Ratten

 

Hupfdohlen bei der Tanzstunde, das ist natürlich Degas. Detailliert gemalte kleine Mädchen in Tüll, ich kann mir nicht helfen, es hat schon etwas Perverses an sich. Irgendwie fallen diese androgynen Wesen sicher schon unter kiddie porn. Degas nannte die kleinen Tänzerinnen filles-singes (das notiert Edmond de Goncourt in seinem Tagebuch), Äffinnen ist nun nicht unbedingt eine nette Bezeichnung. Da ist Hupfdohlen noch netter. Ludovic Halévy, mit dem Degas befreundet ist, nennt die Tänzerinnen der Oper Ratten.

Sie heißen heute noch so. Mein Sachs-Villatte aus dem Jahre 1909 hat da die Bedeutung Opern-Figurantin (aber auch: unterhaltenes Frauenzimmer). 1966 erschien die Fernsehserie ➱L’Âge heureux nach dem Roman Côté jardin, Mémoires d’un rat von Odette Joyeux. Das Wort rat für die minderjährigen Tänzerinnen taucht schon vor 1840 auf. Da schreibt der Dandy Nestor Roqueplan (der auch einmal Direktor der Oper war): Le vrai Rat, en bon langage, est une petite fille de sept à quatorze ans, élève de la danse, qui porte des souliers usés par d’autres, des châles déteints, des chapeaux couleur de suie, qui sent la fumée de quinquet, a du pain dans ses poches et demande six sous pour acheter des bonbons; le rat fait des trous aux décorations pour voir le spectacle, court au grand galop derrière les toiles de fond et joue aux quatre coins des corridors ; il est censé gagner vingt sous par soirée, mais au moyen des amendes énormes qu’il encourt par ses désordres, il ne touche par mois que huit à dix francs et trente coups de pieds de sa mère.

Roqueplan ist nicht der einzige, der über die petits rats schreibt, auch Balzac erwähnt sie. Und, wie erwähnt, Ludivic Halévy. Seine Bücher Madame et Monsieur Cardinal und Les petits Cardinal (eins davon ist ➱hier im Volltext) sind voll mit kleinen Ballerinas, und teilweise wirken Degas‘ Bilder wie Illustrationen von Halévys Werk. Was sie auch wohl sind. Was wir so hübsch finden, ist vielleicht nur zynisch. Ein  großer Zyniker ist Degas ja gewesen. Was in seiner Zeit manchen Kunstkritiker dazu bringt, ihn ebenso zynisch abzufertigen.

So zum Beispiel Félix Fénéon: M. Degas poursuit le corps féminin d’une vieille animosité qui ressemble à de la rancune ; il le déshonore d’analogies animales oder zur Rampe de danseuses (Bild): ce bloc irradié en un enchevêtrement de bras et de jambes jette commel’image d’un dieu hindou épileptique. Zu Félix Fénéon und anderen in dieser Zeit gibt es eine sehr interessante ➱Dissertation von Annika Lamer ➱Die Ästhetik des unschuldigen Auges: Merkmale impressionistischer Wahrnehmung in den Kunstkritiken von Émile Zola, Joris-Karl Huysmans und Félix Fénéon.

Und was wird aus den kleinen rats? Wohl die wenigsten werden die Hauptrolle in Schwanensee bekommen oder berühmt werden wie Fanny Elssler oder Eugenie Fiocre (die Degas ➱malen wird) und sich ihre Kleider bei ➱Charles Frederick Worth kaufen. Die meisten werden in einem Bordell landen wie diese Frauen in Erwartung eines Freiers auf dem Bild von Degas. Bordelle gibt es in dieser Zeit genug in Paris, und ohne Bordelle und Prostitution kommt der Impressionismus nicht aus. Das bewies im letzten Jahr eine ➱Ausstellung im Pariser Musée d’Orsay. Und schon vor Jahren hatte Hollis Clayson ihr Buch Painted Love: Prostitution in French Art of the Impressionist Era (➱hier zu lesen) vorgelegt.

Dies ist die Welt von Proust, dies sind nicht les jeunes filles en fleurs. Dies sind Arbeiterkinder, die mit sechs und acht Jahren an der Oper anfangen und eine Sechstagewoche haben. Wenn sie in ihrer Pubertät sind, können sie sich durch sexuelle Gefälligkeiten noch etwas hinzuverdienen. Die amerikanische Professorin Lorraine Coons hat in ihrem Aufsatz ➱Artiste or coquette? Les petits rats of the Paris Opera ballet dazu eine Menge zu sagen.

Degas‘ Mädchen und Frauen bleiben blaß und verhuscht, eine Pastellversion der Wirklichkeit. Nichts Flamboyantes wie Henri Gervex‘ Bild ➱Rolla. Oder Manets ➱Nana, der Werner Hofmann in Hamburg 1973 eine große ➱Ausstellung widmete. Das daraus entstandene Buch ➱Nana: Mythos und Wirklichkeit kostet bei Amazon Marketplace zwischen 99 Cent und 386 Euro; ich würde das Exemplar für 99 Cent nehmen, aber ich habe das Buch natürlich schon.

Ich mag Degas, der heute vor 99 Jahren starb, überhaupt nicht. Das habe ich schon zum Ausdruck gebracht, als ich vor vier Jahren den Post ➱Edgar Degas schrieb. Es ist dieser widerliche Antisemitismus, der in den 1870er Jahren bei ihm virulent wird. Dies hier sind nicht zwei Herren, die hinter der Bühne der Oper darauf warten, kleine Tanzmädchen zu vernaschen. Die Szenerie stimmt, wir sind in der Oper, beide Herren (Ludovic Halévy und Albert Boulanger-Cave) haben mit der Oper zu tun. Linda Nochlin hat in The Politics of Vision: Essays of Nineteenth Century Art and Society geschrieben: The image is a poignant one. The inwardness of mood and the isolation of the figure of Halevy, silhoutted against the vital brilliance of the yellowish blue-green backdrop, suggest an empathy between the middle-aged artist and his equally middle-aged subject, who leans, with a kind of resigned nonchalance, against his furled umbrella. The gaiety and make-believe of the theater setting only serves as a foil to set off the essential solitude, the sense of worldly weariness, established by Halevy’s figure….

The only touch of bright color on the figures is provided by the tiny dab of red at both men’s lapels: the ribbon of Legion of Honor, glowing like an ember in the dark, signifying with Degas’s customary laconicism the distinction appropraite to members of his intimate circle — though Degas himself viewed such institutional accolades rather cooly…. No one looking at this sympathetic, indeed empathetic, portrait would surmise that Degas was (or would become) an anti-Semite or that he would become a virulent anti-Dreyfusard; indeed that within ten years, he would pay his last visit to Halevy’s home, which had been like his own for many years, and never return, except briefly, on Ludovic’s death in 1908, to pay his final respects. Aber stimmt das wirklich mit dem sympathetic, indeed empathetic? Es ist doch eher die Karikatur eines Juden (ebenso wie der Violinist in dem Bild im ersten Absatz), die Degas hier vor die Dekoration stellt.

Die Raumbehandlung mit dem abgeschnittenen Albert Boulanger-Cave hat Degas schon viel früher in diesem Bild der Baumwollhändler in New Orleans (wo er fünf Monate gewesen war) gemalt. Für Christopher Benfey (➱hier zu lesen) ist dies Bild die Keimzelle für die Raumgestaltung vieler Bilder der kleinen Tänzerinnen.

Ich persönlich habe überhaupt kein Verhältnis zum Ballett. Ich habe einmal Schwanensee in Begleitung einer jungen Dame gesehen, die in jungem Alter Ballett getanzt hatte. Da habe ich höflicherweise nicht von Hupfdohlen geredet. Ratten sind auch selten in diesem Blog. Sie kommen natürlich vor, wenn von ➱Wind in the Willows die Rede ist. Oder bei diesem wunderbaren französischen ➱Karikaturisten.

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Georges Braques Rolls Royce

 

Georges Braque, 74, Kunstmaler und Massenproduzent moderner Bilder, kaufte sich als zweiter französischer Maler nach seinem Kollegen Bernard Buffet, 28, (SPIEGEL 28/1956) ein Rolls-Royce-Auto, schrieb der Spiegel 1956. Das mit dem Massenproduzenten mag der Künstler wohl nicht so gerne gehört haben. Als Braque (der am 31. August 1963 starb) sich den Rolls kaufte, hatte der Maler einen Chauffeur. In den zwanziger Jahren fuhr er noch selbst. Zum Beispiel diesen Alfa Romeo. Den er auch noch bemalt hatte, sozusagen ein echter Braque.

Das dürfen Maler mit ihren Autos ja tun. Wird viel zu wenig gemacht. Der Satz von Henry Ford, any color so long as it is black, gilt für das Europa des Art Déco nicht. Denn bevor John Lennon in einem psychedelischen ➱Rolls spazierenfuhr, gab es schon so etwas. Dieses Auto hier wurde nach einem Design von Sonia Delaunay neu gespritzt (es war nicht das einzige ➱Fahrzeug, das sie bemalte). Auch die beiden Damen, die das Auto dekorieren, tragen Kleidung, die von Delaunay entworfen wurde. Hergestellt wurden die Pelzmäntel von Jacques Heim, mit dem Delaunay lange zusammenarbeitete. Jacques Heim hatte übrigens 1946 auch einen Bikini erfunden, den er Atom nannte, aber da setzte sich doch das Modell von Louis Réard mit dem Namen Bikini durch (das hier schon einen Post hat).

Frauen scheinen in den zwanziger Jahren keine Angst vor dem Automobil zu haben. Tamara de Lempicka malt sich 1929 voller Stolz am Lenkrad ihres grünen Bugattis. Es ist die Zeit der flapper, jener jungen Frauen, die jetzt Sport treiben (wie in ➱Jordan Baker in Fitzgerald ➱Great Gatsby), Hosen tragen, öffentlich Zigaretten rauchen und Automobile besitzen. In der Geschichte der Emanzipation spielt das Automobil eine wichtige Rolle. Und ein Auto wie der Jordan Playboy war nicht für eine männliche Kundschaft konzipiert (lesen Sie ➱hier mehr über eine der berühmtesten Anzeigen der Werbegeschichte).

Die roaring twenties sind nicht nur die Zeit der flapper, sie sind auch die große Zeit des Art Déco – das Photo von Sonia Delaunays Auto und ihren Pelzmänteln wurde von einem Pavillon der Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes (kurz: Art Déco) gemacht. Die zwanziger Jahre sind auch die große Zeit des ➱Plakats. Hier hat André Edouard Marty eine junge Dame der Pariser Gesellschaft in ihrem ➱Citroen abgebildet. Wir können hier sehen, dass das Automobil ein Accessoire der ➱Haute Couture geworden ist.

