Han van Meegeren

 

Am 30. Dezember 1947 ist der Holländer Henricus Antonius van Meegeren gestorben. Er war ein holländischer Maler. Dieser schöne Kitsch hier ist sein bekanntestes und beliebtestes Werk. Henricus Antonius van Meegeren, der gemeinhin Han van Meegeren genannt wurde, hatte noch einen anderen Namen: er malte auch als ➱Jan Vermeer. Verkaufte sogar dem Kunstsammler Hermann Göring einen angeblich echten ➱Vermeer. Wahrscheinlich wollte Göring unbedingt einen Vermeer haben, weil Hitler auch einen hatte (lesen Sie ➱hier alles dazu). Was mich bis heute fasziniert, ist die Frage, wie konnte man auf van Meegeren hereinfallen und seine Machwerke für echte Vermeers halten?

Wenn hier der Direktor und der Restaurator des Museums Boijmans (das heute Boijmans van Beuningen heißt) voller Stolz vor ihrem gerade entdecken Vermeer sitzen, dann fragt man sich: Sind sie beide blind? Selbst auf schlechten Abbildungen kann man sehen, dass das kein Vermeer ist. Man kann ja offensichtlich alles fälschen, Banknoten sowieso. Im Mittelalter hat man Urkunden gefälscht, das Privilegium Maius und die Konstantinische Schenkung sind Fälschungen.

Im 18. Jahrhundert waren gefälschte Gedichte wie ➱Ossian oder die angeblich mittelalterlichen Gedichte von ➱Thomas Chatterton die große Sache. Und in Italien verkaufte man den reichen Engländern auf ihrer Grand Tour gefälschte ➱Claude Lorrains und Salvator Rosas. Mit gefälschten Kunstwerken kann man natürlich mehr Geld verdienen als mit gefälschten Gedichten. Das hat vor wenigen Jahren der Skandal um die Sammlung Jäger gezeigt. Heute sind gefälschte ➱Louis Vuitton Taschen und gefälschte Rolex Uhren das große Geschäft. Uhren wurden schon früh gefälscht, um 1795 ersann der berühmte Abraham Louis Breguet eine Geheimsignatur für seine Uhren. Und dass die van Meegerens (und die von Guttenbergs) nicht aussterben, hat man gerade wieder daran gesehen, dass Galileo Galileis angebliche Skizzen vom Mond auch eine Fälschung waren. Da sieht der Professor Bredekamp ganz schön blöd aus.

Mein Triumph als Fälscher war meine Niederlage als schöpferischer Künstler, hat Han van Meegeren gesagt. Mit dem Kriegsende folgte für ihn eine lange Untersuchungshaft, ein ➱Prozess, der Einzug des Vermögens. Kurz nach seinem Prozess ist er gestorben. Aber in Holland war er eine Art Volksheld, der Mann, der Göring einen gefälschten Vermeer verkaufte.

Und das rechtfertigte er als nationale Tat, da er von Göring kein Geld sondern hunderte beschlagnahmter Kunstwerke bekommen hatte. Die er ganz bestimmt zurückgegeben hätte. Hier wird gerade Görings falscher Vermeer von amerikanischen Soldaten beschlagnahmt. Han van Meegeren hat sich nicht als Fälscher gesehen, er wollte angeblich denen, die seine Kunst abgelehnt hatten nur sein wahres Genie beweisen. Auf jeden Fall hat er das später behauptet: Ich glaubte nicht an die Unfehlbarkeit der Kunstexperten, und daher entwickelte ich einen Plan, die Herrscher des Kunsthandels, die meine Bilder als drittklassig eingestuft hatten, auf die Probe zu stellen.

Aber diese Erklärung, dass er in einem Stadium der Verzweiflung, in das ihn die Ablehnung durch die Kritiker gestürzt hätte, diesen Racheplan ersonnen hätte, ist eine freche Lüge. Er war schon seit Jahrzehnten  als Fälscher im Geschäft. Wenn er technisch ein so guter Maler gewesen wäre wie ➱Odd Nerdrum (der sich hier selbstironisch in Rembrandtscher Pose malt), dann wäre er vielleicht wirklich eine Gefahr für die Experten und den Kunstmarkt gewesen.

Aber so gut wie Nerdrum war er nie. Lisa Zeitz schrieb zu van Meegerens (hier ein Selbstportrait des verkannten Genies) malerischen Qualitäten im CiceroFür heutige Augen sind die alten Fälschungen hingegen alles andere als überzeugend. Stilistisch wirken die ‚Vermeers‘ eher so, als hätte man biblische Szenen von Caravaggio mit den hohlwangigen Figuren von Karl Hofer und einem Filmplakat von Marlene Dietrich verquirlt. Doch in den dreißiger und vierziger Jahren meinte die Fachwelt allen Ernstes, neue Werke des verehrten alten Meisters entdeckt zu haben.

Wenn man sich ein Photo von Greta Garbo nimmt und sie dann in der Art von Vermeer malt, dann hat man einen Vermeer. Ist klar. Nicht alle sind auf die Fälschungen hereingefallen. Aber der Kunsthistoriker Abraham Bredius hatte das Bild von Jesus in Emmaus (links) für echt erklärt, das zählte damals für das Boijmans Museum. Vom Ruf, den Bredius einst hatte, ist heute nicht viel übrig geblieben. Sein Katalog der Rembrandt Gemälde hat heute nur noch historisches Interesse.

