Hamilton

Seine besten Bilder malte der Maler Ralph Earl im Gefängnis in New York. Wie dies hier von Colonel Richard Varick, der im Revolutionskrieg Washingtons Privatsekretär war. Historiker haben ihn als The Forgotten Founding Father bezeichnet. Die blaue Ordensschleife weist ihn als Mitglied der Society of the Cincinnati, einer Ordensgemeinschaft, zu deren Gründern er gehört. Richard Varick hat die Uniform des Unabhängigkeitskriegs für das Portrait noch einmal angezogen, der Armee gehört der Colonel nicht mehr an. Er hat jetzt das Amt des Recorder of New York City und wird danach für elf Jahre Bürgermeister von New York sein. In seiner Eigenschaft als Amtsperson hat Varick den Maler Ralph Earl (der heute vor 270 Jahren geboren wurde) wegen seiner Schulden ins Gefängnis gebracht, jetzt bestellt er ein Bild bei ihm. Nicht, weil er das billiger kriegt, nein, er will Ralph Earl helfen, dass der seine Schulden durch den Verkauf von Portraits bezahlen kann. 

Earls Gefängniszelle ist zu einem Malstudio geworden, in der sich die Prominenz der jungen Republik trifft. Es sind erstaunlich viele Mitglieder der Society of the Cincinnati dabei: Colonel Marinus WillettColonel Benjamin Tallmadge, Major James FairlieCaptain John Pratt, der Generalmajor William Floyd (Bild) und der Baron von Steuben. Und auch drei Unterzeichner der Declaration of Independence (Roger Sherman, Oliver Wolcott und William Floyd) wird er malen. Aber wissen die Helden des Kriegs gegen die Engländer, der Crème de la Crème der jungen Republik, von wem sie sich da malen lassen? 

Dieses etwas naive lebensgroße Bild des Gründervaters Roger Sherman, das Earl um 1775 in New Haven malte, hatte ihn bekannt gemacht, aber die vornehme Kundschaft, die er im Gefängnis hat, hatte er vor seiner Flucht nach England noch nicht. Als er 1785 nach New York zurückkam, hatte er mit Handzetteln und Plakaten für sich geworben, auf denen stand: Mr. Ralph Earl, a native of Massachusetts; he has passed a number of years in London under those distinguished and most celebrated Masters in Painting, Sir Joshua Reynolds, Mr. West, and Mr. Copley. Die Unwahrheiten finden sich noch in seinem Nachruf, der 1801 im Hartford Courant erschien, wo es heißt: a Portrait Painter, celebrated in America and respected in Europe, a pupil of Sir Joshua Reynolds, and a member of the Royal Society. Er war niemals ein Schüler von Joshua Reynold, er war niemals Mitglied der Royal Academy. Er war während des Unabhängigkeitskriegs nach England geflohen, hatte Frau und Kinder verlassen. Sein Vater war Captain der Miliz, sein Bruder und seine Cousins sind alle bei den Rebellen. Der junge Ralph Earl hält zu den Engländern, sein Vater glaubt (nicht zu Unrecht), dass er ein englischer Spion ist und enterbt ihn.

Dieses Bild, das uns zeigt, wie Mrs Schuyler ihren Weizen verbrennt, damit er nicht in die Hände der englischen Truppen fällt, hat ⇾Emanuel Leutze 1852 gemalt. Wir wissen nicht, ob die Gattin von General Philip Schuyler wirklich ihren Weizen niedergebrannt hat oder ob sich Emanuel Leutze diese Szene nur ausgedacht hat. Die Geschichte taucht in einem Buch von Elizabeth Ellet The Women of the American Revolution 1848 auf, daher hat Leutze sie wohl. Wir wissen aber ziemlich sicher, dass die Schlacht zwischen den Engländern und Amerikanern auf dem Grund und Boden der Schuylers stattfinden wird und dass die Engländer das Haus der Schuylers abbrennen werden. Wir sind am Vorabend der Schlacht von ⇾Saratoga, und dieses Bild hat etwas mit dem Leben von Ralph Earl zu tun.

Denn zehn Jahre später sitzt das junge Mädchen in der Bildmitte, das gerade einen brennenden Ährenkranz in das Kornfeld wirft, bei Ralph Earl in der Gefängniszelle und lässt sich von ihm malen. Und John Money, der Quartermaster General von General ⇾John Burgoyne, nimmt (wenn er nach der Schlacht von Saratoga als Gefangener ausgetauscht wird) den jungen Ralph Earl mit nach England: he had the goodness to disguise him as a Servant and bring him from Providence to Newport in a Flag of Truce and from thence to England where they arrived in April last.Ralph Earl bleibt eine kurze Zeit in Norwich bei seinem Retter, dann zieht es ihn nach London zu ⇾Benjamin West.

