Mrowetz ist religiöses Kunstgewerbe.

Meine Karriere als Maler vertrocknet irgendwann wie die Ölfarbe. Ich verbringe mehr Zeit im Photolabor, das ich im Keller des Hauses habe (dort entwickle ich auch die Röntgenfilme für meinen Vater) als vor der Leinwand. Ich hätte ein guter Gebrauchsgraphiker werden können. Vieles, was heute als Kunst verkauft wird, hätte ich auch hingekriegt. Ich bringe gute Fälschungen von Jasper Johns American Flag zustande, die sich meine Freunde ins Wohnzimmer hängen. Meine blauen Meereslandschaften aus der Spraydose kommen auch gut an (sogar eine richtige dänische Malerin findet die gut). Ich zeichne für Heidi ein Kinderbuch Aus dem Leben eines Maulwurfs, aber das ist es dann auch. Ich kann ja nach der Pensionierung wieder damit anfangen, sage ich mir. Wie Gerhart Hauptmanns Michael Kramer weiß ich, dass mir der ganz große Wurf nie gelingen wird. Wenn ich das technische Können von Odd Nerdrum hätte, das wäre es gewesen. Nicht dass ich so gemalt hätte wie er, nur allein zu wissen, dass man so malen könnte. Wenn ich eines Tages mit dem Bloggen aufhöre und wieder einen Bleistift, eine Feder oder einen Pinsel in die Hand nehme, dann fälsche ich Aquarelle von Thomas Girtin oder John Sell Cotman, das habe ich mir schon fest vorgenommen.

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Hans am Ende

Das erste Bild des Worpsweder Malers Hans am Ende sah ich vor Jahrzehnten im Wohnzimmer der Eltern einer Freundin. Es war eine dieser Landschaften, die sofort Worpswede sagen. Es war ein großes Bild, zu groß für das kleine Wohnzimmer, es schrie förmlich danach, an den Wänden einer Kunsthalle zu hängen. Ich fragte, von wem das Bild sei, man sagte mir, dass es von Hans am Ende sei. Ich hatte den Namen noch nie gehört. Wir hatten zu Hause ein halbes Dutzend Overbecks, und ich kannte Leute, die Modersohns besaßen. Worpsweder waren chic im Bremen der fünfziger Jahre, selbst wenn es nur eine Radierung von Vogeler oder eine signierte Photographie von Hans Saebens war. Aber Hans am Ende, wer war das? Er ist wahrscheinlich heute noch immer der Unbekannteste aus der Worpsweder Gründergeneration.

Das hier sind der Maler Hans am Ende und seine Frau Magda vor ihrem vom Berliner Architekten Otto March (dessen Sohn das Reichssportfeld bauen wird) entworfenen Haus in Worpswede. Die große Villa war so gebaut worden, dass der Maler einige Räume an seine Schüler und Schülerinnen vermieten konnte. Paula Modersohn-Becker schrieb nach einem Besuch des Hauses in ihr Tagebuch: Ich war einen Abend bei am Endes, der wirkte wie warmer, lauer Frühlingsregen und Frühlingssonnenschein auf mein Gemüt. Die Zartheit der Liebe, mit der diese beiden Menschen verkehren, durchleuchtet ihr ganzes Häuslein mit rosenrotem Licht. Und jeder, der diese Atmosphäre atmen darf, muß auch zart und weich werden. 

Er ist eine weiche Künstlerseele mit strengem, keuschem Formensinn. Dürer und Donatello, Botticelli, die liebt er. Die hängen in schönen ernsten Rahmen an seinen Wänden. Und er lauscht den Schwingungen der andern Seele. Er versteht das Unausgesprochene und antwortet unausgesprochen. Dieses Zwiegespräch bringt das ganze Sein in liebliche Schwingungen. Und dann sein Weiblein. Sie hat ein Herz, vor dem man knien möchte. Sie haßt die Spinnen. Sie haben für sie etwas Niedriges. Und doch, wenn sie in ihrem Schmuckkästlein von Haus eine findet, nimmt sie ihre Feindin mit ihrer großen Liebe in dem kleinen Herzen und setzt sie hinaus vors Fenster, auf daß sie doch froh weiterlebe. 

