Alice Neel

Es hat länger gedauert, die amerikanische Malerin, die am 13 Oktober 1984 starb, richtig zu entdecken. Aber im letzten Jahr war sie schon in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen. Alice Neel hat lange gebraucht, bis sie wirklich berühmt wurde und ihre Bilder auf dem Kunstmarkt honoriert wurden. Portraits von ihr bringen heute auf dem Markt zwischen dreistelligen und sechsstelligen Ergebnissen. Den Film der BBC kann ich Ihnen leider nicht anbieten.

Dafür habe ich aber einen lange interessanten Vortrag von Phoebe Hoban, der Autorin der Biographie Alice Neel: The Art of Not Sitting Pretty. Neel, die immer für die Rechte der Malerinnen eingetreten ist, hat lange gebraucht, bis sie künstlerisch ernstgenommen wurde. Dann hagelt es Einladungen, Interviews, Dokumentarfilme. Ihren in Kuba geformten Stil, der ein wenig nach José Clemente Orozco, Diego Rivera und Frida Kahlo schmeckt, hat sie nie aufgegeben.

In ihren letzten Jahren, die ihre größte Schaffensperiode sind, wird sie auch die Malerkollegen malen, die mit der modernen Kunst in den sechziger Jahren reich und berühmt geworden sind. Andy Warhol inklusive. Barry Walker hat sie one of the greatest portrait artists of the 20th century genannt. Bei Google Bilder finden Sie einen reichen Querschnitt aus ihrem Werk. Sie hat auch Gedichte (hier eine Auswahl) geschrieben. Dies hier handelt von Harlem, einem Stadtteil, dessen puertorikanische Einwohner sie immer wieder gemalt hat:

I love you Harlem
Your life your frequent
Women, your relief lines
Outside the bank, full
Of women who no dress
In Saks 5th Ave would
Fit, teeth missing, weary,
Out of shape, little black
Arms around their necks
Cling to their skirts
All the wear and worry
Of struggles on their faces
What a treasure of goodness
And life shambles
Thru the streets
Abandoned, despised,
Charged the most, given
The worst
I love you for electing
Marcaronio, and him for being what he is
And for the rich deep vein
Of human feeling buried
Under your fire engines
Your poverty and your loves

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Vordergrund

Der junge Theodor Heuss schreibt 1909 zum fünfzigsten Geburtstag von Gustav Kampmann in Westermann’s Monatsheftendaß eben diese Intensität, mit der er das Momentane, das rasch Vorübergehende oder den schwer sagbaren feinen “Stimmungsgehalt“ der Atmosphäre ergreift und zu einer runden, bildhaften Darstellung bringt, in der modernen deutschen Landschaftskunst ihm dauernd einen hervorragenden Platz sichern wird. Dass mit dem hervorragenden Platz in der deutschen Landschaftskunst ist nicht so ganz wahrgeworden.

Die Betonung der abstrakten Flächigkeit mancher Landschaftsbilder Kampmanns und der Verzicht auf dn Vordergrund vernachlässigt etwas, was einst in der Renaissance der größte Zugewinn der Landschaftsmalerei gewissen war: Fluchtpunkt und Perspektive. Die kann man auf diesem Bild von Paolo Ucello gut sehen: wir werden mit der Jagdgesellschaft förmlich in die Dunkelheit des Waldes hineingezogen. Das Bild im Ashmolean Museum spielt übrig eine wichtige Rolle in The Point of Vanishing, einer Folge von Inspector Lewis.

Dies ist der Katalog einer Ausstellung, die vor dreißig Jahren von Altona nach Kiel wanderte, und in deren Mittelpunkt Ludwig Philipp Stracks Gemälde des Ukleisees bei Sielbeck aus dem Jahre 1809 stand. Leider ist Stracks Bild im Internet nicht mehr zu finden, wir müssen uns mit dieser klitzekleinen Abbildung behelfen. Der Katalog ist didaktisch hervorragend gemacht, alle Fragen, die man an das Bild vom Ukleisee stellen kann, werden hier beantwortet. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf das Zitat von Heinrich Voß: Es gibt ohne Zweifel Landschaften von auffallenderer Schönheit, von großartigerer Wirkung, von reicherer Fruchtbarkeit des Bodens, sicher aber keine, die lieblicher zum Auge und gewinnender zum Herzen guter sinniger Menschen spricht, als die unsrige!

Der kleine Ukleisee bei Eutin, den Strack für seinen Auftraggeber, den Herzog Peter Friedrich Ludwig von Oldenburg (und den Hamburger Kaufmann Georg Friedrich Baur) malt, genießt eine besondere Stellung unter den holsteinischen Seen. So schreibt Wilhelm von Humboldt über das Jagdschloss SielbeckDas Merkwürdigste daran ist seine Lage auf einem Berge zwischen zwei Seen, und die Spaziergänge um die Ufer des kleineren unter diesen. Der Saal selbst ist ganz einfachund nichts weniger als schön. Aber die beiden Aussichten, die vordere beschränkte, und die dunkle auf den kleinen, und die hintere weite und helle auf den großen See sind göttlich.

