grüne Wellen


Das Bild, das die Dame hier gerade erklärt, kenne ich, ich bin mit den Bildern des Malers Siegward Sprotte aufgewachsen. Ich habe seine grünen Wellen hassen gelernt. Der Maler, der am 7. September 2004 im Alter von einundneunzig Jahren starb, hat mich nie wirklich interessiert. Ich wusste, dass er auf Sylt wohnte und nahm an, dass er deshalb nichts anderes tat, als grüne Welllen zu malen.

Mein Vater bekam jedes Jahr zu Weihnachten als Werbegeschenk einen Kunstkalender der Firma Hoechst. Jeder Kalender war einem Museum oder einer Sammlung gewidmet und enthielt erstklassig gedruckte Abbildungen. Für jeden Monat eine, aber man konnte den Kalender umdrehen, dann waren es noch einmal zwölf. Die Kalender der Firma Hoechst landeten immer bei mir, die Firma weiß gar nicht, wie dankbar ich ihr war. Ich habe viel von diesen Kalendern gelernt, man kann sie heute noch antiquarisch finden, ich habe meine natürlich noch. 

Aber dann gab es ein Weihnachtsfest, bei dem die Firma Hoechst vergessen hatte, einen Kalender zu schicken. Mein Vater offerierte mir einen anderen Kunstkalender, den er gerade erhalten hatte. Der kam von einer Zahnpastafirma, es war ein Siegward Sprotte Kalender, der für jeden Monat das Bild einer Welle präsentierte. Ich war damals froh, als das Jahr zuende war. Zwölfmal die grüne Welle reichte mir. Im Februar hatte ich begonnen, das Bild vom Januar zu kopieren, Tusche auf Papier. Am Ende des Jahres hätte ich leicht Siegward Sprottes fälschen können. Das ist bei den kalligraphischen Reduzierungen nicht so schwer.

Bevor Siegward Sprotte 1945 nach Sylt kam, sich völlig neu erfand und grüne Wellen malte, gab es einen anderen Siegward Sprotte. Nämlich den, der 1938 das Bild Deutsche Frau in der Ausstellung der Preußischen Akademie der Künste zeigte. Das Bild mit der Frau in den Dünen, das ein wenig mit Piero della Francesca zu tun hat, heißt neuerdings Frau mit Bernsteinkette, ein Titel wie Deutsche Frau geht heute natürlich nicht mehr. 

Hier hat er sich 1937 gemalt, Selbstbildnis mit Lebensbaum heißt das Bild. Die Nationalsozialistischen Monatsheftelobten das Bild als meisterhaftes Selbstbildnis. Die Haltung der einen Zweig haltenden Hand hat der Maler von Dürers Selbstbildnis im Pelzrock (Alte Pinakothek München) entlehnt. Es ist ein bisschen Neue Sachlichkeit, möchte ein klein wenig Magischer Realismus sein, aber besonders großartig ist das nicht. Kann sich nicht mit Gerta Overbeck oder Albert Aereboe messen. Doch Sprotte hat als Maler Erfolg, er war Mitglied der Reichskulturkammer und Mitglied der Reichskammer der Bildenden Künste. Er war auf der Großen Deutschen Kunstausstellung 1939, 1941/42 und 1944 mit insgesamt zehn Werken vertreten. Die Zeitschrift Die Kunst im Dritten Reich (erschienen im Zentralverlag der NSDAP) bespricht seine Werke. 

Er malt jetzt viele Portraits wie hier 1936 seine neunjährige Schwester Dietlind, Portraits sind in unsicheren Zeiten eine sichere Sache. Angeblich soll Hitler von ihm ein Bild gekauft haben, und er soll mit anderen Künstlern bei Hitler zum Kaffee eingeladen gewesen sein, aber das ist nicht zu belegen. Über das, was Sprotte in den dreißiger Jahren gemacht hat, bewahrte er Stillschweigen oder streute Fehlinformationen aus. Wegen einer Herzschwäche wurde der Soldat Sprotte nach einem halben Jahr entlassen, war aber gesund genug, Auslandsreisen anzutreten. Ohne jeglichen Fronteinsatz erhielt er 1941 eine u.k.-Stellung, er war für das Reich unabkömmlich. Nach 1945 ist das für den Meister der Selbstvermarktung, der jetzt grüne Wellen malt, alles vergessen.

Diese Welle ist nicht von Siegward Sprotte, die ist von Karl Hagemeister. Dessen Meisterschüler er angeblich von 1930 bis 1933 war. Auch hierfür fehlen, wie für so viele Behauptungen von Sprotte, die Beweise. Hagemeister malte schon Wellen, als Sprotte noch gar nicht geboren war. Es kann durchaus sein, dass Sprotte sein ewiges Motiv der Welle gar nicht in Sylt gefunden hat, sondern bei Hagemeister geborgt hat. Über dieses Bild hat Hagemeister geschrieben: Als ich die große Welle malte, die jetzt in der Nationalgalerie ist, war in Lohme auf Rügen ein besonders starker Sturm. Ich habe da in zwei Tagen vier große Seebilder gemalt: vormittags eins und nachmittags eins. Zwischendurch habe ich einen starken Kaffee getrunken. Bei dem einen Bild kam plötzlich eine so große Sturzwelle, daß ich bis am Hintern im Wasser stand und die Hälfte meiner Oelfarben mit fortgerissen wurde. Aber ich habe trotzdem weiter gemalt. Für dieses Bild bekam ich die große Medaille. Als ich die vier Seebilder in den beiden Tagen gemalt hatte, habe ich gesagt: So – nun kann der Sturm aufhören!

Das ist jetzt eine Phase in Hagemeisters Werk, wo er von Wellen geradezu besessen ist: Ich sehe ein, dass man keine Wellen abmalen kann und wenn das noch so gut mit Hilfe der Momentphotographie möglich wäre. Solche gemalten Wellen werden still stehen. Um sie bewegt zu malen, muss man vorher alles genau studieren, die Durchsichtigkeit der Stimmung, den Rhythmus der Wellen, und wenn man alles erfasst hat, muss man schnell gefühlsmässig gestaltend das Ganze hinschreiben. So nur wird die Darstellung den Beschauer mit fortreissen. Die letzten Aufenthalte an der See überzeugten mich, dass ich schliesslich nur See malen sollte, um schliesslich Herr des Meeres zu werden – eine grosse Aufgabe, wenn ich denke, dass nur Courbet der einzige ist, der den Eindruck der Unendlichkeit, der Allgewalt des Meeres getroffen hat.


Ludwig Justi, der Direktor der Nationalgalerie, hatte anläßlich des 75. Geburtstags des Malers die Nationalgalerie mit Wellenbildern von Hagemeister drapiert: Zu Hagemeisters 75. Geburtstag, 1923, hatte ich den größten Saal der Nationalgalerie ausgeräumt und die langen Wände mit einer durchlaufenden Reihe solcher Wellenbilder behängt, die ich aus Hagemeisters Vorrat geholt hatte; es ergab sich eine Wirkung sondergleichen. Es begeisterte nicht jeden. Der  Kunstkritiker Karl Scheffler schrieb: Eine große Ausstellung verträgt Hagemeister überhaupt nicht, und noch weniger eine, die nur große Bilder enthält, weil in den Arbeiten großen Formats der Mangel an Vergeistigung am meisten zutage tritt.

Ich glaube, das gilt für die Wellen von Siegward Sprotte auch (hier ist wieder eine von ihnen), man sieht sie sich schnell über. Man kann sie heute tausendfach als Reproduktion kaufen, und Siegward Sprotte Kalender gibt es jedes Jahr wieder. Ein Siegward Sprotte Kunstkalender aus dem Jahre 2009 kostet heute bei ebay 39€, vielleicht hätte ich meinen damals nicht im Papiermüll entsorgen sollen. Wenn Sie alles über den Künstler wissen wollen, dann habe ich hier den Katalog der Siegward Sprotte Retrospective für Sie. Er gibt das Leben Sprottes so wieder, wie Sprotte es haben wollte. Der Katalog wurde von Sprottes Sohn, der eine Kunstgalerie betreibt, ins Netz gestellt.

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die Villa Fritze


Da, wo das kleine Bäumchen ist, führt ein Weg nach links zu einem Rondell mit Balustraden, von dem aus man einen schönen Blick über den Stadtgarten und die Weser hat. Journalisten und Immobilienmakler nennen das Rondell neuerding den Vegesacker Balkon. Das Haus neben dem Bäumchen kannte im Ort jeder: das Ortsamt war da drin. Und auch die Tanzschule von Nico Arff, wo man die Standardtänze lernte, damit man für den Abtanzball und das Leben gerüstet war. Die Frauen, die man bei Nico kennengelernt hatte (und mit denen man in der Nacht unten im Park geknutscht hatte), konnte man hier auch noch heiraten, denn bis zum Juni 2012 war das Standesamt im Haus. 

Die zwei weißen Sandsteinfiguren (Zeus und Herakles) eines unbekannten Künstlers, die einst die Villa zierten, sind heute in den Stadtgarten versetzt worden. Zeus hält ein Flammenbündel in der rechten Hand, Herakles eine Keule Die Statuen sind mit einer Anti-Graffiti-Beschichtung versehen worden, die Waffen von Göttern und Helden reichen gegen Graffiti Sprayer offenbar nicht aus. Die Statuen sind keine große Kunst. Es wäre möglich, dass sie aus der Werkstatt des Bremer Bildhauers Carl Johann Steinhäuser stammen, von dem Carl Wilhelm August Fritze eine Plastik der Genoveva von Brabant besaß.  

Das riesige Haus heißt heute beim Landesamt für Denkmalschutz Villa Fritze, aber es ist nicht die originale Villa Fritze; diese Villa, zu der als Denkmalgruppe noch ein Teehaus und eine Remise für die Kutschen gehören, steht hier erst seit 1876. Man muss anmerken, dass Rudolf Stein in seinem Standardwerk über die Bremer Baukunst die Villa mit keinem Wort erwähnt. Es gibt schönere Villen in Bremen. 

Vor 1876 stand hier ein kleineres weißes klassizistisches Landhaus mit Walmdach, viersäuligem Portikus und Freitreppe, das sich der Bremer Tabakhändler und spätere Senator Carl Wilhelm August Fritze 1827 als sommerlichen Wohnsitz hatte erbauen lassen. Fritzes Kompagnon, Johann Friedrich Abegg, der 1822 aus der Firma ausschied, hatte sich 1809 in Oberneuland das klassizistische Gut Holdheim bauen lassen, so etwas wollte Fritze auch haben. Die Familie Fritze besaß in Bremen noch andere Häuser, eine Villa am Osterdeich und die Villa in Horn-Lehe, die später den Namen Borgward Villa bekommen hat.