Die von Otto March (dessen Neffe Werner Hegemann das berühmte Buch Das steinerne Berlin: Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt schreiben wird) gebaute Villa ist heute ein Hotel. Der Barkenhof, das benachbarte Haus, das sich Heinrich Vogeler gebaut hatte, ist heute ein Museum. Weil Vogeler berühmter ist als Hans am Ende. Ich weiß nicht, aus welchen Gründen der Maler nie so berühmt geworden ist wie seine Kollegen. Es gibt nicht sehr viel Literatur zu ihm, keine relevanten Kataloge, Ausstellungen und solche Dinge.

Dabei ist er technisch, vor allem in seinen Radierungen, vielen seiner Kollegen überlegen, eine seltene Reife und Sicherheit der Technik attestierte ihm Rilke. Der Maler liebäugelt vielleicht auch ein wenig mit dem französischen Impressionismus, wie man an dieser Ölskizze sehen kann. Er selbst sieht sich kaum als Impressionisten, redet eher ironisch von den franzosentollen Impressionisten mit deutschem Namen. Den von Carl Vinnen initiierten Protest deutscher Künstler hat Hans am Ende selbstverständlich unterschrieben.

Rilke, der über den Tellerrand von Worpswede hinwegguckt, hat Hans am Ende den Daubigny vom Weyerberg genannt. Bei Daubigny fällt mir immer das scheußliche grün-schwarze Bild in der Kunsthalle Bremen ein, aber Daubigny  hat natürlich auch ganz andere, hellere Bilder gemalt. Nach langen Jahren des Wartens muss an dieser Stelle auf ein Wunder hingewiesen werden: der Online Katalog der Kunsthalle Bremen funktioniert! Als die Worpsweder 1895 zum ersten Mal in der Bremer Kunsthalle ausstellten, konnte man bei einem Kritiker lesen: Vor allem Hans am Ende … gelangte zu einer Landschaftsmalerei, die mit ihrer hellen Farbpalette und atmosphärisch dichten Bildwirkungen in die Nähe impressionistischer Bildsprache gelangte.

Hans am Endes Vater war Divisionspfarrer gewesen, und das Militär, in dem der Maler bis zum Hauptmann aufsteigt, wird sein Leben bestimmen. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, meldet er sich (wie sein Nachbar Heinrich Vogeler) sofort als Freiwilliger. Eigentlich ist er mit fünfzig zu alt für einen Frontoffizier, 1918 ist er tot. Sein Nachbar Vogeler ist da zurück auf seinem Barkenhof, nachdem er zuvor zwei Monate in der Bremer Irrenanstalt war, weil er dem Kaiser einen Friedensbrief geschrieben hat. Seine Ehefrau wird über den Tod des geliebten Mannes nicht hinwegkommen, sie schottet sich mit ihren Hunden immer mehr von der Außenwelt ab und begeht am Ende des Zweiten Weltkriegs Selbstmord.

Dieses Bild könnte den Eindruck vermitteln, dass der Hauptmann am Ende während des Krieges nur ein Schlachtenmaler gewesen ist. Er hat zwar immer wieder gemalt und gezeichnet, aber die weiche Künstlerseele von der Becker-Modersohn spricht, war ein pflichtbewusster Infanterieoffzier. Mit vorbildlichem Fleiß, mit eiserner Pflichterfüllung, bildete er seine Offiziere und Mannschaften zu echten deutschen Soldaten heran. Seiner rücksichtslosen persönlichen Tapferkeit, seiner nie versagenden Tatkraft, dankt das Regiment manchen schönen Erfolg, schrieb sein Kommandeur nach am Endes Tod über seinen an der Spitze seines Bataillons auf dem Schlachtfelde von M verwundeten Offizier.

Der Ortsname wird aus Geheimhaltungsgründen nicht angegeben. Das M steht für Messines, wir sind in der Vierten Flandernschlacht. Hier aus dem Flugzeug von Hans am Endes englischen Malerkollegen Richard Carline gemalt. Der Kemmelberg hier ist mir seit Kindertagen vertraut, mein Opa war in der Ersten Flandernschlacht. Die Verwundung bei dem Sturmangriff schien am Anfang nur leichter Art zu sein, doch der Granatsplitter hat innere Organe verletzt. Hans am Ende stirbt am 9. Juli 1918 in einem Lazarett in Schwerin an den Folgen der Verwundung. Seine Beisetzung fand in Bremen statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand man sein Grab in den Trümmern des Friedhofs, man brachte den Grabstein nach Worpswede und setzten ihn mit auf das Grab seiner Frau.