Nach einem halben Jahr ist er da wieder verschwunden, er versucht, sich als reisender Maler durch England zu malen. Dann malt er Bilder wie dieses. Nett, aber keine Konkurrenz für die englischen Kollegen. Nach ein, zwei Jahren (man weiß es nicht so genau) klopft er wieder an die Tür von West. Diesmal bleibt er fünf Jahre als Assistent, darf auch manchmal eigene Bilder in der Royal Academy ausstellen. Man kann in verschiedenen Quellen lesen, dass er den englischen König gemalt hat, aber das hat er nicht. Sein Lehrer Benjamin West hat den Köng gemalt, die beiden waren beinahe befreundet. Und dann sind da noch ⇾Allan Ramsay, ⇾Joshua Reynolds, ⇾John Hoppner, ⇾William Beechey, ⇾Gainsborough und viele andere. Aber niemals Ralph Earl.

Es wird Earl langsam klar, dass er gegen die englische Kollegen nicht bestehen kann, er geht wieder nach Amerika zurück. In England würden Reynolds und Gainsborough über ein solches Portrait lächeln, in Amerika ist dies Bild einer unbekannten Dame große Kunst. Ralph Earl hat übrigens in England geheiratet, obgleich er in Amerika nicht geschieden war. Das wird Ärger geben. Es ist auch seine Trunksucht, die seine Karriere verhindert: his drinking not only hindered the advancement of his career but did little to enhance a reputation already tarnished by his disloyalty to his country, by his bigamy, and by his indebtedness. Alcohol eventually caused his death, schreibt Elizabeth Mankin Kornhauser, die mit Ralph Earl: The Face of the Young Republic 1991 das erste substantielle Buch zu dem Maler vorgelegt hat.

Colonel Alexander Hamilton ist auch Mitglied der Society of the Cincinnati, er war einmal der Adjutant von George Washington. Geboren auf Nevis als außereheliches Kind einer Frau von sehr zweifelhaftem Ruf, wird er eine eine unglaubliche Karriere machen. Er ist der Autor der Federalist Papers, er wird der erste Finanzminister Amerikas werden (the Founding Father of American Capitalism hat man ihn genannt) und der Oberkommndierende der amerikanischen Armee. Ein großer Schritt auf dem Weg nach oben ist für Hamilton, dass er die Tochter von General Philip Schuyler heiratet. Und jetzt, wo sie in New York (und Albany) wohnen, und sie ihm gerade das dritte Kind geschenkt hat, beauftragt er Ralph Earl, dessen Rechtsbeistand er ist, mit dem Portrait. Das dieser im glatten Stil ausführt, einem Stil, den er sich durch das genaue Studium der Bilder von ⇾John Singleton Copley angeeignet hat. Er glaubt, dass er ein besserer Maler als Copley sei, wenn er einem englischen Freund schreibt, dass sein neuestes Bild is the best that eaver I painted, I intend to offer it to Copely to coppey for his improvement. 

Acht Jahre später sieht Elizabeth Hamilton auf diesem Pastellbild von James Sharples nicht mehr so strahlend aus. Sie hat eine Fehlgeburt hinter sich, ihre jüngste Tochter ist erkrankt, und ihr Mann ist nicht zuhause. Der muss sich gerade um die Whiskey Rebellion kümmern (die hier schon einen Post hat), aber wenn er damit fertig ist, wird er alle öffentlichen Ämter niederlegen, um seiner Frau beizustehen und seiner Familie nah zu sein. Was wie ein Akt der Liebe und Fürsorge aussieht, hat aber noch einen ganz anderen Grund, Hamilton hat ein bannig schlechtes Gewissen, er hat seiner Frau noch nicht gebeichtet, dass er zwei Jahre lang eine Liebesbeziehung mit einer Blondine namens Maria Reynolds hatte. Die amerikanische Politik hat ihren ersten Sexskandal. In dem Film ✺Alexander Hamilton spielte June Colyer 1931 die Rolle der Maria Reynolds.

