Joseph Nollekens

 

Möchte man diesen Joseph Nollekens (der heute vor 275 Jahren geboren wurde) wirklich kennen? Er soll nach seinem Biographen John Thomas Smith ein furchtbarer Geizkragen gewesen sein. Die einzig gute Tat, von der Antiquity Smith zu berichten weiß, ist, dass er 25 Pfund für die Angehörigen der Opfer der Schlacht von Waterloo gestiftet hat. Wenn man bedenkt, dass Nollekens 200.000 Pfund besitzt, ist das ein Klacks. 200.000 Pfund sind damals wirklich eine Menge Geld (wenn wir es mit hundert multiplizieren, kommen wir ungefähr auf den heutigen Wert). ➱John Harrison, der es dank seiner genau gehenden Uhren der Royal Navy möglich gemacht hat, auf den Weltmeeren zu navigieren, hat nur ein Zehntel dieser Summe vom Board of Longitude erhalten.

Nollekens and His Times von 1828 ist auch noch beinahe zwei Jahrhunderte später eine wunderbare Lektüre. Man hat das Buch perhaps the most candid biography ever published in the English language genannt. Mit bösartiger Süffisanz (für ➱William Blake bringt Smith sehr viel mehr Sympathie auf) beschreibt John Thomas Smith den berühmten Bildhauer. Das geht bis in die Beschreibung seiner Kleidung: Perhaps there never was a Royal Academician, or even a servant of one, whose wardrobes were so scantily provided with change of dress as those of Mr. Nollekens and his old servant Bronze. He had but one nightcap, two shirts, and three pairs of stockings ; two coats, one of them his pourpre de pape, one pair of small-clothes, and two waistcoats. His shoes had been repeatedly mended and nailed ; they were two odd ones, and the best of his last two pair. This was the amount of his dress : indeed, so niggardly was he as to his clothes, that when Mrs. Holt took possession of his effects, she declared she would not live with him unless he had a new coat and waistcoat. With this reasonable request he complied, saying nothing about any other part of his dress.

Es hat sicher schon vor Nollekens (dessen Vater Joseph Francis Nollekens aus Antwerpen nach London gekommen war) Bildhauer gegeben, die sehr reich geworden sind, aber die Geldsumme, die der geizige Nollekens anhäuft, ist schon erstaunlich. Nollekens profitiert davon, dass die englische Oberklasse jetzt von der Klassik begeistert ist (ich habe das schon einmal in dem Post ➱Banastre Tarleton erwähnt). Wir können das hier sehr schön auf dem Bild von Richard Cosway sehen, das den Sammler Charles Townley (einen der Mäzene  von Nollekens) zeigt. Auf ihrer Grand Tour, die neuerdings für junge Gentlemen de rigeur ist (und über die auch manche wie ➱William Beckford schreiben werden), nehmen die Engländer in Rom jetzt alles mit, was ihnen geschickte Kunsthändler anbieten. Und hier in Rom beginnt auch die Karriere von Joseph Nollekens, die zuerst weniger die Karriere eines Bildhauers als die eines Kunsthändlers ist.

Er ist da nicht der einzige, der seine Dienste den englischen Gentlemen anbietet, ich zitiere einmal den ersten Absatz des Wikipedia Artikels zu Thomas Jenkins (hier von ➱Angelika Kauffmann gemalt), der offensichtlich von einem Fachmann geschrieben wurde: Thomas Jenkins (ca. 1722–1798) was a British antiquary and minor painter who went to Rome accompanying the English landscape painter Richard Wilson about 1750 and remained behind, establishing himself in the city by serving as cicerone and sometime banker to the visiting British, becoming a dealer in Roman sculpture and antiquities to a largely British clientele and an agent for gentlemen who wished a portrait or portrait bust as a memento of the Grand TourGegenüber Jenkins hat Nollekens den Vorteil, dass er Bildhauer ist, er kann beschädigte Statuen reparieren. Er kann natürlich auch Fälschungen produzieren – was er gerne tut. Es ist den durchreisenden Engländern beinahe egal, was sie an Marmor kaufen, es soll sehr alt sein und sehr alt aussehen und diese edle Einfalt und stille Größe haben. Denn zu Hause in England möchte man gerne ein antiquary sein, antiquaryund das Adjektiv antiquarian haben noch keinerlei negative Konnotation. Selbst jemand wie ➱Sir Joshua Reynolds wird von dem Sammelfieber angesteckt und erwirbt von Thomas Jenkins BerninisNeptun mit Triton für 500 Pfund.