Hans am Ende gehörte mit Fritz Mackensen, mit dem er seit seiner Miltärzeit befreundet war, und den Malern Otto Modersohn, Heinrich Vogeler und Fritz Overbeck zu den Gründern der Worpsweder Künstlerkolonie. Mit Ausnahme von Mackensen, der ihn nach Worpswede gelockt hatte, hatte er in dem Bauerndorf wenig Freunde. Aber er hatte Schüler. Zum Beispiel Walter Bertelsmann, den man als den letzten Worpsweder bezeichnet hat. Und die Bremerin Anna Feldhusen wird bei ihm die Kunst der Radierung erlernen. In der er auch seinen Nachbarn Vogeler unterrichtet. Hans am Ende ist der erste Worpsweder, der sich der Druckgraphik zuwendet. Da ist Rembrandt sein großes Vorbild, aber auch Max Klinger ist für ihn interessant.

Die Radierungen haben insbesonders Rainer Maria Rilke interessiert, der ausführlich über sie geschrieben hat: Dann giebt es ein zweites Blatt. Ein Haus, hell, weit zurückgeschoben, am Rande einer Blumenwiese. Dünne Birken stehen licht davor und werfen lange Morgenschatten in das Gras. Und dann giebt es ein Bild: Blütenbäume, nichts als eine Reihe blühender Bäume in weitem ebenen Land; eine Frau, die die Arme hebt, ein Kind: Millet klingt an, aber es ist noch mehr wie Jacobsen es geschrieben hat: »Blütenweiß stehen, Bouquette von Schnee, Kränze von Schnee, Kuppeln, Bogen, Guirlanden, eine Feenarchitektur von weißen Blüten mit einem Hintergrunde von blauestem Himmel«. Solche Momente sind köstlich: wie wenn man am Abend bei einem einsamen Landhaus vorübergeht; man hört Musik, aber, wie man stehen bleibt, um zu lauschen, ist sie verklungen. Und nun steht man und wartet. Es sind Minuten voll Nachklang, Stille und Ungewißheit. Was wird nun kommen: etwas Frohes, etwas Mächtiges oder wird man hören wie das Klavier geschlossen wird? So sind diese Blätter, so ist dieses Bild: Pausen, Intervalle voll Nachklang, Stille und Ungewißheit. Sie sind selten bei Am Ende, dessen Kunst eigentlich Musik ist.

Was wäre aus Hans am Ende geworden, wenn er nicht 1918 gestorben wäre? Wäre er Nazi geworden wie sein Freund Fritz Mackensen? Wir wissen es nicht, konservativ und national ist er durchaus gewesen, er teilte viele der Anschauungen, die Mackensen schon früh äußerte. Denn beinahe gleichzeitig mit der Gründung der Worpsweder Künstlerkolonie war das Buch Der Rembrandtdeutsche von Julius Langbehn erschienen, eine Kulturgeschichte der Heimatkunst, die direkt zum Nationalsozialismus führte. Wir lassen mal diese Spekulationen und geben Rilke das letzte Wort:

Hans am Ende malt Musik, und die Landschaft, in der er lebt, wirkt musikalisch auf ihn. Darum sieht er sie nicht mit der stillen, sachlichen Ruhe des Malers an und versenkt sich nicht in sie mit des Dichters lauschenden Sinnen. Er ist ergriffen von ihr, hingerissen, emporgehoben und hinabgezogen. Er malt sie, gleichsam im Kampfe mit ihr; als ob einer die Welle malte, die über ihm zusammenschlägt. Darum wächst sie ihm so über alle Maße hinaus, darum haben seine Formen, obwohl sie so stark und wirklich sind, doch etwas Unabgeschlossenes: als ob sie noch weiter wachsen wollten, um, wie jede Form in der Musik, endlich, an einem Punkte höchster Spannung, abzubrechen, sich aufzulösen, ein neues Leben zu beginnen.

Lesen Sie auch: Worpswede, Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck, Ich bin nicht sentimental, Anna Feldhusen, Otto Ubbelohde, Fritz MackensenNiedersachsenstein,

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Ich bin nicht sentimental

Der Satz ist nicht von mir. Ich bin sentimental. Wenn Sie diesen Blog regelmäßig lesen, wissen Sie das. Spätestens seit Sie den Post Wiederholungen gelesen haben. Nein, dieses Ich bin nicht sentimental, hat Fritz Overbeck auf die Frage geantwortet, ob er nicht manchmal Lust verspüre, nach Worpswede zurückzukehren. Er hatte sich eine Villa am Ortsrand von Vegesack gekauft, mit großem Garten, den er hier gemalt hat. Fast ist es mir unheimlich, und fast demütig muß ich denken, womit ich denn das alles verdient habe, schrieb er nach dem Umzug.

