Weltlandschaften

Da links ist die schöne Welt, da rechts möchten wir nicht wohnen. Zwischen den beiden Welten ist das Wasser des Grauens, der Totenfluß Styx. Der flämische Maler Joachim Patinir, der am 5. Oktober 1524 in Antwerpen starb, hat dieses Bild gemalt. Wir wissen nicht so viel über Patinir. Er hat Dürer gekannt, und er war mit Quintin Massys befreundet.

Albrecht Dürer war sogar auf der Hochzeit von Patinir: Item am sondag vor der creutzwochen hat mich maister Joachim, der gut Landschafft mahler, aufsein Hochzeitgeladen und mir alle ehr erbotten. Dürer hat ihn auch gezeichnet, er sieht ein wenig traurig aus. Patinir hat Landschaften gemalt, er ist einer der ersten in Europa, der die Landschaftsmalerei pflegt. ➱Kenneth Clarke hat in ➱Landscape into Art über ihn gesagt, er sei the first painter to make landscapes more important than his figures. Häufig sind diese Landschaften das, was man eine ➱Weltlandschaft nennt.

Und er malt bizarre Felsen und bizarre Wolken in seine polychromen Landschaften. Farben, die sich Walt Disney nicht schöner hätte ausdenken können, Menschen spielen in der Landschaft keine Hauptrolle. Sie sitzen klein unten in der Ecke, wie hier der Heilige Hieronymus (der bei Dürer natürlich ganz anders aussieht). Kunsthistoriker reden da auch nicht von Menschen, sondern von der Staffage. Und es ist auch nicht das pralle Menschenleben, das die Niederländer Jahrhunderte später auf die Leinwand bringen, es sind Szenen aus der Bibel oder ausgewählte Heilige.

Patinir findet wenig Beachtung in seiner Zeit, er hat auch nur wenige Bilder (29?) gemalt. Manche sind umstritten, wie dies hier. Keine Menschen zu sehen, nur ein grasender Esel. Es ist wahrscheinlich eine Darstellung der Ruhe auf der Flucht, Maria und Joseph sind verloren gegangen. Nur der grasende Esel ist noch da, es ist noch ein langer Weg nach Ägypten. Das Bild hat dem Dortmunder Bierbrauer Josef Cremer gehört und ist später in den Besitz von Daniël George van Beuningen gekommen. Der es dem Museum Boijmans Van Beuningen schenkte, da hängt es immer noch (im Augenblick ist es für eine Ausstellung ausgeliehen).

Auf diesem Bild von der Taufe Christi hat Patinir wieder die ganze Welt abgebildet. Und die bizzaren Felsen durften nicht fehlen (die Kreidefelsen von ➱Caspar David Friedrich sind auch ein wenig bizarr). Kenneth Clark vermutet bei diesen wirklichkeitsfremden Felsen: Perhaps another reason for the unreal mountains of Gothic landscape was that medieval man did not explore them: he was not interested. Noch sind Berge für den Menschen ➱Warzen auf der Erde, Petrarca ist noch nicht auf den Mont Ventoux geklettert, die Ästhetisierung der ➱Bergwelt hat noch nicht begonnen. Dieses Bild beinhaltet übrigens eine kleine Sensation: die erste Darstellung des ➱Rheinfalls von Schaffhausen. Vielleicht sollte die ➱IWC mal ein Modell Joachim Patinir herausbringen, stilvoller als das Modell Boris Becker wäre das allemal.

Die Versuchung des Heiligen Antonius ist ein beliebtes Thema der Malerei, wahrscheinlich deshalb, weil man da nackte Frauen auf die Leinwand bringen kann. Ich glaube, ich habe das in dem Post ➱Aktmalerei schon gesagt. Die Frauen, die den tugendhaft asketischen Antonius hier in ➱Versuchung führen wollen, sind bekleidet, aber eigentlich interessieren sie uns nicht. Was uns interessiert, ist die Landschaft und der Himmel, der oben links bedrohlich die Versuchung orchestriert.

Dürer nannte seinen Kollegen einen Landschaftsmaler, aber die Gattung der Landschaftsmalerei wird noch lange brauchen, bis sie etabliert ist. So konstatierte der Engländer Edward Norgate in seinem Werk Miniatura; or, The art of limning im Jahre 1650: It is more than time to proceede to the second, which is Lanscape, or Landscape, (an Art soe new in England, and soe lately come a shore, as all the Language within our fower Seas cannot find it a Name, but a borrowed one, and that from a people that are noc great Lenders but upon good Securitie, the Duch). Perhaps they will name their owne Child.

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Pedersen + Pedersen

Pedersens gibt es in Dänemark wie Sand am Meer. Der berühmteste ist für manche der Erfinder des Pedersen Fahrrads. Aber über den will ich nicht schreiben, heute soll der Maler Carl-Henning Pedersen das Thema sein. Er wurde am 23. September 1913 geboren und ist berühmt dafür gewesen, dass er zur Gruppe CoBrA gehört hat. Die hat ihren Namen nach den Städten Copenhagen, Brüssel und Amsterdam, und der Name verursacht bei mir immer eine missliche Laune.

Weil ich mal ein Bild von einem Maler aus der Gruppe hätte kaufen können und es nicht getan habe. Ich ärgere mich noch heute. Es war ein quietscherotes Haus hinter einem grünen Deich, hätte mich dreihundert Mark gekostet. Das war im Sommer 1974, als man zur Kieler Woche Bilder der Gruppe Cobra und andere Maler aus Nordjyllands Kunstmuseum in Aalborg (hier der Katalog) sehen konnte. Manche der Bilder, wie eben dieses rote Haus, standen zum Verkauf. Reden wir nicht mehr darüber.

Carl-Henning Pedersen hat nicht nur wilde bunte Bilder gemalt, er hat auch in den achtziger Jahren den Dom von Ribe neu ausgemalt. Nicht mit diesem konventionellen neugotischen Kitsch, der alle Kirchen des 19. Jahrhunderts schmückt, sondern mit einer luftigen Fröhlichkeit, die einen ein wenig an die Welt von ➱Carl Larsson denken lässt. Da geht man fröhlich zum Gebet. I had painted it as a celebration of life. And then this clergyman said that I was a pagan … And if he had known … he’d have done what he could to prevent it, hat ➱Petersen gesagt.