Wenn Carl Wilhelm August Fritze von seiner Freitreppe auf die Weser schaut, dann hat er etwas, was seine Nachbarn so nicht haben, einen riesigen, parkartigen Garten. Gut, seine Nachbarn, der Bürgermeister Arnold Duckwitz und der Weinhändler Albert Diedrich Finke (dessen Tochter den Dichter Klaus Groth heiraten wird), haben auch schöne Gärten, aber was Fritze sich gekauft hat, ist das Kernstück aus dem Garten, den der Dr Albrecht Roth angelegt hat. Ich lasse Duckwitz und Finke mal aus, die haben hier schon Posts. Ihre Villen wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Teil widerrechtlich abgerissen. Hier vorne auf dem Bild ist ein kleines Denkmal für den Botaniker Albrecht Roth, den Goethe gerne als Professor nach Jena geholt hätte. 

Oben auf dem Berg ist die Villa Fritze, die Gottfried Johannes Carl Fritze, der Sohn von Carl Wilhelm August Fritze hatte bauen lassen. Es wäre schön, wenn das noch die kleine weiße Villa wäre, die keinen Namen hatte, sondern schlicht das Haus auf dem Berg hieß. Es findet sich kaum eine Abbildung der Villa im Internet, aber Sophie Hollanders hat in ihrem Buch Vegesack: Alte Bilder einer Hafenstadt ein Bild. Und ich habe hier für Sie eine vorzügliche kleine Architekturgeschichte Bremens, die Eröffnungsrede der Ausstellung Palladio und der Palladianismus in Bremen von dem Kunsthistoriker Volker Plagemann. Mit vielen Bildern. Die alte Fritze Villa ist auch dabei.

Der Park, den der Botaniker und Landmedicus Albrecht Roth anlegt, enthält die seltensten Bäume. Es sind einhundert exotische Bäume und Stauden auf zwei Hektar Grund. Das Land für den Park schenkt ihm der König von England (wir gehörten damals nicht zu Bremen, sondern zum englischen Hannover), der auf den jungen Forscher aufmerksam geworden ist. Er könne soviel Land haben, als er bebauen könne und wolle. Das Land ist nichts wert, ein ödes Sandgebiet auf dem Heide wächst. Und ein paar Bäumchen. Bei Hochwasser und Sturmflut frisst die Weser das Land weg. Wahrscheinlich glaubt George III, dieser junge Dr Roth wolle einen Landschaftsgarten anlegen, wie er jetzt in England Mode ist. Roth wird noch Land dazu kaufen, bis ihm das ganze Unterland der heutigen Weserstraße gehört, von der Strandlust bis zum Vulkan. Auf dieser Karte vom Hafen bis Fehr (das heute Fähr heißt). 

Nach Roths Tod im Jahr 1834 werden Teile des Parks an Bremer Kaufleute verkauft, an Leute wie Duckwitz, Finke und Fritze. Vorher wollte auf dem Sandstreifen der Geestkante niemand wohnen, jetzt werden dort Sommerhäuser errichtet. Heute sieht der Bebauungsplan der Weserstraße so aus, die Denkmalgruppe Fritze ist rot markiert. Hier liegen die Villen der Aristokraten, deren Anlagen das Weserufer eine kleine Strecke hin wirklich sehr verschönern, schreibt 1841 ein junger Mann, der in Bremen im Hause des Großhandelskaufmanns Heinrich Leupold seine kaufmännische Ausbildung absolvierte. Vier Jahre später wird er nicht mehr im Morgenblatt für gebildete Leser über seine Dampferfahrt auf der Weser von Bremen nach Bremerhaven schreiben, da schreibt er Die Lage der arbeitenden Klasse in England: Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen.

Dass der Park von Albrecht Roth heute als Stadtgarten öffentlich zugänglich ist, dass es eine Strandstraße vom Utkiek bis zum Vulkan gibt, das verdankt der Ort dem Bürgermeister Dr Werner Wittgenstein, der der Witwe von Gottfried Johannes Carl Fritze 1929 den Garten für  zehntausend Mark abgekauft hatte. In der Zeitung bewarb er die Gründung eines Stadtgarten- und Verschönerungsvereins: Vegesack ist reich an schönen Privatgärten, aber arm an öffentlichen Anlagen. Es ist aber für die Stadt im Augenblick außerordentlich schwer, sich neue Zinslasten aufzuladen. Wir rufen daher zur Gründung eines Stadtgartenvereins auf und hoffen, nicht nur die nötigen Stauden unentgeltlich zu erhalten, sondern auch genügend laufende Mittel, um davon Arbeitskräfte zu beschaffen. Fräulein Borcherding, die bei der Leitung ihres Schulgartens erfreuliche Erfolge erzielt hat, wird die praktische Leitung übernehmen. Am 1. Juli 1930 wurde der Verein gegründet, der der Lehrerin und Naturkundlerin Johanna Borcherding alles verdankt, wir können sie hier bei der Arbeit sehen. 

Wittgenstein, der von 1915 bis 1933 Bürgermeister der Stadt Vegesack war, hat in diesem Blog schon seinen Platz in dem Post zu seinem Freund, dem Architekten Ernst Becker-Sassenhof. Wittgenstein wohnte bei uns um die Ecke, meine Mutter war im Lyceum mit seiner Tochter in einer Klasse. Und mein Großvater war mit ihm in der Schlaraffia, ich habe noch ein Photo, wo die beiden Herren bei einem Fest an einem Tisch sitzen. Am 29. März 1933 wurde er in den einstweiligen Ruhestand versetzt, sein Nachfolger trug Uniform. Wenige Monate nach seiner Ernennung zum kommissarischen Bürgermeister wurde der SA-Sturmführer und Ortsgruppenleiter Lothar Westphal für die Dauer von zwölf Jahren zum Bürgermeister von Vegesack gewählt. So lange wird er da nicht bleiben, weil das Tausendjährige Reich keine zwölf Jahre mehr dauern wird. 

Auf diesem Photo vom Mai 1933 ist Westphal der zweite von links, Richard Markert, der Bremer Bürgermeister, trägt eine schwarze Nazi-Uniform. Ich habe im Familienalbum noch ein anderes Photo, da steht Westphal in seiner SA-Uniform neben Opa vor dem Haus. Er war gerade in das Nachbarhaus gezogen, in dem sein Vater, der Kapitän Julius Westphal, seit 1909 gewohnt hatte. Am Rande des Photos steht in der Handschrift meiner Mutter ein widerlicher Kerl. Mein Opa, Hauptmann im Ersten Weltkrieg, trägt seine Stahlhelm Uniform mit Eisernem Kreuz und dem weinroten Hanseatenkreuz. Der SA-Sturmführer Westphal sieht furchtbar ordinär aus, mein Opa guckt betont von ihm weg, diese Nachbarschaft hat er sich nicht gewünscht. Es ist das letzte Photo von Opa in Uniform, der Stahlhelm ist gerade gleichgeschaltet worden. Er wird die Uniform nie wieder anziehen. 1938 kauft die Stadt auch die Villa Fritze, der SA-Sturmführer wird da als Bürgermeister einziehen.

Das sind jetzt hundert Jahre deutscher Geschichte. Ein Tabak- und Baumwollhändler, der auch Berater des Bremer Bürgermeisters Johann Smidt ist (und dessen Neffe Richard sein Geld in Kuba in der Sklavenwirtschaft macht), lässt sich ein kleines klassizistisches Sommerhaus bauen und kauft den Park von Dr Albrecht Roth. Sein Sohn lässt das Haus abreißen und baut sich diesen protzigen Kasten. Die 1812 gegründete Reederei führt er aber fort. Ich glaube, weil er seine Schiffe auf der Weser fahren sehen wollte, hat sein Urenkel Eberhard Fritze 2012 gesagt. Dass es eines Tages die Nazis geben wird und ein SA-Mann hier residieren wird, konnten die Herren, die auf das navigare necesse est vertrauten, nicht wissen. Dieses große Bild, das Carl Justus Harmen Fedeler um 1847 gemalt hat, hing immer im Ortsamt, es hängt heute im Heimatmuseum Schönebecker Schloss. Wittgenstein hatte es einem Bremer Friseur abgekauft (das Deutsche Schiffahrtmuseum in Bremerhaven besitzt eine Kopie). Ich fand immer, das es das Beste in dem Haus war. Abgesehen von der Tanzschule von Nico Arff.

Viel besser als die riesige Villa gefällt mir dieses dreistöckige Teehaus, das zu dem Ensemble gehört und auch von Heinrich Müller, dem Bremer Stararchitekten der damaligen Zeit, gebaut wurde. Ein Mitschüler, mit dem ich befreundet war, wohnte darin, deshalb kenne ich das 1879-80 gebaute Türmchen von innen. Es ist, wie das Landesamt für Denkmalschutz schreibt:ein auf einem heute abgetrennten Grundstücksteil gelegener aufwendiger, mit Treppentürmchen versehener oktogonaler Belvedere-Pavillon in renaissancierenden Formen über bastionsartigen, mit einer balustradengesäumten Terrasse abschließenden Substruktionen, in Bremen ohne Parallele. Und man hat einen tollen Blick über die Weser. Bei gutem Wetter bis nach Oldenburg, pflegte Gert immer zu sagen.

Und das hier gehört auch noch dazu, eine Kombination von Kutscherhaus- und Remisengebäude, in einem scheußlichen Stil, den man höflicherweise als dekorativ-ländlichen Schweizerhausstil bezeichnet. Es ist heute das Haus der Freiwilligen Feuerwehr Vegesack. Das weiße Haus dahinter ist das Haus, in dem der Kapitän Julius Westphal gewohnt hatte. Und dann sein Sohn, von dem man nach 1945 nichts mehr gehört hat. Er war 1943 Amtskommissar im Kreis Kamin geworden, seit dem Februar 1945, als er in den Westen fliehen wollte, ist er verschollen. Bevor dieses Hause gebaut wurde, stand hier übrigens das Haus von Dr Albrecht Roth. Dem gehören zwar auf der anderen Straßenseite alle Gärten, aber eine Villa hat er sich da nie gebaut.

Der Architekt Heinrich Müller, der das Ensemble gebaut hat, war im 19. Jahrhundert neben Johann Georg Poppeder berühmteste Architekt Bremens. Beinahe ein halbes Jahrhundert hat er sich durch die Hansestadt gebaut. Ohne erkennbaren Stil, er nimmt alles, was gerade Mode ist. Er beginnt seine Karriere mit dem Klassizismus, dann folgte die Neugotik, dann der Tudor Stil (zum Beispiel bei Wätjens Schloss) und die Neorenaissance, das heißt die Wiederbelebung der französischen und italienischen Renaissance, die er er auch bei der Villa Fritze verwendet. Und immer wieder Neugotik. Bei der Villa Fritze kann man französische Renaissance- und Barockeinflüsse erkennen. Sagt das Landesdenkmalamt. Die Bremer Kaufleute, die altes Geld und Kultur hatten, besaßen Güter wie Heinekens Park oder Gut Landruhe, das mein Freund Peter für das Landesamt dür Denkmalschutz restauriert hat. Wer im 19. Jahrhundert sein Geld macht, geht zu Müller. Und der baut nicht so etwas, was wir in Hamburg in der Palmaille oder in neo-klassizistischen Villen wie der Henisch Villa finden.

