die Malerin aus Lüdenscheid

Sie ist beinahe dreißig, als sie nach Paris geht. Allein, ohne Gouvernante. Sie will Malerin werden. Und nicht nur das, sie will als Malerin von ihrem Beruf leben. Auf allen Selbstportraits trägt sie eine Brille, die braucht sie um die Welt zu sehen. Sie könnte sich ohne Brille malen, aber die Brille gibt ihr etwas Überlegenes, Spöttisches. Das haben Männer nicht unbedingt gerne. Mäner mögern auch diese Malweiber nicht, die nach Paris gehen. Und deutsche Malerinnen haben wenig Chancen, in Paris ihre Bilder zu verkaufen. Aber Ida Gerhardi gibt nicht auf, sie bleibt in Paris. Westfalen hat eine große Frau, Annette Droste, hervorgebracht, nun will ich die zweite sein, schreibt sie 1909 an den Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus.

Diese Verbindung zu Osthaus ist für beide wichtig, er kann sie fördern und bekanntmachen, und sie macht ihn mit französischen Künstlern bekannt. Osthaus setzt auf ihre diplomatischen Fähigkeiten, dank ihrer Vermittlung lernt er 1903 Auguste Rodin kennen. Und gibt gleich mehrere Bronzen und eine Marmorstatue in Auftrag. Die Malerin (hier auf dem Selbstportrait Nummer drei) vermittelt ihm auch Kontakte zu Aristide Maillol, Matisse und Maurice Denis, sie ist, wenn man so will, seine französische Kunstagentin geworden. Und im Jahr 1903 kauft er viel, sehr viel. Hauptsächlich französische Kunst. Osthaus stellt manchmal Bilder von Gerhardi in seinem Museum Folkwang aus, eine Gerhardi Ausstellung gbt es allerdings in Hagen nicht.

1903 ist auch das Jahr, in dem sie ihn malen wird, einen dynamischern neunundzwanziger Millionär, der dabei ist, die Moderne in sein Museum in Hagen zu bringen. Das Bild von Gerhardi hängt heute immer noch im Osthaus Museum Hagen. Aus Hagen kam Ida Gerhardi auch, die Arzttochter wurde da am 2. August 1862 geboren. Nach dem frühen Tod ihres Vaters war ihre Mutter mit der Familie nach Detmold gezogen. Als die Malerin 1912 schwer krank wird, zieht sie zu ihrem Bruder, dem Dr Karl-August Gerhardi, der in Lüdenscheid Sanitätsrat ist. Nebenbei schreibt der Mediziner auch noch Gedichte und Theaterstücke. In Lüdenscheid hat es 2012 auch die Ausstellung Ida Gerhardi: Deutsche Künstlerinnen in Paris um 1900 gegeben, die danach in das Prinzenpalais Oldenburg wanderte, wo ich sie gesehen habe. Das Osthaus Museum in Hagen ist seit dem 27. Juli 2021 wieder geöffnet. Ich habe schöne Erinnerungen an Hagen, die weniger mit der Kunst als mit Bonschen zu tun haben: meine Mutter hatte nämlich eine Freundin in Hagen, die Erbin einer Bonbonfabrik war. Mehr brauche ich dazu nicht zu sagen.

Bevor sich Ida Gerhardi in Paris an der Privatschule Académie Colarossi immatrikuliert, zieht es sie erst einmal für einige Wochen nach Concarneau in die Bretagne. Wenn die Sonne lächelt, lächelt sie bleich, u. man hat nicht das Gefühl, dass sie wirklich wärmend ins Herz dringt. […] Meer und Himmel sind nicht mehr zu unterscheiden, u. das was Farbe hat in der Natur, schimmert als unerklärlicher, fast formloser Effekt – die graue Masse unendlich anziehend machend – durch den melancholischen, sich leise bewegenden Schleier hindurch, hat sie geschrieben. Und da hat sie 1891 diesen Bauernhof gemalt. Warum will sie überhaupt noch studieren? Sie kann doch schon alles. Bevor sie nach Paris zog, hatte sie in München an der Damenakademie von Tina Blau-Lang einige Monate studiert. Was eine paysage intime ist, das wusste sie schon. Im selben Jahr malt sie eine Dame auf dem Brückenbogen vom Pont de l’Alma, was allerdings ziemlicher Kitsch ist.

