Peter Paul Rubens

Der englische Kriminalschriftsteller Eric Ambler und Peter Paul Rubens haben heute Geburtstag. Über Rubens hätte ich auch schreiben können, doch zu dem fällt mir nichts ein. Ich mag ihn nicht, obgleich ich weiß, dass er ein großer Maler ist. Das letzte Mal, als ich etwas zu Rubens gesagt habe, hat mich eine ganze Gruppe von Touristen feindselig angestarrt. Geht ihr schon mal vor zu den fetten Weibern, ich guck mir noch mal die kleinen Affen an, habe ich zu Carola und Jimmy im Dahlemer Museum gesagt. Ich wollte mir noch einmal die wunderbaren kleinen Äffchen von ➱Brueghel anschauen und den Saal mit den voluminösen Schönheiten von Rubens vermeiden. Wenn Sie von mir etwas anderes als fette Weiber zu Rubens hören wollen, kann ich nur Simon Schamas hervorragendes Buch Rembrandt’s Eyes empfehlen, das auch ein sehr gutes Kapitel über Rubens hat.

Das steht so 2011 in dem Post ➱Eric Ambler. Und damit könnte mein Post über Peter Paul Rubens schon zu Ende sein. Aber da heute der 440. Geburtstag von Rubens ist, bekommt er doch noch einige Zeilen. Zu diesem Herrn hier möchte ich allerdings auch noch etwas sagen. Es ist eine kleine Geschichte, die mit ihm zu tun hat und die nur wenige kennen. Die diese Geschichte wohl niemals erzählen werden, weil sie dann auf ewig blamiert sind. Es ist Jahre her, Barschel lag tot in der Badewanne, Engholm wurde Ministerpräsident, da erhielt ich in der Uni einen Anruf aus der Staatskanzlei. Eine nette Stimme fragte mich, ob ich Jay sei, der Guru zum Thema ➱Kriminal- und Spionageroman.

Ich bejahte vorsichtig, man sollte immer vorsichtig sein, wenn man aus dem Landeshaus angerufen wird. Das letzte Mal, dass ich in der Staatskanzlei gewesen war, wollte ich mich bei Stoltenbergs Staatssekretär beschweren, dass Stolti nur die Hälfte meiner schönen Rede zur Eröffnung der Ausstellung ➱Illustrationen zu Melville’s Moby Dick gehalten hatte. Aber dieser junge Mann wollte etwas ganz anderes von mir. Er erzählte mir, dass sein Ministerpräsident (sprich Engholm) so furchtbar gerne diese Romane mit den internationalen Verschwörungen läse. Ich sagte, dass sei an sich noch nichts Böses, auch Kennedy hätte gerne die ➱James Bond Romane gelesen. Aber er hörte nicht hin und fuhr fort, dass sie sich in der Staatskanzlei gedacht hätten, dass sie ihm eine kleine Freude machen wollten.

Und da sei letztens ein Fachmann (den Namen wollte er mir nicht nennen) bei ihm gewesen, der einen dreitätigen Kongress zum Thema Thriller organisieren würde. Der verhandle noch mit ➱John le Carré, aber Eric Ambler (hier ein Photo von Lieutenant Colonel Ambler während des Krieges), den hätte der schon fest gebucht. Der käme auf jeden Fall nach Kiel. Kommt er nicht, unterbrach ich ihn. Ich hatte die ganze Zeit den Unsinn mitgeschrieben, den er mir erzählte. Jetzt war es mir zu viel, jetzt redete ich Fraktur: Eric Ambler ist schwer herzkrank, der kommt nicht mehr die Treppe vom ersten Stock seines Hause herunter. Wie soll er da nach Kiel kommen?

