Bloomsbury: Möbel

Ein englischer Gentleman zu Hause, die Schuhe hat er schon mit Hausschuhen vertauscht. Er sitzt – oder liegt – auf einem seltsamen Möbelstück mit kurzen Beinen. Er hat Bücher neben sich, die kunstvoll unordentlich neben ihm arrangiert sind, sie sind ein Zeichen dafür, dass er ein Intellektueller sein muss. Ein roter japanischer Wandschirm zerteilt den Raum, so etwas war am Ende des 19. Jahrhunderts chic. Alles in diesem Bild wirkt inszeniert. Wir vermissen eine Bierflasche oder ein Whiskyglas. Ist da noch ein Geheimnis im Muster des Perserteppichs, the figure in the carpet?

Ich bleibe mal eben bei den Möbeln, auch auf dieser Zeichnung können wir einen ähnlichen Sessel sehen. Zwei Herren vor dem Kamin in geistvoller Unterhaltung. Sehr gemütlich wird es hier höchstens vor dem Kamin sein, es gibt im ➱Haus keine Zentralheizung und kein elektrisches Licht. Der Herr mit dem Bart links ist Lytton Strachey, er ist der Bruder von dem Gentleman im ersten Absatz, James Strachey. Die Zeichnung ist von Dora Carrington, der Lebensgefährtin von Lytton Strachey.

Die Möbel mit den kurzen Beinen scheinen um 1900 beliebt zu sein, es ist ein Retro Queen Anne Stil. James Strachey im blauen Anzug ist von seinem Cousin Duncan Grant gemalt worden, der heute vor 133 Jahren geboren wurde. Der Maler ist hier schon einmal in dem Post ➱Vanessa Bell aufgetaucht. Grant hat das 1910 gemalte Bild seines Cousins immer behalten, erst 1947 hat er es an die Tate Gallery verkauft. James Strachey ist Psychologe geworden,  hat bei Sigmund Freud studiert und das Gesamtwerk von Freud ins Englische übersetzt. Die Bücher auf dem Bild sind also nicht nur Dekoration, der Mann liest (und schreibt) wirklich Bücher.

Der Herr auf dem Gartenstuhl im Garten von ➱Charleston ist gerade dabei auszurechnen, mit welchen Schulden England aus dem Ersten Weltkrieg kommt. Er heißt Maynard Keynes und ist Englands berühmtester Ökonom. Duncan Grant ist die Liebe seines Lebens. Der lebt zwar mit der Schwester von Virginia Woolf zusammen, aber das ist bei den Mitgliedern der Bloomsbury Gruppe kein Grund, nicht auch mit anderen zusammenzuleben. Were the Bloomsbury Group sexually incontinent snobs or the free-thinking ‘punk rockers’ of their generation? fragte der Independent, als die BBC 2015 die Geschichte der Bloomsbury Group unter dem Titel ➱Life in Squares sendete.

Möbel der Bloomsbury Gruppe: dies hier ist mal ein konventionelles Sofa. Das Bild zeigt Grants Lebensgefährtin ➱Vanessa Bell, mit der er bis zu ihrem Tod zusammenleben wird. Die Männer lassen wir jetzt mal weg. Natürlich ist es bei der Bloomsbury Bohème verlockend, auf ihr zum Teil skandalöses Leben einzugehen, aber das verstellt den Blick auf ihr Werk, sei es die Literatur oder die Malerei. Der Kunsthistoriker Richard Shone schreibt in seinem Buch Bloomsbury Portraits (1976):

The lifestyle they embraced was a complex mixture of inheritance and personal preference. There was a touch of camping out, a happy domestic improvisation which comically clashed with sturdy middle-class comfort and fastidious culture. There was nothing precious about it, though aesthetic enjoyment of one’s surroundings was often placed before other considerations. To some it seemed intolerably Bohemian and haphazard, to others, too ample and not Bohemian enough. Von Bohème ist hier nichts zu spüren, es gibt nicht mal einen exzentrischen Sessel für Grants Tochter Angelica.

Exzentrische Möbel habe ich aber noch zu bieten, wie diese hier, von Duncan Grant für die Omega Workshops entworfen. Grant ist da zusammen mit Vanessa Bell stellvertretender Direktor, der Chef ist der Maler und Kunstkritiker Roger Fry. Unter dessen Einfluss war Duncan Grant stark von den französischen Postimpressionisten beeinflusst und wurde sozusagen der erste englische Postimpressionist. Diese Phase wird aber nicht ewig anhalten, er wird eines Tages zum Realismus zurückkehren.

Auf diesem Sesselbezug ist nicht mehr viel von den Franzosen zu sehen. Der Sessel steht heute noch in seinem Studio. Und man kann ähnliche Designs, zum Beispiel als Kissenbezüge oder Stoff zum Neubeziehen von Sesseln und Sofas heute noch kaufen. Heute ist da allerdings Nylon drin, das gab es noch nicht, als Duncan Grant 1932 die Serie ➱Clouds bei der Textilfabrik von Allan Walton produzieren ließ. Was einst das Wohnhaus von Duncan Grant und Vanessa Bell war, ist heute ein ➱Museum. Hat aber auch einen ➱Shop, wo man Dinge kaufen kann, deren Design von Duncan Grant und Vanessa Bell stammt.

Hier hat Vanessa Bell ihren Lebensgefährten gemalt, völlig unkonventionell: er sitzt auf einem Sessel. Seine Palette liegt auf dem Tisch. Normalerweise stehen Maler vor ihrer Staffelei, hier ist alles anders. Was Duncan Grant malt, ist links außerhalb des Bildes. Wahrscheinlich ist es das Bild der im Sessel ruhenden Vanessa, aber das ist eine Spekulation. Vielleicht ist das Bild symbolisch für die Bloomsbury Künstler, sie malen im Sessel im Wohnzimmer. Sie sind nicht verheiratet, leben aber beinahe ein halbes Jahrhundert zusammen. Sie sind ein wenig Bohème, aber tragen einen Schlips bei der Arbeit.

Der Observer bot seinen Lesern 1974 farbige Lithographien von Grant zum Sonderpreis an, da wussten viele schon nicht mehr, dass der Maler, der seine große Zeit am Anfang des Jahrhunderts gehabt hatte, noch lebte. Ich habe damals keine Lithographie gekauft, weil ich mir gerade den weißen ➱Peugeot mit dem Tacho von Jaeger-LeCoultre gekauft hatte. Und das ➱Motiv mit der wäschewaschenden Frau gefiel mir auch nicht. Grant hat lange gelebt. Und viel gemalt, sehr viel. Nicht alles ist gut. Das Beste haben die großen Museen, manches taucht bei ebay auf, aber da wäre ich vorsichtig. Grant hielt ➱The Tub für sein bestes Bild. Ich nicht.

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Otto Ubbelohde

Dieses bezaubernde junge Mädchen kennen Sie schon, es findet sich in dem Post, der Worpswede heißt. Der Maler Otto Ubbelohde, der es gemalt hat, war mit einer Bremerin verheiratet. Deshalb zog es ihn wohl nach Worpswede, allerdings zog es ihn auch häufig in die bayrische Künstlerkolonie Dachau. Otto Ubbelohde, der heute vor 151 Jahren geboren wurde, kam aus Marburg. Dass es ihn nach Bremen verschlug, hat  einen einfachen Grund, es sind verwandtschaftiche Beziehungen.

Denn die Johanna Ernestine (Hanna) aus der Künstlerfamilie Unger, die er heiraten wird, ist seine Cousine. Das verschweigt uns der Wikipedia Artikel. Der Maler hat seine Frau immer wieder gemalt, hier ganz in weiß, ein Bild, dass uns an die Skagener Maler denken läßt. Diese Bilder der heure bleue, auf denen weißgekleidete Damen den Strand entlang schweben. Wahrscheinlich sind weiße Kleider weder am Strand noch im Moor sehr praktisch, aber sie sind nun einmal ein Kleidungsstück, mit dem die Bourgeoisie zeigt, dass sie Diener hat, die die Kleidung waschen können. Das gilt auch für die Sportarten Tennis und Cricket, die Ende des 19. Jahrhunderts auch für Damen chic wurden. Die Frau in Weiß ist auch auf dem Cover des Katalogbuches Otto Ubbelohde: Kunst und Lebensreform um 1900 (Darmstadt 2001).

