Ernst Becker-Sassenhof

Der Präsident des Senats hat den Bürgermeister Dr. Werner Wittgenstein in Vegesack mit sofortiger Wirkung beurlaubt. Die Amtsgeschäfte übernimmt kommissarisch der Stadtrat Westphal (Sturmführer der SA), Vegesack. So lapidar steht es in der Chronik Bremen zwischen 1933 und 1945 von Fritz Peters. Dahinter steht natürlich eine Geschichte. Und Einzelschicksale. Es geht ja viel verloren. Ganze Generationen hätten nach 1945 mehr aufschreiben sollen.

Dr. Werner Wittgenstein bringt mich auf den Architekten Ernst Becker-Sassenhof, der eine Kapitänstochter aus Vegesack geheiratet hatte. Und der meinen Heimatort Vegesack zu einer kleinen Perle der Architektur gemacht hat. Nur am Rande Bremens konnte sich in Vegesack mit Ernst Becker ein profilierter Vertreter der ‚Neuen Sachlichkeit‘ entfalten, heißt es in Das Bremer Haus: Wohnungsreform und Städtebau in Bremen, 1880-1940 von Wolfgang Voigt. Das mit dem architektonischen Kleinod war damals, bevor unter dem Vorwand des Städtebauförderungsgesetzes der halbe Ort planiert wurde. Was dem Bürgermeister Koschnick später auf einem Wahlplakat den Satz abrang: Zugegeben, was in Vegesack passiert ist, war nicht schön, aber…. Politiker haben immer ein aber. Dem Hamburger Journalisten Günther Schwarberg, der auch aus Vegesack kommt (und der die Skandalgeschichte von ➱Walter Többens öffentlich gemacht hat), war es eine leidenschaftliche Photoreportage im Stern wert. Ich habe sie noch aufgehoben. Ich hebe die Vergangenheit gerne auf. Man kann die Geschichte über die Zerstörung des Ortes noch in Kurzfassung (und ohne Bilder) in Schwarbergs Buch Das vergesse ich nie unter dem Kapiteltitel 1974: Meine Heimatstadt wird abgerissen nachlesen. Dieses Buch da oben ist leider vergriffen. Ich hoffe, dass der Dr. Nils Aschenbeck, der diesen Blog manchmal liest (auf jeden Fall kann man das am Kommentar zu ➱Frank Lloyd Wright entnehmen), es mal wieder auf den Markt bringt, schließlich ist er der Verleger.

Und damit komme ich nun doch noch zu Ernst Becker, der sich ab 1948 zur Unterscheidung zu einem anderen Ernst Becker, Ernst Becker-Sassenhof nannte. Und zu seiner unheimlich coolen Architektur. Das hier ist das Gebäude des Vegesacker Rudervereins (VRV) aus dem Jahre 1927 (in dem der junge Architekt Ernst Becker auch Mitglied war). Mehr an coolness der zwanziger Jahre geht ja nun überhaupt nicht. Links neben dem Ruderverein war das kleine Haus von Becker-Sassenhof, in dem später der Direktor meiner Schule wohnte. Ja, genau das Haus, das während des Hochwassers von 1962 unter Wasser stand. Lesen Sie ➱hier doch einmal den Bericht eines Zeitzeugen.

Mein kleines Problem ist jetzt: es gibt nicht genügend Bilder von all den interessanten Bauten des Architekten im Internet. Er hat einen Wikipedia Artikel, aber Bremens selbsternannter Lokalhistoriker Nummer Eins Herbert Schwarzwälder kennt ihn in Das Große Bremen Lexikon ebenso wenig wie den Dr. Wittgenstein. Und der BandEinfaches Bauen: Ernst Becker – Leben und Werk ist, wie gesagt, leider vergriffen. Die Bauwerke von Ernst Becker – von denen heute noch viele stehen – fingen schon unten im Ort am Bahnhof an, denn die Gebäude auf dem Sportplatz (Vereinshaus und Umkleidekabinen) sind alle von ihm (1924). Und bevor man dann den Berg hochging, der mal Bismarckstraße hieß, war gleich das Haus eines Farbengeschäftes, das im Ort nur das Klavier hieß. Dass da irgendwann mal jemand Paul Timke & Co. Farben Lacke Tapeten Beläge an die weiße Wand geschrieben hat, war irgendwie eine Entweihung eines kleinen Kunstwerks. Hundert Meter weiter war das Gebäude des Strickwarengeschäfts Harmssen, originell in die abschüssige Straße hineingebaut. Schräg gegenüber das ebenso interessante Haus vom Zahnarzt Dr. Pickel (oben) aus dem Jahre 1932. Dass die in ungewohntem Stil gebauten Häuser liebevolle oder spöttische Namen bekamen, wird nicht verwundern. Neben dem Klavier Haus hatte das Haus in der Weserstraße 73b (leider abgerissen) den Namen Kleine Kaffeemühle. Und Beckers eigenes (für 25.000 Mark gebautes) Haus in der Strandstraße, an dem Frank Lloyd Wright und Gropius ihre Freude gehabt hätten, hieß im Volksmund schlicht Freihafen Schuppen I.