Und dann gibt es in Rom noch andere, die im antiken Geröllhandel tätig sind. Wie den Maler und Kunsthändler Gavin Hamilton, der in Lord Shelburne einen guten Kunden findet. Der lässt sich dann von ➱Robert Adam im Lansdown House auch gleich das klassizistische Ambiente für seine Kunstwerke bauen. Auch Gavin Hamiltons in Italien lebender Namensvetter Sir William Hamilton interessiert sich für die Klassik, zwar ist er Sammler, aber er verkauft auch Kunstwerke weiter. Mit seiner Gattin ist das so ähnlich. ➱Lady Hamilton, auch schon beinahe ein klassisches Kunstwerk, überlässt er Admiral Nelson.

Natürlich werden viele dieser Gentlemen, die sich antiquary nennen, mit der Zeit eine große Kennerschaft entwickeln, andere sind lediglich reiche Banausen, die bei diesem Spiel („Wie kriege ich mein stately homevoll mit griechischen oder römischen Marmorstatuen“) nur mitspielen wollen. Das liest sich dann Jahrhundert später in einem Text des Getty Museums so: Charles Watson-Wentworth, second Marquess of Rockingham, commissioned the three statues from English sculptor Joseph Nollekens. As a testament to his classical education and the taste he developed during his Grand Tour of Italy at age eighteen, the marquess assembled this group and other works in his Neoclassical sculpture gallery.

Wenn man keinen echten Polyklet oder Praxiteles mehr bekommt, dann tut es ja auch eine Kopie (arme Adlige nehmen einen Gipsabguss). Oder man bestellt sich gleich bei Joseph Nollekens etwas Klassizistisches, as a testament to his classical education and the taste he developed during his Grand Tour. Man kann bei ihm auch die Büsten berühmter Leute kaufen, wie diesen William Pitt hier. Er hat inzwischen seine eigene Fabrik in England. Ich weiß nicht, ob das schon unter den Begriff Industrial Revolution fällt. Er ist da nicht anders als andere klassizistische Bildhauer. Auch der dänische PhidiasBertel Thorvaldsen arbeitet ähnlich (falls Sie ➱dies verpasst haben sollten, müssen Sie das natürlich lesen, ebenso wie den schönen ➱Horace Walpole Post). Der Däne macht aber unterm Strich nicht so viel Gewinn wie Nollekens. Es ist ein kurioser Gedanke, dass viele dieser englischen Sammler ihr Vermögen mit der Industrial Revolution gemacht haben. Und nun kaufen sie bei Nollekens Kunstwerke, die letztlich auch fabrikmäßig industriell hergestellt werden.

Wenn man ganz weit oben in der Hierarchie der Sammler ist, dann gehört man der Society of Dilettanti an. Wenn man ihr nicht angehört, wie Horace Walpole, dann macht man böse Bemerkungen über diesen elitären Zirkel. Laut seiner Definition ist es a club, for which the nominal qualification is having been in Italy, and the real one, being drunk: the two chiefs are Lord Middlesex and Sir Francis Dashwood, who were seldom sober the whole time they were in Italy. Vielleicht ist da etwas dran. Auf diesem Bild, das Sir Joshua Reynolds (Mitglied der Society) anlässlich der Aufnahme von Sir William Hamilton gemalt hat, hat jeder der Herren ein Glas in Reichweite.