Strack (hier seine Ansicht vom Plöner See) erfindet die Landschaftsmalerei nicht neu, neu ist nur in der Zeit, da man von Eutin als dem Weimar des Nordens spricht, dass die Ostholsteiner Landschaft ins Interesse von Literatur und Malerei rückt. Und dort ins Arkadische verwandelt wird. Johann Heinrich Voß wird in Luise den Plöner See besingen:

Stehn Sie ein wenig still; mir pocht das Herz! Wie erfrischend 

Ueber den See die Kühlung heraufweht! Und wie die Gegend

Ringsum lacht! Da hinab langstreifichte, dunkel- und hellgrün
Wallende Felder voll Korn, mit schimmernden Blumen gesprenkelt!
Dort das umbüschte Dorf, und der Thurm mit dem blinkenden Seiger!
Hier auf blumiger Wiese die röthlichen Küh‘, und der Hügel
Von Buchweizen umblüht; und der blaue See mit der Waldung!
Schaut doch umher, ihr Kinder, und freut euch!

Strack bleibt dem klassischen Aufbau des Bildes verpflichtet, er ist kein Neuerer wie der Engländer Richard Wilson. Dass links und rechts Bäume die Landschaft rahmen, hat er bei Claude Lorrain abgeguckt. Strack, der sein Handwerk bei seinen Verwandten, den Tischbeins, gelernt hat, kommt mit einem Stipendium der Kasseler Akademie für sieben Jahre nach Italien. Von dort wird er ein sanftes rosa Licht mitbringen, das seine Himmel überzieht; auch das Bild vom Ukleisee hat dieses Licht, das sich wohl eher in der Campagna Romana und weniger in den Himmeln über Eutin findet.

Der museumspädagogische Dienst in Altona hatte für die Ausstellung auch etwas für Kinder zu bieten. In einer Ecke vor der Ausstellung gab es eine Hafttafel, auf der die Kleinen sich eine Landschaft zusammenstellen konnten. Sie nahmen sich immer die Kühe aus dem Kasten, pappten sie unten auf die Tafel, die weißen Wolken kamen nach oben. Der Mittelgrund blieb leer, das war witzig. Natürlich kann man den Vordergrund mit Kühen vollpflastern, aber das wird auf die Dauer ein wenig langweilig, wie das Werk von Jacob Philipp Hackert zeigt.

Figuren und Tiere im Vordergrund nennen wir Staffage, zu dem Thema hätte ich hier eine sehr interessante Seite. Die Staffage kann Kühe oder Pferde enthalten, aber natürlich auch Menschen (häufig als Betrachterfiguren oder als Rückenfigur) wie auf diesem Bild von Strack. Es zeigt den Park, den Joseph Ramée für den Bankier und Kaufmann Georg Friedrich Baur entworfen hat. Mit Gartenanlage mit dem chinesischen Turm, künstlicher Burgruine, Waldhütten, Grotten und Rundtempel.

Diese Dinge enthält der englische Landschaftsgarten auch, wenn die Hamburger schon einen Franzosen beschäftigen, dann wollen sie es doch ein klein wenig englisch haben. Baur mit seiner Begeisterung für Landschaftsgärten wird sich sicher auf Hirschfelds Theorie der Gartenkunst berufen haben. Man kann die Aussichtsplattform mit dem Paar (wie den Waldweg, den Steg und den Angler in seinem Bild vom Ukleisee) auch als Repoussoir bezeichnen, etwas, das den Rest des Gemäldes zurückdrängt, räumliche Tiefe schafft.

Das wär’s für heute mit dem Vordergrund von Gemälden, vielleicht gibt es irgendwann einmal etwas zum Mittelgrund und zum Hintergrund. Man weiß in diesem Blog nie was kommt.

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Sommerende

Wir haben den Monat September mit etwas Lyrischem begonnen, und ich möchte ihn auch mit einem Gedicht schließen. Mir ist ein wenig nach Sommerende, da brauche ich nur aus dem Fenster zu schauen. Ich könnte jetzt Rilkes Gedicht Herbsttag zitieren, aber das steht mit anderen Herbstgedichten in dem Post Herbst. Da findet sich auch Wilhelm Lehmanns schönes Gedicht Fahrt über den Plöner See. Das Bild hier aus dem Jahre 1907 ist von dem interessanten Maler Gustav Kampmann, der am 30. September 1859 geboren wurde.

Er hat wunderbare plakativ großflächige Landschaftsbilder gemalt, die nach hundert Jahren noch modern wirken. Der junge Theodor Heuss schreibt 1909 über Kampmann: daß eben diese Intensität, mit der er das Momentane, das rasch Vorübergehende oder den schwer sagbaren feinen “Stimmungsgehalt“ der Atmosphäre ergreift und zu einer runden, bildhaften Darstellung bringt, in der modernen deutschen Landschaftskunst ihm dauernd einen hervorragenden Platz sichern wird. Ich habe hier zu dem Maler noch eine sehr interessante Seite.

Wenn ich nicht unbedingt ein Gedicht hätte präsentieren wollen, hätte ich heute über ihn schreiben können. Vielleicht kommt das noch einmal.

Heute möchte ich ein Gedicht bringen, das noch nicht in diesem Blog stand. Es ist Erich Kästners Gedicht Der September:

Das ist ein Abschied mit Standarten

aus Pflaumenblau und Apfelgrün.