Nicht alle Häuser hatten Namen, es waren auch zu viele. Quer durch den ganzen Ort, Geschäftshäuser und Wohnhäuser. Das meiste aus den zwanziger Jahren. Wenig aus den dreißiger Jahren wie der Umbau unseres Gymnasiums. Wo er die scheußliche Neugotik durch die Vereinfachung der Profile und Verzierungen in einem geschlossenen Baukörper gebändigt hatte. Mit dem wohlproportionierten kleinen Haus für den Hausmeister daneben, in dem später unser Hausmeister ➱‚Kalle‘ Klemm wohnte. Damals hatte Becker als Nicht-Parteimitglied Schwierigkeiten, öffentliche Aufträge zu bekommen. Er nahm dann eine Stelle am Bremer Technikum an. Aber nach dem Krieg hat er in Bremen und den Vororten viel gebaut. Da verliert er seinen persönlichen Stil und den Charme der zwanziger Jahre. Dies hier ist das Verlagshaus von Friedrich Pörtner in Blumenthal, die Norddeutsche Volkszeitung wurde hier gedruckt. Es ist ein schlanker Bau, dem man durchaus die eigene Handschrift ansehen kann. Aber in diesem 50s Style bauen jetzt viele (die Häuser von Cäsar Pinnau in Hamburg sehen ähnlich aus), man kann Reste des Stils noch in der Bremer ➱Sögestraße finden. Damals fuhr Becker-Sassenhof passend zum Zeitstil das schönste Designprodukt aus Bremen, ein ➱Borgward Isabella Coupé.

Dieses Haus hier ist von 1959. Wohn- und Geschäftshaus Dr. Erich Lackner, Lindenstraße 1a. Das Frei- und Hallenbad daneben hat Becker-Sassenhof auch gebaut. Gab einen kleinen Konstruktionsfehler, weil die 25-Meter-Bahn keine 25 Meter lang und deshalb für Wettkämpfe ungeeignet war. Das Hochhaus für Dr. Lackner war kaum fertig, als sich eine Schwesternschülerin aus verschmähter Liebe zu einem Chefarzt vom Dach stürzte. Das steht natürlich in keinem Architekturführer.

Da ich schon beim Tod bin: die Kapelle des Vegesacker Friedhofs in Aumund ist auch von ihm. Auch aus den zwanziger Jahren. Wie vieles ist sie heute verunstaltet, der umlaufende Säulengang ist verglast und dann hat man da noch so eine scheußlichen Vorbau drangeklebt. Diesmal ist es keine Verschlimmbesserung durch andere. Becker-Sassenhof selbst war 1960 nicht gut beraten, als er die ➱Kapelle umbaute. Man kann ja offensichtlich Häuser nicht so lassen, wie sie einmal gemeint waren. Und man muss aus einem interessanten hübschen kleinen Ort einen potthässlichen Ort machen. Nicht nur in Vegesack, überall auf der Welt. Aus mir unerklärlichen Gründen stehen die meisten Häuser von Becker-Sassenhof nicht unter ➱Denkmalschutz. Und so hat man leider auch sein eigenes Haus in der Strandstraße, das ein Musterhaus des Neuen Bauens war, abgerissen.