Mit diesem englischen Plaid ist Hanna Ubbelohde natürlich viel praktischer gekleidet, sie geht damit beinahe in der Natur auf. So etwas sieht man heute selten, aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und um 1900 findet man das Plaid häufig beim englischen Landadel und der künstlerischen Bohème. Erstaunlicherweise habe ich in den Ausstellungen Ein Hauch von Eleganz: 200 Jahre Mode in Bremen (Focke Museum Bremen 1984) und Kleid und Bild: Mode und Malerei. Klassizismus bis Art Deco (Hannover 1983) kein einziges Plaid gesehen. Die Kataloge zu beiden Ausstellungen kann man heute noch finden, es sind sehr interessante und schöne Kataloge. Wenn Sie den Post Damenmode anklicken, werden Sie sehen, dass es in diesem Blog nicht nur Herrenmode gibt, wie häufig behauptet wird.

Aber ich komme mal eben zur Herrenmode. Dieses Bild kommt jetzt ein wenig wie ein Schock. Wenn Sie jetzt Aääh, mach das weg!!! stöhnen, haben Sie vollkommen recht. Aber es hat auch etwas mit Mode zu tun. Und damit meine ich nicht die kleinen Jungen in Lederhosen mit Hosenträger (so etwas habe ich auch noch getragen, als ich klein war), sondern das, was der Herr rechts im Bild trägt. Es handelt sich natürlich um Martin Heidegger, der in diesem Blog selten vorkommt. Er hat einen Post, der Heidegger heißt, mehr gibt es zu dem Mann nicht. Wenn er hier auftaucht, dann hat das einen simplen Grund: Otto Ubbelohde hat ihm einen Lodenananzug mit Kniebundhosen entworfen. Die Marburger Studenten nannten den seinen existentiellen Anzug. Dies hier auf dem Photo ist er nicht, ein klein wenig exzentrisch ist er aber auf jeden Fall.

Ubbelohde (hier mit seiner Gattin) hat es nicht mehr erlebt, dass Heidegger den von ihm entworfenen Anzug mit den engen Breeches und dem langen Rock trug, er starb schon 1922 mit 55 Jahren. Dass er einen Anzug entwarf, war kein Zufall, er hatte sich lange mit Gedanken zu einer Reform der deutschen Herrenkleidung beschäftigt. Sein Ideal war, dass sich die Herrenmode wieder der Volkstracht annäherte. Er ist nicht der einzige, der sich solche Gedanken macht. Seit der englischen ästhetischen Bewegung, die Shaw dazu bringt Anzüge von Jaeger zu tragen, hat es immer wieder solche Tendenzen gegeben. Aud dem Monte Verità trägt man keine Straßenanzüge.

Wir vergessen Heidegger schnell wieder und widmen uns einmal diesem wunderbar gemalten Damenhut, den Hanna hier trägt. Erstaunlicherweise ist die Malerei nicht das, womit der Künstler sein Brot verdient – er verdient sein Geld als Illustrator. Er hat Grimms Kinder- und Hausmärchen und tausenderlei Bücher illustriert, Ex Libris und Vorsatzblätter und den Hessenkunst Kalender entworfen. Seine letzte große Illustrationsarbeit betraf in seinem Todesjahr das Werk Eichendorffs, Eichendorffs Gedichte mit den Zeichnungen von Ubbelohde gibt es heute noch als Insel Taschenbuch.

Die Worpsweder der Gründergeneration mochten Otto Ubbelohde nicht so sehr, 1889 war er nicht groß aufgefallen, da hatte er sein Studium an der Münchener Akademie noch nicht beendet, aber bei den beiden Sommeraufenthalten 1894 und 1895 kommt es zum Bruch mit den Worpswedern. Obgleich er eigentlich ein Mann der Moderne ist, Mitbegründer der Münchener Sezession ist und sich  an vielen Künstlervereinigungen (wie den Vereinigten Werkstätten für Kunst und Kunsthandwerk) beteiligt, ist er in der Willingshäuser Malerkolonie, wo er seit  1902 ist, besser aufgehoben als in Worpswede.

Ubbelohde ist ein letzter Romantiker, er träumt von der unverfälschten Natur, er trägt Bauerntracht wie Hänsel und Gretel, wenn er sie für Grimms Märchen zeichnet. Es gibt heute noch einen Otto Ubbelohde Preis, dessen Kriterien Denkmalpflege, Heimatkunst, Heimatgeschichte, Pflege des ‚heimischen Brauchtums‘ und Beschäftigung mit dem Werk Otto Ubbelohdes sind. Im Ersten Weltkrieg wird er sich mit patriotischer Propaganda hervortun und eine Vielzahl von Büchlein des Schaffstein Verlags illustrieren. Also solche Büchlein, die Ein Heldentod und Denn wir fahren gegen Engeland! Luft- und Seekriegsgeschichten heißen. Hätte ich das mit dem England Buch vorher gewusst, dann hätte ich das natürlich in den Post gen Engeland hineingeschrieben.

Ubbelohde war ein hervorragender Portraitist (dafür hatte er an der Münchener Akademie eine Auszeichnung erhalten) und ein hervorragender Landschaftsmaler. Was hätte aus ihm werden können, wenn er sich nicht auf die Illustration von Sagen und Märchen und das verquaste deutsche Brauchtum kapriziert hätte? Auf das Sterntaler Bild, das seit den Kindertagen in meinem Kopf ist, könnte ich gerne verzichten.

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Stadtmaler

Dieses Bild des Malers Louis Abel-Truchet, der am  29. Dezember 1857 geboren wurdehat den Titel Le Gaumont Palace illuminé dans la nuit. Ganz Paris will offensichtlich in das Luxuskino. Und was gibt es da zu sehen? Römische Orgien. Kein Scherz. Nicht, dass das scheußliche Bild von Thomas Couture da ausgestellt worden wäre, nein, es gibt einen Film von Louis Feuillade, der L’orgie romaine heißt (wenn Sie den Filmtitel anklicken, können Sie den kurzen Film sehen). Das Internet versichert uns, dass es noch einen Film mit dem Titel römische Orgien gibt, aber das ist ein Porno mit Laura Valerie und Joy Karins, das lassen wir jetzt mal weg. L’orgie romaine wird nicht der einzige Film von Louis Feuillade sein, der hier im Gaumont Palace aufgeführt wird. Filmfreaks wissen, dass Feuillade die Fantomâs Filme gedreht hat, die der größte Erfolg des französischen Kinos vor dem Ersten Weltkrieg waren.

Was da drinnen in dem Gaumont Palace, in dem 3.400 Besucher Platz finden, gerade geschieht, das interessiert den Maler nicht. Obgleich es da drinnen so ähnlich ausgesehen haben soll, wie Cecil B. DeMille sich Pompei vorstellte. Unser Maler interessiert sich für das Außen. Und das malt er gerne in der Nacht oder am Abend, wenn sich die Reste des Tageslichts mit dem künstlichen Licht mischen. Wie hier das Vergnügungsviertel Pigalle. Da ist er ähnlich wie der Berliner Maler Franz Skarbina, für den sich Fontane begeistern konnte. Abel-Truchet zählt nicht zu den ganz großen Impressionisten, aber in seiner Zeit war er durchaus bekannt. Im gleichen Jahr, als er den Gaumont Palast malt, wird er Ritter der Ehrenlegion.

Und da ich Cecil B. DeMille erwähnt habe, muss ich auch den wunderbaren Vierzeiler zitieren:

Cecil B. DeMille

Rather against his will
Was persuaded to leave Moses
Out of the War of the Roses

Louis Abel-Truchet ist nicht der einzige, der sich durch Paris malt (hier sein Bild vom Gare Saint-Lazare 1893), es gibt berühmtere Maler als ihn, die ähnliche Bilder malen. ➱Gustave Caillebotte, mit dem er viel Ähnlichkeiten hat, fällt einem natürlich zuerst ein. Und auch die Nacht mit ihren Lichtern haben in Europa andere im Repertoire, die Großstadt in der Dämmerung und in der Nacht ist ein Thema, das das Fin de Siècle liebt. Zum Beispiel der Engländer John Atkinson Grimshaw oder der Russe Fjodor Wassiljew mit seinem Bild von St Petersburg bei Nacht.