Die Stadt Bremen hat die Villa vor Jahren an eine Investorengruppe verkauft, die sich den Namen Hansegrundzugelegt hatte. Wenn Sie den Namen anklicken, kommen Sie zu einer reichillustrierten Werbebroschüre, mit der man um Käufer wirbt. Wenn wir genau hinhören, erzählt uns die Vergangenheit Geschichten ist der Text betitelt. Aber die Herren von der Hansegrund haben offenbar nicht so genau hingehört, der Text ist schwach und voller Fehler. Die potentiellen Käufer sind offenbar nicht so leicht zu finden, denn das Angebot im Luxussegment ist in der Weserstraße groß. Da ist zum Beispiel die Villa Bischoff, die schon hier im Post Zwieback erwähnt wird. Sie ist berühmt geworden, weil Per Leo, der hier aufwuchs, sie in seinen Roman Flut und Boden hineingeschrieben hat.

Und die Villa Schröder, die sich Friedrich Lürssen 1951 gekauft hatte, wird gerade umgebaut. Aufkaufen, entkernen, Luxuswohnungen, immer die gleiche Geschichte. Die Investoren von Hansegrund haben nicht alles bekommen, was sie gerne gehabt hätten. Also die Plastiken von Zeus und Herakles waren nicht im Kaufpreis inbegriffen. Das Teehaus vom Nachbargrundstück auch nicht. Die größte Kröte, die sie schlucken mussten, war, dass sie das Rondell und den Garten hinter der Villa nicht bekommen haben. Den Brunnen mit dem Löwenkopf unter dem Rondell auch nicht. Das alles bleibt öffentlicher Grund und Boden.

Als ich im Januar 2010 erst einmal aufhörte, meine Autobiographie Bremensienzu schreiben, weil ich Blogger wurde, fehlte da ein Kapitel. Das war das Kapitel Villen. Das hatte ich mir für den Schluss aufgehoben. Kinderleicht zu schreiben, da kannte ich mich aus. Das habe ich schon in dem Post Bauarbeiten geschrieben, in dem es auch eine Skizze von dem gab, was ich vorgehabt hatte. Ich habe das Ganze nicht wirklich aufgegeben; wenn Sie Posts wie fehlende BilderKnoops ParkHohehorst und Vaterlandsstolz lesen, merken Sie, dass mich das immer noch interessiert. Es wird noch mehr zu dem Thema geben, ich glaube, ich mache irgendwann mit Wätjens Schloss weiter.

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Anna Ancher


Die dänische Malerein Anna Ancher wurde am 18. August 1859 in Skagen geboren, von all den Skagener Malern ist sie die einzige, die aus dem Ort kommt. Sie ist auch in Skagen gestorben. Sie ist schon häufig in diesem Blog erwähnt worden. Zum Bespiel in den Posts SkagenMichael AncherEufemia und Dänische Kunst. In dem Post Nordlichter kommt sie zwar nicht vor, aber diese Malerinnen sind auch interessant. Im Gegensatz zu ihren Skagener Kollegen, die sich alle der Pleinairmalerei verschrieben haben, malt Anna Ancher selten draußen. Eher malt sie so etwas Schönes wie dies hier.

Aber den impressionistischen Østerbyvej in Skagen-Østerby hat sie 1915 draußen gemalt. Da brauchte sie nur einmal um die Ecke zu gehen. Es wäre natürlich interessant, ihr Bild mit dem Bild von der Dorfstraße bei Soest von Ida Gerhardi zu vergleichen, aber das lassen wir heute mal. Ich habe heute am Geburtstag von Anna Ancher ein wirklich schönes Gedicht von dem dänischen Dichter Klaus Rifbjerg, das Skagen heißt. Einmal im Original und einmal in der Übersetzung von Lutz Volke.


Skagen

Det er mig der har malet 
billederne på Skagens museum.

Jeg sagde til mig selv 
der har du dit liv og så 
begyndte jeg at male.

Jeg tror det startede med frokostbilledet 
jeg blev så sulten 
følte mig så hjemme.

Jeg malede Krøyer og Drachmann 
Tuxen, Ancher – både hun og ham 
og alle andre 
helt ned til Tørsleff.

Det var et mægtigt arbejde 
men jeg havde det jo godt 
så det var ikke noget.

Drachmann hjalp mig lidt
og Krøyer
vi talte meget

og drak en lille smule.

Vi så på Skagen
malede en masse billeder
fik lyset frem
men måske mest en livsform
vores egen
den jeg faldt for.

Jeg husker timerne
med Krøyers kone
under hyldetræerne hos Drachmanns,
bourgognen i de svære glas
og alting set
i sommerbilleder
melankolsk
som var det hele længst forbi.

Jeg husker aftnerne på Grenen
vandene der mødtes
og besværet med at få farven
til at makke ret
det var jo mig der skulle
male alting
ville male alting
før det ikke var der mere.

Der er en duft af død
idyl og linnedskuffer med lavendel

over mine Skagenslærreder,
men det var livligt nok
dengang
det var det.
Vi rejste os fra bordet
oven på den lange frokost
og stemmerne var blevet mere sagte.
Vi stod i skumringen
før hver gik hjem til sit
men det var svært at bryde op.

Så vendte Anna Ancher sig
og sagde:
Vi skal sove nu.
Hun tog sin mands arm,
gik med ham igennem lågen
og langsomt fulgte alle efter.
Skridtene forsvandt imellem
husene
værten slukkede sin lampe
det var for sent at male mere.

Skagen

Ich war es ich
habe die Bilder in Skagens Museum gemalt.

Ich hab mir gesagt
hier hast du dein Leben und
malte.

Ich glaube zuerst das Frühstücksbild 
ich hatte solchen Hunger 
fühlte mich so zu Hause.

Ich malte Krøyer und Drachmann 
Tuxen, Ancher – sie und ihn 
und alle anderen 
bis hin zu Tørsleff.

Ein gewaltiges Stück Arbeit 
doch ich fühlte mich wohl dabei 
und so machte es mir nichts aus.

Drachmann griff mit ein
und Krøyer
wir redeten viel
schauten
und tranken ein paar Schluck.

Wir hatten Skagen vor uns liegen 
malten eine Menge Bilder 
kitzelten das Licht heraus jedoch 
wohl vor allem die Lebensart 
unsere Art zu leben 
die Art die mir gefiel.

Ich denke an die Stunden
mit der Frau von Krøyer
unterm Hollerbusch bei Drachmanns
Bourgogne in schweren Gläsern
und alles gesehen
in Sommerbildern
melancholisch
als wär das Ganze längst vorbei.

Ich denke an die Abende auf Grenen 
an die Wasser die sich trafen und 
an die Probleme mit den Farben 
daß sie stimmten 
ich war es schließlich 
der malen sollte alles 
malen wollte 
bevor es verging.

Es liegt ein Hauch von Tod
Idyll und Wäscheschränken mit Lavendel
über meinen Leinwänden aus Skagen
aber Leben gab es
damals
alles war voll Leben.

Wir erhoben uns vom Tisch 
die Stimmen leicht gedämpft 
am Ende eines langen Mahls. 
Wir standen in der Dämmerung 
bevor ein jeder Abschied nahm 
doch es fiel schwer zu gehen.

Dann gab sich Anna Ancher einen Ruck
und sagte:
Es ist Zeit fürs Bett.
Nahm ihren Mann beim Arm
ging mit ihm zur Pforte
und langsam folgten alle nach.
Die Schritte verschwanden zwischen
den Häusern
der Hausherr löschte das Licht
zu spät um weiter zu malen.

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der grüne Sonnenschirm

Der Maler Gottlieb Schick wurde heute vor 245 Jahren in Stuttgart geboren, der Internet Lexikon Wikipedia gönnt ihm einen fünfzeiligen Artikel. Das ist ein bisschen wenig für einen Maler des Klassizismus, der dieses schöne Portrait gemalt hat, das berühmteste Frauenportrait des deutschen Klassizismus. Schick hatte in Paris bei Jacques-Louis David studiert, er war nicht der einzige deutsche Schüler des Franzosen. Der Mainzer Johann Adam Ackermann war auch in Paris. Bevor Schick Paris verließ, konnte er sehen, wie David Madame Récamier portraitierte (Sie können an den fett markierten Links sehen, dass Ackermann und die Récamier hier schon einen Post haben, der zu Madame Récamier ist über fünftausend Mal angeklickt worden). Schick selbst hat die Julie Récamier in Paris in sein Skizzenbuch gezeichnet.

Wahrscheinlich hatte Schick Davids Bild der Pariser Salonière im Kopf, als er 1802 in Stuttgart den Auftrag bekam, Wilhelmine Cotta zu malen, die Gattin des Verlegers Johann Friedrich Cotta, der der Verleger von Schiller und Goethe war. Sie wird in vielen Quellen als Freifrau von Cotta bezeichnet, aber das ist sie noch nicht, ihr Gatte ist noch nicht geadelt. Dass sie aber aus ihrem Haus in Tübingen eine Art von schwäbischem Musensitz gemacht hat, das ist sicherlich wahr. Man kann Wilhelmine Cotta wie die Récamier als Salonière bezeichnen.

Es ist wohl Heinrich Rapp gewesen, der Schick den Kontakt zu Cotta vermittelt hat. Rapp ist der Schwager von Schicks erstem Lehrer Heinrich Dannecker, einem Mann, den Schick immer verehrt hat. Er hat auch im Jahre 1802 das schöne Bild von Danneckers erster Frau Heinrikegemalt. Mit dem kleinen Blumenstrauß in ihrer Hand hat er sich schwergetan: Ich erinnere mich, wie ich mich mit der Hand plagte, die die Blumen hält, und wie ich in meiner Freude krumme Gesichter geschnitten, die Ihre Frau Gemahlin und mich selbst lachen machten, wenn mir das Malen gelang […]. Wie vergnügt war ich nicht als ich ihr Portrait mahlte.

Gottlieb Schick will nicht in Stutgart bleiben, er will nach Rom. Heinrike Dannecker hat er aus Freundschaft zu seinem Lehrer gemalt, Wilhelmine Cotta malt er, weil ihr Ehemann ihm noch einen Vertrag für eine Vielzahl von Zeichnungen für die Cottaschen Taschenbücher offeriert. Diese moderne Version von Schicks Bild, die von Ekaterina Orba stammt, nimmt einiges vom Original auf, die Pose der Wilhelmine, die Pappelgruppe links, Akazie und Gummibaum (hier zu einer grünen Einheit verschmolzen) rechts. Der kleine Fluss Ammer ist hier zu einem mächtigen Strom geworden, aber das Wesentliche bleibt: Wilhelmine Cotta wird in die Natur, dem schwäbischen Arkadien, plaziert, nicht im Salon.