Bredius veröffentlichte im renommierten Burlington Magazine einen Artikel über den Vermeer, der eher nach einer emphatischen Liebeserklärung als nach wissenschaftlicher Kühle klingt: It is a wonderful moment in the life of a lover of art when he finds himself suddenly confronted with a hitherto unknown painting by a great master, untouched, on the original canvas, and without any restoration, just as it left the painter’s studio. And what a picture! Neither the beautiful signature . . . nor the pointillés on the bread which Christ is blessing, is necessary to convince us that we have here—I am inclined to say—the masterpiece of Johannes Vermeer of Delft . . . quite different from all his other paintings and yet every inch a Vermeer. In no other picture by the great master of Delft do we find such sentiment, such a profound understanding of the Bible story—a sentiment so nobly human expressed through the medium of highest art.

Man hätte im Boijmans Museum nicht auf solch schwelgerische Töne hören sollen. Man hätte lieber auf das Auktionshaus ➱Duveen hören sollen, deren Direktoren Edward Fowles und Armand Lowengard (ein Neffe von Lord Duveen) nach der Besichtung des Abendmahls nur lakonisch sagten: a rotten fake. Der Direktor von Boijmans Dirk Hannema (der nach dem Krieg als Nazikollaborateur seine Stellung verlor) kaufte das Bild für 500.000 Gulden (heute etwas in der Größenordnung von zehn Millionen Dollar) an. Joseph Duveen war ein gebranntes Kind. Er hatte 1927 The Lace Maker (oben) und The Smiling Girl (unten) – zwei sehr frühe Vermeer Fälschungen von van Meegeren – für ein kleines Vermögen angekauft, um sie Andrew Mellon weiterzuverkaufen.

Der berühmte ➱Wilhelm von Bode in Berlin hatte die Bilder, die ihm von einem dubiosen Engländer namens Harold Wright angeboten wurden, zu echten Vermeers erklärt (hatte allerdings zuvor einen ➱‘Vermeer‚ aus dieser Quelle als bestenfalls aus Vermeers Umfeld stammend bezeichnet). Wilhelm von Bode erwähnt diese Episode aus verständlichen Gründen mit keiner Zeile in seiner Autobiographie. Doch man sieht auf einen Blick, dass diese frühen Vermeer Fälschungen ein bisschen wie ein Vermeer ausschauen und sehr wenig mit den geradezu karikaturhaften Fälschungen in van Meegerens Spätwerk gemein haben.

Die Direktoren von Duveen waren ja nicht die einzigen, die ihre Zweifel hatten. Und immer wieder werden Fälschungen früh erkannt. So ➱schreibt zum Beispiel der berühmte Dr Johnson an James Macpherson, der der Welt den Ossian präsentierte: I thought your book an imposture from the beginning, I think it upon yet surer reasons an imposture still. For this opinion I give the publick my reasons which I here dare you to refute. But however I may despise you, I reverence truth, and if you can prove the genuineness of the work I will confess it. Your rage I defy, your abilities since your Homer are not so formidable, and what I have heard of your morals disposes me to pay regard not to what you shall say, but what you can prove. You may print this if you will.

Aber es hören wenige auf ihn. Napoleon auf jeden Fall nicht, der wird noch Jahrzehnte später seinen geliebten Ossian mit nach St Helena nehmen: Ces pensées, ces sentiments, ces images sont bien autre-ment noble que les rabâchages de votre ‚Odyssée‘. Voilà du grand, du sentimental et du sublime, Ossian est un poète; Homère n’est q’un radoteur. Wahrscheinlich funktioniert das nur im Märchen, dass die Wahrheit schlagartig evident wird. Wenn da ein kleines Mädchen kommt und sagt: Aber er hat ja gar nichts an. Dies Bild ist natürlich ein echter Vermeer, das im Absatz darüber nicht. Das ist Scarlett Johansson in Das Mädchen mit dem Perlenohrring.

Die weltt die will betrogen syn, wusste schon Sebastian Brandt in seinem Narrenschiff. Da hat er auch ein kleines Kapitel, das ganz einfach Von falsch vnd beschiss heißt. Man sollte dieses schöne deutsche Wort nicht vergessen, das wir schon seit dem Mittelhochdeutschen haben. Da heißt es beschiz und bedeutet nichts anderes als Betrug. Und als beschisz steht es immer noch im Wörterbuch der Brüder Grimm. Aber wenn man es gerne vornehmer ausgedrückt haben will, es gibt den Satz von Sebastian Brandt auch auf Latein: Mundus vult decipi, ergo decipiatur.

Das Museum Boijmans van Beuningen machte Jahrzehnte nach dem Kauf von Christus und die Jünger in Emmaus gute Miene zum bösen Spiel und präsentierte Van Meegeren’s Fake Vermeers im Jahre 2010 in einer Ausstellung. Die Ausstellung hatte großen Zulauf, die weltt die will betrogen syn. Das Bild im Absatz oben ist allerdings keine Fälschung, das ist ein echter van Meegeren. Sogar signiert. Aber auf Künstlersignaturen geben Kunsthistoriker schon lange nichts mehr.

Wenn Sie die ganze Geschichte nachlesen wollen, dann kann ich nur Jonathan Lopez‘ Buch The Man Who Made Vermeers empfehlen (sie können den Autor ➱hier sehen). Gut recherchiert und spannend wie in Krimi, im Jahre 2009 sogar für einen Edgar in der Kategorie Best Fact Crime nominiert.

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