Er war der Sohn eines Direktors des Norddeutschen Lloyds, war auf dem Alten Gymnasium in Bremen gewesen und hatte danach in Düsseldorf studiert. Otto Modersohn hatte ihn nach Worpswede gelockt, aber seine Wohnung in Bremen hatte Overbeck erst einmal behalten. Nach dem Umzug nach Vegesack hatte  er 1908 an Modersohn geschrieben: Wir Worpsweder haben in den letzten Jahren, abgesehen von deiner Frau, im Grunde doch nichts hervorgebracht, das uns stolz machen könnte – nimm mir das nicht übel – und und ich halte nichts für verfehlter und schädlicher, als als vorurteilsvoll seine Augen gegenüber den Leistungen anderer zu verschließen.

Overbeck hat seine Villa und seinen Garten nicht lange genießen können, heute vor 110 Jahren ist er gestorben, er war noch keine vierzig Jahre alt. Als Sterbeort wird Bröcken bei Vegesack angegeben, das suggeriert, dass es einen Ort mit dem Namen Bröcken gegeben hätte. Hat es nie, das ist nur eine Flurbezeichnung: Es muß noch etwas gesagt werden zu der in der Literatur und auch in dieser Darstellung verwendeten Ortsbezeichnung „Brocken bei Vegesack“. „Auf dem Brocken“ hieß es damals. „Brocken“, „Krümpel“ oder „Rahland“, das waren die Namen von kleinen Erhebungen beiderseits des Schönebecker Auetals, die damals von heckenumsäumten Äckern und Waldstücken überzogen waren, heißt es 1989 im Jahrbuch der Wittheit zu Bremen.

Heute heißt dort in Schönebeck noch eine ganz kleine Straße Bröcken. Die Straße Auf dem Krümpel gibt es auf der anderen Seite der Schönebecker Aue auch. Wir nannten allerdings die riesige Wiese daneben auch den Krümpel. Wenn die im Winter überflutet und mit Eis bedeckt war, war es eine wunderbare Fläche zum Schlittschuhlaufen. Overbecks Frau Hermine, die auch Malerin war, hat von dem Haus (das sie hier gemalt hat) in den ersten Jahren wenig gehabt, da sie lange wegen ihrer Tuberkulose in Davos war. Overbeck hat sie dort besucht und viele Schneebilder gemalt. Eins davon besitze ich, dieser pappige Schnee ist furchtbar langweilig.

Mein Opa hatte Overbeck gekannt, meine Mutter kannte Overbecks Tochter, die für uns nur das Fräulein Overbeck war. Sie hockte einsam und verarmt in der Villa, auf die ihr Vater so stolz gewesen war. Bei mir an den Wänden hängen zwei Overbecks, der eine ist das Schneebild, der andere eine Dünenlandschaft, die Overbeck 1904 auf Sylt gemalt hat. Die ist auch furchtbar langweilig. Mein Bruder hat auch zwei Overbecks, einen Torfkahn auf der Wümme und eine Sylter Düne. Das Bild mit dem Torfkahn habe ich auch, ist aber eine Fälschung, liebevoll von meiner Mutter kopiert. Im Kopieren von Worpswedern war sie gut. Worpsweder sind leicht zu kopieren. Wenn man sich die Bilder anschaut, die zur selben Zeit in der Malerkolonie in Skagen gemalt werden, dann wird man Overbecks Satz Wir Worpsweder haben in den letzten Jahren, abgesehen von deiner Frau, im Grunde doch nichts hervorgebracht, das uns stolz machen könnte zustimmen.

Für den Maler Fritz Overbeck gab es vor Jahren schon den Post Fritz Overbeck. Und in dem Post Worpswede steht auch einiges über ihn. Sie könnten auch noch lesen: Heinrich VogelerAnna FeldhusenOtto UbbelohdeNiedersachsenstein und Fritz Mackensen. Dann wissen Sie alles über Worpswede.