Goldlack und Astern flaggt der Garten,

und tausend Königskerzen glühn.


Das ist ein Abschied mit Posaunen,

mit Erntedank und Bauernball.

Kuhglockenläutend ziehn die braunen

und bunten Herden in den Stall.


Das ist ein Abschied mit Gerüchen

aus einer fast vergessenen Welt.

Mus und Gelee kocht in den Küchen.

Kartoffelfeuer qualmt im Feld.


Das ist ein Abschied mit Getümmel,

mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.

Luftschaukeln möchten in den Himmel.

Doch sind sie wohl nicht fromm genug.


Die Stare gehen auf die Reise.

Altweibersommer weht im Wind.

Das ist ein Abschied laut und leise.

Die Karussells drehn sich im Kreise.

Und was vorüber schien, beginnt.

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Ziggis

Die Zigarette ist hier eine Beigabe, aber das ikonische Photo, das Henri Cartier-Bresson von Albert Camus gemacht hat, wäre nichts ohne die Zigarette. Die Gauloises (oder Gitanes) sind bei Camus, wie bei anderen französischen Intellektuellen, längst zu einem Markenzeichen geworden. André Malraux hat sie auf dem Photo von Gisèle Freund genauso im Mund wie Sartre (wenn der nicht gerade Pfeife raucht) oder andere.

Doch wenn es darum geht, Malraux nach seinem Tode auf einer Briefmarke zu plazieren, dann ist die Zigarette plötzlich verschwunden. Schuld ist hier das Loi Évin von 1991, aber schon vor diesm Gesetz wurde Lucky Luke seiner Ziggi beraubt (der Marlboro Man raucht aber noch). Man muss allerdings sagen, dass die französische Post zuvor Gisèle Freund um Erlaubnis gefragt hat, um die Zigarette aus dem Portrait von Malraux zu entfernen. Denn schließlich handelt es sich hier um ein Bild, das längst zu einem Kunstwerk geworden ist.

Als Gisèle Freund den von ihr bewunderten Malraux 1935 auf ihrem Balkon mit ihrer Leica ratzfatz photographiert hat, hat er gesagt: Es gibt zwei Möglichkeiten, einen Gegenstand zu betrachten. Ein Fotograf kann ein guter Handwerker oder ein guter Künstler sein. Ein Handwerker ist, wer seine Arbeit ordentlich und korrekt ausführt. Wenn er aber mit seinen Fotos Gedanken vermittelt und neue Sehweisen, dann ist er ein Künstler: Das Werk entsteht in seiner Zeit und aus seiner Zeit, aber es wird zum Kunstwerk, wenn es ihr entkommt. Französische Intellektuelle müssen immer, selbst zu einfachen Dingen, etwas sagen.

Wortgewaltig sind die französischen Intellektuellen sowieso. Dieser Herr, der seine Zigarette nicht einmal während der Vorlesung ausmachen kann, hat eine ganz Theorie der Photographie geschrieben. Sie heißt Die helle Kammer und ist sehr, sehr subjektiv. Roland Barthes unterscheidet bei der Bildbetrachtung zwischen punctum und studium. Studium ist der Gesamteindruck, Punctum ist das Detail, an dem wir uns festbeißen. Wie die Zigarette hier, Lucky Luke könnte das nicht besser.

Nicht unter französische Loi Évin Gesetze fällt dieses Photo von Ihrem Lieblingsblogger, das im Sommer vor fünfzig Jahren in Dänemark aufgenommen wurde. Das war dieser Sommer mit Nordsee, Sonne, heißem Dünensand und hübschen Frauen im Bikini, die ständig eingeölt werden mussten. Ich rauche normalerweise keine Zigaretten, aber die Photographin Mone (die auch schöne Photos von Gudrun gemacht hat) hat gesagt, dass ich mir eine Ziggi anstecken soll. Und dann hat sie gewartet, bis ich so cool gucke. Das ist der Augenblick, den Cartier-Bresson den moment décisif genannt hat: Pour moi, la photographie est la reconnaissance simultanée, dans une fraction de seconde, de l’importance d’un événement.

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Reeperbahn

Ich sah das Photo bei meinem Hinterhof Höker liegen, fragte, ob es noch ein zweites oder drittes gäbe. War aber nicht. Ich zahlte einen Euro und nahm das Photo mit. Es hatte einen Stempel auf der Rückseite: Horst G. Lehmann, Reeperbahn 1. Dieser Horst G. Lehmann ist als Photograph kein Unbekannter, hier hat er 1935 die berühmte Henny Porten abgelichtet. Er hat viel für den Reichs-Rundfunk gearbeitet. Und auch viel für die Eisenbahn. Bei Google Bilder kann man einiges davon sehen. Alle Bilder im Internet tragen den Stempel Getty Images, da weiß ich nicht, ob man die kopieren darf.

Ich mache das mal eben mit einem Photo aus seiner Eisenbahn Serie von 1938. Schöne Schwarz-Weiß Töne, sorgfältig ausgeleuchtet. Lehmann (der manchmal auch als Lehmann-Lomont bezeichnet wird) ist das, was wir einen Bildreporter nennen würden, aber er braucht seine Kunden nicht zu suchen, er hat feste Auftraggeber: Radio (das Deutsche Rundfunk Archiv hat dankenswerterweise alles archiviert), Reichsbahn und die BASF. Nach dem Krieg sieht das etwas anders aus.