Marty hatte an der Ecole des Beaux Arts studiert und arbeitete für die führenden Modejournale wie die Gazette du Bon Ton, das Journal des Dames et les Modes oder Vogue. Er war sogar so berühmt, dass ihn ➱London Transport für Plakate verpflichtete. Das hätte ich in dem Post ➱Keep calm and carry on vielleicht noch erwähnen sollen. Um das wieder gutzumachen, habe ich hier ein schönes Plakat, das er für London Underground entworfen hat.

Der Elendsmaler Bernard Buffet hatte nicht nur einen Rolls, er malte ihn auch gerne. Obgleich es viele Künstler gibt, die einen Rolls besitzen, malt kaum jemand das Objekt der künstlerischen Begierde. Marcel Duchamp tat das nicht, und auch Joseph Beuys hat seinen Bentley nicht gemalt. Der Massenproduzent Georg Baselitz weiß weshalb: Wenn einer zu viele Ringe an den Fingern trägt oder einen Rolls-Royce fährt, wird der geschmäht. Das ist ein Phänomen, das in einer Neidgesellschaft wuchert. Ganz übel, und Deutschland hat dazu alle Fundamente gelegt.

Das ist natürlich schlimm, Maler wie Baselitz haben es in Deutschland ganz schwer. Ein Rolls Royce ist etwas für ➱Könige. Und für Kleinbürger wie Baselitz, der sich – ebenso wie Bernard Buffet – ein Schloss kaufte. Etwas weniger beklagt sich da Markus Lüpertz. Massenproduzent moderner Bilder, Millionär und Rolls Royce Liebhaber Markus Lüpertz hatte soviel Humor, das Cover für den Krimi von Joseph Wambaugh Der Rolls-Royce-Tote zu zeichnen.

Georges Braque war in seiner Jugend ein wilder Fahrer gewesen. Sein Freund ➱Picasso war um ihn besorgt und hatte ihm immer zu einem Chauffeur geraten. Den bunt bemalten Alfa hatte Braque nicht lange behalten, er verkaufte ihn für tausend Francs an den Dichter Blaise Cendras (lesen Sie mehr in dem Post ➱Blaise Cendrars). Kaufte sich aber sofort einen neuen Alfa. Als Braque sich einen großen Hispano Suiza kaufte, leistete er sich dann auch einen Chauffeur. Mit Livree.

Ein Hispano Suiza war damals viel exklusiver als ein Rolls (lesen Sie ➱hier mehr dazu), wahrscheinlich ist das auch ein Grund dafür, dass Picasso sich 1953 auch einen kaufte. Und sich natürlich einen Chauffeur zulegte. Er mochte das Auto, weil es so groß war, dass er seine ganze Malausrüstung darin verstauen konnte. Braque andererseits hatte ein kunstvolles System ersonnen, um Leinwände und Malmaterial auf dem Dach seines Rolls zu befestigen. Ein Jahr bevor sich Picasso seinen Hispano Suiza kaufte, hatte er diese Plastik eines Pavians geschaffen, dessen Kopf aus einem Auto besteht, aber Picassos Plastik und sein Auto haben bestimmt nichts miteinander zu tun. Man weiß nicht, was in Picassos Kopf vorgeht.

Ein Rolls Royce bietet sich für einen Künstler schon deshalb an, weil er selbst ein Kunstwerk ist, da hätte man den Plan von Alina Szapocznikow, einen riesigen ➱Rolls-Royce aus portugiesischem rosa Marmor herzustellen, gar nicht gebraucht. Der Kunsthistoriker Erwin Panofsky hat in einem witzigen Aufsatz mit dem Titel The ideological antecedents of the Rolls-Royce radiator auf die gerade, klare Gliederung der Villen des Palladian Style hingewiesen (und der Rolls-Royce Kühler verdankt ➱Palladio ja auch vieles), die in völligem Gegensatz zu der gewollten Unordnung der Natur des englischen ➱Landschaftsgartens steht. Deshalb stellen Sie Ihren Rolls am besten in den Park. Aber niemals unter ➱Lindenbäume. Sagt ein Handbuch für Rolls Royce Chauffeure.

Man kann einen Rolls in jeder beliebigem Form bekommen. Das hier gilt allgemein als der hässlichste Rolls, der je gebaut wurde. Nubar Gulbenkian (der bestimmt ein halbes Dutzend Rolls Royce besaß) hatte ihn sich 1947 von der Karosseriefabrik Hooper bauen lassen. Not everyone will care for the very advanced appearance – but there is no doubt it is striking, schrieb die Zeitschrift Autocar. Man kaufte bei der Firma Rolls Royce eigentlich nur Fahrwerk und Motor, alles andere machten Firmen wie Hooper, Mulliner oder Park Ward.

Die Erfahrung musste auch der junge Michael Caine machen, als er ein spezielles Modell haben wollte. Ein älterer Herr sagt ihm bei der Autoshow: I think I can assure you myself, sir, that the Mulliner Park Ward chassis will never be available on the model you require because Mr Mulliner is dead and I am Mr Park Ward, so you are getting your information straight from the horse’s mouth, as the saying goes. Lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Luxuskutschen. Heute fährt Michael Caine, der noch keinen Führerschein hatte, als er sich seinen ersten Rolls kaufte, einen grauen Lexus: I used to drive a Rolls and all that but they were just too ostentatious for this world now. I had to get rid of them. Die goldene ➱Rolex ist auch vom Arm verschwunden. So etwas hat doch Stil.

Natürlich ist es immer feiner, einen Bentley zu haben als einen Rolls Royce. Das hatte Braque auch eingesehen, sein Rolls machte einem grauen Bentley Platz. Der Spiegel wusste damals zu vermelden: Georges Braque, 79, französischer Kubist, läßt seinem 80 000-Mark-Auto, einem britischen Bentley, bei den täglichen Spazierfahrten in Paris zwei Motorroller-Fahrer vorauseilen, damit er rechtzeitig vor Verkehrsstockungen gewarnt wird, die dem Maler zuwider sind. Wenn man Massenproduzent moderner Bilder ist, kann man sich auch so etwas leisten.

Es gibt genügend Gemälde, auf denen Automobile sind. Und es gibt auch inzwischen eine große Zahl von Büchern wie Das Automobil in der Kunst 1886 – 1986 von Reimar Zeller (Prestel Verlag), Automobil: Das magische Objekt in der Kunst (derselbe Autor, diesmal beim Insel Verlag), Art and the automobile von D.B. Tubbs oder Gerald D. Silks Automobile and Culture (und ich hätte hier für Liebhaber amerikanischer Automobile noch einen Link zu einer sehr interessanten Nummer des ➱Michigan Quarterly Review). 

Dieser schöne Cézanne mit einem alten Citroen ist in all den oben erwähnten Büchern nicht zu finden. Man kann das Bild lediglich in der Folge Who Killed Harry Field? der englischen Krimiserie ➱Morse sehen. Sie können sie ➱hier in mehreren Teil sehen, ich finde, dass es der beste Morse ist. Der Maler, der dieses Bild gefälscht hat, sagt in dem Film zu Morse: Two golden rules of forgery, Mr. Morse, spontaneity and never do Raphael. Braques werden häufig gefälscht (ein Raffael seltener), auch unser ➱Wolfgang Beltracchi hat falsche Braques gemalt. Wenn Sie einen Georges Braque haben wollen, dann wenden Sie sich doch mal an diese ➱Adresse.

Das ist kein Fäslscher, i bewahre, das ist ein Künstler: When I paint in the style of one of the greats… Monet, Picasso, Van Gogh… I am not simply creating a copy or pale imitation of the original. Just as an actor immerses himself into a character, I climb into the minds and lives of each artist. I adopt their techniques and search for the inspiration behind each great artist’s view of the world. Then, and only then, do I start to paint a ‘Legitimate Fake’. Raffael hat der Mann nicht im Programm, Braque schon. Wenn Sie ihn bitten, malt der Produzent von legitimate fakes Ihnen bestimmt auch einen kleinen Rolls Royce zwischen die Häuser.

Ich weiß nicht, wie es kommt, aber die Firma Rolls Royce kommt immer wieder in diesem Blog vor. Sie könnten auch noch lesen: automobiliaLuxuskutschenTraumwagenAprilLindenbäumePalladioDes Königs JaguarLisbethKönig FarukGregor von RezzoriF. Scott Fitzgeralds AutomobileMercédèsFranco CostaPolitische SymbolikKieler WocheCutty SarkJens Christian JensenKieler ChicHerrenausstatterPatti d’ArbanvilleSwinging LondonFahrstuhl zum SchafottBorgwardBaselSegelbooteInvasionJogginghosenNeo RauchNachtigallen.

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Robert Walpole

 

Das ist schon ein repräsentatives Gebäude, das sich Robert Walpole da in Norfolk von den Architekten ➱Colen Campbell und ➱James Gibbs hat bauen lassen. Ein ➱stately home muss man im 18. Jahrhundert einfach haben. Und es sollte auch, wie es Mode ist, ein klein wenig ➱palladianisch sein. Für die ➱Innenausstattung war William Kent zuständig, der erste Stock (das, was die Italiener piano nobile nennen) war for taste, expense, State and parade, wie Lord Hervey schreibt.

Im Erdgeschoss dagegen trifft man foxhunters, hospitality, noise, dirt and business an, hier lebt man. Und Besucher finden sich beim Dinner up to the chin in beef, venison, geese, turkeys, etc; and generally over the chin in claret, strong beer and punch. Im Gegensatz zu seinem Sohn ➱Horace Walpole, der in diesem Blog ständig erwähnt wird, ist Robert Walpole so gut wie nie in diesem Blog vorgekommen. Er wird lediglich einmal in dem Post ➱Number 10 erwähnt. Robert Walpole wurde heute vor 340 Jahren geboren, das soll uns einige Zeilen wert sein. Zumal Houghton Hall heute immer noch steht und da immer noch Nachkommen von Walpole wohnen. Wir können auf diesem Photo auch sehen, was der englische Adel auf dem Land trägt. Keinesfalls das, was dieser ➱Alexander Gauland trägt.

Horace Walpole hat Houghton Hall (über das ➱Mark Girouard natürlich auch schreibt) eines Tages geerbt, da war aber Englands größte Kunstsammlung schon nicht mehr im Haus. Die hatte der verschwenderische dritte Earl of Orford 1779 an ➱Katharina die Große für £40.500 verkauft (dies Konzert der Vögel von Frans Snyders war auch dabei). Heute gehört das Anwesen einem Filmemacher, der einmal in einem Film von ➱Eric Rohmer mitgespielt hat und der Truman Capotes Other Voices, Other Rooms verfilmt hat.