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Familienbild

Wenn Maler ihre Familie malen, gehen sie häufig mit Liebe und Herzblut an die Sache. Das hat der französische Maler Albert Besnard, der heute vor 170 Jahren in Paris geboren wurde, sicher auch getan. Es ist keine normale Familie, die er da portraitiert: bis auf das Kleinkind auf dem Arm der Mutter haben alle im Raum mit Kunst zu tun. Besnard, der sich neben die Tür der Villa in Talloires im Département Haute-Savoie gemalt hat, kam aus einer Künstlerfamilie. Seine Schwiegermutter Mme Vital-Dubray neben ihm war die Gattin des Bildhauers Gabriel-Vital Dubray, und seine Frau Charlotte Besnard war Bildhauerin. Alle drei Kinder im Vordergrund, Germaine, Philippe und Robert, werden Künstler werden.

Das Bild der Familie Besnard aus dem Jahre 1890 befindet sich im Musée d’Orsay, aus dem auch die Abbildung im obigen Absatz stammt. Bei dieser Abbildung, die sich bei Wikipedia findet, hat jemand wohl zu tief in den digitalen Farbtopf gegriffen, aber man kann dadurch die Struktur und den räumlichen Aufbau des Bildes schön erkennen. Von den Bildern Besnards, die an der Wand hängen, ist nichts mehr zu erkennen. Durch die Verandetür, ein kleines Bild im Bild, erhalten wir einen Ausblick auf die Landschaft.

Besnard hätte auch Landschaftsmaler werden können, er ist ein Maler, der alles kann und jede Technik beherrscht, ob es Radierungen, Aquarelle oder Ölgemälde waren. Die Kritiker liebten ihn: Among contemporary French artists, there is no more brilliant and vivid figure than that of Albert Besnard. He is a painter of life and light, a magician of color, a man who, as one critic puts it, „has seen in the paroxysm of a moment the truth revealed by his contact with the infinite.

Besnard war 1880 mit seiner Familie nach London gegangen und hatte dort die Bilder von Joshua Reynolds und Thomas Gainsborough genau studiert, was ihn zu einem gesuchten Portraitmaler der Belle Epoque werden ließ. Er ist auch schon so berühmt, dass er in der Royal Academy ausstellen darf. Besnard war mit John Singer Sargent befreundet, der die Familie Besnard mit dem kleinen Robert vor seiner Geburtstagstorte einmal gemalt hat. Das intime Bild, das Albert Besnard von seiner Familie gemalt hat, entsteht im selben Jahr, in dem Vindent van Gogh stirbt. Haben die beiden Maler etwas gemein?

Besnard hat ein liebende Familie, bekommt private und öffentliche Aufträge, Preise und Auszeichnungen. Vincent van Gogh hat nichts davon. Es mag ihm im Malerhimmel ein Trost sein, dass sich heute alle an ihn erinnern und kaum jemand Albert Besnard kennt. Doch der Maler des mainstream der Belle Epoque hat van Gogh gekannt, er macht mit seinem Bruder Vincent Geschäfte. Der hat ihm einmal zweihundert Franc geliehen, hätte er vielleicht besser seinem Bruder gegeben. Manchmal ist Besnard gar nicht so weit von van Gogh entfernt, das van Gogh Museum besitzt diese Serie von Radierungen.

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die Zukunft: nackt und blind

Sir Hubert von Herkomer wurde am 26. Mai 1849 geboren, bei seiner Geburt war er noch ein schlichter Hubert Herkomer. Die Ernennung zum bayrischen Ritter von Herkomer und der englische Adelstitel kamen später. Herkomer war Maler, Filmpionier und Komponist. Dieses etwas exzentrische Aquarell ist eine seiner Schöpfungen. Es zeigt eine kaum bekleidete junge Dame, die an ein Automobil gefesselt ist. Die Augen sind ihr verbunden, sie kann nicht sehen, was kommen wird. Um ihren Leib windet sich ein weißes Band, auf dem Die Zukunft steht. Wer diesen Wagen mit der nackten Kühlerfigur lenkt, wissen wir nicht. Das Bild von Herkomer wanderte als Photogravur auf die Speisekarte der ersten Herkomer Konkurrenz (die erste Tourenwagen Rallye der Welt) im August 1905. Für die The Motor Union of Great Britain and Northern Ireland wurde 1908 auch noch eine Silbermedaille mit der nackten und blinden Zukunft geprägt.