Frau Cotta ist plumper, mächtiger, das Übereinanderschlagen der Beine selbstbewußter. Es fehlt die feine Koketterie nicht nur in der weniger flüssigen Behandlung, sondern auch in dem den Beschauer nicht suchenden Blicke, schreibt der Kunsthistoriker Karl Simon 1914 in seinem Buch Gottlieb Schick: Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Malerei um 1800. Er ist der erste Kunsthistoriker, der Davids Madame Récamier und Schicks Wilhelmine Cotta verglichen hat. Ein Bild, das den Vergleich mit dem Franzosen nicht zu scheuen braucht. Eigentlich ist es viel schöner als das Bild von der Julie, die wie die zusätzliche Dekoration zu einem Möbelstück aussieht.

 
Wilhelmine in ihrem weißen Chemisekleid (wahrscheinlich miederlos) aus Musselin bildet die Diagonale des lebensgroßen Bildes, das heute in Stuttgart hängt. Die Holzbank, auf der sie im Park sitzt, hat nichts von der Eleganz der französischen Récamiere bei Jacques-Louis David. Aber Wilhelmines Kleidung ist à la mode. Werfen Sie doch mal einen Blick auf die gestreiften Schlupfschuhe (auch Schlupfer genannt) aus Atlasseide! Diese Ballerinas sind, ebenso wie der Sonnenschirm in der neuen Modefarbe grün, der dernier cri des Klassizismus.


Es gibt zu dem Maler Gottlieb Schick doch etwas mehr zu sagen, als uns Wikipedia sagt. 1976 gab es zu seinem zweihundertsten Geburtstag in Stuttgart eine Ausstellung Gottlieb Schick: Ein Maler des Klassizismus. Den Katalog von Ulrike Gauß und Christian von Holst kann man antiquarisch noch finden. Auch das interessante Buch Kaleidoskop eines Porträts von der Staatlichen Ingenieurschule für Druck läßt sich antiquarisch noch kaufen. Und dann habe ich zum Schluß noch ein kleines ✺Video, auf dem uns die Kunsthistorikerin Ricarda Geib das Bild erklärt.

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die Malerin aus Lüdenscheid

Sie ist beinahe dreißig, als sie nach Paris geht. Allein, ohne Gouvernante. Sie will Malerin werden. Und nicht nur das, sie will als Malerin von ihrem Beruf leben. Auf allen Selbstportraits trägt sie eine Brille, die braucht sie um die Welt zu sehen. Sie könnte sich ohne Brille malen, aber die Brille gibt ihr etwas Überlegenes, Spöttisches. Das haben Männer nicht unbedingt gerne. Mäner mögern auch diese Malweiber nicht, die nach Paris gehen. Und deutsche Malerinnen haben wenig Chancen, in Paris ihre Bilder zu verkaufen. Aber Ida Gerhardi gibt nicht auf, sie bleibt in Paris. Westfalen hat eine große Frau, Annette Droste, hervorgebracht, nun will ich die zweite sein, schreibt sie 1909 an den Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus.

Diese Verbindung zu Osthaus ist für beide wichtig, er kann sie fördern und bekanntmachen, und sie macht ihn mit französischen Künstlern bekannt. Osthaus setzt auf ihre diplomatischen Fähigkeiten, dank ihrer Vermittlung lernt er 1903 Auguste Rodin kennen. Und gibt gleich mehrere Bronzen und eine Marmorstatue in Auftrag. Die Malerin (hier auf dem Selbstportrait Nummer drei) vermittelt ihm auch Kontakte zu Aristide Maillol, Matisse und Maurice Denis, sie ist, wenn man so will, seine französische Kunstagentin geworden. Und im Jahr 1903 kauft er viel, sehr viel. Hauptsächlich französische Kunst. Osthaus stellt manchmal Bilder von Gerhardi in seinem Museum Folkwang aus, eine Gerhardi Ausstellung gbt es allerdings in Hagen nicht.

1903 ist auch das Jahr, in dem sie ihn malen wird, einen dynamischern neunundzwanziger Millionär, der dabei ist, die Moderne in sein Museum in Hagen zu bringen. Das Bild von Gerhardi hängt heute immer noch im Osthaus Museum Hagen. Aus Hagen kam Ida Gerhardi auch, die Arzttochter wurde da am 2. August 1862 geboren. Nach dem frühen Tod ihres Vaters war ihre Mutter mit der Familie nach Detmold gezogen. Als die Malerin 1912 schwer krank wird, zieht sie zu ihrem Bruder, dem Dr Karl-August Gerhardi, der in Lüdenscheid Sanitätsrat ist. Nebenbei schreibt der Mediziner auch noch Gedichte und Theaterstücke. In Lüdenscheid hat es 2012 auch die Ausstellung Ida Gerhardi: Deutsche Künstlerinnen in Paris um 1900 gegeben, die danach in das Prinzenpalais Oldenburg wanderte, wo ich sie gesehen habe. Das Osthaus Museum in Hagen ist seit dem 27. Juli 2021 wieder geöffnet. Ich habe schöne Erinnerungen an Hagen, die weniger mit der Kunst als mit Bonschen zu tun haben: meine Mutter hatte nämlich eine Freundin in Hagen, die Erbin einer Bonbonfabrik war. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.

Bevor sich Ida Gerhardi in Paris an der Privatschule Académie Colarossi immatrikuliert, zieht es sie erst einmal für einige Wochen nach Concarneau in die Bretagne. Wenn die Sonne lächelt, lächelt sie bleich, u. man hat nicht das Gefühl, dass sie wirklich wärmend ins Herz dringt. […] Meer und Himmel sind nicht mehr zu unterscheiden, u. das was Farbe hat in der Natur, schimmert als unerklärlicher, fast formloser Effekt – die graue Masse unendlich anziehend machend – durch den melancholischen, sich leise bewegenden Schleier hindurch, hat sie geschrieben. Und da hat sie 1891 diesen Bauernhof gemalt. Warum will sie überhaupt noch studieren? Sie kann doch schon alles. Bevor sie nach Paris zog, hatte sie in München an der Damenakademie von Tina Blau-Lang einige Monate studiert. Was eine paysage intime ist, das wusste sie schon. Im selben Jahr malt sie eine Dame auf dem Brückenbogen vom Pont de l’Alma, was allerdings ziemlicher Kitsch ist.

Sie hätte gerne den Teutoburger Wald mit frz. Flottigkeit auf die Leinwand gezaubert, aber das Bild gibt es nicht. Was es gibt, ist diese Dorfstraße bei Soest, 1913 gemalt, als sie nach zwanzig Jahren Paris wieder in Deutschland ist. Leicht und luftig mit  frz. Flottigkeit gemalt. Sie wäre gerne Landschaftsmalerin gewesen, aber das bringt kein Geld. Nur Portraits bringen Geld. Das hatte schon Gainsborough festgestellt, als er schrieb: I’m sick of portraits, and wish very much to take my viol-da-gam and walk off to some sweet village, where I can paint landskips and enjoy the fag end of life in quietness and ease. Ida Gerhardi bezeichnet die Portraitmalerei einmal als erlaubte Prostitution.

Für dieses Portrait hat sie kein Geld genommen. Das ist der Ehemann ihrer besten Freundin Jelka Rosen, die auch aus Detmold kam. Aus einer berühmten und reichen Familie. Die Familie von Ida Gerhardi kommt auch aus einer berühmten Familie, die in Westfalen seit dem Jahre 1577 nachweisbar ist. Die sind aber nicht reich, außer der Lüdenscheider Fabrikantenlinie; die Firma Gerhardi gibt es immer noch in Lüdenscheid, die stellen den Kühlergrill für Mercedes und BMW her. Jelka Rosen ist auch Malerin, sie hat ihren Ehemann auch gemalt, aber etwas anders als hier. Der Herr auf diesem Bild ist niemand anderer als der englische Komponist Frederick Delius.

Ida Gerhardi wird in Deutschland, wo man das Werk von Delius kaum kennt, alles tun, um den Komponisten bekannt zu machen. Sie wird auch zahlreiche Musiker malen: Arthur Nikisch (1899), Ferrucio Busoni (1900 und 1902) und die Geigerin Elli Bößneck (1910), eines ihrer schönsten Bilder. Zu dem Bild habe ich hier eine Interpretation von der Kunsthistorikerin Hella Nocke-Schrepper. Auf der Seite gibt es auch einen Link zu der Dissertation von Petra Stevens-Nepilly aus dem Jahre 1983, die Verfasserin hat aus ihrem Buch für den Lüdenscheider Geschichtsverein eine lange Zusammenfassung erstellt.

Das 1894 gemalte Bild dieses Herrn gehört nicht unbedingt zu den Höhepunkten ihrer Portraitmalerei, es wirkt wie eine Karikatur. Und das ist sehr passend, nicht nur, weil preußische Offiziere in dieser Zeit wie eine Karikatur aussehen. Es ist allerdings ein Bild von großer politischer Aktualität. Dies ist der Oberstleutnant Maximilian von Schwartzkoppen, der preußische Militärattaché in Paris. Er wird noch General werden, aber seine historische Rolle ist eine ganz andere, mit ihm beginnt die Dreyfus Affäre. Jetzt ist das Bild in unserem Kopf, wir werden es nicht mehr los.

Die Violinistin Elli Bößneck hat sie 1910 in Leipzig gemalt. Um dieses Bild zu malen, reist sie noch im selben Jahr nach London. Sie hasst mittlerweise diese Reisen: Es ist furchtbar gehirnanstrengend, immer an fremden Plätzen zu malen, hat sie einmal gesagt. Aber die Reise zu der Ehefrau des englischen Kunstsammlers Frank Stoop macht sie gerne. Zu der hat sie ein besonderes Verhältnis, denn Bertha Stoop ist nicht nur ihre Mäzenin, sie ist auch eine Freundin. Als eine schwere Lungenkrankheit im Winter 1912 das Schaffen von Ida Gerhardi unterbricht, wird sie im zuerst von ihrer Schwester Lilli gepflegt werden, dann den ganzen Sommer 1913 an der italienischen Riviera verbringen und den Herbst zu einer Kur nach Wiesbaden reisen. Vielleicht wäre Davos der richtige Ort gewesen, wo die Malerin Hermine Overbeck-Rothe ihre Lungenkrankheit auszukurieren versuchte. Aber Bertha Stoop hat da eine andere Meinung, sie bricht mit der Malerin im Januar 1914 zu einer mehrmonatigen Reise nach Ägypten auf, sie hofft darauf, dass die trockene, warme Luft Lunge und Bronchien stärken könne. Idas Nichte Evelin erinnert sich 1988: Unfortunately it did her more harm than good when they were caught in a sandstorm. 