In den fünfziger Jahren macht Lehmann etwas Erstaunliches, er steuert die Photos zu zwei Kinderbüchern von Uta von Witzleben bei (Die Autojagd: Eine Geschichte, von der eigentlich keiner erfahren sollte (aus dem dieses Bild stammt) und Der Trecker und die Tiere: Eine sehr merkwürdige Geschichte, die beinahe kein Ende fand). Die beiden schmalen Bände der Uta von Witzleben (die als Huberta Sophie Viola Edelgarde von Witzleben-Normann geboren wurde) kosten heute antiquarisch richtig viel Geld.

Dagegen war das Photo bei meinem Hinterhof Höker richtig billig. Es hat inzwischen Glas und Rahmen bekommen und steht auf einem der beiden T+A Lautsprecher. Wir sind mit diesem 18×24 Zentimeter großen Schwarzweiß Photo offensichtlich in einer Hamburger Bar – wir lassen das unschöne Wort Puff mal eben weg. Eine Wirtin, ein Kellner und vier Damen der öffentlichen Hand (wie Tucholsky sie nannte). Sie gucken ein wenig verkniffen, bis auf die fröhliche dralle Blonde ganz links.

Das Bild ist in dem, was es zeigt, nicht so eindeutig wie dieses Bild von einem unbekannten Photographen. Hier preisen junge Frauen ihren Körper an, etwas anderes erwarten wir nicht von ihnen, wenn man auf der Herbertstraße ist. Straßennamen wie Herbertstraße, Große Freiheit und Reeperbahn sagen uns etwas, selbst, wenn wir noch nie dort waren. Wir kennen Hans Albers‘ Auf der Reeperbahn nachts um halb eins und Walter Mehrings Chanson (das der blonde Hans auch gesungen hat). Selbst wenn die Prostitution in Hamburg nach dem Zweiten Weltkrieg einen ungeahnten Aufschwung hat, es gibt sie natürlich schon länger, seit 1807 wird sie stillschweigend in Hamburg geduldet. Nicht immer war die Sünde in St Pauli beheimatet, am Gänsemarkt, wo 1912 ein dänischer König seinen Tod findet, gab es so etwas schon lange.

Horst G. Lehmann hat sein Photo auf der Rückseite mit Pressephoto gestempelt. Aber für welche Sorte Presse soll das sein? Vieles bei dem Photo bleibt ein Rätsel, man könnte ganze Romane über die abgebildeten Personen schreiben. Oder Gedichte wie Joachim Ringelnatz:

Ich sag‘ es ja, Mutter: du hast für dich recht,

Diese Weiber sind durch und durch schlecht

Und gänzlich verseucht und völlig verkommen.

Du hast das von deinen lieben

Eltern und aus Büchern entnommen,

Darin die Wahrheit umschrieben

Ist, weil man sie richtig und scharf

Nicht leicht einsehen kann, noch sie drucken darf.

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Spurensuche

Ich hatte den Namen Gustav Dähn schon einmal gelesen, damals als ich versuchte, alles über Peter Gutkinds Vater, den Berliner Architekten Erwin Gutkind, herauszufinden. Dähn wurde in dem Buch als Berliner Architekturphotograph erwähnt, der auch prominente Schauspieler photographiert hat. In dem Post Photographieren habe ich auch einen Photographen namens Gustav Dähn erwähnt, der 1932 Haus, Photogeschäft und Archiv von historischen Photos an den Vater von Erich Maack verkaufte. Dieser Gustav Dähn ist mit diesem Photo des von Ernst Becker-Sassenhof erbauten Gebäudes des Vegesacker Rudervereins in einem der vier Bände der Blauen Bücher zur modernen Architektur von Walter Müller-Wulckow. Das Photo macht ihn bekannt, macht aber auch Becker-Sassenhof (zu dem es hier einen Post gibt) bekannt.

Es stellte sich jetzt die Frage, ob der Vegesacker Gustav Dähn und der Berliner Gustav Dähn dieselbe Person sind. Ich rief Dieter Maack in Vegesack an. Den habe ich seit Jahrzehnten nicht gesehen, aber als ich ihm sagte, dass ich mit seiner Schwester Annegret sechs Jahre lang in einer Volksschulklasse war, konnte er mich einordnen. Auf meine Frage nach Gustav Dähn wusste er einiges zu sagen, offensichtlich hatten ihm sein Großvater und sein Vater etwas über den Vorbesitzer ihres Geschäfts erzählt. Dähn sei ein hervorragender Photograph gewesen. Und ja, er sei nach dem Verkauf des Photogeschäfts nach Berlin gezogen. Der Historiker Thomas Begerow hat mir freundlicherweise dieses Plakat aus dem Jahre 1932 geschickt, jetzt ist uns alles klar.