Der von Zeit zu Zeit auch mal ein Gemälde verkauft, um die Steuern zu bezahlen. Der aber auch von Zeit zu Zeit solch illustre Gäste empfängt. Die kennen ihren Gastgeber übrigens, denn der Filmemacher kommt aus dem englischen Hochadel. Es ist David Cholmondeley, der siebte Marquess of Cholmondeley. Er ist ein direkter Nachkomme von Horace Walpoles Schwester Lady Cholmondeley. Und die Kunstsammlung von Robert Walpole hat der Marquis auch aus Rußland zurückgeholt. Allerdings nur leihweise.

Robert Walpole war das, was man heute den Premierminister nennt. In seiner Zeit gab es den Titel Prime Minister noch nicht, aber de facto war er es. Länger als jeder andere Prime Minister in England. Und vielleicht war der Mann auch der bedeutendste Politiker, den England hatte. Walpole hat sich hier in Windsor Forest von John Wootton malen lassen, als ihn der König zum Master of the Kings Staghounds in Windsor Forest ernannt hatte. Damit gehörte er zum Hofstaat. Es gab auch noch 2.000 Pfund Sterling im Jahr, die er nicht unbedingt gebraucht hätte. Zweitausend Pfund Sterling sind damals schon eine Menge Geld, schauen Sie einmal auf diese nützliche ➱Umrechnungstabelle. Wenn Sie schon dabei sind, können Sie auch gleich mal ausrechnen, was die £40.500 aus dem Verkauf der Gemäldesammlung heute bedeuten würden.

Ich weiß nicht, ob es dieses Bild (wo er seinen Hosenbandorden so stolz trägt) gewesen ist, das Lady Mary Wortley Montagu bewogen hat, ein Gedicht über Walpole zu schreiben. ➱Lady Montague, eine wirklich erstaunliche Frau, war mit Walpoles zweiter Frau Molly Skerritt befreundet. Die übrigens in John Gays Beggar’s Opera als Polly Peachum vorkommt (ich hätte das vielleicht erwähnen sollen, als ich über ➱John Gay schrieb). Und Walpole ist da, Sie ahnen das jetzt schon, Captain Macheath.

Die Kritik von der Bühne gefällt dem Politiker ganz und gar nicht, er versucht seine Kritiker durch den Licencing Act mundtot zu machen. Und finanziert drittklassige Schreiberlinge, damit sie nette Dinge über ihn sagen. Das kann man in Tone Sundt Urstads Buch Sir Robert Walpole’s Poets: The Use of Literature As Pro-Government Propaganda, 1721-1742 nachlesen. Dagegen, dass ihn ➱Henry Fielding in seiner Geschichte des Verbrechers Jonathan Wild mit Englands berühmtesten Kriminellen vergleicht, konnte er nichts machen. Jonathan Wildes (der natürlich auch eine Vorlage für Captain Macheath ist) Verbrecherkarriere ähnelt ein wenig der Karriere von Robert Walpole, ein stately home besitzt er neben seinem Stadthaus in London auch.

Das Gedicht von Lady Montague hat den Titel: On Seeing A Portrait Of Sir Robert Walpole:

Such were the lively eyes and rosy hue

Of Robin’s face, when Robin first I knew;

The gay companion and the fav’rite guest;

Lov’d without awe, and without views caress’d;

His cheerful smile, and open honest look,

Added new graces to the truth he spoke.

Then ev’ry man found something to commend,

The pleasant neighbour and the worthy friend;

The gen’rous master of a private house,

The tender father and indulgent spouse.

The hardest censors at the worst believ’d,

His temper was too easily deceiv’d

(A consequential ill good-nature draws,

A bad effect, but from a noble cause).

Whence, then, these clamours of a judging crowd?

Suspicious, griping, insolent, and proud —

Rapacious, cruel, violent, unjust;

False to his friend, and traitor to his trust?

Lady Mary Wortley Montagu wendet sich mit dem Gedicht gegen diejenigen, die schlecht über Walpole reden. Korruption ist ein Wort, das da immer fällt. Wogegen sich Edmund Burke nach dem Tode Walpoles energisch wendet: He was an honorable man and a sound Whig. He was not, as the Jacobites and discontented Whigs of his time have represented him, and as ill-informed people still represent him, a prodigal and corrupt minister. They charged him in their libels and seditious conversations as having first reduced corruption to a system. Such was their cant. But he was far from governing by corruption. He governed by party attachments. The charge of systematic corruption is less applicable to him, perhaps, than to any minister who ever served the crown for so great a length of time.

Als ich im Wikipedia Kalenderblatt las, dass Robert Walpole heute Geburtstag hat, war ich durch einen Zufall gut vorbereitet. Ich hatte nämlich gerade Simon Schamas Britannia Incorporated, einen Teil seiner History of Britain gesehen. Wird auf der DVD Packung (einem Bestseller der BBC) beschrieben als: As the new century dawned, relations between Scotland and England had never been worse. Yet half a century later the two countries would be making a future together based on profit and interest. The new Britain was based on money, not God. Schama hätte besser die Finger von der Sendung gelassen. Gegen seine dreibändige Geschichte Englands in Buchform ist nichts zu sagen, aber die TV Serie kann nicht überzeugen. The video prioritizes nice shots, the narration prioritizes bons mots, schreibt ein Rezensent bei Amazon. Und ein anderer wird noch schärfer:

I generally like Simon Schama’s work, but what has always been the weak link in his work is his propensity to try to shock the reader/viewer with „new takes“ on his old subjects, whether or not these are really called for. His usual gift for words and phrase occasionally shines forth here, but often it seems forced, or just falls flat. I really expected to learn a lot more than I did, and was very disappointed at how deriviative and rehashed much of this „history“ was. Schama’s presentation, both voice and physical presence, are almost a caricature of himself. The melodramatic snideness and leering at the camera tends to devalue the seriousness of the work. I regret to say it, but I can’t recommend this series at all.

Was ➱Kenneth Clark in Civilisation einst konnte – und was John Betjeman in kleinen Filmen wie ➱John Betjeman Goes By Train oder ➱Metro-Land konnte – das kann Simon Schama nicht: einen kulturgeschichtlichen Stoff elegant präsentieren. Kenneth Clark trug elegante Anzüge aus der Savile Row, Schama sieht eher nach Marks & Spencer oder einem billigen Schneider aus Soho aus. 

Warum hat ihm niemand erzählt, dass man nicht alle drei Knöpfe an einem Jackett zuknöpft? Er trägt Jackett ohne Schlitze und steckt die Hände in die Hosentaschen. Dann schiebt sich das Jackett nach oben, und die Kamera hält da von hinten drauf, während er durch einen Park wandert. Was ist der Erkenntnisgewinn von solchen Bildern?

Manchmal trägt er eine schwarze Lederjacke, aber er ist nun wirklich kein Typ für ➱Lederjacken. Schama hat in seiner History of Britain eine Menge zu Walpole zu sagen, in der Fernsehserie wird das auf Bonmots wie: It was a conscious decision by Walpole and others to replace religion with making money oder Elections replaced battles, and the fights were over party politics reduziert. Manchmal sind die Bonmots auch nur Platitüden. Aber die Millionen von der BBC haben den Professor Schama offensichtlich  gelockt, vielleicht weil er noch kein Schloss besaß wie Robert Walpole. Kenneth Clark hatte sich 1955 Saltwood Castle gekauft. Schama lebt heute in Amerika, wahrscheinlich trägt man da solche Klamotten.

Ich habe zum Schluss noch eine hübsche kleine Anekdote zu Robert Walpole, die sich in Mrs Thrales Thranalia findet: When Sir Robert Walpole was dismissed from all his Employments he retired to Houghton & walked into the Library; when pulling down a Book & holding it some Minutes to his Eyes, he suddenly & seeming sullenly exchanged it for another; he held that about half as long, & looking out a Third return’d it instantly to its Shelf & burst out into Tears; .I have led a life of business so long,‘ said he, `that I have lost my taste for reading, and now—what shall I do?

Wenn Sie noch mehr vom 18. Jahrhundert wissen wollen, dann lesen Sie doch auch: 18th Century18th century: Georgian Era18th century: Architecture18th century: Grand Tour18th century: Fashion18th century: America

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Biedermeier

 

Wenn in dem Roman Alte Meister des Österreichers Thomas Bernhardt über Maler geredet wird, dann kommt Ferdinand Georg Waldmüller in dem Gespräch nicht vor. Dabei ist er doch einer der berühmtesten Maler Österreichs im 19. Jahrhundert. Also, neben Moritz von Schwind, Franz Defregger und Hans Makart. Als ich noch Knabe war, äußerte sich in mir schon die Liebe zur Kunst. Obschon verworren und unklar, wie die Begriffe sich in so zartem Alter gestalten, schwebte mir als Ideal meiner Bestimmung eine Wirksamkeit in Künstler-Kreisen in glänzenden Farbenspielen jugendlicher Einbildungskraft vor. Entschlossen, mit jeder Entbehrung, mit jedem Opfer auf dem Pfade der Kunst vorwärts zu schreiten, vertauschte ich das Gymnasium mit der Akademie, schreibt Waldmüller in seinen Erinnerungen.

Als ich noch Knabe war, waren die Herren Waldmüller, von Schwind, Defregger und Makart mit ihren Bildern in den dicken Kunstbänden meines Opas reichhaltig vertreten. Ich bin mit dem ganzen Kitsch des 19. Jahrhunderts aufgewachsen. Das habe ich schon in dem Post ➱Moritz von Schwind gestanden. Ein Post, der übrigens mehr Leser hat, als der Post zu ➱Carl Blechen. Das beunruhigt mich ein wenig. Es beunruhigt mich auch ein wenig, dass Ferdinand Georg Waldmüller zu den bevorzugten Künstlern Hitlers zählte. In der Sammlung Hitlers in Linz ist er mit sechsundfünzig Werken vertreten. Im 20. Jahrhundert ist der Wiener Augenarzt Dr Rudolph Leopold einer der wichtigsten Sammler von Waldmüller gewesen. Seine Bilder sind heute alle in dem Leopold Museum.

Von dem Quartett Waldmüller, von Schwind, Defregger und Makart ist mir der Waldmüller der liebste. Weil er der charmanteste Maler ist. Die anderen sind einfach nur furchtbar. Ein wenig Schmäh muss sein, wir sind in Österreich. Ich mag Waldmüller auch, weil er so modebewusst ist. Auf dem Selbstportrait von 1828 stellt er sich als jungen ➱Dandy dar, mit einer wunderbaren Weste, die zu seinem Halsbinder passt. Es ist die große Zeit der bunten Westen, manchmal tragen die Herren mehrere übereinander. Der Elegant des Biedermeier beweist noch Mut zur Farbe, danach wird modisch alles schwarz (lesen Sie mehr in ➱Schwarz). Kunsthistoriker haben sich bei dem Selbstportrait immer ein wenig an die Kunst von Jacques-Louis David erinnert gefühlt, aber dessen Bilder kann Waldmüller 1828 noch gar nicht gesehen haben (erst 1830 reist er zum ersten Mal nach Paris). Und doch ist an dieser Vermutung etwas dran, denn Johann Peter Krafft, dem Waldmüller malerisch viel verdankt, hatte bei David studiert.