Sammler zahlen für Abel-Truchets Bilder heute noch viel Geld, da kann ein Gemälde auf einer Auktion leicht 200.000 Dollar bringen. Abel-Truchet ist auf der Academie Julian gewesen, die Edward Hoppers Lehrer Robert Henri auch besucht hat. Ich nenne, den Namen von Edward Hopper nicht ohne Grund. Er war auch in Paris, als Abel-Truchet seine Bilder vom quirligen Pariser Leben malt, und er liebt auch solche Perspektiven. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Hopper seinen französischen Kollegen sehr genau studiert hat. Man vergleiche einmal sein Kinobild mit Louis Abel-Truchets Bild vom Konzert im Café.

Er ist ein Maler der Großstadt, er gewinnt auch scheußlichem Regenwetter und Schlackerschnee noch etwas Poetisches ab. Louis Abel-Truchet hat etwas länger gebraucht, bis er sich der Malerei verschrieb. Erst 1890 gibt der Amateurmaler eine gut bezahlte Stellung auf, 1891 debütiert er im Salon des Artistes Francais. Danach finden wir ihn in der Société Nationale des Beaux-Arts, dem Salon d’Automne und in in vielen Einzelausstellungen in Pariser Galerien.

Er malt viel, vielleicht zu viel. In seinen besten Bildern, und ich zähle diese Frachtkähne dazu, braucht er den Vergleich mit den großen Impressionisten nicht zu scheuen. Am besten ist er wie hier und bei den Bouquinisten an der Seine im nächsten Absatz in seinen kleinen skizzenhaften Bildern, Öl auf Pappe. Schnell gemalt, aber wunderbar anzuschauen.

Louis Abel-Truchet wird noch eine andere Karriere haben. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs meldet er sich freiwillig zur Armee. Er ist 57 Jahre alt, da wird niemand mehr eingezogen. Manche Maler malen Bilder von der Front und dem Kriegsgeschehen, wie zum Beispiel der Hauptmann Hans am Ende aus Worpswede.

Aber der Leutnant Abel-Truchet im 1er régiment du génie wird zum Bemalen von Kriegsgerät eingesetzt. Er leitet in Paris das zentrale Atelier für Camouflage Das ähnelt der Tätigkeit von Paul Klee, der in Schleißheim auf der Flugwerft der Königlich-Bayrischen Fliegertruppen Flugzeuge bemalte. Der Feldwebel Klee brauchte nicht an die Front. An die will der Leutnant Louis Abel-Truchet aber unbedingt, und das gelingt ihm auch zu Ende des Krieges. Er wird 1918 an seinen Kriegsverletzungen sterben. Hans am Ende auch.

Mein Opa, auch ein deutscher Hauptmann wie Hans am Ende, kommt heil aus Frankreich zurück. Mit französischer Kunst hatte er nichts am Hut. Mit Kunst überhaupt wenig, es sei denn, sie wäre patriotische deutsche Historienmalerei. Dass seine Tochter auf die Kunsthochschule will, das kann er nicht verstehen. Dass sein Neffe Bildhauer wird, das versteht er noch weniger. Die dicken Bildbände mit Historienmalerei bei meinem Opa werden für mich zu einer Schule des Sehens. Ich bin noch nicht in der Schule, aber ich weiß, dass es eine andere Malerei geben muss als Moritz von Schwind, Defregger, Böcklin und Konsorten. Und dann entdecke ich in einem kleinen blauen Band zur deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts das Bild ➱Blechens vom Park der Villa d’Este – und ich weiß: so muss die Malerei sein. Glücklicherweise hat Louis Abel-Truchet einen ähnlichen Weg beschritten.

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Weihnachtsgeschichte

Wir kennen die Geschichte, es ist eine Geschichte, die jedes Jahr wieder erzählt wird. Überall auf der Welt. Es wird, wie bei allen Geschichten, immer etwas dazu getan, etwas weggelassen. Vieleicht wird die Geschichte eines Tages von Coca Cola erzählt werden, Santa Claus haben sie ja schon vereinnahmt. Manche Unstimmigkeiten in der Weihnachtsgeschichte können auch Übersetzungsfehler sein, die ganze Bibel ist voll davon. Studenten der Kunstgeschichte lernen schon im ersten Semester, dass Moses keine Hörner gewachsen sind, wenn er vom Berg Sinai herabsteigt. Auch wenn der Moses von Michelangelo Hörner hat. Der Bibelübersetzer Hieronymus hatte im hebräischen Urtext die Wörter keren (gehörnt) und karan (glänzend) verwechselt, deshalb die Hörner. Die professionellen Exegeten des Textes tun das ihre zu der Geschichte, um sie ihrem Glauben anzupassen. Und die Maler verwandeln die Erzählung dahin, dass sie in ihr Bild passt. So, dass wir uns das vorstellen können. Damit wir begreifen können, was da geschehen ist. Das Unbegreifliche wird zu einem Bild.

Der Evangelist Lukas versichert uns: Schon viele haben versucht, die Ereignisse zusammenhängend darzustellen, die Gott unter uns geschehen ließ und mit denen er seine Zusagen eingelöst hat. Diese Ereignisse sind uns überliefert in den Berichten der Augenzeugen, die von Anfang an alles miterlebt hatten und die den Auftrag erhielten, die Botschaft  Gottes weiterzugeben. So habe auch ich mich dazu entschlossen, all diesen Überlieferungen bis hin zu den ersten Anfängen sorgfältig nachzugehen und sie für dich, verehrter Theophilus, in der rechten Ordnung und Abfolge niederzuschreiben. Du sollst dadurch die Zuverlässigkeit der Lehre erkennen, in der du unterwiesen wurdest.

Wie immer die Stadt Davids vor zweitausend Jahren ausgesehen haben mag, auf den Bildern sehen wir ganz andere Landschaften im Hintergrund. Bei Pieter Brueghel findet die Schätzung, die der Kaiser Augustus befohlen hat (zur zeit da Kyrenius Landpfleger in Syrien war), im Winter statt, doch bei Lukas und Matthäus finden wir keine Jahreszeit. Bethlehem sieht hier aus wie ein holländisches Dorf im Schnee, Teiche und Flüsse sind zugefroren. Es könnte das gleiche Dorf sein, das wir auf dem ➱Winterlandschaft mit Eisläufern und Vogelfalle sehen.

Den Hirten auf dem Felde wird die Botschaft von der Geburt Christi zuerst verkündet: VND es waren Hirten in der selbigen gegend auff dem felde / bey den Hürten / die hüteten des nachts jrer Herde. Vnd sihe / des HERRN Engel trat zu jnen / vnd die Klarheit des HERRN leuchtet vmb sie / Vnd sie furchten sich seer. Vnd der Engel sprach zu jnen. Fürchtet euch nicht / Sihe / Jch verkündige euch grosse Freude / die allem Volck widerfaren wird / Denn Euch ist heute der Heiland gebörn / welcher ist Christus der HERR / in der stad Dauid. Vnd das habt zum Zeichen / Jr werdet finden das Kind in windeln gewickelt / vnd in einer Krippen ligen. Vnd als bald ward da bey dem Engel die menge der himelischen Herrscharen / die lobten Gott / vnd sprachen / Ehre sey Gott in der Höhe / Vnd Friede auff Erden / Vnd den Menschen ein wolgefallen.

Irgendwann kommen die drei Heiligen Könige, die wohl gar keine Könige sind. Im griechischen Text heißen sie magoi apo anatolôn, Magier von Osten. Magier, Priester, Sterndeuter, Philosophen, was immer sie sein mögen. Die Legenda aurea ist da etwas ungenau. Bei Luther sind sie die Weisen aus dem Morgenland: Da Jhesus geborn war zu Bethlehem / im Jüdischenlande zur zeit des königes Herodis / Sihe / da kamen die Weisen vom Morgenland gen Jerusalem / vnd sprachen / Wo ist der newgeborne König der Jüden? Wir haben seinen Sternen gesehen im Morgenland / vnd sind komen jn an zu beten. Dass sie Caspar, Melchior und Balthasar heißen, dass einer von ihnen schwarz ist, davon finden wir nichts in der Bibel. Denn neben dem, was wir als Bibel kennen, gibt es noch andere biblische Erzählungen, die Legenda aurea, Biblia Pauperum oder Bible moralisée heißen.

