Sir Henry Raeburn

Dieser elegante Schlittschuhläufer ist nicht von Henry Raeburn. Der ist von dem Amerikaner Gilbert Stuart, obgleich man das Bild lange Zeit allen möglichen englischen Malern zugeschrieben hatte. Schlittschuhlaufende Herren sind ja nicht unbedingt ein bevorzugtes Thema der Malerei im 18. Jahrhundert. Helden in Uniform mit einem Säbel in der Hand schon eher. Oder – im Zeichen der neuen Empfindsamkeit des 18. Jahrhunderts – mit einem Wauwi im Arm, wie auf diesem schönen ➱Gainsborough. Aber Schlittschuhläufer sind selten. Gut, auf den holländischen Winterbildern des 17. Jahrhunderts haben wir Schlittschuhläufer en masse, aber nie als Gegenstand eines Portraits. Der elegante Herr ist nicht irgendjemand, es ist ein Schotte namens Sir William Grant, der noch eine große Karriere machen wird.

Und wie es der Zufall so will, haben wir wenig später noch ein zweites Portrait eines Schotten beim Schlittschuhlauf, und das bringt mich dann doch zu Sir Henry Raeburn, der heute vor 188 Jahren gestorben ist. Erst dachte ich, ich schreibe über ➱Percy Bysshe Shelley, der auch heute gestorben ist, aber das habe ich schon letztes Jahr getan. Und da Henry Raeburn hier zwar schon mal erwähnt wurde, aber noch nicht so richtig gewürdigt wurde, ist mir das ein schöner Vorwand, einmal wieder über Kunst zu schreiben. Das Bild oben mit dem Titel The Reverend Robert Walker Skating on Duddingston Loch ist heute eins der bekanntesten Bilder des schottischen Malers. Das war nicht immer so, vor 1942 war das Bild so gut wie unbekannt. Aber nach 1782 hatte man auch schnell vergessen, dass das Bild des schlittschuhlaufenden William Grant von Gilbert Stuart war und hielt das Bild für einen Gainsborough. Das mit den Zuschreibungen ist so eine Sache: neuerdings wird angezweifelt, dass Henry Raeburn den Pastor Robert Walker gemalt hat. Es gibt Kunsthistoriker, die das Bild gerne dem in der französischen Revolution nach England geflüchteten Henri-Pierre Danloux zuschreiben. Aber das ist doch ziemlich zweifelhaft. Die Diskussion dauert noch an.

Dieser Streit der Kunsthistoriker hat ein wunderbares Gedicht von dem schottischen Dichter ➱David Kinloch hervorgebracht, in dem Raeburn und Danloux in der letzten Strophe dem Reverend (der übrigens Mitglied der Edinburgh Skating Society war) helfen, die Schlittschuhe abzulegen. Und dann gehen alle drei Arm in Arm weg vom Duddingston Loch. Wahrscheinlich in die nächste Kneipe in Duddingston. Bezaubernd.

Die Fans von Henri-Pierre Danloux haben in der Debatte die seltsamsten Argumente ins Spiel gebracht: Raeburn hätte keine Ganzportraits gemalt (völliger Unsinn) oder er hätte niemals Figuren in der Bewegung gemalt. Nun malen Portraitmaler ja selten Figuren in der Bewegung, aber es wäre wohl unsinnig zu behaupten, dass Raeburn nichts von Bewegung verstände. Der groß gewachsene Mann, der sich nach Aussagen seiner Zeitgenossen immer elegant bewegte, spielt Golf und ist auch noch Hobbybogenschütze.

Und Pferde, die ja immer in Bewegung sind, kann Henry Raeburn sehr gut malen. Wenn sich auch seine Pferde nicht so melodramatisch aufbäumen, wie auf ➱Davids Bild von Napoleon. Bei dem Bild  müssen wir immer bedenken, dass Napoleon nicht auf diesem stolzen Ross seinen Truppen voran über die Alpen ritt, sondern dass er auf einem Lastesel mit der Nachhut kam. Aber dieses Pferd auf dem Bild des Majors Clunes ist ein richtiges Pferd, das von Jacques-Louis David ist doch nur ein Karussellpferd. It’s almost impossible to choose a favourite from the National Gallery of Scotland’s brilliant collection, but there are several paintings I return to again and again. One of these is Raeburn’s breathtaking portrait of Major William Clunes. The composition reminds me of Caravaggio’s Conversion of St Paul from Santa Maria del Popolo in Rome. I imagine Raeburn might have seen it. Few artists have the skill or chutzpah to design a portrait in which the rippling hind-quarters of a horse take up a large proportion of the canvas. It’s a dazzling picture, hat die schottische Malerin Alison Watt über das Bild gesagt.