Neben Paris war Lüdenscheid ihr zweites Zuhause geworden, wohin ihre gemütskranke Mutter am Ende des 19. Jahrhunderts gezogen war. Sie liebt ihr Paris: Ich bereue keinen Tag, nach hier (…) gegangen zu sein, alles ist mit einer Bequemlichkeit eingerichtet, wie das in Deutschland in keiner Stadt für Damen zu finden ist. Sie kümmert sich auch um deutsche Kollegen, die neu in der Stadt sind. So schreibtFriedrich Ahlers-Hestermann, der mit Franz Nölken in die französische Metropole kommt, in seiner Autobiographie: Es blieb noch die schwache Hoffnung auf eine nicht mehr ganz junge Malerin, die aus der Heimatstadt von Nölkens Mutter – Lüdenscheid i. W. – stammte. An einem trüben Sonntagnachmittag gingen wir, ohne viel zu erwarten, zu ihr. – Mit ihren zierlichen Händen führte sie kleine wiederkehrende Gebärden aus, während sie sprach und uns aus dunklen Augen durch den Zwicker prüfend anschaute. – Sie kannte das Viertel Montparnasse seit 15 Jahren, und in hurtigen Sätzen erzählte sie uns von Malern, Modellen, Cafés und Sammlungen, nahm auch mit einem mütterlichen Einschlag teil an unseren Wünschen und Absichten. 

Ida Gerhardi zeigt den beiden Hamburgern nicht die Welt der Bohème und der Apachenkneipen (die sie hier gemalt hat), sie nimmt sie mit zu den Domiers, wo auch Albert Weisgerber ein ständiger Gast ist. Der Maler Hans Purrmann beschrieb die Ankunft der Hamburger mit den Worten: Eine Gruppe von Hamburger Malern kam: Nölken, Rosam und Ahlers – Hestermann. Kunstbeflissen, fast zu seriös, aufnahmedurstig für diesen alles niederdrückenden Geist , der sich gewöhnlich breitmachte. Paris trug die Menschen meist in eine Höhe, die man ihnen nicht zugetraut hatte, weil sie vom Leben nicht abgestumpft, sondern zugespitzt wurden, weil fruchtbare Künstlerdiskussionen auszunutzen waren, die zukünftige, hohe Bewertungen voraussehen ließen.

Dies ist das letzte Selbstportrait von Ida Gerhardi, zwei Jahre vor ihrem Tod im Jahre 1927 gemalt. Da ging sie schon kaum noch aus dem Haus. Käthe Kollwitz schrieb ihrer Schwester Lilli nach dem Tod: Wir waren sehr gute Nachbarn, es ist wohl nicht zu viel gesagt, daß wir uns lieb hatten. Nun ist nur dies Bild von ihr geblieben, dies frohe kluge feine Bild. In ihrem kleinen Stübchen, das zugleich ihr Atelier war, war sie rings umgeben von ihren Studien und Skizzen, diesen bewegten, farbigen, hoch begabten Skizzen. Oft habe ich sie nach Bal Bullier begleitet, wo sie malte. Sie war ja in Paris so zuhause, dass ihr nichts verschlossen war, überall stand sie gut mit den Menschen und fand sie Eingang. Für mich war es ein großes Glück, Paris an ihrer Seite kennen zu lernen.

Dieser 1908 gemalte Siamesische Prinz, der wahrscheinlich ein Gesandter aus Thailand war, erregte großes Aufsehen. Im Jahre 1909 schreibt die BerlinerNational-Zeitung: Als Gast der Vereinigung erscheint die ausgezeichnete Ida Gerhardi, die sich bei ihren jüngsten Pariser Studien wieder um ein respektables Stück vorwärts gebracht hat. Die meisten dieser Künstlerinnen haben Talent, Fräulein Gerhardi hat Genie. Ihre Porträts sind jetzt von einer Kühnheit der Malerei und Treffsicherheit im Erfassen der Persönlichkeit, daß sie in die allererste Reihe der Bildnisse rücken, die wir seit Jahr und Tag hier gesehen haben. Das bedeutet schon etwas. 1913 erhält sie für dieses Bild den nach dem Großherzog von Hessen-Darmstadt benannten Ernst Ludwig Preis

Auch, wenn sie immer wieder für einen Augenblick berühmt wird, auch wenn die westfälischen Unternehmer sich von ihr malen lassen, nach ihrem Tod ist sie schnell vergessen. Aber nicht in Lüdenscheid, dem Ort, den sie in ihren letzten Lebensjahren immer wieder aus dem Fenster heraus malt. 1962 gibt es die von Dr Carl Bänfer initiierte Ausstellung Ida Gerhardi 1862/1962. Und dann wird es immer wieder Ausstellungen, Kataloge und Bücher geben. Heute gibt es einen Ida Gerhardi Förderpreis für junge Künstler, den die Sparkasse Lüdenscheid seit 1989 alle zwei Jahre stiftet. Und ein Musical mit dem Titel Ida hat es vor Jahren auch schon gegeben. Wenn sie auch nicht so berühmt geworden ist wie die Droste, in Lüdenscheid ist sie jetzt berühmt.

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Kreuzberg


Kreuzberg kenne ich, war ich mal eine Woche. Sozialarbeit, Streetworker, Essensmarken für die Kantine der Verwaltung im obersten Stockwerk eines Hochhauses. Wunderbarer Blick über den Stadtteil. Nicht ganz so wie auf diesem Bild von Otto PiltzBlick vom Kreuzberg auf Berlin Mitte aus den 1880er Jahren, aber ein klein bisschen ähnlich. Meine Woche in Kreuzberg war noch in der Zeit von Texas Willy, den kennt heute kaum noch jemand. An seine Frau erinnert man sich bestimmt noch, die hat ihre Spuren in der Stadt hinterlassen. Ich sage nur Steglitzer Kreisel.

Der Maler Otto Piltz, der heute vor 175 Jahren geboren wurde, interessiert mich nicht so sehr. Er war als Genremaler berühmt, und die Genremalerei ist meine Sache nicht. Aber dieses Bild Volkstreiben auf dem Kreuzberg aus dem Jahr 1886, das finde ich ganz wunderbar. Es sieht sehr spontan gemalt aus, aber man weiß, dass Piltz für Vorstudien auch den Photoapparat benutzt hat. Tut aber dem Bild keinen Abbruch, ein eingefrorener Moment kleinbürgerlicher Fröhlichkeit im Sommer. Bald wird das hier ganz anders aussehen, dann wird Berlin die Stadt, die Werner Hegemann in Das steinerne Berlin: Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt beschrieben hat.

In den drei Jahren, in denen Otto Piltz in Berlin wohnte, hatte er in der Hagelberger Straße nahe dem Kreuzberg gewohnt, der erst seit 1821 Kreuzberg heißt. Weil es dann ein Kreuz auf dem Hügel gibt, ganz oben auf Schinkels Nationaldenkmal für die Befreiungskriege. Das ist übrigens auf dem Bild Volkstreiben auf dem Kreuzberg auch drauf, aber ganz klein oben rechts. Das nationale Denkmal interessiert den Maler nicht so sehr, ihn interessiert eher das Licht. Kunsthistoriker erkennen in manchen Bildern von Piltz die Malweise von Max Liebermann, das könnte man für das Bild Volkstreiben auf dem Kreuzberg auch sagen. Und es ist nicht zu weit hergeholt, die beiden haben zusammen in Weimar studiert und waren miteinander befreundet.

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Wanderer im Sturm


Der Maler Carl Julius von Leypold, der heute vor 215 Jahren geboren wurde, ist einer der letzen Vertreter der deutschen Romantik gewesen. Er war  in Dresden (wie der Norweger Knut Baade) ein Schüler von Christian Clausen Dahl, der hier schon einen ausführlichen Post hat. Und er hat in seinen Bildern viel von der Motivwelt Caspar David Friedrichs übernommen. Ein kleines Bild von ihm habe ich schon einmal gesehen, weil die Kunsthalle in Kiel es besitzt. Ich finde diesen Bildstock in winterlicher Flußlandschaftallerdings ziemlich scheußlich

Ein Bildstock ist auch auf diesem Bild, diese religiöse Zugabe findet sich sehr häufig in der romantischen Malerei. Dieses Bild aus dem Jahre 1835, das Wanderer im Sturm heißt, habe ich jedoch noch nie gesehen, es ist ein sehr schönes Bild; im Metropolitan Museum wusste man schon, was man tat, als man es 2007 von der Hamburger Kunsthandlung Thomas Le Claire  kaufte. In dem Katalog der Neuerwerbungen des Museums wird auf Schuberts Winterreisehingewiesen: The figure of a wanderer in an untamed natural setting personified restless yearning for the German Romantics. Man’s loneliness and nature’s transience, themes clearly stated in this picture, find direct parallels in the works of the painter Caspar David Friedrich and the composer Franz Schubert, notably his song cycle Die Winterreise, or Winter Journey (1827).

Es wird viel gewandert in der Romantik. Wir haben Romane wie Franz Sternbalds Wanderungen und Johann Gottfried Seume wandert bis Syrakus. Unserer Wanderer hier hat nichts von den symbolischen Überhöhung von Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer oder den Wanderern im Mondlicht. Es ist ein beinahe symbolfreier Wanderer, der eine Hand im Mantel vergraben hat, die andere hält den Wanderstab. Vielleicht ist er auf dem Bild sogar nur eine Nebensache, dies ist eine Studie von Licht und Schatten. Und dem Himmel, der zu Schuberts Stürmischer Morgen passt:
Wie hat der Sturm zerrissen Des Himmels graues Kleid! Die Wolkenfetzen flattern Umher im matten Streit. Und rote Feuerflammen Zieh’n zwischen ihnen hin; Das nenn‘ ich einen Morgen So recht nach meinem Sinn! Mein Herz sieht an dem Himmel Gemalt sein eig’nes Bild – Es ist nichts als der Winter, Der Winter kalt und wild!

Der Dresdner Kustos der Gemäldesammlung des 19. Jahrhunderts Hans Joachim Neidhardt hat in seinem Buch Die Malerei der Romantik in Dresden Leypolds Malerei als spitzpinselig bezeichnet: Dabei knüpfte er an seinen Lehrer Dahl an und bildete einen malerischen, aber zugleich spitzpinselig durchgestalteten Stil aus, in dem sich hohe Malkultur mit biedermeierlicher Sachlichkeit verbinden. Die Vorliebe für alte Burgen, Stadttore und Ruinen sowie einen eigenartigen Sinn für die Poesie des Winters hat er sich als einen Nachklang romantischen Empfindens bis zuletzt bewahrt. Für dieses Bild lassen wir das spitzpinselig mal eben stehen, und die Vorliebe für Burgen lassen wir einmal aus.