Das Witzigste von Ribe war für mich immer der Heilige George mit diesem komischen kleinen Drachen im Eingang des Doms. Die älteste Domkirche von Dänemark, deren Steine man aus dem Rheinland herangeschifft hatte, hat einen hohen Turm, von dem aus man weit über die Nordsee gucken kann. Mir hat vor einem halben Jahrhundert ein Fremdenführer erzählt, dass man bei gutem Wetter bis England gucken kann. Aber das war natürlich gelogen.

Ich nehme an, dass ich das Katzenkopfportal von Ribe schon in dem Post Kirchen erwähnt habe. Was Katzen- oder Löwenköpfe betrifft, da kenne ich mich aus. Weil ich vor einer halben Ewigkeit die Vorlesung des Kopenhagener Professors Otto Norn (einem der Herausgeber des Standardwerks ➱Danmarks Kirker) gehört habe. Was Otto Norn damals nicht kennen konnte, war Pedersens Ausschmückung der Apsis des Doms mit Fresken, Glasfenstern und Mosaiken. Die lockt sogar Kinder in die Kirche, mehr kann man als Maler nicht erreichen. Wenn Sie hier klicken, können Sie das Ganze auch noch als Video sehen.

Ich habe auch einen Pedersen an der Wand, aber der ist nicht so berühmt wie Carl-Henning Pedersen. Mogens Jens Kragh Pedersenist auch 1913 geboren und war auch Autodidakt, war aber nie bei der Gruppe Cobra (obgleich er mit diesem Bild aus den dreißiger Jahren hätte dahin finden können), und ist auch keine 93 Jahre alt geworden wie Carl-Henning Pedersen. Mein Pedersen ist eigentlich kein Pedersen, sondern ein Kragh Pedersen.

Er war der Sohn des Malers Hjalmar Alexander Kragh Pedersen, von dem ich hier mal eben eine geheimnisvolle Landschaft abbilde, die ein wenig an die ➱pittura metafisica erinnert. Mogens Pedersen hat bei seinem Vater und Kræsten Iversen gelernt. Er hat zahlreiche Preise und Stipendien bekommen. Die erstaunlichste Zeit in seinem Leben war die Zeit von 1939 bis 1941, da überraschte ihn der Krieg, als er in Frankreich war. Er blieb. Nicht irgendwo – im Haus von Auguste Renoir in Cagnes-sur-Mer. Von dort schickte er ständig Artikel (mit vielen eigenen Ilustrationen) über das Haus und das Leben in Frankreich an die Zeitung Social-Demokraten. Mogens Pedersen ist Sozialist. Carl-Henning Pedersen, der sich einmal furchtbar mit Bert Brecht gestritten, als der im dänischen Exil lebte, ist Kommunist.

Ähnlich wie Carl-Henning Pedersen eine Kirche bemalt, hat auch Mogens Kragh Pedersen Wände bemalt. Sechs Jahre lang (1925-1931) hat er als Assistent von Kræsten Iversen den Rittersaal und den Thronsaal von Schloss Christiansborg ausgeschmückt. Da lernt man künstlerisch wenig, aber technisch sicherlich sehr viel. Carl-Henning Pedersen erhält in dieser Zeit Malunterricht bei der dänischen Malerin ➱Else Alfelt, die er später heiraten wird.

So modern wie dieses Bild hier ist mein Mogens Pedersen nicht, der ist eher handfest naturalistisch. Ein wenig modern aber schon. Mein Bild zeigt einen Flur in einem Bauernhaus, der auf eine Tür zum Garten zuläuft. Der Rahmen der Tür rahmt ein kleines Bild im Bild, das Draußen. Voller saftigem Grasgrün, im Hintergrund ein beginnender dunkler Wald. In der Bildmitte ein herrlicher impressionistischer Misthaufen. Anna Ancher hat solche Interieurs gemalt. Die ➱Holländer natürlich auch (wie in diesem Bild von ➱Jan Hendrik Weissenbruch), in Vermeers Liebesbrief ist auch ein Bild im Bild gerahmt. Sie könnten jetzt mal eben den Post ➱Peepshow anklicken. Es gibt auf dem Bild keine Menschen, keine Hühner, keine Gänse. Eine Studie in Licht und Schatten. Auf dem Boden des Flurs ist ein großer Lichtfleck, aber ich weiß nicht, woher das Licht kommt. Man muss nicht alles wissen.

Ich liebe diese Geschichte von Robert Walser, wie er mit seinem Gönner Carl Selig am Wochende durch die Schweiz wandert. Am Wochenende, da hat er Ausgang aus der Anstalt. Einmal weigert er sich ein klosterähnliches barockartiges Gebäude zu betreten: Das ist alles viel hübscher von außen. Man muss nicht hinter alle Geheimnisse kommen wollen: Das habe ich mein ganzes Leben so gehalten: Ist es nicht schön, dass in unserem Dasein so manches fremd und seltsam bleibt, wie hinter Efeumauern? Das gibt ihm einen unsäglichen Reiz, der immer mehr verloren geht. Brutal wird alles begehrt und in Besitz genommen.

Wenn ich ein Mobiltelephon hätte, könnte ich das Bild ja photographieren, aber ich habe keins. Mein Gemälde mit dem Durchgang zum Garten ist signiert, und ein dänischer Kunsthändler hat hinten auf einem angeklebten Zettel eine kurze Biographie aufgetippt. Die 1931 endet, ich nehme mal an, dass das Bild aus den frühen dreißiger Jahren stammt, bevor Mogens Kragh Pedersen zum diesem hellen Kubismus fand.

Carl-Henning Pedersen ist natürlich viel berühmter als mein Mogens Pedersen, er ist neben Asger Jorn wohl Dänemarks berühmtester Künstler des 20. Jahrhunderts. Seine Bilder sind teuer, die von Mogens Pedersen nicht so sehr. Man kann die sogar bei ebay finden. Carl-Henning Pedersen hatte einen Danebrog Orden bekommen. Mogens Pedersens Lehrer Kræsten Iversen auch. Und die Königin wird mir den irgendwann auch noch verleihen, weil ich immer so nette Dinge über Dänemark schreibe. Die Sie gerne lesen, weil diese Posts, von den Leserzahlen her, alle Bestseller sind.