Immer wieder wird die Geschichte von den Königen und der Krippe erzählt, meistens von der Kanzel herab. Das klingt dann in den Worten eines englischen Bischofs so: Last we consider the time of their coming, the season of the year. It was no summer progress. A cold coming they had of it at this time of the year, just the worst time of the year to take a journey, and specially a long journey. The ways deep, the weather sharp, the days short, the sun farthest off, in solsitio brumali, the very dead of winter. Venimus, we are come, if that be one, venimus, we are now come, come at this time, that sure is another. Das ist eine Predigt aus dem 17. Jahrhundert, aber sie klingt schon beinahe modern. Das war es wohl auch, was ➱T.S. Eliot daran gereizt hat, dieses A cold coming they had of it von Lancelot Andrewes in sein Gedicht ➱Journey of the Magi hinein zu schreiben.

Lancelot Andrewes ist einer der Väter der englischen Bibelübersetzung gewesen, die wir als Authorized Version oder King James Version der Bibel kennen. Wenn wir einmal einen Blick auf Lukas 2 in der King James Version werfen: And it came to pass in those days, that there went out a decree from Caesar Augustus that all the world should be taxed. (And this taxing was first made when Cyrenius was governor of Syria.) And all went to be taxed, every one into his own city. And Joseph also went up from Galilee, out of the city of Nazareth, into Judaea, unto the city of David, which is called Bethlehem; (because he was of the house and lineage of David:) To be taxed with Mary his espoused wife, being great with child. And so it was, that, while they were there, the days were accomplished that she should be delivered. And she brought forth her firstborn son, and wrapped him in swaddling clothes, and laid him in a manger; because there was no room for them in the inn.

Es ist diese einfache Klarheit der Sprache, die nach vierhundert Jahren immer noch eindrucksvoll ist. Das Englisch dieser Bibel hat Generationen von Schriftstellern geprägt. Vor allem in Amerika. Ich weiß nicht, wer über Hemingway gesagt hat, dass sein Stil eine Mischung aus der Sprache der Bibel in der King James Version und dem Telegraphenstil von Western Union ist, aber es passt doch gut. Das sagt auch Robert Alter, der Autor von Pen of Iron: American Prose and the King James Bible (Princeton University Press). Auf die Frage Is there a particular essence of the style of the KJV—or its effect on the reader—that is passed down through American prose? antwortete Alter: I don’t believe that the effects of the KJV can be reduced to a single “essence.” Different writers have taken away different things from the KJV—for Melville, it was the power of biblical poetry; for Hemingway, the parallel syntax and the attachment to plain language; for Faulkner, certain key biblical terms around which he organized his vision of history and human life. Sogar der Stil von ➱Cormac McCarthy wird bei Robert Alter berücksichtigt.

Wenn man die Bibel in englischer Sprache lesen will, dann hätte ich noch eine Literaturempfehlung. Es ist The Bible Designed to be Read as Literature von Ernest Sutherland Bates, seit 1936 ein kleiner Klassiker. Ich habe es vor Jahren von Georg zu Weihnachten bekommen, ich lese immer darin. Es ist die alte King James Version, allerdings befreit von unnötigem Ballast. Doch die altertümlichen Wendungen wie die schönen thous sind geblieben. Aber wenn man Sprache und Stil der englischen King James Version lobt, sollte man doch unsere Lutherbibel nicht kleinreden.

Auch sie hat eine große sprachliche Kraft, die die deutsche Sprache und Literatur geprägt haben. Es gilt sicherlich das Wort von Johann Gottfried Herder: Er ists, der die deutsche Sprache, einen schlafenden Riesen, aufgewecket und losgebunden; er ists, der die scholastische Wortkrämerei, wie jene Wechslerische, verschüttet; er hat durch seine Reformation eine ganze Nation zum Denken und Gefühl erhoben. Und Goethe sagt im Gespräch mit Eckermann: Wir wissen gar nicht, was wir Luthern und der Reformation alles zu danken haben. Wir sind frei geworden von den Fesseln geistiger Borniertheit, wir sind in Folge unserer fortwachsenden Kultur fähig geworden, zu Quelle zurückzukehren und das Christentum in seiner Reinheit zu fassen.

Luther schreibt schon frühneuhochdeutsch. Einige Sprachstufen zurück, im Gotischen, hätte die Weihnachtsgeschichte in der Bibel des Wulfila so ausgesehen: Warþ þan in dagans jainans, urrann gagrefts fram kaisara Agustau, gameljan allana midjungard. soh þan gilstrameleins frumista warþ at (wisandin kindina Swriais) raginondin Saurim Kwreinaiau. jah iddjedun allai, ei melidai weseina, ƕarjizuh in seinai baurg. Urrann þan jah Iosef us Galeilaia, us baurg Nazaraiþ, in Iudaian, in baurg Daweidis sei haitada Beþlaihaim, duþe ei was us garda fadreinais Daweidis, anameljan miþ Mariin sei in fragiftim was imma qeins, wisandein inkilþon. warþ þan, miþþanei þo wesun jainar, usfullnodedun dagos du bairan izai. jah gabar sunu seinana þana frumabaur jah biwand ina jah galagida ina in uzetin, unte ni was im rumis in stada þamma. 

Ich habe im Studium ein Gotisch Proseminar besucht, weiß aber nichts mehr davon; weiß nur noch, dass ahak die Taube heißt, weil das das erste Wort im Lexikon war. Und selbst wenn wir das Warþ þan in dagans jainans verstehen können, den Rest können wir nicht lesen. Und deshalb gibt es den Anfang der Weihnachtsgeschichte nach Lukas noch einmal im frühneuhochdeutschen Original:

Es begab sich aber zu der zeit / Das ein Gebot von dem Keiser Augusto ausgieng / Das alle Welt geschetzt würde. Vnd diese Schatzung war die allererste / vnd geschach zur zeit / da Kyrenius Landpfleger in Syrien war. Vnd jederman gieng / das er sich schetzen liesse / ein jglicher in seine Stad. Da machet sich auff auch Joseph / aus Galilea / aus der stad Nazareth / in das Jüdischeland / zur stad Dauid / die da heisst Bethlehem / Darumb das er von dem Hause vnd geschlechte Dauid war / Auff das er sich schetzen liesse mit Maria seinem vertraweten Weibe / die war schwanger. Vnd als sie daselbst waren / kam die zeit / das sie geberen solte. Vnd sie gebar jren ersten Son / vnd wickelt jn in Windeln / vnd leget jn in eine Krippen / Denn sie hatten sonst keinen raum in der Herberge.

Ich wünsche all mein Lesern ein frohes Weihnachtsfest, auch wenn das Wetter mit Dauerregen und frühlingshaften Temperaturen keine ➱Weihnachtsgefühle aufkommen lässt. Als ich gestern Nacht noch einmal um den Block ging und die klitzekleine Mondsichel bewunderte, hatte ich das Gefühl, dass ein Frühlingssturm um die Straßenecken fegte. Aber das hat es auch schon einmal gegeben. So notierte der Pfarrer Gilbert White am 27. Dezember 1768 in seinem Tagebuch: Weather more than April than the end of December. Hedgesparrow sings.

Lesen Sie auch: WeihnachtsfeiernWeihnachtsbäume, Drei deutsche Weihnachtsgedichte, Weihnachtsvorbereitungen

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Thomas Couture

Manche Maler malen in ihr Selbstportrait alles hinein. Wie der Franzose Thomas Couture, der am 21. Dezember 1815 geboren wurde. Coutures Vater war Schuster, er selbst wollte höher hinaus. Und so blickt er uns herausfordernd an. Ein schöner Mann. Dieser romantische Blick, ein wenig verachtungsvoll. Alles ein wenig im Stile des ➱Byronic Hero. Er ist fünfundzwanzig Jahre alt, er weiß noch nicht, wohin ihn der Weg der Kunst führen wird. Am Ende seines Lebens werden Édouard Manet, Henri Fantin-Latour und Pierre Puvis de Chavannes seine Schüler gewesen sein. Das mit Puvis de Chavannes kann ich sofort verstehen, den kann ich überhaupt nicht ausstehen.