Neidhardt hat viel für die Erforschung der Dresdner Romantik getan. 1974 lockte die Ausstellung Caspar David Friedrich und sein Kreis 260.000 Besucher an, 1978 wanderte die Austellung Kunst der Dresdner Romantik sogar nach Tokyo und Kyoto. Die Ausstellung Ludwig Richter und sein Kreis hatte sogar mehr Besucher als die Caspar David Friedrich Ausstellung, dazu sag‘ ich jetzt mal lieber nichts. Neidhardt hat zwei Ausstellungen zu Carl Gustav Carus organisiert (1969 und 1989) und als letztes eine Ferdinand von Rayski. Das hat mir besonders gefallen, da ich diesen Maler sehr schätze, er hat hier natürlich auch schon einen Post. Neidhart ist für sein Wirken geehrt und ausgezeichnet worden, das ist sehr schön, im letzten Jahr hat er seine Autobiographie Über dem Nebelmeer (hier eine Leseprobe) veröffentlicht.

Bis 1971 waren diese Bäume im Mondschein ein Caspar David Friedrich, dann war das Bild ein Werk von Carl Julius von Leypold. Das hat Werner Sumowski, international renommierter Rembrandt Experte, herausgefunden. Caspar David Friedrich lag dem Rembrandtforscher auch ein wenig am Herzen, da er sich über diesen Maler habilitiert hatte. Mit seinem Aufsatz im Pantheon (1971) wurden über Nacht drei Bilder von C.D. Friedrich zu Bildern von  Carl Julius von Leypold. Den Museen, die diese Bilder besaßen, hat das sehr wehgetan.

Über Leypolds Wanderer erfahren wir im Internet wenig. Wir wissen nicht, wer er ist. Er ist kein Landstreicher, er trägt einen ziemlich luxuriösen Mantel mit einem Cape, das die Schultern schützen soll. Auch das Metropolitan Museum weiß in seinem Katalog kaum etwas zu dem Bild zu sagen: This painting was painted by a German painter named Carl Julius von Leypold in 1835. This painting shows a man walking in a very windy weather. The season in the painting seems to be autumn as there are very little leaves left on the trees and the man is wearing clothes that one would wear during autumn. This painting reflects the theme of Romanticism as it portrays a feeling of loneliness and individualism as the man walks a on a lonely path in windy weather all by himself. The weather also portrays loneliness as the trees have lost most of their leaves and the sky is dark like a storm is occurring. Additionally, the stone wall that is falling apart in the background contributes to the portrayal of such deep and intense feeling. Overall Leypold’s painting reflects the ideas that were developed during the Romantic period.

Das Metropolitan Museum weiß allerdings, woher sie das Bild haben, auch wenn sie den Namen des ehemaligen Besitzers Dr Franz Ulrich Apelt nicht richtig schreiben können. Der Jurist, der auch Schriftsteller war, besaß wahrscheinlich die bedeutendste private Sammlung von Bildern der deutschen Romantik weltweit. In den zwanziger Jahren hat er auch über 1.000 Briefe von Jean Paul gekauft, um sie vor der Zerstreuung zu retten. Viele Werke, vor allem die von Karl Gustav Adolf Thomas, hat er seiner Heimatstadt Zittau gestiftet. Franz Ulrich Apelt starb 1944, seine Autobiographie hat er nicht vollenden können, aber das posthum erschienene Buch Aus meiner Zeit: Lebenserinnerungen ist heute noch lieferbar. Es ist eine hochinteressante Lektüre. Die Sammlung Apelts blieb für die nächsten sechzig Jahre im Familienbesitz, dann gab die Familie sie der Hamburger Kunsthandlung Thomas Le Claire zum Verkauf. Das Metropolitan Museum (das bei dem Deal auch noch einen Carus erwarb), das British Museum und das Harvard Art Museum bedienten sich. Wäre das nicht etwas für den Freistaat Sachsen gewesen? Oder für den Kulturstaatsminister? Da muss ich meinen Mitschüler mal fragen: wo warst Du Bernd Neumann?

Diese wunderbare kleine Zeichnung von Christoph Nathe aus dem Jahre 1790 hat auch einmal dem Sammler und Mäzen Franz Ulrich Apelt gehört, heute gehört sie zusammen mit einem ganzen Satz von Radierungen der National Gallery in Washington. Die haben es allerdings nicht von der Hamburger Kunsthandlung Le Claire, sondern von der New Yorker Dependance von C.G. Boerner, die mal zur Zeit der Romantik in Leipzig begonnen hatten. Auf dieses kleine Bild bin ich neidisch, den Wanderer (man bekommt ihn als Kunstdruck zu Preisen ab 35€) würde ich mir nicht ins Wohnzimmer hängen, dies hier schon.

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Landscape is my mistress

Der Besitzer von Malvern Hall, der Großgrundbesitzer Henry Greswolde Lewis, beklagt sich 1819 in einem Brief gegenüber John Constable über den Architekten Sir John Soane, der ihm sein Haus umgebaut hatte: I have brought the house to nearly what it was 60 years ago – before that Modern Goth, Mr Soane, spoilt a handsome house by shaving clean every ornament, architraves, coins, keystones, string courses, & ballustrade, the latter I could not replace, all the rest I have accomplished. Er hatte John Soane (der hier schon einen ⇾Posthat) bei seiner ⇾Grand Tour in Italien kennengelernt, damals war Soane noch nicht berühmt, eine Gesellschaft von englischen Landadligen hatte ihn nach Sizilien und Neapel mitgenommen, damit er für sie Zeichnungen anfertigte. Als sie alle wieder in England sind, gibt es für den jungen Architekten natürlich zahlreiche Aufträge.

Henry Greswolde Lewis hatte John Constable 1809 auf seinen Landsitz eingeladen, er sollte für ihn Haus und Park malen. Und ein Portrait des Hausherrn sollte es auch sein. Den Kontakt mit Lewis hatte dem Maler Lewis‘ Schwester Louisa vermittelt, die die Countess of Dysart war. Henry Greswolde Lewis und die Countess Louisa werden zu den Mäzenen des jungen Constable gehören. Dieses Bild von Malvern Hall malt er 1809, das Bild im ersten Absatz ist aus dem Jahr 1820 oder 1821. Da hatte sich die Countess of Dysart noch ein Bild des Hauses gewünscht, in dem sie ihre Jugend verbracht hatte. Constable wird von Lewis und seiner Schwester noch zahlreiche Aufträge bekommen, und er wird im Sommer 1820 wieder in Malvern Hall sein. Henry Greswolde Lewis ist stolz darauf, dass er die Änderungen von Soane wieder rückgängig gemacht hat: Malverne is going on, & is much improved inside & out. & would make a much better figure in Landscape than when you painted it last.

Henry Greswolde Lewis ist ein exzentrischer Auftraggeber, das kann man am Torhaus von Malvern Hall sehen, das der Architekt John Soane 1798 baute und als Barn à la Paestum bezeichnete: it was for Lewis in 1798 that Soane designed this unlikely structure as a kind of homage to the ruins he had seen at Paestum. The building is severe, and rather shocking. It’s not exactly like a Greek temple, which would have evenly spaced columns, a deeper entablature above the columns, and no round arch in the centre. But its carefully laid soft red bricks and imperfect white entablature do the job of suggesting ancient Greece and translating some of its architectural hallmarks into the very English medium of brick. For all its severity, it must have made Lewis think of his youthful travels, and smile, hat der Architekturhistoriker John Wilkinson in seinem Blog geschrieben.

Constable malt und zeichnet Malvern Hall und die Landschaft ringsherum. Und natürlich den Hausherrn, dessen Portrait kopiert er noch einige Male, damit Lewis es an die Verwandten verschenken kann; aber der eigentliche Grund, weshalb er für einen Monat nach Solihull eingeladen wurde, ist ein ganz anderer. Der Gutsherr hat ein dreizehnjähriges Mündel namens Mary Freer, das soll Copley für ihn malen. Unter den Nachbarn hält sich das Gerücht, dass die kleine Mary gar nicht sein Mündel, sondern in Wirklichkeit seine Tochter sei. Das kann gut sein. Er wird sein Leben lang für sie sorgen und ihr im Testament viel Geld hinterlassen. Lewis hatte die Tochter eines Earls geheiratet, aber die Ehe war nach einem Jahr zuende. Seine Frau ernährte sich von Opium (in der Form von Laudanum) und Alkohol. Lewis hatte aus der Ehe keine Kinder, jetzt lebt er für die kleine Mary, die auf diesem frisch gemalten Bild schon ein wenig erwachsen aussieht. Das mit Miss Mary Freer signierte Bild gehört heute dem Yale Center for British Art von ⇾Paul Mellon.


Die Schwester von Lewis hat an dem Bild etwas herumzumäkeln, aber Lewis sagt, das Bild bleibt, wie es ist. Er hat dann aber doch noch einen etwas exzentrischen Wunsch, den er an Constable heranträgt. Er habe in einer Kunsthandlung in London eine Elfenbeinminiatur gesehen, die the human eye & enough of the forehead to know the likeness zeigte. Könnte ihm Constable das Auge von Mary auf einen kleinen Elfenbeinknopf malen, den er am Hemd tragen könnte? Wir wissen nicht, was aus der Sache geworden ist.

Landscape is my mistress– ‚tis to her I look for fame, and all that the warmth of imagination renders dear to man, hat Constable gesagt. Wir kennen ihn als Landschaftsmaler, aber er hätte ebensogut Portraitmaler werden können. Für seinen Mäzen ⇾Sir George Beaumont hatte er ⇾Claude Lorrain kopiert, für die Countess of Dysart  kopiert er ein Portrait von Reynolds, er hat viel dabei gelernt. 

Wir können das an dieser Kopie des Portraits sehen, das Reynolds von der Schwester der Countess gemalt hatte. Constables Biograph Charles Robert Leslie hat geschrieben: The Earl of Dysart wishing to have some family pictures copied, Constable was introduced to his lordship and the Countess as a young artist who would be glad to undertake them. The consequence was, his being employed in making a number of copies, chiefly from Sir Joshua Reynolds; and although it is to be regretted that much of his time would have been spent on any but original works, yet he no doubt derived improvement in his taste for colour and chiaroscuro by this intimate communion with so great a master of both. 

Constable kann Frauen malen, hier hat er seine sechzehnjähtige Cousine Jane Anne Mason gemalt, nicht so frisch und lebendig wie Mary Freer, eher im Stil des 18. Jahrhunderts. Das Bild ist im Besitz der englischen Regierung und hängt in der ⇾Downing Street No 10. Jeremy Corbyn hat vor vier Jahren gesagt, wenn er Premierminister würde, flöge der Constable raus und würde durch ein Bild von Roy Appleton, den man auch als Bosh the slosher kennt, ersetzt. Von dem hatte er mal ein Bild auf dem Flohmarkt gekauft. Wie wir alle wissen, ist Jeremy Corbyn nicht Premierminister geworden, sodass wir uns um den Constable keine Sorgen zu machen brauchen.