Lesen Sie auch: Mein Dänemark, Dänische Kunst, Des Königs Jaguar, Skagen, Skandinavische Mode, Niels Bohr, Nordlichter

 

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Kühe

Vor neun Jahren gab es in der Hamburger Kunsthalle eine große Ausstellung für Jakob Philipp Hackert. Mein Freund Götz klagte darüber, als er aus Hamburg zurückkam, wie da versucht wurde, einen zweitklassigen Maler zu einem bedeutenden Künstler zu stilisieren. Der Ausstellungstitel Europas Landschaftsmaler der Goethezeit war schon ein wenig zu hoch gegriffen. Mein Freund Götz besitzt einen  Atkinson Grimshaw und einen Gainsborough, der nicht ganz echt ist. Und er ist in den letzten Jahrzehnten bestimmt in allen wichtigen Ausstellungen gewesen. Sein Urteil wird sicher stimmen. Ich habe mir Hamburg geschenkt, ich mag Hackert nicht. Der Maler wurde heute vor 280 Jahren geboren, deshalb soll er einen kleinen Post bekommen. Aber wirklich nur einen kleinen.

Goethe mochte ihn: In Tivoli war ich mit Herrn Hackert draußen, der eine unglaubliche Meisterschaft hat, die Natur abzuschreiben und der Zeichnung gleich eine Gestalt zu geben. Ich habe in diesen wenigen Tagen viel von ihm gelernt […]. Herr Hackert hat mich gelobt und getadelt und mir weitergeholfen. Er tat mir halb im Scherz, halb im Ernst den Vorschlag, achtzehn Monate in Italien zu bleiben und mich nach guten Grundsätzen zu üben; nach dieser Zeit, versprach er mir, sollte ich Freude an meinem Arbeiten haben.

Diese Darstellung der Wasserfälle von Tivoli ist von Hackert, nicht von Goethe.

Goethe hat auch den Nachruf für seinen Zeichenlehrer geschrieben, Teile davon habe ich in dem Post ➱Johann Adam Ackermann zitiert (es ist ein Post, den die Leser lieben). Der Mainzer Maler Ackermann war genau wie Hackert in Paris, aber er hatte mit ➱Jacques-Louis David einen berühmten Lehrer. Wirklich berühmte Lehrer hat Hackert nie gehabt. Dafür konnte er ganz gut Kühe malen. Nicht so gut wie ➱Thomas Herbst, aber immerhin. Hackert kaum aus einer Künstlerfamilie, Vater und Onkel waren Maler, vier seiner Brüder auch. In Berlin war Hackert Schüler bei Blaise Nicolas Le Sueur, der ein Akademiedirektor, aber kein bedeutender Maler war.

Goethe ist mit seinen Aussagen über die Bildende Kunst immer mit Vorsicht zu genießen. Über Caspar David Friedrich hat er gesagt: Die Bilder von Maler Friedrich können ebensogut auf den Kopf gesehen werden. Wir lassen das mal so stehen. Es ist Goethe (oder dem Hofrath Heinrich Meyer, die Autorenschaft ist nie wirklich geklärt) wohl klar, dass er sich bei seinem Nachruf auf Hackert auf gefährlichem Terrain bewegt, wenn er schreibt:

Hackerts Verdienst als Landschaftsmaler und das Eigentümliche seiner Werke klar auseinanderzusetzen, ist keine leichte Aufgabe, teils weil er die Prospektmalerei hauptsächlich emporgebracht und noch bis jetzt von niemand darin übertroffen worden, teils weil zwar wohl das Publikum, aber nicht immer die Kunstrichter seinen Talenten und seiner großen, höchst achtbaren Kunstfertigkeit Ehre und Recht haben widerfahren lassen. Damit aber der vorgesetzte Zweck möge erreicht werden, so wird sich der Leser einige Rückblicke auf den Zustand oder vielmehr auf den Gang der Landschaftsmalerei seit dem 17. Jahrhundert gefallen lassen.

Und dann erwähnt er den Namen Claude Lorrain, an dieser Stelle könnte er eigentlich aufhören. Denn was gibt es bei Hackert, was es bei Lorrain (der ➱hier natürlich einen Post hat) nicht gibt? ➱Poussin könnte man auch noch erwähnen. Gut, die Kühe, wir lassen sie mal beiseite. Dies ist eine gefällige konventionelle Malerei, aber man mag nicht an die englische Landschaftsmalerei des ➱18. Jahrhunderts denken, an Namen wie ➱Richard Wilson oder ➱Thomas Gainsborough.

Sollten Ihnen etwas von J. Ph. Hackerts Umrissen oder ausgeführten Zeichnungen in die Hände kommen, so legen Sie mir solche bey Seite; um leidlichen Preis werde ich sie immer gern behalten, da sie mich an die Zeiten erinnern, wo ich mit diesem trefflichen Manne glückliche Tage verlebte und ihn nicht ohne Belehrung nach der Natur arbeiten sah, hat Goethe an einen Leipziger Kunsthändler geschrieben. Er schätzte Hackert immer noch.

Und das tun in Europa damals viele: Hackert ist als Landschaftsmaler beachtenswerth, da er in der Zeit thätig ist, in welcher die Kunst sich aus dem Manierismus zu erheben anfing; er hat das Verdienst, sich der Natur zugewendet zu haben. Wenn ihn die Zeitgenossen den größten Landschaftsmaler nannten, so ist das Urtheil der Nachwelt nüchterner geworden, heißt es in 1872 in der Deutschen Biographie.

Hackert hat zu Lebzeiten gut verdient, er hat für die russische Zarin und viele europäische Herrscher gearbeitet. Der König von Neapel machte ihn zum Hofmaler. Die Hunde der Lady Hamilton hat er auch gemalt, für ihren Gatten war er ebenso tätig. Und da ich die Geliebte von ➱Lord Nelson erwähne, sollte ich auch sagen, dass viele englische Touristen auf ihrer ➱Grand Tour bei ihm ein Bild kaufen. Sie mögen ihn, diesen Mann, der auch noch im katholischen Neapel ein protestantischer Preuße bleibt. Und der stilvoll residiert. In einer Wohnung in einem Palazzo, die er mit Künstlergeschmack möblieren ließ und mit Zufriedenheit bewohnt.