Und damit komme ich zu dem Hauptwerk von Thomas Couture, das Welten von dem schönen Selbstbildnis entfent ist. Es heißt ➱Les Romains de la décadence und machte im Salon 1847 Furore. Es ist ein großes Bild. Nicht im Sinne von großartig (obgleich man 1847 dieser Meinung war), sondern flächenmässig: 4,70 mal 7,70. Der Maler hat drei Jahre an seinem Werk gearbeitet. Im Ausstellungskatalog hat er dem Bild zwei Verse von Juvenal mitgegeben: Grausamer als der Krieg hat sich das Laster auf Rom gestürzt und rächt das besiegte Universum.

Thomas Couture ist nicht der einzige, der the beauty of fair Greece, and the grandeur of old Rome (um ➱Edgar Allan Poe zu zitieren) malt. Seit Edward Gibbon seine ➱History of the Decline and Fall of the Roman Empire veröffentlicht hat, stürzen sich die Maler darauf, die ➱Spätrömische Dekadenz darzustellen. Auch in Thomas Coles Bilderreihe The Course of the Empire folgt auf dieses Bild, das The Consummation of Empire heißt, das Bild ➱Destruction

Coutures Historienbild soll eine Allegorie auf die Dekadenz der Franzosen sein. Da liegen sie vor einer klassischen Statue, die wie der steinerne Gast in Don Giovanni ihr Mißfallen auszudrücken scheint, erschöpft herum. Andere trinken und tanzen noch, aber so richtige Freude scheint bei dieser Massenorgie nicht aufkommen zu wollen.

Wenn die alten Niederländer den Untergang malen wollten, dann waren sie direkter. Dann malten sie die Welt wie Bruegel oder ➱Joachim Patinir. Was Couture da malt, ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Da wird nicht Mene, mene, tekel, upharsin an die Wand geschrieben. Und richtigen Sex gibt es auch nicht, was ist mit den Franzosen los?

Der Spezialist in Untergangsszenarien im 19. Jahrhundert ist ein Engländer namens John Martin, der dieses Bild, (➱Belshazzar’s Feast) gemalt hat. Und wenn Sie wirklich wissen wollen, wie der Untergang aussieht, dann klicken Sie doch mal eben seinen ➱Great Day of His Wrath an. Ich nehme an, dass Theresa May eine Kopie davon in Number Ten hängen hat und sich täglich anguckt, was sie erwartet.

Nach dem großen Erfolg von Les Romains de la décadence kamen für den Schüler von Baron Antoine-Jean Gros und Paul Delaroche nicht mehr viel Erfolge. Aber von der politischen Allegorie konnte er nicht lassen, wie dieses Bild zeigt. Es heißt La courtesan moderne oder The Courtesan’s Chariot, or Love Leading the World, ist aber auch unter dem Titel The Thorny Path bekannt. Couture hat es sechs Jahre vor seinem Tod gemalt. Es soll wieder die dekadente französische Gesellschaft darstellen. Vor der Kutsche der Kurtisane und ihrer Mutter. Der nackte alte Mann links ist von seinem ausschweifenden Leben gezeichnet, Couture wird im Alter ähnlich aussehen. Da ist nichts mehr von der jugendlichen Schönheit, das ist ähnlich wie bei Christine Keeler.

Dies ist eine Variante des Bildes, die Komposition ist die gleiche. Vorne der Fettwanst, daneben ein Harlekin (der für die Parodien mittelalterlicher Balladen stehen soll, die damals in Frankreich in Mode sind), ein Student (der im Gehen schreibt) und ein Soldat. Nicht auf diesem Bild ist der grinsende Satyr, den der Maler mit seinen Initialen signiert hat.

Kurtisanen sind jetzt chic in der französischen Malerei; der englische Kunsthistoriker T.J. Clark hat in ➱The Painting of Modern Life: Paris in the Art of Manet and his Followers über die Kurtisane gesagt: She was discovered, and to some extent permitted, in almost any depiction of the body or Desire in this decade. She seemed to be the necessary, if regrettable, form of nakedness itself. And not just of nakedness: everywhere that flesh was visible and feminine, the courtisane materialized. Bei Coutures Schüler Manet sieht sie allerdings ganz anders aus als die allegorische peitschenschwingende Schönheit von Couture.

Als Couture seine La courtesan moderne malt, malt sein ehemaliger Schüler (auf den Courtesan keinen Einfluß gehabt hat) das Bild von dem Kindermädchen und der Eisenbahn (lesen Sie hier mehr in dem Post ➱Kindermädchen). Und Monet mal dieses Bild. Ich stelle das einmal hierhin, um zu zeigen, wie weit Thomas Couture sich im Abseits befindet. Einfluß hat Couture wohl nur auf Henri Fantin-Latour und Pierre Puvis de Chavannes gehabt.

Und auf die Amerikaner, von denen ➱John La Farge (oder der in Amerika lebende Tommaso Juglaris) wohl der berühmteste ist. 1970 gab es in Maryland eine kleine Ausstellung, die American pupils of Thomas Couture hieß. Die vielen amerikanischen Maler sorgen unter anderem dafür, dass sich Couture in Villiers-le-Bel ein stattliches Anwesen leisten kann.

Ich muss noch einen Schüler von Thomas Couture erwähnen, es ist ein Deutscher namens Anselm Feuerbach. Couture hat ihn gemalt, und das ist eigentlich ein schönes ➱Bild. Ich selbst kann Feuerbach nicht ausstehen, bleibe aber doch in Museen länger vor seinen Bildern stehen. Mein witzigstes Erlebnis vor einem Feuerbach Gemälde hatte ich, als ich mit meinem Freund Uwe in der Bremer Kunsthalle war. Die Geschichte mit den zwei unterschiedlichen Händen steht schon ➱hier. Und was hier aussieht wie eine etwas milchige Photoshop Kopie von Les Romains de la décadence ist gar nicht von Couture, es ist von seinem Schüler Anselm Feuerbach.

Wenn Sie beim Lesen des Titels dieses Posts an Mode denken müssen, dann liegen Sie gar nicht so falsch. Denn als Thomas Couture seinen Höhepunkt hat, gibt es noch eine andere Couture in Paris: die ➱Haute Couture.

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Angströhre

Wie die Zeit vergeht! Ich kann das nicht glauben, dass es schon mehr als ein Jahr her ist, dass ich über den Maler Philipp Wirth (der am 18. Dezember 1878 starb) geschrieben habe. Er ist ja jemand, mit dem sich die Kunstgeschichte nicht so sehr beschäftigt, obgleich man Gustav Paulis Begeisterung für dieses Selbstportrait verstehen kann. Wirth muss das Selbstportrait nach seinem Pariser Aufenthalt gemalt haben, so viel großstädtische Eleganz findet man in Wirths Heimatstadt Miltenberg in der Mitte des 19. Jahrhunderts wohl nicht. Hat er sich seinen Zylinder aus Paris mitgebracht? Oder ist das ein Werk seines Vaters, der Hutmacher war?

Als Philipp Wirth sich mit dem Zylinder malt, ist der Zylinder als Kopfbedeckung hauptsächlich bei den Nachfolgern von Beau Brummel zu finden. Also eher bei Künstlern und in der Bohème als im bürgerlichen Leben. Das ändert sich, als Victorias Gatte Albert von Coburg Gotha den Zylinder aufsetzt. Von nun an ist die Angströhre auch für die bürgerliche Gesellschaft de rigeur. Zum ➱Cutaway ist sie heute noch Vorschrift. Selbst John F. Kennedy, dem man nachsagte, dass er die Hutmode beendet hätte, trug zu seiner ➱Inauguration einen Zylinder.

Wir können dem Selbstportrait von Philipp Wirth noch etwas entnehmen: die Kleidung wird schwarz, nicht nur in der Bohème. Gab es vorher grüne und blaue Fräcke, so ist jetzt alles schwarz. Wenn Albert stirbt, wird die Königin Victoria ein beispielloses Trauerzeremoniell ausleben. Selbst Kleinkinder werden schwarze Fäden in die Windeln gestickt bekommen, wenn jemand in der Familie stirbt. Samuel Courtauld wird mit seiner schwarzen Kunstseide ein Millionenvermögen machen. Die beste Kulturgeschichte zur schwarzen Kleidung ist John Harveys Men in Black, das habe ich schon in den Post Men in Black und Schwarz geschrieben.