Es war mir klar, dass dieser Politiker einem Schwindler vom Format von Melvilles Confidence Man aufgesessen war. Ich gab ihm noch einige Bosheiten mit auf den Weg und sagte ihm, dass sein Chef durch die kriminellen Intrigen seines Vorgängers an die Macht gekommen sei. Warum jetzt selbst kriminell werden? Wie wolle er vor dem Steuerzahler rechtfertigen, dass er einen teuren Kongress zum Thriller organisiere, nur um seinem Chef eine Freude zu machen? Der Überschwang des Staatssekretärs war plötzlich nicht mehr überschwänglich. Ob ich ihm die Argumente, die gegen einen solchen Kongress sprächen, schriftlich zukommen lassen könne, fragte er. Habe ich getan, er hat sich nie bedankt. Ich habe die Geschichte niemandem erzählt, auch meinem Freund ➱Gert Börnsen nicht. Aber heute musste ich die kleine Geschichte, die uns zeigt, wie naiv und dumm Politiker sein können, einmal loswerden. Was ich dem damals Herrn verschwiegen habe, ist die Tatsache, dass einer der ersten Spionageromane, ➱The Riddle of the Sands, in Schleswig-Holstein beginnt. Aber das rechtfertigt auch noch nicht das Verschleudern von Steuergeldern für einen Kongress für Herrn Engholm.

Jetzt vergessen wir einmal den hervorragenden Krimiautor Eric Ambler und kommen zu dem anderen Geburtstagskind, nämlich Peter Paul Rubens. Zu dem habe ich gerade in der Süddeutschen einen hochinteressanten Artikel gelesen, der ➱Die Bilderärzte heißt. Es geht dabei um die hochmodernen Methoden, die zur ➱Restaurierung dieses Gemäldes aus der Zeit um 1630 angewandt wurden.

Seit Max Doerner sein Standardwerk Malmaterial und seine Verwendung im Bilde veröffentlicht hatte, hat sich auf dem Gebiet der Restaurierung von Ölgemälden einiges getan. Hier entdeckt die Restauratorin ➱Ina Slama gerade einen Nagel unter der Farbschicht. Rubens hat seine Gewitterlandschaft auf dünnem Eichenholz gemalt, das auf der Rückseite von Holzstäben (einer sogenannten Parkettierung) gestützt wurde. Die durch Nägel mit dem Holz des Gemäldes verbunden wurden. Lesen Sie doch mal eben diesen kurzen ➱Artikel und klicken Sie die Bilder an, dann wissen Sie, worum es geht.

Das Getty Institute hat für solche Dinge eine Panel Painting Initiative ins Leben gerufen. Hier können wir die Wiener Gewitterlandschaft vor ihrer Restaurierung sehen. Uns allen ist klar, dass sich die Farben der Bilder im Laufe der Jahrhunderte verändern können. Der Grünspan zum Beispiel, den die alten Niederländer zwischen zwei farblose Lackschichten, legten, ist mit der Zeit milchig geworden, sieht aber deshalb geheimnisvoll schön aus. Wenn solche Bilder restauriert werden, verlieren sie ihren Reiz. Ein großer Teil der interessanten Bilder der Ausstellung ➱Weltsichten: Landschaft in der Kunst vom 17. bis zum 21. Jahrhundert, die ich vor Jahren sah, war unfachmännisch scharf gereinigt worden. Damit macht man aus drittklassigen Bildern keine erstklassigen Bilder.

Man kann auf der unrestaurierten Fassung des Rubensbilds mit Philemon und Baucis nicht so furchtbar viel erkennen. Die Struktur des Bildes wird durch diesen seitenverkehrten Stich von Schelte Adamsz. Bolswert klarer. ➱Jacob Burckhardt hat über das Bild gesagt: Allein Rubens wurde bisweilen von seinem Geiste geführt, daß er das Meteorisch-Furchtbare darstellen mußte … Das erstaunlichste dieser Bilder aber ist (Galerie von Wien) jene schon oben, bei Anlaß von Philemon und Baucis erwähnte »Wasserflut von Phrygien«: ein weites Hochtal, schrecklich überschwemmt von einer Flut, die schon tote Tiere mit sich dahinführt; in den Lüften eine Feuer- und Wassermasse, in allen Wolken Blitze; das Licht von allen Seiten kommend, und links unten ein Regenbogen; die Wasserniveaus sind unmöglich und widersprechen einander, und dabei ist es ein Werk hohen Ranges.