Portraitmaler müssen etwas von der Mode verstehen, das verlangt die Kundschaft von ihnen. Die Damen wollen à la mode gemalt sein, Waldmüller tut ihnen den Gefallen. Seine Bilder werden so zu einem Modejournal des Wiener Biedermeiers. Er hielt sich an die Wirklichkeit, den Alltag, die schlichten, die „edelen Verhältnisse“. Idylle: Bei Waldmüller findet sie nicht im Goldenen Zeitalter statt, bei ihm ist sie jetzt und real und ganz provinziell. Das einfache Leben, Waldmüller malt es uns in den strahlend frischen Farben, die wir heute aus unseren Zigarettenwerbungen kennen. Rot, Blau, Grün. Theaterfarben. Jedenfalls keine realistischen Farben, schrieb Elke von Radziewsky 1990 in der Zeit.

Waldmüller ist Portrait- und Genremaler gewesen, aber er hat sich (wie diese Ulmen im Prater zeigen) auch der Landschaft zugewandt. Sehr detailversessen, aber nicht unbedingt revolutionär. Wenn man seine Landschaftsbilder mit ➱John Constable oder Blechen vergleicht, dann ist dies nicht unbedingt ein Höhepunkt der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts. Obgleich die Allgemeine Deutsche Biographie über ihn sagt, dass er ein Vorläufer der modernsten Freilichtmalerei sei.

Viel besser als in seinen Landschaften ist Waldmüller in einer Bildgattung, die die Engländer conversation piece nennen, ein informelles Gruppenportrait. Es ist etwas, das die Engländer im 18. Jahrhundert perfektioniert haben (und auch der nach England gekommene Amerikaner ➱John Singleton Copley hat sehr schöne Bilder dieses Genres gemalt). Waldmüller holt das englische Konversationsstück nach Wien. Hier in dem Bild des Legationsrats Theodor Joseph Ritter von Neuhaus mit seiner Gattin Albertine und den Kindern. Das Bild ist aus dem Jahre 1827, Modehistoriker versichern uns, dass das Kleid seiner Gattin in dem Jahr die große Mode war. Der Legationsrat ist mit seinen gelben Hosen zeitlos modern. So etwas trug man schon im ➱18. Jahrhundert in England, es gehörte zur Werther Tracht und Büchners Leonce redet in Leonce und Lena von seinen gelben ➱Nankinghosen (die übrigens auch ➱Fontane in London aufgefallen sind).

Ich habe das Buch von Mario Praz Conversation Pieces: A Survey of the Informal Group Portrait in Europe and America, das wirklich schönste Buch zu dem Konversationsstück, schon ➱hier besprochen. Natürlich hat Praz in seinem Buch eine ganze Reihe von Bildern von Waldmüller (auch das Bild von der Familie von Neuhaus). Dies Bild ist nicht von Waldmüller, sondern von seinem dänischen Kollegen Constantin Hansen. Es zeigt die dänischen Maler in Rom, stilistisch ist es mit seinem detailverliebten Realismus den Konversationsstücken von Waldmüller sehr ähnlich.

Der Sohn armer Wirtsleute, der das Gymnasium mit der Akademie vertauscht, mit dem Bemalen von Zuckerwerk beginnt und dann Theatermaler wird, erhält zwei Jahre nach seiner Parisreise den Auftrag, den kleinen Franz Joseph zu malen. Er malt ihn als kleinen Grenadier, der mit hölzernen Soldaten spielt: Wie ein Staatsporträt en miniature mutet das 1832 entstandene Bild des zweijährigen späteren Kaisers Franz Josef I. (1830 -1916) von Ferdinand Georg Waldmüller an, der als Grenadier verkleidet mit ungarischen Grenadier-Holzfiguren vor dem Maler posiert. Unschuldig blickt er mit seinen blauen Augen in die Welt, fast so, als hätte er mit dem Dekor gar nicht wirklich etwas zu tun. Schon früh wird hier der spätere Kaiser der Österreicher in seine künftige militärische Rolle hineingestossen, die für die österreichischungarische Monarchie bald so verhängnisvoll endete.

Den größten Triumph feiert Waldmüllers biedermeierliche Stofflichkeit in dem Bild des Notars Dr. Josef August Eltz mit seiner Gattin Caroline und seinen acht Kindern in Bad Ischl. Was Caroline Eltz da trägt, würde ausreichen, um ein Biedermeier Sofa neu zu beziehen – diese Vermutung kam mir als erstes bei diesem Bild, weil ich vor Jahren mein Biedermeier Sofa neu habe beziehen lassen. Auf der Seite des emeritierten Kunsthistorikers Thomas Zaunschirm finden Sie einen sehr schönen ➱Aufsatz zu Waldmüller, in dem auch dieses Bild behandelt wird.

Ich muss jetzt einmal von den edelen Verhältnissen der Konversationsstücke zu der ➱Armeleutemalerei Waldmüllers kommen. Diesen Titel hat das ➱Buch von Carmen Flum, und Armeleutemalerei ist auch ein etwas unscharfer terminus technicus, der schon seit dem Ende des 19. Jahrhunderts verwendet wird. In einer österreichischen ➱Dissertation können wir lesen: Waldmüllers Bilderwelten täuschen nur oberflächlich eine heile Welt vor, unterschwellig nahm Waldmüller immer wieder zum politischen Zeitgeschehen Stellung, mit Bildthemen, die erst unter konkreter Einbeziehung des wirtschaftlichen und sozialen Umfeldes Bedeutung bekommen. Da braucht es allerdings viel Liebe, um revolutionären Sprengstoff in diesem Bild der Klostersuppe (das eher einem Barockgemälde ähnelt) zu finden. In dem Satz Please sir, I want some more von Dickens‘ Oliver Twist steckt mehr revolutionäres Potential.

Was Waldmüller hier macht, ist ein Gattungswechsel, er malt die Suppenausgabe im Kloster, als ob er ein barockes Historienbild malen sollte. Das heißt, er gibt den Personen, die niemals das Personal des Weltgeschehens sind, die Bühne, die sie nie betreten dürften. Was sind das für Bewegungen und Gesten bei diesem Eintritt der Neuvermählten? Sie scheinen aus einem ganz anderen Bild, einer ganz anderen Bildgattung zu kommen.

Natürlich malt Waldmüller nicht nur rosarote Tagträume. Er zeigt, zumal in den Jahren direkt vor der 48er Revolution, auch die Gefahren. Verhärmt sitzt eine Alte mit leerem Blick vor den heruntergebrannten Ruinen ihres Hauses. Verzweifelt beschwört die aus dem Haus Vertriebene mit den vaterlosen Kindern nach der Pfändung [Bild] den Himmel auf die Erde. Das Elend hat einfache Wurzeln: Naturgewalten sind es, Feuer oder der fehlende Mann. Nirgends auf Waldmüllers Bildern wird man einen rauchenden Schornstein entdecken, einen Webstuhl, einen Fabrikanten. Bei ihm findet Zeitgeschichte im Salzkammergut, im Wiener Wald und auf dem Prater statt. Waldmüllers Welt hatte enge Grenzen. Seine Bauern sind hellenenhafte Gestalten, letzte Aristokraten und nicht zu verwechseln mit jenen Figuren von Teniers oder Breughel, „diesen Gebilden, deren Schöpfer so recht wohlgefällig in der Gemeinheit wühlten“. 

Der positive Blick überwiegt. Erst recht nach der Revolution. Die kostbaren Farben, das leuchtend warme Rot, das Weißsilber, in das Waldmüller in frühen Stilleben kostbare Rosen mit papierzarten Blütenblättern, spiegelnde Kelche getaucht hatte, der ganze Glanz des Putztisches wandert in den fünfziger Jahren auf die Bauerngesellschaft hinüber. Mehr und mehr gewinnen seine Landleute, Bürger und Handwerker jetzt den Charakter unserer Serienschauspieler. Wir müssen sie gern haben und begegnen ihnen wieder auf den verschiedenen „Glücksbildern“, sehen die Jungvermählte, später die junge Mutter, treffen die Kinder auf dem Kirchweihfest, dann beim Veilchenpflücken [Bild].

Ich habe die promovierte Kunsthistorikerin Elke von Radziewsky, die jahrzehntelang für die Zeit schrieb, in dieser Ausführlichkeit zitiert, weil mir das viel vernünftiger erscheint, als die revolutionären Gedanken der Wiener Doktorandin. Die übrigens heute eine Singlebörse für sportliche junge Menschen betreibt. Der junge Mann auf diesem Bild (Der Abschied des Konskribierten) muss zum Militär, wir könnten wahrscheinlich irgendetwas Sozialkritisches in das Bild hineinlesen. Wenn wir wollten.

Noch mehr natürlich bei dem ➱Bild, wo die armen Bauersleute zu Weihnachten die reisende Bettlerfamilie beschenken. Es ist rührend. Aber das ist das Wesen der Genremalerei, wenn wir nicht ergriffen und gerührt sind, hat der Maler sein Ziel verfehlt. Als ich sechs war, war ich von dem Bild Die Pfändung ergriffen, ich habe noch immer jede Figur, jede Geste im Kopf. Heute bin ich bei Waldmüllers Genrebildern nicht mehr so gerührt. Man achtet auf andere Dinge. Beim Notverkauf des letzten Kalbs nicht so sehr auf das Geschehen als auf die sonnenbeschienene gelbe Wand. Und die Wolken oben links.

Ferdinand Georg Waldmüller ist am 23. August 1865 gestorben. Angeblich hat ihn der Kaiser, den er als Zweijährigen malt, ihn kurz vor seinem Tod noch geadelt. Das steht in dem englischen Waldmüller Artikel, allerdings sind die dafür angeführten Belege im höchsten Maße obskur. Was feststeht, ist, dass der Kaiser ihm 1863 die Rente erhöht hat. Es ging dem Maler, dem einst Napoleon III und Königin Victoria Bilder abkauften, im Alter nicht mehr so gut. Hätte er bei einer Bildgattung bleiben sollen? Er hätte als Landschaftsmaler reüssieren können, das zeigen die Ulmen im Prater oben und dieser Baum am Bach. Er hätte nur mehr wagen müssen.

Aber da ist diese Detailversessenheit, die diesen Baum (ein Detail aus ➱Vorfrühling im Wienerwald) aussehen lässt wie eine Photographie. Hätte Blechen solche Bäume gemalt, er hätte sich den ➱Waldweg in Spandau damit ruiniert. Es ist eine eigenartige Sache um the treeness of the tree (wie Roger Fry das genannt hat) – Sie können mehr dazu in dem Post Realisten lesen. Waldmüller stand zeitlebens mit dem akademischen Kunstestablishment auf Kriegsfuß (er verlor seine Professur im Jahre 1857). Er hat auch mehrfach zur Feder gegriffen, so zum Beispiel in den ➱Andeutungen zur Belebung der vaterländischen bildenden Kunst.