Hier ist Philipp Wirth noch ein junger Künstler, hier hat er sich im Stil der Romantik gemalt, in der man die sogenannte altdeutsche Tracht trug. Die noch die Kleidung der Studenten und der Maler war, bevor sie die Kleidung der  Revolutionäre wurde. Carl Philipp Fohr, der hier einen viel gelesenen Post hat, hat so etwas getragen, wahrscheinlich ist er auch in seiner altdeutschen Tracht im Tiber ertrunken. Der Zylinder ist heute aus dem Bild der Mode verschwunden. Mein Opa hatte einen chapeau claque, mit dem wir als Kinder gespielt haben. Als ich acht war, trat ich damit als Zauberkünstler auf. Ich trug meinen verschlissenen weinroten Brokatbademantel und den Zylinder, ich konnte allerdings nur drei Zauberkunststücke. Da reißt auch ein chapeau claque nicht viel heraus.

Die Zylinder sind noch in der Malerei zu finden (zum Beispiel bei dem Bild Streik), auch in der Literatur. Zahlreich bei Proust. Sie haben noch ihre große Zeit im Film der dreißiger Jahre. People think I was born in top hat and tails, hat Fred Astaire, der Star von Top Hat, gesagt. Wir finden den Zylinder auch in der Karikatur, kaum ein Kapitalist oder Plutokrat, der nicht einen Zylinder trägt und eine Zigarre raucht. Im Deutschen heißt der Zylinder manchmal auch Angströhre, was wahrscheinlich von dem englischen anxiety hat kommt.

Denn bei seinem ersten Auftreten verbreitet der Zylinder Angst und Schrecken. Ein gewisser John Hetherington soll am 15. Januar 1797 zum ersten Mal so etwas getragen haben, appearing on the public highway wearing upon his head a tall structure having a shining lustre and calculated to frighten timid people, steht im Polizeibericht. Ich weiß nicht, ob die Geschichte wirklich wahr ist, aber se non è vero, è ben trovato. Das mit der Erfindung des Zylinders im Jahre 1797 ist zu bezweifeln, denn schon vorher finden sich französische Incroyables mit Zylindern in den Modezeitschriften. Und zwei Jahre vor dem kurzen dramatischen Auftritt von Mr Hetherington mit seiner Angströhre (several women fainted at the unusual sight, while children screamed, dogs yelped and a younger son of Cordwainer Thomas was thrown down by the crowd which collected and had his right arm broken), malt Jacques Louis David den Monsieur Pierre Seriziat. Und der trägt bestimmt einen Zylinder.

Wenige Jahre, bevor sich Phlipp Wirth mit seinem Zylinder malt, malt sich der Berliner Maler Franz Krüger zusammen mit dem Prinzen Wilhelm von Preußen. Den Prinzen kennen wir auch unter dem Namen Kartätschenprinz, den Maler als Pferde-Krüger, beide haben hier schon einen Post. Es ist ein schönes Bild, aber mit dem Gedanken an die blutige Niederschlagung des Aufstandes, bekommt es eine andere Dimension. Da ahnt man, weshalb Karl Gutzkow über Krüger, den er als den Hofmaler Professor Lüders in seinen Roman Die Ritter vom Geiste hineingeschrieben hat, von einem Künstler spricht, den die niedrigste Servilität zum Parade- und Uniformmaler gestempelt hatte.

Das Bild ziert auch das Buch Das Bildnis des eleganten Mannes: Ein Zylinderbrevier von Werther bis Kennedy. Ich bin nicht sicher, ob ich das Buch, das zuerst in Häppchen im Herrenjournal erschien, zur Lektüre empfehlen kann. Es ist sicherlich auf einem höheren Niveau als das Büchlein Die Uniformen der Braunhemden des Verfassers. Das schrieb er, als er Obertruppführer im Stab der berüchtigen SA-Brigade 31 Berlin-Brandenburg war. Er heißt Hermann-Marten von Eelking, für die einen ist er eine Art Gott der Herrenmode, für die anderen ein ganz gewöhnlicher Nazi. Ich habe in dem Post ➱Modebücher schon einiges zu Herrn Eelking gesagt, was mir einige Haßmails eingetragen hat (der Herr hat offensichtlich immer noch einen Fanclub), aber ich habe dem Post kaum etwas hinzuzufügen.

Ich kann nicht mit diesem Eelking aufhören, ich muss noch einen Zylinderträger aus dem Hut zaubern. Wir kennen ihn als den Mad Hatter, obgleich er im Text von Alice in Wonderland nur Hatter und nicht Mad Hatter heißt. Aber ein klein wenig mad ist er schon. Wie die Engländer, die jetzt wieder aus dem Brexit herauswollen. Bevor es den (mad) hatter gab, gab es im Englischen schon die Redewendung mad as a hatter. Und die hatte einen traurigen Grund, die Hutmacher verwandten bei ihrer Arbeit an den Filzhüten ➱Quecksilber, eine der Folgen der Quecksilbervergiftung war, dass sie im Irrenhaus landeten. Zylinder sind eine gefährliche Sache.

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Philipp Otto Runge (once again)

Der Maler Philipp Otto Runge ist am 2. Dezember 1810 gestorben, er hatte hier am 23. Juli des Jahres (seinem 240. Geburtstag) schon einen ➱Post. Es ist ein Post, der leider so gut wie gar nicht gelesen wurde. So etwas ist für mich immer ein Rätsel. Hat noch weniger Leser als ➱Fritz Overbeck. Während dessen Worpsweder Kollege ➱Heinrich Vogeler fünfstellige Leserzahlen hat. Dadurch, dass ich ➱Ferdinand von Rayski wieder wieder angepriesen habe, ist er nach einem Jahr endlich in die vierstelligen Zahlen gewandert. Ich hoffe, dass das mit dem Anpreisen funktioniert, deshalb stelle ich den Post zu Philipp Otto Runge, der einmal gesagt hat: Hätte ich es sagen wollen oder können, hätte ich nicht nötig, es zu malen, einfach noch einmal ein. Hätte ich es malen können, hätte ich es nicht nötig, es zu sagen.

Dieses Selbstportrait von Philipp Otto Runge zählt zu seinen schönsten Bildern. Ich mag es sehr, auch sein Selbstportrait als ➱Federzeichnung ist sehr schön. Ich weiß nicht, weshalb ich bei diesem Portrait immer an das Selbstportrait von ➱Carel Fabritius denken muss. Der schaut uns zwar auch an, aber er hat nicht diese Traurigkeit in den Augen. Goethe hielt viel von dem Maler, der heute vor 240 Jahren geboren wurde: Es ist ein Individuum, wie sie selten geboren werden. Sein vorzüglich Talent, sein wahres treues Wesen als Künstler und Mensch, erweckte schon längst Neigung und Anhänglichkeit bey mir; und wenn seine Richtung ihn von dem Wege ablenkte, den ich für den rechten halte, so erregte es in mir kein Mißfallen, sondern ich begleitete ihn gern.

Und noch ein anderer Dichter der Romantik lobt Runge. So schreibt Clemens Brentano in einem Brief an Johann Friedrich Böhmer, nachdem der ihm Runges Gedicht ➱Es blüht eine schöne Blume geschickt hatte: Das Lied ist wirklich von Runge er-Rungen, ent-Rungen, entsp-Rungen, durchd-Rungen usw … Er ist eigentlich doch der tiefsinnigste Künstler, der unmittelbarste der neueren Zeit gewesen, der eine Tiefe, ein Inneres, das vielleicht nie Gestalt gewonnen, zu Tage hat gebären müssen; was aber von solchem an die Oberfläche tritt, tritt heutzutage der Oberflächlichkeit entgegen; darum ist er so wenig gekannt und erkannt.

Das ist es: die Dichter rühmen ihn, aber beim Publikum ist der Maler kaum bekannt. Dennoch lobt Runge in einem Brief an seinen Bruder das Publikum und sagt: daß in einem Staat wie Hamburg sehr viel auf den guten Willen des Publicums gerechnet werden könne, wo die beschränkte Würkung der Behörden nicht ausreicht, und daß immer eine Masse von Menschen vorhanden bleibt, wo diesen guten Willen durch innern und äußern Antrieb rege zu machen möglich ist. Da ist sicherlich etwas dran, und die beschränkte Würkung der Behörden hat ja heute in Hamburg wieder Aktualität.