Constable hat seine Frau Maria gemalt (dies ist nur ein Ausschnitt aus dem Portrait), er hat seine Schwestern gemalt, aber wenn er 1829 als Vollmitglied in die Royal Academy aufgenommen wird, wird ihm der Präsident ⇾Sir Thomas Lawrence sagen, dass er von Glück sagen könne, dass er überhaupt aufgenommen worden sei. Schließlich sei er ja nur ein Landschaftsmaler. Dass Constable auch andere Dinge gemalt hat, interessiert Lawrence nicht. Landschaftsmalerei ist für Lawrence die niedrigste Form der Malerei. Sein Kollege Delacroix, der Constable bewunderte, war da ganz anderer Meinung.

Wie hätte dieses Bild ausgesehen, wenn Constable diese Skizze aus dem Jahre 1822 zuende gemalt hätte? Wollen wir das wirklich wissen? Das Bild ist ja so schon eine kleine malerische Revolution, ein Impressionismus avanti lettera. Wir können es in keinem Museum bewundern, niemand weiß, wo dieses Bild ist. Ich hätte gerne zum Schluss dieses Geburtstagspost (Constable wurde heute vor 245 Jahren geboren) noch ein Bild einer anderen Frau gebracht, aber das findet sich nicht im Internet. Es ist das Bild einer Meerjungfrau. 

Zwanzig Jahre nach dem Sommer in Malvern Hall bekommt Constable wieder einen Auftrag für ein Bild aus Malvern Hall. Constable ist auf einem Tiefpunkt seines Lebens: seine Frau Maria ist im Vorjahr an der Schwindsucht gestorben. Phasen von Depressionen hatte er immer wieder gehabt, jetzt hat er jeden Lebensmut verloren. Henry Greswolde Lewis weiß das, und er denkt sich, dass sein kleiner Auftrag den Maler ein wenig tröstet, Constable soll ein Wirtshausschild für die Old Mermaid & Greswolde Arms entwerfen: I have received a commission to paint a Mermaid for a sign for an Inn in Warwickshire. This is encouraging – and affords no small solace to my previous labours at landscape for the last twenty years – however I shall not quarrel with the lady – now – she may help to educate my children. Er fügt dem Satz in seinem Brief an seinen Freund Leslie noch hinzu: I would not write this nonsense at all, were it not to prove to you, my dear Leslie, that I am in some degree, at least, myself again. Die Zeichnung der Nixe gibt es, man kann sie zum Beispiel in dem schönen Buch John Constable: A Kingdom of His Own von Anthony Bailey sehen, aber das Wirtshausschild wurde nie ausgeführt.


Noch mehr Constable in diesem Blog: John Constables Wolkenlonely as a cloudlimited and abstract artReynolds

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die schöne Frau Lore Ley

Ein Blick auf das Gemälde von Carl Joseph Begas sagt uns alles. Eine schöne Frau, die ihren Gesang mit ihrer Gitarre begleitet. Ein Spiegel liegt auf dem Boden, offenbar ist sie eitel. Und daneben ein goldener Kamm. Und eine Perlenkette, wahrscheinlich sind es Flussperlen. Der goldene Kamm, das kostbare Salbgefäß aus gefasstem Bernstein, der Handspiegel und die Perlenkette lassen sowohl Verbindungen zur ‚Luxuria‘, der Allegorie der Unkeuschheit und Wollust, als auch zuur biblischen Symbolgestalt der Maria Magdalena erkennen. Sagt Rita Müllejans-Dickmann, sie muss es wissen, sie leitet das Museum, in dem das Bild hängt.

Für Franz Kugler war es ein großartiges Bild: Begas hat die Loreley gemalt, fast ebenso, wie sie das Lied schildert. Das blonde Haar wallt frei über den Rücken hinab und wird leicht vom Winde gehoben. Sie hat eben ihren Putz beendet, der goldene Kamm und Spiegel liegen zu ihren Füßen. Da kam den Rhein hinab ein Nachen mit zweien Männern gefahren. Eilig ergriff sie die Laute und sang dazu ihr verderbliches Lied, welches den Nachen in den Strudel herlockt, der ihn hastig verschlingen will. Sie neigt ihr Haupt über den Abhang, und blickt auf ihre Beute hinab, indem sie nur noch leise den Accord ihrer Laute nachklingen lässt.

Wir kennen die Blondine mit dem goldenen Kamm aus Heinrich Heines Lied, und diese Lorelay oder Loreley hatte hier auch schon den ein oder anderen Post. Aber wo kommt sie eigentlich her? Zum erstenmal taucht die betörende Schönheit in einem Roman mit dem Titel Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter von Clemens Brentano auf. Der Roman ist in den Jahren 1801 und 1802 in zwei Teilen bei Friedrich Wilmans in Bremen erschienen. Es war ein kleiner aufstrebender Verlag, den der Sohn des Bremer Stadtkommandanten Melchior Wilmans später nach Frankfurt verlegte. Goethe hat über den Verleger gesagt: Herr Wilmans, gleichfalls Kunstliebhaber, besitzt schätzenswerte Gemälde; seine Bemühungen um Literatur und Kunst sind allgemein bekannt

Wir müssen in dem Roman von Bretano, der seinen Untertitel Ein verwilderter Roman völlig zu Recht hat, lange lesen, nämlich bis zum 36. Kapitel des zweiten Buches, bis ein junges Mädchen bei einer Kahnfahrt auf einem Teich ein Lied singt:

Zu Bacharach am Rheine
Wohnt eine Zauberin,
Sie war so schön und feine
Und riß viel Herzen hin.

Es ist bei Brentano eine lange Geschichte mit der schönen unheilbringenden Zauberin, die wenig, sehr wenig, mit Heines Gedicht zu tun hat. Goldene Kämme und blondes Haar kommen auch nicht darin vor. Dass Frauen mit ihrem Gesang Männer verführen, ist eine Sache, dass sie für die Seefahrt eine Gefahr sind, ist eine andere. Normalerweise sind dafür sie Sirenen zuständig, wie hier auf dem Bild von Alexander Bruckmann Odysseus und die Sirenen aus dem Jahre 1829. Eine der Sirenen heißt Ligeia oder Ligea (die Helltönende), und die finden wir schon bei Milton in einer Stellung, die doch sehr an Heine erinnert:


And fair Ligea’s golden comb, 
Wherewith she sits on diamond rocks,
Sleeking her soft alluring locks,
By all the nymphs that nightly dance 
Upon thy streams with wily glance

Aloys Wilhelm Schreiber hat 1818 in seinem Handbuch für Reisende am Rhein ein ganzes Kapitel für die Loreley: In alten Zeiten lies sich manchmal auf dem Lurley um die Abenddämmerung und beym Mondschein eine Jungfrau sehen, die mit so anmuthiger Stimme sang, dass alle, die es hörten, davon bezaubert wurden. Viele, die vorüberschifften, gingen am Felsenriff oder im Strudel zu Grunde, weil sie nicht mehr auf den Lauf des Fahrzeugs achteten, sondern von den himmlischen Tönen der wunderbaren himmlischen Jungfrau gleichsam vom Leben abgelöst wurden, wie das zarte Leben der Blume sich in süßen Duft verhaucht. Am Ende des Kapitels erfahren wir, dass die Loreley den Rittern, die sie fangen sollen, davonschwimmt: 


Die Jungfrau sass oben auf der Spitze, und hielt eine Schnur von Bernstein in der Hand. Sie sah die Männer von fern kommen, und rief ihnen zu, was sie hier suchten? Dich Zauberin antwortete der Hauptmann. Du sollst einen Sprung in den Rhein dahinunter machen. Ey, sagte die Jungfrau lachend, der Rhein mag mich holen. Bey diesen Worten warf sie die Bernsteinschnur in den Strom hinab und sang mit schauerlichem Ton: ‚Vater, geschwind, geschwind, Die weissen Rosse schick’ deinem Kind, Es will reiten mit Wogen und Wind!‘ Urplötzlich rauschte ein Sturm daher, der Rhein erbrauste, dass weitum Ufer und Höhen vom weissen Gischt bedeckt wurden, zwey Wellen, welche fast die Gestalt von zwey weissen Rossen hatten, flogen mit Blitzeschnelle, aus der Tiefe auf die Kuppe des Felsens, und trugen die Jungfrau hinab in den Strom, wo sie verschwand. Jetzt erst erkannten der Hauptmann und seine Knechte , dass die Jungfrau eine Undine sey, und menschliche Gewalt ihr nichts anhaben koenne. Sie kehrten mit der Nachricht zu dem Pfalzgrafen zurück, und fanden dort, mit Erstaunen, den todtgeglaubten Sohn, den eine Welle ans Ufer getragen hatte. Die Lurleyjungfrau lies sich von der Zeit an nicht wieder hoeren, ob sie gleich noch ferner den Berg bewohnte, und die Vorüberschiffenden durch das laute Nachäffen ihren Reden neckte

Das einzige, das an dem Ganzen stimmt, ist die Sache mit dem Nachäffen, der Lurleyfels wirft nämlich ein Echo. Das schon beschrieben wurde, bevor man die Loreley erfand. Die Romantik präsentiert uns einen wirren Kuddelmuddel um die blonde Felsenbewohnerin. Bei Aloys Schreiber ist sie gerade eine Wassernixe geworden, bei Eichendorff ist sie eine Hexe, der ein Ritter im Wald begegnet. Und bei Clemens Brentano ist sie eine Zauberin. Er lässt sie noch ein zweites Mal auftauchen, nämlich in seinem Rheinmärchen, da werden auch blonde Haare gekämmt: Nachdem Murmelthier herzlich für diese Geschenke gedankt hatte, sagte Frau Else: ‚Nun, mein Kind, kämme mir und Frau Lurley die Haare, wir wollen die deinigen dann auch kämmen‘- dann gab sie ihr einen goldnen Kamm, und Murmelthier kämmte Beiden die Haare und flocht sie so schön, dass die Wasserfrauen sehr zufrieden mit ihr waren. 

Es gibt keine Frau, von der die Deutschen mehr hingerissen als von der Loreley. Es gibt aber auch kein Motiv, das mehr zum Klischee verkommen ist als eben diese Loreley. Sie war einmal Galionsfigur der deutschen Romantik. Sie wurde zum Erotikon deutscher Philister. Sie war die Verkörperung libidinöser Zwangs-, Traum- und Wahnvorstellungen, schreibt Wolfgang Minaty im Vorwort zu dem Lesebuch Die Loreley des Insel Verlages, in dem Gedichte, Prosatexte, Opern und Bilder zum Thema der Sängerin auf dem Felsen versammelt sind. Diese wunderbare Karikatur von Manfred Schmidt aus dem Jahre 1962 findet sich auch in dem Band. Mein eigenes touristisches Loreley Erlebnis habe ich schon in den Post Drachenfels hineingeschrieben.