Die beginnen mit dem Satz: Indem ich die Feder ergreife, um in der gegenwärtigen Broschüre meine Ansichten über Belebung der bildenden Kunst in unserem Vaterlande auszusprechen, verhehle ich mir keineswegs, welchen Anfechtungen dieselben ausgesetzt sein werden. Als ich Indem ich die Feder ergreife, um in … las, dachte ich: Tommy Mann. Guckte nach, und siehe da: Felix Krull fängt genau so an: Indem ich die Feder ergreife, um in völliger Muße und Zurückgezogenheit – gesund übrigens, wenn auch müde, sehr müde… Erstaunlich. Das Bild hier zeigt Waldmüllers Sohn Ferdinand mit seinem Hund. Und Berge. Nähe und Ferne alles ➱scharf. Wie mit einem ➱Zeiss Tessar, einem Objektiv, das man auch das Adlerauge nannte. Der junge Mann hält seinen Zylinder so in der Hand, dass wir nachschauen könnten, wer den Zylinder hergestellt hat. ➱Proust macht das auch, es ist offenbar eine Dandygeste.

Und was hätte Proust zu dieser gelben Mauer gesagt, die die Kinder hier einrahmt? Die petit pan de mure jaune auf dem Bild von Vermeer, die den Schriftsteller Bergotte fasziniert (lesen Sie mehr in ➱Bilder), ist ja nichts gegen diese Lichtinsel: Erst der alte Waldmüller scheut sich nicht, das Freilicht jäh auf ein aus dem Fenster blickendes Gesicht aufprallen zu lassen. Der das Spätwerk kennzeichnende fleckenhafte Eindruck hat auch im übertragenen Sinn zu einer Annahme der oft harten Schattenseiten des Lebens geführt. Waldmüller macht  erstaunliche Sachen mit dem Licht. Und der Impressionismus hat noch gar nicht angefangen

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Worpswede

 

Moor und Wiesen, viel Himmel drüber. Wie in ➱Holland. Dazu ein Fluss und ein Hügel, den man hier einen Berg nennt. Mehr ist da nicht in Worpswede. Auf dem Weyerberg hatte die Landgräfin Eleonore Katharine von Hessen-Eschwege einst eine Sommerresidenz einrichten wollen. Es entstand ein Wildgehege, ein Haus für den fürstlichen Entenjäger und die Slottschün, die Schlossscheune. Man beginnt mit dem Bau des Lusthauses, dann fällt ihr Ehemann im Krieg Schwedens gegen Polen. Da gibt die Schwester des schwedischen Königs den Plan auf, die Kultur nach Worpswede bringen zu wollen. Das muss jetzt noch einige Jahrhunderte warten.

Der Name Worpswede ist heute denen, die der gegenwärtigen bildenden Kunst in Deutschland ein Interesse entgegenbringen, vertraut. Seitdem im Jahre 1895 im Münchener Glaspalast zum erstenmal eine kleine Gruppe von Künstlern, die sich nach dem bis dahin unbekannten Ort ihres gemeinsamen Wirkens die Worpsweder nannten, in geschlossener Reihe auftrat, ist der Ruf jenes entlegenen Dorfes mit dem seltsam klingenden Namen und der Ruf jener Künstler, die sich in ihm ein stilles Heim geschaffen haben, begründet.

Worpswede ist bis jetzt, gottlob noch immer ein Winkel abseits von der Straße. Die Eisenbahn dampft noch nicht daran vorbei, nur auf der Postkutsche ist es zu erreichen. Nordöstlich von Bremen erhebt sich, zwei Meilen etwa von der Stadt entfernt, aus einem moorigen, stillen Land eine langgestreckte Anhöhe, die einzige, soweit das Auge reicht: der Weyerberg. Auf der einen Seite ist er fast kahl, nur mit wucherndem Haidekraut, durch das die Bienen summen, und einzelnen niedrigen Kiefern bestanden. Auf der andern Seite dehnt sich ein junger Wald verschiedener Hölzer entlang. Zu dessen Füßen erstreckt sich das kleine Dorf Worpswede. Das schreibt ➱Hans Bethge 1907 über Worpswede. Das Bild vom Weyerberg hat Hans am Ende gemalt.

Bremer betrachten die Künstlerkolonie Worpswede immer als ihr Eigentum, als einen Teil von Bremen. Das stimmt sicherlich zum Teil: Heinrich Vogeler, Fritz Overbeck, Carl Vinnen (Bild), Paula Becker und Clara Westhoff kamen aus Bremen. Die Worpsweder Künstler haben sicher auch die Bremer Kunstszene um 1900 geprägt, obgleich Bremens Salonkünstler ➱Arthur Fitger nur Hass und Verachtung für sie übrig hatte. Was war der Mann beleidigt, als Vogeler und nicht er den Auftrag für die Ausgestaltung der Güldenkammer des Rathauses erhielt. Der Bremer Kunststreit wird am besten durch diese ➱Spottpostkarte beleuchtet, auf der Fitger als Don Quichote gegen die moderne Kunst reitet, während sich die Worpsweder Maler auf der rechten Seite krumm- und schieflachen.

Im Kreise von dem Marschendichter ➱Hermann Allmers (im Bilde rechts), den sie beinahe alle gekannt haben, waren die jungen Künstler gut aufgehoben. Wahrscheinlich ist ihnen sein Marschenhof in Rechtenfleth Vorbild für Worpswede als Versuch eines künstlerischen und intellektuellen Zentrums gewesen. Allmers hat die jungen Maler auch in jeder Weise gefördert.

Der Herr hier ist kein Worpsweder, das ist der Professor der Düsseldorfer Akademie Eugen (oder Eugène) Dücker, der die Moderne nach Düsseldorf brachte, beim Malen an der Ostsee. Ich mag dieses Bild sehr, ich habe es schon in den Posts ➱Hinrich Wrage und ➱Fritz Overbeck abgebildet. Eugen Dücker ist hier nicht nur zu sehen, weil ich das Bild mag, er hat auch eine Bedeutung für Worpswede. Denn: Worpswede beginnt in Düsseldorf. So hat auf jeden Fall Katja Pourshirazi, Enkelin des Worpsweder Künstlers Carl Emil Uphoff (und Leiterin des Vegesacker Overbeck Museums), ihren ➱Vortrag im Worpsweder Barkenhof genannt.

Die Gründer des ➱Künstlerdorfes (wie Worpswede von nun an immer heißen wird), Maler wie Fritz Mackensen, Hans am Ende und Otto Modersohn (Bild), kamen nicht aus Bremen. Sie waren von der Düsseldorfer Akademie hierher ins Moor gekommen, der plakative Satz Worpswede beginnt in Düsseldorf stimmt schon. Auch Vogeler  hatte ja in Düsseldorf studiert. Eugen Dücker, der selbst die menschenleere Landschaft an Nord- und Ostsee bevorzugt, hat seine Schüler aus der Akademie in die freie Natur gejagt. Jetzt kommen die ersten im Teufelsmoor an.

Es ist die Zeit der Sezessionen, die Zeit der Stadtflucht, die Künstler zieht es aufs Land. Man entdeckt malerisch den einfachen Menschen, Arbeiter, Fischer, Bauern. In Worpswede trifft das wilhelminische Bürgertum auf arme Moorbauern, die nichts von dem ganzen Rummel haben werden, der um Worpswede gemacht wird. Dies Bild zeigt die Eröffnungsfeier der Nordwestdeutschen Kunstausstellung in Oldenburg im Jahre 1905. Der Großherzog von Oldenburg sitzt am vorderen Tisch in der Bildmitte. Der Herr im ➱Frack ganz rechts am Tisch des Großherzogs ist Heinrich Vogeler. Dies ist die Welt, aus der er kommt. Moorbauern sind hier nirgends zu sehen.

Die Künstlerkolonien sind schon überall in Europa erfunden, bevor Worpswede berühmt wird. In Dachau zum Beispiel malt man schon zwanzig Jahre vor den ersten Worpswedern. Mein Freund Peter, der mich seit Jahrzehnten zum Geburtstag und zu Weihnachten mit den wichtigsten Bremensien und den neuesten Werken der Kunstgeschichte bedenkt, hat mir einmal den hervorragenden Katalog Künstlerkolonien in Europa: Im Zeichen der Ebene und des Himmels geschenkt, der ein Panorama aller Künstlerkolonien bietet.

Bremer hören das nicht so gerne, dass ihre Worpsweder (hier Paula Becker-Modersohn) nicht so einzigartig sind und in den Künstlerkolonien Europas viel bessere Bilder gemalt werden. Denn so doll sind die Worpsweder im europäischen Vergleich nicht, wir haben sie nur lieb gewonnen, sie haben uns seit der Jugend begleitet. Sie sind Teil unseres Lebens, unseres Bremer kollektiven Bewusstseins, sie sind unsere Worpsweder. Man hat manchmal das Gefühl, dass sie entfernte Verwandte sind. Viele Bremer, nicht nur mein Opa, haben auch Maler aus Worpswede gekannt.

Die Worpsweder Maler sind in Bremen noch in vielen Häusern präsent. Und jede Bremer Familie hat ihren eigenen Worpsweder Maler, den sie mag. Ich weiß noch, dass ich einmal 1958 in Bremen bei Leuten zu Gast war, die äußerst fachkundig über Hans am Ende (Bild) redeten und ein Bild von ihm über dem Sofa hatten. Ich hatte den Namen damals noch nie gehört, geschweige denn ein Bild von ihm gesehen. Es gibt in den fünfziger Jahren noch keine Bücher über die einzelnen Maler, aber jeder hat Geschichten über sie zu erzählen.

Aber, wenn wir ehrlich sind, so lieb uns die Maler sind, sub specie aeternitatis betrachtet, können nur wenige wirklich gut malen. Ich hätte lieber etwas aus Ekensund oder aus Skagen (zu der Malerkolonie gibt es ➱hier einen ausführlichen Post) an der Wand als ein Bild aus Worpswede. Ich darf das sagen, ich bin mit alledem aufgewachsen. Opa kannte Fritz Overbeck (hier der Eingang der Villa am Bröcken bei Vegesack, gemalt von Hermine Overbeck-Rohte). Bei uns zu Hause hingen Worpsweder an der Wand. Ich war in beinahe jeder Worpsweder Ausstellung des letzten halben Jahrhunderts, und ich habe bestimmt einen Meter Bücher zu Worpswede im Regal. Steht jetzt alles in der zweiten Reihe, ich mag es eigentlich nicht mehr sehen.