Sir Hubert war auch der Wegbereiter des Automobilsports in Deutschland. Die künstlerisch wertvolle Speisekarte des aus Bayern stammenden Engländers ist prophetisch, dem Automobil wird die Zukunft gehören. Und das Automobil wird im 20. Jahrhundert immer wieder mit Darstellungen von Frauen beworben werden. Die auf diesem Poster etwas bekleideter daherkommen als bei Herkomer, aber ihre Posen sind nicht die des netten Mädchens von nebenan, das man seiner Mutter vorstellt. Das 20. Jahrhundert wird uns lehren, dass man beinahe alle Produkte der Warenwelt mit Frauen bewerben kann, die zu einer obligaten Garnierung des Produkts werden.

Das hier ist ein Sportwagen der englischen Firma TVR, die 1971 bei der Earls Court Motor Show nur nackte Mädel am Verkaufsstand, oder auf ihren Sportwagen sitzend, präsentierte. Das war lange bevor sie halbbekleidet bei Ferrari herumlungerten und Boxenluder hießen. Mein Bruder hatte mal einen TVR, der wurde allerdings ohne nackte Beigaben geliefert. Ich bringe dies Beispiel, das sich am Rande des guten Geschmacks bewegt, um zu zeigen, dass sich England in den siebziger Jahren gegenüber der Welt Herkomers sehr verändert hat.

Photos vom TVR Sportwagen bei der Earls Court Motor Show finden sich auch in der zweiten Auflage von Jörg Nimmerguts Buch Werben mit Sex. Das Buch hat eine seltsame Geschichte. Als es 1966 erschien, wurde es von der Staatsanwaltschaft wegen Verbreitung unzüchtiger Schriften nach § 184 StGB verboten. Dabei war das ein durchaus seriöses Buch. 1982 ist das Buch dann in der zweiten Auflage beim Wilhelm Heyne Verlag erschienen, man kann es heute noch bei Amazon Marketplace preisgünstig finden.

Die ersten drei Automobile, die bei der Herkomer Konkurrenz 1905 nach beinahe tausend Kilometern durch Herkomers bayrische Heimat das Ziel erreichten, trugen alle einen Frauennamen: Mercédès. So hatte der Autohändler Emil Jellinek seine Tochter genannt, später nannte er mehrere Rennwagen der Firma Daimler so. Wir wissen, was daraus geworden ist. Dies hier ist nicht Mercedes Jellinek, das ist Mercedes Stermitz, eine ehemalige Miss Austria, die Rennfahrerin geworden war. Fuhr aber trotz des Vornamens nicht für Mercedes, sondern für BMW.

Unbekleidete Frauen hat es bei der Firma Mercedes nicht gegeben, aber die Frau wurde von Mercedes-Benz seit den Anfängen der Firma umworben, schließlich war Berta Benz eine der ersten Autofahrerinnen gewesen. Und Carl Benz erinnert sich in seiner Autobiographie mit Freude daran, dass eines seiner ersten Autos an eine ungarische Lehrerin verkauft wurde. Diese rotgekleidete Autosportlerin aus dem Jahre 1926 stammt von Edward Alfred Cucuel, der seine Plakate mit Offelsmeyer oder Cucuel Offelsmeyer zu signieren pflegte. Die Frau in dem roten Rennanzug hat es wirklich gegeben, es war Ernes Merck, die erste Deutsche, die in den zwanziger Jahren Autorennen fuhr.

Die Dame, die hier neben einem Rolls Royce steht, ist sozusagen doppelt auf dem Bild. Denn Eleanor Thornton war das Modell für die Figur des Spirit of Ecstasy (auch Emily genannt), der Kühlerfigur, die der Fahrer eines Rolls Royce nie aus dem Blickfeld verliert. Heute gibt es immer noch die Emily auf dem Palladio Kühler des Rolls, aber kaum noch Bilder von Frauen in der Automobilwerbung, irgendwie ist das schade.

Eine Lithographie wie diese von Akseli Gallen-Kallela für die finnische Firma Bul-Bol aus dem Jahre 1907 wäre heute unmöglich. Was wie eine total bescheuerte erotische Phantasie anmutet, hat aber für Finnland eine tiefere kulturelle Bedeutung. Das sagt uns Ghislaine Wood, die Kuratorin des Victoria & Albert Museums: The Kalevala folk story of the Snatching of Kyllikki has been transformed: the sledge becomes a red car and Lemminkainen, the hero, is a besuited motor-car fanatic. Bil-Bol is perhaps one of the earliest advertisements overtly to endow a product with a value that is symbolic, here the promise of sexual fulfillment; a value that has been a mainstay of advertising in the twentieth century.