Bevor Heinrich Heine sein berühmt gewordenes Gedicht schreibt, ist ein anderes Loreley Gedicht erschienen. Es stammt von dem Grafen Otto Heinrich von Loeben. Den kennen Sie schon, weil er hier im Poetry Month April einen Post hatte. Viele Literaturwissenschaftlernehmen an, dass es Loebens Gedicht Der Lureleyfels aus dem Jahre 1821 war, das Heine zu seinem Gedicht angeregt hat:


Da wo der Mondschein blitzet
Um’s höchste Felsgestein,
Das Zauberfräulein sitzet,
Und schauet auf den Rhein.

Es schauet herüber, hinüber,
Es schauet hinab, hinauf,
Die Schifflein ziehn vorüber,
Lieb‘ Knabe, sieh nicht auf!

Sie singt dir hold zum Ohre,
Sie blickt dich thöricht an,
Sie ist die schöne Lore,
Sie hat dir’s angethan.

Sie schaut wohl nach dem Rheine,
Als schaute sie nach dir,
Glaub´s nicht, daß sie dich meine,
Sieh nicht, horch nicht nach ihr!

So blickt sie wohl nach allen
Mit ihrer Äuglein Glanz,
Läßt her die Locken wallen
Unter dem Perlenkranz.

Doch wogt in ihrem Blicke
Nur blauer Wellen Spiel,
Drum scheu die Wasserthücke,
Denn Flut bleibt falsch und kühl.

Die beiden letzten Zeilen haben für den Grafen eine besondere Bedeutung. Denn der Sekondeleutnant von Loeben musste am 12. April 1814 auf dem Weg nach Paris mitansehen, wie die Hälfte seiner Kompanie bei Miltenberg im Main versank. Das erste große deutsche Fährunglück des 19. Jahrhunderts, da bekommen die Verse Drum scheu die Wasserthücke, Denn Flut bleibt falsch und kühl eine ganz andere Dimension.

Ich habe eine interessante Seite von Frau Dr Dagmar Aversano-Schreiber, der Vorsitzenden des Geschichtsvereins Bacharach, über die Rheinromantik anzubieten, und die Seite für Tolkien Fans ist zu dem Thema Loreleys, Nixen und Undinen auch nicht zu verachten. Ich habe da erfahren, dass der Mummelsee im Schwarzwald voller nackter Nymphen ist, in die man sich nicht verlieben soll. Das Goethezeitportal ist natürlich immer zu empfehlen. Ich habe auch noch Juliette Gréco in dem Film ✺Die schwarze Lorelei hier im Programm und als Sänger des Liedes in der Version von Friedrich Silcher: ✺Heinrich Schlusnus, ✺Mireille Matthieu und ✺Karaokefrau. Und ich höre jetzt mal mit einem Vierzeiler von Peter Rühmkorf auf:


Ich reise mit Gedichten umher, paarmal rundumerneuertseit AchtzehnhundertichweißnichtmehrHeinrich Heine die Lore beleiert.

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hot potatoes

Wo guckt er hin? Auf den ersten Blick scheint er etwas geistesabwesend zu sein. Wir müssen genauer hingucken. Es ist ein etwas seltsames Portrait. Wer würde sich so malen lassen? Wir kennen seinen Namen, es ist der Colonel George Lewis, er kommandierte die Royal Artillery bei der Belagerung von Gibraltar (damals war er noch Major). Und dieser Blick, den er auf das Meer wirft, ist der Blick eines Mannes, der gerade die Schlacht gewonnen hat, der mit seiner Artillerie die gefürchteten floating batteries der Spanier und Franzosen versenkt hat. Das Bild hat John Singleton Copley gemalt, den kennen Sie, weil Sie den Post But we will paint for money! gerade gelesen haben. Ich war zwei Monate in der Blogosphäre, da schrieb ich meinen ersten Post über Copley, viele sollten folgen. Ich mag ihn einfach. Als ich die Bücher wegpackte, die ich für But we will paint for money! benutzt hatte, sah ich zufällig dieses Bild; ich dachte, ich könnte mal darüber schreiben. Vor allem, weil das Museum, das das Bild heute besitzt, erstaunlicherweise überhaupt nichts über das Bild zu sagen weiß.

Das, worauf unser Artillerioffizier einen Blick wirft, was da unten links im Bild klein zu sehen ist, können wir auf diesem Bild des Marinemalers Thomas Whitcombe sehen: die Vernichtung der schwimmenden Artillerie Flöße, die sich der französische General Jean Claude Eléonore Le Michaud d’Arçon ausgedacht hatte. Die Verdienste von Major George Lewis werden vom König gewürdigt, er erhält einen auf den 13. Februar 1783 datierten Brief, in dem steht: His Majesty has seen with great satisfaction such effectual proofs of the bravery, zeal, and skill by which you and the Royal Regiment of Artillery under your command at Gibraltar have so eminently distinguished yourselves during the siege; and particularly in setting fire to, and destroying all the floating batteries of the combined forces of France and Spain on the 13th September last.

Das Bild von unserem Artillerieoffizier in der schwarzen Uniform mit den roten Aufschlägen, der für sein Land in Louisburgh, Quebec, Martinique und Havanna gekämpft hat, hat eine seltsame Geschichte. Es war bis 1969 im Besitz der Familie, dann wurde es bei Sotheby’s versteigert, es hängt heute im Detroit Institute of Arts. Als Copley das Bild 1794 malt, ist der Colonel Lewis allerdings schon drei Jahre tot, die Familie wünschte sich offenbar ein Bild des verstorbenen Helden. Copley hatte ihn acht Jahre zuvor gezeichnet und ihn in ein ganz anderes Bild hinein gemalt, darauf kann er jetzt zurückgreifen. Auf dieser Zeichnung, die das Metropolitan Museum besitzt, können wir George Lewis als zweiten von rechts ganz klar erkennen. Copley hat ihn sitzend gezeichnet, und das hat seinen Grund.

Unser Artillerieoffizier sitzt auch hier auf diesem Gemälde, wir können ihn ganz rechts sehen. Er kann in dem Augenblick, als die Schlacht zuende geht, nicht mehr stehen, er ist am 10. September 1782 am Bein verwundet worden. In dem Brief aus Whitehall vom 13. Februar 1783 können wir auch noch lesen: as a reward for this service and the very dangerous wound which you received on that occasion, his majesty has been graciously pleased to grant you an allowance of 20 s. per day. I most sincerely hope for your speedy recovery, and have the honour to be, with the highest esteem and regard, your most obedient humble servant Richmond Master-General of the Ordinance. Der hier mit Richond unterzeichnete und George Lewis eine lebenslange Pension von zwanzig Shilling gewährende Brief ist von niemand Geringerem als dem Duke of Richmond.

Copleys Monsterbild (hier ein Ausschnitt) von der Belagerung Gibraltars ist 5,44 Meter mal 7,54 Meter groß. Es war so ein typisches Copley Unternehmen: ein Bild von einem sensationellem Gegenstand zu malen, ein Zelt zu mieten, um es auszustellen und dann Eintritt zu kassieren. Die City of London gibt ihm einen Vorschuss von tausend Guineas (er wird noch einen Nachschlag von 500 Guineas bekommen), und er beginnt zu malen. Er malt acht Jahre lang. Auf Leitern und Gerüsten. Er muss allen, die dabei waren, nachreisen, zum Beispiel 1787 nach Hannover, Copley nimmt seine Frau und seine Tochter mit; und er hat einen handgeschriebenen Brief von George III bei sich, der ihm alle Türen öffnet. In Hannover malt er Ölskizzen von den Herren De La Motte (den er eventuell auch portraitiert hat), Ernst August von Hugo und Bernhard Wilhelm von Schlepegrell, die inzwischen wieder bei ihrem hannöverschen Regiment sind, das vorher den Namen Gibraltar Brigade hatte. Die Bilder der drei Herren gehören mit zu dem Besten, das Copley gemalt hat.

Die Geschichte von Copleys The Siege and Relief of Gibraltarsteht in diesem Blog schon in einem Post, der irritierender Weise nicht Gibraltar, sondern Hoya heißt. Und das hat seinen Grund. Denn der wirkliche Held von Gibraltar ist ein Nagelschmied aus Hoya, der Ludwig Schweckendiek heißt. Er ist nie auf den Bildern vom Sieg von Gibraltar (zu dem selbst Mozart einen ✺Bardengesang schrieb). Er bekommt auch keine Pension wie der Major George Lewis. Den wir hier auf diesem Bild von George Carter wieder sitzend sehen können. Mit diesem Carter war der junge Copley 1774 in Italien. Zuerst fand er den ganz nett (a very polite and sensible man, who has seen much of the world), aber dann verschlechtert sich das Verhältnis. Und Copley schreibt über seinen Reisegenossen, er sei a sort of snail which crawled over a man in his sleep and left its slime, and no more.

Die englische Artillerie kann die floating batteries vernichten, weil sie glühende Kanonenkugeln verschiessen, hot potatoes nennen das die Kanoniere. Aber es dauert zwei bis drei Stunden, um eine Kanonenkugel so heiß werden zu lassen: Die Verteidiger beabsichtigten, diese gefährlichen Schiffe mit glühenden Kugeln in Brand zu schießen. Doch zeigte es sich, dass nach dem bisher bekannten Verfahren jeweils nur wenige Kugeln in 2-3 Stunden glühend gemacht werden konnten und der Erfolg daher zweifelhaft war. Da erfand in höchster Not der hannoversche Soldat und Nagelschmied Ludwig Schweckendieck aus Hoya Rostöfen, auf denen beliebig viele Kugeln in kurzer Zeit zum Glühen gebracht werden konnten. Diese Erfindung rettete am 13.9.1782 Gibraltar vor der Übergabe an die vereinigte spanisch-französische Flotte. Nach einer Erzählung soll Ludwig Schweckendieck eine schöne Pension vom englischen König bekommen und bis 1820 gelebt haben. Nach einem anderen, seriöseren Bericht ist er 1797 verarmt gestorben. So viele Berichte. So viele Fragen, heißt es am Ende von Brechts Gedicht über die Fragen eines lesenden Arbeiters. Eins ist sicher, die Schweckendiecks dieser Welt kommen nie auf die Gemälde.

Noch mehr über John Singleton Copley in den Posts: HoyaJohn Singleton Copley in EnglandSir William Beechey18th century: AmericaJohn Singleton Copley: sharks & squirrelsBut we will paint for money!

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