Dieses Gebäude werden Sie in Bremen vergeblich suchen, es ist das Rathaus in Swarzędz. Der Ort in Polen hieß einmal kurz Schwaningen, als die Deutschen Polen besetzt hatten. Der Ortsname Schwaningen hat sich nicht gehalten, das Rathaus steht aber immer noch im Originalzustand von 1942. Da hatte Ernst Becker den Umbau des bestehenden Gebäudes fertiggestellt, es hatte ein Stockwerk mehr bekommen. Und eine klar gegliederte, zeitlos klassizistische Fassade. Ein Stil, der im Osten nicht unbekannt ist, folgt man der Theorie von Carl von Lorck in seinem Buch Die Klassik und der Osten Europas. Über Beckers Bautätigkeit in Polen während des Krieges weiß man nicht so viel, ich lasse das jetzt mal weg.

Der junge Architekt Ernst Becker war in den zwanziger Jahren kein Unbekannter mehr. In Walter Müller-Wulckow Bänden zur Deutschen Baukunst der Gegenwart (in der Reihe der Blauen Bücher des Langewiesche Verlags) ist er mit mehreren Bauten vertreten. Sogar Gropius wurde auf ihn aufmerksam und hätte ihn 1929 gerne in sein Büro geholt. Becker konnte den kleinen Ort mit seinem persönlichen Bauhausstil verschönern, weil der Bürgermeister Dr. Werner Wittgenstein (1882-1965), der auch gleichzeitig Baudezernent war, ihm den Rücken frei hielt. Beinahe eine carte blanche für das Neue Bauen. Aus der Zusammenarbeit von Bürgermeister und Architekt ist schnell eine Freundschaft geworden. Dem Dr. Wittgenstein verdankt der Ort vieles, vom Stadtgarten und der Strandpromenade angefangen. Die er gegen den großen Widerstand der betroffenen  Grundstücksbesitzer durchgesetzt hatte. Wenige Jahre später waren sie alle stolz darauf. Ich konnte im Internet kein vernünftiges Photo davon finden, wie die Strandstraße einmal aussah. Die Strandstraße heißt heute Maritime Meile. Wer denkt sich solchen Quatsch aus? Aber dieses Bild des Blumenthaler Malers Willi Vogel aus den sechziger Jahren gibt einen guten Eindruck, da sieht man neben der Promenade noch richtigen Strand, nicht diese scheußliche Spundwand. Von Willi Vogel habe ich auch ein Bild im Wohnzimmer, mein Vater mochte ihn, kaufte ihm Bilder ab und verzichtete auf die Begleichung von fälligen Rechnungen.

Wittgenstein hatte bei uns um die Ecke in der Kimmstraße gewohnt, meine Mutter war mit seiner Tochter auf dem Lyceum gewesen. Es wäre schön, wenn ich ein Bild von dem Haus hätte. Ist nichts im Netz. So stelle ich mal dieses schöne Haus aus der Kimmstraße hier her, gebaut um 1840 von dem Baumeister Johann Friedrich Kimm für einen Kapitän Ruyter. Gerade von der Stadt Bremen teuer restauriert. Dann brachte man sinnvollerweise schwer erziehbare Jugendliche hier unter, da sah das Haus dann schnell nicht mehr so schön aus. Auch die schönste Architektur versagt vor dem hässlichen Graffito.

Ich habe in einem Photoalbum ein Photo von Wittgenstein, da ist er allerdings ein wenig verkleidet. Es ist ein leicht bräunliches Schwarzweißphoto, ein Festsaal voller Menschen in Abendkleidung. In der Mitte ist ein handschriftlicher Pfeil und am Rande steht der Name:Dr. Wittgenstein. Es ist kein Karneval, dies ist die Schlaraffia: Castellum Visurgis Bremen-Vegesack. Opa, der auch auf dem Festphoto ist, war da Mitglied, wie die meisten Honoratioren des Ortes. Er war stolz auf seine Schlaraffia. Die natürlich gleich 1933 von den Nazis verboten wurde, ebenso wie Dr. Wittgenstein 1933 beurlaubt wurde. Die Schlaraffen mussten (ebenso wie die Freimaurer) ihr Haus verkaufen.

