Sturmeshöhe

Ich weiß nicht, warum Emily Brontë noch nicht in diesem Blog aufgetaucht ist, erwähnt wurde sie schon, of all places, in dem Post ➱Ermenegildo Zegna. Und das nicht aus schier Schandudel, wie wir Bremer so sagen, das hat schon seine Berechtigung. Die Brontës werden auch noch in den Posts ➱Arno Schmidt und ➱Jean Rhys erwähnt. Emily wurde heute vor 199 Jahren geboren, und obgleich sie mit ihren Schwester in relativer Obskurität lebte und das Publikum ihre Werke nicht liebte (hier die ersten ➱Rezensionen), ist sie doch nicht vergessen. Ihr Roman Wuthering Heights ist x-mal verfilmt worden, und das Pfarrhaus von Haworth in Yorkshire ist zu einem ➱Museum und einem touristischen Wallfahrtsort geworden.

Das sind die drei Brontë Sisters (von links Anne, Emily und Charlotte), gemalt von ihrem Bruder Patrick Branwell im Jahre 1834. Branwell wollte Maler werden, aber er ist früh gestorben. Tuberkulose, Alkohol und ➱Laudanum, die Lieblingsdroge der englischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, da kommt einiges zusammen. Das Wetter im Moor von Yorkshire entspricht auch nicht gerade dem Klima des ➱Zauberbergs.

Auf dem Bild der drei Schwestern war wohl ursprünglich auch Branwell Brontë in der Mitte, jetzt ist der bright star, auf den der Vater so große Hoffnungen setzte, unter dieser gelben ➱Säule verborgen. Hatte er erkannt, dass es mit seinem Talent nicht so weit her war? Patrick Brontë war aus Irland nach England gekommen, er änderte als erstes seinen Namen von Brunty in Brontë. Als er die Pfarrstelle in Haworth bekommt, wo er 170 Pfund im Jahr verdient, gibt er sehr viel Geld für Maler aus, die seinem Sohn die Kunst der Malerei beibringen sollen. Aber das Beste, was der Filius hinkriegt, ist dies Portrait seines Freundes John Brown. Er ist wirklich kein Genie.

Mit diesem Bild haben Sie wahrscheinlich an dieser Stelle nicht gerechnet. Ich könnte natürlich sagen, dass ich damit testen will, ob Sie als Leser noch bei der Sache sind. Eine rein didaktische Maßnahme. Als ich an der Heeresoffizierschule war, hatten wir einmal einen Nachmittag lang Unterricht über russische Waffen und Uniformen, tausende von Dias. Und da die amerikanischen Geheimdienstoffiziere, die die Show machten, wussten, dass jeder im Saal nach hundert Dias vom russischen T34 einschläft, mischten sie in unregelmäßigen Abständen Pin-Ups dazwischen. Anne Bancroft, die in ➱The Graduate eine Mrs Robinson spielt, hat hier aber schon eine Bedeutung. Sie werden es nicht glauben, aber Branwell Brontë ist einmal Hauslehrer bei einer Familie Robinson und fängt da etwas mit Mrs Robinson an. And here’s to you, Mrs Robinson Jesus loves you more than you will know Wo wo wo God bless you, please, Mrs Robinson Heaven holds a place for those who pray Hey hey hey, hey hey hey.

Wenn man aus dem Fenster des Pfarrhauses in Haworth guckt, dann sieht das so aus, Tristesse pur. Hier ist wirklich nichts los, hier muss man sich schon selbst schön schreiben. Und dass machen die Brontës, sie erfinden sich in einem längeren Gedankenspiel (wie Arno Schmidt das nennt) neue Welten, die sie Glass TownAngria und ➱Gondal taufen. Sechzehn Jahre lang schreiben sie (zum Teil in klitzekleinen ➱Büchlein) an diesem Gedankenspiel, sie werden sich später für ihre Romane und Gedichte aus diesem Fundus bedienen.

Was soll man sonst machen, als Gedankenspiele zu spielen? Gentlemen, die die aufblühende Schönheit von Emily bemerken könnten, gibt es weit und breit nicht: Emily Brontë had by this time acquired a lithesome, graceful figure. She was the tallest person in the house, except her father. Her hair, which was naturally as beautiful as Charlotte’s, was in the same unbecoming tight curl and frizz, and there was the same want of complexion. She had very beautiful eyes – kind, kindling, liquid eyes; but she did not often look at you; she was too reserved. Their colour might be said to be dark grey, at other times dark blue, they varied so. She talked very little. She and Anne were like twins – inseparable companions, and in the very closest sympathy, which never had any interruption.

Das Schreiben ist für die Kinder des Patrick John Brontë eine Flucht, die Mutter ist früh gestorben, zwei Schwestern auch, die Kinder haben kaum Freunde in dem kleinen Ort Haworth. Nicht nur Branwell trinkt, der Vater trinkt auch, so sind die Iren, möchte man sagen. Der Reverend ist für seine Predigten aber nüchtern. Emilys Gedichte können Sie ➱hier finden. Auf der Seite der ➱Poetry Foundation gibt es eine sehr gute Einführung in ihre Lyrik. Ich zitiere einmal ein Gedicht, das vielleicht typisch für Emilys Dichtung ist:

I’ll not weep that thou art going to leave me,

There’s nothing lovely here;

And doubly will the dark world grieve me,

While thy heart suffers there.