Das Adressbuch der Photographie: Industrie, Handel, Gewerbe von 1929 führt Dähn mit dem Wohnsitz Vegesack b. Bremen. Das ist korrekt, Vegesack gehört noch nicht zu Bremen. Aber der junge Dähn will da weg, will nach Berlin, wo er Photos wie dieses vom Weinrestaurant Traube im Hause Gourmenia in Berlin, das im Erdgeschoss einen tropischen Garten besaß, machen kann. Es ist ein Architekturphoto aus dem Jahre 1930, das sich in vielen Büchern zu der Moderne in der Weimarer Republik findet. Der jüdische Architekt Leo Nachtlicht, der es gebaut hat, hat zwei Jahre später keine Arbeitserlaubnis mehr, ein Stolperstein in Berlin erinnert an ihn.

Gustav Dähn zieht nach Charlottenburg. Das nächste, das wir über ihn erfahren, findet sich im Nachrichtenblatt für das Photographenhandwerk von 1937: Berlin. Photographenmeister Gustav Dähn, Bcrlin-Charlottenburg, wurde mit der Tätigkeit als Gau-Bildberichterstatter der NSDAP für den Gau Groß-Berlin beauftragt und gleichzeitig als Bildberichterstatter dem Gruppenstabe der SA zugewiesen. Muss man das kommentieren?

Dort tritt er allerdings nicht weiter hervor, zwar hat er einmal Goebbels photographiert, aber er hat ein neues Tätigkeitsfeld entdeckt: Theater und Film. Schon 1930, als er das Weinrestaurant Traube photographierte, hat er die Schauspielerin Maria Eis photograhiert (die auch von seiner Hamburger Kollegin Anny Breer portraitiert wurde). Hier hat er 1939 Heinrich George als Götz von Berlichingen im Schiller Theater (in der Inszenierung von Heinrich George) photographiert, und dort hat er auch Paul Wegener in verschiedenen Rollen abgelichtet. Heinrich George wird er noch mehrfach photographieren.

Am berühmtesten ist das Familienbild aus dem Jahre 1940 geworden. Da ist die ganze Familie zusammen. Heinrich George mit seiner Frau Berta und dem kleinen Götz, den wir eines Tages als Schimanski kennen werden. Als Götz George das Leben seines Vaters verfilmte, tauchte dieses Photo in jeder Besprechung des Filmes auf. Man könnte meinen, es sei das einzige Photo, das die Familie in dieser Eintracht zeigt.

Nach dem Krieg hat unser Photograph einen neuen Wohnsitz: Gustav Dähn, früher Berlin, jetzt Marburg, steht 1954 in einem Buch über den Schauspieler Paul Wegener. Dähn macht immer noch Architekturphotos, aber mit der Avantgarde des Bauhauses hat er nichts mehr zu tun: er photographiert das historische Marburg. Nichts photographisch Revolutionäres. Schöne Postkartenmotive, mit einer Großbildkamera gemacht. Sie können hier im Bildindex Kunst und Architektur zahlreiche Photos von ihm sehen. Dähn ist jetzt Anfang der 50er Jahre sehr aktiv. Der Katalog vom Marburger Künstlerkreis ist voll mit seinen Aufnahmen, und im Merian zu Marburg im Jahre 1955 ist er auch vertreten.

Bruchstücke eines Photographenlebens. Aus der norddeutschen Kleinstadt ins große Berlin. Ins Schiller Theater und zu den Nazis. Dann in die Universitätsstadt Marburg. Ich wüsste gern mehr über ihn, aber mehr gibt das Internet nicht her. Vielleicht gibt es ja einmal eine Neuentdeckung des Photographen, dann ist dies der Anfang.

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Photographieren

So sah der Anfang der Vegesacker Strandstraße in den fünfziger Jahren aus. Da ist die Lotsenstation, auf deren Bällen auch der Wasserstand angezeigt wurde. Im Hintergrund der Bremer Vulkan, auf der anderen Weserseite die Werft von Lürssen. Die Strandstraße wurde von Bäumen gesäumt, links von den Bäumen war der Strand. Man kann auf Schwarzweißbildern viel sehen. Viele Kunsthistoriker ziehen reprofähige Schwarzweißbilder einem Farbbild vor: man erkennt in Details mehr darauf. Dieses Photo wurde mit einem Gelbfilter gemacht, man erkennt das an den schön konturierten plastischen Wolken. Das ist alles dahin, den Strand gibt es nicht mehr, da ist heute eine Spundwand. Und auch die schöne Schwarzweiß Photographie der fünfziger Jahre, als die Magnum Photographen die Szene beherrschten, sieht man heute kaum noch.

Die fünfziger Jahre waren die große Zeit der Photographie. Photoapparate stratifizieren die Gesellschaft der Adenauerzeit genau so wie die Automobile: Wenn man eine Leica (oder einen Mercedes-Benz) hat, ist man oben. Viele der Eltern haben die neuesten Kameras (wie zum Beispiel eine Minox) nur als Statussymbol, die photographieren nicht wirklich. Die Photographie ist für mich und meine Freunde ein wichtiger Teil unseres Lebens, wir haben unsere Photo-Bibel, den millionenfach verbreiteten Photo Porst-Katalog (in dem alle Photoapparate liebevoll detailliert beschrieben sind), schon beinahe auswendig gelernt. Und man darf ja davon träumen, eines Tages eine Contax zu besitzen oder eine Robot Royal III mit Schnellaufzug.

