Anna Waser

 

Heute vor dreihundert Jahren starb die Schweizer Malerin Anna Waser. Sie war ein Wunderkind dessen Kunst angeblich von Queen Anne und Zar Peter geschätzt wurde. Hofmalerin des Grafen Wilhelm Moritz von Solms-Braunfels ist sie auch gewesen, ganz Europa stand ihr offen. Sie war nicht die erste Malerin in der Welt der Kunst, Frauen haben sich längst einen Platz in der Malerei erobert. Anna Waser war die erste Malerin der Schweiz, das feiern die Schweizer, denn viel Kunst haben sie nicht. Dieses Selbstbildnis hat sie hat Zwölfjährige gemalt, der Mann auf der Leinwand soll der in Winterthur als ➱Fächermaler bekannte Johannes Sulzer sein, der neben dem viel berühmteren Joseph Werner einer ihrer Lehrer war.

Aber wie es mit den Wunderkindern so ist, das Leben verläuft meistens nicht so, wie die Umwelt es erwartet. Die Geschichte des Wunderkinds ➱Christian Heineken steht hier schon im Blog, Wolfgang Amadeus Mozart wird nur fünfunddreißig. Anna Waser auch. Das Bild oben ist das einzige, das von ihren Schöpfungen erhalten ist. Es soll noch fünfundzwanzig Zeichnungen geben, aber mehr ist da nicht. ➱Mozart hat uns glücklicherweise mehr hinterlassen. Die Schweizer Künstlerin Ruth Greter, die über Die Künstlerin und ihr Werk in der deutschsprachigen Kunstgeschichtsschreibung promoviert hat, hat einen ➱Lexikonartikel geschrieben, der die gesicherten Fakten über das Leben und Werk der Anna Waser enthält. Viel mehr als hier steht findet sich nicht, der Rest ist freie Phantasie. Doch Anna Waser ist nicht vergessen, das verdankt sie der Maria Waser. Die Literaturwissenschaftlerin hat 1913 die Geschichte der Anna Waser aufgeschrieben.

Sie können das ➱hier im Volltext lesen. Sie können es auch lassen, es ist grauenhaft. Hat sich aber verkauft wie geschnitten Brot. Es ist erstaunlich: hier ist eine gebildete Frau, die einen Schriftsteller wie Robert Walser gefördert hat (der einer meiner Lieblingsschriftsteller ist und ➱hier natürlich schon einen Post hat), und die haut da eine Schmonzette raus, die Frau Courths-Mahler alt aussehen lässt. Die von mir etwas bespöttelte ➱Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem wirkt schon wie high-brow Literatur gegen diese Lebensgeschichte der kleinen Schweizer Malerin. Ich zitiere aus dem Roman einmal ein kleines Gedicht:

Wann ich einst tot bin,

Deckt Staub mich Armen,

Führt dich wohl zu mir hin

Ein still‘ Erbarmen?


Sieh, wie der Mond so weiß

Über mein Grab geht,

Denk, wie verlangend heiß

Um dich mein Herz steht.


Daß ich im kalten Grab

Nach dir mich sehne —

Dringt wohl zu mir herab

Leis eine Träne?


Bringt wo ein weicher Wind

Den Duft von Rosen,

Fühlst du im Nacken lind

Ein heimlich‘ Kosen?


Spürt dann dein Seidenhaar

Zitternde Küsse,

Weiß, daß es immerdar

Mir gehören müsse…


Und weil ich tot bin,

Im Grab gefangen,

Zieht dich wohl zu mir hin

Ein heiß Verlangen?