I’ll not weep, because the summer’s glory

Must always end in gloom;

And, follow out the happiest story —

It closes with a tomb!


And I am weary of the anguish

Increasing winters bear;

Weary to watch the spirit languish

Through years of dead despair.


So, if a tear, when thou art dying,

Should haply fall from me,

It is but that my soul is sighing,

To go and rest with thee.

Während ihre Schwester unter dem Pseudonym Currer Bell eine erfolgreiche Romanautorin wird (➱Jane Eyre sollte man unbedingt gelesen haben), schreibt Emily nur einen Roman. Aber was ist das für ein Roman! Robert McCrum setzt ihn auf Platz 13 der ➱100 best novels written in English (➱Jane Eyre kommt auf Platz 12). Der Roman ist großes Theater: Liebe, Leidenschaft, Hass, Einsamkeit und Tod. Zwei verschiedene Bühnenbilder werden auf die Bühne gerollt, die Sturmeshöhe Wuthering Heights (das Wort wuthering hat Emily in die englische Sprache gebracht) und Thrushcross Grange. Thrushcross Grange (das wäre ein Wort für ➱Evelyn Hamann) ist eine Welt, die ein wenig der Welt von Jane Austen ähnelt. Wuthering Heights kommt in der Welt von Jane Austen nicht vor.

Es ist eine einsame und wilde Welt, die noch viel von der ➱Gothic Novel hat. Besonders im dritten ➱Kapitel, wo wir einen Satz wie diesen lesen können: finding it useless to attempt shaking the creature off, I pulled its wrist on the broken pane, and rubbed it to and fro till the blood ran down. Sie werden diese Szene nicht vergessen, sie ist ein Festessen für Pychoanalytiker. Wuthering Heights ist ein Roman der ➱Träume. Und der Albträume.

Spätestens seit der Dissertation ➱Der Held und sein Wetter von ➱F.C. Delius wissen wir, dass das Wetter im Roman des 19. Jahrhunderts eine große Rolle spielt. Natürlich auch in Wuthering HeightsDame Penelope Lively gefällt das nicht so sehr: There’s lots of British weather in ‚Wuthering Heights‘, but the wildness doesn’t appeal to me, it’s too much “pathetic fallacy” weather. Weather as a device that’s overdone. You’ve got a storm or two in ‚Jane Eyre‘, but it’s rather more sparse, more judiciously used. That said, ‚Wuthering Heights‘ is a marvellous novel, but I warm to Jane Eyre.

Viele Schriftstellerinnen haben etwas zu dem Roman gesagt. So Jeanette Winterson: When I was sixteen I read Wuthering Heights for the first time, and I read it as a kind of oracle; that life is worth nothing if it is not worth everything. Disaster does not matter, intensity does. You can dilute Wuthering Heights, as Mills & Boon and musicals have done. But if you are honest, you cannot escape its central stark premise; all or nothing. The all is not Heathcliff – that is the sentimental version. The all is what Heathcliff represents, which is life itself. Oder, etwas kürzer, Virginia Woolf: It is as if Emily Brontë could tear up all that we know human beings by, and fill these unrecognizable transparencies with such a gust of life that they transcend reality.

Und dann hätte ich noch Kate MosseThis brilliantly atmospheric Yorkshire saga has only one drawback – Emily never wrote another novel. For me, it is both fantastic but also true to life because the protagonists have such believably fierce emotions. Das ist natürlich nicht die Kate Mosse von der ➱Calvin Klein Reklame, die kann nicht so viele Wörter. Die beiden expressionistischen Illustrationen sind von Fritz Eichenberg, sie finden sich 1943 in der Ausgabe von Random House. Es gibt beinahe unzählig viele Ausgaben von Wuthering Heights, für Philologen gibt es aber nur eine Ausgabe. Und das ist die, die in der Reihe der Norton Critical Editions erschienen ist.

Arno Schmidt hat die Brontës durch seinen Radioessay Angria & Gondal: Der Traum der taubengrauen Schwestern in Deutschland bekannt gemacht. Er findet sich in dem Buch Der Triton mit dem Sonnenschirm. Ich habe das Buch bei seinem Erscheinen rezensiert und dem Arno, als die Rezension gedruckt erschien, sie vorbeigeschickt. Er hat leider auf meinen Brief nicht geantwortet. Es gibt im Internet ➱Wuthering Heights im Original. Und in deutscher Übersetzung ➱Der Sturm-Heidehof von Gisela Etzel und ➱Umwitterte Höhen von Alfred Wolkenstein. Die beste Einführung in die Welt der Brontës bietet Elsemarie Maletzke mit Das Leben der Brontës. Und dann habe ich hier noch eine sehr gute deutsche ➱Brontë Seite (mit vielen nützlichen Links). Und die Wikipedia Seite zu ➱Wuthering Heights kann auch empfohlen werden.

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