Obgleich Henry Raeburn ganz bestimmt auch junge Schönheiten malen kann – sein Bild von ➱Mrs Robert Scott Moncrieff kann sicherlich mit all den Emmas von ➱George Romney konkurrieren – ist sein Forte doch die Darstellung von älteren Menschen, von Gesichtern, die schon etwas erlebt haben. Er malt mit einer erstaunlichen Direktheit, ohne Vorzeichnung, mit breitem Strich gleich auf die Leinwand. Kunstvoll arrangierte Hintergründe interessieren ihn nicht. Er hat zwar einige Assistenten, beschäftigt aber keinen Stab von Malern für den Hintergrund und die Kleidung der Personen wie das andere Maler im 18. Jahrhundert tun. Raeburn hat nicht die Oberflächlichkeit von Thomas Lawrence, man hat den Eindruck, dass ihn die von ihm Portraitierten (die er während des Malens in lange Gespräche verwickelte) wirklich interessiert haben. Wie zum Beispiel Sir John und Lady Rosemary Clerk of Penicuik (Sir John Clerk, Bt., ist ein Neffe des berühmten John Clerk of Eldin und ein Enkel des noch berühmteren Sir John Clerk of Pencuik), die bei Raeburn aussehen wie wirkliche Menschen. Normalerweise ist es eine Qual, sich malen zu lassen. Man muss in einer zwanghaften und unnatürlichen Position verharren und die Geduld wird auf die Probe gestellt. Für Stuart aber könnte ich vom 1. Januar bis Ende Dezember Modell sitzen: Ich kann tun und lassen was ich will und habe eine gute Unterhaltung, hat Thomas Jefferson über Gilbert Stuart gesagt, der in seiner Arbeitsweise Henry Raeburn sehr ähnlich ist.

Natürlich kann Raeburn so kitschig süßlich malen wie Romney oder Thomas Lawrence (dieser Knabe mit seinem Kaninchen mag da als Beispiel dienen), aber glücklicherweise malt er meistens nicht so. Er ist der erste schottische Maler, der in Schottland geblieben ist (wenn wir die Jahre in Rom und einige Zeit in London einmal ausnehmen), Allan Ramsay ist nach London gegangen und königlicher Hofmaler geworden. Und auch David Wilkie hat Schottland früh verlassen. Aber Raeburn bleibt in Edinburgh, obgleich er manchmal mit der Metropole London liebäugelt. Wir müssen aber bedenken, dass Edinburgh keine Provinz ist. Das Scottish Enlightenment, das selbst einen Voltaire bewundernd von Schottland reden lässt, hat Edinburgh zu einem intellektuellen Zentrum gemacht.

Dieser Herr, der auf den ersten Blick aussieht wie der Chief eines Highland Clans, hat sich für das swagger portrait ein klein wenig verkleidet. Er sieht sehr theatralisch aus, dieser Sir John Sinclair of Ulbster in der Uniform eines Colonels der Rothesay and Caithness Fencibles mit seiner roten englischen Uniformjacke und den schottischen Tartan trews (mit der Lederverstärkung, weil es eine Reithose ist). Das Highland Regiment, dessen Colonel er ist, hatte Sinclair selbst aufgestellt. Der Highland Look täuscht ein wenig, dieser Mann ist Politiker (er vertritt die Grafschaft Caithness im englischen Parlament) und er ist Ökonom, ein ernst zu nehmender Wissenschaftler. Der erste, der den Begriff statistic verwendet (in seinem Werk Statistical Account of Scotland), Mitglied der Royal Society of London und der Royal Society of Edinburgh.

Die Kunstgeschichte ist nicht sehr freundlich mit Raeburn umgegangen, die meisten Bücher über die englische Malerei widmen ihm mal gerade eben eine Seite. Über Gainsborough gibt es Bücher und Kataloge bis zum Abwinken. George Romney (über den es sogar eine deutsche Dissertation von Gerhard Charles Rump gibt) und Thomas Lawrence sind gut dokumentiert, aber unser Schotte wird sträflich vernachlässigt. In seinem kleinen Büchlein Scottish Art von 1945 beklagte Ian Finlay, dass die letzte Darstellung der schottischen Malerei von Sir James L. Caw nun auch schon beinahe ein halbes Jahrhundert alt sei. Aber seit Scottish Painting: Past and Present, 1620-1908 hat es nicht so viel gegeben. Ein kleines Buch von James L. Caw, eine Ausstellung in der Royal Academy 1939 (auch von James L. Caw organisiert), viel mehr ist da nicht. Diese Ausstellung im Jahre 1939, in deren Mittelpunkt Sir Henry Raeburn stand, bewirkte ein neues Interesse an dem Maler, das dann auch zu der „Entdeckung“ von The Skating Minister führte.

Zum Glück für Raeburns Ruhm gibt es da noch Dr Duncan Thomson, den Direktor der Scottish National Portrait Gallery von 1982 bis 1997. Der war der Kurator der großen Raeburn Ausstellung in Edinburgh und London 1997 und 1998. Es gab da auch einen schönen 215-seitigen Katalog, der leider schon wieder restlos vergriffen ist (bei Amazon.co.uk gibt es noch eine Handvoll Restexemplare). Lieferbar ist allerdings The Skating Minister: The Story Behind the Painting.  Ein 72 Seiten schmales Buch von Lynne Gladstone-Millar und Duncan Thomson. Das Rätsel der Zuschreibung des Bildes wird darin leider nicht gelöst. Hätte er (wie andere Maler) Buch über seine tausend Bilder geführt und seine Bilder datiert, dann hätten Kunsthistoriker es heute leichter. Bei dem Bild oben von Miss Eleanor Urquhart haben wir es mit der Datierung leicht, weil die Familie die Quittung Raeburns vom 10. Januar 1794 aufbewahrt hat. Es ist eins der besten Bilder von Raeburn, deshalb steht es hier am Schluss. Es ist virtuos mit breiten Pinselstrichen gemalt, locker und duftig. Und erstaunlich modern.

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