Das schreibt wieder Goethe: Heute besuchten wir Philipp Hackert, den berühmten Landschaftsmaler, der eines besondern Vertrauens, einer vorzüglichen Gnade des Königs und der Königin genießt. Man hat ihm einen Flügel des Palasts Francavilla eingeräumt, den er mit Künstlergeschmack möblieren ließ und mit Zufriedenheit bewohnt. Es ist ein sehr bestimmter, kluger Mann, der, bei unausgesetztem Fleiß, das Leben zu genießen versteht. Dann gingen wir ans Meer und sahen allerlei Fische und wunderliche Gestalten aus den Wellen ziehen. Der Tag war herrlich, die Tramontane leidlich. Das Bild hier ist von Tischbein gemalt, Hackert hat Goethe nicht gemalt.

Er konnte keine Menschen malen. Nur Kühe. Und so malt sich unser Hackert durch die Campagna und stellt beinahe fabrikmäßig italienische Landschaften her. Aber eine Landschaft hat er nie gemalt. Nämlich die Uckermark, die Landschaft aus der er kommt. Stimmt nicht ganz. Er hat die ➱Stubbenkammer (im Bild links) gemalt, wandfüllend für seinen Mäzen Adolf Friedrich von Olthoff im ➱Gut Boldevitz auf Rügen. Die Rettung der von der Zerstörung bedrohten Bilder hat beinahe eine halbe Million Euro gekostet, dafür kann man jetzt in dem restaurierten Festsaal stilvoll heiraten.

Dies sollte ein kleiner Post werden. War wieder nix.

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Grundstückspreise

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstehen überall in Europa Künstlerkolonien. Von Barbizon bis Skagen und ▹Worpswede. Aber nicht nur in Europa, auch in Amerika, wie man an dem Buchtitel American Art Colonies 1850-1930 entnehmen kann. Eine dieser Kolonien ist die Farm von Julian Alden Weir, der am 30. August 1852 geboren wurde. Er hatte seine Farm billig gekriegt, der Verkäufer nahm 10 Dollar dafür. Und ein Gemälde, das Weir besaß. Ein Gemälde und zehn Dollar sind kein schlechter Preis für 619.169 Quadratmeter. Die Farm, auf der berühmte amerikanische Maler gearbeitet haben, ist heute ein National Historic Site.

Der Mann, der Weir die Farm verkauft, heißt Erwin Davis. Im Gegensatz zu Johann August Sutter, dem ▹Kaiser von Kalifornien, ist Davis jemand, der am kalifornischen Goldrausch wirklich etwas verdient. Er besitzt Silberminen und spekuliert in Minengeschäften. Als er sich aus dem Geschäft zurückzieht, geht er nach New York und kauft europäische Kunst. Er hat zwar davon keine Ahnung, wie die meisten Millionäre des Gilded Age, aber er hat seine Leute. Einer davon ist der junge Maler Julian Weir. Der kauft 1881 in Europa  eine ganze Sammlung von Rembrandt Radierungen und dreißig Gemälde für Davis. Zwei der Gemälde sind von Manet, die Dame mit dem Papagei und den Knaben mit dem Schwert. Es sind die ersten Bilder von Manet in Amerika.

Weir kauft auf seiner Europareise auch noch für andere Sammler. Zum Beispiel mein Lieblingsbild ▹The Battle of the Kearsarge and the Alabama von Manet (heute in Philadelphia). Die amerikanischen Millionäre vertrauen ihm, sie geben ihm viel Geld in die Hand. Für den Bankier ▹Henry Gurdon Marquand wird er 1883 in London für 25.000 Dollar einen ▹Rembrandt kaufen. Damals war es ein Rembrandt, heute heißt es nur noch attributed to Rembrandt. Das ist so ähnlich wie bei dem ▹Bremer Rembrandt.

Den Tip mit Manet hatte ihm der Maler William Merritt Chase gegeben. Chase hat ▹hier schon einen ausführlichen Post, deshalb kann ich diesen hervorragenden Maler mal eben weglassen. Und ▹Manet kann ich auch weglassen, weil der immer wieder in diesem Blog erwähnt wurde. Was wir hier sehen, ist ein Bild, das Weir auf seiner Farm gemalt hat. Frisch, und gekonnt gemalt, aber der Impressionismus, zu dem er in den 1890er Jahren finden wird, ist noch weit weg.

Auch wenn er im Schatten von amerikanischen Malern wie John Singer Sargent und William Merritt Chase steht, Weir ist nicht ohne Erfolge. Dieses französische Bauernmädchen hat er 1875 gemalt, der Pariser Salon zeichnet es im nächsten Jahr mit einem Preis aus. Mit dem Impressionismus hat Weir damals noch nichts im Sinn, den fand er fürchterlich: I never in my life saw more horrible things … They do not observe drawing nor form but give you an impression of what they call nature. It was worse than the Chamber of Horrors.

Julian Alden Weir, ist auf diesem Photo im Vordergrund, der Herr im Hintergrund wirkt sehr klein, aber er ist ein größerer Maler als Weir. Es ist sein Freund John Singer Sargent. Weir hatte ihn 1874 in Paris kennengelernt und sich notiert: Such men wake one up, and his principles are equal to his talents, I hope to have his friendship. Die Freundschaft mit Singer wird er bekommen, zuerst teilen sich beide in Paris ein Atelier und später wird Sargent seinen Freund immer wieder auf der Farm in Connecticut besuchen.

Drei Jahrzehnte vor dem Photo oben, das einen Monat vor dem Tod von Weir im Jahre 1919 gemacht wurde, hat Weir seinen Freund John Singer Sargent gemalt: I met this last week a young Mr. Sargent about eighteen years old and one of the most talented fellows I have ever come across. Ein anderer Zeitgenosse bekommt nicht so nette Worte von ihm. In einem Brief an seine Eltern redet er von a snob of the first water, a first class specimen of an eccentric man. Sein Vater wird da gelächelt haben, als er das las, denn ▹James Abbott McNeill Whistler war einmal sein Schüler an der Militärakademie West Point, wo Weir Senior Zeichenlehrer war.

Welches Bild Weir gegen die Farm eintauschte, wird ein Geheimnis bleiben, in keiner der Quellen, die ich eingesehen habe, wird es erwähnt. Vielleicht ist es auch nur eine gut erfundene Geschichte, und Weir hatte die Farm, auf der eines Tages ▹Childe Hassam, ▹Albert Pinkham Ryder, John Singer Sargent und John Twachtman malen werden, von Davis geschenkt bekommen. Als Dank dafür, dass Weir ihm diese schöne Kunstsammlung zusammengekauft hat.

