Georg Trakl

 

Heute vor 97 Jahren ist Georg Trakl in Krakau in Galizien gestorben. Mein Opa war auch im Ersten Weltkrieg in Galizien, da hat ihm der Kaiser die Hand geschüttelt (der Philosph Wittgenstein war auch dort, aber ich weiß nicht, ob sein Kaiser ihm die Hand geschüttelt hat). Auf jeden Fall wurde die Geschichte mit Opa und dem Kaiser in der Familie erzählt. Als ich klein war, habe ich diese Geschichte nie so recht geglaubt, denn für mich lag Galizien in Spanien. Dass es noch ein anderes Galizien gab, hatte mir damals niemand erzählt. Wahrscheinlich ist die Geschichte mit dem Kaiser sogar war, denn wenn mein Opa auch ein begnadeter westfälischer Märchenerzähler war, in Bezug auf seinen geliebten Kaiser hätte er nie gelogen.
Inzwischen weiß ich, wo dieses Galizien liegt, nicht nur, weil ich irgendwann mal in den Atlas geguckt habe, sondern auch weil ich Joseph Roth gelesen habe. Er ist nicht der einzige Schriftsteller, der aus Galizien kommt, es kommen viele berühmte Leute da her: Stanislaw Lec, Louis Begley, Rose Ausländer, Paul Celan, Ninon Hesse, Moses Rosenkranz. Und viele andere. Trakl kommt natürlich nicht aus Galizien, er ist da nur gestorben. Er war siebenundzwanzig. Und der Tod durch eine Kokainvergiftung ist – gleichgültig ob Unfall oder Selbstmord – nur das Ende eines selbstmörderisch destruktiven Lebens. Auch die Dichter hundert Jahre früher werden nicht so sehr alt. Keats stirbt mit sechsundzwanzig, Shelley wird dreißig, Byron sechsunddreißig. Wahrscheinlich müssen Dichter so sein. Wenn man dreiundachtzig wird und eines natürlichen Todes stirbt, dann ist man Goethe.
Ich habe heute zwei Gedichte von Georg Trakl, passend zur Jahreszeit. Er hat ja viele Herbstgedichte geschrieben. Vielleicht weil sein Leben ein Herbst war. Das erste Gedicht heißt Verklärter Herbst, es ist noch sehr konventionell.
Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.
Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Aber das zweite Gedicht, das ist der Trakl, wie wir ihn kennen. Es ist wahrscheinlich das letzte Gedicht des Dichters. Er heißt Grodek, nach dem Ort in Galizien, der Schauplatz einer Schlacht im Jahre 1914 war. Und so schrecklich die Erlebnisse waren, die Trakl in der Schlacht gemacht hatte und die ihn in den Nervenzusammenbruch getrieben hatten, das Gedicht verrät davon wenig.
Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre.
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.


Eine seltsame Ruhe liegt über dem Schrecken. Ist der Militärapotheker von seinen Opiaten betäubt? Aber auch wenn sich die Interpretationen widersprechen, das dies Expressionismus ist, das ist uns schon klar. Der literarische Expressionismus interessiert ja heute kaum jemanden mehr – bei dem Expressionismus in der Kunst sieht das anders aus. Der hat Konjunktur, das wissen sie bei Henze & Ketterer. Und man kann ihn offensichtlich auch leicht fälschen.

Der Expressionismus stieß nicht überall auf Begeisterung. Im Heimatland des Dichters gab es entschiedene Kritiker. In der Operette Literatur oder Man wird doch da sehn von Karl Kraus (mit der er den Expressionismus angreift) findet sich der schöne Satz Hör schon auf mit dem Expressionismus! Und Egon Friedell hat für die Bewegung nur Häme übrig: Und überhaupt kann man im ganzen Expressionismus trotz der dicken Wolke von Tumult, die er um sich verbreitete, nicht gut eine neue Richtung erblicken. Er war nur revolutionär in der Atttüde. Er ersetzte einfach das „Im“ durch ein „Ex“.

Mein Opa hat wahrscheinlich Trakl nie gelesen. Der erste Gedichtband, den ich in seiner Bibliothek fand, hieß ➱Geharnischte Sonette. Ich verstand schon den Titel nicht, da habe ich die Lektüre aufgegeben. Ich war auch erst sechs. Ich hielt mich lieber an Theodor Fontanes Balladen. An die Brück‘ am Tay, den Archibald Douglas und die Schwalbe, die über den Erie See fliegt. Wenn man klein ist, ist das eine Lyrik, die man versteht. Aber dennoch lohnt es sich natürlich heute immer noch, die Expressionisten zu lesen. Kaufen Sie sich doch ein Exemplar von Kurth Pinthus‘ ➱MenschheitsdämmerungIch habe eben bei Amazon mit Rührung festgestellt, dass das Buch immer noch so aussieht wie der Band, den ich 1959 gekauft habe.

Die Bilder heute sind alle von der expressionistischen Malerin ➱Marianne von Werefkin.

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