Wir kennen auch die Vor- und Nachteile aller Objektive. Namen wie Steinheil Cassar, Color Skopar, Schneider Xenon und Summicron (Bild) gehen uns ganz locker von der Zunge. Einzelne Hefte der Photozeitschrift Magnum sind wohlgehütete Schätze. Wir haben Photo Lehrgänge in der Volkshochschule besucht und haben alle ein kleines Photolabor im Keller oder auf dem Boden. Ich entwickle da noch nebenbei die Röntgenfilme für meinen Vater, wenn er es nicht lieber selbst macht, er ist solch ein Perfektionist.

Ich habe ein Liesegang Vergrößerungsgerät (Bild). Ekke, der sein Labor in der Waschküche hat, hat ein teureres Vergrößerungsgerät mit einem besseren Objektiv. Manche von uns experimentieren jetzt auch schon mit der Farbphotographie, aber ich bleibe bei Schwarzweiß. Da kann man Entwickler und Photopapier (in der Gradation extra hart) ja noch bezahlen. Und für schwierige Sachen, die mein Liesegang nicht hinkriegt, gibt es ja noch das Photolabor im Gemeindehaus. Das hat eine vorzügliche Ausstattung. Wenn man einen Film entwickelt (Namen wie Tetenal, Atomal und Neofin blau muss man jetzt kennen) und Abzüge und Vergrößerungen gemacht hat, muss man noch ein paar Stunden draufrechnen, bis die Photos fixiert, gewässert und getrocknet sind. Das ist eine einsame Arbeit unten im Keller in dem kleinen Rotlichtkabuff. Natürlich haben die Geräte noch keine Belichtungsautomatik, das wird frei nach Schnauze gemacht. Erfahrung ist besser als Belichtungsautomatik. Und natürlich gibt es nur coole randlose Hochglanzbilder. Nicht diesen Chamois Kitsch mit Büttenrand, den die Photogeschäfte liefern.

Wir Hobbyphotographen haben mit von den Eltern geliehenen 6×9 Kameras angefangen (mit einer Box oder einer billigen Agfa Isola, die kostet damals neun Mark neunzig). Jetzt beginnen wir mit der Kleinbildkamera. Peter besitzt irgendwann eine Spiegelreflex, um die ich ihn beneide. Ekke würde ja gerne mit einer der Leicas seines Vaters photographieren, aber der gibt die nicht aus der Hand. Dafür hat Ekke dann eines Tages eine 6×6 Rollei. Gert sogar eine geerbte alte Leica.

Wir schleppen unsere Photopparate bei allen Spaziergängen mit uns herum, photographieren uns an der Weser entlang, durch den Bremer Hafen, photographieren die Weserbrücken in Bremen, Stapelläufe beim Bremer Vulkan (Bild oben) und das Gewirr der Vulkan Kräne in Lobbendorf, die Heringslogger an der Lesummündung (hier von Hans Saebens photographiert) und hochpolierte Mahagoniheckspiegel von Luxusyachten bei Abeking und Rasmussen, neblige Lesumdeiche und die Bäume in Knoops Park. Photographieren die kalte klassizistische Schönheit von Polzins Vegesacker Kirche und die kleinen verlassenen Kirchen mit den alten Grabsteinen hinter dem Deich auf der anderen Weserseite. Photographieren den stillen Eggestedter Wald von den Kiesgruben bis zum Silbersee, den Farger U-Boot Bunker, Fähranleger und immer wieder die Schiffe, die die Weser heraufkommen.

Meine Kleinbildkamera heißt ab 1959 Werra. Das ist ein guter Name für einen Bremer, denn eigentlich ist das der alte Name für Weser, wirra findet sich noch auf mittelalterlichen Urkunden. Diese Werra ist mit grünem Kunstleder überzogen (synthetischer Kautschuk aus den Buna Werken), die gleiche Farbe wie die Uniformen der NVA. Oder die der Ledersitze der Reichsbahn in der 1. Klasse der DDR Eisenbahn. Einfach nur gräsig. Ich habe sie nur wegen des Objektivs gekauft: des Zeiss Tessar mit der Lichtstärke 1:2,8, von Photoamateuren das Adlerauge genannt. Zeichnet die Welt schärfer als alle anderen Objektive.

Leider kann man damit nicht die Effekte erreichen, dass man Vorder- oder Hintergrund unscharf zeichnet, wie es die Magnum Photographen machen. Wie zum Beispiel bei diesem berühmten Portrait Sartres von Henri Cartier-Bresson. Das Tessar zeichnet alles scharf. Meine DDR-Werra ist offiziell bei der Drogerie Tüscher in der Breiten Straße gekauft, mit Importurkunde, nicht aus der DDR herausgeschmuggelt. Später werde ich entdecken, dass sie bei dem Quelle Shop in Bremen für 99 Mark verkauft wird, dreißig Mark weniger, als ich bezahlt habe.