Das Kornfeld da oben gefällt mit besser als die rote Brücke hier, aber die gilt als ein Hauptwerk von Weir. Der Mann, der 1877 an seine Eltern schrieb: I never in my life saw more horrible things, ist inzwischen zum Impressionismus übergegangen. Sag niemals nie. Really, I know not what I am best at. I believe I am a fisherman, dreamer and lover of nature . . . if I lived to 102 I might become an artist, hat er im Alter gesagt. 102 Jahre ist er zwar nicht alt geworden, aber ein guter Maler war er vorher doch schon.

Auf dieser ▹Seite können Sie viele Bilder von Weir sehen. Und noch mehr amerikanische Kunst aus dieser Zeit in den Posts: John French Sloan, William Merritt Chase, Thomas Eakins, Winslow Homer Frank Duveneck, Lilla Cabot Perry, Armory Show, Malerinnen

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Geburtstagskinder

Der ▹Herr, der hier auf die Bremer Stadtmusikanten hinweist, hat heute Geburtstag. Deshalb kriegt er einen kleinen Post. mit meinen Glückwünschen. Er erfreute die Leser dieses Blogs ja mit seinen Karikaturen schon häufig. Wie dem wunderbaren Hahn in ▹Politisch Lied, den schlittschuhlaufenden ▹Stadtmusikanten oder dem ▹badenden Bischof.

Das Äußere täuscht, man sieht es diesem soignierten Herren nicht an, dass er, wenn man ihm einen Stift oder einen alten Füllfederhalter in die linke Hand drückt, ganz fies und böse sein kann. Man würde eher vermuten, dass er in seinem Leben etwas ganz anderes gemacht hat, als Cartoons zu zeichnen. Hat er auch: Jurastudium, Polizeirat bei der Kripo, Staatsanwalt, Professor für Strafrecht. Und das ganze Leben lang gezeichnet, in der Schule schon. Unter der Bank. Damals hat niemand von uns gedacht (er wohl auch nicht), dass seine Cartoons eines Tages in ▹Ausstellungen zu sehen sein würden.

Er hat auch immer photographiert, wie wir alle. Hatte ein Photolabor auf dem Boden, meins war im Keller. Er durfte auch manchmal eine der ▹Leicas seines Vaters benutzen. Ich war damals schon über meine ▹Werra glücklich. Ich verdanke ihm den Abzug von einer Glasplatte mit der kaiserlichen Yacht Iduna (die Geschichte steht schon in dem Post ▹Max Oertz). Und ich verdanke ihm auch die Platten, die er mir aus Amerika schickte, ▹Harry Belafonte und ▹Jazz. Dafür haben wir ihn auch nett begrüßt, als er aus Amerika kommend wieder in Rotterdam ankam. Er ist der zweite von links, der ohne Schlips. Ich trage so etwas natürlich, tat man damals, wenn man neunzehn war. Aber immerhin trägt er stilvoll einen Anzug. Das gehört sich auch für den Sohn des besten ▹Herrenausstatters im Ort.

Noch ein anderer Cartoonist hat heute Geburtstag, der etwas berühmter ist als mein Freund Ekke. Hier wird er gerade von Donald Duck gemalt. Das ist die Ente mit dem ▹Kieler Knabenanzug, die Carl Barks erfunden hat. Ich hätte heute aber noch mehr Geburtstagskinder anzubieten, die mit Feder und Pinsel umgehen konnten.

Carl Barks zählt nicht unbedingt zu den Vorbildern von Ekke Dahle. Von Journalisten nach seinen Vorbildern gefragt, hat er ▹Wilhelm Busch und Olaf Gulbransson genannt. Und Tomi Ungerer, Robert Gernhardt und Til Mette. Aber auch ▹Ronald Searle und Sempé. An ▹Sempé kommt niemand vorbei. Alle Namen sagen mir etwas, weil ich vor einem halben Jahrhundert begonnen haben, die Bücher von Cartoonisten zu sammeln. Ich habe schon zweieinhalb Regalmeter. Ekke bestimmt auch.

Als ich für die Bibliothek des Englischen Seminars Bücher von ▹Ronald Searle anschaffte, wurde ich von Kollgen gefragt, was das solle. Ich fragte die Banausen, was denn die englische Kultur ohne Hogarth ohne ▹Thomas Rowlandson, ohne ▹James Gillray etc wäre? Wir können das noch weiter denken. Was ist mit einer Kultur, in der es keine Karikatur und eine Cartoons gibt? Glücklicherweise haben die Engländer seit dem 18. Jahrhundert einen Reichtum von Karikaturisten. Haben zum Beispiel diesen wunderbaren Searle Cartoon (Sorry Madam, no smoking in the museum), übrigens eine Variante eines älteren ▹Cartoons. Searle hat die nackte Raucherin für den französischen Figaro gezeichnet, eine englische Zeitung hätte das wahrscheinlich 1955 nicht gedruckt. Die Engländer entdecken erst mit ▹Christine Keeler, dass es so etwas wie Sex gibt. Wir können an diesem Cartoon das Selbstverständnis zweier Kulturen festmachen. ▹Roland Barthes und ▹Leo Spitzer haben uns gezeigt, wie man das macht.

Das berühmteste Geburtstagskind der malenden Zunft des heutigen Tages ist natürlich George Stubbs, aber über den gibt es heute hier nichts. Der hat mit ▹George Stubbs und ▹Bildbschreibung schon zwei Posts. Ich möchte lieber zum Schluss auf eine vielleicht wenig bekannte Malerin hinweisen, die Stimmungsimpressionistin Marie Egner hinweisen, weil die nicht so bekannt ist. Dieses  Bild zeigt einen Blick aus ihrem Atelier in der Klagbaumgasse im 4. Bezirk um 1890. Viele Maler haben einen Blick aus dem Fenster geworfen und gemalt, was sie da draußen sahen.

In dem Post zu ▹Friedrich Wasmann findet sich zum Beispiel der schöne Blick in die Campagna. Und zu dem Blick von ▹Blechen aus dem Fenster des Hauses Kochstraße 9 in Berlin hat Theodor Fontane gesagt, dass er das Bild gern in seinem privatesten Raum gehabt hätte. Vielleicht schreibe ich einmal einen Post über Fenster in der Malerei. Da darf das Bild von ▹Sir John Lavery nicht fehlen, und ▹Thomas Jones, dessen Bilder man mit Marie Egners Bild vergleichen kann, kommt da auch vor. Natürlich kann man beim Blick aus dem Fenster auch diese pastorale Idylle unseres Geburtstagskinds, dem ich hiermit herzlich gratuliere, sehen.

