gen Engeland!

Der Boden des Hauses war für uns Kinder eigentlich verboten, doch das Verbotene reizt natürlich immer. Es gab da oben unter dem Dach viel zu entdecken, und damit meine ich nicht nur die goldbraunen Tabaksblätter, die Opa vor dem kleinen Bodenfenster zum Trocknen aufgespannt hatte. So etwas hieß damals ➱Bahndamm Sonnenseite, war in der Nachkriegszeit sehr begehrt. Ich fand auf dem Boden Opas altes Grammophon, das mit dem His Master’s Voice Etikett. Das war zwar kaputt, konnte aber mit einem Trick zum Leben erweckt werden. Diese Geschichte steht schon in dem Post ➱Hans Albers. Ich kann immer noch alles singen, was da auf den Platten war. Von ➱Bomben auf Monte Carlo bis ➱Ich kam aus Alabama.

Unter den Platten fand ich auch eine, die den Titel Wir fahren gegen Engeland hatte. Wenn Sie dies ➱hier anklicken, sind wir in der schönsten Nazipropaganda (es lohnt sich auch, die Kommentare zu dem Video zu lesen). Für Nazipropaganda ist YouTube ja die beste Basis. Ich habe mich mit denen schon x-mal angelegt, es kommt meistens nichts dabei raus. Heute brauche ich allerdings die Propaganda von dem Plakat da oben. Oder der Postkarte da unten.

Das berühmte England Lied, das ➱hier schon einen Post hat, stammt von dem Heidedichter Hermann Löns. War geschrieben, bevor der Kriegsfreiwillige Löns nach Frankreich zog. Wurde im Zweiten Weltkrieg ein Schlager (und war jetzt bei uns auf den Boden verbannt). Gen England sind die Deutschen nie gefahren, weder mit Schiffen noch mit Flugzeugen. Die Operation Seelöwe wurde nichts, die ➱Battle of Britain haben die englischen Spitfires gewonnen. Das Englandlied singt heute niemand mehr. Auch Heino nicht. Nur die französischen ➱Fallschirmjäger singen es, aber da hat es einen etwas anderen Text. Der dem Text von Löns in vielem ähnelt, nur England kommt da nicht drin vor.

Wenn man Ende der dreißiger Jahre Kind war, dann hat man an einem Kriegspiel mit dem Titel Wir fahren und fliegen gen Engeland! üben können, wie man England erobert: An diesem interessanten Spiel können bis zu fünf Personen teilnehmen. Jeder Spieler erhält eine Figur, ein Kriegsschiff oder ein Kampfflugzeug zum Setzen auf den vorgezeichneten Gefechtsweg. Es wird mit einem Würfel gespielt. Wer zuerst sechs würfelt beginnt. Er hat das Spiel zu leiten und die Spielregeln, sowie die Erläuterungen vorlesen. Die Reihenfolge der übrigen Spieler richtet sich nach der erzielten höchsten Augenzahl. Bei allen roten Nummern sind die Erläuterungen besonders zu beachten. Wer zuerst am Ziel eintrifft, das durch direkten Wurf erreicht werden muss, ist der Sieger und erhält den ausgesetzten Preis. Ich weiß nicht, was der ausgesetzte Preis war, aber ich weiß, dass der Zeichner dieser schönen Karte in den fünfziger Jahren Kinderbücher illustrierte. Das Spiel aus dem Jahre 1940 ist antiquarisch noch zu finden, kostet aber immer über 300 Euro.

Der Kieler Oberbürgermeister Walter Behrens (NSDAP) wäre in München nicht auf die Idee gekommen, dieses Bild eines Bergbauernhofs aus dem Jahre 1937 zu kaufen. Aber ein anderes Bild von diesem Maler, das wollte er unbedingt haben. Das sollte in das Rathaus, groß und plakativ wie es war. Nach dem Krieg verschwand es da dann still und unauffällig.

Man wollte die Engländer, denen man Kiel kampflos übergeben hatte, nicht unnötig beleidigen. Denn das Bild hatte es in sich. Die Leinwand wurde zusammengerollt, irgendwo gut weggelegt und dann vergessen. Zum Kunstgeschmack des Nationalsozialisten Walter Behrens, der es nach dem Krieg schaffte, als einfacher Mitläufer eingestuft zu werden, muss gesagt werden, dass er den Geistkämpfer von Ernst Barlach verschrotten lassen wollte. Die Plastik konnte gerettet werden und wurde 1954 an der ➱Nikolaikirche aufgestellt.

Das hier ist eine Postkarte aus den dreißiger Jahren. Ist nichts besonderes: Dünen, ein blauer Strich Meer, ein Himmel voller Wolken darüber. Hat mich zwei Euro bei ebay gekostet. Weshalb habe ich sie gekauft? Weil ich heute über den Maler schreibe. Er heißt Carl Heiß, und das Bild hier hat den Titel Zu Dir Deutsches Meer. An dem Titel merken wir, dass wir in der Zeit des Nationalsozialismus sind. Ich nehme an, dass das Bild das Gedicht von Karl Tannen Du, Nordsee, bist das deutsche Meer aus dem Jahre 1870 zitiert. Der verhinderte Kunstmaler Adolf Hitler hat den Maler Carl Heiß aus Ansbach gemocht und hat ihm Bilder abgekauft. Die Dünenlandschaft soll übrigens Amrum darstellen, der Maler machte da gerne mit seiner Familie Urlaub.