Die halbe deutsche feinmechanische Industrie sitzt in der Sowjetischen Besatzungszone, DDR darf man nicht sagen, verkündet Axel Springers Bild Zeitung, weil man dadurch den Unrechtstaat anerkennen würde. Ob es Carl Zeiss in Jena ist oder Ihagee Exakta (wie sie James Stewart in Hitchcocks Rear Window benutzt) in Dresden, sie bauen hervorragende Apparate. Und sie haben schon Spiegelreflexkameras auf dem Markt, als der Westen nur die Zeiss Ikon Contaflex bieten kann. Bei der kostet das Modell mit dem Tessar fünfmal soviel wie meine Werra. Da die DDR Währung nichts wert ist, sind die DDR Spiegelreflexkameras, wenn illegal erworben, spottbillig. Die DDR Grenztruppen kontrollieren bei Ein- und Ausreise nur Photoapparate. Sie sind alle aus Sachsen. Ihre Sätze, die mit Gänsefleisch anfangen, sind berühmt. Gänsefleisch soll eigentlich Können Sie vielleicht heißen, wie in Gänsefleisch mal den Kofferraum aufmachen? Meine Werra besitzt ein Zertifikat des DDR Außenhandelsministeriums, was bei Grenzschützern automatisch gute Laune und Wohlwollen auslöst. War es von Günter Mittag oder Alexander Schalck-Golodkowski unterschrieben? Ich weiß es nicht mehr, ich weiß nur noch, dass es mir bei unzähligen Berlinreisen zwischen 1958 und 1963 eine Art carte blanche für einen reibungslosen Grenzübertritt bescherte.

Eltern photographieren auch, Beweise für durchgeführte Reisen und Hobbies. Es ist die Wirtschaftswunderzeit, man will zeigen, was man hat. Wir gucken uns alles an, was die Eltern photographieren, aber meistens artet das in Diaabende aus (eine furchtbare Erfindung der fünfziger Jahre), bei denen man oh und ahh sagen muß. Da kann man im Halbdunkel Salzstangen knabbern, bis einem schlecht wird, photographisch kann man da nicht viel lernen. Ich werde auch nie mit einem Diafilm photographieren, und es gibt bei uns zuhause auch keinen Diaprojektor. Historisch interessant sind auch die alten braunen Bilder, die Dirk Havighorsts Vater sammelt. Der Werftbesitzer in der x-ten Generation trägt alles über das alte Blumenthal und die Blumenthaler Werften zusammen. Vor fünfzig Jahren ist das noch ein bisschen spleenig, heute sind Historiker dafür dankbar. Teile seiner Sammlung sind auch später im Heinrich Döll Verlag erschienen.

Irgendwann wird Hans Saebens mein Vorbild. Der Bremer, der ein Haus in Worpswede am Weg zum Weyerberg hatte, hatte als Landschaftsmaler begonnen und war dann zu Photographie gekommen. Beinahe immer mit seiner Leica, die er sich 1930 gekauft hatte, kaum dass die Kamera auf dem Markt war. Es gelingt ihm, das Charakteristische der norddeutschen Tiefebene in dramatischen, stimmungsvollen Aufnahmen festzuhalten. Das weite Land und die mächtigen Wolkenzusammenballungen werden in deutlich voneinander abgegrenzten hellen und dunklen Bildzonen festgehalten. 

Vor allem seine späten Aufnahmen sind durch Sparsamkeit der Ausdrucksmittel und strenge Komposition gekennzeichnet, schrieb Helmut Brandt, der die Ausstellung Hans Saebens Photographien 1930–1969 in der Landesbildstelle Bremen organisiert hat. Es ist erstaunlich, was Saebens (mit viel Gelbfilter) aus dem Kleinbildfilm der Leica herausholt. Andere Photographen verwenden für Landschaftsaufnahmen eine Großbildkamera. Denn natürlich hat Ansel Adams Moonrise. Hernandez, New Mexico mit einer Großbildkamera gemacht.

Selbstverständlich machen wir auch Urlaubsphotos, und bei den Freizeiten der Evangelischen Jugend wird photographiert, dass man die Bilder schon nicht mehr zählen kann. Wird jetzt alles im Gemeindehaus entwickelt und vergrößert. Wir machen auch Familienphotos, auf jeden Fall die Sorte von Bildern, für die man nicht zu dem Vegesacker Photographen Erich Maack geschickt wird. Und stundenlang still sitzen muß, obgleich irgendetwas immer kneift und juckt. Aber dafür haben diese Photos dann auch eine Art Ewigkeitswert, weil sie von einem Berufsphotographen sind, und sie kommen dann in einen Silberrahmen. Oder hängen gerahmt im Wohnzimmer, wie das Farbbild von Mammi im Abendkleid mit der Fuchsschwanzstola um die Schultern. Erich Maacks Tochter Annegret, mit der ich in der Volksschule war, hat mir damals als Geheimnis anvertraut, dass ihr Vater gar keine Farbphotos machte. Die milchig pastelligen Farben auf Mammis Portrait sind nachkoloriert. Das habe ich Mammi aber nie erzählt, und ich habe das große Geheimnis der kleinen Photographentochter, die so schön You are my sunshine sang, fünfundsechzig Jahre lang stillschweigend bewahrt. Bis jetzt.