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Friedrich Wasmann

So habe ich denn damals, in einem entlegenen Erdenwinkel in größter Abgesondertheit lebend und meine eigene künstlerischeTätigkeit beiseite schiebend, eine für mich gänzlich fremde Arbeit unternommen: die Vorbereitung zur Herausgabe eines noch nicht druckreifen Manuskripts mit vielen in den Text eingefügten Lichtdrucken; es war dies aus der Ferne und bei den Forderungen, die ich auch an die äußere Form eines Buches stellte, keine leichte Arbeit.

Das schreibt der norwegische Maler Bernt Grönvold, den Lovis Corinth 1923 gemalt hat (Bild), über das Buch Friedrich Wasmann: Ein deutsches Künstlerleben von ihm selbst geschildert. Der Hamburger Maler, den ich letztens in dem Post über  Philipp Otto Runge erwähnte, wurde am 8. August 1805 in Hamburg geboren, wo er auch bei Christoffer Suhr seine malerische Ausbildung erhielt. Wasmann ging danach an die Dresdener und dann an die Münchener Akademie. Ständig kränkelnd ließ er sich für zwei Jahre in Meran nieder, bevor er für drei Jahre nach Italien ging.

In Rom traf er (hier ein Selbstportrait) Künstler wie ➱Friedrich Overbeck, ➱Joseph Anton Koch und ➱Bertel Thorvaldsen, geriet unter den Einfluss der Nazarener und konvertierte zum Katholizismus. Doch drei Jahre Rom waren dem Hamburger genug, er kehrt an die Alster zurück. Lernt eine Frau kennen, die er 1845 heiratet und zieht mit ihr nach Meran. Wo er im Alter von 81 Jahren sterben wird. Das ist die Kurzfassung des Lebens des Malers, seine Autobiographie ist natürlich länger. Sie endet mit den Worten: Dieses habe ich in meinem zweiundsechzigsten Lebensjahre geschrieben und bittedie, welche es lesen, um ein Vaterunser, damit ich bei Gott Gnade und Vergebung der Sünden finden möge.

Wasmann hat erstaunliche Bilder gemalt, wie diesen ➱Blick in die Campagna (1835), ein Bild, das die Hamburger Kunsthalle besitzt. Die, dank ➱Alfred Lichtwark, viele Bilder von ihm hat. Als Bernt Grönvold zehn Jahre nach dem Tod von Wasmann dessen Lebenserinnerungen herausgab, war das Buch, das in fünfhundert Exemplaren erschien, leider ein Flop: Das Buch fand keine Beachtung. Ich hatte ein Echo, einen etwas wärmeren Empfang des neuen Kömmlings erwartet. Als nach neun Iahren kaum siebzig Exemplare Käufer gefunden hatten, zog ich die übrigen aus dem Buchhandel zurück. Man kann es (in der der Neuauflage von 1915) heute immer noch antiquarisch finden, ich habe für mein Exemplar drei Euro bezahlt. Die sich unbedingt lohnten.

Dabei hatte das Buch einen berühmten Fürsprecher gehabt. Na ja, berühmt war er noch nicht, er war noch keine zwanzig, als er diese Buchbesprechung schrieb: Vor einigen monaten ist einer unsrer liebenswürdigsten maler im geist der ersten hälfte des jahrhunderts einer unverdienten vergessenheit entrissen worden .. es war dazu nötig dass drunten im südlichen Tirol der nachlass des aus Niederdeutschland gebürtigen künstlers von einem heutigen künstler der ein Norweger ist entdeckt und gesammelt und in einer mit fleiss und opfern hergestellten schönen ausgabe dem deutschen volk zugänglich gemacht wurde.

Das vorliegende buch das mit einer selbst-lebens-beschreibung Wasmanns eine reihe von zeichnungen und gemälden aus den jahren 1828–35 in guten steindruck-nachbildungen enthält und das allein die bekanntschaft mit dem in keiner öffentlichen sammlung vertretenen meister vermitteln kann ist wol von ausgezeichneten kunstkennern wie Hermann Schlittgen dringend empfohlen worden hat aber in weiteren kreisen die würdigung noch nicht gefunden die es verdient.

Mögen wir auch zugeben dass durch eine gewissenhafte und feine auswahl der wert der angebotenen schöpfungen ungemein erhöht wird und wir minderwertiges gar nicht zu gesicht bekommen so ändert das wenig an unsrer bewunderung für den mann der fern vom markte der ausstellungen fern vom drang der bestellungen schweigend und unbekannt zur zeit des Nazarenertums d.h. der allgemeinen formerstarrung mit der selbständigkeit der auffassung die reinheit der linien mit der vollendeten festigkeit und sicherheit eine keusche wahrhaft rührende anmut verband.

Schon in einer sehr frühen bleizeichnung … zieht uns eine den zwang der schule durchbrechende eigenart an: in dem männlichen bildnis sehen wir die ganze verträumte jugend von damals mit dennoch einer festen und scharfen schönheit .. fast wie ein Rafael wirken die höchst einfachen striche die einen jüngling bilden · wie uns scheint einer von denen die voll von kühnen unschuldigen träumen und von himmlischen erwartungen ihre strasse nach Italien zogen.

Von bezaubernder innigkeit sind die mädchenköpfe … besonders das zweitgenannte auf getöntem papier … bei aller kindlichen und jungfräulichen reinheit liegt in diesem antlitz das bedeutungsvoll die augen aufschlägt ein so grosses trauriges verzichten dass wir ganz die jahreszahl vergessen und meinen die neuesten Engländer und Franzosen vor uns zu haben und zwar die besten. Manche dieser bildnisse sind uns eine enthüllung: so deutlich haben wir noch nie gestalten jenes abschnitts gesehen den man die Romantik nennt · ohne verschwommenheit und verweichlichung die helden Jean Pauls: wir bekommen ein neues bild jener stillglühenden und tiefblauen zeit.