Das hier ist nicht Maria Reynolds, von der es leider kein Bild im Internet gibt. Das ist Jasmine Cephas Jones, die die Rolle der Maria in dem Broadway Musical Hamilton spielt. Der Broadway Erfolg soll übrigens im Herbst dieses Jahres nach Hamburg kommen. Wenn die Liebesbeziehung bekannt wird, geht Alexander Hamilton mit dem Reynolds Pamphlet in die Öffentlichkeit und beschreibt, wie er in das Bett der Blondine gekommen ist. Er wollte der armen Frau ja nur ein klein wenig finanziell helfen: In the evening I put a bank-bill in my pocket and went to the house. I inquired for Mrs. Reynolds and was shewn up stairs, at the head of which she met me and conducted me into a bed room. I took the bill out of my pocket and gave it to her. Some conversation ensued from which it was quickly apparent that other than pecuniary consolation would be acceptable. Da steht er nun in ihrem Schlafzimmer und es wird ihm quickly apparent that other than pecuniary consolation would be acceptable, eine wunderbare Formulierung. Die Presse verhöhnt seine Frau mit Sätzen wie: Art thou a wife? See him, whom thou hast chosen for a partner of this life, lolling in the lap of a harlot. Aber sie steht zu ihm, rettet die Ehe, läßt ihn wieder in ihr Bett. Sie wird ihm noch zwei Kinder schenken, wird siebenundneunzig Jahre alt werden. Wenn sie 1854 stirbt, hat sie alle aus der amerikanischen Revolution überlebt.

Das Broadway Musical offeriert uns noch eine andere Liebesgeschichte, die es vielleicht gegeben hat, nämlich die Beziehung zwischen Alexander Hamilton und der älteren Schwester seiner Frau, Angelica Schuyler Church. Es gibt da einen Brief, den Angelica ihrer Schwester Elizabeth geschrieben hat: I have a letter my dear Eliza from my worthy friend M. de Talleyrand who expresses to me his gratitude for an introduction to you and my amiable. by my amiable you know that I mean your Husband, for I love him very much and if you were as generous as the Old Romans, you would lend him to me for a little while: but do not be jealous my dear Eliza; since I am more solicitous to promote his laudable ambition than any person in the world, and there is no summit of true Glory, which I do not desire he may attain: provided always that he pleases to give me a little chit chat, and sometimes to say, I wish our dear Angelica was here. Ist dieses lend him to me for a little while ein kleiner Scherz unter Schwestern? Wir wissen es nicht.

Das immens erfolgreiche Broadway Musical ✺Hamilton erzählt uns die Geschichte von Elizabeth Schuyler und Alexander Hamilton, bringt amerikanische Geschichte auf die Bühne. Das Musical basiert auf der Hamilton Biographie von Ron Chernow, es pickt sich aber nur die juicy bits heraus. Und serviert uralte Kamellen, wie die von Martha Washington, die ihren streunenden Kater angeblich Hamilton getauft hatte. Unser Maler Ralph Earl kommt in dem Musical nicht vor. Im Jahre 2015 gab das US Schatzamt bekannt, dass Alexander Hamilton in Zukunft nicht mehr auf dem 10 Dollar Schein sein würde, an seiner Stelle sollte eine Frau zu sehen sein. Eine Auswahl hatte man noch nicht getroffen. Aber dann kam das Musical, und Hamilton war so populär wie noch nie zuvor. 2016 machte das Schatzamt seine Entscheidung rückgängig, Hamilton, der das amerikanische Finanzsystem begründete, bleibt auf dem Schein.

Vor fünf Jahren hatte der gerade frischgewählte Vizepräsident Mike Pence das Musical besucht. Er wurde ausgebuht. Er wollte das Theater verlassen, aber das Ensemble des Hip Hop Musicals hatte ihm noch etwas zu sagen. Der Schauspieler Brandon Victor Dixon verlas eine Erklärung: Wir sind das vielfältige Amerika – jene, die beunruhigt und ängstlich sind, dass Ihre neue Regierung uns, unseren Planeten, unsere Kinder und unsere Eltern nicht beschützen, uns nicht verteidigen und unsere unabänderlichen Rechte nicht aufrechterhalten wird. Wir hoffen, dass diese Aufführung Sie dazu inspiriert hat, unsere amerikanischen Werte aufrechtzuerhalten und für uns alle zu arbeiten. Donald Trump tobte und wütete auf Twitter und verlangte eine Entschuldigung des Ensembles. Es gab keine.
Es gab hier am 11. Mai 2012 schon einmal einen Post über den Maler ⇾Ralph Earl, aber dies heute ist alles neu.

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