Lesen Sie auch: Mercédès, automobilia

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Marie Ellenrieder

Es muss mal wieder etwas Kunst in den Blog. Gab es länger nicht, es sei denn, wir betrachten eine Flitzpiepe wie Jonathan Meese als Künstler. Mit solcher Art Kunst hätte die Konstanzer Malerin Marie Ellenrieder (die am 20. März 1791 geboren wurde) nichts anfangen können. Reiligiöse Kunst war eins ihrer Themen, die Altarbilder für die Kirche in Ichenheim von 1822 waren die ersten Bilder einer deutschen Malerin für eine katholische Kirche. Portraits der bürgerlichen Gesellschaft und des Adels war ein anderes Thema. Sie hatte als Miniaturmalerin begonnen, das kann man diesem Selbstportrait aus dem Jahre 1819 noch ansehen.

Sie wird 1813 als erste Frau an der Münchener Kunstakademie angenommen. Nicht, weil sie so gut malen kann; sie gilt als Sozialfall, sie ist beinahe gehörlos. Die Protektion des Generalvikars Ignaz Heinrich von Wessenberg hat dabei wohl auch eine Rolle gespielt. Ihre Kollegin Louise Seidler, die Ellenrieder in Rom kennenlernt, wird in ihrer Autobiographie dazu sagen: Mit der Aufnahme Maria Ellenrieders als Schülerin der Akademie zu München war übrigens ein Präcedenzfall geschaffen, der von guten Folgen war, mehr als Eine meines Geschlechts hat sich in der Isarstadt ausgebildet, und zwar weder zum Schaden der Kunst, noch zum Nachtheil der weiblichen Würde. Louise Seidler und Katharina von Predl, mit denen die Ellenrieder befreundet sein wird, werden die nächsten Frauen an der Münchener Akademie sein. Von den Aktkursen sind die Malerinnen allerdings ausgeschlossen.

1823 malt Marie Ellenrieder diese Maria mit dem Jesusknaben an der Hand, ein Bild, das als ihr malerisches Hauptwerk gilt. Da war sie in Rom gewesen und war von den Nazarenern beeinflusst worden. Wir mögen das heute scheußlich finden, aber in der Romantik fand man so etwas schön. So schrieb Ludwig Robert an seine Schwester Rahel Levin Varnhagen: Es ist jetzt hier Kunstausstellung im Museum; einige gute Landschaften, sonst nichts von Bedeutung. Aber es befindet sich dabei das beste Bild, das (meinem innigen Gefühle nach) in neuester Zeit gemahlt worden ist; und dieses Bild ist – ja! – eine Madonna! und diese Madonna hat gemahlt – ja! – ein Frauenzimmer! Mamsell Maria Ellenrieder aus Constanz, von armen Ältern gebohren, von einem Münchner Professor unterrichtet: dann mit Fl 200! jährlicher Unterstützung vom hiesigen Hofe in Rom gewesen.…Berstedt hat 100 Carolin gebothen; aber die Künstlerin kann nicht darüber disponieren, weil sie es ihrem Vater geschenkt hat“.

Ludwig Robert war nicht der einzige, der derart begeistert war. 1827 wurde sie mit der neu geschaffenen goldenen Medaille Für Kunst und Gewerbfleis ausgezeichnet wurde. Großherzog Ludwig ernannte sie 1829 zur Badischen Hofmalerin mit einem jährlichen Ehrendsold von 300 Gulden. Angelika Kauffmann, mit der sie 1992 in Konstanz eine Ausstellung teilen wird, wurde in England reich und berühmt, Marie Ellenrieder gelang das in ihrem Heimatland. Sie hätte ein Vorbild für die Malweiber am Ende des 19. Jahrhunderts sein können, aber die werden sich nicht auf sie berufen.