Eine andre seite von Wasmanns kunst zeigen uns die ölbilder aus einem späteren abschnitt seines lebens mit noch gesteigertem sinn für das wirkliche .. wol müssen wir die farben dazu ersinnen (sie werden eher verschwiegen als leuchtend sein) aber es genügt die haltung jener Alten zu betrachten die bei meisterhafter behandlung der gewandung in ihrer behäbigen güte soviel menschliche ewige schönheit mitbekommen hat · oder den etwas geduckt dasitzenden keineswegs liebeerweckenden menschen den ich mir vorstelle mit seinem ledergelben südländergesicht das sich vom etwa blauen sammt des sessels abhebt: es ist darin etwas vom bestreben der Alten Meister die die abschreckende hässlichkeit geistlicher und weltlicher würdenträger so unvergänglich verklärt haben.

Dem maler dem mann von handwerk werden zulezt einige skizzen und entwürfe eine besondere aufmerksamkeit abringen · einige ganz geringfügige dinge mit einer einfachheit und fertigkeit hingeworfen wie es nur die Japaner vermögen: dort ein lamm · dort ein hahn · dort eine ziege. Die lebensbeschreibung die keine erläuterung zu den abbildungen gibt läuft selbständig als text mit. Sie ist im schlichten ehrlichen manchmal schattierungslosen ton damaliger zeit abgefasst .. dort finden wir aber auch – abgesehen von der teilnahme die das leben dieses merkwürdigen mannes erwecken muss – so feine beobachtungen und einflüsternde wendungen wie sie nur dem grossen schriftsteller gelingen.

So lesen wir in den kindererinnerungen: Bald zogen kosakenpulks · lieder in melancholischen molltönen singend in langen zügen über den deich · bald französische reiterscharen · die langsam vorüberreitend und niedergebeugt auf uns kinder die wir sie neugierig anblickten traurig und matt herabsahen · bei der betrachtung einer Medusenmaske stehen die worte: was ich damals nicht verstand ist mir jezt klar und erscheint mir wie ein bild der von Gott getrennten unerlösten natur die wie der blick der schlange das auge des menschen bezaubert die seele erstarren macht und in tödlichen schlaf versenkt · in der Italienreise findet sich der abschluss: Die menschen schienen mir einen wehmütigen zug im gesicht zu haben den ich bis dahin nie gekannt hatte als wären sie auf einer wallfahrt durchs leben begriffen und bewegten selbst mitten im geräusch des tages und bei der arbeit die lippen zu stillem gebet.

Sie werden es nicht glauben, der junge Kunstkritiker ist niemand anderer als ➱Stefan George.

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Sturmeshöhe

Ich weiß nicht, warum Emily Brontë noch nicht in diesem Blog aufgetaucht ist, erwähnt wurde sie schon, of all places, in dem Post ➱Ermenegildo Zegna. Und das nicht aus schier Schandudel, wie wir Bremer so sagen, das hat schon seine Berechtigung. Die Brontës werden auch noch in den Posts ➱Arno Schmidt und ➱Jean Rhys erwähnt. Emily wurde heute vor 199 Jahren geboren, und obgleich sie mit ihren Schwester in relativer Obskurität lebte und das Publikum ihre Werke nicht liebte (hier die ersten ➱Rezensionen), ist sie doch nicht vergessen. Ihr Roman Wuthering Heights ist x-mal verfilmt worden, und das Pfarrhaus von Haworth in Yorkshire ist zu einem ➱Museum und einem touristischen Wallfahrtsort geworden.

Das sind die drei Brontë Sisters (von links Anne, Emily und Charlotte), gemalt von ihrem Bruder Patrick Branwell im Jahre 1834. Branwell wollte Maler werden, aber er ist früh gestorben. Tuberkulose, Alkohol und ➱Laudanum, die Lieblingsdroge der englischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, da kommt einiges zusammen. Das Wetter im Moor von Yorkshire entspricht auch nicht gerade dem Klima des ➱Zauberbergs.

Auf dem Bild der drei Schwestern war wohl ursprünglich auch Branwell Brontë in der Mitte, jetzt ist der bright star, auf den der Vater so große Hoffnungen setzte, unter dieser gelben ➱Säule verborgen. Hatte er erkannt, dass es mit seinem Talent nicht so weit her war? Patrick Brontë war aus Irland nach England gekommen, er änderte als erstes seinen Namen von Brunty in Brontë. Als er die Pfarrstelle in Haworth bekommt, wo er 170 Pfund im Jahr verdient, gibt er sehr viel Geld für Maler aus, die seinem Sohn die Kunst der Malerei beibringen sollen. Aber das Beste, was der Filius hinkriegt, ist dies Portrait seines Freundes John Brown. Er ist wirklich kein Genie.

Mit diesem Bild haben Sie wahrscheinlich an dieser Stelle nicht gerechnet. Ich könnte natürlich sagen, dass ich damit testen will, ob Sie als Leser noch bei der Sache sind. Eine rein didaktische Maßnahme. Als ich an der Heeresoffizierschule war, hatten wir einmal einen Nachmittag lang Unterricht über russische Waffen und Uniformen, tausende von Dias. Und da die amerikanischen Geheimdienstoffiziere, die die Show machten, wussten, dass jeder im Saal nach hundert Dias vom russischen T34 einschläft, mischten sie in unregelmäßigen Abständen Pin-Ups dazwischen. Anne Bancroft, die in ➱The Graduate eine Mrs Robinson spielt, hat hier aber schon eine Bedeutung. Sie werden es nicht glauben, aber Branwell Brontë ist einmal Hauslehrer bei einer Familie Robinson und fängt da etwas mit Mrs Robinson an. And here’s to you, Mrs Robinson Jesus loves you more than you will know Wo wo wo God bless you, please, Mrs Robinson Heaven holds a place for those who pray Hey hey hey, hey hey hey.

Wenn man aus dem Fenster des Pfarrhauses in Haworth guckt, dann sieht das so aus, Tristesse pur. Hier ist wirklich nichts los, hier muss man sich schon selbst schön schreiben. Und dass machen die Brontës, sie erfinden sich in einem längeren Gedankenspiel (wie Arno Schmidt das nennt) neue Welten, die sie Glass TownAngria und ➱Gondal taufen. Sechzehn Jahre lang schreiben sie (zum Teil in klitzekleinen ➱Büchlein) an diesem Gedankenspiel, sie werden sich später für ihre Romane und Gedichte aus diesem Fundus bedienen.