Solche steifen Portraits und Gruppenaufnahmen wie Erich Maack sie macht, zieren auch unsere Photoalben, in denen hundert Jahre Familienleben dokumentiert ist. Die Aufnahmen, zum Teil auf steifem Karton, manche mit eingeprägtem Namen des Photographen, haben sich in der Dunkelheit des Photoalbums erstaunlich gut gehalten. Das älteste Bild, Mammis Urgroßmutter aus Epe (was heute Bramsche ist), ist irgendwann einmal von einer Daguerretypie umkopiert worden. Die Verwandtschaft mütterlicherseits ist bis zum Jahre 1900 zurück ziemlich vollständig. Vatis Vorfahren sind unterrepräsentiert, was wohl daran liegt, dass diese Photoalben mit dem Haus in Bremen abgebrannt sind. Oma Johanna mit ihren schönen Schwestern und deren Männern ist auf vielen Bildern. Die Damen elegant, selbstbewusst, eine nachdenklich. Oma und Tante Margret etwas träumerisch. Die Herren bürgerlich gesetzt mit Stehkragen und Uhrenkette über der Weste. Dann der erste in Uniform, mit Pickelhaube, Mantel und Säbel. Und dem Schnurrbart vom Typ es ist erreicht, er könnte für einen Doppelgänger vom Kaiser durchgehen (die Photographie wurde von einem M. Hoffmann in Oldenburg, Heiligengeiststrasse 2 gemacht). Vom Kaiser ist auch ein ein Photo auf diesen Seiten, eine Postkarte Das Kaiserpaar mit seinen Enkelkindern mit der Adresse eines Berliner Hof-Photographen. Der Kaiser trägt natürlich Uniform, und das tun alle abgebildeten Herren auf den nächsten Seiten auch. Es ist Krieg. Gleich das erste Photo zeigt Opa und Oma mit dem kleinen Gustav (natürlich im Matrosenanzug), Opa hält seinen Offizierssäbel in der linken Hand, im Knopfloch ist das schwarzweißrote Band vom Eisernen Kreuz. Er guckt etwas griesgrämig, während Oma wirklich nett lächelt.

Neben den Familienphotos und den Passphotos, für die Maack ein Monopol hat (bis Foto Hallfeldt kommt), hat Erich Maack ein zweites Standbein: er photographiert alle Neubauten der Großwerft Bremer Vulkan. 1932, als sein Vater gerade den Laden in der Gerhard Rohlfs Straße von dem Photographen Gustav Dähn gekauft hatte, lernte der 18-jährige Erich Maack den Vulkandirektor Robert Kabelac kennen. Von da an ist er der Photograph des Vulkan bis zu dessen traurigem Ende. Die Photographien werden heute im Bremer Staatsarchiv aufbewahrt. Hier hat Maack die Festlichkeiten zur 150 Jahrfeier der Werft photographiert, in der ersten Reihe sehen wir Wilhelm Kaisen, den Baron H. H. Thyssen-Bornemisza, Werftdirektoor Kabelac, und Prinz Luis Ferdinand von Preußen ist auch irgendwo mit drauf.

Man kann von Erich Maacks Industriephotographien viel lernen, die er manchmal in den Schaufenstern seines Ladens ausstellte. Durchkomponierte Aufnahmen in Schwarzweiß, mit einer Plattenkamera (oder einer Linhof Technika) aufgenommen. Mit starkem Gelbfilter für Himmel und Wolken, die Prag oben wäre ein Beispiel dafür. Das Ehepaar Bernd und Hilla Becher hat es geschafft, dass seine Photos von Schornsteinen im Kohlenpott als Kunst angesehen werden. Das hat Erich Maack mit seinen Schiffsbildern nicht geschafft, vielleicht kommt das ja noch.

Es werden heute immer noch aus In- und Ausland alte Photos aus der Sammlung nachbestellt, die Fritz Maack mit Haus und Laden von seinem Vorgänger Gustav Dähn gekauft hatte. Dähn war als Photograph nicht unbekannt, dieses Photo aus dem Jahre 1927 des von Ernst Becker-Sassenhof gebauten Hauses für den Vegesacker Ruderverein ist ein beinahe schon ikonisches Bild der Neuen Baukunst geworden. Es findet sich auch im Katalog der Oldenburger Ausstellung Neue Baukunst! Architektur der Moderne in Bild und Buch.

Nicht immer war bei Maacks Photographie für den Vulkan ein Kunstwollen zu erkennen, manches musste nur schnell gehen: Wir fotografierten jede Phase der Schiffstaufe und des Stapellaufs, dann wurden die Bilder in höchster Eile mit Hilfe von Zusatzkräften entwickelt und Abzüge hergestellt. Da hieß es Tempo. Wenn nämlich die Taufgesellschaft abends in der Strandlust tafelte, hatte neben jedem Gedeck eine Fotomappe der ganzen Zeremonie zu liegen, erinnert sich Dieter Maack, der das Geschäft 1992 übernahm.

Er wird wohl keinen Nachfolger finden. Photoläden gehen ein wie Buchläden. Heute wird mit dem Handy oder einer Digitalkamera photographiert, meine Welt ist das nicht. Braucht es auch nicht zu sein.

Noch mehr Photographie in dn Posts: LudwigslustWerra, Wuddel, Zeiss, Photoalbum, Zahlenspielereien

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