Am besten ist sie mit ihren Selbstportraits, wie dem im ersten Absatz und im Absatz oben. Was sie nicht unbedingt kann, ist eine Gruppe wie diese, die den General Georg Heinrich Krieg von Hochfelden und seine Gattin zu Pferd zeigt. Das hätte der Berliner Franz Krüger, den man den Pferde-Krüger nennt, viel besser gekonnt. In einem Künstlerlexikon aus dem Jahr 1914 wird Marie Ellenrieder  als die bedeutendste Malerin Deutschlands in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert bezeichnet. Das ist sicherlich richtig, auch wenn ihr Ruhm heute ein wenig verblasst sit.

Der Amerikaner Jack Daulton, der eine erstaunliche Sammlung zum Symbolismus hat, besitzt auch zahlreiche Bilder von Marie Ellenrieder. Zu ihrem 150. Todestag erschien 2013 der Katalog Einfach himmlisch! Die Malerin Marie Ellenrieder 1791-1863, aus dem man hier einen Aufsatz von Edwin Fecker, der auch Ellenrieders Druckgraphik herausgegeben hat, lesen kann. Zwanzig Jahre früher war in Konstanz der Katalog „… und hat als Weib unglaubliches Talent“ (Goethe). Angelika Kauffmann (1741-1807) – Marie Ellenrieder (1791-1863): Malerei und Graphik erschienen. Man hat sie in ihrem Heimatort Konstanz und in Karlsruhe, wo sie lange tätig war, bis heute nicht vergessen. In diesem Blog, in dem immer etwas aus der Vergangenheit ausgekramt wird, auch nicht.

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Ist das Kunst?

Umstrittene Meese-Ausstellungen in Lübeck: Ist das Kunst? titelten die Lübecker Nachrichten online. Seit Marcel Duchamps Pissoir (das hier schon einen Post hat) und der Fettecke von Beuys wird die Frage Ist das Kunst oder kann das weg? immer wieder neu gestellt. Der neueste Künstler dieser Art ist ein gewisser Jonathan Meese, der zur Zeit Lübeck aufmischt.

Die Lübecker Petrikirche hat man nach dem Luftangriff im März 1942 nicht mehr vollständig wieder aufgebaut. In der fünfschiffigen Hallenkirche St. Petri gibt es sonntags keinen Gottesdienst mehr. Sie ist eine Kulturkirche für  Vorträge, Ausstellungen, Konzerte und den Kunsthandwerkermarkt in der Adventszeit geworden. Aber auch, wenn sie innen nicht wieder fertiggestellt worden ist, wirkt sie doch in dieser weißen Schlichtheit eindrucksvoll und erhaben. Mit der Erhabenheit ist es jetzt vorbei, weil sich dieser Jonathan Meese in der Kirche austobt.

Ein promovierter Pastor hat zur Eröffnung des Spektakels im letzten Monat eine Rede gehalten (die Sie hier lesen können), und man fragt sich: Musste das sein? In einem leergeräumten protestantischen Gotteshaus kann man offensichtlich jeden Unsinn veranstalten, aber hätte Meese seine Großoffensive der Kunst in Vierzehnheiligen veranstaltet, da wäre dann am nächsten Tag Armageddon gewesen.

Jonathan Meese ist ein Skandalkünstler, sagt die Presse. Dem will man gerne zustimmen. Skandalkünstler machen Skandale, das ist ihre Kunst. Ob  sie mehr als das können, weiß man nicht. In Lübeck hatte man schon einmal in einer Kirche einen Skandal. Das ist lange her, aber nicht ganz vergessen. Der Künstler hieß damals Lothar Malskat, er verzierte die Marienkirche mit gotischer Malerei, die er angeblich unter Farbresten entdeckte. Die Schlagzeilen lauteten Die Welt blickt auf St. Marien oder Die größten Funde Europas.

Man hätte bei der Anstellung von Lothar Malskat gewarnt sein können, hatte der doch wenige Jahre zuvor in den Schleswiger Dom Truthähne gemalt. Was den Nazis zu der Theorie diente, dass die Wikinger aus Haithabu in Amerika waren und die Vögel mitgebracht hätten (lesen Sie mehr in Truthähne). Jetzt malt er in Lübeck mittelalterliche Fresken an die Wand. Sie können mehr über den Fälscher, den Günter Grass in seinen Roman Die Rättin hineinschreiben wird, in dem Post Lothar Malskat lesen. Das Witzigste an diesem Kunstskandal ist, dass niemand ihn wahrhaben wollte. Malskat, dem man nicht glaubte, dass er das alles gemalt hatte, musste sich selbst anzeigen und beweisen, dass er der Urheber der Kunst war.

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