Sie hätte gerne den Teutoburger Wald mit frz. Flottigkeit auf die Leinwand gezaubert, aber das Bild gibt es nicht. Was es gibt, ist diese Dorfstraße bei Soest, 1913 gemalt, als sie nach zwanzig Jahren Paris wieder in Deutschland ist. Leicht und luftig mit  frz. Flottigkeit gemalt. Sie wäre gerne Landschaftsmalerin gewesen, aber das bringt kein Geld. Nur Portraits bringen Geld. Das hatte schon Gainsborough festgestellt, als er schrieb: I’m sick of portraits, and wish very much to take my viol-da-gam and walk off to some sweet village, where I can paint landskips and enjoy the fag end of life in quietness and ease. Ida Gerhardi bezeichnet die Portraitmalerei einmal als erlaubte Prostitution.

Für dieses Portrait hat sie kein Geld genommen. Das ist der Ehemann ihrer besten Freundin Jelka Rosen, die auch aus Detmold kam. Aus einer berühmten und reichen Familie. Die Familie von Ida Gerhardi kommt auch aus einer berühmten Familie, die in Westfalen seit dem Jahre 1577 nachweisbar ist. Die sind aber nicht reich, außer der Lüdenscheider Fabrikantenlinie; die Firma Gerhardi gibt es immer noch in Lüdenscheid, die stellen den Kühlergrill für Mercedes und BMW her. Jelka Rosen ist auch Malerin, sie hat ihren Ehemann auch gemalt, aber etwas anders als hier. Der Herr auf diesem Bild ist niemand anderer als der englische Komponist Frederick Delius.

Ida Gerhardi wird in Deutschland, wo man das Werk von Delius kaum kennt, alles tun, um den Komponisten bekannt zu machen. Sie wird auch zahlreiche Musiker malen: Arthur Nikisch (1899), Ferrucio Busoni (1900 und 1902) und die Geigerin Elli Bößneck (1910), eines ihrer schönsten Bilder. Zu dem Bild habe ich hier eine Interpretation von der Kunsthistorikerin Hella Nocke-Schrepper. Auf der Seite gibt es auch einen Link zu der Dissertation von Petra Stevens-Nepilly aus dem Jahre 1983, die Verfasserin hat aus ihrem Buch für den Lüdenscheider Geschichtsverein eine lange Zusammenfassung erstellt.

Das 1894 gemalte Bild dieses Herrn gehört nicht unbedingt zu den Höhepunkten ihrer Portraitmalerei, es wirkt wie eine Karikatur. Und das ist sehr passend, nicht nur, weil preußische Offiziere in dieser Zeit wie eine Karikatur aussehen. Es ist allerdings ein Bild von großer politischer Aktualität. Dies ist der Oberstleutnant Maximilian von Schwartzkoppen, der preußische Militärattaché in Paris. Er wird noch General werden, aber seine historische Rolle ist eine ganz andere, mit ihm beginnt die Dreyfus Affäre. Jetzt ist das Bild in unserem Kopf, wir werden es nicht mehr los.

Die Violinistin Elli Bößneck hat sie 1910 in Leipzig gemalt. Um dieses Bild zu malen, reist sie noch im selben Jahr nach London. Sie hasst mittlerweise diese Reisen: Es ist furchtbar gehirnanstrengend, immer an fremden Plätzen zu malen, hat sie einmal gesagt. Aber die Reise zu der Ehefrau des englischen Kunstsammlers Frank Stoop macht sie gerne. Zu der hat sie ein besonderes Verhältnis, denn Bertha Stoop ist nicht nur ihre Mäzenin, sie ist auch eine Freundin. Als eine schwere Lungenkrankheit im Winter 1912 das Schaffen von Ida Gerhardi unterbricht, wird sie im zuerst von ihrer Schwester Lilli gepflegt werden, dann den ganzen Sommer 1913 an der italienischen Riviera verbringen und den Herbst zu einer Kur nach Wiesbaden reisen. Vielleicht wäre Davos der richtige Ort gewesen, wo die Malerin Hermine Overbeck-Rothe ihre Lungenkrankheit auszukurieren versuchte. Aber Bertha Stoop hat da eine andere Meinung, sie bricht mit der Malerin im Januar 1914 zu einer mehrmonatigen Reise nach Ägypten auf, sie hofft darauf, dass die trockene, warme Luft Lunge und Bronchien stärken könne. Idas Nichte Evelin erinnert sich 1988: Unfortunately it did her more harm than good when they were caught in a sandstorm. 