Ich habe es ja irgendwann schon einmal gesagt, dass ich von der Bildhauerkunst nichts verstehe. Ist mir peinlich, zumal ich einen Bildhauer in der Verwandtschaft habe. Sie werden deshalb kaum von mir erwarten, dass ich das bildhauerische Werk (hier die Büste, die er nach dem Tode seines Gönners Charles Townley gefertigt hat) von Joseph Nollekens hier ausführlich würdige. So bedeutend ist er vielleicht auch nicht, der Band 5, The Augustan Age, der vorzüglichen Reihe The Cambridge Guide to the Arts in Britain erwähnt ihn gar nicht erst. Und in Hugh Honours Neo-Classicism kommt er auch nicht vor.

Aber eine Plastik muss doch erwähnt werden, die ➱Grabplastik die er für Henry Howard nach dem Tod von dessen Frau Maria geschaffen hat. Sie hat den Witwer 1.500 Pfund Sterling gekostet. Nollekens hat länger als zehn Jahre daran gearbeitet, als das Grabmal 1806 fertig war, notierte Joseph Farington in seinem Tagebuch when it was finally complete Benjamin West thought it superior to the works of Canova. Eine Meinung, die von anderen englischen Künstlern geteilt wurde. Für den berühmten Richard Payne Knight war es the finest modern piece of sculpture executed in England. Und in seinem Standardwerk, dem Dictionary of British Sculpture 1660-1851 bezeichnet Rupert Gunnis das Grabmal als monumental masterpiece. Hat sich irgendjemand von all denen, die Nollekens über den grünen Klee loben, einmal Berninis Verzückung der Heiligen Theresa im Vergleich angeguckt? Nollekens hat Bernini in Rom gründlich studiert, und er beklaut ihn bei jeder Gelegenheit.

Nollekens hätte die Plastik aus Carrara Marmor am liebsten behalten, so stolz war er darauf. Und es brachte ihn zur Verzweiflung, dass das Grabmal nicht öffentlich zugänglich sein sollte: when Nollekens heard that his statue was to be placed in Wetheral Church he apparently burst into tears upset that one of his finest pieces was going somewhere where it would not be seen by admirers of his work. Natürlich haben auch Bewunderer den Weg in die Kirche von Wetheral gefunden, der berühmteste war vielleicht William Wordsworth. Der so gerührt war von so much feeling and grace, dass er ein Sonett darüber schrieb:

Stretched on the dying mother’s lap lies dead 
Her new-born babe; dire ending of bright hope! 
But sculpture here, with the divinest scope 
Of luminous faith, heavenward hath raised that head 
So patiently; and through one hand has spread
A touch so tender for the insensate child,— 
(Earth’s lingering love to parting reconciled, 
Brief parting, for the spirit is all but fled,) — 
That we, who contemplate the turns of life 
Through this still medium, are consoled and cheered; 
Feel with the mother, think the severed wife 
Is less to be lamented than revered; 
And own that art, triumphant over strife 
And pain, hath powers to eternity endeared.

Wenn Sie jetzt noch mehr über englische Sammler von Klassik und Neo-Klassik und the culture of collecting wissen wollen (das Bild von John Francis Rigaud zeigt Nollekens mit seiner Büste von Laurence Sterne), hätte ich einige Literaturtips für Sie. Zum Thema der Grand Tour ist Christopher Hibberts The Grand Tourunbedingt zu empfehlen. Das Buch von Francis Haskell und Nicholas Penny, dessen Titel Taste and the Antique: The Lure of Classical Sculpture 1500-1900 ja schon alles sagt, ist ein Klassiker zu diesem Thema. Noch detaillierter und genauer, sich nur auf das England des 18. Jahrhunderts konzentrierend, ist das vor drei Jahren erschienene Buch von Vicci Coltman Classical Sculpture and the Culture of Collecting in Britain since 1760.

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