Der in Siegen geborene Peter Paul Rubens, der Maler und Diplomat werden wird und den der englische König (und andere Souveräne) adeln wird, beginnt sein Leben als Kölner Jung. Die ersten zehn Jahre seines Lebens hat er in der Domstadt gelebt. Er wird dahin nie zurückkommen, wird aber, wenn er kurz vor seinem Tod den Auftrag eines ➱Kreuzigungsbildes für St Peter annimmt, sagen, dass er eine große Liebe zu Köln habe. Dieses Bild, das Rubens und seine junge Frau Isabella Brant in der Geißblattlaube zeigt, ist sicherlich eins seiner schönsten Bilder. Nach ihrem Tod wird er klagen: Ich habe meine gute Frau verloren! Sie hatte keinen der Fehler ihres Geschlechtes, sie war ohne Launen, so gut, so treu. Und er heiratet dann die siebzehnjährige Hélène Fourment, die ihm ebenso wie Isabella Brant für viele Bilder Modell stehen wird.

Ich habe im ersten Absatz Simon Schamas Buch Rembrandt’s Eyes empfohlen, weil es sehr viel über Rubens sagt. Über Rembrandt sagt es auch sehr viel, aber eher in romanhafter Form. Wenn man wirklich etwas über Rembrandt wissen will, dann sollte man sich das Rembrandt-Buch von Gary Schwartz kaufen. Oder noch preisgünstiger: den Band Rembrandt von Christian Tümpel in der Reihe der ➱rowohlts monographien. So brillant ➱Schama als Kulturhistoriker ist, er ist nun mal kein professioneller Kunsthistoriker wie Gary Schwartz. Der will auch nicht den ganz großen kulturhistorischen Kontext wie Schama entwerfen, er schreibt über Rembrandts Werk. Das ist ihm genug. Simon Schama schreibt eher eine romanhafte Biographie Rembrandts und der Niederlande.

Wenn Sie sich fragen, warum Rubens in einem Rembrandt Buch die heimliche Hauptfigur ist, dann hat Schama dafür eine Erklärung, Rembrandt wollte wie Rubens sein: Rubens war cool. Rembrandt war uncool. Rembrandt wollte aber wie Rubens sein, und je mehr er das versuchte, desto gründlicher misslang es. Er war ein Messie, der sein Haus mit lauter Kram voll stopfte, ein Zwangsgestörter, der nicht mit Geld umgehen konnte und sich immer weiter verschuldete, insbesondere beim Versuch, ein so schönes Haus wie Rubens zu kaufen und zu unterhalten.  Schreibt jemand namens Nils Minkmar in der ➱Zeit, das ist stilitisch wohl für die Fack ju Göhte Generation. Aber, wie mein Freund Volker gestern sagte, als er mir die Zeit der letzten Woche brachte, die Zeit sei gleichsam die Bunte für Intellektuelle. Was kann man von diesem Italiener, der Goldkettchen trägt, als Herausgeber anderes erwarten?

Die ➱New York Times sagte zu der These, dass Rembrandt Rubens sein wollte, nur knapp: The core argument of this book, if there can be said to be one, is rather strange. It is that Rubens was the prime inspiration and psychological driving force for Rembrandt during much of his career — he was the man who “haunted“ Rembrandt’s imagination until Rembrandt finally freed himself. It has always been clear that Rubens influenced Rembrandt to an extent, the way he influenced many artists, because he was the most famous painter of the day. This influence can be traced in a few works by Rembrandt, which Schama notes. But that sort of influence is different from being an obsession and a role model.

Rubens mochte ➱Adam Elsheimer, und er ist in diesem Blog immer wieder erwähnt worden, so ist es ja nicht. Geben Sie mal seinen Namen in eins der Suchfelder ein, Sie werden überrascht sein. Das Bild der Hélène Fourment halbnackt mit dem Pelz, das nehme ich als ➱Aktmalerei ja noch hin, aber Bilder wie die in den letzten beiden Absätzen, die kann ich kaum ertragen. Brauche ich auch nicht, die Geschmäcker sind verschieden, und De gustibus non est disputandum.

Ich sollte zum Schluss noch sagen, dass das Kunsthistorische Museum in Wien vom 17. Oktober 2017 bis zum 21. Januar 2018 eine große ➱Rubens Ausstellung zeigen wird. Dies hier bekommt man nicht zu sehen (oder höchstens auf einem Photo), das ist die Rückseite der Landschaft mit dem Gewittersturm mit der neuen Parkettierung. Nichts mehr geleimt oder genagelt, gefederte Nylonstifte lassen das Bild schweben. Hält vielleicht für die Ewigkeit.

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