Allerdings muss man sagen, dass Runge hier nicht das Publikum meint, dass seine seine Bilder bewundern soll, sondern die Patriotische Gesellschaft. Die hatte Runge gerade als Ehrenmitglied aufgenommen, unter anderem, weil es sich bei ihm um einen talentvollen, denkenden Künstler handle. Im Rathaus denkt man offensichtlich nicht, das wird wenige Jahre später der Marschall ➱Davout für die Hamburger übernehmen. In der Kunsthalle Hamburg denkt man offensichtlich auch nicht, die Beschreibung des wohl bekanntesten Bildes von Runge auf der Seite der Kunsthalle ist nun wirklich ärmlich, wenn man das zum Beispiel mit diesem ➱Post eines Bloggers vergleicht. Noch mehr zu Runge findet sich bei jemandem, der als ➱Kunstdirektor schreibt oder an dieser Stelle, wo man Daniel Runges ➱Nachrichten von dem Lebens- und Bildungsgange des Mahlers Philipp Otto Runge findet.

Wenn Sie mehr zu dem Bild wissen wollen, kann ich nur Jörg Traegers Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder: Von der Reflexion des Naiven im Kunstwerk der Romantik empfehlen, das in der hervorragenden Reihe Fischer Kunststück erschienen ist. Der Kunsthistoriker Jörg Traeger war die Nummer Eins der Runge Forschung, sein kleines Buch ist sicher auf einem höheren Niveau als das Buch von Ellen Pomikalko und Ute Blaich ➱Philipp Otto Runge: Die Hülsenbeckschen Kinder. Aber das ist ein rotfuchs-Kunstbuch, das macht auch einen Sinn. Ute Blaich habe ich immer geschätzt, ich habe noch ihre LP (Deutsche Grammophon) von The Wind in the Willows im Regal. Und da ich bei Kiddies bin, möchte ich noch auf das interessante Buch So nah und doch so fern: Philipp Otto Runges gesteigerte Wirklichkeit der Kinder. Eine Entdeckungsreise durch die Bildwelten Runges und seiner Zeit des Pädagogen Andreas Gruschka hinweisen.

Runges Äußerungen über den guten Willen des Publicums sind übrigens prophetisch: als 2010 die Ausstellung ➱Kosmos Runge: Der Morgen der Romantik in der Hamburger Kunsthalle eröffnet wird, hat man gerade große Teile des ➱Werkes gekauft, die vorher nur geliehen waren. Es ist übrigens ➱Alfred Lichtwark gewesen, der (mit privater Unterstützung) die ersten Käufe für die Kunsthalle tätigte, Runge selbst interessierte ihn nicht so sehr. Ihn interessierte, dass Runge (hier mit seiner Frau ➱Pauline und seinem Bruder Daniel) ein Hamburger war. Das Bild hat den Titel ➱Wir Drei, es war ein Geschenk Runges an seine Eltern.

Es ist natürlich eine ➱Eiche, dieser symbolträchtige deutsche Baum, an den sich Daniel Runge lehnt. In den Befreiungskriegen wird die Eiche über das Symbol der Treue hinaus zu einem nationalen Symbol für Einigkeit, Schutz und Festigkeit. Die drei Soldaten eines Freicorps auf dem Bild von Kersting halten ihre Wache in einem Eichenwald, es dürfte kein anderer Wald sein. Simon Schama hat in seinem Buch Landscape and Memory (➱Der Traum von der Wildnis) eine Menge über den deutschen Wald zu sagen, ich halte Landscape and Memory für sein bestes Buch.

Der englische Kunsthistoriker Matthew Craske hat in seinem höchst originellen Buch Art in Europe 1700-1830 darauf hingewiesen, dass die geschlossen auftretende Familie wie in Wir Drei oder dem Bildnis seiner Eltern vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Napoleon zu sehen ist. Runge malt nicht nur 1806 seine Eltern in seinem Heimatort Wolgast. Er ist auch nach Wolgast gezogen, weil es der Firma Firma Hülsenbeck, Runge & Co, in der einmal als kaufmännischer Gehilfe angefangen hat, sehr schlecht geht. Der Konkurs kommt im nächsten Jahr, die Kontinentalsperre macht sich bemerkbar (darüber sollten die Engländer mit ihrem Brexit mal nachdenken), aber Daniel Runge (hier von seinem Bruder portraitiert) wird eine neue, erfolgreiche Firma gründen. Sein Bruder wird dort stiller Teilhaber sein.

Auf der Rückseite dieses beinahe zwei Meter hohen Gemäldes können wir die Geburtsdaten der Eltern des Künstlers lesen, sowie den Satz: Diese meine lieben Eltern habe ich meinen Geschwistern und mir zum Andenken gemalt und zur Lust mein Söhnlein Otto Sigismund als 1 1/2 Jahr, und meines Bruders Jacob Söhnlein Friedrich als 3 1/2 Jahr. Wollgast im Sommer 1806. Im Herbst 1806 wird Napoleon bei Jena und Auerstedt die preußische Armee schlagen und danach in Berlin einziehen. Die kleine schwedische Flagge (Pommern ist damals noch schwedisch) auf einem der Schiffe im Hintergrund, die Runges Vater gehören, ist vielleicht eine Hoffnung, dass es nicht so schlimm werden kann.

Es gibt von dem Bild eine zweite, kleinere Version, eine Ölskizze. Die Kinder fehlen, die Lilie mit ihrer Symbolik fehlt, die gepflegt bürgerliche Kleidung von Runges Eltern ist einfacher gehalten, die Schiffe von Daniel Nikolaus Runge sind nicht zu sehen. Runges Eltern sind neunundsechzig Jahre alt, sie sehen älter aus. Runges Vater steckt noch im 18. Jahrhundert, er trägt noch eine Perücke. Das Ehepaar wirkt ein klein wenig verloren vor seinem Haus. Es fehlen die Kinder, Daniel Nikolaus Runge und Magdalena Dorothea haben elf Kinder, da müssen jetzt die Enkel mit auf das Bild, über das Alfred Lichtwark sagte: In der deutschen Kunst um 1806 steht es wie ein Wunder. 

Lichtwark meinte damit, dass es einzigartig sei und keine Vorbilder in der europäischen Malerei habe. Das sagt auch Mario Praz in Conversation Pieces, der größten Studie des Familienbilds. Allerdings mit leicht boshafter Ironie: There is nothing conventional in this severe, almost surly pair of old people dressed in materials hard as metal; solemnly taking a walk, they cross the sparse orchard and are considered with some misgiving by one of the grandchildren, who convulsively clutches a flower and who maybe a moment ago has given the grandmother the rose she holds in her left hand. One cannot suppose that she received it with a smiling face: one suspects that in the hands of such a formidable-looking woman any flower would soon wither. The house behind them looks like a prison wall; the free view of the water with its moored boats and of the sky (which is overcast by a black cloud) does nothing to dispel the sense of a cloistered and severe life communicated by the figures, the wall, and the toothed fence.

Mein Katalog der Hamburger Ausstellung ➱Runge in seiner Zeit aus dem Jahre 1977 sieht besser aus als dieser hier. Weil ich ihn mir neu gekauft habe. Nachdem ich den ersten Katalog damals durchgearbeitet habe, habe ich ihn einer Studentin der Kunstgeschichte geschenkte. À propos Studenten, kurz bevor ich die Uni verließ, belehrte mich eine Kollegin, dass man jetzt nicht mehr Studenten sagte. Das hieße jetzt Studierende. Ich sagte ihr, dass ich für solchen Unsinn zu alt sei. Und unterließ es höflicherweise zu sagen, dass es Schwachsinn sei, weibliche Schafe Schäfinnen zu nennen. Was sie in ihrer Vorlesung hartnäckig tat.