Er hat hier seine Gattin in die Dünen gemalt, in Friesentracht. Ausgeliehen von der Tochter seiner Wirtsleute in Nebel. Trachten sind in den dreißiger Jahren chic. Das deutsche Meer und die Wolken sind hier ebenso stereotyp wie auf der Postkarte oben. Carl Heiß, der auch Buchschmuck für die Jugend, die Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben geliefert hat, hatte sich im Wintersemester 1921/22  auf der Münchener Kunstakademie eingeschrieben und war dann Portrait- und Aktmaler. Aktmalerei geht im sogenannten Dritten Reich gut (mein Post ➱Aktmalerei ist auch ein Bestseller). Vor allem, wenn sie von dem Reichsschamhaarmaler Adolf Ziegler ist, über den Hitler sagte: Ziegler ist der beste Fleischmaler der Welt.

Der Post heute heißt gen Engeland!, und so heißt auch dieses Bild aus dem Jahre 1940, das Behrens in München kaufte. Da ist wieder die Frau in den Dünen, diesmal umgeben von den Kindern. Wenn in der Malerei des 19. Jahrhunderts Fischersfrauen in den Dünen stehen, dann halten sie dramatisch nach jemandem Ausschau. Wenn Sie jetzt an Sagt Mutter, ’s ist Uwe! denken, dann wissen Sie, was ich meine. Aber diese Frau in dem Familienidyll in den Dünen der deutschen Nordsee hält nicht nach einem verloren gegangen Familienmitglied Ausschau. Es ist eine gewisse Unsicherheit, vielleicht ein wenig Angst in ihrem Blick. Oder ist es eine klammheimliche Freude beim Anblick dessen, was sie da am Horizont sieht? Wenn wir genau hinschauen, dann können wir in dem Grau unter den Wolken die deutsche Flotte entdecken. Was so heimelig daherkommt, ist nichts als perfide Kriegpropaganda, getarnt als deutsches Familienbild.

Ein Jahr vor dem Bild gen Engeland! war es einem Deutschen gelungen, nach England zu kommen. Der Kapitänleutnant Günther Prien hatte die Schmach von Scapa Flow mit der Selbstversenkung der deutschen Flotte zwanzig Jahre später wieder gutgemacht und mit seinem U47 die Royal Oak versenkt.

Ich muss noch einmal Karl Tannens Gedicht Du, Nordsee, bist das deutsche Meer zitieren, denn da findet sich in der letzten Strophe auch die deutsche Flotte:

Du, deutsche Flotte, jung und klein, 

Du wirst auf deinem Platze sein! 

Du und dein herrlich deutsches Meer 

Schlagt Wunden ihm, recht groß und schwer. 

Im deutschen Meer, am deutschen Rhein 

Muß „König Wilhelm“ Sieger sein!

Ich habe leider keine schöne Farbabbildung von dem Bild, dies ist nur eine Postkarte (wiederum bei ebay ersteigert). Die Postkarte ist (wie auch die Dünenlandschaft oben) in der Reihe Kunst für alle bei Hermann A. Wiechmanns Bildkarten erschienen, in der viel Nazikunst Verbreitung fand. In die großen Kunstlexika hat es der Maler Carl Heiß nicht geschafft. Lediglich Adolf Lang, der Stadtarchivar von Ansbach, hat 1977 einen kleinen Artikel Carl Heiß: ein Ansbacher Maler zwischen Jugendstil und Totalitarismus verfasst.

Wenn ich klein sage, dann meine ich auch ein klein, der Artikel ist zwei Seiten lang. Aber 1940 ist Heiß in der Reihe  Kunst für alle dabei, das will schon etwas heißen. Auf der Karte steht, dass das Bild im Historischen Rathaus der Kriegsmarinestadt Kiel hängt. Man lebt in einer Zeit der Lügen, das Rathaus ist nicht historisch, es ist noch keine dreißig Jahre alt. Als ich das Bild zum ersten Mal in der Ausstellung Sammeln und Erinnern im Warleberger Hof sah, dachte ich mir: Wow. Alexander Deineka hätte das nicht schöner gekonnt. Da hatte ich den Titel und die deutsche Kriegsmarine noch gar nicht entdeckt. Professionell und technisch gut gemalt in diesem kalten Realismus der Hitlerzeit, plakative Farben, anrührend.

Das kleine blonde Mädchen mit den Zöpfchen, das vielleicht einmal mit ihrem Bruder Wir fahren und fliegen gen Engeland! gespielt hat, wird nicht alt werden. Fünf Jahre später ist nichts mehr mit der Idylle von Amrum. Die deutsche Marine ist nicht nach England gekommen. Der Maler Carl Heiß begeht Selbstmord, als die Amerikaner vor Nürnberg auftauchen. Vorher hat er seine Frau und seine Kinder umgebracht.

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