Mehr geht nicht. Wenn Sie seriöse Informationen haben wollen, dann lesen Sie auf keinen Fall ➱Daniele Muscionico, das ist genau so schlimm. In einem Nachruf auf Maria Waser (Bild) heißt es: Daß diese hingebungsvolle und opferbereite Güte ganz ihr Wesen durchdrang und als Cantus firmus ihr innerstes Streben begleiten mußte, wissen alle, die sich in ihren Büchern auskennen. Hier dominiert ihr Menschliches und ließ sich nicht zurückdrängen, noch läßt es sich verkennen. Am innigsten, will es mir scheinen, habe es sich mit der künstlerischen Gestalt eines ihrer Bücher in dem frühen historischen Romane verschmolzen, in dem die Dichterin die Figur jener Anna Waser aus dem Stamme ihres Gatten beschwor, von der sie sich selber wohl im Tiefsten angesprochen fühlte. Und sie vollbrachte das Wunder: in einem historischen Romane mit allen seinen Schranken das vollkommen lebendige und unmittelbar nachfühlbare Wesen einer Frau von tiefster Innerlichkeit zu gestalten. Sie war ihr nahe, dieser Anna Waser, der der Verzicht zum Gesetz ihres Lebens wurde und die demütig entsagen lernte, um für die andern da zu sein. Müssen die Schweizer immer übertreiben?

Dieses Frontispiz zu Johann Jakob Scheuchzers Ouresiphoítes helveticus, sive Itinera per Helvetiæ alpinas regions ist von der Künstlerin gezeichnet. Wenn man so will, ist das ein Werk, das den ➱Alpentourismus begründet. Scheuchzer hatte es der Royal Society gewidmet. Berühmtheiten wie Isaac Newton und ➱Sir Hans Sloane hatten Illustrationen geliefert. Das Werk ist dem deutschen Wikipedia Artikel keine große Erwähnung wert, dem englischen schon. Die Schweiz hat den Naturwissenschaftler Scheuchzer nicht so gemocht, in England, wo man ihn in die Royal Society aufnahm, war er ein berühmter Mann.

Vielleicht hätte Anna Waser auch nach England gehen sollen, ➱Johann Heinrich Füssli (dessen Vater die kleine Malerin Anna Waser aus Zürich in seine ➱Geschichte und Abbildung der besten Maler in der Schweiz aufnahm) hat das getan. Auch der Schweizer Historiker Johannes von Müller (dessen homoerotischer Briefwechsel gerade das Feuilleton beschäftigt) zog es vor, nicht in der Schweiz zu bleiben. Und wir denken heute schon gar nicht mehr daran, dass ➱Angelika Kauffmann auch in der Schweiz geboren wurde. Dies Selbstportrait zeigt sie hin- und hergerissen zwischen Musik und Malerei. Anna Waser wird nur hin- und hergerissen zwischen der Malerei und ihren Tochterpflichten gegenüber der Familie.

Eng! Eng! So eng, sollen die letzten Worte der Anna Waser gewesen sein. Die geistige Enge der Schweiz wird nicht nur heute beklagt. Da ist es vielleicht besser, das Land zu verlassen. Viele tun das unfreiwillig. Sie werden als Reisläufer verkauft und können dann nicht mehr das ➱Alphorn hören. Oder sie müssen Napoleon dienen und singen das ➱Beresinalied. Und wie sagt ➱Harry Lime in The Third Man so schön: Don’t be so gloomy. After all it’s not that awful. Like the fella says, in Italy for 30 years under the Borgias they had warfare, terror, murder, and bloodshed, but they produced Michelangelo, Leonardo da Vinci, and the Renaissance. In Switzerland they had brotherly love – they had 500 years of democracy and peace, and what did that produce? The cuckoo clock. So long Holly.

Die Teufelsbrücke, die auf der Zeichnung von Anna Waser zu sehen ist, sieht da irgendwie ein bisschen mickrig aus. Wir mögen es ja lieber, wenn sie so aussieht, wie auf dem Bild von ➱Carl Blechen. Hitler auch, er hatte das Bild für 380.000 Reichsmark gekauft. Ich nehme mal an, dass es nicht sein eigenes Geld war.

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