Ich hätte ja gerne ein Photo von Wittgensteins Nachfolger Westphal im Netz gefunden, aber es gibt keins. So nehme ich eins von den fröhlichen SA-Leuten des Nachbarortes Aumund, die sich zusammen mit dem Nazi-Bürgermeister Hillmann am ➱10. November 1938 die abgebrannte Aumunder ➱Synagoge betrachten. Ich habe aber ein Photo im Familienalbum, da steht Westphal in seiner SA-Uniform mit Opa vor dem Haus. Er war gerade in das Nachbarhaus gezogen, in dem sein Vater, der Kapitän Julius Westphal, seit 1908 gewohnt hatte (Westphal und Wittgenstein wohnen jetzt fünfzig Meter auseinander). Ich glaube, Kapitän Westphal hätte sich jetzt für seinen Sohn geschämt. Der SA-Sturmführer Westphal sieht furchtbar ordinär aus, mein Opa guckt betont von ihm weg, diese Nachbarschaft hat er sich nicht gewünscht. Am Rande des Photos steht in der Handschrift meiner Mutter ein widerlicher Kerl. Wenige Monate nach seiner Ernennung zum kommissarischen Bürgermeister wurde der SA-Sturmführer und Ortsgruppenleiter Lothar Westphal für die Dauer von zwölf Jahren zum Bürgermeister von Vegesack gewählt. So lange wird er da nicht bleiben, zum einen deshalb, weil das Tausendjährige Reich keine zwölf Jahre mehr dauern wird. Und zum anderen, weil man ihn irgendwann in den Osten abschiebt, als Stadtkommissar von Posen. Ob er da Ernst Becker getroffen hat? Von Posen nach Swarzędz ist es ja keine Entfernung. Hätten die beiden sich etwas zu sagen gehabt? 1943 wird Westphal Amtskommissar im Kreis Kamin, seit dem Februar 1945, als er in den Westen fliehen will, ist er verschollen. Im Gegensatz zu Dr. Werner Wittgenstein hat er kein ➱Ehrengrab auf dem Vegesacker Friedhof.

Ich habe lange gebraucht, um das über unseren Nachbarn herauszufinden. In so einem kleinen Ort wird ja viel erzählt, aber nach 1945 wird auch über vieles beharrlich geschwiegen. Das ist nicht nur in meinem Heimatort so gewesen. Ich wusste auch lange nicht, was aus dem Stadtdirektor Dr. Werner Wittgenstein geworden ist, dem der Ort in den Jahren 1915 bis 1933 so viel verdankt: den Stadtgarten, die Strandpromenade, die neue Gestaltung des Fährgrunds, den Utkiek, den Ausbau des Heimatmuseums. Und das Wappen des Vegesacker Jungen. Und das schöne Bild von Carl Justus Harmen Fedeler, das Wittgenstein in einem Bremer Friseursalon entdeckte und sofort für die Stadt kaufte. Als ich vor Jahren begann, meine Jugenderinnerungen aufzuschreiben und meinem Freund Jimmy in Berlin erzählte, dass ich nicht wüsste, was aus diesem Bürgermeister mit Weitblick geworden sei, der nebenbei Erzählungen und Romane schrieb, sagte Jimmy Den kenne ichDem habe ich immer von meinem Vater Akten rübergebracht, in einem kleinen Korb auf dem Gepäckträger von meinem Fahrrad. Und da war Wittgenstein wieder, jetzt Bezirksbürgermeister von Berlin-Zehlendorf. Das Amt hatte vorher Jimmys Vater kurz verwaltet, als ihn die Amerikaner aus dem KZ geholt hatten. In solchen Augenblicken ist die Welt klein.

Nachdem der Vegesacker Ruderverein (auf den wir alle so stolz waren, als sie 1952 die Silbermedaille im Zweier mit Steuermann gewannen) das Gebäude aufgegeben hatte, vergammelte das architektonische Kleinod. In den achtziger Jahren hieß esPapageienhaus, weil da eine Frau Papageien zur Schau stellte. Und das Haus grauenhaft bunt bemalt hatte. Heute ist es beinahe wieder in seinem ➱Originalzustand und dient Künstlern als Atelier. Das ist besser als Papageien. Der kleine Ort, der architektonisch einmal eine Mischung von Packhäusern, alten Kapitänshäusern und Ernst Beckers Neuem Bauen war, ist heute grauenhaft verhunzt. Hinter dem von Ernst Becker gebauten Sportplatz beginnt die ➱Grohner Düne, ein städtebauliches Verbrechen. Aus den Bauten von Ernst Becker, der eine Art von Frank Lloyd Wright für unseren Ort war, hätte man lernen können. Von der Grohner Dünekann man nur lernen, wie Architektur niemals sein dürfte.

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