Man kann den Hamburger Katalog von 1977 (Prestel Verlag) antiquarisch noch bekommen, es ist vielleicht das Beste, das man zu Runge kaufen kann. In Hamburg war damals nicht nur das Werk von Runge zu sehen (die Hamburger Kunsthalle hat die größte Sammlung), sondern die ganze deutsche Romantik drumherum. Wie zum Beispiel Carl Joseph Begas oder ➱Friedrich Wasmann (Bild), der mittlerweile einen ➱Post hat. Die Philipp Otto Runge Ausstellung war zuerst in der Reihe der ➱Kunst um 1800 gar nicht vorgesehen, in den ersten zwei Jahren gab es ➱Ossian, ➱Caspar David Friedrich, Johan Tobias Sergel, ➱Johann Heinrich Füssli und ➱William Blake. Danach kamen in den nächsten vier Jahren Philipp Otto Runge, ➱William Turner, John Flaxman und Goya. Ein größeres Projekt hat die Hamburger Kunsthalle im 20. Jahrhundert niemals bewältigt. Bis auf die Sergel Ausstellung habe ich alle Ausstellungen gesehen, die ➱Ossian Ausstellung und die Caspar David Friedrich Ausstellung sogar mehrfach.

Jörg Traegers Katalog Philipp Otto Runge und sein Werk: Monographie und kritischer Katalog ist schwer zu bekommen. Er steht bei mir im Regal, weil ich damals Mitglied des Deutschen Kunstverein war, es war die Jahresgabe für die Mitglieder. Die Jahresgaben waren immer teurer als  der Jahresbeitrag, das hatte mir mein Freund ➱Peter gesagt. Als die Jahresgaben immer mickriger wurden, bin ich aus dem Verein ausgetreten. Aber wer sich für Runges Leben und Werk interessiert, ist auch mit kleineren Büchern gut bedient. Man bekommt zum Beispiel ➱Jens Christian Jensens Buch (DuMont) bei Amazon Marketplace ab einem Cent, und auch Frank Büttners bei C.H. Beck erschienenes Taschenbuch ist antiquarisch noch zu finden. Es ist ein schmales, kleinformatiges Buch (128 Seiten), aber es ist ein sehr gutes Buch.

Der Morgen ist die grenzenlose Erleuchtung des Universums, hat Runge gesagt. Lange hat er an dieser romantischen Weltvision gearbeitet. Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche Licht – mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut – atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Tier – vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. 

Wie ein König der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse, hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. – Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt. Das ist nicht von Runge, das steht in Novalis‘ ➱Hymnen an die Nacht (auf den ihn Tieck hingewiesen hatte), aber es passt zu diesem Bild, das den Zauber des ersten Sonnenlichts mit symbolischer Überhöhung auf die Leinwand bannt.

Mir wäre es lieber gewesen, wenn Runge Landschaften gemalt hätte. Denn als er an der ersten Fassung seiner schwebenden Aurora (➱Der kleine Morgen) arbeitet, malt John Constable ein Bild wie ➱diesesEs drängt sich alles zur Landschaft. Ist denn in dieser neuen Kunst — der Landschafterey, wenn man so will, — nicht auch ein höchster Punkt zu erreichen? der vielleicht noch schöner wird wie die vorigen? Ich will mein Leben in einer Reihe Kunstwerke darstellen; wenn die Sonne sinkt und wenn der Mond die Wolken vergoldet, will ich die fliehenden Geister festhalten, wir erleben die schöne Zeit dieser Kunst nicht mehr, aber wir wollen unser Leben daran setzen, sie würklich und in Wahrheit hervorzurufen –. Das hier ist eine Nillandschaft, Otto Runge war niemals am Nil, er war auch nicht in Italien oder Paris wie andere Maler seiner Zeit. Und die Nillandschaft ist keine freie romantische Phantasie, er braucht sie als Mittelteil für seine ➱Ruhe auf der Flucht.

Der Weg, den Sie betreten haben, ist um so rühmlicher, als er wahrscheinlich ein einsamer bleiben muß; ja was ist einsamer, als die Philosophie, da sie sich selbst verlassen muß, um sich zu belauschen? Ihr Bestreben ist mir daher stets so achtungswerth und rührend erschienen, da Sie gewissermaaßen die Augen schließen, um in sich hinabzusteigen und zu sehen, wie Sie zum Sehen gekommen; denn an solchem Bestreben sehe ich, daß das Leben der Kunst wahrlich verloren ist, indem der Künstler sich umsehen muß in sich selbst, um das Verlorne Paradies aus seiner Nothwendigkeit zu construiren. Das schreibt Brentano im Januar 1810 in einem ➱Brief an Runge, der wird aber keinen langen Weg mehr gehen, am Ende des Jahres ist er tot. In dem Jahr hat er noch die, wie er, an der Tuberkulose sterbende Sophia Sieveking gemalt, vielleicht sein letztes Werk.

Das hier ist Runges Portrait seines Freundes Friedrich August von Klinckowström, eines Mannes, der als preußischer Offizier anfängt und danach Direktor einer Erziehungsanstalt für adlige Knaben wird, daneben malt er aber auch noch. Wenn Klinckowström ihm aus Paris schreibt, ist Runge versucht, auch nach Paris zu gehen. Aber er fürchtet sich vor den vielen Einflüssen, seine Kunst soll ganz aus ihm heraus kommen. Rembrandt bedeutet ihm viel. Der ist ihm einmal im Traum erschienen und hat ihn seinen lieben Otto genannt, als er noch an der Kopenhagener Akademie studierte. Runge bleibt in Hamburg und schreibt an Klinckowström: Mir ist recht oft beklommen zu Muthe, dass ich so allein bin. Könnte ich es auf irgend eine Weise, die mir als Wunsch nur bekannt ist, dahin bringen, etwa 10 junge Leute von verschiedener Art ihre Studien zu betreiben anzuleiten! Aber dazu wird es nicht kommen, Runge, der in seinen Briefen mit beinahe allen Romantikern vernetzt ist, bleibt allein.

Haben Sie schon einmal mit diesen Karten Skat gespielt? Dieses Kartenspiel von Runge ist 1924 im Insel Verlag erschienen, es wurde nach den wiedergefundenen Originalstöcken von Friedrich Wilhelm Gubitz in der Spielkartenfabrik Altenburg hergestellt. Und damit bin ich bei einem anderen Philipp Otto Runge. Einem Mann, der ➱Gedichte schreibt, Spielkarten entwirft und ➱Scherenschnitte anfertigt. Und dann schreibt er auch noch Märchen, plattdeutsch. Die Sprache, mit der er aufgewachsen ist, er liebt sie. Vielleicht kennen Sie ➱Van den Machandelboom nicht, aber ➱Von den Fischer un siine Fru, das kennen sie bestimmt. Runge schickt es an die Brüder Grimm, die es in ihre Sammlung aufnehmen.

Und eines Tages wird Runge selbst zur ➱LiteraturNun hat man die eine von mir gebrachte mundartliche Mär ‚Von den Machandelboom‘ glücklich in die Leitung für ‚Einsiedler‘ aufgenommen, doch die andere, die ich gleichfalls vor Jahren auf der Insel Rügen einem alten Weib nachgeschrieben und überdies als Variation notiert habe, weil die Alte, wunderlich hartnäckig, mal so, mal so erzählt hat, nämlich die Mär ‚Von dem Fischer un syner Fru‘ liegt immer noch ungedruckt, wenngleich der Buchhändler Zimmer schon vor zwei Jahren den Herren Arnim und Brentano die Aufnahme des Märchens vom Butt in das Wunderhorn empfohlen hat. Hier ist nun Gelegenheit, erneut über die Sache, wie ich sie endlich doppelt vorlege, zu sprechen. Deswegen bin ich, auf Wunsch der Herren Grimm, von weither angereist. Denn eigentlich sollte ich vor meinem Bild sitzen. Das heißt ‚Der Morgen‘ und will und will nicht fertig werden.

So nett das bei Günter Grass ist, wir wollen dem literarischen Runge nicht das letzte Wort überlassen. Das letzte Wort soll der wirklich Runge haben, der gerne Platt snackt und der dabei ist, das Verlorne Paradies aus seiner Nothwendigkeit zu construiren. Im August 1810 schreibt Runge an Brentano: daß es mir in meinem Leben höchstens nur 1, 2, höchstens 3 Jahre erlaubt gewesen ist, ohne Unterbrechung, ein Künstler- oder vorzüglich ein Mahlerbestreben rein durchzuführen, so bin ich oft Jahre lang von aller wirklichen Arbeit durch so verschiedene Begebenheiten abgehalten, ja einige mahl mit der Aussicht, nie wieder dazu zu kommen. Daher habe ich so vieles angefangen, so wenig vollendet.

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