Was soll man sonst machen, als Gedankenspiele zu spielen? Gentlemen, die die aufblühende Schönheit von Emily bemerken könnten, gibt es weit und breit nicht: Emily Brontë had by this time acquired a lithesome, graceful figure. She was the tallest person in the house, except her father. Her hair, which was naturally as beautiful as Charlotte’s, was in the same unbecoming tight curl and frizz, and there was the same want of complexion. She had very beautiful eyes – kind, kindling, liquid eyes; but she did not often look at you; she was too reserved. Their colour might be said to be dark grey, at other times dark blue, they varied so. She talked very little. She and Anne were like twins – inseparable companions, and in the very closest sympathy, which never had any interruption.

Das Schreiben ist für die Kinder des Patrick John Brontë eine Flucht, die Mutter ist früh gestorben, zwei Schwestern auch, die Kinder haben kaum Freunde in dem kleinen Ort Haworth. Nicht nur Branwell trinkt, der Vater trinkt auch, so sind die Iren, möchte man sagen. Der Reverend ist für seine Predigten aber nüchtern. Emilys Gedichte können Sie ➱hier finden. Auf der Seite der ➱Poetry Foundation gibt es eine sehr gute Einführung in ihre Lyrik. Ich zitiere einmal ein Gedicht, das vielleicht typisch für Emilys Dichtung ist:

I’ll not weep that thou art going to leave me,

There’s nothing lovely here;

And doubly will the dark world grieve me,

While thy heart suffers there.


I’ll not weep, because the summer’s glory

Must always end in gloom;

And, follow out the happiest story —

It closes with a tomb!


And I am weary of the anguish

Increasing winters bear;

Weary to watch the spirit languish

Through years of dead despair.


So, if a tear, when thou art dying,

Should haply fall from me,

It is but that my soul is sighing,

To go and rest with thee.

Während ihre Schwester unter dem Pseudonym Currer Bell eine erfolgreiche Romanautorin wird (➱Jane Eyre sollte man unbedingt gelesen haben), schreibt Emily nur einen Roman. Aber was ist das für ein Roman! Robert McCrum setzt ihn auf Platz 13 der ➱100 best novels written in English (➱Jane Eyre kommt auf Platz 12). Der Roman ist großes Theater: Liebe, Leidenschaft, Hass, Einsamkeit und Tod. Zwei verschiedene Bühnenbilder werden auf die Bühne gerollt, die Sturmeshöhe Wuthering Heights (das Wort wuthering hat Emily in die englische Sprache gebracht) und Thrushcross Grange. Thrushcross Grange (das wäre ein Wort für ➱Evelyn Hamann) ist eine Welt, die ein wenig der Welt von Jane Austen ähnelt. Wuthering Heights kommt in der Welt von Jane Austen nicht vor.

Es ist eine einsame und wilde Welt, die noch viel von der ➱Gothic Novel hat. Besonders im dritten ➱Kapitel, wo wir einen Satz wie diesen lesen können: finding it useless to attempt shaking the creature off, I pulled its wrist on the broken pane, and rubbed it to and fro till the blood ran down. Sie werden diese Szene nicht vergessen, sie ist ein Festessen für Pychoanalytiker. Wuthering Heights ist ein Roman der ➱Träume. Und der Albträume.

Spätestens seit der Dissertation ➱Der Held und sein Wetter von ➱F.C. Delius wissen wir, dass das Wetter im Roman des 19. Jahrhunderts eine große Rolle spielt. Natürlich auch in Wuthering HeightsDame Penelope Lively gefällt das nicht so sehr: There’s lots of British weather in ‚Wuthering Heights‘, but the wildness doesn’t appeal to me, it’s too much “pathetic fallacy” weather. Weather as a device that’s overdone. You’ve got a storm or two in ‚Jane Eyre‘, but it’s rather more sparse, more judiciously used. That said, ‚Wuthering Heights‘ is a marvellous novel, but I warm to Jane Eyre.

Viele Schriftstellerinnen haben etwas zu dem Roman gesagt. So Jeanette Winterson: When I was sixteen I read Wuthering Heights for the first time, and I read it as a kind of oracle; that life is worth nothing if it is not worth everything. Disaster does not matter, intensity does. You can dilute Wuthering Heights, as Mills & Boon and musicals have done. But if you are honest, you cannot escape its central stark premise; all or nothing. The all is not Heathcliff – that is the sentimental version. The all is what Heathcliff represents, which is life itself. Oder, etwas kürzer, Virginia Woolf: It is as if Emily Brontë could tear up all that we know human beings by, and fill these unrecognizable transparencies with such a gust of life that they transcend reality.

Und dann hätte ich noch Kate MosseThis brilliantly atmospheric Yorkshire saga has only one drawback – Emily never wrote another novel. For me, it is both fantastic but also true to life because the protagonists have such believably fierce emotions. Das ist natürlich nicht die Kate Mosse von der ➱Calvin Klein Reklame, die kann nicht so viele Wörter. Die beiden expressionistischen Illustrationen sind von Fritz Eichenberg, sie finden sich 1943 in der Ausgabe von Random House. Es gibt beinahe unzählig viele Ausgaben von Wuthering Heights, für Philologen gibt es aber nur eine Ausgabe. Und das ist die, die in der Reihe der Norton Critical Editions erschienen ist.

Arno Schmidt hat die Brontës durch seinen Radioessay Angria & Gondal: Der Traum der taubengrauen Schwestern in Deutschland bekannt gemacht. Er findet sich in dem Buch Der Triton mit dem Sonnenschirm. Ich habe das Buch bei seinem Erscheinen rezensiert und dem Arno, als die Rezension gedruckt erschien, sie vorbeigeschickt. Er hat leider auf meinen Brief nicht geantwortet. Es gibt im Internet ➱Wuthering Heights im Original. Und in deutscher Übersetzung ➱Der Sturm-Heidehof von Gisela Etzel und ➱Umwitterte Höhen von Alfred Wolkenstein. Die beste Einführung in die Welt der Brontës bietet Elsemarie Maletzke mit Das Leben der Brontës. Und dann habe ich hier noch eine sehr gute deutsche ➱Brontë Seite (mit vielen nützlichen Links). Und die Wikipedia Seite zu ➱Wuthering Heights kann auch empfohlen werden.

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