Denn so plakativ schön vieles ist, richtig künstlerisch entwickelt haben sich die Worpsweder auch nicht. Was sie auch wohl selbst wussten. So erschien in der Worpsweder Zeitung zur Vierzigjahrfeier der Künstlerkolonie am 11. Oktober 1924 ein satirisches Preisausschreiben, das als ersten Preis folgendes auslobte: 1. Preis: Ein original Worpsweder Motiv, bestehend aus: 1 frisch gestrichenes Strohdachhaus, 1 fleckige Kuh, 1 Paar braune Segel, 1 Dtzd. Gutgewachsene Birken, 1 Ia. Sonnenuntergang (alles vom Verschönerungs=Verein Worpswede eigens angepflanzt und sofort lieferbar). Den richtigen Lösungen des Preisausschreibens waren 20 Mark Worpsweder Notgeld beizufügen. Man muss dazu sagen, dass diese Sondernummer der Worpsweder Zeitung zum 11. Oktober eine Ulknummer war. Das Bild hier ist von dem Maler Eduard Euler (der an einem 19. August geboren und an einem 19. August starb), der mit Overbeck im Jahre 1892 nach Worpswede kam.

Satire hin und her, was da so ironisch beschrieben wird, ist eigentlich die gesamte Worpsweder Bildwelt. Viel mehr ist nicht. Das Moor zieht nicht nur den einsamen Wanderer in den Erzählungen in seinen Bann und lässt ihn nicht mehr los, es scheint auch die Worpsweder Maler nicht mehr loszulassen. Overbeck, der keine sentimentalen Gefühle für Worpswede hat (Ich bin nicht sentimental, hat er auf die Frage geantwortet, ob er das Künstlerdorf vermisse), zieht nach Vegesack. Man weiß nicht, wohin er sich entwickelt hätte, weil er plötzlich mit neununddreißig Jahren an einem Gehirnschlag stirbt.

Auch Otto Ubbelohde zieht (wie viele andere) wieder weg und entwickelt sich weiter. Modersohn zieht nach Fischerhude und flirtet mit dem Expressionismus, verändert sich aber nicht wirklich. Dafür lieben ihn erstaunlicherweise die ➱Nazis. Vielleicht sollte ich auch Ottilie Reylaender in diesem Zusammenhang erwähnen. Einstmals wie Paula Becker und Clara Westhoff Schülerin von Mackensen, danach Weltenbummlerin. Sie hatte 2013 in Worpswede in der Ausstellung Malerinnen im Aufbruch: Frauen erobern um 1900 die Kunst ein Comeback. Ich mag diesen Worpsweder Märchenmond, der um 1900 entstand.

Vogeler, der im Ersten Weltkrieg dem Kaiser einen ➱Friedensbrief schreibt, zieht in die Sowjetunion, aber was er da malt, könnte jeder begabte Werbegraphiker auch malen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass das bremische Bürgertum, das sich so kunstverständig gibt, die falschen Künstler heilig gesprochen hat, ob das nun die Heilige Paula Becker-Modersohn ist (gegen ihre malerische Tristesse darf man ja nichts sagen, weil sie dies schwere Leben hat). Oder Fritz Mackensen (hier sein Bild Die Scholle. Rilke konnte sich bei der ➱Interpretation des Bildes gar nicht mehr einkriegen), der der bereitwilligste Obrigkeitsspitzel gegen sozialistische und kommunistische Umtriebe im Dorf ist. Mackensen und der Schriftsteller Manfred Hausmann sind nicht die einzigen Nazis im Ort. Es hat lange gedauert, bis ➱Ferdinand Krogmann (Worpswede im Dritten Reich 1933 – 1945) und Arn Strohmeyer den ➱Mythos Worpswede kritisch beleuchtet haben.

Dass Fritz Mackensen, Major der Propaganda-Ersatzabteilung und von Adolf Hitler in die Gottbegnadeten-Liste der deutschen Maler aufgenommen, durchaus malen kann, ist unbestritten. Am besten finde ich das Portrait seiner Tochter Alexandra, das er um 1938 gemalt hat. Es sieht im Original noch viel besser aus als auf dieser Kunstpostkarte. 1938 hatte der Dr honoris causa Mackensen gerade eine große Worpsweder Ausstellung organisiert, in der eine jüngere, kritische Generation von Worpsweder Malern nicht zu finden war. Die auch schon vorher bei Mackensen und anderen unbeliebt waren. Die Bremer Nachrichten schreiben 1936: Dieser hohle Lärm, den abseits vom Volk, das hier eben für dumm verkauft wurde, Snobs, Halbnarren und Geschäftemacher aufführten, und der besonders auch in und um Worpswede trübe Kreise zog, ist heute rückhaltlos abgedreht worden.

Viele Bilder der Maler der zweiten Generation (wie hier das Bild von Helmuth Westhoff) sind origineller und frischer als die Bilder von der ersten Generation. Das gilt auch für Walter Müller, der Vogelers Tochter Bettina heiratet. Und vieles von Richard SprickWilhelm BartschKarl Krummacher oder Alfred Kollmar. Von Udo Peters ganz zu schweigen. Aber es ist das Schicksal der zweiten Generation, dass die Kunstgeschichte von ihr nicht so viel wissen will. Das beste Buch zu diesem Thema ist Bernd Küsters Kunstwerkstatt Worpswede. Es ist eine Begleitschrift zu den Ausstellungen des Landkreises Osterholz in Worpswede im Jahre 1989 (finanziert von der Deutschen Bank und Daimler Benz).

Wenn man 1924 in Worpswede eine Vierzigjahrfeier ausrichtet, verlässt man sich auf Aussagen von Mackensen, dass die Kolonie schon 1894 gegründet wurde. Andere sehen das anders, und so bringt die Deutsche Bundespost 1989 eine Sonderbriefmarke 100 Jahre Künstlerdorf Worpswede heraus, die Vogelers Bild von dem Konzert auf der Terrasse des Barkenhoffs zeigt. Die schöne 60 Pfennig Marke ist das i-Tüpfelchen eines Vermarktungsprozesses, den sich die Maler vor hundert Jahren nicht hätten vorstellen können. Worpswede ist schon zu einer Art Warenzeichen geworden, und Touristen können in Worpswede und dem benachbarten Fischerhude (die sogar einen Verlag namens Atelier im Bauernhaus haben) alle möglichen Devotionalien kaufen. Bücher, Plakate, Kunstdrucke, Reproduktionen auf Leinwand, Postkarten.

Manche Maler, wie Fritz Overbecks Frau Hermine Rothe, der hervorragende Otto Ubbelohde (der in Worpswede dies wunderbare Mädchenbild malt) oder der unterschätzte Helmuth Westhoff (der Bruder der Bildhauerin Clara Westhoff), gehen dabei ein wenig unter. Dafür vermarktet man aber auch schon Worpsweder der zweiten und dritten Generation wie zum Beispiel den kitschigen Feodor Szerbakow. Und die Norddeutsche Volkszeitung hat es auch geschafft, den Blumenthaler Willi Vogel als einen der letzten Worpsweder anzupreisen (lesen Sie ➱hier mehr).

In Vegesack hat man in dem alten Packhaus am Hafen, das nach einer Firma namens Kistentod nur KITO heißt, ein Museum für Fritz (und glücklicherweise auch für Hermine) Overbeck eingerichtet. Natürlich haben die inzwischen auch einen Museumsshop. Das Ganze wird ehrenamtlich betrieben, im Vorstand des Vereins sitzen noch Nachkommen der Overbeck Familie. Der Speicher der KITO mit den weißen Wänden und den alten Holzbalken hat ein gutes Licht für die Bilder.

Immerhin kümmert man sich jetzt um den Sohn des Direktors des Norddeutschen Lloyds und seine malende Gattin. Das sah in den fünfziger Jahren ganz anders aus, als seine Bilder und Skizzen in dem Glashaus neben der Villa am Bröcken verrotteten. Ich wollte mal Peter dafür begeistern, dass wir einen Katalog des restlichen Oeuvres machten, aber angesichts des Elends hat der nur müde abgewinkt. Ich weiß noch, dass meine Mutter jede Woche einen riesigen Topf kräftiger Suppe zu dem Fräulein Overbeck brachte, das noch in der Villa wohnte. Aber die Geschichte steht natürlich auf keiner Internetseite. Da steht eher: Nach dem Tod [von Hermine Overbeck] sicherten die Kinder den künstlerischen Nachlass von Fritz und Hermine Overbeck. Da kann man nur sagen: Truth is the daughter of time.

In den fünfziger Jahren haben Worpsweder keinen großen Marktwert. Heute vielleicht auch nicht, denn das schöne Bild von ➱Eduard Euler oben wird für nur 850 Euro verkauft, die ➱Frühlingslandschaft von Wilhelm Bartsch für 600 Euro. Selbst Fritz Overbecks Slottschün (das letzte Relikt von Gräfin Eleonores Worpsweder Bauplänen, das 1938 abgerissen wurde) war für 1.200 Euro zu haben. Wenn ich nicht schon ein paar Worpsweder an der Wand hätte, würde ich jetzt kaufen.

Es war noch vor der Währungsreform, als ich zum ersten Mal Worpswede von der Ferne sah. Ich habe diesen Augenblick, der wie ein kleiner Film in meinem Kopf gespeichert ist, in dem Post ➱Findorff beschrieben. Die erste Begegnung mit Worpswede war Kaffeetrinken aus den kleinen Kaffee HAG Tassen im Café Verrückt (Bild). Ich war sechs, und mir war hinterher schlecht. Ich weiß nicht, was die damals in den Kaffee taten. In Hoetgers seltsamem Bau bin ich noch viele Male gewesen, das gehörte bei einem Worpswede Besuch dazu, ich habe dann aber immer Tee getrunken.

Zu Worpswede gehört auch der Barkenhof, der Weyerberg und der Worpsweder Bahnhof. Der vielleicht das schönste Kunstwerk ist, das Vogeler zustande gebracht hat. Man hat den Bahnhof renoviert, zum großen Teil ist noch das originale Jugendstil Mobilar vorhanden. Die Deutsche Bahn braucht den Bahnhof nicht mehr, heute ist ein Restaurant in den Wartesälen. Bei der furchtbaren Kommerzialisierung des Ortes kann man ja froh sein, dass es kein McDonald oder Burger King geworden ist.

Die traulichen Zeiten sind dahin, da man sich von lästigen, unsympathischen Kollegen zurückziehen konnte in die erhabene Stille der Natur, in das einzige Dörfchen. Zehn Maler wandern jetzt hier herum, oh, man möchte vor Wut und Abscheu selber fortziehen. Das ist kein Zitat von heute, das schreibt Otto Modersohn 1894 an Fritz Overbeck. Sie mochten sich nicht alle, sie bilden auch keine Schule oder eine wirkliche Gemeinschaft. Auch wenn Rilke in sein Tagebuch schreibt: Eine Gemeinsamkeit, die sich gerundet hat, ist ein Heiligtum. Laßt uns unser Heiligtum hüten. Rilke muss immer übertreiben, er kann nicht anders.