Neben Paris war Lüdenscheid ihr zweites Zuhause geworden, wohin ihre gemütskranke Mutter am Ende des 19. Jahrhunderts gezogen war. Sie liebt ihr Paris: Ich bereue keinen Tag, nach hier (…) gegangen zu sein, alles ist mit einer Bequemlichkeit eingerichtet, wie das in Deutschland in keiner Stadt für Damen zu finden ist. Sie kümmert sich auch um deutsche Kollegen, die neu in der Stadt sind. So schreibtFriedrich Ahlers-Hestermann, der mit Franz Nölken in die französische Metropole kommt, in seiner Autobiographie: Es blieb noch die schwache Hoffnung auf eine nicht mehr ganz junge Malerin, die aus der Heimatstadt von Nölkens Mutter – Lüdenscheid i. W. – stammte. An einem trüben Sonntagnachmittag gingen wir, ohne viel zu erwarten, zu ihr. – Mit ihren zierlichen Händen führte sie kleine wiederkehrende Gebärden aus, während sie sprach und uns aus dunklen Augen durch den Zwicker prüfend anschaute. – Sie kannte das Viertel Montparnasse seit 15 Jahren, und in hurtigen Sätzen erzählte sie uns von Malern, Modellen, Cafés und Sammlungen, nahm auch mit einem mütterlichen Einschlag teil an unseren Wünschen und Absichten. 

Ida Gerhardi zeigt den beiden Hamburgern nicht die Welt der Bohème und der Apachenkneipen (die sie hier gemalt hat), sie nimmt sie mit zu den Domiers, wo auch Albert Weisgerber ein ständiger Gast ist. Der Maler Hans Purrmann beschrieb die Ankunft der Hamburger mit den Worten: Eine Gruppe von Hamburger Malern kam: Nölken, Rosam und Ahlers – Hestermann. Kunstbeflissen, fast zu seriös, aufnahmedurstig für diesen alles niederdrückenden Geist , der sich gewöhnlich breitmachte. Paris trug die Menschen meist in eine Höhe, die man ihnen nicht zugetraut hatte, weil sie vom Leben nicht abgestumpft, sondern zugespitzt wurden, weil fruchtbare Künstlerdiskussionen auszunutzen waren, die zukünftige, hohe Bewertungen voraussehen ließen.

Dies ist das letzte Selbstportrait von Ida Gerhardi, zwei Jahre vor ihrem Tod im Jahre 1927 gemalt. Da ging sie schon kaum noch aus dem Haus. Käthe Kollwitz schrieb ihrer Schwester Lilli nach dem Tod: Wir waren sehr gute Nachbarn, es ist wohl nicht zu viel gesagt, daß wir uns lieb hatten. Nun ist nur dies Bild von ihr geblieben, dies frohe kluge feine Bild. In ihrem kleinen Stübchen, das zugleich ihr Atelier war, war sie rings umgeben von ihren Studien und Skizzen, diesen bewegten, farbigen, hoch begabten Skizzen. Oft habe ich sie nach Bal Bullier begleitet, wo sie malte. Sie war ja in Paris so zuhause, dass ihr nichts verschlossen war, überall stand sie gut mit den Menschen und fand sie Eingang. Für mich war es ein großes Glück, Paris an ihrer Seite kennen zu lernen.

Dieser 1908 gemalte Siamesische Prinz, der wahrscheinlich ein Gesandter aus Thailand war, erregte großes Aufsehen. Im Jahre 1909 schreibt die BerlinerNational-Zeitung: Als Gast der Vereinigung erscheint die ausgezeichnete Ida Gerhardi, die sich bei ihren jüngsten Pariser Studien wieder um ein respektables Stück vorwärts gebracht hat. Die meisten dieser Künstlerinnen haben Talent, Fräulein Gerhardi hat Genie. Ihre Porträts sind jetzt von einer Kühnheit der Malerei und Treffsicherheit im Erfassen der Persönlichkeit, daß sie in die allererste Reihe der Bildnisse rücken, die wir seit Jahr und Tag hier gesehen haben. Das bedeutet schon etwas. 1913 erhält sie für dieses Bild den nach dem Großherzog von Hessen-Darmstadt benannten Ernst Ludwig Preis

Auch, wenn sie immer wieder für einen Augenblick berühmt wird, auch wenn die westfälischen Unternehmer sich von ihr malen lassen, nach ihrem Tod ist sie schnell vergessen. Aber nicht in Lüdenscheid, dem Ort, den sie in ihren letzten Lebensjahren immer wieder aus dem Fenster heraus malt. 1962 gibt es die von Dr Carl Bänfer initiierte Ausstellung Ida Gerhardi 1862/1962. Und dann wird es immer wieder Ausstellungen, Kataloge und Bücher geben. Heute gibt es einen Ida Gerhardi Förderpreis für junge Künstler, den die Sparkasse Lüdenscheid seit 1989 alle zwei Jahre stiftet. Und ein Musical mit dem Titel Ida hat es vor Jahren auch schon gegeben. Wenn sie auch nicht so berühmt geworden ist wie die Droste, in Lüdenscheid ist sie jetzt berühmt.

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