Dies heute ist nicht der erste Post zu den Malern von Worpswede (und auch der Photograph Hans Saebens, von dem dieses Photo stammt, ist ➱hier schon erwähnt worden), mein Bestseller heißt ➱Heinrich Vogeler, fünfstellige Leserzahlen. Gefolgt von den Posts ➱Franz Radziwill und ➱Richard Oelze (der an Worpswede keine guten Erinnerungen hat, weil man ihn da in der Nacht verprügelt hat). Aber es gibt noch viel mehr Worpswede. Wenn Sie wollen, klicken Sie mal diese Posts an: NiedersachsensteinFritz OverbeckKunsthalle BremenThomas HerbstAlbert WeisgerberAlbert StaguraFrank DuveneckRichard von HagnMagischer RealismusFette HenneKiautschouAfrikaSchlittschuhlaufenRönnebeckManfred HausmannMagischer RealismusCato Bontjes van Beek

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orientalisch

 

Links vom Eingang war das große Zimmer, das Gerhard Rohlfs gewidmet war. Daneben war ein kleiner Tisch, an den sich Opa am Sonntag setzte, wenn er die Aufsicht im Heimatmuseum übernommen hatte. Neben dem Tisch war die Tür zu dem großen Saal im Erdgeschoß, der ganz dem Walfang gewidmet war. Schließlich hatten sich viele Kapitäne, die im 19. Jahrhundert ihr Vermögen mit dem Töten von Walen gemacht hatten, hier im Ort niedergelassen.

Als Melville seinen Roman ➱Moby-Dick schreibt, ist der Walfang weltweit auf dem Höhepunkt, danach geht er unter. Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist auch ein Höhepunkt des Kolonialismus, Frankreich besitzt jetzt nicht nur die Maghreb Staaten, es erobert jetzt auch die Sahara. Die von Gerhard Rohlfs, dem berühmten Sohn unserer Stadt (hier mit seinem schwarzen Diener), als erstem Europäer durchwandert wurde (lesen Sie hier ➱Quer durch Afrika). Walfang und Kolonialismus: für beides war in unserem Heimatmuseum Platz.

Es gab auch Photos vom modernen Walfang. Modern heißt in diesem Fall: aus den dreißiger Jahren. Damals als ➱Walter Rau aus Hilter und sein Konkurrent Fritz Hohmann (FriHoDi) aus Dissen ihre Fabrikschiffe zum Abschlachten von Walen auf die Weltmeere schickten. Auf Rau und Hohmann war Opa nicht so gut zu sprechen, aber das hatte damit zu tun, dass er aus dieser ➱Gegend kam und die Familien kannte. Die beiden Bilder zeigen denselben Wal, nicht gejagt und getötet – der hatte sich im 17. Jahrhundert in die Weser verirrt. Beide Bilder sind von dem Maler Franz Wulfhagen. Das obere hängt in unserem Heimatmuseum, das andere im Bremer Rathaus. Es ist mit 955 × 355 cm so groß wie ein kleiner Wal.

Bis Opa um zehn das Museum öffnete, durfte ich im Saal mit den Walen und im oberen Stockwerk spielen, wo sich alles zur ➱DGzRS fand (schließlich kam der Gründer ➱Adolph Bermpohl aus dem Ort). Les enfants s’ennuient le dimanche galt für mich nicht. Die Räume, die Gerhard Rohlfs und dem Botaniker ➱Albrecht Roth gewidmet waren, waren allerdings für mich off limits (ich liebte damals solche Wörter, die ich von den amerikanischen Besatzungssoldaten aufgeschnappt hatte). Die Bibliothek des Afrikaforschers erschien mir auch nicht so interessant. Wenn man sechs ist, ist eine Harpune für den Walfang oder ein kleines Kunstwerk aus ➱Scrimshaw interessanter als ein Brief Goethes an Dr Roth. Heute würde mich der Goethebrief mehr interessieren. Das Heimatmuseum ist umgezogen, heute sieht das alles so ordentlich aus, die Bücher hinter Glas, all das gab es früher noch nicht.

Die Flaggen sind heute auch unter Glas, früher hingen sie an der Wand. Alles in den Räumen war von dem Studienrat Alwin Belger geordnet worden, der war der Lieblingslehrer meiner Mutter am Lyceum gewesen. Er hatte im Ersten Weltkrieg als Kriegsfreiwilliger ein Bein verloren, und er ist in den letzten Kriegstagen zufällig durch einen englischen Tiefflieger getötet worden. Nur wenige Meter entfernt von unserem Heimatmuseum, in dem er die letzten Jahrzehnte mit der Aufarbeitung des Gerhard Rohlfs Nachlasses verbracht hat. Er wollte mal eben durch das Fernglas der Flakstellung neben dem Hotel Norddeutscher Hof schauen; wäre er im Museum geblieben, wäre ihm nichts passiert. Man hatte ihn noch auf eine Schubkarre von Polstermeister Üne Flügel gegenüber gelegt und zum Hartmannstift gefahren, aber es war ihm nicht mehr zu helfen. Sein geplantes Buch Die große Zeit deutscher Afrikaforschung und deutscher Kolonialarbeit: Nach dem Briefwechsel von Gerhard Rohlfs ist nie erschienen.

Das große Manko der Gerhard Rohlfs Zimmer war, dass es nur Bücher, Briefe (4.500) und Reisemitbringsel gab. Aber was interessierte mich das Tuch, das die Kaiserin von Abessinien ihm geschenkt hatte? Bilder von Afrika wie dieses von Eugène Giraud gab es da nicht. Der französische Maler, Karikaturist und Kupferstecher wurde heute vor 210 Jahren geboren. Er ist einer von vielen französischen Malern, die Algerien bereisen, wo für die Franzosen damals der Orient anfängt.

Girauds Afrika ist ein anderes Afrika als das von Gerhard Rohlfs, der zuerst als Apotheker und Wundarzt der Fremdenlegion nach Afrika kommt. Rohlfs (hier in Verkleidung) flieht aus der kleinbürgerlichen Stadt der Kapitäne und des Walfangs. Er sucht den Krieg (auf dem Schlachtfeld von Idstedt hatte man ihn zum Leutnant ernannt) und das Abenteuer, Giraud sucht die Schönheiten Algeriens. Oder Ägyptens, wie auf dem Bild im oberen Absatz: M. Eugène Giraud va chercher l’Orient en Espagne, aussi bien qu’en Algérie, et il le trouve partout, heißt es 1864 in einem französischen Journal. Und dann sind da auch noch die Schriftsteller unterwegs, wie zum Beispiel ➱Gustave Flaubert, der in Afrika die Vorarbeiten für seinen purpurnen Traum Salammbô macht.

Spätestens seit Napoleons Ägypten Abenteuer und Delacroix‘ Bildern, macht sich der Orientalismus überall breit. Verdi schreibt seine Aida, Flaubert Salammbô (ein Lokal auf St. Pauli hieß später auch so), Jean-Léon Gérôme und Ingres malen Harems. Das macht Giraud auch, man kann den Kritiker verstehen, der von les femmes lascives et languissantes d’un harem d’Eugène Giraud spricht. Doch so schlimm, wie die ➱Soft Porno Bilder von Jean-Léon Gérôme sind sie nicht, da irrt sich Gerard-Georges Lemaire in dem Buch Orientalismus: Das Bild des Morgenlandes in der Malerei (das man nur wegen der Bilder, nicht wegen des Textes empfehlen kann) gewaltig.

Wir haben in Deutschland nicht so viele Orientmaler. Weil wir auch noch keine Kolonien wie die Franzosen haben. Aber wir haben Gustav Bauernfeind, der schon in den Posts ➱Lawrence Alma Tadema, ➱Emily Ruete und ➱Horace Vernet erwähnt wird. Die letzten beiden Posts enthalten auch einiges zum Orientalismus, es wäre schön, wenn Sie die lesen würden. Den Gustav Bauernfeind hatte man nach seinem Tod schnell vergessen, hat ihn aber in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckt. Seine Klagemauer, Jerusalem brachte bei Sotheby’s vor neun Jahren 4.500.000 Euro. Damit ist das Gemälde wahrscheinlich das teuerste aller Bilder des Orients.

Die Bilder von Giraud kommen in Paris gut an, er ist im Pariser Salon vertreten, auch wenn man ihn ein wenig kritisiert: Monsieur Eugène Giraud a des Femmes d’Alger qui rappellent singulièrement par la composition sinon par la couleur, le tableau du même titre de Monsieur Delacroix. En examinant de près cette toile, on s’aperçoit bien vite que Monsieur Eugène Giraud sait peindre en très habile praticien, et qu’il est passé maître dans l’exécution matérielle, dont il surmonte les difficultés comme en jouant. Pourquoi donc ce parti pris d’aspect papillotant et léger, cette peinture pailletée et tout ce clinquant de faux alois qui peuvent abuser sur la solidité de sa pâte et la sûreté de sa touche ?

Giraud geniesst auch das Wohlwollen des Königs Louis Philippe (und später das von Napoléon III), hier hat ihn ein jüngerer Bruder Charles mit seiner Familie in seinem Studio gemalt. Er ist kein armer Mann, eher ein kleiner Malerfürst. 1846 war mit Adolphe Desbarolles (dem Meister der Handlesekunst) nach Spanien gereist, traf dort Alexandre Dumas und seinen Sohn und begleitete sie nach Algerien. Als Dumas mit seinem Sohn nach Spanien zurückkehrte, ist Giraud allein nach Ägypten gereist. Dumas‘ Reisebuch ➱De Paris à Cadix: Impressions de voyage hat er später illustriert.

Er hat nicht nur Szenen aus Nordafrika gemalt, dieser Maskenball findet wahrscheinlich in Paris statt. Kostüme sind Girauds großes Forte, der Maler, der auch Karikaturist ist, hat einen Blick für Kostüme und die Mode (er wird auch die Bühnenbilder und Kostüme für Theaterstücke von Victor Hugo und Alexandre Dumas entwerfen). Wir können davon ausgehen, dass die Kleidung seiner Haremsdamen eher der Wirklichkeit entspricht als die auf den Bildern vieler seiner Kollegen.

Und das bringt mich zu diesem Bild, das L’orientale heißt. Man weiß nicht sehr viel darüber, man weiß nicht, wann es entstanden ist. Es ist sehr klein: postkartengroß. Und doch ist seine Wirkung größer als der zehn Meter lange Wal im Bremer Rathaus. Nun kann man Wale und Frauen schlecht vergleichen – obgleich Leslie Fiedler mal gesagt haben soll, dass der weiße Wal in Melvilles Moby-Dick die überzeugendste Frauenfigur des amerikanischen Romans sei. Wir könnten die junge Dame, die eine Zigarette raucht wie Carmen in der Oper, ➱la belle inconnue nennen, wenn dieser Name nicht schon vergeben wäre. Sie bleibt geheimnisvoll, aber es ist ein wirklich schönes Bild, über das man einen Roman schreiben könnte.

Es gibt im Netz eine ➱Magisterarbeit von Laetitia Levrat über Giraud, aber da erfahren wir leider auch nicht mehr über die orientalische Schönheit: L’Orientale (Cat.71) est une autre toile consacrée à la représentation féminine. Le décor est minime et toute l’attention se porte sur une femme en train de fumer assise sur un divan. Encore une fois, la date de l’œuvre nous est inconnue. Bien entendu, il est exagéré de qualifier cette peinture d’impressionniste. Mais l’artiste a essayé quelque chose dont il ne nous avait pas habitué par le passé. Néanmoins, jusqu’à la fin de sa vie Giraud fait partie des peintres que l’on nomme « académiques ». Peut-être s’est-il laissé séduire par certains aspects de la peinture de ses contemporains. N’oublions pas que l’un des traits principaux de son caractère est la curiosité et il ne parait pas étonnant qu’il tente de nouvelles expériences picturales.

Giraud hat Gustave Flaubert gemalt, aber sein ➱Bild ist lange nicht so gut wie diese wunderbare Karikatur aus dem Jahre 1866. Die beiden Herren kannten sich. Flaubert war ein ständiger Gast im Salon von Napoleons Nichte Mathilde Bonaparte, Giraud hatte ihr Zeichenunterricht erteilt. Und falls Sie

eine Lesehilfe brauchen, um Flaubert zu lesen, dann greifen Sie zu dem Engländer Julian Barnes. Sein Roman Flaubert’s Parrot ist ein geniales Buch und die schönste Einführung in die Welt von Flaubert.

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Joseph Anton Koch

 

Schreibe ich über Joseph Anton Koch oder lasse ich es? Die Frage stellte mir, als ich auf das Kalenderblatt vom 27. Juli bei Wikipedia schaute. Der Maler wurde am 27. Juli 1768 geboren, in seiner Jugend hatte er noch Ziegen gehütet. Durch die Empfehlungen eines Bischofs war er zur Karlsschule nach Stuttgart gekommen, einer Militärakademie, die einige Berühmtheit hatte, weil Friedrich Schiller da auch gewesen war. Der war noch mit fünfzehn Bettnässer, was die Biographen auf den harten militärischen Drill schieben. Joseph Anton Koch hat die Militärakademie nach sechs Jahren verlassen, der mit der französischen Revolution sympathisierende Eleve kam damit einem Rausschmiss zuvor. Malte aber mal eben diese schöne Karikatur auf die Kunstpraxis an der Hohen Karlsschule.

Und floh erst einmal in die Schweiz, danach ging er nach Italien, wo er bis zu seinem Tode blieb. Die Alpen vergaß er nie, er malte viele Bilder, die man als heroische Landschaft bezeichnet. So etwas ist in der Geschichte der Malerei nicht ganz neu, schon ➱Nicolas Poussin hatte solche Bilder gemalt. Aber die Romantik wird das Thema neu entdecken, sogar der Schriftsteller Gottfried Keller wird eine solche heroische Landschaft malen.

Auf diesem Bild von Blunck, das den Bildhauer Bertel Thorvaldsen (ganz rechts am Tisch) und seine Freunde in einer römischen Trattoria zeigt, ist Joseph Anton Koch leider nicht mit drauf. Hätte er aber sein können, denn er war mit ihm befreundet, und der Katalog Künstlerleben in Rom. Bertel Thorvaldsen (1770-1844): Der dänische Bildhauer und seine Freunde hat eine Vielzahl von Einträgen für seinen Namen. Die Ateliers von Thorvaldsen und Koch werden für Jahrzehnte die Anlaufstationen für alle durchreisenden Künstler sein (auch ➱Blechen wird bei Koch wohnen). Das Bild von Detlev Blunck war übrigens schon in dem Post ➱Bertel Thorvaldsen zu sehen.

Die Landschaft mit dem Regenbogen hat Koch 1805 gemalt, es ist das Jahr, in dem er mit dem ➱Schmadribachfall beginnt. Den lässt er aber erst einmal auf der Staffelei (oder in einer Ecke des Studios) stehen, erst 1811 wird er ihn vollenden. Das Bild ist heute in Leipzig, die Neue Pinakothek München hat eine spätere Fassung. Die früheste Fassung des Bildes ist dieses Aquarell von 1794, das das Kunstmuseum Basel besitzt. Es ist in seinem Detailreichtum und der Luftigkeit der Farben vielleicht schöner als die anderen Bilder.

Koch hat sein Bild in einem Brief an seinen Freund Robert von Langer selbst beschrieben als: Eine sozusagen prachtvolle Wildnis mit Gletscherkaskaden, Wolken, welche zum Teil die Gebirge umschleiern, machen den Hintergrund aus; In der Mitte befindet sich ein undurchdringlicher Wald von Tannen und anderem wilden Gewächs und Felstrümmern und stürzenden Wassern vermischt. Der Vordergrund ist die Tiefe des Tales, von frischem Grün erfreut, mit dem brausenden Strom der Steinberg Lütschüne, in welch sich oben gedachte Wasser stürzen. Der ich aus einem solchen Bergland geboren bin und mich selbst als Kind solcher majestätischer Natur schon immer freute und deren Erinnerung mir noch jetzt tief eingeprägt ist. Auch besitze ich sehr fleißige Zeichnungen nach der Natur hiervon.

Der Maler Joseph Anton Koch wäre mir eigentlich schnurzpiepeegal. Wenn da nicht diese Reproduktion des Schmadribachfalls wäre, die ich jahrelang an die Wände verschiedener Studentenbuden gepappt hätte. Ich weiß nicht weshalb. Aber ich kenne natürlich jeden Quadratzentimeter des Bildes. Die Reproduktion ist heute nicht mehr an der Wand, die ruht in einer großen Mappe im Keller. Wenn Sie mehr über Kochs Gemälde wissen wollen, dann kann ich Hilmar Franks kleines Buch in der hervorragenden Reihe Kunststück des Fischer Verlags empfehlen. Und diese ➱Seite auf der ein Kunstpädagoge didaktisch das Bild analysiert, besser kann man es nicht machen.

Die kleine Winzerstadt Olevano hatte Joseph Anton Koch um 1803 entdeckt. Er entdeckte da nicht nur die Schönheit dieser Landschaft, er entdeckte auch eine schöne Italienerin namens Cassandra Ranaldi, die er drei Jahre später heiratete. Besonders angetan hat es Koch ein Eichenwäldchen oberhalb von Olevano, das Serpentara (Schlangenwäldchen) heißt. Das wird dann für den Rest des Jahrhunderts für alle deutschen ➱Maler, die Rom besuchen (sogar für den Deutschamerikaner ➱Albert Bierstadt), die Vorlage für das Zeichnen von Eichen sein.

Als der Maler Edmund Kanoldt (diese Zeichnung des Serpentara Wäldchens ist von ihm) 1873 erfährt, dass man den Wald abholzen und zu Eisenbahnschwellen verarbeiten will, alarmiert er den deutschen Botschafter in Rom. Und dann gibt es eine beispiellose Aktion, Künstler sammeln und spenden (der Maler Carl Schuch übernimmt ein Viertel der Kosten), um das Wäldchen zu kaufen. Und da Deutsche immer übertreiben müssen, ist das Schlangenwäldchen inzwischen zu einem heiligen Eichenhain geworden.

Was wären wir Deutschen ohne Wald? Ohne das Lindenblatt, das auf Siegfried fällt, ohne Hermann den Cherusker, ohne ➱Wolfsschlucht, ohne Eichendorffs Wälder und die Märchen der Brüder Grimm? Könnte ich jetzt stundenlang drüber schreiben. Habe ich auch schon getan, ich liste unten einmal einige Posts zum Thema Wald auf. Und ich muss natürlich das Buch von Simon Schama Landscape and Memory (Der Traum von der Wildnis) erwähnen, das ein schönes Kapitel über den deutschen Wald hat.

Die Gegend von Olevano war nicht mehr unbedingt idyllisch, jetzt im Risorgimento häufen sich in der ruhigen Gegend die Überfälle durch banditti. Die kommen normalerweise auf den Bildern von ➱Salvator Rosa vor (dies ist eins seiner Bilder), aber es scheint sie auch in der Wirklichkeit zu geben. Die Malerin Louise Seidler (die Sie schon aus dem Post ➱Georg Friedrich Kersting kennen) hat in ihren Lebenserinnerungen davon berichtet, wie Briganten den Baron von Rumohr überfallen wollten und den Maler Friedrich Salathè entführten. Die Geschichte geht aber gut aus.

Wenn Deutsche sich etwas vornehmen, dann führen sie das auch zu Ende (vom Flughafen Berlin-Brandenburg einmal abgesehen), das Serpentara Wäldchen (hier ein Bild von August Lucas) wird nicht abgeholzt, es bleibt in deutscher Künstlerhand. Bis heute. Denn da gibt es die Villa Serpentara, die so etwas Ähnliches wie die Villa Massimo ist.

Obgleich ich die Alpen nicht unbedingt mag, schreibe ich doch häufig über sie. Wenn Sie den Post ➱Tanzseuche anklicken, finden Sie Links zu all den Alpen Posts. Ich war noch keinen Monat im Netz, da musste ich schon über die Alpen schreiben und in dem Post ➱Ästhetik diese kleine Geschichte erzählen: Aus der Zeit von Sir Arthur Conan Doyle (dem seine Schneider besonders dicke Tweedhosen gemacht hatten, damit er die verschneiten Hänge herunter rutschen konnte) datiert auch eine kleine Geschichte, die man sich in Bremen erzählt. Wo man sich ja englischer als die ➱Engländer gibt. Das tun die Hamburger ja auch, aber die sind für die Bremer ja nicht wirklich zurückhaltend englisch, eher schon neapolitanisch leichtlebig. Also, eine Bremer Senatorenfamilie fährt mit der Eisenbahn in die Alpen. Und angesichts des Panoramas der schneebedeckten Berge und des ewigen Eises springt der Sohn auf und ruft: Guck mal, Vadder. Was scheun. Die Alpens. Und der Vater sagt: Junge, exaltier Dir nicht so. Worauf die Mutter, das Verhalten des Juniors erklärend, einwirft: Das musst Du verstehen, er studiert ja nun schon ein Semester in Hamburg.

Es wird nicht verwundern, dass es in einem Blog namens SILVAE manchmal um Wälder geht. Lesen Sie auch: silvae: Wälder: Lesen, Eisenhammer, Deutsche Romantik, Wolfsschlucht, Lützow, Moritz von Schwind, Vollmond, Caspar David Friedrich, Adalbert Stifter, Zweite Heimat

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